Der große Fischbrötchen-Check

Ob in der Pause oder als Mitternachtscheck – ein Fischbrötchen ist immer eine gute Option. Unsere Kollegin Jana Belmann hat eine Woche lang jeden Tag ein Fischbrötchen gefuttert. Ihr Resümee:

Brücke 10: Elbe pur

Es ist 13 Uhr an den Landungsbrücken. Eine Schlange von Touris bildet sich vor der Brücke 10 und die Fischbrötchen gehen im Akkord über die Theke. Trotz des Ansturms halte ich nach nicht mal drei Minuten das Brötchen meiner Wahl in den Händen. Ob Winter oder Sommer, hier kann man zu jeder Jahreszeit draußen sitzen, in Decken gewickelt und auf Lammfelle gekuschelt. Aus den Lautsprechern klingt der leise Sound einer Gitarre und das Wasser der Elbe schwappt gegen den Steg. Während mir die Sonne ins Gesicht scheint, beiße ich in ein Brötchen mit geräucherter Makrele (4,50 Euro). Die ist gut gewürzt und saftig. Da stört auch das etwas trockene Brötchen kaum. Bei dieser Aussicht und der Auswahl an zehn verschiedene Fischbrötchen kann man nichts falsch machen.

Preis/ Leistung 4/5
Geschmack 4/5
Flair 5/5
Lage/Erreichbarkeit: St. Pauli-Landungsbrücken 10 (St. Pauli). S1, S2, S3, U3 oder Bus (111, 112) bis Landungsbrücken

Fisch Loop: Traditionsgeschäft

An einem Nachmittag mitten in der Woche verschlägt es mich ins Fisch Loop. Gähnende Leere. Um die Mittagszeit ist hier wohl mehr los als um 17 Uhr. In diesem Traditionsgeschäft fühle ich mich in die 80‘er Jahre zurückversetzt. Die Kacheln sind grau, auf manchen sind bunte Schiffe abgebildet. Quer durch den Laden erstreckt sich eine riesige Theke aus denen ganze Fische mit Eis bedeckt in Richtung des Besuchers glubschen. Das günstige Brötchen mit Räucherlachs wird frisch mit drei großen Stücken Lachs belegt, dann noch ein Salatblatt, Zwiebeln – fertig. Zum puren Geschmackserlebnis hätte noch ein wenig Sauce gefehlt. Dieser Laden versteht sein Handwerk, frischen Fisch gibt’s hier allemal.

Preis/Leistung 4/5
Geschmack 3/5
Flair 3/5
Lage/Erreichbarkeit: Straßburger Straße 15 (Dulsberg).
U1 bis Straßburger Straße

Kleine Haie große Fische: Bier, Schnack und Fisch

Anstatt die alkoholbedingte nächtliche Heißhungerattacke mit einem Döner zu stillen, sollte man lieber zum Fischbrötchen greifen. Bei Kleine Haie große Fische gibt’s die frisch belegt und einen netten Schnack gratis dazu. Am Wochenende treffen sich hier die Nachtschwärmer auf engstem Raum für einen Mitternachtssnack. Ein Stammgast empfiehlt mir den Stremellachs mit etwas Chilisauce. Ich folge der Empfehlung, aber ohne die Chilisauce. Das Brötchen ist fix fertig: mit saftigem Fisch, Salat und frischen Gurkenscheiben. Zusätzlich noch mit etwas Butter bestrichen – wirklich lecker. Auf der Bank vor dem kleinen Laden beobachte ich wie sich der Kiez langsam mit Menschen füllt, um die Nacht zum Tag zu machen.

Preis Leistung 4/5
Geschmack 4/5
Flair 4/5
Lage/Erreichbarkeit: Querstraße 4 (St. Pauli). S1, S2, S3 oder mit dem Bus (111, 36, 37) bis Reeperbahn

Veddeler Fischgaststätte: Futtern wie bei Muttern

Die Veddeler Fischgaststätte ist eine echte Institution in Hamburg. Seit mehr als 80 Jahren wird hier frischer Fisch auf dem Teller und im Brötchen serviert. Obwohl das kleine Häuschen sich momentan mitten in einer Baustelle befindet, lasse ich mich vom äußeren Eindruck nicht täuschen. Im Inneren empfängt mich ein uriger Gastraum mit Seemannsknoten und alten Fischernetzen an den Wänden. In diesem Häuschen sieht alles noch genauso aus wie damals, als Hans Albers noch lebte! Leider gibt’s nur zwei Fischbrötchen zur Auswahl: Fischfrikadelle oder Backfisch. Letzteres schmeckt tatsächlich knackfrisch. Bei meinem nächsten Besuch werde ich aber eine große Portion Fisch mit Kartoffelsalat probieren.

Preis/Leistung:4/5
Geschmack 3/5
Flair 4/5
Lage/Erreichbarkeit: Tunnelstraße 70 (Veddel). S3, S31 bis Veddel

Eier Carl: Das Gesamtpaket

Ein Fischbrötchen mit Lachs kostet hier stolze 4,80 Euro. Ich habe es trotzdem probiert und wurde vollends überzeugt. Eier Carl ist ein Restaurant direkt gegenüber von der Fischauktionshalle mit einer kleinen Auswahl an frisch zubereiteten Fischbrötchen. Als die Kellnerin meine Bestellung an den Tisch bringt, werde ich angelächelt von einem wunderschönen Salatblatt, einer gigantischen Menge Lachs und Zwiebeln. Die Innenseiten sind leicht mit Remoulade bestrichen. On Top gibt’s noch kleine Gewürzgurken. Einfach lecker. Wenn das Wetter mitspielt, kann man auf dem weitläufigen Platz sehr schön draußen sitzen, das turbulente Treiben am Hafen beobachten und die letzten Sonnenstrahlen genießen.

Preis/Leistung 4/5
Geschmack 5/5
Flair 4/5
Lage/Erreichbarkeit: Fischmarkt 3 (St. Pauli). S1, S2, S3, U3 bis Landungsbrücken oder Bus 111 bis Fischauktionshalle

Texte und Fotos: Jana Belmann 


Who the fuck is…

 

…Jana Belmann?
Mindestens bis Weihnachten kann die 23-Jährige jetzt keine Fischbrötchen mehr sehen. Für SZENE HAMBURG Uni-Extra (erschienen im Oktober 2017) probierte die Lüneburger KuWi-Studentin eine Woche lang jeden Tag einen anderen Fischimbiss aus. Jetzt weiß Jana, wo der Lachs am besten schmeckt.


