Work-Life-Balance: „Stress ist total angesagt!“

Stress im Arbeitsalltag ist vielen nichts Unbekanntes – dabei ist Stress nicht immer ein Übel. Warum er auch ein Ansporn sein kann, erklärt Prof. Dr. Dr. Stephan Ahrens, medizinischer Leiter des Hamburger Fachzentrums für Stressmedizin und der Klinik Blomenburg in Selent

Interview: Sophia Herzog

 

SZENE HAMBURG: Stephan Ahrens, wann haben Sie sich das letzte Mal gestresst gefühlt?

Stephan Ahrens: Das ist etwa eine Woche her.

In welcher Situation war das?

Ich fühle mich gestresst, wenn sich Anforderungen ineinanderschie­ ben, die ich nicht erwartet habe, und die dann die Aufgabe mit sich bringen, mich wieder neu zu sortieren.

Was ist Stress denn überhaupt?

Stress ist immer die körperliche und psychische Reaktion auf eine Herausforderung. Viele nehmen Stress als etwas wahr, was sie vermeiden sollten. Dabei ist Stress etwas, das den Menschen guttut und sie beweglich hält, sowohl körperlich als auch geis­ tig. Druck kann auch ein Ansporn für höhere Leistung sein. Schwierig wird es nur, wenn wir Stress im Übermaß empfinden und die Passung zwischen dem Ausmaß einer Anforderung und der Fähigkeit, diese zu bewältigen, nicht mehr stimmt.

Stress ist also nicht immer nur schlecht.

Richtig. Ich finde, dass der arme Begriff mächtig überstrapaziert wird. Ich lebe aber auch davon, deshalb kann mir das eigentlich nur recht sein (lacht).

 

„Der arme Stressbegriff wird mächtig strapaziert“

 

„Ich habe gerade so viel Stress“ – das hören wir gefühlt immer häufiger. Warum beschweren wir uns denn so oft über Stress?

Stress ist total angesagt. Letztes Jahr habe ich in einem Wirtschaftsmagazin ein Interview zum Thema Burn­out gegeben. In der Folge kamen ganz viele Manager zu mir und sagten: „Profes­sor, schauen Sie mal, ich habe so viel Stress, ich habe doch einen Burn­out“. Sie wollten eine Art Orden von mir verliehen bekommen, weil sie das Burn­out auch als erfolgreiche Leistungs­träger definiert. Diese Profilierung als engagierter, fleißiger und kompetenter Arbeitnehmer vermischt sich immer wieder mit dem Stress­Begriff.

Haben wir denn tatsächlich immer mehr Stress?

Die Arbeitsbedingungen in Unternehmen haben sich in den letzten Jahren extrem gewandelt. Mitarbeiter bekommen mehr Aufgaben, alleine die quantitativen Anforderungen sind also gestiegen. Außerdem schrumpft die Zahl der mittelständischen Unternehmen, international agierende Arbeitgeber sind nichts Ungewöhnliches mehr. Hier können die Arbeitnehmer zwar Homeoffice machen oder haben Gleitzeit, das müssen sie aber auch, wenn beispielweise aus der Zentrale in New York zu später Stunde noch eine Aufgabe reinkommt.

Mir fällt aber auf, dass viele Arbeitsbereiche in großen Unternehmen so strukturiert sind, dass die Mitarbeiter fremdbestimmter arbeiten. Von oben kommt also ein Auftrag, der muss erledigt werden. Dabei gibt es viele Untersuchungen darüber, dass sich die Zufriedenheit und Leistungsfähigkeit der Arbeitnehmer erhöht, wenn sie eigene Bestimmungsbereiche haben.

Die Digitalisierung hat dabei sicherlich auch ihren Teil beigetragen …

Natürlich. Wo man früher um 17 Uhr seinen Stift fallen lassen konnte, bekommt man heute auch noch um 22 Uhr Arbeits-­Mails auf das Handy. Durch die Digitalisierung sind wir immer erreichbar und müssen die Balance zwischen Arbeit und Privat­ leben anders herstellen. Alleine an der Arbeitszeit im Büro lässt sich das nicht mehr festmachen.

