Interview: Moritz Bleibtreu über sein Regiedebüt „Cortex“

Moritz Bleibtreu feierte mit „Cortex“ auf dem Filmfest Hamburg Premiere. Der Schauspielstar schrieb das Drehbuch, führte Regie, produzierte den Film und spielte die Hauptrolle. Mit SZENE HAMBURG traf er sich vorab zum Gespräch und sprach über seine Erfahrung als Regisseur, seine Vorbilder und den Reiz komplexer Erzählungen

Interview: Marco Arellano Gomes

 

Mit einem dunklen Mercedes scheint Moritz Bleibtreu zum Interviewtermin. Er steigt aus, geht ein paar Schritte Richtung Lokal, fragt seine Agentin, ob sie ihm eine Flasche Wasser, einen Cappuccino mit Zucker und einen Aschenbecher organisieren könne und schwingt sich auf eine hohe Holzbank. Treffpunkt ist das vor Kurzem wiedereröffnete Restaurant „Farina Meets Mehl“ in Ottensen. Auf dem diesjährigen Hamburger Filmfest feiert Bleibtreus Film „Cortex“ Premiere. Er wirkt entspannt, ist bei bester Laune. Als er die aktuelle SZENE HAMBURG auf dem Tisch liegen sieht, erzählt er, dass seine Mutter (Theaterschauspielerin Monica Bleibtreu, Anm. d. Red.) in den 1980er Jahren das Blatt regelmäßig gelesen habe.

 

SZENE HAMBURG: Moritz, dein neuer Film „Cortex“ feiert dieses Jahr auf dem Filmfest Hamburg Premiere. Wie würdest du dich als Regisseur beschreiben?

Moritz Bleibtreu: Meine Erfahrung ist, dass ich als Regisseur vor allem Motivator bin. Wenn du im Team Leute hast, die gut sind, dann tragen alle von sich aus viel zu dem Film bei und bringen sich ein. Das ist ja das Tolle!
Es gibt im Grunde zwei Arten von Regisseuren: Die, die gerne abgeben und die, die das nicht tun. Ich gehöre definitiv zu denen, die gerne abgeben.

Gab es Regisseure, mit denen du gearbeitet hast, von denen du sehr inspiriert warst? Von denen du sagen würdest: „Von ihm habe ich viel über das Filmemachen gelernt?“

Letztendlich habe ich von jedem Regisseur, mit dem ich gearbeitet habe, auch etwas gelernt. Aber besonders hängen geblieben ist mir die Arbeit mit Steven Spielberg am Film „München“.

Was war an der Arbeit mit Spielberg so besonders?

Er ist die absolute Champions League und die Art Regisseur, in deren Tradition ich mich gerne sehen würde, ohne mich mit ihm vergleichen zu wollen. Damals habe ich Spielberg gefragt: „Kannst du mir jungem Schauspieler etwas mit auf den Weg geben? Und was machst du anders? Was macht dich so erfolgreich?“ Und dann sagte er: „Moritz, I don’t do anything. All I do is, I hire the best people in the world and I tell them how great they are“ („Moritz, ich tue nichts. Ich engagiere nur die besten Leute der Welt und sage ihnen, wie toll sie sind“). Er lässt die Leute am Set einfach ihren Job machen und vertraut ihnen. Spielberg ist eigentlich ein unterschätzter Regisseur, künstlerisch betrachtet.

Hat dich nicht auch Fatih Akin stark geprägt? Immerhin habt ihr vier Filme miteinander gedreht.

Klar, auf jeden Fall. Wir haben uns gegenseitig geprägt. Er würde wahrscheinlich das Gleiche sagen. Es gibt, ehrlich gesagt, kaum einen Regisseur, von dem ich nichts gelernt habe. Jeder hatte seine Stärken. Fatih hat zum Beispiel diesen absoluten Willen zur Wahrhaftigkeit – und wenn er sich dafür prügeln muss. Helmut Dietl hingegen will es genau so, wie er es sagt. Und wenn da ein Bindestrich steht, dann muss man den auch wirklich mitnehmen. Tom Tykwer wiederum ist ein wandelndes Filmlexikon. Der weiß alles über Film.

Als du das Drehbuch zu „Cortex“ geschrieben hast, hattest du da schon die Darsteller vor Augen?

Leider nicht. Das ist auch einer der Gründe, weshalb ich mich selbst besetzen musste. Ich habe keinen mehr gefunden, der Zeit hatte und den ich wirklich gewollt hätte. Ich habe den großen Fehler gemacht, das Drehbuch nicht auf Schauspieler hin zu schreiben. Ich hatte mir gedacht: Ich schreibe diese Geschichte und dann schauen wir mal. Das würde ich so nicht noch mal machen.

Drehbuch, Regie, Hauptrolle, Produzent: Hattest du irgendwann die Befürchtung, dass du dir etwas zu viel zugemutet hast?

Ja, hatte ich. Ich habe sie auf eine Art noch immer – zumindest, was die Außenwirkung betrifft. Es war nicht so, dass ich gesagt hätte: „So, jetzt mache ich das alles hier für mich. Und alle anderen: Bitte zur Seite!“ So wirkt das nun wahrscheinlich, aber das Gegenteil war der Fall. Ich wollte mich nicht besetzen. Es war bloß niemand zur Verfügung, der mich wirklich begeisterte. Also dachte ich mir, bevor ich jemanden besetze, bei dem ich mir nicht sicher bin oder der sich in der Situation nicht wohlfühlt, nehme ich es lieber auf meine eigenen Schultern.

Bist du mit dem Ergebnis zufrieden?

Der Regisseur ist jedenfalls der Meinung, dass der Bleibtreu das ganz gut gemacht hat (lacht).

Konntest du als Regisseur die eigenen Szenen überhaupt aus der Außenperspektive betrachten?

Ich habe in solchen Momenten komplett an Thomas Kiennast, den Kameramann, abgegeben und gesagt: „Wenn ich spiele, dann führst du Regie.“ Ich habe dann auch voll auf ihn gehört und nichts hinterfragt.

 

„„Cortex“ hat keinen größeren Anspruch, als ein kleiner, verrückter Debütfilm zu sein“

 

Du bist ein sehr erfahrener Schauspieler. Hast du das Gefühl, als Regisseur deshalb ein besseres Händchen für die Darsteller zu haben?

Ich glaube schon, dass es für einen Regisseur von Vorteil ist, wenn er selber das Schauspiel kennt, weil er dann besser weiß, wo sich ein Schauspieler gerade befindet, wie sich eine bestimmte Nervosität äußert und wie der Schauspieler sich in bestimmten Momenten fühlt.

Bist du dann strenger oder gnädiger?

Auf jeden Fall gnädiger.

Die Erwartungshaltung ist hoch, wenn Filmstars bei einem Film das Drehbuch und die Regie übernehmen. Wie hast du dich darauf vorbereitet?

Ich denke, ich habe genügend Filme gemacht, um zumindest eine Vorstellung davon zu haben, was für eine Art Regisseur ich sein möchte. Der Rest ist Lernen. Ich mache das immerhin auch zum ersten Mal. „Cortex“ hat keinen größeren Anspruch, als ein kleiner, verrückter Debütfilm zu sein. Ich habe versucht, mich völlig frei zu machen von übertriebenen Erwartungen. Ich habe einfach das gemacht, was ich schon lange machen wollte – und zwar möglichst kompromisslos. Ich denke, das ist mir auch ganz gut gelungen.

Du machst in der Tat einen zufriedenen Eindruck. Viele Regisseure hadern ja mit ihren Filmen bis zur letzten Minute, da die Filme oftmals nicht so sind, wie ursprünglich gedacht.

Mittlerweile habe ich meinen Frieden damit gemacht.

Mittlerweile?

Es ist ein Prozess, zu verstehen, dass das, was man sich in seinem stillen Kämmerchen ausdenkt, nie das sein wird, was am Ende auf der Leinwand zu sehen ist. Filmemachen ist Teamarbeit. Du hast da mindestens 30 bis 40 Leute, die wichtig sind für alles, was passiert. Die große Kunst ist es, auch mal loszulassen und im richtigen Moment zu sagen: „Ich lass das jetzt und guck mir was Neues an.“ Nichts läuft durchgehend so, wie geplant.

 

Das Schreiben ist das Wichtigste

 

Beunruhigt es dich nicht, wenn nichts wie geplant läuft?

Ich kann mir schwer vorstellen, einen Film zu machen, von dem ich sage: „Ey, was für ein Brett.“ Dafür bin ich viel zu zweifelnd und zu selbstkritisch. Ich sehe immer erst mal Fehler, und erst langsam schleichen sich Gedanken ein, dass ich es vielleicht so schlecht gar nicht gemacht habe.

Was war denn deine wichtigste Erkenntnis bei der Produktion von „Cortex“?

Was ich mitgenommen habe, ist, dass das Schreiben das eigentlich Wichtige ist. Das ist etwas, das mein Leben garantiert verändert und was ich auch weitermachen will.

Wie kamst du überhaupt auf das Thema?

Schwer zu sagen. Ich weiß es ehrlich gesagt gar nicht. Ich habe irgendwann mal im Witz gesagt: „Weißt du, was man mal machen müsste? Einen ernsten Body-Switch-Film. Einen, der nicht lustig ist, auch nicht halblustig, wie bei ,Im Körper des Feindes‘ (,Face/Off ‘), sondern wirklich ernst. Das hat sich irgendwann in meinem Kopf festgesetzt.“ Ich habe immer aus Spaß gesagt: „Ich habe das erste Body- Switch-Drama der Welt gemacht.“
Na ja, möglicherweise ist mir ein Koreaner zuvorgekommen, aber im Westen bin ich, soweit ich weiß, der Erste.

Also hat dich vor allem die Filmgeschichte inspiriert?

Filmemachen ist nun mal ein sehr großer Teil meines Lebens. Künstlerisch betrachtet, spiegelt die Schauspielerei das Leben von jedem wider. Ich werde dafür bezahlt, viel Zeit meines Lebens nicht ich selbst zu sein, sondern anderen etwas vorzuspielen und gleichzeitig mich in dieser Figur zu suchen und zu finden. Das ist eine Parabel für das Leben an sich: Jeder sucht sich selbst. Im besten Fall findet man sich ganz, eventuell ein bisschen oder eben gar nicht. Dabei muss man ab und zu auch loslassen können. Du kannst nichts Neues machen, ohne etwas loszulassen. Du kannst nichts finden, ohne etwas wegzuwerfen.

Hattest du je das Gefühl, in eine Rolle so einzutauchen, dass du dich selbst darin verloren hast und nicht mehr wusstest, wo die Rolle anfängt und der Darsteller Moritz Bleibtreu aufhört?

