„Wann die Winde heimwärts wehn“

Die Hamburger Fotografin Nele Gülck lässt vergessene Seesäcke und Koffer die Geschichte ihrer früheren Besitzer erzählen

Das Depot der Seemannsmission in Hamburg ist voll mit Taschen, Koffern und Kisten, die eingelagert, aber nie abgeholt worden. Alles, was man über ihre Besitzer weiß, ist das, was sie zurückgelassen haben: ein vergilbtes Foto, ein Pullover, eine Postkarte aus Kiribati… Die Hamburger Fotografin Nele Gülck hat diese herrenlosen Habseligkeiten mit der Kamera festgehalten, bevor sie versteigert wurden.

Wenn ihre Aufbewahrungsstation überquillt, veranstaltet das Team der Seemannsmission eine Versteigerung. Das ist irgendwie schöner, als die Habseligkeiten wegzuschmeißen, denn sie umgibt eine Aura des Persönlichen. Die Geschichte der Person geht so weiter, mit neuem Besitzer. Was mit dem alten passierte, bleibt ein Geheimnis. Ging der Seesack verloren? Traf der Seemann an Land seine große Liebe und kehrte nie in die Mission zurück? Oder passierte etwas Schreckliches?

Bei der Versteigerung gilt das Prinzip der Wundertüte. Geboten wird auf die geschlossenen Gepäckstücke. Ob sich darin ein Schatz oder lediglich Dreckwäsche befindet, erfährt nur der Käufer – und vorab Nele Gülck, als sie die Gegenstände fotografierte.

Die entstandene Serie wirkt auf den ersten Blick wie eine kühle Dokumentation, entpuppt sich aber schnell als sorgfältige Inszenierung. Herausgelöst aus jedem Kontext, sachlich eingerahmt von weißem Raum, beginnen die Objekte plötzlich zu sprechen. Sie erzählen Schnipsel von Geschichten, Streiflichter über die Vergangenheit ihrer Besitzer, kleine, zusammenhanglose Episoden, die dazu verleiten, die blinden Stellen dieser unbekannten Leben mit der eigenen Fantasie aufzufüllen.

Zur Vernissage im Rahmen der Triennale der Photographie in der Galerie Genscher bringt The Hairy Cowboy vom Soundsystem Sutsche zwar nicht das Meer zum Rauschen, aber das Vinyl zum Knistern.

Text: Nik Antoniadis & Lena Frommeyer
Fotos: Nele Gülck

Galerie Genscher
Millerntorplaz 43–48 (St. Pauli)
Vernissage: 20.6., 18 Uhr
Ausstellung: bis 28.6., 20 Uhr