 Der Text ist ein Auszug aus dem SZENE HAMBURG Uni-Extra (Ausgabe Herbst/Winter 2017/18) 


Ein Haus, 40 Eigentümer – ein Jahr Wohnprojekt GoMokry

Das Wohnprojekt feiert Einjähriges. Seit August 2016 wohnen rund 40 Leute zusammen in einem Haus. Sie stehen kurz davor, es „ihr“ Haus nennen zu können

Sie sitzen im Treppenhaus und unterhalten sich. Ein Ort, der sonst lediglich als Durchgang dient, wird für die Menschen an der Mokrystraße 1 und 3 zum Wohnzimmer. Sie realisieren: In einem normalen Wohnhaus wäre das nicht möglich. Doch „normal wohnen“ wollen sie alle gar nicht. Deswegen haben sie sich auch im Wohnprojekt GoMokry* zusammengeschlossen. Rund 40 Leute zwischen 1 und 35 Jahren haben sich gegen eine anonyme Mietswohnung und für eine Nachbarschaft entschieden, in der man sich wirklich kennt und austauscht. Für sie bedeutet das zum Beispiel, dass alle ein eigenes Zimmer haben, sich aber trotzdem Stockwerk übergreifend bewegen. Wer es im vierten Stock so gemütlich findet, verbringt dort den Abend. Wer Lust auf eine Yogastunde hat, geht in den Bewegungsraum im ersten Stock. Wessen Kind mit anderen spielen will, findet im zweiten Stock Spielkameraden. Doch auch experimentelle Wohnkonzepte gehören dazu. In einem Stockwerk wird „funktional“ gewohnt. Das heißt: Niemand hat ein eigenes Zimmer, alle Räume werden geteilt.

Die „Soli-Abende“ am Freitag sind das Herzstück.

Seit gut einem Jahr wohnen sie an der Mokrystraße. Sven-Jan Schmitz, freischaffender Pädagoge und Künstler, ist Bewohner der ersten Stunde. Ihm ist es wichtig, dass die „Mokry“ nicht nur als Wohnhaus wahrgenommen wird: „Das ehemalige Ladenlokal im Erdgeschoss ist öffentlicher Raum und nichtkommerzieller Kulturort“. Dort trifft man sich, isst zusammen, hört Musik oder spielt. Die „Soli-Abende“ am Freitag sind das Herzstück. Die dort generierten Gelder gehen an verschiedene Initiativen und Vereine, aber auch an Menschen in individuellen Notlagen. Generell gilt, dass in den Räumlichkeiten nichts gekauft, sondern nur gespendet werden kann.
Damit das Erdgeschoss autonom agieren kann, wird es von einem Betreiberkollektiv geführt. Das besteht auch aus Leuten aus dem Stadtteil, die nicht im Haus wohnen. Das ist wichtig, denn die Akzeptanz im Viertel mussten sich die Bewohnerinnen und Bewohner aus der Mokrystraße erst erarbeiten. „Am Anfang gab es auch mal krasses Feedback. ,Verpisst euch aus unserem Viertel‘, haben uns einzelne Menschen gesagt“, erzählt Sven-Jan Schmitz. Er kann es verstehen. Wilhelmsburg habe sich stark gewandelt. Was früher als „asi“ galt, sei heute schick. „Die Mieten stiegen und für diejenigen, welche früher hier gewohnt haben, wurde es noch schwerer, eine neue Bleibe zu finden“, resümiert Schmitz. Da sei ein Unmut ihnen gegenüber, die ein ganzes Haus bewohnen, verständlich. Die angespannte Situation hat sich mittlerweile gelegt. „Wir wollen einen runden Tisch und keine Blase“, so Schmitz. Gerade deswegen ist der Raum im Erdgeschoss so wichtig, weil er auch Anlaufstelle für den Stadtteil ist.

Hilfe beim Mietshäuser Syndikat

Wer in einer Mietswohnung wohnt, bezahlt jeden Monat seine Miete. Das Finanzierungskonzept für ihr Zuhause ist für die Leute an der Mokrystraße um einiges komplizierter. Die „Mokrys“ wollen nämlich Miteigentümer des Hauses werden, dafür haben sie sich Hilfe beim Mietshäuser Syndikat geholt.

Das Mietshäuser Syndikat unterstützt Wohnprojekte beim Kauf von Häusern. Unter dem Schirm des Vereins stehen deutschlandweit über 100 Projekte. Die solidarische Idee dabei ist, dass sich Wohnprojekte gegenseitig bei der Finanzierung helfen. Denn das Syndikat hat es leichter als Einzelpersonen, einen Kredit aufzunehmen.

Eine Mitgliedschaft im Mietshäuser Syndikat hat zwei entscheidende Vorteile. Erstens bleibt die zu bezahlende Miete konstant. Zu einer Mieterhöhung kommt es nicht, da das Haus keinen Marktschwankungen mehr unterliegt. Wenn der Kredit beim Mietshäuser Syndikat abbezahlt ist, wird weiter in einen Solidarfonds eingezahlt. Daraus werden dann wieder Hauskäufe für andere Wohnprojekte finanziert. Der zweite Vorteil ist, dass das Haus nie Spekulationsobjekt wird. Auch wenn es in Zukunft möglich wäre, die Immobilie gewinnbringend zu verkaufen, verhindert dies die Mitgliedschaft im Mietshäuser Syndikat. Weder die Hausbewohner noch das Syndikat sind alleinige Eigentümer und daher hat immer eine Seite Vetorecht. So zum Beispiel auch im Falle eines Verkaufs. „Noch dieses Jahr wollen wir das Haus in das Mietshäuser Syndikat überführen und so Miteigentümer des Hauses werden“, sagt Sven-Jan Schmitz.

Mokry als Teil der Stadt

Den Satz „Lass mal in die ,Mokry‘ fahren!“ hört Schmitz jetzt auch häufiger außerhalb seines Freundeskreises. „Ich finde es wahnsinnig schön, wenn dieser Ort ein Teil der Stadt und dieses Stadtteils wird.“ Dafür gibt es einige Ideen wie ein geplanter „Hausladen“, wo geschenktes Essen weiterverschenkt wird. Da kann sich dann jemand aus dem Stadtteil mit schmalem Geldbeutel zum Beispiel Tomaten mitnehmen. Doch das sind nicht die einzigen Pläne: Küchen einbauen, Kinder-Spielzimmer ausbauen, Balkone anbauen. Bald kriegt GoMokry* sogar ein Schwesterprojekt. Im Nachbarhaus, in dem heute noch das geschlossene Rialto-Kino schläft, wird bald ein weiteres Wohnprojekt entstehen. Dann werden die „Mokrys“ mit ihrem Erfahrungsschatz schon mit Rat und Tat zur Seite stehen können.

kontakt.mokryhuetten@posteo.de

Text: Sara Lisa Schäubli / Foto Philipp Jung


Szene Hamburg Titel Oktober Der Text ist ein Auszug aus der Titelgeschichte „So wollen wir wohnen“ in SZENE HAMBURG, Oktober 2017. Das Magazin ist im Oktober 2017 am Kiosk und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!


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BierSZENE. Bunthaus Schankraum: Läuft bei dir, Wilhelmsburg!