Nein, weil dieses Suchen, dieses mich in einer Figur finden, nie Formen angenommen hat, die mich selbst kirre gemacht hätten. Es gibt aber Regisseure, die sehr fordernd sind. Und ich habe Filme gemacht, bei denen ich physisch an einen Punkt gekommen bin, wo es nicht mehr ging. Davon ausgehend kann auch persönlicher Kram in Mitleidenschaft gezogen werden. Aber ich gehöre nicht zu den Leuten, die
sich in einer Figur verlieren. Ich habe auch schon erlebt, dass ich von einem Filmset ging und sagen musste: „Ich habe den Charakter wirklich nicht gefunden.“

Bei welcher Figur war das der Fall?

Das sagt man der Presse natürlich nicht. (lacht)

Du hast als Schauspieler oft komplexe, fordernde Rollen gewählt, statt dich dem Mainstream zu verschreiben. Ist das dein Prinzip?

Mir macht kompliziertes Zeug im Allgemeinen einfach Spaß, ohne dass ich den Mainstream verurteile. Es gibt viele Mainstream-Filme, die ich sehr gelungen finde. Ich habe irgendwann einfach großes Interesse an komplexen Thematiken, Geschichten sowie komplexer Literatur und Musik entwickelt. Ich mag Sachen, die nicht auf den ersten Blick gefallen, sondern bei denen man etwas tun muss, um sich diese zu erschließen. Du siehst, liest oder hörst es nochmal und noch mal und noch mal – und beim fünften oder zehnten Mal merkst du: „Ach, das wollte der Typ! Jetzt habe ich das verstanden. Wie geil ist das denn?!“

Zurück zu deinem Film „Cortex“: Der spielt ja in großen Teilen in Hamburg. Hast du besonders gern hier in deiner Heimatstadt gedreht?

Ja, klar. Das war toll. Nicht nur wegen der schönen Kulissen, die diese Stadt bietet, sondern auch, weil ich mich darüber freute, schnell zu Hause zu sein (lacht). Der letzte Film, den ich in Hamburg gedreht habe, war „Soul Kitchen“! In Hamburg wird leider viel zu wenig Kino gemacht.

 

Seht hier den Trailer zu „Cortex“:

 

Es gibt Pläne, mehr High-End-Serien in Hamburg zu produzieren. Es gab eine lebhafte Debatte um eine alte, nicht mehr genutzte Posthalle, in der unter anderem eine Serie von Fatih Akin gedreht werden könnte. Braucht Hamburg ein solches Studio?

Alles, was den Filmstandort Hamburg attraktiver macht, ist definitiv zu begrüßen. Ohne staatliche Subventionen würden wir hier in Deutschland nicht einen einzigen Film machen. Deswegen können wir der Subvention und der Öffentlich-Rechtlichen nicht genug danken. Mich ärgert bloß, dass dieses System so stark ländergebunden ist. Das ist nicht immer hilfreich, vor allem, wenn mehrere Länder subventionieren und man gezwungen ist, in jedem der beteiligten Länder zu drehen. Die Franzosen haben ihre Förderung zentralisiert. Das würde auch hier viel Geld einsparen und dieses ständige Hin- und Herfahren verringern.

Heutzutage können es sich wenige erlauben, komplexe Filme zu machen. Oft scheitert es an der Finanzierung. „Cortex“ ist so gesehen ein mutiges Projekt. Wie würdest du den Film in aller Kürze zusammenfassen?

Ein Mann träumt von einem anderen Mann, bis er zu ihm wird. Der eine versucht, sein Leben zurückzubekommen, der andere versucht, das neue Leben zu behalten. Es ist eigentlich ganz einfach.

Wie, glaubst du, wird das Publikum den Film aufnehmen?

Natürlich hoffe ich, dass ihn viele Leute sehen – aber ich weiß auch, in was für einer Krise das Kino momentan steckt. Viele meiner persönlichen Lieblingsfilme waren im Kino nicht allzu erfolgreich, teilweise sind diese aber im Nachhinein zu Kultfilmen avanciert. Es wäre toll, wenn „Cortex“ dazu führt, dass die Leute sagen: „Lass mal gucken, was der Bleibtreu noch so macht.“


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Plädoyer für ein Grundrecht: Meinungsfreiheit

„Die Freiheit der Rede hat den Nachteil, dass immer wieder Dummes, Hässliches und Bösartiges gesagt wird. Wenn wir aber alles in allem nehmen, sind wir doch eher bereit, uns damit abzufinden, als sie abzuschaffen.“ Winston Churchill

Text: Markus Gölzer

 

Meinungen. Immer Meinungen. Kein Thema ist zu groß oder zu klein, als dass nicht irgendwer eine Meinung dazu hätte. Eine isst Königsberger Klopse dogmatisch nur mit Reis, ihr Freund schwört auf Kartoffeln. Nicht gerade beim Koran, aber doch bei der Kochkunst seiner Mutter. Der Maskengegner spreadet frei vor sich hin und versteht nicht, warum man ihm nicht seine Meinung lässt. Die anderen Fahrgäste im überfüllten Bus verstehen nicht, warum er das nicht versteht. Was alle Meinungen verbindet, ist, dass sie ein persönliches Werturteil sind. Ein ganz besonders wertvolles noch dazu, da es vom Grundgesetz geschützt ist.

Früher war alles einfacher. Auch die Meinungsbildung. Es gab nur eine Meinung – die der Herrschenden. Alles andere fiel unter die Zensur, bei der das Falsche schon im Begriff liegt. „Zensur“ leitet sich vom „Censor“ ab, einem hohen Beamten des Römischen Reiches. Der Censor führte die Volks- und Vermögenschätzung, den Census, durch und überwachte die guten Sitten. Er wollte hauptberuflich an das Geld der Leute. Was sie verzapften, war ihm egal, so lang es kein Schweinkram war. Auch wenn in der Antike nicht nach unseren Vorstellungen zensiert wurde, gab es keine Meinungsfreiheit. Es galt: Über den Kaiser macht man keine Witze. Wer anderer Meinung war, war es nicht lange. Er wurde hingerichtet. Wer im Verdacht stand, erst recht.

 

„Die freie Äußerung von Gedanken und Meinungen ist eines der kostbarsten Menschenrechte.“ Aus Artikel 11 der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte der französischen Nationalversammlung 1789

 

Jahrtausende lang hatten die Herrschenden immer recht, und wem würde das nicht gefallen? Dann kam mit der Französischen Revolution die Meinungsfreiheit. Und damit erst mal keine Erfolgsstory. Von Napoleon über Bismarck bis Hitler und Konsorten taten die Mächtigen alles, um der freien Meinung den Garaus zu machen. Beziehungsweise dem, der sie verbreitete. Erst mit Inkrafttreten des Grundgesetzes 1949 wurde jedem zugestanden, zu allem seinen Senf dazuzugeben. Was für ein Fortschritt, nachdem man seit Menschengedenken ständig Gefahr lief, sich um Kopf und Kragen zu reden.

Es gibt wohl kein Grundrecht, das sich im Alltag so positiv bemerkbar macht wie die Meinungsfreiheit. Laut Verfassungsgericht ist das Wesensmerkmal einer Meinung, dass sie sich „nicht als wahr oder unwahr erweisen lasse“. Man kann meinen, was man will, seine Meinung ständig ändern. Meinungsfreiheit ist keine Einbahnstraße, es herrscht brutaler Gegenverkehr. Man hat keine Meinung um der Meinung willen, man glaubt an sie und kämpft für sie.

Das Gespräch am romantischen Pärchenabend verläuft etwas zäh? Einfach ein altes Streitthema aufgreifen, und Unterhaltung ist garantiert. Ob man recht bekommt oder nicht – die Gegenargumente haben die eigenen geschärft. Auch wenn man in seinem Innersten natürlich weiß, dass man recht hatte. Das Einzige, was uns kahlrasierte Viecher vom Rest der Tierwelt unterscheidet, ist die eigene Meinung. Gedanken und Gefühle nicht aussprechen zu dürfen, ist unmenschlich.

Ohne Meinungsfreiheit kein Fortschritt: Der Mensch muss Standpunkte diskutieren und verwerfen dürfen, um voranzukommen. Das ist die Kraft der Wissenschaft. Wie schwierig muss die Erforschung des neuartigen Covid-19-Virus unter den Augen einer Öffentlichkeit sein, die immer zorniger endgültige Erkenntnisse einfordert. Eine neue Position ist kein Fehler. Eine zementierte schon. Aber was machen, wenn die andere Meinung so von der eigenen abweicht, dass es wehtut? Die Frontlinien der Hildmanns und Trumps dieser Welt laufen quer durch Familien. Hier kann man es mit Voltaires berühmtesten Zitat halten, dass nicht von ihm ist, aber immerhin von seiner Biografin Beatrice Evelyn Hall: „Ich hasse, was du sagst, aber ich würde mein Leben dafür geben, dass du es sagen kannst.“ Kontrovers-Kultur statt Cancel Culture! Allerdings nur so lange, bis der böse Ismus von Antisemitismus über Sexismus bis Rassismus ins Spiel kommt. Dann locker die Gelbe Karte überspringen, die Rote gezückt und Sperre. Oder sperren lassen durch ein offenes Wort mit der Personalabteilung. Hater können weg.


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Klein aber (sehr) fein: Filmfest Hamburg startet

Vom 24. September bis zum 3. Oktober findet das Filmfest Hamburg statt. Einiges ist anders, doch im Mittelpunkt stehen, wie immer, die Filme. Highlights: der Eröffnungsfilm „Enfant Terrible“ über das Leben von Regielegende Rainer Werner Fassbinder sowie „Cortex“, das Regiedebüt von Schauspielstar Moritz Bleibtreu

Text: Marco Arellano Gomes

 

Nicht weniger als einen „Kino-Rausch“ kündigt das Filmfest Hamburg für dieses Jahr an. „Klein, aber (sehr) fein“ soll das werden, gab Filmfest Hamburg-Leiter Albert Wiederspiel bereits im Juni zum Besten, wenn auch „der aktuellen Situation angepasst“. Damals war noch unklar, ob es in diesem Jahr überhaupt ein Filmfest geben wird. Andere Festivals mussten komplett in digitale Sphären ausweichen, andere wurden verschoben oder gar abgesagt.

Das Filmfest Hamburg findet statt. Vom 24. September bis zum 3. Oktober wird es eine der Situation angepasste 28. Ausgabe des Festivals geben – mit Kinovorführungen in den üblichen Lichtspielhäusern, Abaton, Cinemaxx Dammtor, Passage, Metropolis und Studio Kino, einem digitalen Film- und Rahmenprogramm und bis zu 70 hochkarätigen Filmen. Da das Platzkontingent begrenzt ist, werden zusätzliche Streaming-Tickets angeboten. „Streamfest Hamburg“ wird die digitale Option genannt.

Eröffnungsfilm am 24.9. ist „Enfant Terrible“. Der Film von Oskar Roehler zeichnet episodenhaft das Leben des deutschen Ausnahmeregisseurs Rainer Werner Fassbinder (gespielt von Oliver Masucci) nach, der im Mai dieses Jahres 75 Jahre alt geworden wäre. Ursprünglich hätte „Enfant Terrible“ bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes laufen sollen, die aber Corona-bedingt abgesagt wurden. Fassbinder steht, wie kaum ein anderer, für den Neuen Deutschen Film, eine Bewegung, die sich gegen das kommerzielle Kino der unmittelbaren Nachkriegszeit wandte. Bundesweit kommt der Film am 1. Oktober in die Kinos.

