Staatsoper auf Kneipentour

Für ihr Stück „Minibar“  zog die Staatsoper durch Hamburger Bars und wir waren dabei. Am 9.3. findet die Abschlussaufführung statt

SZENE HAMBURG verlost 3×2 Tickets für die Abschlussveranstaltung von „Minibar“ in der Opera Stabile am 9. März. Schickt eine E-Mail mit eurem Vor und Nachnamen und dem Betreff „Minibar“ bis zum 9.3., 11 Uhr, an online-verlosung@vkfmi.de

Die Staatsoper geht auf Kneipentour – höchst ungewöhnlich. Wir sind an einem Samstagabend um 18.30 Uhr im Saal II verabredet und das gleich mit einer ganzen Truppe. Der Projektleiter der Opera stabile Christoph Böhmke und Chef-Dramaturg Johannes Blum, die Dramaturgin Änne-Marthe Kühn, der Komponist Manuel Durão, die Sängerin Gabriele Rossmanith und der Sänger Zak Kariithi – und im Schlepptau sind auch noch ein paar Freunde dabei.

Mit einer Pop-up-Aktion wollen sie in unterschiedlichen Bars auf die kommende Premiere „Minibar“ der Opera stabile aufmerksam machen. Barhopping mit der Hochkultur – wie die Stimmung wohl wird? Eher dröge oder steif? Duzt oder siezt man sich beim Bier? Nach der ersten Getränkerunde an der Bar ist klar: Das wird lustig. Und beeindruckend. Wie Gabriele Rossmanith und Zak Kariithi aus dem Nichts heraus von ihren Barhockern aufstehen und durch den Saal II tanzend, ein Lied aus der „Minibar“ zum Besten geben. Für ein überraschtes, aber sehr aufmerksames Publikum – Operngesang ist hier nicht oft zu hören.

Ganz anders reagieren die Gäste der M & V Bar, Hamburgs bekannte Gay-Bar in der Langen Reihe. Wer schon mal da war, kennt den schmalen schlauchartigen Gang, von dem einseitig kleine Sitznischen abgehen. Wenig Aktionsraum für Gabriele und Zak, was sich direkt bemerkbar macht. Als die beiden zu singen anfangen, machen sich die Leute eher klein in ihren Nischen. Auch direktes Ansingen hilft da nicht, die Atmosphäre bleibt kühl.

Da zeigt sich, wie sehr eine Räumlichkeit die Performance unterstützen kann oder genau das Gegenteil bewirkt. Gabriele, die Grande Dame der Staatsoper, steckt das locker weg. Im Vorfeld sagte sie: „Egal, wie es wird, Hauptsache wir gehen endlich mal raus.“ Die Begeisterung des Teams, etwas Neues auszuprobieren, ist offensichtlich, jeder tut, was er kann: der Chefdramaturg schleppt die mobile Musikbox von einer Bar zu nächsten, die Dramaturgin verteilt Flyer und die Künstler opfern ihren freien Abend, trotz stressiger Endprobenphase.

Es ist 19 Uhr 40, Christoph Böhmke sorgt für den reibungslosen Ablauf des gut durchgetakteten Abends, denn er muss im Anschluß noch in die Staatsoper zur Dernière von „Stilles Meer“ – eine Eigenproduktion über das Unglück von Fukushima, die nach sechs Vorstellungen in dieser Saison abgespielt ist und erst 2017 wiederaufgenommen werden soll.

Die dritte Station ist die Bar 1910 im Traditionshotel Reichshof, direkt gegenüber vom Hauptbahnhof. Die mondäne Bar, im Stil der 20er-Jahre, ist bekannt für ihr außergewöhnliches Whiskey-Sortiment, was natürlich getestet werden muss – nur Gabriele bleibt bei Wasser. Die Stimmung ist gelassen und fröhlich, jeder plaudert mit jedem. Hätte man keinen Zeitplan, könnte man hier gut versacken.

Wie jedes Mal wird der „Song Nr. 4“ gesungen, den Manuel Durão komponiert hat. Mehr als sechs Monate lang hat der gebürtige Portugiese an der Musik des zweiten Teils der „Minibar“ geschrieben. „Es war anstrengend, denn in so einer großen Gruppe will sich jeder natürlich durchsetzen, das Libretto, die Regie“, erzählt Manuel, „aber ohne diese Reibungen wäre es langweilig, was keinem Stück guttut.“

Hier läuft es am Besten. Es gibt tosenden Applaus für Gabriele und Zak. Auch draußen vor der Hoteltür nochmal vom Team. Es ist mittlerweile 20 Uhr 25. Auf dem Weg nach Altona zur letzten Station, dem Aalhaus, sitzen wir mit der Dramaturgin des Stücks Änne-Marthe in einem Taxi und entdecken eine Gemeinsamkeit: lautes Lachen. Das meint jedenfalls die Taxifahrerin, die zwischendurch alle Fensterscheiben runterlässt, damit der Schall nach draußen in die Kälte entweichen kann. Als das nicht hilft, stopft sie sich Ohropax in die Ohren.

Das Aalhaus ist eine urige Eckkneipe, alles ein bisschen schrammelig. Doch mittlerweile sind wir im Hopping-Modus und der krasse Umgebungswechsel fällt schon gar nicht mehr auf. Auch werden die Gespräche intensiver, je später der Abend. Mit Johannes und Änne-Marthe diskutieren wir über die Bedeutung von Operngesang, und den Kontext, in dem eine Oper stattfinden sollte, wobei Änne-Marthe, die zuletzt mit dem innovativen Kollektiv Rimini Protokoll gearbeitet hat, für mehr Elektrosound plädiert.

Kontrovers wird es, als wir auf die Produktion „Stilles Meer“ zu sprechen kommen, die nicht nur die Meinungen am Tisch spaltet. Unterbrochen werden wir von Christoph, der mit Blick auf die Uhr darauf drängt, anzufangen. Bei dieser letzten Performance achten wir nicht so sehr auf das vorrangig junge Publikum, sondern mehr auf die Künstler: Singen sie wirklich über „Wäsche waschen“? Das Lied verspricht eine spannende Produktion, ganz im Sinne der experimentellen Neuausrichtung der Opera stabile.

Und wir müssen unserer Bild von der verstaubten Hochkultur zurechtrücken. Denn momentan arbeiten in der Staatsoper Menschen, die den Drang nach Veränderung haben, was bewegen wollen, mit einem klaren Blick auf die Welt, aber manchmal gefangen sind zwischen dem, was das Opernpublikum erwartet und dem, was möglich wäre. Als wir aufbrechen, sagt Änne-Marthe zu uns, dass wir ja auch einen coolen Job hätten und nach diesem Abend würden wir das glatt unterschreiben.

Text: Hedda Bültmann
Foto: Jörn Kipping

„Minibar“ ist die Abschlussproduktion von 15 Nachwuchstalenten des Projekts „Musiktheater heute“, eine Kooperation der Deutschen Bank Stiftung und der Staatsoper

„Minibar“
Staatsoper/Opera stabile
Große Theaterstraße 25 (Neustadt)
Letzte Aufführung: 9.3.