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„Seefahrt ist für viele ein Befreiungsschlag“

Hamburger des Monats HdM 12 22 Foto Markus Gölzer-klein
Sören Wichmann ist seit März 2022 neuer Leiter des Duckdalben international seamen’s club (©Markus Gölzer)

Ein Duckdalben ist ein Pfahl, an dem Schiffe festmachen. Duckdalben international seamen’s club gibt Seeleuten aus aller Welt Halt. Im März hat Seemannsdiakon Sören Wichmann (28) nach 36 Jahren die Nachfolge des legendären Leiters Jan Oltmanns angetreten. Ein Gespräch über tödliche Taue, stündliches Neujahr und Seefahrt gegen das Patriarchat

Interview: Markus Gölzer

SZENE HAMBURG: Sören, wie muss man sich das moderne Matrosenleben vorstellen? Ist da noch Platz für Seefahrerromantik?

Sören Wichmann: Das ist eher unrealistisch. 52 Prozent der Seeleute kommen von den Philippinen. Die sind an Bord, um zu arbeiten. Das Schiff ist Lebens- und Arbeitsplatz. Man soll sich mal vorstellen, mit seinen Kolleginnen und Kollegen neun Monate im Büro zu leben. Da ist wenig Platz für Privatsphäre. In den Liegezeiten geht’s um Laderaten. Da müssen Container von Bord, mal an Bord. Dann müssen Lebensmittel gebunkert werden. Das führt dazu, dass Seeleute nur zwei bis sechs Stunden Landgang haben. Dafür genießen sie es umso mehr.

Was bietet der Duckdalben in dieser kurzen Zeit?

Wir versuchen als Mischung aus Jugendzentrum, Eckkneipe und Museum den Seeleuten eine gute Freizeit abseits von Bord zu geben. Wir sind eine Tagesaufenthaltsstätte. Hauptsächlich für Seeleute von Handelsschiffen. Wir haben keine Unterbringung, die schlafen an Bord. Wir sind von 10 Uhr morgens bis 22.30 Uhr offen und können fast alle Schichtzeiten abdecken, die es an Bord so gibt. Dann haben wir den Bereich der Bordbetreuung. Das macht mein Kollege Jörn Hille. Das ist die aufsuchende Arbeit im Hamburger Hafen. Und es gibt als dritten Bereich die Seafarers’ Lounge. Die leitet mein Kollege Olaf Schröder. Die betreuen Seeleute auf Kreuzfahrtschiffen.

„Aber hey! Du bist nicht allein“

Was sind typische Situationen, in denen ihr seelsorgerlich helft?

Wir machen zum Beispiel klassische Krankenhausseelsorge. Fast alle Seeleute kommen nicht aus Deutschland und sitzen dann manchmal im Krankenhaus, wo keiner mit denen Englisch spricht. Da gibt’s kulturelle und sprachliche Barrieren. Die Seeleute fragen sich: Warum krieg ich immer so schwarzes Zeug mit einer weißen Creme drauf? Dann erklären wir, dass das Schwarzbrot mit Butter ist. Es geht drum zu zeigen: „Du bist im Ausland im Krankenhaus – eine gruslige Situation. Aber hey! Du bist nicht allein.“ Wir sind da. Andere Themen sind: „Meine Freundin ist schwanger und ich bin jetzt den elften Monat auf See“ über „Ich habe meine Heuer nicht bekommen“ bis zu „Meine Mama ist zu Hause gestorben. Was tue ich da?“. Es ist aber auch viel Schönes dabei. Ein Kugelschreiber kann Tränen auslösen. Endlich hat man nach zwei Monaten die Möglichkeit, seine Gedanken aufschreiben.

„An Bord kann sie trans sein, weil das alle okay finden“

Gibt’s auch Seefrauen?

In der Handelsschifffahrt zwei Prozent, Zahl langsam steigend. Auf Kreuzfahrtschiffen ist das deutlich anders. Fast das ganze Housekeeping ist weiblich. Bei einer Besatzungsstärke von 1500 Leuten ist man da locker bei 900 Frauen Es gibt den Satz: Seeleute von Kreuzfahrtschiffen verlassen ungern den Schatten ihres Schiffes. Die haben viele Schichtarbeitszeiten, wenig Ruhezeiten. Deshalb gibt’s in den Kreuzfahrtterminals Café-Ecken. Duckdalben in Mini. Da können die Seeleute hingehen, Kaffee trinken, neue Socken kaufen. Das ist der Bereich Seafarers’ Lounge, Seelsorge für Kreuzfahrt-Seeleute.

„Wenn sie den Dampfer nicht sauber halten, gammelt der ihnen unter dem Arsch weg im Salzwasser.“
Sören Wichmann

Welche Anliegen haben Seefrauen?

Auf Kreuzfahrtschiffen ist Schwangerschaft immer wieder ein Thema. Auf Handelsschiffen weniger. Ich hatte ein besonderes Erlebnis mit einer Seefrau. Zu Hause ist sie ein Filipino, ein Mann. Da ist es verpönt, trans zu sein. An Bord kann sie trans sein, weil das alle okay finden. Seefahrt ist auch ein Ermöglichungsspielraum. Wir haben einige indische Seefrauen. Zum Teil mitreisende Ehefrauen von Seeleuten. Das ist bei manchen Reedereien erlaubt und total schön. Oder Seefrauen sind als Ingenieurinnen an Bord. In patriarchalen Gesellschaften wie Indien ist das die Möglichkeit, sozialen Aufstieg zu erlangen, aus Kaste und Unterdrückungsmechanismen auszubrechen. Da ist Seefahrt für viele ein Befreiungsschlag.