 

Seht hier den Trailer zu „Enfant Terrible“:

 

Ein weiterer Höhepunkt ist die erste Regiearbeit von Moritz Bleibtreu: „Cortex“. Der in Hamburg-St. Georg aufgewachsene Schauspieler hat auch das Drehbuch verfasst, den Film produziert und spielt darüber hinaus die Hauptrolle. In dem Streifen spielt er Hagen, den unkontrollierte Schlafphasen plagen, und der zwischen Traum und Realität zunehmend nicht mehr unterscheiden kann. Darunter leidet auch die Beziehung zu seiner Frau Karoline (Nadja Uhl). Als diese einen Seitensprung mit dem Kleinkriminellen Niko (Jannis Niewöhner) eingeht, kommt eine verstörende Verkettung der Geschehnisse in Gang.

 

Seht hier den Trailer zu „Cortex“:

 

Der diesjährige Abschlussfilm ist „Nomadland“ von Chloé Zhao mit Frances McDormand in der Hauptrolle, die eine Frau aus Nevada spielt, die nach einem wirtschaftlichen Zusammenbruch ihr verbliebenes Hab und Gut in einen Van packt, die Stadt verlässt und in den Westen aufbricht, um ein Leben außerhalb der Zivilisation zu führen.

Einige der Filme wären auch bei den Filmfestivals in Venedig und Berlin gezeigt worden und finden nun ihren Weg in die Hansestadt. Zudem werden im Format „Gegenwartskino im Fokus“ auch dieses Jahr zwei Filmemacher im Mittelpunkt stehen: die US-Amerikanerin Kelly Reichardt („First Cow“) und der chilenische Regisseur Pablo Larraín („Ema“). Sowohl ihre beiden aktuellen Werke als auch einige ihrer alten Filme werden gezeigt. Beide stehen auch für digitale Werkgespräche zur Verfügung.

Die im April ausgefallene „17. Dokumentarfilmwoche Hamburg“ findet in einer abgespeckten Version im Rahmen des Filmfestes statt. Zwölf Dokumentationen werden an einem Wochenende (2. bis 3. Oktober) im Metropolis gezeigt. Mit Ausnahme des Publikumspreises für den besten Film sind alle Wettbewerbe ausgesetzt. Neu sind die digitalen Live-Gespräche und die vorab aufgezeichnete Q&As – abrufbar auf der Website des Filmfestes.

filmfest-hamburg.de


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Portrait: Basketball-Coaching-Talent Sükran Gencay

Sükran Gencay ist mit den Basketballern des ETV in die 2. Liga Pro B aufgestiegen, es war der sechste Aufstieg in acht Jahren. Über ein außergewöhnliches Coaching-Talent

Text: Matthias Greulich

 

Sükran Gencay verdreht Augen, als sie einen Spieler der gegnerischen Mannschaft über eine Schiedsrichterentscheidung lamentieren hört. „Spiel’ doch mal Basketball“, ruft sie dem Zwei-Meter-Mann zu. Der Schlaks sieht die 160 Zentimeter große Frau mit dem schwarzen T-Shirt an und hört tatsächlich auf zu meckern.

„Ich mag klare Ansagen, das war schon immer so“, sagt die 34-Jährige, die als Headcoach mit den ETV Basketballern im Frühjahr sensationell in die 2. Bundesliga aufgestiegen ist. Es ist der sechste Aufstieg, seitdem Gencay vor acht Jahren das Team in der Kreisliga übernahm. Wenn in der dritthöchsten deutschen Spielklasse wie geplant am 16. Oktober die Saison beginnen kann, heißen die Gegner ART Giants Düsseldorf, Rhein Stars Köln oder SC Rist Wedel. Einige Spieler in der 2. Bundesliga Pro B können vom Basketball leben, andere sind Halbprofis oder opfern wie die Eimsbütteler Amateure fast ihre gesamte Freizeit für ihr Hobby. Das gilt auch für ihre ehrgeizige Trainerin, die als Projektmanagerin arbeitet und die Basketballabteilung des ETV ehrenamtlich leitet.

 

Ganz oder gar nicht

 

Der Job in einer Logistikfirma macht Gencay unabhängig: „Ich habe wenig Freizeit, sehe die Konstellation aber eher als Vorteil. Basketball bleibt eine Leidenschaft. Ich habe nicht diesen extremen Druck wie andere Trainer.“ Allerdings verzichtet sie in dieser Saison erstmals darauf, selber zu spielen. Bei der BG West, der Basketballgemeinschaft des SV Eidelstedt und des SV Lurup, könnte sie zwar gelegentlich aushelfen, aber „ich will dem Team dann auch gerecht werden“. Etwas nur halb zu machen, widerstrebe ihr.

Bräuchte man übrigens eine Referentin, um die Vorteile des Mannschaftssports zu schildern, wäre Gencay denkbar geeignet. „Die Möglichkeiten, sich als Persönlichkeit weiterzuentwickeln, hast du sonst nicht im Alltag“, findet sie. Umso mehr gilt das für die sehr vielfältige ETV Basketball Community. „Das ist einer unserer größten Reichtümer.“ Die Muslima ist dafür ein Beispiel. In Wilhelmsburg aufgewachsen, ging sie in St. Georg zur Schule und begann beim ETV Basketball zu spielen. Die Towers gab es noch nicht, es war für Wilhelmsburger Mädchen mit türkischen Wurzeln Mitte der 1990er Jahre nicht selbstverständlich, im Verein Basketball zu spielen. „Da ist meine Generation so etwas wie ein Türöffner.“ Mittlerweile seien junge Frauen wie sie in den Vereinen viel präsenter.

 

Wertschätzender Umgang

 

Je höher die Spielklasse ist, der die ETV Basketballer angehören, desto mehr wird es für Außenstehende ein Thema, dass da eine Frau Männer in der dritten Liga trainiert. „Anfangs hat mich das wütend gemacht, weil es für mich nie wichtig war“, sagt Gencay. Inzwischen sehe sie das Interesse der Medien entspannter. „Es ist noch keine Normalität, aber das kann sich ändern.“ Davon, dass Frauen ein Team anders führen als Männer, ist sie überzeugt. „Es geht um einen wertschätzenden Umgang miteinander.“ Sie schaffe es, deutliche Ansagen an der Seitenlinie mit einem guten Verhältnis zum Team zu verbinden, was im Leistungsbasketball eher selten ist.

Als ihre Spieler vor zwei Jahren als Aufsteiger in der Regionalliga reihenweise Spiele verloren, ging das Team reichlich deprimiert in die Weihnachtspause. Der Klassenerhalt war angesichts der vielen Niederlagen weit aus dem Blick geraten. Sükran Gencay schickte jedem ihrer Spieler einen handgeschriebenen Brief, in dem sie an die Stärken jedes Einzelnen im Kader erinnerte. In Zeiten von WhatsApp waren diese Briefe so außergewöhnlich, dass viele Spieler sich noch an den Inhalt erinnern können. „Das Schriftliche hat einen besonderen Wert, ich habe mir genau überlegt, was ich schrieb“, sagt Gencay. Und dass der ETV wieder an sich zu glauben begann, war ein erster Schritt für den Klassenerhalt, der einige Monate später tatsächlich gefeiert werden konnte. „Manchmal bin ich auch nett“, sagt sie und lacht.


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Kleiderspende: Hier könnt ihr Altkleider abgeben

Ihr habt euren Kleiderschrank aussortiert? Gut erhaltene Textilien könnt ihr bei diesen Stellen in Hamburg abgeben.

Text: Michelle Kastrop

 

Die Stadtreinigung hat alle 120 Altkleider-Container in der Stadt abgebaut, auch das Deutsche Rote Kreuz sperrte seine Container. Die Hauptgründe: Die Tatsache, dass unbrauchbare Textilien gespendet werden und die hohe Menge, weil die Hamburger während der Corona-Pandemie ihre Schränke ausgemistet haben. Wer trotzdem helfen oder die Kleidung aus Umweltgründen länger im Kreislauf halten möchte, sollte sich die Frage stellen: Würde ich es meinem besten Freund geben? Wenn die Antwort Nein ist, gehören die Textilien auf Recyclinghöfe. Wenn sie Ja lautet, nehmen folgende Stellen die Ware entgegen.

 

Stilbruch

Als Tochterunternehmen der Stadtreinigung Hamburg ist Stilbruch bekannt für Gebrauchtwaren, die sonst auf dem Müll landen. Auch Privatpersonen können ihre ausrangierten, aber noch brauchbaren Sachen zu Stilbruch bringen – natürlich auch Klamotten. Die Kleidungsstücke müssen allerdings in absolutem Topzustand und eigentlich zu schade zum Wegwerfen sein. Dann nehmen die Gebrauchtwarenkaufhäusern von Stilbruch sie gerne entgegen. Die Stores sind übrigens der perfekte Ort für Schnäppchenjäger.

Ruhrstraße 51 (Altona)
Helbingstraße 63 (Wandsbek)
Lüneburger Straße 39 (Harburg)
stilbruch.de

 

Oxfam Shops

Mittlerweile gibt es 54 Oxfam Shops in Deutschland. In den drei Hamburger Filialen können gut erhaltene Kleidungsstücke abgegeben werden. Doch es geht nicht nur um die Qualität der Secondhand-Artikel, sondern aktuell auch um die Quantität: eine Tasche oder eine kleine Kiste mit Kleidung, die zur Saison passen, reichen aus. Die Oxfam Shops stehen außerdem für nachhaltigen und bewussten Modekonsum und nehmen keine Artikel aus der Fast-Fashion-Industrie an. Die erwirtschafteten Finanzmittel kommen der Nothilfe, den Entwicklungsprojekten sowie der Kampagnenarbeit von Oxfam Deutschland e. V. zugute.

Bahrenfelder Straße 130 (Ottensen)
Hoheluftchaussee 58 (Hoheluft-Ost)
Wandsbeker Marktstraße 10 (Wandsbek)
shops.oxfam.de

 

Hanseatic Help

Im August 2015, als die Flüchtlingsströme in Europa ihren Höhepunkt erreichten, brachten viele Hamburger ihre Spenden zu der Kleiderkammer in den Messehallen. Aus dieser Aktion entstand zwei Monate später der Verein Hanseatic Help. Seit 2016 hat der Verein seinen neuen Standort am Fischmarkt. Es werden alltagstaugliche, saubere und intakte Spenden benötigt und derzeit nehmen die Helfer nur maximal zwei Taschen, Kartons oder Säcke pro Person an. Welche Textilien besonders gebraucht werden, steht auf der Homepage. Da die Festival-Sammelaktion von Hanseatic Help dieses Jahr nicht stattfinden kann, fehlt es insbesondere an Schlafsäcken und Isomatten.