Sie sind Hamburgs Sauerbier-Pioniere – und die einzigen Elbinsel-Brauer der Stadt: Jens und Jens von der Bunthaus Brauerei haben Wilhelmsburg endlich wieder eigenes Bier geschenkt. Das fließt jetzt auch im frisch eröffneten Bunthaus Schankraum. Und bald in Flaschen! Ich habe die beiden in ihrem neuen Taproom besucht.

Foto: Bunthaus

In Wilhelmsburg geht’s ab! Das ehemalige Wasserwerk am Inselpark hat sich in den letzten Monaten in den Kulinarischen Campus verwandelt – für Events, Genuss und Bier! Ins alte Verdüsungs-Gebäude auf dem Wasserwerk-Gelände ist nämlich nicht nur das Café Schmidtchen eingezogen, sondern Ende September auch die Bunthaus Brauerei mit ihrem allerersten Schankraum.

Aus fünf Hähnen läuft jetzt jeden Donnerstag und Freitag ab 18 Uhr bestes Craft Beer. Dazu gibt’s passende Snacks und ordentlich Nachbarschafts-Schnack.

Bunthaus

Jens Hinrichs

Hinter Bunthaus stecken die Brauer Jens Block und Jens Hinrichs. Beide leben seit Jahren in Wilhelmsburg: „Für uns war deshalb klar: Wenn wir eine Brauerei aufmachen, dann natürlich in unserem Viertel. Das gilt auch für unseren Schankraum“, erzählt mir Jens Hinrichs, während ich staunend durch den Raum blicke.

Bunthaus

Jens Block

Was für ein irrer Ort! An den Wänden haben Zeit und Wasser eine geniale Patina erzeugt, dazu Eichenholzfußboden, Holzmöbel – und gutes Bier natürlich.

Kulinarischer Campus. Wir gehen dann mal wieder studieren. Foto: Kulinarischer Campus

Im Kommen: Wilhelmsburger Flaschen-Bier

„Wilhelmsburg ist ein Dorf. Man kennt sich, man trifft sich. Jetzt eben auch bei uns im Schankraum. Die Leute wollen Wilhelmsburger Bier trinken.“ Kein Wunder also, dass Jens und Jens auch in den kommenden Wochen weiter aufdrehen: Über Crowdfunding haben sie gerade die Finanzierung für eine eigene Flaschenabfüllanlage erfolgreich abgeschlossen. Ab Ende Oktober gibt es ihr Bier – vom fancy IBA bis zur crazy Gose – endlich auch zum Mitnehmen.

„Wir planen außerdem einen klassischen Brew extra für Wilhelmsburg. So einen, den sich die Leute dann auch gerne mal beim Kiosk rausholen“, verrät Jens.

Außerdem setzten sie auf Foodpairing und holen sich wechselnde Biere von befreundeten Brauern an den Hahn. „Wir wollen einfach die Biervielfalt feiern.“

Richtig so.

In diesem Sinne: Prost!

Euer Daniel

Bunthaus Schankraum / Wasserwerk Wilhelmsburg / Kurdamm 24 / Hamburg / Donnerstag + Freitag ab 18 Uhr

 /Fotos: Bunthaus/Kulinarischer Campus/ hfr


Daniel Elich

Foto: Altes Mädchen

Daniel Elich (33) ist Biersommelier im Alten Mädchen. Seit 10 Jahren in Norddeutschland, seit 3 Jahren in den Schanzenhöfen, seit 2 Jahren Biersommelier: Das Leben von Daniel Elich dreht sich um Bier – jeden Tag. Ab sofort trinken wir mit ihm die besten Biere, besuchen mit ihm befreundete Brauer und erkunden mit ihm die Bierszene. Alle 14 Tage neu. Alle 14 Tage anders. Wein kann ja jeder.

Ps: Auf Instagram trägt Daniel den Namen @bieronkelHH_ und postet beharrlich rund ums Thema Bier. Macht Spaß!

 

Ein Neonazi steigt aus

Ausländer waren für ihn Abschaum. 15 Jahre lang hat Oliver Riek gehasst. „Die Burschenschaft hat mich indoktriniert“, sagt er. Für den ehemals überzeugten Nationalisten zählte nur Deutschland. Jetzt ist der 36-Jährige aus der rechten Szene ausgestiegen

Oliver Riek wartet schon. „Lebenslänglich“, steht auf seinem Shirt. Das Wort Hamburg unten fällt erst auf den zweiten Blick auf. Ein waschechter Hamburger. „Hey, schön dass du da bist“, sagt er mit kräftiger Stimme und strahlt. Sein Händedruck ist fest, sein Blick offen und einnehmend. Das war nicht immer so. „Früher hätte ich wahrscheinlich nicht mit dir geredet“, wird er später sagen. „Du bist recht dunkel, ich hätte meine Zweifel gehabt, ob du deutsch bist. Mit Menschen wie dir wollte ich damals nichts zu tun haben.“

Damals. Als Oliver Riek Nazi war. Einer von der ganz üblen Sorte. „Man muss keine Glatze haben und Springerstiefel tragen“, sagt er. „Leute wie ich sind viel gefährlicher – geistige Brandstifter, die alles tun, um der Demokratie zu schaden.“ Oliver Riek kippt einen Schluck Milch in seinen „ganz normalen Filterkaffee“, albert mit der libanesischen Bedienung, spricht selbstbewusst und schämt sich seiner Worte im vollbesetzten Eppendorfer Café nicht. „Warum auch? Ich möchte andere Menschen schließlich vor der Ideologie der neuen Rechten warnen und zeigen, wie man aus dem Sog des Rechtsradikalismus herauskommen kann. Ich stehe zu meiner Vergangenheit.“

Die Vergangenheit. Ihren Anfang nimmt sie in Finkenwerder. Dort wächst Oliver in einem behüteten Zuhause auf – mit einer älteren Schwester und einer Mutter, die SPD wählt. „Ich komme aus einem eher linken Haus. Mein Onkel war sogar Mitglied in der PDS“, sagt der heute 36-Jährige. Als ihm vor 20 Jahren das Fotoalbum seines Opas in die Hände fällt, ist er fasziniert. Ein strammer Nationalsozialist, der seine Zeit bei der Wehrmacht mit der Kamera begleitete. Die Geschichte interessiert den Jugendlichen, er verschlingt alles, was er über die deutsche Vergangenheit findet. Und knüpft während der Bäckerlehre erste Kontakte zur rechten Szene.

