(13.3.) Film, „The Florida Project“, Abaton, 20 Uhr

Die sechsjährige Moonee (grandios: Brooklynn Prince) lebt mit ihrer Mutter Halley (Bria Vinaite) im Magic Castle, einer lavendelfarbenen, trostlosen Motelanlage an der Peripherie von Orlando. Hier suchen Wohnungslose Zuflucht, die ob der extrem hohen Mieten auf dem Immobilienmarkt keine Chance mehr haben. Was für andere Endstation Sehnsucht bedeutet, erscheint Moonee als schillerndes exotisches Märchenreich voller Abenteuer, das es jeden Tag neu zu entdecken oder inszenieren gilt. Sie ist die geborene Anführerin, durchstreift gemeinsam mit den Freunden jeden Winkel des Geländes zwischen Highway und verwildertem sumpfigen Hinterland. Einen Baum liebt sie besonders, weil er umgestürzt ist und trotzdem tapfer weiterwächst.

Ihre unerschöpfliche Kreativität an Streichen oder Schwindeleien hat etwas Beängstigendes. Offensichtlich sind Regeln dafür gemacht, gebrochen zu werden, und das tun die Kleinen mit Genuss, ob beim Spuck-Bombardement auf Windschutzscheiben oder wenn sie ein verlassenes Gebäude in Brand setzen. Nur das Dröhnen der Helikopter erinnert an Disneys nah gelegenen Vergnügungspark „Magic Kingdom“ und dessen florierenden Touristikindustrie. Jene Welt bleibt unerreichbar für die Kids des Prekariats und doch winken sie fröhlich den Piloten zu. Noch ignorieren sie die Armut um sich herum, quietschen, lachen, sind immer in Bewegung, übermütig, frech, ausgelassen.

Die tragische Geschichte eines Sommers

Das eigenwillige Sozialdrama mit seinen bonbonfarbenen Sonnenuntergängen und architektonischen Absurditäten ist eine bezaubernde Hommage an Hal Roachs Filmserie „Die kleinen Strolche“ (ab 1922). US-Regisseur Sean Baker erzählt die Geschichte jenes Sommers aus der Perspektive seiner altklugen Protagonistin, hautnah, herzzerreißend und gnadenlos unsentimental, ähnlich authentisch wie vorher „Tangerine L.A.“, aber nicht wie damals mit dem iPhone gedreht, sondern in wundervollen Breitwand-Landschaften. „Pop verité“ nennt Baker, ein Meister der Improvisation, seinen hyperstilisierten Realismus.

Die 22-jährige ruppige Halley mit ihren unzähligen Rosen-Tattoos, den blau gefärbten Haaren und einer Vorliebe für Trash-TV hat Moonee zu ihrem Ebenbild erzogen, egoistisch und skrupellos, mehr Komplizin als Tochter. Die Sozialhilfe reicht nicht für die 38 Dollar pro Übernachtung, und so verhökert die arbeitslose Stripperin zusammen mit der Sechsjährigen dubiose Parfüms vor den Hotels. Als die üblichen Gaunereien nicht genug einbringen, verkauft sie sich selbst, ein tragisches Ende also vorprogrammiert. Auch wenn sie nicht den moralischen Maßstäben ihrer Nachbarinnen entspricht, ist Halley trotzdem auf eine seltsame, schräge Art eine großartige Mutter, die ihre Tochter aufrichtig liebt. Motel-Manager Bobby (hervorragend: Willem Dafoe) gibt sich barsch, ist aber unendlich geduldig, er versucht die beiden zu beschützen. Vergeblich.

/ Anna Grillet / Foto: 2017 PROKINO Filmverleih GmbH

Abaton
13.3.18, 20 Uhr