Große Elbstraße 264 (Altona)
hanseatic-help.org

 

Kleiderkammer Caritas

Bis Anfang Oktober öffnen die Caritas im Norden nur die „Kleiderkammer to go“ am Mariendom 5 für Spendenausgaben. Danach nimmt sie wieder Altkleiderspenden entgegen. Die benötigten Klamotten sind: Jeans, Kapuzenpullis und Sportschuhe für junge Männer. Wichtig bei allen Artikeln ist neben der 1A-Qualität, dass sie passend nach Saison abgegeben werden. Kurze Sachen zum Frühling und Sommer, Winterjacken und Pullis zum Herbst und Winter. Also: Im September anfangen auszumisten und Anfang Oktober spenden!

Danziger Straße 66 (St. Georg)
caritas-im-norden.de

 

Nutzmüll

Nutzmüll e.V. wirkt aktiv an der Verbesserung der Lebensqualität von sozial benachteiligten Menschen mit. Die Stärke des Vereins ist die Verknüpfung von Beschäftigung, Qualifizierung sowie beruflicher und sozialer Integration von Langzeitarbeitslosen und Schwerbehinderten. Zugleich praktiziert Nutzmüll Umweltschutz durch Müllvermeidung, Wiederverwendung und Upcycling. Die Abgabe von Spenden ist in Bahrenfeld, Wandsbek und Billstedt möglich.

Boschstraße 15b (Altona) 
Am Stadtrand 56 (Wandsbek) 
Billbrookdeich 266, Zufahrt Berzeliusstraße 95f (Mitte) 
www.nutzmuell.de

 


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Hamburger des Monats: Benjamin Jürgens – Refugee Canteen

Viele Geflüchtete und Migranten haben in der Refugee Canteen erste Grundlagen für gastronomische Berufe gelernt, in denen sie heute arbeiten. Doch nach vier Jahren hat Gründer Benjamin Jürgens sein Herzensprojekt mangels Spenden 2019 vorerst eingestellt. Ein Gespräch mit dem 34-jährigen Gastro-Experten über ein mögliches Comeback dieser einzigartigen Akademie, seine Flucht aus Mümmelmannsberg und kulturelle Unterschiede beim Karottenzählen

Interview: Matthias Greulich

 

SZENE HAMBURG: Benjamin, wie entstand die Idee zur Refugee Canteen, eurem Schulungsangebot für Geflüchtete und Migranten?

Benjamin Jürgens: 2015 kam ich zurück aus Indonesien. Ich hörte zum ersten Mal, dass in den Messehallen Geflüchtete untergebracht waren. Wir saßen mit befreundeten Köchen zu­ sammen, haben uns ordentlich einen reingelötet und überlegt, was wir tun können. In der Nacht habe ich das Konzept geschrieben, so ganz genau ist die Erinnerung nicht mehr da.

Aber es war überzeugend.

Ich bekam positives Feedback von der KfW­-Stiftung (Kreditanstalt für Wiederaufbau; Anm. d. Red.), die uns gefördert hat. Wir taten uns mit einem Bildungsträger zusammen. Das Ganze nahm richtig Fahrt auf, weil wir uns die nötige Professionalität im Umgang mit dem Jobcenter ins Boot geholt hatten.

Im Januar 2017 entschlossen wir uns, das Programm für alle Geflüchteten un­ abhängig von ihrem Status zu öffnen. Wir konnten die Menschen erreichen, die zu uns kommen wollten, und muss­ten nicht jeden nach seinem Aufenthaltsstatus fragen.

 

„Den Menschen helfen, die zu uns ins Land kommen“

 

Es lief also ohne Förderung vom Jobcenter?

Ganz genau. Die Crux war: Wo ist das Geschäftsmodell? Von da an waren wir zu 100 Prozent abhängig von Spenden. Anderthalb Jahre lang war das überhaupt kein Problem. Das Thema „Essen, Getränke, Men­schen“ ist ein sehr schönes. Dann kamen weniger Spenden. Wir haben aus einem Zwölf-­Wochen­-Programm ein Drei­-Wochen­-Programm gemacht, um die Kosten immer weiter herunter zu schrauben.

Warum hast du soviel Leidenschaft in das Projekt gesteckt?

Ich wollte den Menschen helfen, die zu uns ins Land kamen. Das war für mich soziale Pflicht. Und ich musste dieser Branche, die mir viel gegeben hat, etwas zurückgeben. Denn ich war in einer ähnlichen Situation, als Kind aus Mümmelmannsberg, das sich ver­stoßen gefühlt hat, nicht zurechtkam in der Welt und in der Gastronomie sein Zuhause fand.

Warum ging es mit der Refugee Canteen nicht weiter?

Wir konnten der Gastronomie und Hotellerie nicht deutlich machen, wie wichtig es ist, heute zu investieren, ob­wohl der Notstand im Personalbereich groß ist. Ebenso wie die Abbrecher­quoten in der Ausbildung. Wir muss­ten deshalb Ende 2019 aufhören.

Man hat uns noch einige Angebote gemacht. Zum Beispiel, nur noch Frauen zu qualifizieren. Das war für uns nicht der richtige Weg. Wir hatten vorher etwa 20 Prozent Frauen bei uns im Programm und es war immer klar, dass jeder gleich wichtig ist.

 

Zwischen verschiedenen Sprachen und Kulturen vermitteln

 

Gibt es neue Ansätze?

Vor einigen Wochen gab es Ge­spräche, die Refugee Canteen auf eine Bar zu beschränken. Aber daraus wird dann ganz oft nichts. Weil das Inte­grieren von Menschen nicht einfach wie ein Hobby funktioniert. Es ist ein spannender Prozess, junge Menschen am Ball zu behalten, wenn sie das erste tiefe Tal haben. Wenn dir langweilig wird und du denkst: „Mann, ich kann keine Karotten mehr sehen.“ Oder es gibt Nachrichten aus dem eigenen Land, die nicht schön sind.

Man kann davon ausgehen, dass jeder, der bei uns war, eine hohe psychische Belastung hatte. Davon konnte sich keiner frei­ machen, selbst wir haben uns einmal im Monat selbst reflektiert und haben Coachings durchlaufen müssen. Weil wir mit Menschen konfrontiert waren, die sich gar nicht öffnen, andere haben einen Riesendruck und wollen den los­ werden.

Was hast du gelernt?

Wenn einer unserer Teilnehmer im Betrieb Probleme hatte, konnten wir sehr schnell erkennen, warum. Wir konnten zwischen den verschiedenen Sprachen und Kulturen vermitteln. Wir konnten dem jungen Teilnehmer sagen: „Wenn der Küchenchef das sagt, meint er das und umgekehrt.“ Ein ganz einfaches Beispiel: Wie viel Finger siehst du? (zeigt mit der offenen linken Hand Daumen, Zeige- und Mittelfinger)

Drei.

In arabischen Ländern wird von rechts nach links gezählt. Der Teilneh­mer schaut also zuerst auf die beiden Finger rechts. Wenn du sagst: „Hol’ mal drei Karotten“, sieht unser Teilnehmer zwei. Und die sehr direkte Ansprache, die wir in Deutschland ja doch haben, wird oft als sehr kritisierend angese­hen.

Unsere Erfahrung war, dass es in­ direkt besser funktioniert. „Bist du der Meinung, dass der Fußboden so sauber ist, dass wir Gäste einladen können?“, ist besser als „Du hast den Fußboden nicht sauber gemacht.“ Jemanden vor der ganzen Gruppe so klein zu machen, bedeutete immer Stress. Ich haben den Betrieben immer gesagt: „Auch wenn sie aus Syrien oder Eritrea kommen, sind das ganz normale Millennials, wie alle anderen auch in dem Alter. Die sind verliebt in ihr Telefon, die wollen ihre Sachen machen und wissen, ob sie in vier Wochen aufs Fes­tival gehen können.

 

Mümmelmannsberg ist ein anderer Stadtteil geworden

 

Was könnte ein nächster Schritt sein?

Im Grunde müsste Hamburg die erste gastronomische Vorschule grün­den, in der sich Menschen orientieren können. Es ist oft so, dass wir junge Menschen haben, die gar nicht wissen, was auf sie zukommt. Uns würde es helfen, Menschen zu finden, die in eine solche Idee investieren wollen. In meinen Augen hat das nichts mehr mit Geflüchteten zu tun. Wenn ich es mir überlege, bin ich aus Mümmelmanns­berg vor 18 Jahren geflohen, um meinen Weg zu gehen.

Ging es vielen ehemaligen Mitschülern ähnlich?

Ja, der Großteil hat studiert, Stipen­dien bekommen und richtig was aus sich gemacht. Das Stigma, mit dem wir aufgewachsen sind, war dann irgend­wann egal. Obwohl ich auch Freunde verloren habe, die bei Messerstechereien ums Leben kamen. Jetzt ist es ein ganz anderer Stadtteil geworden. Einmal im Jahr fahre ich hin, weil es schon Heimat für mich ist.

Ich bin im­mer überrascht, dass es langsam schön dort wird. Die Fassaden werden neu gemacht. Passt mir eigentlich nicht, ich fand es immer schön dort, muss ich sagen. Es war meine Hood, es hat dort immer so eigen gerochen. Auf einmal ist es ganz fancy, was es dort so gibt. Bis auf den Kiosk an der Gesamtschule Mümmelmannsberg. Der ist immer noch da, was ich sehr cool finde.

refugee-canteen.com


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2020. Das Magazin ist seit dem 29. August 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Kinostart: Love Sarah – Liebe ist die wichtigste Zutat

„Love Sarah – Liebe ist die wichtigste Zutat“ ist der Debütfilm der er Hamburger Regisseurin Eliza Schroeder

Eine eigene Konditorei im Londoner Edelstadtteil Notting Hill – das ist der Traum von Sarah (Candice Brown), doch kurz vor der Eröffnung stirbt sie überraschend bei einem tragischen Fahrradunfall. Ihre Tochter Clarissa (Shannon Tarbet) entschließt sich, nach Trennung von ihrem Freund, den Traum ihrer Mutter zu realisieren und die Konditorei zu eröffnen. Sie überredet ihre exzentrische Großmutter Mimi (Celia Imrie) und Sarahs beste Freundin und Geschäftspartnerin Isabella (Shelley Conn) dazu, mitzumachen. Als dann auch noch Matthew (Rupert Penry-Jones), der charmante Jugendfreund der verstorbenen Sarah und Backprofi an Bord ist, erwecken die vier die Konditorei zum Leben.

Liebe und Hoffnung, Humor und Herz – das sind die Zutaten dieses Films der Hamburger Regisseurin Eliza Schroeder. Ihr Debütfilm spielt in ihrer Wahlheimat London. Der Zuschauer spürt die Verliebtheit, die Schroeder dieser Stadt, aber auch der Backkunst gegenüber empfindet. Cremetörtchen, Himbeer-Eclairs und Schokoladenkuchen werden liebevoll in Szene gesetzt. Die kulinarischen Köstlichkeiten wurden eigens vom Spitzenkoch Yotam Ottolenghi kreiert und werden auf der Leinwand gebührend zelebriert. „Liebe ist die wichtigste Zutat“ heißt der Zusatz im Filmtitel, doch genau das wird dem Film ein Stück weit zum Verhängnis.