Die Burschenschaft. An sie gelangt Oliver Riek über Umwege. Ein Mitglied der umstrittenen „Pennalen Burschenschaft Chattia Friedberg zu Hamburg“ merkt schnell, dass er mit seinen rechten Parolen bei dem Jugendlichen auf fruchtbaren Boden stößt. „In die Burschenschaft kommst du nur über einen Leumund“, erzählt Oliver, der an seinem ersten Abend sofort begeistert ist. „Ein großes Männerbündel. Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten. Rechtsanwälte, Ärzte. Alle waren sehr nett, wir haben wahnsinnig viel Bier getrunken, alle haben sich für mich interessiert. Und dann ging es ganz schnell und ich wurde Fux.“

„Du musst tun, was man dir sagt: Trinken bis zum Umfallen oder bei Verfehlungen ein Glas Salzwasser runterkippen“

Die Fuxenzeit. „Du musst tun, was man dir sagt: Trinken bis zum Umfallen oder bei Verfehlungen ein Glas Salzwasser runterkippen“, sagt Oliver und erzählt von strengen Hierarchien und permanenter Anwesenheitspflicht. Die Hitlertouren findet er „spannend“. Im Vollwichs mit Band und Mütze geht’s nach Obersalzberg, in den Löwenbräukeller, zum Grab des Groß-Admirals Karl Dönitz, zu befreundeten Burschenschaften. Auch zu ehemaligen SS-Männern. „Das waren Popstars für uns“, sagt Oliver, der sich von ihnen Autogramme geben lässt. Er ist fasziniert. „Ich hatte das Gefühl, dass wir einen besonderen Platz in der Welt haben. Mit unserem deutschen Fleiß, unserer Identität. Während andere Länder permanent pleite sind, geht es bei uns immer weiter hoch. Ich fühlte mich plötzlich einem sehr starken Volk zugehörig.“ Der nächste Schritt: „Wir müssen patriotischer sein. Wir müssen nationalistischer sein. Wir müssen stolz auf unsere Nation sein.“ Ausländer? Alles böse Menschen. Oliver ist wütend. Immer. Die Wut wird zum Lebensinhalt. „Wenn ich etwas in der Zeitung gelesen hab und die Namen sah, dachte ich sofort: ,Das ist nun eindeutig kein Bio-Deutscher.‘ Das war für mich immer ein Beweis, dass die hier falsch sind. Integrieren sich nicht und machen nur Mist.“

Zwei Jahre dauert Olivers Fuxenzeit. Zwei Jahre, die er heute mit einer Sektenzeit vergleicht. „Du wirst dort extrem indoktriniert“, warnt der 36-Jährige. Das Gefährliche sei, dass auf den ersten Blick nicht wirklich erkennbar sei, welche Burschenschaften rechtsradikal sind. „Nach außen geben sich alle immer als völkisch, aber auch demokratisch aus: ,Wir sind stolz, Deutsche zu sein, aber wir diskriminieren nicht.‘ Aber das ist natürlich alles Quatsch. Gerade die Chattia ist eine rechtsradikale ultra-antisemitische Vereinigung“, betont Oliver Riek. Das sieht auch der Verfassungsschutz so, der die Chattia als rechtsextrem einstuft. „In den bisherigen Äußerungen der Chattia ist ihre Affinität zu völkisch-rassistischem Gedankengut deutlich erkennbar“, sagt Annika Frahm vom Hamburger Verfassungsschutz, „seit ihrer Gründung wirken in der PB! Chattia außerdem Personen mit, die Beziehungen in die rechtsextremistische Szene unterhalten, unter anderem für die NPD aktiv waren und die deutliche Sympathien für den Nationalsozialismus zu erkennen geben.“ Als „schlagende“ Burschenschaft erwarte die PB! Chattia von ihren aktiven Mitgliedern zudem mindestens einen „Waffengang“ (Mensur) auf dem „pennalen Säbel“ gefochten. So sollen „Feiglinge und Dummschwätzer“ aussortiert werden.

So weit kommt Oliver nicht. Kurz vor Ende der Fuxenzeit entscheidet er sich für die Bundeswehr. „Das wird dort nicht gern gesehen. Die Bundeswehr ist schließlich die Besatzungsarmee, das ist unehrenhaft.“ Als er an seinem ersten Heimwochenende auch noch eine Einladung zu einer Ausfahrt ablehnt, kappt die Burschenschaft die Verbindung. „Ich wurde mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt“, erzählt er, der plötzlich als Abtrünniger gilt. Im Kopf jedoch ist er keiner. „Ideologisch eckte ich bei der Bundeswehr gar nicht an. Dort gibt es eh nur einen ganz schmalen Grad zwischen Patriotismus und Rechtsradikalismus.“ Oliver verbreitet auch dort weiter Verschwörungstheorien, spricht vom Weiterbestehen des Deutschen Reichs, sucht sich die richtigen Leute, die er auf seine Seite ziehen kann. Und lernt irgendwann einen Pakistaner kennen, der im Bus nach dem Weg fragt. „Ich wollte ihn ignorieren, aber meine gute Kinderstube siegte. Und dann haben wir uns irgendwie angefreundet.“ An seiner Einstellung ändert das aber nichts. „Ich hab einfach entschieden: Der ist nett, aber die anderen finde ich weiterhin scheiße. Dass das total beknackt ist, war mir damals nicht klar.“

„Ich will nicht mehr hassen. Ich will die Menschen sehen, wie sie wirklich sind.“

Die Wende. Sie beginnt erst, als Oliver seine Ausbildung zum Restaurantfachmann beginnt – ausgerechnet in einem Hotel, das für Integration und Inklusion bekannt ist. Dort lernt er, der überzeugte Nationalist, viele ausländische Kollegen kennen, lässt nach und nach Kontakt zu. Das Schlüsselerlebnis: Im Dezember 2016 bringt die Tochter der syrischen Nachbarsfamilie einen Teller mit Keksen zu Oliver und seiner Verlobten, wünscht frohe Weihnachten. „Einfach so. Ich dachte, das kann nicht wahr sein. Das war der allerletzte Tropfen.“ Oliver entscheidet: „Ich will nicht mehr hassen. Ich will die Menschen sehen, wie sie wirklich sind.“ Eine Woche später macht er seine Geschichte das erste Mal öffentlich, warnt in der Hamburger Morgenpost vor dem braunen Sumpf. Seitdem wird der 36-Jährige vom Hamburger Verein Kurswechsel betreut – dessen Psychologen erleichtern den Ausstieg aus der Szene.

Aber ist das so einfach? Ist es möglich, mit einer solchen 15-jährigen Vergangenheit ein ganz aufrechtes demokratisches Leben zu führen? „Mein Ausstieg ist ein langer, langer Prozess“, sagt Oliver und gibt zu: „Es ist auch heute noch schwierig. Manchmal muss ich noch mal einen Schritt zurückgehen und neu denken. Man ist ja nicht irgendwann geheilt. Ich habe viele Jahre aktiv daran gearbeitet, die Demokratie zu zerstören.“ Kurz überlegt er und sagt dann: „Es ist schwer, an sich zu arbeiten, aber wenn man niemanden hat, der etwas erwartet, der fordert oder von mir verlangt, eine einseitige Haltung einzunehmen, so ist man in der Lage, die Welt wirklich rational zu betrachten. Immer ein Stück mehr. Ich bin noch nicht am Ziel. Das ist auch nicht der entscheidende Punkt. Der entscheidende Punkt ist, zu wissen, was das Ziel ist.

