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Unterwerfung

Michel Houellebecqs umstrittener Roman „Unterwerfung“ von Karin Beier klug als Monolog inszeniert, war eines der gefeierten Stücke der Saison – und ein grandioser und facettenreicher Kraftakt mit Edgar Selge als desillusioniertem Literaturprofessor

Als Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ in Frankreich erschien, erregte der Schriftsteller nicht nur viel Aufmerksamkeit mit seinen brisanten Thesen, am selben Tag, dem 7. Januar 2015, überfielen islamistische Terroristen in Paris die Satirezeitung Charlie Hebdo und töteten elf Menschen.

In seiner Utopie beschreibt der Franzose den wachsenden politischen Einfluss des Islams und den Zerfall der westlichen Kultur. Beunruhigend und beklemmend ist die im Jahr 2022 angesiedelte Handlung auch, weil Houellebecqs Zukunftsvision eines Paradigmenwechsels – von den Idealen der französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – zu einer Rückkehr der Religion durchaus vorstellbar ist.

Die Intendantin Karin Beier lässt in ihrer Inszenierung (klug verdichtete Textfassung gemeinsam mit Rita Thiele) den großartigen Edgar Selge in der Rolle des desillusionierten und beziehungsunwilligen Uniprofessors Francois die Ereignisse als Monolog erzählen: Der Front National ist gewaltig im Aufwind. Um einen wahrscheinlichen Wahlsieg zu verhindern, verbünden sich die bürgerlichen Parteien mit der gemäßigten islamischen Bruderschaft und deren Oberhaupt Mohammed Ben Abbes wird Frankreichs erster muslimischer Präsident. In kürzester Zeit wird das öffentliche Leben umgekrempelt: Schulen und Universitäten werden muslimisiert, es gibt Vollbeschäftigung, weil die Frauen nicht mehr arbeiten dürfen und die Polygamie wird eingeführt.

Das Bühnenbild besteht aus einer riesigen schwarzen Wand an der vorderen Rampe mit eingestanztem Kreuz in der Mitte (Bühnenbild: Olaf Altmann). Während Selge die Ereignisse in Paris rekapituliert – trotz des ernsthaften Themas mit viel Witz und Spritzigkeit – klettert der 67-Jährige unermüdlich in dem hohlen Metallkreuz herum, das sich fast die ganze Zeit langsam dreht – eine grandiose körperliche und schauspielerische Leistung über mehr als zweieinhalb Stunden. Für seine ausgeklügelte Darstellung bekam er vom Publikum bei der Premiere der deutschsprachigen Uraufführung minutenlang stehende Ovationen.

/ Kritik von Angela Kalenbach erschienen 03/2016 in SZENE HAMBURG

Schauspielhaus, Premiere: 6.2.2016

Fotos: Klaus Lefebvre