Die Liebe zur Stadt, zu den Leckereien und zum Filmemachen reicht nicht, um darüber hinwegzusehen, dass es den Charakteren an Tiefe fehlt. So ist von der Trauer des Verlustes seitens der Sarah nahegestandenen Protagonisten kaum etwas zu spüren. Über Sarah selbst erfährt man nichts. Rückblenden gibt es keine. Zudem vermag die zentrale Lovestory nicht genug Zauber zu versprühen. Der Story fehlt es an überraschenden Wendungen oder Einfällen. „Love Sarah“ ist unzweifelhaft ein schöner, leichter, ansehnlicher Film. Für ein Debütfilm reicht das allemal – und vielleicht ist es auch genau das Richtige für diese Zeit. So herrlich und schmackhaft wie eine Schokotorte. /mag

Kinostart: 10. September 2020

 


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Erstmals nur digital: Theaternacht Hamburg

Die Theaternacht findet erstmals nur digital statt – und ist dadurch für jeden zugänglich. Ein Gespräch mit Matthias Schulze-Kraft, Vorstand des Hamburger Theater e.V., über das, was auf die Besucher zukommt

Interview: Dagmar Ellen Fischer

 

SZENE HAMBURG: Matthias Schulze-Kraft, die diesjährige Hamburger Theaternacht findet am 12. September erstmals virtuell statt. Am selben Abend bespielen indes fast alle Hamburger Theater ihre Bühnen live, wird es Kollisionen geben?

Matthias Schulze-Kraft: Aufgrund der Beschränkungen ist die Durchführung einer analogen Theaternacht 2020 nicht möglich. Gleichzeitig können die Bühnen nach der langen Schließzeit und den Beschränkungen der Platzkapazitäten auf keinen Spieltermin verzichten. Da nur etwa 30 Prozent des Publikums Platz in den Theatern finden, ist die virtuelle Theaternacht ein attraktives Angebot für die anderen 70 Prozent. Zudem kann man auf diese Weise von überall an der Theaternacht teilnehmen.

Wie viele Theater werden sich 2020 am digitalen Format beteiligen?

Wir gehen davon aus, dass alle 44 Bühnen dabei sind. Im Hamburger Theater e. V. haben sich fast alle professionellen Bühnen der Hansestadt zusammengeschlossen – von der Staatsoper bis zum Theater das Zimmer mit seinen 40 Plätzen. Ein solch einmütiger Zusammenschluss so vieler Theater einer Stadt, die unterschiedlicher nicht sein könnten, ist einzigartig in Deutschland und wahrscheinlich weltweit.

Möglicherweise fehlen aber Häuser, weil es technisch nicht reicht, um diese Theaternacht umsetzen zu können?

Wir wollen auch die Häuser mitnehmen, die es aus eigener Kraft nicht schaffen und sie entsprechend unterstützen. Auch in der virtuellen Theaternacht soll die gesamte Vielfalt abgebildet sein – das ist schließlich das Grundprinzip.

Lichthof-Indentant Matthias Schulze-Kraft (Foto: G2 Baraniak)

Es soll Live-Programme geben und solche on demand, wie muss sich der digitale Besucher das vorstellen?

Im Prinzip läuft es ähnlich ab wie die analoge Theaternacht: Von einem zentralen Ort aus – das war in den vergangenen Jahren der Jungfernstieg, dieses Jahr ist es www.theaternacht- hamburg.org – wo ein allgemeines Programm stattfindet, können sich die Gäste auf die Reise machen. 2020 nicht mit dem Bus, sondern mit der Maus. Auf der Website kann man in die virtuellen Räume der einzelnen Theater klicken, entweder den Routenvorschlägen folgen, etwa der musikalischen Route, oder einen eigenen Weg durch die virtuelle Theaterlandschaft finden.

Gibt es auch eine zentrale Bühne in diesem Jahr?

Ab 20 Uhr wird eine Live-Show gesendet, die wir im Schmidt Theater vor Live-Publikum produzieren. Zwei bekannte Moderierende werden interessante Talk-Gäste empfangen, besondere Highlights der kommenden Zeit vorstellen und immer wieder zu den „rasenden Reportern“ schalten, die sich zum Beispiel unter die Premierengäste im Thalia Theater mischen.

Diese Live-Ausschnitte sind nur in einem bestimmten Zeitfenster zu sehen, gefilmte Beiträge hingegen auch noch nach dieser Nacht?

Die Live-Sendungen, insbesondere die Show aus dem Schmidts, bleiben live, aber die virtuellen Theaterhäuser Theater 57 Lichthof- Indentant Matthias Schulze-Kraft mit ihrem Angebot werden über die Theaternacht hinaus online zu besuchen sein. Das können Mitschnitte besonderer Produktionen sein oder Einsichten in laufende Proben und Arbeitsprozesse: eine Führung durch die Unterbühne, Interviews, Programmpräsentationen und vieles mehr. Manche, wie das Lichthof Theater, senden ebenfalls live.

Durch diese Aktionen entstehen Kosten, aber die diesjährige Theaternacht ist kostenlos für die Besucher, woher kommt das Geld?

Tatsächlich haben wir uns entschlossen, die virtuelle Theaternacht kostenlos anzubieten. Denn es ist uns wichtig, möglichst vielen Besucherinnen und Besuchern zu zeigen: Wir sind wieder da! Auch im analogen Raum. Dies ist möglich durch großzügige Unterstützung der Hermann Reemtsma-Stiftung und der Behörde für Kultur und Medien.

Wie denkst du persönlich über die gravierenden Veränderungen im Genre Theater durch die weltweite Pandemie?

Die Corona-Zeit hat die Spanne der Repräsentationsformen von Theater erweitert. Theater ist nicht mehr allein analog denkund erlebbar. Eindrücke aus verschiedenen Theatern vor Ort vermischen sich mit virtuellen Inhalten. Dies verdeutlicht die Situation, in der sich die Theater während und wahrscheinlich nach Corona befinden – vielleicht unsere neue Normalität.

theaternacht-hamburg.de

 


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Hier gibt’s das beste Frühstück in Hamburg

Hausgemachte Aufstriche, Brunch-Variationen und Gesundes zum Löffeln: Köstliches Frühstück findet ihr in diesen zehn Restaurants in Hamburg 

Text: Anissa Brinkhoff
Foto: Philipp Schmidt

Sortierung alphabetisch und nicht nach Platzierung, zuletzt aktualisiert 2020

Atelier F – Französisch-amerikanische Liaison

Mit Blick auf die Hamburger Fleete und den Tag beginnen: Die Lage und der Ausblick des Atelier F sind wirklich besonders. Das Restaurant liegt mitten in der Innenstadt, versteckt hinter einem Kaufhaus. Nun hat das Atelier F seit Kurzem die Speisekarte um ein Frühstücksangebot erweitert. Das Atelier F kombiniert die französische Küche mit amerikanischer Lässigkeit, und so gibt es zum Frühstück das „Petit Dejeuner“ mit Croissants und Baguette, das „American Diner“ mit Burger, aber auch Croques oder Bagels, Croissants oder Donuts, Pancakes mit Blaubeeren oder Avocado-Toasts und Smoothies. Was für ein Start in den Tag.

Atelier F: Große Bleichen 31 (Neustadt)

 

Café Brooks – Lässig in Eilbek

Dieses Café ist fast noch ein unentdecktes Juwel, weil es in keinem der hippen Stadtviertel Hamburgs liegt, sondern im westlichen Eilbek. Doch wer einmal das Frühstücksbuffet am Wochenende probiert hat, wird wiederkommen und den Freunden etwas Vorschwärmen. Zum Brunch lässt sich kurz und knapp sagen: Außer den Brötchen und knusprigen Croissants wird alles hausgemacht. Lang ausgedrückt: Marmelade, Nusscreme, Pesto, Chutneys, Aufstriche, verschiedene Salate, Obstsalate und Kuchen sind selbstgemacht. Dazu gibt es eine tolle Auswahl an Wurst und Käse, die Milch und die Bio-Eier stammen von Höfen aus dem Hamburger Umland. Gut zu wissen: Ein großer Teil des Buffetangebots ist vegan. Ein Ort in Eilbek, der sich kulinarisch sehen lassen kann.

Café Brooks: Hasselbrookstraße 37 (Eilbek)

 

Deichdiele – Brunchen in Wilhelmsburg

Die Deichdiele in Wilhelmsburg ist ein echter Stadtteilladen mit vielen Stammkunden – weil hier seit sieben Jahren fast täglich Konzerte, Ausstellungen und Filmvorführungen stattfinden. Doch es gibt noch einen Grund, in der Deichdiele vorbeizuschauen: das tolle Frühstück. Sonntags bietet Wirt Andreas Kürschner ein Buffet mit Brötchen, hausgemachten Dips, Tomate-Mozzarella, Obst und Rührei – und zwei frischen Waffelteigen, einmal vegan, einmal mit Eiern. Die Gäste dürfen selbst ans Waffeleisen – und ehe man sich versieht, kommt man so auch mit anderen Gästen ins Gespräch. Unter der Woche wird in der Deichdiele natürlich auch Frühstück angeboten, man muss sich nur entscheiden, ob es ein süßer, veganer oder deftiger Start in den Tag wird.

Deichdiele: Veringstraße 156 (Wilhelmsburg)

 

Glück und Selig – Zwei Freundinnen haben einen Traum

Das Glück und Selig ist nicht nur für die beiden Besitzerinnen Lina und Friederike ein wahrgewordener Traum, längst kommen Hamburger aus allen Stadtteilen – man sollte also rechtzeitig reservieren. Zum Frühstück gibt es süße, herzhafte, gesunde oder orientalische Teller. Wer zu zweit kommt, großen Appetit und ein bisschen Zeit mitbringt, sollte das Glück-und-Selig-Frühstück für zwei bestellen: Auf einer riesigen Etagere türmt sich dann eine Mischung aus allen Varianten, dazu gibt es Bio-Eier und Orangensaft. Wer nur schnell mal vorbeischauen möchte, kann einen mediterranen Panino auf die Hand mitnehmen. Oder süße Waffeln, die schmecken zu jeder Gelegenheit.

Glück und Selig: Heußweg 97 (Eimsbüttel)

 

Gretchens Villa – Oma ist jetzt up to date

„Sie bringt die Teller schon seit Jahren und spart jeden Cent für ihr eigenes Café“ – diese Zeilen sang die Band Revolverheld über Stefanie Margarethe Herbst, die bald darauf tatsächlich ihr eigenes Café eröffnete und diesem ihren Spitznamen „Gretchen“ lieh. Mitten in der trubeligen Marktstraße ist Gretchens Villa ein wunderbarer Ausgangspunkt für eine Shoppingtour durch die Vintageläden und Manufakturen des Viertels. Auf der Karte findet man sechs verschiedene Frühstücksvariationen. Die kann man je nach Hungerlage mit einem Obstsalat, Knuspermüsli, einer Acai-Bowl oder gekochten Eiern pimpen.

