Tragisch-komisch: Wiener-Dog

Die verschrobene Dackel- und Gesellschaftsstudie läuft aktuell auch im Hamburger Kino

Eine langgezogene Kamerafahrt vorbei an endlosen Pfützen von – Verzeihung – Dackel-Dünnschiss, unterlegt mit Debussys „Clair de Lune“? Willkommen in der wunderbaren Welt von Todd Solondz! Seit über zwei Dekaden zaubert Amerikas schrulligster Autorenfilmer nun schon seine comichaft überzeichneten, tiefschwarzen Grotesken auf die Leinwand.

Protagonistin seines neuesten, in vier Episoden erzählten Geniestreichs ist eine Dackeldame (Amerikaner nennen diese Tiere aufgrund ihres wurstförmigen Körpers scherzhaft „Wienerdog“). Jedes Mal, wenn sie einen neuen Besitzer bekommt, wechselt der Film seine Hauptfigur. Herrchen Nr. 1 ist der neunjährige Remi. Gerade vom Krebs genesen, soll das Tier ein wenig Sonne in sein Leben bringen. Doch haben Remis egozentrische Eltern schnell die Schnauze voll von Dackelpflege: Wiener-Dog muss weg!

Frauchen Nr. 2, Tierarzt-Helferin Dawn (Greta Gerwig) rettet das Tier vor der Todesspritze und übergibt sie einem Paar mit Down-Syndrom. Sie sollen die neuen Pflegeeltern des putzigen Vierbeiners werden. Aufflackernde Hoffnung macht Solondz sogleich zunichte: Nachdem die Country-Klänge der „Ballad Of Wiener-Dog“ (Vorsicht: Ohrwurm!) die Mitte des Films markieren, geht es für die bedauernswerte Dackeldame mit den Besitzern Nr. 3 und 4 nun endgültig abwärts: Der frustrierte Filmhochschuldozent Dave Schmerz (Danny de Vito) missbraucht sie zu Terrorzwecken, und die todgeweihte alte Dame Nana (Ellen Burstyn) vererbt sie schlussendlich ihrer geldgierigen Enkelin Zoe („Girls“-Star Zosia Mamet).

„Wiener-Dog“ reiht sich als verschrobenes Kleinod voller unvergesslicher Momente nahtlos in Solondz’ Filmografie. Leider versäumt er es, aus dem Episoden-Salat ein rundes Ganzes zu formen. Ist der vom Schicksal gebeutelte Dackel zu Beginn noch ein seelenvoller Filmcharakter, muss er gegen Ende nurmehr für makabre Gags herhalten. Es ist halt nicht Solondz’ Ding, den Zuschauer mit einem Lächeln im Gesicht aus dem Kino zu entlassen. Das würde sich mit seinem komplett hoffnungsfreien Blick auf alles menschliche Treiben beißen.

Text: Calle Claus

Regie: Todd Solondz.
 Mit Greta Gerwig, Kieran Culkin, Danny de Vito, Ellen Burstyn

Ab 28.7. auch im Hamburger Kino