Vieles ist jetzt neu für den Restaurantfachmann, der von Familie, Freunden und Arbeitgeber sehr bei seinem Ausstieg unterstützt wird. „Ich fange jetzt erst an, mir auch andere Meinungen anzuhören, informiere mich auch über Parteien wie Die Linke zum Beispiel. Das wäre früher nie in Frage gekommen, da wären es Volksverräter für mich gewesen. Jetzt fange ich an, andere Meinungen zu akzeptieren. Da stoße ich manchmal schon noch an meine Grenzen. Nicht, weil ich jemanden ablehne, sondern weil es so schwer ist, zu lernen, die Welt aus einer anderen Sicht zu betrachten.“

Was motiviert ihn, so offensiv mit seiner Geschichte nach außen zu gehen? „Mein Weg ist kein typischer. Ich will zeigen, dass es ganz normale Menschen sein können, denen man das Rechts-sein nicht gleich ansieht. Und das macht es so viel gefährlicher. Wie die AfD: die posten bewusst Fake-News zum Thema Asylpolitik und nutzen das, um Stimmung zu machen. Die kommen mit einem bürgerlichen Anstrich und haben damit auch noch ganz großen Erfolg. Das darf nicht sein!“

www.kurswechsel-hamburg.de

Text: Ilona Lütje / Beitragsbild: Philipp Jung

 


Szene Hamburg Titel Oktober Der Text ist erscheinen in der  SZENE HAMBURG, Oktober 2017. Das Magazin ist im Oktober am Kiosk, in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!


 Das sagt der Verfassungsschutz

Die Schülerverbindung „Pennale Burschenschaft Chattia Friedberg zu Hamburg“ (PB! Chattia) ist im Dachverband „Allgemeiner Pennälerring“ (APR) organisiert, dem nach Eigenangabe aus dem Jahr 2013 neun Bünde angehören. 2013 fand ein von der „PB! Chattia“ ausgerichtetes APR-Treffen in Hamburg statt. Da die Schülerverbindung kein eigenes Verbindungshaus besitzt, ist sie bei größeren Veranstaltungen stets auf die Unterstützung anderer Burschenschaften angewiesen. Für dieses APR-Treffen hatte die studentische Hamburger Burschenschaft Germania („HB! Germania“) ihr „Germanenhaus“ zur Verfügung gestellt. Da die „PB! Chattia“ in der Vergangenheit bereits öfter im Fokus kritischer Berichterstattung stand, erhielt auch die „HB! Germania“ unerwünscht mediale Aufmerksamkeit, was das Verhältnis belastete und zu einer gewissen Distanzierung führte. Die Internetseite der Verbindung ist mittlerweile knapp und allgemein gehalten. Ihre Zurückhaltung und Vorsicht dürfte auch darauf zurückzuführen sein, keine weiteren Angriffsflächen für den Vorwurf des Rechtsextremismus zu bieten sowie um „Outings“ und Angriffen der hiesigen Antifa-Szene zu entgehen.

Selig? Und ob. 5 Fragen an Jan Plewka

Immer noch oder wieder Selig? Am 3. November erscheint das 7. Studioalbum der Hamburger Band Selig.  „Kashmir Karma“  heißt es, aufgenommen in Schweden, erstmals ohne den langjährigen Keyboarder Malte Neumann, der sich 2014 von der Band trennte. Wir haben Sänger Jan Plewka 5 Fragen zum Album gestellt.

Selig

Selig: Neue, alte Freundschaft auch im Viererpack. Jan Plewka, Christian Neander, Leo Schmidthals und Stephan „Stoppel“ Eggert. Foto: Mathias Bothor

SZENE HAMBURG: Jan, Kashmir Karma: Schöne Alliteration. Aber was genau meint der Titel?

Jan Plewka: Kashmir Karma ist die Beschwörungsformel für ein friedliches Miteinander und die Idee einer hellen warmen Zukunft durch ein freundliches Handeln im Jetzt.

Selig Kashmir Karma

Keine Zeit mehr für Experimente. Foto: Mathias Bothor

Klingt das Album so flauschig wie der Titel?

Flauschig. Krautig. Psychedelisch. Sphärisch laut und lyrisch heiter und tief im typisch seligen Soundgewand.

Also typisch Selig. Gibt es hörbare Entwicklungen und Veränderungen auf der neuen Platte erleben?

Nach all den Jahren der musikalischen Experimente besinnen wir uns wieder auf unsere Wurzeln und retten den Hippiemetaltraum rüber in die neue Zeit.

Welchen Stellenwert hat Selig in deinem Leben?

Selig ist meine Basis, mein Grundakkord, die Mutter aller Möglichkeiten.

Butter bei die Fische. Was gibt Selig dir, was dir die anderen Projekte, die du am Laufen hast, nicht bieten?

Leo, Christian und Stoppel


/REM /
Beitragsbild: Mathias Bothor


Selig Kashmir Karma Album Art WorkKashmir Karma erscheint am 3.11.17. Hier könnt ihr das Album vorbestellen.

Am 12. & 13. November 2017 treten die Jungs in der Hamburger Großen Freiheit 36 auf. Tickets ab 35,60 Euro gibt es an allen bekannten Vorverkaufsstellen.

Das Nachbarschaftsportal Kiekmo – eine App für Hamburg

Mit der App „Kiekmo“ will die Haspa den Hamburgern ihr Wohnviertel näher bringen. Warum Nachbarschaft so wichtig ist und welche Rolle dabei die neuen Schließfächer in den Filialen spielen, erzählt Redaktionsleiter Jan Schmitt (Foto)

Was sind die Themen auf Kiekmo?

Die großen Medienhäuser ziehen ihre Berichterstattung immer mehr aus den einzelnen Stadtvierteln zurück, und genau da gehen wir rein. Wir spüren die hyperlokalen Themen eines Stadtteils auf und zeigen über Porträts, Interviews und Tipps, was dort stattfindet und Relevanz hat. Momentan berichten wir aus Ottensen und Eimsbüttel, was sich zukünftig aber auf die ganze Stadt ausweiten soll.

Was unterscheidet Kiekmo von anderen Hamburg-Portalen?

Wir wollen die Leute nicht nur zu bestimmten Themen informieren, sondern auch gleich eine Lösung mitliefern. Vor Kurzem haben wir beispielsweise darüber berichtet, dass rund 80 Prozent der Stadträder ausgefallen waren, aber gleichzeitig haben wir mit der Information fünf Alternativen aufgezeigt. Neben spannenden Geschichten, wollen wir dem Leser einen Mehrwert mitgeben und ihn darüber hinaus natürlich unterhalten.

Welche Menschen porträtiert ihr?