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„Hafen ist ein menschenfeindlicher Industrieraum“

Du hast selbst an den Duckdalben gearbeitet. Nicht metaphorisch, sondern real als Festmacher. Wie viel Manpower steckt heute noch in der Seefahrt?

Hafenarbeit ist körperliche Arbeit. Container werden mit Metallklötzen gesichert, den Twistlocks. Oder Muddis und Papis, wie wir im Hafen sagen. Die wiegen 15 bis 20 Kilo. Die Arbeiter und Arbeiterinnen heben sie mit einer Hand hoch, hauen sie dem Container rein, dann wird das Ding mit einem Kran an Bord gehievt und mit einer Ratsche festgezogen. Fast alles ohne Maschinen. Seeleute an Bord müssen den ganzen Tag Rost klopfen und neu lackieren. Wenn sie den Dampfer nicht sauber halten, gammelt der ihnen unter dem Arsch weg im Salzwasser. Ich habe als Festmacher – platt gesagt – Leinen um Poller gelegt. Nur wiegt die Leine pro Meter gern 30 oder 40 Kilo. Wenn’s ein Drahtseil ist, auch mal deutlich mehr. Das ist nicht nur körperlich, sondern auch gefährlich.

Wo liegt die Gefahr? Dass das Tau reißt?

Taue reißen nicht. Die brechen, weil sie so stabil sind. Die werden mit einer Anpresskraft von 40 Tonnen festgezogen. Wenn die brechen, schlagen sie um sich wie eine Schlange. Zuvor fangen sie an zu surren beziehungsweise zu singen. Es gibt den Spruch: Sobald die Leine singt, ein Festmacher in den Hafen springt. Ich habe das zweimal erlebt. Bei dem einen Mal war Schneetreiben. Wir saßen im Auto, haben das Surren gehört und uns sofort in den Fußbereich gelegt. Mit der Kraft, die auf den Seilen liegt, machen die aus einem Auto ein Cabriolet. Das hat geknallt, als wäre nebenan eine Kanone losgegangen. Dann hat es neben Schnee Taureste geschneit. Eine Viertelstunde lang. Der Hafen wird immer als romantisch bezeichnet, ist aber härteste Arbeitsrealität. Hafen ist ein menschenfeindlicher Industrieraum. Da werden Waren umgeschlagen, der Mensch existiert als Mittel zum Zweck. Wir sind das Gegenprogramm.

„Ich bin Sozialarbeiter mit Leib und Seele“

Du kümmerst dich darum, dass andere Menschen nicht allein sind. Gibt’s Momente, in denen du dich einsam fühlst?

Ich habe das große Glück, eine tolle Freundin zu haben, die hinter mir und meiner Arbeit steht. Natürlich hat man Momente, in denen man zweifelt. Wenn man weiß, was man an Spendenaufkommen hat und was wir brauchen, um unsere Mitarbeiter hier zu bezahlen. Da schlackern einem manchmal die Knie: Wie kriege ich das jetzt wieder hin? Oder wenn ein Fahrzeug einen Unfall hat. Viele dieser Kolleginnen und Kollegen sind Freunde geworden über die Jahre. Man hat hohe Verantwortung. Da ist es doch manchmal büschen einsam (lacht). Aber ich bin Sozialarbeiter mit Leib und Seele. Es ist erfüllend zu sehen, dass unsere Arbeit wirkt. Die Seeleute kommen hier rein, Schultern hochgezogen, der Kopf ganz weit unten. Und wenn sie rausgehen, sind die Schultern wieder unten, sie sind ausgelassen. Das zeigt, dass wir etwas richtig machen.

Was macht ihr an Weihnachten?

Weihnachten wird auf fast allen Schiffen gefeiert. Whole Indian Crew, fast alles Hindus, und die haben einen Weihnachtsbaum bei sich stehen. Die bringen uns allen die Weihnachtsgeschenke: 90 Prozent aller Waren kommen über den Seeweg. Bei uns gibt es deshalb die Aktion „Christmas in the Box“: Gemeindemitglieder, große Betriebe, Kindergärten und viele Einzelpersonen schicken Boxen mit Geschenken, die wir zu den Schiffen bringen. Das sind Tausende von Päckchen.

„Wir feiern bis 7. Januar, weil wir die Orthodoxen dabeihaben.“
Sören Wichmann

Es ist herzerwärmend, wenn Oma Ernas Häkelclub 60 Wollmützen schickt. Wir freuen uns über alles, aber bitte kein Obst! Wir hatten mal sechs Kilo Mandarinen in einer Box. Die kamen im November, am 24.12. sind wir losgefahren, und das war echt eklig (lacht). Abends gibt’s hier für die Seeleute ein weihnachtliches Buffet und eine traditionelle christliche Andacht. Dann singen wir krumm und schief auf allen Ländersprachen „Stille Nacht, Heilige Nacht“ und das ist total schön. Wir feiern bis 7. Januar, weil wir die Orthodoxen dabeihaben. An Silvester wird zu jeder vollen Stunde Neujahr gefeiert. Wir müssen ja einmal um die ganze Welt (lacht).

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