(21.11.) Kunst, Installation: „Between the Waves“, Kunsthaus Hamburg, 11-18 Uhr

Einsatz für Einhorn

Die anmutigen Mischwesen tragen ein großes weißes Horn auf dem Kopf und züchten im Boden eines Mangrovenwaldes kleine weiße Nachwuchs-Hörner. Später verschlägt ein Unglück sie in eine Megacity am Meer. Dort aber bringen sie auf einem Hochhausbalkon reife Granatäpfel zum Platzen und mischen deren blutroten Saft in das orgiastische Gerangel ihrer Körper, bei dem der Stirnauswuchs eines Einhornwesens als Dildo zum Einsatz kommt.

Es geht zeitweise recht locker – oder besser: postpornografisch – zu in der 5-Kanal-Videoinstallation von Tejal Shah (*1979). Zusammen mit Zeichnungen und Collagen der indischen Künstlerin verwandelt das filmische Epos „Between the Waves“ das Kunsthaus derzeit in eine atmosphärisch starke Bilder- und Klangkammer. Hier in Hamburg führen die erotischen Szenen lediglich zu einer am Eingang platzierten Warnung vor „expliziten“ Inhalten. Als die Arbeit aber 2013 in Indien gezeigt wurde, musste das an einem geheimen Ort geschehen.

Mit bemerkenswertem Mut treibt die Künstlerin, die lange in Goa lebte und jetzt in Mumbai arbeitet, ihre aus queeren, feministischen und buddhistischen Quellen gespeiste Arbeit voran, die sich der Auflösung der Grenzen zwischen Mann/Frau, Natur/Technik, Mensch/Tier widmet. Denn sie tut das in einem Land, das Sex bis heute stark tabuisiert, Gewalt gegen Frauen nur zaghaft verfolgt und gleichgeschlechtliche Liebe durch den zwar debattierten, aber immer noch bestehenden Paragraphen 377 kriminalisiert.

Eine epische Grenzüberschreitung

In einem zweiten Film der Installation bearbeiten Tänzerinnen im weißen Sixties-Spacelook eine gigantische Müllhalde mit der heilenden Kraft ritueller Choreografien. Und ein dritter Kanal zeigt eine silberne Mondsichel, die verbrennt, um sich im nächsten Moment aus Asche und Rauch wieder zusammenzufügen. Ein solches unablässiges „Stirb und Werde“, einen steten Wechsel von Verletzung und Regeneration scheinen auch die einhornähnlichen „Humanimals“ (Shah) immer neu zu durchlaufen. Und obendrein steckt in ihnen auch eine ewige Wiederkehr kultureller Bildundungen: Ihre Gestalt greift Darstellungen der Indus-Kultur ebenso auf wie Elemente von Rebecca Horns legendärer „Einhorn“-Performance und das Korsett von Frida Kahlos Selbstporträt „Die gebrochene Säule“.

Dabei folgt die Installation mit ihren fünf Kanälen einer durchaus kühl-analytischen Bildzerlegungsstrategie. Außerdem hat Shah ihr queer-ökologisches Grenzüberschreitungsepos mit wunderbar artifiziellen Naturlauten unterlegt. So erliegt dem Zauber von „Between the Waves“ am Ende auch, wer bei spirituell-ganzheitlichen Visionen sonst eher skeptisch bleibt.

/ Karin Schulze / Foto: Tejal Shah: Between the Waves, Video Installation, 2012

Kunsthaus Hamburg
21.11.17, 11-18 Uhr / Die Ausstellung ist noch bis zum 3.12. geöffnet.