Das sind Menschen, die ihr Viertel zu dem machen, was es ist. Das kann jemand sein der ein altes Handwerk betreibt oder der kleine Händler um die Ecke, bei dem die Anwohner regelmäßig ihr Gemüse kaufen. Über die Menschen und ihre Geschichten wird die Anonymität aufgebrochen und der Stadtteil persönlicher.

Die Leute rücken wieder mehr zusammen.

Ihr wollt die Menschen mit ihrem Viertel verbinden?

Jeder ist heutzutage in alle Richtungen vernetzt und virtuell ist das Reisen überallhin möglich. Aber, wer nebenan wohnt oder was direkt vor der eigenen Haustür passiert, wissen viele gar nicht. Meistens nehmen wir doch die gleichen Wege, zur Arbeit, zum Sport, wir wissen, wo wir feiern können, aber das war es auch schon. Über die Inhalte auf Kiekmo wollen wir die Menschen sanft anstoßen, ihr Viertel zu entdecken und vielleicht einfach mal das neue Restaurant um die Ecke ausprobieren.

Suchen die Menschen, gerade in einer Großstadt, wieder mehr die Nähe einer Nachbarschaft?

Ich glaube, dass die Leute wieder mehr zusammenrücken. Mit Kiekmo wollen wir eine Möglichkeit anbieten, als Nachbarn wieder enger zusammenzuwachsen. Wir bündeln unsere Inhalte nach Stadtteilen, weil wir uns wünschen, dass Kiekmo immer mehr als Nachbarschaftsportal verstanden und genutzt wird. Die App wird fortlaufend weiterentwickelt, und das gemeinsam mit den Nutzern, die durch ihre Kommentare wichtiges Feedback liefern. So soll Kiekmo nach und nach zu einer festen Plattform mit relevanten Inhalten für die einzelnen Viertel werden.

Die Bank wird zum Nachbarschaftstreff.

Kiekmo wird von der Haspa betrieben. Warum hat eine Bank diese Plattform initiiert?

Die Haspa möchte den Nachbarschaftsgedanken stärken und erreichen, dass die Leute, trotz Online-Banking, vermehrt in die Bankfilialen kommen. Ein erster Schritt sind die neuen Schließfächer, die bereits an neun Standorten verfügbar sind. Parallel dazu werden die Niederlassungen so umgebaut, dass der Kunde nicht nur seine Bankgeschäfte erledigt, sondern auch so dort Zeit verbringen kann. Es sollen Schreibtische aufgestellt werden und Kaffeemaschinen, weg von der typischen Bank mit Kassenschalter und Pappaufstellern, hin zum Nachbarschaftstreff. Und auf diesem Weg ist kiekmo einer der ersten Schritte.

 So funktionieren die Schließfächer

Jeder, egal ob Haspa-Kunde, kann diese Fächer kostenlos benutzen. Über die App werden die Standorte (99 Fächer in Ottensen und Eimsbüttel) angezeigt und auch der Code, um das Fach wieder zu öffnen wird darüber angefordert. Alle Gegenstände bis 250 Euro sind versichert. Die Größen sind unterschiedlich, so dass vom Fußball bis zur ganzen Sporttasche 24 Stunden lang alles aufbewahrt werden kann (natürlich bitte nichts Illegales). Auch ein Schlüssel kann darüber unkompliziert übergeben werden. Einfach diesen einschließen, Code an den Abholer senden und schon fällt das lästige Warten weg.

Kostenlos registrieren unter www.kiekmo.hamburg/app

Interview: Hedda Bültmann / Foto: Philipp Schmidt

Operation Ton #11. Das Festival für musikalische Zukunftsfragen

Unbändige Vorfreude jetzt! RockCity lädt vom 3. – 4. November zum 11. Mal die Crème de la Crème der musikalischen Szenen zum Festival für musikalische Zukunftsfragen nach Hamburg: Start frei für die Operation Ton

Operation Ton #11

Teil des Loop Session-Teams: Leila Akiny

Blick zurück: 2007 startete Operation Ton als lokaler Szenetreff. Elf Jahre später, sprich heute, hat sich dieses Format zu einem spannenden bundesweit in dieser Form einmaligen Festival gemausert.

Operation Ton, so die RockCity Hamburg e.V.-Crew um Geschäftsführerin Andrea Rothaug, ist popkultureller Aufschlag, Denktank, Entdeckerformat und Gegenstrombecken zugleich, nie gefällig und erfrischend nah am Herzschlag einer dissonanten Popkultur.

Oder anders: Einfach BÄM.

Killing me softly lautet das diesjährige Motto des Festivals.  Überall Krise, Klick sticht Inhalt, Qualität ist nicht relevant, das Musikbusiness windet sich. Ja, ein harter Wind bläst da draußen. Aber nein, hier wird nicht gejammert, sondern mit Sendungsbewusstsein aufbegehrt. Kreativität hat keine Grenzen. Nieder mit der Depression und den Ängsten, Netzwerke spinnen, Inspirationen suchen und gemeinsam Lösungen erdenken und erkunden, darum geht’s am 3. & 4. November.

In diesem Jahr präsentiert sich die bundesweite Festivalkonferenz mit neuer Mainstage im resonanzraum. Der OP-Plan ist gut gefüllt: Ein umfangreiches Programm aus Talks, Diskussionen, Konzerten, DJ-Sets, Demochecks, Performances, Installationen und ein erweitertes Workshop-Programm erwartet die Teilnehmer.

Operation Ton #11

Heimspiel: Der Hamburger Musiker Enno Bunger. Foto: Benedikt Schnermann

Neben handfesten Themen wie KSK, GVL oder Social Marketing behandelt das Festival für Musikmacher*innen auch kritische Fragen des Musikgeschäfts wie u.a. „How to survive prekäre Kunst“, „Artificial Intelligence“, „Ohne Noise keine Zukunftsmusik“ oder „Get Paid – The Technology behind Bitcoin“.

Operation Ton #11

Margarete Stokowski zündelt mit Worten

Lässige und kundige Speaker wie Josh Hall, das feminist punk Quartett Dream Nails, eine Lesung der wortstarken Kolumnistin und Autorin Margarete Stokowski inklusive Talk mit Linus Volkmann sind Teil des Programms. Weitere Appetizer:  ein intimes Konzert des Hamburger Songwriter-Paares JaKönigJa und die erstmals im Norden gastierenden LOOP Sessions mit Tribes Of Jizu, Pierre Sonality, Pöbel MC, Milli Dance (Waving the Guns), Mine, Maniac (Demograffics) & Keno (Moop Mama).

Operation Ton #11

Poebel MC. Foto: Jonas Friedrich

Weiterhin bestätigt für Abendprogramm, Workshops und Konferenz: Anna Schürmer, Booty Carrell, Blurry Future, Cosmic DJ, Die Achse (Farhot + Bazzazian), Fabian Reifarth, Gunnar Astrup, Hilde Kappes, Jan Dietrich, Joachim Griebe, Louise Vind Nielsen, Manuel Schwiers, Martina Mahnke, Marven Burchert, Michelle Leonard, Nils Finkeisen, Pfadfinderei, Tim Neuhaus, …, und, und, und.

