Zwischen Alltag und Katastrophe

Unsere Hamburgerin des Monats, die Künstlerin Alice Peragine, zeigte am 5.5. beim Festival „Stadt und Feminismus“ vor dem Rathaus ihre Performance – mit Männern, Frauen und Hundeleinen. Wir sprachen mit ihr vorab

SZENE HAMBURG: Deine Performance heißt „Soft Core – Protection Procedure“. Was werden wir da sehen?

Alice Peragine: Wir sehen acht Performer, die ich Operators nenne, in hautfarbenen Overalls, Helmen und Sicherheitswesten, die an Polizeiwesten erinnern. Sie folgen einer strukturierten Choreografie. Das Kernelement der Performance sind Hundeleinen, die jeweils zwei Performer verbinden. Wie Hunde an der Flexi-Leine können sie sich frei bewegen, aber wenn sie zu weit gehen, hakt es. Und über ihnen steht eine Commanderin, die durch Ansagen über ein Funkgerät den Ablauf steuert.

Inwiefern hat die Arbeit mit dem Thema Feminismus zu tun?

Beim Feminismus gibt es ja verschiedene Strömungen, unter anderem die Genderdebatte. Durch die Kostüme gibt es in „Soft Core“ keine klare Geschlechterzuordnung. Nur die Commanderin ist klar als weiblich zu erkennen. Ich denke da an Durchsagen an Flughäfen oder auf Bahnhöfen – warum sind diese Stimmen meistens weiblich? Da sind wir schnell bei der Machtpolitik – eine bestimmte Art von struktureller Gewalt wird als eine verführerische Frau getarnt. Das zeigt, dass der Frau oft eine gewisse Rolle und Funktion zugeschrieben ist. Sie ist leider noch viel zu oft Dekor und nicht diejenige, die Entscheidungen trifft.

Du fragst also danach, wer unsere Welt reguliert …

… und wie wir uns in ihr bewegen. Ich will zeigen, dass wir die ganze Zeit vorgegebenen, teilweise streng festgelegten Bewegungsmustern folgen. Zum Beispiel bei Flughafen-Sicherheitskontrollen, bei denen Menschen in die Schlangen geleitet, gescannt und abgefertigt werden. Mich interessiert es, da genau hinzuschauen: Was macht es mit einer Gesellschaft, die sich permanent kontrolliert und überwacht?

Was ist für dich der Reiz, im öffentlichen Raum zu arbeiten – diesmal auf dem Rathausplatz?

Es ist eben kein geschützter institutioneller Whitecube-Galerieraum, sondern man wird mit der Realität konfrontiert. Und strukturelle Gewalt findet eben oft im öffentlichen Raum statt.

Geht es dir auch darum, auf unvorbereitete Zuschauer zu treffen?

Das ist auch spannend: Ich weiß nie, wie jemand reagiert, und da hilft auch keine Generalprobe.

Glaubst du, zufällig des Weges kommende Passanten werden die Performance befremdlich finden?

Bestimmt. Das gehört dazu, dass Menschen oft nicht verstehen, was ich mache, oder es sogar als Eingriff in ihre Privatsphäre sehen. Ich finde trotzdem notwendig, dass solche Fragen gestellt werden, auch mit dem Risiko, dass nicht alle in ihrer Komfortzone bleiben. Sonst würde sich ja nie etwas verändern. Und es muss sich ganz viel verändern.

Und zwar?

Gleiche Rechte für alle Gender, weniger Sexismus, weniger Angst vor Gewalt, aber auch eine gerechtere Ressourcenverteilung, gleicher Zugang zu Bildung, und damit meine ich nicht nur in unserer Blase Europa. Das sind große Fragen, aber als Künstlerin muss man einen gewissen Größenwahnsinn haben.

Warum hast du den Rathausmarkt ausgewählt?

Der Rathausmarkt ist sehr spannend: Er ist extrem zentral, ein Symbol für Demokratie und ein Ort der Versammlung. Gleichzeitig gibt die Architektur sehr viel vor, zum Beispiel durch das Schachbrettmuster auf dem Platz.

Ich muss irgendwie an die Silvesterübergriffe vor dem Kölner Dom denken. Ist das eine bewusste Parallele?

Keine bewusste, aber das ist ja eines der jüngsten Beispiele von Gewalt im öffentlichen Raum. Mir geht es eher um strukturelle Gewalt. Das ist das Spannende und auch das Risiko: Ich gebe nur die ästhetischen Parameter vor, die Farben, den Klang, die sinnlichen Komponenten. Aber ich kann nicht kontrollieren, welche Assoziationen dabei entstehen. Manche werden dabei an Flughafenkontrollen denken, manche an ihren Hund und wiederum andere an Silvester in Köln.

Ist die Gattung der Performance denn das richtige Mittel, um sich mit dem Problem der Gewalt auseinanderzusetzen?

Natürlich ist es ein sehr komplexes Thema, aber ich finde, das Unmittelbare der Performance ermöglicht einen ganz anderen spannenden Zugang. In unserer stark regulierten Welt schwingt das Potenzial von Gefahr immer mit – plötzlich könnte alles kippen. Mich fasziniert dieser feine Grad zwischen Alltag und Katastrophe.

Du studierst Zeitbezogene Medien an der HFBK. Wie steht es um junge Kunst in Hamburg?

Es gibt hier unglaublich viel Potenzial, viele Menschen, die tolle Arbeit machen. Junge Kunst findet im Gängeviertel statt, auf Kampnagel oder auch in der Admiralitätstraße und immer wieder poppen neue Offspaces auf. Leider ist Hamburg nicht international genug, um für zeitgenössische Künstler langfristige Perspektiven zu bieten. Meiner Meinung nach ist die Stadt nicht wirklich an den internationalen Kunstmarkt angebunden. Wenn man international Karriere machen möchte, muss man wohl oder übel weggehen.

Du stehst kurz vor deinem Abschluss – denkst du auch an einen Umzug?

Die Frage stellt sich mir auch, ja, und sie beunruhigt mich sehr. Viele meiner Freunde sind nach Berlin gegangen. Eigentlich will ich hier nicht weg, Hamburg ist eine tolle Stadt mit viel Lebensqualität, ich habe hier viele Freunde und Familie. Aber ich möchte natürlich auch mit meiner künstlerischen Arbeit gehört und gesehen werden.

Was könnte die Stadt besser machen?

Die Politik müsste sich viel mehr für Kultur einsetzen. Das Festival der Stadtkuratorin ist eine solche Initiative, die ich sehr begrüße. Aber es müsste deutlich mehr getan werden.

Interview: Natalia Sadovnik
Foto: Nina Krainer