Gretchens Villa: Marktstraße 142 (Karolinenviertel)

 

Hej Papa – Familiengefühl an großen Tischen

Weil man im Hej Papa nicht reservieren kann, ist hier jede Verabredung zum Frühstück mit einer gewissen Spannung verbunden: Bekommen wir einen Platz? Damit alle glücklich sind, wird an den großen hellen Holztischen enger zusammengerückt, und das fühlt sich fast so an, wie bei einer schwedischen Großfamilie zu frühstücken. Vom Nachbarteller kann man sich gleich einmal inspirieren lassen: Heute mal französisch mit Croissant, Baguette, Käse und Knuspermüsli? Oder pochierte Eier im Glas und dazu ein hausgemachter Vanille-Orangenquark mit Obstsalat? Oder doch lieber Avocadobrot mit Ziegenfrischkäse, Ei und Lachs?

Hej Papa: Poolstraße 32 (Neustadt)

 

Jools – Morgens wie ein Kaiser

Im Jools wird sonntags ausgiebig gebruncht. Am Buffet können die Gäste zwischen den Optionen „Basis“, „Premium“ oder „Luxus“ wählen: Beim Basis-Brunch gibt es noch einen Kaffee dazu und in der Premium-Variante jeweils ein Glas Prosecco, Smoothie, Filterkaffee und eine Kaffeespezialität. Statt des Proseccos gibt es in der Luxus-Variante ein Glas Moët-Champagner. Man gönnt sich ja sonst nichts. Unter der Woche wählt man von der Karte, zum Beispiel das Wellness-Frühstück mit Hüttenkäse und frischem Obst oder das Full-English mit Rührei, Speck, Bratwürsten und Baked Beans. Ihre Lieferanten suchen die Küchenchefs bewusst aus und passen ihre Speisekarte regelmäßig den saisonalen Verfügbarkeiten an.

Jools: Bernadottestraße 20 (Ottensen)

 

Kropkå – Erlesene Happen für Produktverliebte

Im Kropkå schätzen die Gästen vor allem erlesene Produkte. So gibt es zum Frühstück cremigen Joghurt vom Milchhof Reitbrook mit frischen Früchten, Bio-Eier vom Hof Hornbrook, mit Tomaten oder Schinken zubereitet, sowie eine Auswahl an klassischen bis verrückten Stullen. Das Veggie-Röstbrot mit Avocado, sahnigem Frischkäse und Sesam ist mit knusprigen Baconstreifen gepimpt auch für Fleischliebhaber interessant. Geröstetes Bauernbrot mit Rotschmierkäse von der Hafenkäserei in Münster, hausgemachtes Zwiebelconfit, Röstbrot mit luftgetrocknetem Landschinken, dicken Parmesanraspeln und Balsamicocreme – allein bei der Vorstellung läuft einem das Wasser im Mund zusammen.

Kropkå: Eppendorfer Weg 174 (Hoheluft-West)

 

Speisekammer – Futtern mit Andenken

Zwischen Eimsbüttel und Sternschanze liegt die Speisekammer, ein lichtdurchflutetes Lokal mit einer großen Glastheke voll mit Kuchen, Quiches und Keksen. Die Auswahl ist gesund, mit tollen Tees, selbstgemachten Säften, Bio-Eiern oder frisch zubereitetem Birchermüsli. Aber auch Fans von Deftigem können zwischen Frühstückstellern mit Tiroler Speck, geräuchertem Lachs oder Seeluftschinken wählen. Ein absolutes Muss sind die hausgemachten Brioches. Noch ofenwarm werden sie serviert, so dass die Butter beim Verstreichen schmilzt und man nur einen kleinen Klecks der Erdbeermarmelade braucht.

Speisekammer: Weidenstieg 5A (Eimsbüttel)

 

Was wir wirklich lieben – Rührei vom eigenen Huhn

Ein Name, der viel verspricht: Was wir wirklich lieben. Gemeint sind damit die Produkte, die im Café verwendet und verkauft werden und zum großen Teil tatsächlich vom eigenen Hof in der Lüneburger Heide kommen: Kräuter, Gemüse, Obst und Eier.  Ein Augenschmaus sind die appetitlich angerichteten Platten, darunter das „Lieblingsfrühstück“ mit hausgemachtem Gemüseaufstrich, Rohkost, Avocado, Rote-Bete-Bulgur und Roggenvollkornbrot oder das „Gute-Laune-Frühstück“ mit Avocado-Hummus, Aufschnitt und Granola-Joghurt. Für alle, die ihr Frühstück gerne löffeln, gibt es auf Wunsch vegane Früchtebowls, Übernacht-Müsli, Acai-Bowls oder Chia-Pudding.

Was wir wirklich lieben: Hegestraße 28 (Hoheluft-Ost)

 


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Appetit auf mehr? 

Corona-Pandemie: Wie geht es der Hamburger Kultur?

Die Corona-Pandemie hat die Kulturlandschaft hart getroffen. Wie geht es weiter? Trotz Wiedereröffnung sind die Akteure zermürbt von Existensängsten. Zugleich kämpfen sie unermüdlich, damit es weitergeht. Eine Stimmung, zerrissen zwischen Optimismus und Verzweiflung. Vier Protagonisten aus der Szene berichten

Text: Ulrich Thiele

 

Überlebenskampf der Clubszene

Der Anblick des leeren Clubs versetze ihm jedes Mal einen Stich, sagt Constantin von Twickel beim Eintreten. Er setzt sich an den Tresen im Nochtspeicher, stellt zwei Wasserflaschen auf den Tisch und atmet erst einmal durch. Es ist brüllend heiß an diesem Freitagnachmittag, heute hat sich Twickel endlich mal einen Tag frei genommen. Er ist künstlerischer Leiter des Nochtspeicher und der Nochtwache und engagiert sich ehrenamtlich in den Vorständen des Clubkombinat Hamburg, einem Zusammenschluss von Clubbetreibern, Veranstaltern, Bookern und Agenturen, und der dazugehörigen Clubstiftung. Die letzten Wochen und Tage waren für ihn vollgepackt mit Gesprächen mit der Kulturbehörde und den Vorbereitungen für den September, wenn der Betrieb eingeschränkt wieder losgeht. Seinen ersten Corona-bedingten Ausfall hatte der Nochtspeicher bereits am 10. März.

Der britische Musiker und Autor Billy Bragg hatte seine Lesetour abgesagt. Am 13. März, also noch vor den behördlichen Anordnungen, stellte der Nochtspeicher freiwillig den Betrieb ein – wie so viele Clubs in Hamburg, die schon früh der Eindämmung des Virus höchste Priorität verliehen. „Wir kämpfen alle hart ums Überleben“, sagt Twickel. Der Nochtspeicher hat Glück im Unglück. Zum einen, weil die Hamburger Kulturbehörde schnell und engagiert auf die Krise reagierte. Zum anderen, weil er zu den förderberechtigten Clubs gehört, die die Corona-Soforthilfe der Kulturbehörde für anerkannte Live-Musik- Kulturstätten in Anspruch nehmen konnten.

Dafür mussten einige Kriterien erfüllt werden: Der Club musste unter anderem eine Mindestanzahl von vergangenen Veranstaltungen im Monat vorweisen und Gema-Zahlungen geleistet haben. Zwischen 50 und 60 Musikclubs erfüllen diese Kriterien, viele andere nicht. Selbst Clubs, die förderberechtigt waren, erhielten die Hilfe nicht, weil sie noch zu viele eigene Rücklagen hatten, die sie zuerst aufbrauchen sollten. Vergangenes Jahr hat der Nochtspeicher seit seiner Gründung 2013 zum ersten Mal überhaupt Gewinn gemacht. Der Club wurde also all die Jahre sowieso schon mit schmalem Budget betrieben, was hohen persönlichen Einsatz der Macher einforderte. Und viele Rücklagen konnte Twickel so natürlich nicht bilden, die wenigen sind inzwischen ohnehin aufgebraucht. Immerhin konnte er im Lockdown die laufenden Kosten um die Hälfte auf 20.000 Euro senken. Doch bereits im März konnte Twickel die knapp 30 Minijobber, die er beschäftigt und die nicht unter das Kurzarbeitergesetz fallen, kaum bezahlen. Denn innerhalb der ersten zwei Wochen des Lockdowns sind bereits 100 Veranstaltungen ausgefallen oder verschoben worden.

Sicherheitsabstand im Zuschauerraum vom Altonaer Theater. (Foto: Szene Hamburg)

Als die Behörde am 1. Juli die Verordnung zur Wiederaufnahme des Kulturbetriebs veröffentlichte, waren die Clubs davon noch ausgeschlossen. Ab dem 1. September dürfen auch sie einen reduzierten Betrieb aufnehmen. „Wir adaptieren das Szenario der Gastronomie“, erzählt Twickel. Eröffnet wird im Stil eines Jazzclubs, mit runden Tischen für vier Personen und Lämpchen. Rund 60 Gäste finden so Platz auf der 185 Quadratmeter großen Fläche. Es wird einen Tischservice geben, damit die Gäste nur aufstehen, wenn sie auf die Toilette müssen. Drei Konzerte sind unter diesen Bedingungen im September geplant, hinzu kommen Veranstaltungen im Rahmen des Reeperbahn Festivals. Irgendwas kann allerdings immer dazwischen kommen, je nach Lage. Momentan steigt die Zahl der Infizierten wieder. „Wir versuchen, das Unplanbare zu planen“, sagt Twickel. Das inkludiert auch Verschiebungen. Der geplante Ersatztermin im September für die Lesung von Billy Bragg musste abermals verschoben werden.

Dennoch: Bis zum 31.12. ist das Überleben gesichert, bis dann steht der Nochtspeicher unter dem Club-Rettungsschirm der Kulturbehörde. Der reduzierte Betrieb ab September wird über eine Fehlbedarfsförderung finanziert. Die Differenz zwischen den Kosten und den Einnahmen durch die Konzerte wird vom Staat übernommen, zu etwa 20 Prozent vom Land Hamburg, zu 80 Prozent aus Bundesmitteln. Insgesamt 1,5 Millionen Euro werden den förderberechtigten Clubs zur Verfügung gestellt. Auch wenn nicht viel erwirtschaftet werden wird, ist es dennoch eine Entlastung der staatlichen Töpfe. Und die ist notwendig, wenn man bedenkt, welche Ausgaben auf die Behörde zukommen. Es gibt beispielsweise Fördergelder für Clubs mit alten Lüftungsanlagen, damit sie ihre Räume pandemiegerecht umgestalten können. Bis zum 31. Oktober gibt es außerdem einen Topf für die Outdoor-Initiative, die das Clubkombinat und die Clubstiftung zusammen mit der Kulturbehörde erwirkt haben.