Wir raten: Geht auf Entdeckungstour und lasst euch anstecken von einem Aufbruchsgeist voll knallbuntem Spaß und echter Inspiration.

Facts

  • Operation Ton #11 – Festival für musikalische Zukunftsfragen / Fr, 03.11.2017 + Sa, 04.11.2017
  • Orte: resonanzraum, Feldstr. 66 / Terrace Hill / Uebel & Gefährlich / Hamburg School of Music / SAE Institute Hamburg / Just Music / Groove City
  • Eintritt (beinhaltet Vorträge, Workshops und Festivalprogramm): 2-Tagesticket: 24€ zzgl. Gebühren // 1-Tagesticket: 15€ zzgl. Gebühren
    Tickets unter: www.operationton.de

/REM / Beitragsbild: Tim Rosenbohm

Reeperbahn Festival 2017. Die Newcomerin: Emily-Mae Lewis

Beim Krach + Getöse-Musikwettbewerb hat sie abgeräumt, sie tourte mit Pohlmann und spielte als Support von Y’akoto im Stadtparkt: 2017 war das Jahr für Emily-Mae Lewis. Jetzt tritt die Singer/Songwriterin gleich zwei Mal beim Reeperbahn Festival auf. Ein Gespräch über Ruhepole in einer lauten Branche

/Interview & Fotos: Regine Marxen

SZENE Hamburg: Emily, ich habe im Vorfeld unseres Gesprächs überraschend wenig über dich und deine Musik im Internet finden können. Was ist da los?

Emily-Mae Lewis: Ja, das stimmt. Ich bin noch nicht lange im Internet. Ich rutsche gerade erst rein in die Musik, mehr oder weniger aus Versehen. Ich habe in meinem Leben noch nicht so viele Interviews gegeben und bin nicht so internetaffin.

Dann erzähle mir doch mal ein bisschen etwas über dich. Wie bist Du zur Musik gekommen? Seit wann machst Du Musik?

Ich habe tatsächlich erst vor zweieinhalb Jahren angefangen, meine eigene Musik zu machen. Ich habe schon immer Gedichte geschrieben. Ich habe auch schon immer gesungen und auch lange Gitarre gespielt, habe das alles nie miteinander verbunden. Und dann schlug mir eine Freundin vor, mal einen Song zu schreiben. Und dann habe ich nicht mehr aufgehört. Das war Anfang letzten Jahres. Seit dem mache ich das und ziehe das durch.

Gemeinsam mit deiner Gitarre…

Genau. Einsam auf der Bühne (lacht)

 

„Aber ich bin scheiße jung. Da ist noch viel Zeit.“

 

Du bist 18, hast dein Fach-Abi in der Tasche. Was wäre denn eigentlich dein Ziel gewesen, außer der Musik?

Ich wollte eigentlich Kunst studieren. Weil ich sehr gerne male. Und dann ist es irgendwie anders gelaufen. Ich entdeckte die Musik, verließ die Schule, verwarf die Idee mit dem Studium. Schule ist nicht mein Ort. Ich machte in diesem Jahr den Popkurs, nahm am Wettbewerb Krach + Getöse teil. Der war dort überall ausgeschrieben. Und gehörte zu den Preisträgern. Es hat einfach funktioniert.

Was sagen deine Eltern dazu? Haben die auch einen musikalischen Hintergrund?

Nicht wirklich. Die hören beide gute Musik, und die haben mich als Kind sehr gut gepflegt mit guter Musik. Ich wusste mit drei Jahren, was die Beatles sind und konnte mitsingen. Meine Mutter und mein Vater machten Mixtapes und es lief immer Musik. Meine Mutter hatte zudem in Ottensen eine Kulturkneipe, und da gab es immer Live-Auftritte. Da war ich so ungefähr neun Jahre alt. Ich bin also mit Musik groß geworden.

Und jetzt bestimmt sie dein Leben: Krach + Getöse hast du gewonnen, Nils Wülkers Herz erobert. Und in diesem Sommer ging es ab. Eine kleine Tour mit Pohlmann, eine eigene Tour, Support von Y’akoto im Stadtpark, Dockville. Langweilig war es in diesem Jahr nicht, oder?

Auf keinen Fall. Das war ein Sommer. Ich bin so viel rumgekommen, so viel rausgekommen, das hat mir richtig gut getan. Pohlmann war das Schönste, glaube ich, weil ich so viele Menschen kennen gelernt habe. Und es war meine erste Tour.

Was ist das Besondere bei der ersten Tour?

Ich glaube, sich darauf einzulassen. Ich musste in diesem Sommer lernen, mich auf vieles einzulassen. Gerade, weil man bei einer Tour nie weiß, was oder wie es kommt. Ich war eine Woche mit Pohlmann unterwegs, war auch noch ein bisschen erkältet. Und hatte echt Respekt vor den großen Musikern um mich herum. Ich meine, Pohlmann hörte ich das erste Mal mit sechs oder sieben Jahren. Aber die haben mich so schön aufgenommen. Das war echt cool.

Das hört sich toll an. Wie ist es denn überhaupt zu der Tour gekommen?

Arne Ghosh von 380grad hat das umgesetzt. Der begleitet mich auch auf Schritt und Tritt. Ich bin mit seiner Tochter befreundet, die auch Musikmanagerin werden will.

Das klingt nach einem sehr schönen, familiären Umfeld, das du gerade um dich hast.

Absolut. Ich starte sehr umarmt. Ich hätte es mir nicht schöner vorstellen können. Ich wurde einfach quasi vom Boden aufgehoben und gekuschelt und habe diesen Sommer so viel gemacht.

Wobei du ja auch viel Mut bewiesen hast, indem du dich auf die Bühne stellst. Hast du Schiss vor Auftritten?

Nein. Ich liebe Bühnen. Ich weiß nicht, was es ist, aber ich fühle mich da wohl. Ironischerweise gehe ich nicht gerne zu Konzerten und mag keine Menschenmengen. Aber auf der Bühne habe ich meinen Raum. Ich habe mir immer die Schuhe ausgezogen und setze mich dann im Schneidersitz auf die Bühne. Ich mache es mir bequem und die Bühne zu meinem Zuhause.

Emily-Mae Lewis auf dem Balkon des kukuun beim Interview zum Reeperbahn Festival

In der Ruhe liegt ihre Kraft: Emily-Mae Lewis spielt „unglaublich ruhige Musik“. Und wird sich auch auf dem lauten Kiez durchsetzen. / Foto: REM

Wie reagiert das Publikum darauf?