Müssten also die Arbeitgeber ihre Unternehmensstrukturen anpassen, damit Mitarbeiter sich weniger gestresst fühlen? Oder müssen Arbeitnehmer einfach lernen, sich an diese neuen Anforderungen anzupassen?

Das lässt sich gar nicht so pauschal sagen. Viele vergessen häufig, dass es nicht die eine Lösung für alle gibt. Wie schnell jemand Stress empfindet, liegt auch in der Persönlichkeit des betroffenen Menschen. Da gibt es bestimmte Persönlichkeitsmerkmale, die besonders stressempfänglich machen, also beispielsweise den Drang, es immer allen recht zu machen. Manche melden sich immer freiwillig, wenn Aufgaben verteilt werden, weil sie dem Chef signalisieren wollen, wie leistungsbereit sie sind. Andere können sich nicht von der Arbeit abgrenzen oder sind zu perfektionistisch. Das sind alles bestimmte Mechanismen, die Menschen ins Straucheln bringen und dann verhindern, dass sie ihre Arbeit bewältigen.

 

Die Work-Life-Balance

 

Woran liegt es denn, dass Arbeitnehmer diese Mechanismen entwickeln?

Das kann ganz unterschiedliche Gründe haben. Eine Rolle spielt auch, dass Mitarbeiter eine viel geringere Bindung zu ihrem Arbeitgeber haben. Früher waren viele ihr Leben lang beim gleichen Unternehmen, mit dem haben sie sich richtig identifiziert. Dieses Familiengefühl gibt es heute weniger, weil es in den meisten Firmen einen schnelleren Durchlauf gibt und Menschen den Arbeitsplatz häufiger wechseln. Das führt zu einem geringeren Sicherheitsgefühl, das Arbeitnehmer anders kompensieren.

Bei viel Stress wünschen sich Arbeitnehmer häufig eine bessere Work-Life-Balance. Ist das für Sie der Schlüssel zum Glück oder nur ein leeres Modewort?

Der Begriff „Work­-Life-­Balance“ sagt im Grunde etwas ganz Richtiges, weil er dazu anregt, sich genug Freiraum für die Gestaltung des Privatlebens zu erhalten. Wir sind alle ständig erreichbar, nach einem festen Zeittakt wie beim typischen Nine-­to-­five-­Job lässt sich das also nicht mehr strukturieren. Das muss man also anders regeln und sich inhalt­ lich anders sortieren.

Klingt leichter gesagt als getan. Gibt es Strategien, die helfen, wenn man merkt: Jetzt wird mir wirklich alles zu viel?

Das Innehalten als Grundprinzip ist wichtig, also hin und wieder zu pausieren und zu reflektieren: Was passiert gerade? Was habe ich auf dem Zettel? Kann ich das in dem Zeitkontingent, das mir vorgegeben ist, überhaupt schaffen oder muss ich meine Arbeitszeit anders portionieren?

Oft ist fehlende Struktur das Problem. Ich habe außerdem die Erfahrung gemacht, dass es gar nicht schlimm ist, mal Nein zu sagen. Eine Patientin beispielweise wollte immer Chefs und Kollegen gefallen und übernahm deshalb zu viele Aufgaben. Jetzt hat sie festgestellt, dass es ihr niemand übelnimmt, wenn sie etwas nicht schafft. Eine klare Ansage hilft immer.

stressmedizin-hamburg.de


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Heldenmarkt zeigt: So geht umweltbewusster Konsum

Die Verbrauchermesse „Heldenmarkt“ kommt dieses Wochenende nach Hamburg und zeigt, wie einfach und spaßig umweltbewusster Konsum geht

Text: Ulrich Thiele

 

Neue Helden braucht das Land, nein, die Welt. Nachhaltigkeit ist das Schlagwort des Heldenmarkts, Deutschlands größter Verbrauchermesse für umweltbewussten Konsum, die am 25. und 26. Januar 2020 in Halle A2 der Hamburger Messehallen ihre ökologisch korrekten Pforten öffnet. Das Motto: #fuerallediewasmerken. Nein, keine Angst, der Hashtag steht nicht für Verurteilungsgestus und Konsumanprangern. Der Heldenmarkt will lediglich zeigen, wie einfach es ist, nachhaltig und gesund zu leben, ohne sich in strenger Askese üben zu müssen. Damit jeder zum Helden des Alltags werden kann, jenseits industrieller Massenproduktion.