Aber es ist verworren, niemand kann gleichzeitig aus mehreren Töpfen Summen beziehen: Wer im September draußen Veranstaltungen macht und dafür eine Fördersumme bewilligt kriegt, kriegt nicht noch zusätzlich etwas für die Indoor-Veranstaltungen. So oder so: „Es ist ein Wettlauf mit der Zeit“, sagt Twickel, irgendwann sind die Töpfe eben leer. Viele kleinere Läden werden vermutlich gar nicht erst öffnen, weil es für sie nicht lohnt, wenn nur für zehn Menschen Platz ist. Und nicht alle Clubs werden diese Krise überleben. „Da muss man gar nicht drum herum reden“, so Twickel. Manche wird es finanziell treffen, manche werden entkräftet hinschmeißen, vermutet er. Was in diesen Zeiten ganz deutlich wird, ist, wie verwoben die unterschiedlichsten Branchen miteinander sind. Es ist wie ein Ökosystem: Die Leute gehen erst ins Restaurant, dann zum Beispiel in den Nochtspeicher aufs Konzert und anschließend nebenan in die Washington Bar.

 

„Scheiße, jetzt geht’s an die Substanz“ (Constantin von Twickel)

 

Twickel fasst die Bedeutung für Hamburgs Szene in einem Bild zusammen: „Wenn etwas aus diesem Kreislauf wegfällt, dann ist das so, als würde ein Tintenfisch einen Arm verlieren, bis er sich irgendwann nicht mehr fortbewegen kann.“ Er glaubt, dass einige Bars und Kneipen nicht überleben werden, weil sie keine Unterstützung kriegen. Denn die Bars unterstehen nicht der Kulturbehörde, sondern der Wirtschaftsbehörde. Auch wenn die Kulturszene sich von ihrer Behörde unterstützt fühlt, das Überleben kurzfristig gesichert ist, kommen enorme Schwierigkeiten auf die Branche zu. Denn unwegsame Faktoren spielen auch eine Rolle:

Kommen im September überhaupt Besucher, oder sind die Menschen gehemmt? Und wie sollen sich langfristig überregionale Tourneen von Künstlern realisieren lassen? Braucht es nicht zusätzlich Alternativkonzepte? Twickel: „Ich habe schon überlegt, ob man Schulen tagsüber den Raum zur Verfügung stellen könnte.“ Schließlich hätten diese gerade das Problem, zu kleine Klassenräume zu haben. Aber auch da gäbe es viel bürokratischen Behördenaufwand, um eine Genehmigung zu erhalten. Überhaupt sei das Bürokratische bisweilen hemmend. Vor einigen Monaten sammelte die Clubstiftung in der Spendenaktion „Save our Sounds“ 174.000 Euro ein. Dafür brauchte sie zunächst eine Sondergenehmigung der Finanzbehörde, um die Spenden ausschütten zu können. Ansonsten hätte die Stiftung ihre Gemeinnützigkeit verloren.

„Das war heikel. Das Geld musste eingefroren werden, einen Teil hatten wir schon verteilt, das musste zurücküberwiesen werden.“ Inzwischen sind die Gelder von einem unabhängigen Gremium und nach einem Schlüssel verteilt worden. Für Twickel gilt, was für alle gilt: Das Berühmte auf Sicht fahren. Abwarten und hoffen, dass das Horrorszenario nicht eintritt. „Ein zweiter Lockdown? Dann wäre Schicht“, sagt er. Ob er noch einmal psychisch die Kraft aufbringen könnte, durch einen Lockdown zu gehen, bezweifelt er. „Wir hatten alle unsere Tiefs, ich auch“, sagt er, „Am Anfang war ich noch voller Tatendrang. Als ich aber gemerkt habe, dass die Krise länger andauern wird, habe ich schon gedacht: Scheiße, jetzt geht’s an die Substanz.“ Doch nicht nur Clubbetreiber haben es aktuell besonders schwer, auch die, die von der Veranstaltungsbranche abhängig sind wie Toningenieure oder Caterer.

Zermürbung in der Kreativwirtschaft

„Die Lage ist überaus desolat“, sagt Egbert Rühl, Geschäftsführer der Hamburg Kreativ Gesellschaft. „Hope is everywhere“, steht auf einer Postkarte, die neben der Tür im Konferenzraum der städtischen Einrichtung in der Hongkongstraße hängt. Seit 2010 ist sie eine wichtige Anlaufstelle für die Kreativen der Stadt. Individuelle Beratung, Vorträge und Workshops stehen unter anderem auf dem Programm, um ihre Belange zu fördern. „Unsere Klienten leiden unter zermürbenden Existenzängsten“, sagt Rühl. Gerade zu Beginn der Krise sei die Verunsicherung groß gewesen, weshalb die Kreativ Gesellschaft eine Service-Hotline einführte. Die Nachfrage war hoch. Von Mitte März bis Ende April wurden rund 500 Beratungsgespräche geführt. Die häufigsten Fragen: Wo kann ich den Antrag für die Soforthilfen von Bund und Ländern stellen? Wie erhalte ich eine Grundsicherung? Ich befinde mich noch in der Ausbildung – bin ich antragsberechtigt? Dabei wurden erste Probleme sichtbar, denn die Hamburgische Investitions- und Förderbank (IFB), die für die Soforthilfen zuständig ist, fragte die Liquiditätsengpässe für die Monate März bis Mai 2020 ab.

 

„Der Staat hat enorm schnell und effektiv reagiert“ (Egbert Rühl)

 

Dabei erhielten viele Selbstständige in dieser Phase noch Zahlungen für kürzlich abgeschlossene Projekte. Der Corona-bedingte Engpass stand zu dem Zeitpunkt also erst noch bevor. „Grundsätzlich hat der Staat auf Bundes- und Landesebene enorm schnell und effektiv reagiert“, sagt Rühl. „In den Details sehen wir aber kritische Punkte.“ Einer dieser Punkte ist, dass Solo-Selbstständige und Freiberufler nur ihre Betriebskosten über den Rettungsschirm kompensieren können. Nicht aber ihr fehlendes Einkommen, dieses muss beim Arbeitsamt als Grundsicherung (Arbeitslosengeld II) beantragt werden. Das heißt: Solo-Selbstständige und Freiberufler können ihr Einkommen nicht geltend machen. „Wir haben unseren Klienten in den letzten zehn Jahren immer wieder gesagt, dass sie sich auch als Akteure des Wirtschaftslebens verstehen sollen“, sagt Rühl. Maler oder Schauspieler seien eben auch Unternehmer.

„Im Moment der Krise gibt die Politik ihnen aber zu verstehen, euer Einkommen ist keine Betriebsausgabe.“ Im Gegensatz zu Unternehmen, für die die Löhne der Angestellten zu den Betriebsausgaben gehören, also unternehmerisch bewertet und innerhalb der Rettungsmaßnahmen bezuschusst werden, rutschen Solo-Selbständige in das Sozialsystem, indem sie Grundsicherung beantragen müssen, um ihren Betrieb weiter fortführen zu können. Auch in Hamburg hieß es für Solo-Selbständige also von Anfang an: Betriebskosten aus den Rettungsschirmen, das eigene Einkommen aus der Grundsicherung – bei gleichzeitiger Senkung der Hürden zum Zugang zur Grundsicherung. In manchen Fällen können sogar die Mietkosten für die Wohnung über die Grundsicherung erstattet werden. „Es gab auch Hinweise von der Politik, dass man als Kreativer – wenn man geschickt ist – über die Grundsicherung mehr Geld bekommen kann, als wenn man seinen Unternehmerlohn in den Rettungsschirmen beantragt – das zeigt, dass die Programme zu Beginn noch nicht feinjustiert waren.“

Dennoch findet Rühl: „Grundsätzlich hat der Staat früh an Kreativselbstständige gedacht und es war gut, dass die Bürokratie versucht hat, das schnell umzusetzen. Dass die Dinge nicht immer bis zum Ende durchdacht sein können, ist eine unvermeidbare Kinderkrankheit.“ Dazu gehört auch zum Beispiel die „Mietstundung“. Der Senat verkündete: Wer Mieter eines städtischen Gewerbeimmobilienvermieters ist, kann seine Mieten bei diesem städtischen Vermieter stunden. Doch bei der Beantragung von Geldern aus dem Rettungsschirm, ist die Miete ein erheblicher Anteil davon. Also stellte sich die Frage, lieber die Miete stunden und nicht bei seinen Betriebskosten einberechnen? Oder sie nicht stunden, und diese im Rahmen des Rettungsschirms geltend machen? Zudem gab es eine Verordnung der Kulturbehörde, nach der zusätzliche Mittel von der Kulturbehörde nur dann bezogen werden können, wenn man seine Miete gestundet hat.

 

„Es gehört zur Natur der Kreativen, weiter zukämpfen“ (Egbert Rühl)

 

Inzwischen räume der Staat auf, die Programme würden ausdifferenzierter, auch auf Bundesebene. Auch stelle er jetzt Rückforderungen, weil im Nachhinein überprüft werde, ob alles ordnungsgemäß war, berichtet Rühl. „Ich nehme eine gewisse Verzweifl ung bei unseren Klienten wahr, und zugleich eine Bereitschaft , das irgendwie durchzustehen“, erzählt Rühl. „Aber es ist ungeheuer zermürbend.“ Die Zermürbung hänge auch mit der unsicheren Zukunft zusammen. Der Blick in die Zukunft reiche laut Rühl gerade mal von Woche zu Woche. Alles hängt davon ab, wie sich die Fallzahlen entwickeln und wann der Impfstoff flächendeckend bereitsteht. Eine Antwort darauf gibt es nicht, Prognosen sind reine Spekulation. Eine vorsichtige Prognose äußert Rühl aber doch: „Momentan ist der Tenor, dass wir das Virus eindämmen müssen – und das ist auch richtig, keine Frage. Aber es führt auf ökonomischer und künstlerischer Seite zu so massiven Verlusten, dass man über Alternativen nachdenken muss – wobei ich nicht weiß, wohin dieses Denken führt.“ In Richtung Herdenimmunität?

Rühl stöhnt ratlos auf. „Egal in welche Richtung das Denken geht, es wird sofort sehr schwierig. Man weiß nicht, wann oder ob der Impfstoff kommt. Niemand weiß es. Es ist ein Desaster“, sagt er und lacht. Gut, dass ihm das Lachen noch nicht im Halse stecken bleibt. „Es bleibt uns nichts anderes übrig“, meint Rühl. „Das ist schon eine fatalistische Haltung, denn diese Situation betrifft uns alle und es gibt niemanden, gegen den wir unsere Wut, so wir denn eine haben, richten können. Das Virus ist ja nicht menschengemacht.“ Im Grunde ist nichts sicher. Nur, dass ein weiterer Lockdown nicht passieren darf. Rühl: „Einen zweiten Lockdown für weitere drei Monate werden nur wenige überleben.“ Politisch stelle sich dann auch die Frage, inwieweit und wie lang ein Staat die Institutionen und Unternehmen noch über den Berg bringen kann, wenn sie selbst nichts einnehmen. Denn ewig kann die Subventionsmaschine nicht am Laufen gehalten werden.