Meistens sehr warm. Es kommt auf den Kontext an. Ich habe festgestellt, auf Festivals zu spielen ist total geil, aber die Menschen erwarten was anderes. Wenn ich dann in mein Wohnzimmer komme, gehen einige weiter um zu feiern. In Berlin mit Pohlmann spielten wir im Lido und das war riesig groß. Und da haben mir auch viele Leute zugehört, aber einige unterhielten sich hinten. Die hörten mich auch gar nicht mehr an der Bar. Das hat mich erst irritiert, aber ich konnte das dann ausblenden.

Du wirst auch auf dem Reeperbahn Festival spielen, sogar zwei Mal. Und wirst in der Programm-Ankündigung mit Tracy Chapman verglichen. Nimmt der Druck allmählich zu oder fühlt sich das alles noch fluffig an.

Der Druck nimmt zu. Aber ich glaube nicht, dass jemand was von mir erwartet. Das bin eher ich, die viel von mir selber erwartet. Ich merke, dass Teile von mir sich weiter entwickelt haben und andere nicht. Aber ich bin scheiße jung. Da ist noch viel Zeit. Ich bin umgeben von so viel erfahrenen Menschen, klettere eine Stufe hoch, rutsche wieder herunter. Aber das ist OK. Ich muss mir mal eine Pause geben. Wenn ich auf der Bühne stehe, spüre ich keinerlei Druck. Aber zuhause kommt das vor. Und dann muss ich lernen, zu entspannen.

Wer hilft dir dabei?

Meine beste Freundin. Die ist da. Die kann mich sehr entspannen. Sie strahlt sehr viel Ruhe aus. Gerade in der Musikwelt bin ich viel von aufgeregten und wuseligen Menschen umgeben. Meine Freundin tickt da anders. Von dieser Ruhe möchte ich mir dann eine Scheibe abschneiden und auf der Bühne vermitteln. Denn ich mach unglaublich ruhige Musik. Und natürlich hilft mir mein Netzwerk. Das mich aufnimmt, mir Jobs ermöglicht und mich auffängt, wenn ich falle.

Auf dem Reeperbahn Festival werden sich viele Singer/Songwriter und Newcomer versammeln. Hast du Angst, dort vielleicht unterzugehen?

Nein. Gar nicht. Auch wenn ich manchmal Druck verspüre, freue ich mich darauf. Das wird schön.

Hast du ein besonderes Ziel, das du die nächsten Monate ansteuern möchtest?

Ja. Gerade der Popkurs hat mir gezeigt, was ich alles kann. Der fordert einen heraus, und ich habe so viele musikalische Seiten an mir gefunden, von denen ich nicht wusste, dass sie existieren. Mein Ziel ist es, das unterzubringen in meinen eigenen Sachen. Und ich meine eigene Musik immer mehr zu lieben und zu schätzen weiß.


Emily in Concert

Emily-Mae Lewis könnt ihr beim Reeperbahn Festival 2017 an folgenden Tagen live erleben:

  • Do, 21.09.2017 / 16 Uhr / Miller/ Detlev-Bremer-Straße 16
  • Sa, 23.09.2017 / 22 Uhr /Haspa Filiale / Reeperbahn 70

Nick Cave & The Bad Seeds: Ein Leben in Bildern

Am 9. Oktober diesen Jahres treten Nick Cave & The Bad Seeds in der Sporthalle Hamburg auf – präsentiert von der SZENE HAMBURG. Damit ihr euch auf das Konzert einstimmen könnt, legen wir euch feinsten Lesestoff ans Herz: „Nick Cave – Mercy on me“, eine gezeichnete Biographie von Reinhard Kleist

Nick Cave Autor Reinhard Kleist

Seit 1996 Berliner, geboren bei Köln: Comic-Künstler Reinhard Kleist. /Foto: © Carlsen Verlag by Wolf-Dieter Tabbert

Der deutsche Comic-Künstler Reinhard Kleist weiß, wie man Geschichten visuell in Szene setzt. Seine Comics und Graphic Novels, unter anderem die Erzählung „Cash“, sind vielfach ausgezeichnet worden. Er arbeitet mit expressiven Strichen und zeichnet Bilder, die mitreißen und eine Sogwirkung entwickeln. Echtes Augenfutter und große Kunst.

Sein neuestes Werk: Nick Cave – Mercy on me

nick cave no mercy cover

Musiker, Schriftsteller, Schauspieler, Crooner – Nick Cave ist Kult. Intro- und doch extrovertiert, ein Mensch, bei dem die Grenze zwischen Realität und Kunstfigur verwischt.

Reinhard Kleist hat sich der realen Figur angenommen. Das ist nicht leicht, gerade, weil Cave selber sich schon früh gekonnt zum Mythos stilisierte.  Und so schwankt er zwischen Biographie und szenischen Ausflügen in den Gedankenkosmos des Künstlers. Es gibt da zum Beispiel diese Szene, in welcher Cave abhebt, zum Astronauten mutiert und Papierflugzeuge bastelt, die hinunter zu seiner Geliebten segeln. In diesen Momenten erreicht das Werk seine Höhepunkte, man hat das Gefühl, die Hauptfigur in ihren Gedankengängen und Motivationen zu verstehen. Oder zumindest zu erahnen, wie ein Mensch wie Cave tickt.  Man hätte sich mehr dieser künstlerischen, von der Biographie losgelösten Freiheiten gewünscht.

Dennoch: Der Comic ist lesenswert, ist toll erzählt in starken Bildern und pointierten Sätzen. Ein kleiner Blick in einen komplexen Kosmos voller Schönheit und Untiefen.

Tipp: Der Verlag bietet auf seiner Seite eine Leseprobe an.

Zusätzlich ist jetzt das Artbook „Nick Cave & The Bad Seeds“ erschienen.

 

Nick Cave and the bad Seeds CoverHier greift Kleist auf signifikante Szenen und Stationen aus Caves Leben zurück und interpretiert diese in gezeichneten als auch in gemalten Bildern. Es ist als Hardcover im stylischen Schallplattenformat (30 x 30 cm) erhältlich. Eine gelungene Ergänzung, die sich vor allem um den künstlerischen Kosmos Nick Caves und seiner Band dreht. Und gleichzeitig einen Einblick in Kleists Arbeit wirft.

Hier könnt ihr probeweise in den Comic hineinlesen.

 

 

Reinhard Kleist:

Nick Cave: Mercy On Me. Carlsen Verlag, Hamburg 2017, 328 Seiten, 24,99 Euro
Nick Cave & The Bad Seeds. Artbook, Carlsen Verlag, Hamburg 2017, 92 Seiten, 24,99 Euro

/Text: REM

 

 


Konzert Nick Cave & The Bad Seeds: Hamburg, Sporthalle, 9.10.2017, 20 Uhr, Tickets ab 59,10 Euro. Das Konzert ist fast ausverkauft.

Nick Cave

/ Beitragsbild /Foto oben: Propeller Music & Event GmbH