Söhne & Söhne

Zum zweiten Mal holte Schauspielhaus-Intendantin Karin Beier das dänisch-österreichische Künstlerduo „Signa“ nach Hamburg. Mit „Söhne & Söhne“ entwarf Signa eine  Theaterrealität als Psychospiel

Das dänisch-österreichische Künstlerduo „Signa“ brachte bereits 2013 mit „Schwarze Augen, Maria“ eine der ungewöhnlichsten Performance-Installationen nach Hamburg. Eine Parallelwelt aus Theater, Performance und Bildender Kunst, durch die sich der Zuschauer bewegte.  Jetzt kommt im November die zweite Arbeit der freien Gruppe ans Schauspielhaus: „Söhne & Söhne“. Ein sonderbares Familienunternehmen, das nur im Hintergrund operiert, niemals Gewinne verzeichnet, und ein undurchsichtiges Verfahren sucht die Angestellten aus, die sich auf ewig verpflichten. Jetzt soll eine Zweigniederlassung in Hamburg gegründet werden, der Zweck: ungewiss.

/ Vorankündigung von Hedda Bültmann erschienen 11/2015 in SZENE HAMBURG

Deutsches SchauSpielHaus Hamburg: „Söhne & Söhne“ – Eine Performance-Installation von SIGNA

Deutsches SchauSpielHaus Hamburg: „Söhne & Söhne“ – Eine Performance-Installation von SIGNA

Dekadentes Luxusprojekt

SIGNA ist wohl die spannendste Gruppe, die zurzeit europaweit inszeniert. Lisa Scheide traf sich nach der beeindruckenden Premiere von „Söhne & Söhne“ mit der Dänin Signa Köstler. Sie ist mit ihrem Mann Arthur Köstler Kopf der Gruppe. Ein Gespräch über die Performance-Installation und  Theater als dekadentes Luxusprodukt

SZENE HAMBURG: Das Stück ist psychologisch übergriffig. Meine erste Station war die „Abteilung für Resistenz-Schulung“. Ich habe kurz mit dem Gedanken gespielt zu gehen, weil die Kriegssimulation im Dunkeln mich sehr geschockt hat. Wozu diese Radikalität?

Signa Köstler: Es ist doch umgekehrt: Diese Sachen gehören ja zum Leben, ich habe sie nicht erfunden. Die Brutalität, der Druck, Krieg. Vor ein paar Jahren haben wir Gewalt noch viel deutlicher dargestellt. Dann habe ich festgestellt, wenn ich so insistiere, nehmen die Menschen Abstand, indem sie zumachen.

Ein Teilnehmer hat sich vor dem „Büro für interne Gesetze“ heftig über die inszenierten Machtstrukturen aufgeregt. Kam es schon einmal zu einer Eskalation?

Ich wurde letzte Woche von einem Menschen aus dem Publikum geschlagen. Erst wollte er in mein Büro nicht rein und dann konnte ihn keiner dazu bringen, es wieder zu verlassen. Als ich es versucht habe, hat er „bam-bam“ zugeschlagen. Das passiert aber selten.

Freut sie das oder finden sie das erschreckend?

Gerade diesen Teilnehmer hat „Söhne & Söhne“ so überfordert, dass er keine Grenze ziehen konnte. Ich habe mir Sorgen um ihn gemacht. Ich bin selten erschrocken, aber die Darsteller müssen wirklich gut aufeinander aufpassen. Jeder muss sich auf den anderen verlassen können, niemand darf alleingelassen werden.

Sie kommen nicht aus dem Schauspielbereich, woher kommt es, dass sie so radikale Theaterstücke entwickeln können?

Ich war nie ein Theatermensch. Ich habe Kunstgeschichte studiert und meinen Bachelor gemacht. Nebenbei war ich im Rotlicht tätig als Nachtklubtänzerin und Champagner-Mädchen. Dort habe ich diese Form der Interaktion gelernt. Das ist die beste Schule dafür, aber auch eine harte. Man muss eine Intimität, Vertrauen und Magie schaffen, und die Wünsche des Gentleman gegenüber deuten können.

Wie kommt man von dort zu einem Stück wie „Söhne & Söhne“?

Das hat noch viele Jahre gedauert (lacht). Mein Interesse galt der Kunstperformance. Gekoppelt mit meiner Erfahrung im Rotlichtmilieu war mir klar, was das für eine unglaubliche Kraft hat. Und ich war jung, Mitte zwanzig, und hatte wenig Ehrfurcht vor dem Theater, auch weil ich mich nicht auskannte.

Es ist beeindruckend, mit welcher Liebe zum Detail ihr das ehemalige Schulgebäude umgestaltet habt. Wie wichtig ist das ästhetische Konzept?

Sehr, sehr wichtig. Wir kommen ja aus der Bildenden Kunst, mein Mann Arthur und ich und Mona el Gammal, die mit mir das Bühnenbild gemacht hat. Ich sehe die Räume wie ein Skript. Sie sind auch Teil der Proben. Die Darsteller müssen sich jedes Objekt ganz genau angucken und darüber nachdenken, was heißt dieses Objekt für meinen Charakter. Jedes Objekt hat eine Bedeutung, nichts ist zufällig.

50 Darsteller und 70 „Zuschauer“. Das ist sehr teuer und vor allem tut es mir um jeden Hamburger leid, der das Stück nicht mehr sehen kann, weil es seit der Premiere komplett ausverkauft ist. Ist das nicht hochgradig elitär?

Ja, es ist irgendwie ein dekadentes Luxusprodukt. Das ist schade, denn es ist eine Wahnsinnsarbeit und nicht billig. Aber man kann nicht mehr Leute reinlassen. Das Stück funktioniert nur über die Nähe. Sonst müssten wir wieder ins Theater und dann hat man die Leute wieder passiv im Dunkeln sitzen. Das interessiert mich nicht.

Macht, Unterdrückung, religiöse Diktatur, patriarchale Hierarchie. Sind das die zentralen Themen des Stückes oder ist „Söhne & Söhne“ im Kern eine Kapitalismuskritik?

Puh …, es ist nicht nur eine Wirtschaftskritik, das wäre zu wenig. Es geht um zwischenmenschliche Beziehungen und um das Individuum in der Gesellschaft. Jede Vorstellung ist eigentlich eine Verhandlung über die conditio humana. Wie wir miteinander umgehen, ob wir Verantwortung übernehmen oder nicht. Klingt nicht sehr originell … (schmunzelt).

Das versteht man vor allem, wenn man das Stück gesehen hat. Um ihre eigene Rolle zu proben, haben Sie immer wenig Zeit, aber die Tränen des Oikonomos Walerian Lieblingssohn I. waren echt?

Ja, im Spiel kriege ich das hin. Aber als Privatmensch bin ich eine harte Nuss, ich weine nie (lacht).

Ist ein neues Stück geplant in Hamburg?

Das hängt mit der Intendanz von Karin Beier zusammen, sie hat uns nach Hamburg geholt. Wenn sie geht, gehen wir auch.

/ Interview Lisa Scheide, erschienen 12/2015 in SZENE HAMBURG

Schule in der Averhoffstraße 38, Premiere: 6.11.2015

Fotos: Arthur Köstler