Thees Uhlmann goes Literatur

Bisher war der 41-Jährige vorrangig Rockmusiker, jetzt ist er auch Romanautor, wie sein Vorbild Sven Regener. Wir sprachen mit Thees über sein erstes Buch, den längsten Erdbeermarmeladen-Monolog der Welt und Eitelkeit

SZENE HAMBURG: Thees, über dein Songwriting hast du mal gesagt: „Ich habe den sportlichen Ehrgeiz, so hart über Liebe zu schreiben, wie möglich.“ Welcher Ehrgeiz steckt hinter dem Schreiben deines ersten Romans?

Thees Uhlmann: Bei der Arbeit am Roman, also auf dieser für mich immer noch absurden Strecke von 300 Seiten, habe ich zumindest einen Wettkampf mit mir selbst angenommen. Nämlich den, keine Ortsnamen zu verwenden, keine Handys, kein Internet, nur Himmelsrichtungen, und zudem fast keine Marken zu nennen. Das war ein Ziel. Und ansonsten: Klar, eine bestimmte Form von Härte wollte ich auch hier reinbringen. Ich hatte beim Schreiben immer viele Gedanken, und ich habe versucht, nur die dollsten davon am Ende stehen zu lassen.

Bist du sehr eitel beim Schreiben? Oder lässt du dich gerne von deiner Lektorin korrigieren?

Ich werde nicht müde zu erzählen, wie wahnsinnig wichtig meine Lektorin für mich war und ist. Es wäre künstlerischer Selbstmord gewesen, nicht auf jemanden zu hören, der schon so um die 15.000 Bücher gelesen hat. Abgesehen davon und mal ganz ehrlich: Ich bin nicht eitel. Eitelkeit ist für mich eine Todsünde, und zwar bei allem, was ich tue. Mir geht es nicht mal darum, als Einzelperson im Fokus zu stehen. Auf meinen Platten und auf dem Buch steht zwar ‚Thees Uhlmann‘, aber ‚Thees Uhlmann‘ ist immer auch ein Team.

Was konntest du denn mit dem Buch ausdrücken, was du mit Musik noch nicht ausgedrückt hast?

Zunächst mal hatte ich Zeit für das Buch, viel Zeit. Ich konnte mich beim Schreiben wirklich in meinen Gedanken verlieren, konnte wie im Rausch arbeiten – also in dem der Endorphine. Aus diesen neuen Möglichkeiten habe ich, denke ich, etwas bisher nicht Dagewesenes machen können.

Was zum Beispiel?

Zum Beispiel habe ich den wahrscheinlich längsten Monolog über Erdbeermarmelade in der Literaturgeschichte abgeliefert. Und ich habe zum ersten Mal in meinem Leben Dinge erfunden, die überhaupt nichts mit mir zu tun haben. Ich habe zum Beispiel einfach Frauencharaktere erfunden – eine wunderbare Erfahrung.

Außerdem hast du den Tod als Romancharakter neu erfunden. Über den sagt der Ich-Erzähler anfänglich: „Wie die meisten anderen Menschen hatte ich eine angespannte Beziehung zum Tod.“ Im Laufe der Geschichte nähert er sich jedoch an den Tod an, sieht ihn irgendwann ganz entspannt. Ging es dir ähnlich bei der Arbeit am Roman?

Thees Uhlmann Sophia der Tod Und Ich Buch

(überlegt) Wenn ich so darüber nachdenke: ja! Als ich die ersten Kapitel ungefähr im Kopf hatte, habe ich einmal recherchiert, was es über den Tod alles Wissenswertes gibt – also 10.000 Death-Metal-Platten und die Klassiker der Literatur. Ziemlich dunkles Zeug. Und dann dachte ich mir: Schreibe ich den Tod doch mal ein bisschen anders, als man ihn so kennt. Mal ein bisschen trottelig, vielleicht auch nett, aber immer auch selbstbewusst genug, um nicht zu vergessen, welche Funk-
tion er den Leuten gegenüber hat.

Wie hast du dich ansonsten aufs Schreiben vorbereitet?

Ich habe mich damit auseinandergesetzt, wie andere Leute Bücher schreiben. Leute, die ich verehre.

Du meinst Leute wie Sven Regener, über den du mal sagtest: „Jeder will Sven Regener sein, ich natürlich auch!“

Genau. Und ich glaube das übrigens wirklich! Jeder will ein bisschen wie Sven Regener sein – von Rammstein bis Frauke Ludowig. Weil Sven einfach einer der tollsten Künstler ist. Bei mir war es so, dass Sven neben mir in meinem Kopf saß und sagte: „Weiter, immer weiter.“ Wobei wir auch schon wieder bei Oliver Kahn wären.

Gleichen könntet ihr, du und Sven, euch bald in Sachen Erfolg auf zwei Bühnen, nämlich der Musik- und der Literaturbühne. Wie wichtig ist dir der Erfolg als Romanautor? Wäre es enttäuschend für dich, wenn er kleiner ausfiele als der, den du als Musiker hast?

Da zücke ich direkt die Demutskarte: Ich bin einfach stolz, dass ich dieses Buch geschafft habe und meine Lektorin sagt: „Thees, das ist toll geworden.“ Das war auch eines meiner Ziele: Ich wollte meinen Verlag zufriedenstellen, der viel für mich getan hat. Und Erfolg? Ich finde ja: Erfolg, gerade wenn man etwas mit Kunst macht, sollte eine Sache sein, die passiert, während man das tut, was man liebt. Alles andere geht meistens schief.

Interview: Erik Brandt-Höge
Foto: Ingo Pertramer

„Sophia, der Tod und ich“ erscheint am 8.10. bei Kiepenheuer & Witsch (320 Seiten, 18,99 Euro)
Thees Uhlmann liest am 10.10. in der Laeiszhalle im Rahmen von „Der Norden liest“ (20 Uhr, Ticket: ab 9.80 Euro)
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