Überdreht, fluchend, Janis Joplin

Das einfühlsame Porträt zeigt das Leben der Soulsängerin, die zum Hippie-Star wurde und in der düstere Dämonen wüteten. Ab 14.1. im Kino

„Liebe Familie, ich habe es geschafft, meinen 27. Geburtstag hinter mich zu bringen, ohne ihn wirklich zu merken. Ich habe mich umgeschaut und etwas erkannt: Wie viel du wirklich brauchst, um geliebt zu werden. Ambition ist nicht nur eine verzweifelte Suche nach Karriere und Geld. Es ist einfach nur Liebe – ’ne Menge Liebe. Ha! Janis.“

Eine rührende Erkenntnis, aber auch eine traurige Referenz, denn diese Sätze richtete Janis Joplin an ihre Eltern, nur wenige Wochen bevor sie an einer Überdosis Heroin starb. Und während diese Zeilen zu Beginn von Amy Bergs Doku einen flüchtigen Blick auf ihr Innenleben gewähren, zeigen Filmschnipsel gleichzeitig die öffentliche Janis Joplin, den überdrehten, fluchenden Hippie-Star, in verschiedenen Stadien zwischen verkatert und versoffen.

Janis Joplin 2 Fantality CorporationVom Aufstieg der Kleinstadtrebellin zur Ikone einer Generation

Mit diesem Intro hat Regisseurin Amy Berg eigentlich schon alles gesagt. Ihr Film erzählt die Geschichte einer sensiblen, bedürftigen, streckenweise naiven Persönlichkeit, in der düstere Dämonen wüten, denen sie am Ende erliegt. Eine Geschichte, die wir in verschiedenen Variationen kennen, vom Aufstieg der Kleinstadtrebellin zur Ikone einer Generation, von einem Mädchen, das nach Anerkennung sucht und am Ende trotz ihres gewaltigen Talents scheitert.

Nicht gerade die klassische Schönheit, trägt Joplin als Heranwachsende einige herbe Verletzungen davon. Vorläufiger Höhepunkt: Eine Studentenverbindung an der University of Texas kürt sie zum „hässlichsten Mann auf dem Campus“. Sie antwortet darauf, indem sie sich zum Dia-Negativ der amerikanischen High School-Ballkönigin macht, das für konventionelle Rollenverständnisse nichts als den ausgestreckten Mittelfinger übrig hat. Ein Schulfreund erinnert sich, dass es nicht ganz ungefährlich war, mit ihr in eine Bar zu gehen.

Die Hippie-Szene wurde zur Rettung und zum Untergang

Die aufschäumende Hippie-Szene in San Francisco wird schließlich erst zu ihrer Rettung und dann zu ihrem Untergang: Sie wird die Stimme von Big Brother and the Holding Company und zur Sensation des Monterey Pop Festivals 1967. Begleitet wird ihr kurzer Ruhm aber von traurigen Beziehungen zu Männern und Frauen, Drogensucht und noch mehr traurigen Beziehungen. Wir kennen die Geschichte. Was wir 45 Jahre nach ihrem Tod vielleicht vergessen haben, ist, was für eine besessene, leidenschaftliche Performerin Janis Joplin war, wie viel Soul sie hatte, wie viel Wucht.

Berg spannt in ihrem Film einen tragischen Bogen, der sich in dem Moment vollendet, als Joplin eigentlich dabei ist, ihr Leben in den Griff zu bekommen und mit Pearl ihr vermutlich bestes, zumindest ihr bekanntestes Album produziert, nur um dann, noch vor dessen Veröffentlichung, in einem schwachen Moment doch noch einmal zur Nadel zu greifen. „Du weißt nicht“, hört man Joplin einmal sagen, „wie schwer es ist, ich zu sein.“ Nach Little Girl Blue wissen wir es ein bisschen besser.

Text: Nikolai Antoniadis
Fotos: Fantality Corporation

„Janis – Little Girl Blue“ von Amy Berg startet am 14.1. um 21.50 Uhr im Abaton Kino, Allende-Platz 3 (Rotherbaum) im englischen Original mit Untertitel