„Wenn die Rahmenbedingungen wieder verschärft werden, verlieren alle die Perspektive“, erzählt Rühl. „Ich habe für diesen Zustand dann keine Begriffe mehr.“ Die Klienten seien zwar zermürbt, aber noch nicht so weit, dass sie Alles hinschmeißen wollen, denn „es gehört zur Natur der Kreativen, weiterzukämpfen und Alternativen zu entwickeln“.

Nach dem Stillstand geht am 3. September auch im B-Movie Kino der Betrieb wieder los. (Foto: Szene Hamburg)

 

Eine Dystopie für die Kinobranche

Auch die Kinobranche hat die Krise hart getroffen. Der Hauptverband Deutscher Filmtheater spricht von einem Umsatzrückgang von 80 Prozent im Vergleich zum vergangenen Jahr. Hans-Joachim Flebbe, Betreiber der ASTOR Film Lounge und des Savoy, macht aus der desaströsen Lage keinen Hehl: „Ich habe zwei Perspektiven für die Kinolandschaft im nächsten Jahr. Die eine ist schlimm, die andere ist ganz schlimm“, erzählt er am Telefon. Zunächst die schlimme: Flebbe geht davon aus, dass die Besucherzahlen sich um mindestens 25 bis 30 Prozent gegenüber dem Jahr 2019 verschlechtern werden.

Die bisherige Benchmark lag in den vergangenen Jahren bei 120 Millionen Kinobesucher pro Jahr in Deutschland. Diese Zahl werde wohl nie wieder erreicht werden, befürchtet Flebbe. Im nächsten Jahr geht er eher von maximal 80 bis 90 Millionen aus. „Das wird für viele Kinos sehr eng, es sei denn, der Staat erklärt sich doch noch bereit, größere Kompensationszahlungen zu leisten.“ Flebbe betreibt deutschlandweit Kinos, die sehr unterschiedlich staatlich subventioniert werden. In Niedersachsen etwa sei bisher keine Hilfe gekommen, dem Kino fehle es schlichtweg an Lobbyarbeit: „Es herrscht eine Ungleichbehandlung, die mich wütend macht.“ Hamburg habe noch Glück, die Kulturbehörde zeige Verständnis und die Hansestadt gehöre zu den wenigen Bundesländern, die auf ihre Kinokultur Wert legen. Flebbe hat von der Kulturbehörde je 50.000 Euro Hilfe für die ASTOR Film Lounge in der HafenCity und das Savoy erhalten. Das ist zwar nur ein kleiner Ersatz für mehrere Monate Stillstand, die Verluste bleiben. Aber immerhin helfen die Summen, die Last der Fixkosten abzumildern.

Die Phase der Stilllegung hat länger gedauert als gedacht, und die Zuschauer kehren nicht in gleicher Form zurück wie vor der Krise, wie man derzeit sieht. Viele haben Angst, zudem ist die Filmauswahl überschaubar, was das Wiederanlaufen erschwert. Selbst die eingeschränkte Auslastung von 25 Prozent, die die Abstandregelung von 1,50 Meter erreicht, reicht nicht für ausverkaufte Vorstellungen. Die ASTOR Film Lounge in der HafenCity hat erst vor Kurzem geöffnet, da die Verluste unter diesen Bedingungen in geschlossenem Modus niedriger waren. Das Savoy hat mit Klassikern von Stanley Kubrick und Quentin Tarantino wieder eröffnet. Kostendeckend läuft das natürlich nicht, aber die Verluste seien überschaubar, sagt Flebbe. Der größte Einschnitt, der die Kinolandschaft langfristig prägen wird, liegt im Siegeszug der Streamingdienste, den die Corona-Krise vorangetrieben hat. Zugespitzt formuliert: Wer vorher noch kein Netflix-Abo hatte, hat spätestens jetzt eins. Dadurch wird der Druck auf die Kinos noch größer.

 

„Man muss demütig sein, angesichts der Lage“ (Hans-Joachim Flebbe)

 

Die Abstandsregelung führt dazu, dass die Verleiher andere Wege suchen, um ihre Filme zu vertreiben – eben Streamingdienste. Das habe Spätfolgen, denn wenn es gut funktioniert hat, werden sie weiterhin auf Streaming setzen, befürchtet Flebbe. Hinzu kommt die neue Hiobsbotschaft, dass das Universal Studio in Nordamerika dazu übergeht, das exklusive Auswertungsfenster der Kinos von drei bis vier Monaten auf 17 Tage zu reduzieren. Und damit wären wir bei Flebbes ganz schlimmer Prognose: „Ich befürchte, wenn das exklusive Fenster fällt, wird mindestens die Hälfte aller Kinos überflüssig und das Geschäftsmodell Kino „Man muss demütig sein, angesichts der Lage“ (Hans-Joachim Flebbe) wird sich auf wenige Premiumkinos reduzieren, die ein besonderes Ausgeherlebnis für Kinoliebhaber anbieten.“ Derzeit gebe es so viele Probleme, dass er von Baustelle zu Baustelle blicken müsse. Der erste Schritt muss laut Flebbe in der Reduzierung der Abstandsregelung für Kinos gelten, um den Verleihern genügend Kapazitäten für eine Kinoauswertung zu geben.

In Nordrhein-Westfahlen, Berlin und anderen Ländern wie der Schweiz, Österreich und Frankreich ist die Abstandsregelung für Kinos bereits auf einen Meter herabgesetzt. Damit ist zumindest eine Auslastung von 50 bis 60 Prozent möglich, die das Kino für die Vertreiber wieder attraktiver macht. In Hamburg ist das noch nicht der Fall (Stand 21.8.2020). Die diesbezüglichen Gespräche mit Kultursenator Carsten Brosda liefen aber gut, berichtet Flebbe. Es gibt gute Gründe für eine Änderung der Regelung. Eine Untersuchung der TU Berlin hat ergeben, dass die Ansteckungsgefahr im Büro höher ist als im Kino. Die Charité hat diese Aussage bestätigt. Im Kinosaal ist die Ansteckungsgefahr gering, weil man in der Regel sitzt, nicht redet und es keinen Auswurf wie im Restaurant gibt. Nicht zu vergessen die Belüftungsanlagen, die so konzipiert sind, dass sie die Luft aus dem Kino gegen Außenluft austauschen. Zudem werden die Kunden im Kino durch Online-Systeme identifiziert.

Wenn also jemand das Virus bei einem Kinobesuch in sich getragen hat, ist dieser leichter zu identifizieren als in Restaurants, wo Gäste falsche Kontaktdaten angeben können. Ein anderer Hoffnungsschimmer, wenn auch nur ein kleiner, ist Christopher Nolans Blockbuster „Tenet“, der vermutlich viele Besucher anzieht. Flebbe rechnet mit einer Million Besucher, damit ist „Tenet“ aber der einzige Filme in absehbarer Zeit, der etwas höhere Zahlen generiert. Deswegen wird sich wohl auch jeder Kinobetreiber auf den Film stürzen. Das heißt, der Kuchen teilt sich auf viele Kinos auf. Flebbe zeigt den Film in der ASTOR Film Lounge zu verschiedenen Uhrzeiten in verschiedenen Sälen, damit er eine Kapazität erreicht, die der Verleiher sich wünscht. Eine Monokultur also, nicht optimal. Doch: „Man muss ja demütig sein, angesichts der Lage.“

 

„Ich bin durch und durch optimistisch“ (Axel Schneider)

 

Optimismus an den Theaterhäusern

Axel Schneiders Blick in die Zukunft ist weitaus heller. „Ich gehe sogar soweit zu sagen, dass ich nicht nur verhalten, sondern durch und durch optimistisch auf die nächste Saison blicke“, sagt er. Im September startet die neue Saison, für Schneider eine große Angelegenheit. Schließlich leitet er vier Privattheater in Hamburg, darunter die Kammerspiele und das Altonaer Theater. Ein Grund für seine gute Stimmung ist der Coup, den er für Letzteres landen konnte. Am 13. September feiert Ferdinand von Schirachs neues Stück „Gott“, in einer Inszenierung von Schneider selbst, Hamburg-Premiere. Wie schon in Schirachs „Terror“ fällt das Publikum am Ende ein Urteil. Schwerer Stoff, aber Schirach ist bekanntlich ein Publikumsmagnet. Schneider will bewusst keine vordergründigen Corona-Themen auf die Bühne bringen. Jetzt sei die Zeit, auch existenzielle Themen zu zeigen. In dem Stück „Die Kinder“ etwa, das am 6. September an den Kammerspielen Premiere feiert, geht es um einen Super-GAU an einer europäischen Küste.

Im Zentrum stehen die Fragen, welchen Preis die Zukunft für unseren heutigen Wohlstand zahlt und welche Verpflichtung wir gegenüber unseren Kindern haben. Natürlich hat das Stück durch die aktuelle Pandemie eine zusätzliche Komponente bekommen. Die Abstände, die auf der Bühne eingehalten werden müssen, seien bei den Proben eine Herausforderung gewesen. Es dürfe nicht verkrampft aussehen, die Maßnahmen mit ironischen Meta-Kommentaren zu unterlaufen, kommt für Schneider nicht in Frage. Der Sketch „Was man beim Bettenkauf beachten sollte“ von Loriot, den Schneider gerne im Altonaer Theater gesehen hätte, ist gar nicht erst umsetzbar – darin liegen vier Darsteller dicht an dicht auf Doppelbetten. Derzeit ist immer wieder von einer zweiten Welle die Rede.

Was ist, wenn es zu einer Rücknahme der Einschränkungen oder gar zu einem zweiten Lockdown kommt? „Das darf nicht passieren. Ganz einfach. Mehr kann ich dazu nicht sagen“, meint Schneider. In der Theaterszene herrsche derzeit eine Aufbruchsstimmung, so Schneiders Eindruck. Auch wenn die kommenden Monate für kleinere Theater schwer werden dürften. Besonders dankbar ist er der Hamburger Kulturbehörde, die eine großartige Hilfe gewesen sei. Und dank des Kurzarbeitergeldes musste Schneider keinen seiner Mitarbeiter entlassen. Die Politik unterstützt die Theater in der Tat reichlich. Die abgesagten Privattheatertage, deren Initiator Schneider ist, werden im kommenden Juni in einer Doppelausgabe nachgeholt, der Bund und die Stadt haben die Finanzierung bereits gesichert. Hinzu kommt die Solidarität des Publikums. Viele Theaterbesucher hätten auf eine Rückerstattung verzichtet, berichtet Schneider. Nun gelte es, den Besuchern glaubhaft zu vermitteln, dass ihre Gesundheit gesichert ist, vor allem dem älteren Publikum, sagt Schneider und klopft drei Mal auf den Tisch.

 


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2020. Das Magazin ist seit dem 29. August 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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