 

Vom Plattenladen zum Heldenmarkt

 

Ins Leben gerufen wurde die Messe, die neben Hamburg auch in Großstädten wie Berlin, Nürnberg, München und Stuttgart stattfindet, von Lovis Willenberg aus Berlin. Der ist eigentlich studierter Landschaftsplaner, wollte dann aber lieber DJ werden und einen Plattenladen aufmachen. Eines Tages las er im Greenpeace-Magazin einen Artikel über Turnschuhe aus gänzlich recyceltem Material und fand sie so cool, dass er sie haben musste.

Da der Schuhproduzent aber nicht in Deutschland, sondern in Großbritannien saß und sein Produkt nur in großen Mengen verkaufte, bestellte er kurzerhand eine große Ladung und bot sie in seinem Plattenladen an. Bald kamen fair produzierte T-Shirts dazu – Willenberg hat die Ökomode für sich entdeckt, die Idee einer großen Messe schlummerte damals wohl schon in der weichen Biobaumwolle der Babystrampler, die ebenfalls im Sortiment standen.

 

Konsum sollte Spaß machen

 

Willenbergs seitdem unveränderte Botschaft: Konsum sollte Spaß machen, ohne dass sich das schlechte Gewissen meldet. Und zwar in allen Lebensbereichen, wie die mehr als 80 Aussteller auf dem Heldenmarkt zeigen: Von Ökostromanbietern über ethische Geldanlagen bis hin zu bio-fairer Streetwear und Accessoires, Naturkosmetik und Bio-Lebensmitteln. In den Bereichen Wohnen und Lifestyle, Urlaub und Reisen, Freizeit und Mobilität gibt es diverse Angebote, die sich dem fairen Handel und einer ressourcenschonenden Produktion verschrieben haben. Sei es durch die Verwendung von recycelten Materialien oder durch die Förderung von Klimaschutzprojekten. Über 50 Prozent an jedem Standort sind zudem regionale Aussteller.

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Gummistiefel, 100 Prozent ökologisch korrekt? Ja, das geht! (Foto: Forum Futura)

Damit niemand schummelt, man weiß ja nie, müssen alle Aussteller nachweisen, dass ihre Lebensmittel biologisch produziert worden sind. Recycelte Materialien dürfen nur zu einem Viertel aus neuen Stoffen bestehen, Entwickler von Geldanlagen müssen beweisen, dass sie in ökologische Projekte investieren. Zudem erhalten die Besucher auch einen Blick hinter die Kulissen der Produktion. Wer wissen will, woher sein Produkt kommt, welchen Weg es gegangen ist und welche Menschen dahinterstehen, kann die Hersteller hinter dem Markenzeichen in persönlichen Gesprächen kennenlernen.

Ein reine Konsumveranstaltung ist der Heldenmarkt nicht, dafür sorgt das umfangreiche Rahmenprogramm zum Thema Nachhaltigkeit. Workshops, interaktive Ausstellungen, Podiumsdiskussionen, Vorträge, eine Tombola, DIY-Bastelaktionen, Modenschauen, Kochshows – puh, Moment, kurze Atempause – und Angebote für Kinder stehen auf der Liste. Sozusagen nachhaltige Nachhaltigkeit, denn für nachhaltigkeitsbewusste Generationen muss ja schließlich vorgesorgt sein.

Heldenmarkt: 25.1., 10-19 Uhr und 26.1., 10-18 Uhr, Messehallen (Halle A2)


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Lessingtage: Festival am Thalia Theater

Unter dem Motto „Wem gehört die Welt?“ finden zum 11. Mal die internationalen Lessingtage statt. Was damit gemeint ist und welche Fragen die Produktionen stellen, erzählen die Leiterin Nora Hertlein und die Dramaturgin Emilia Heinrich im Gespräch

Interview: Ulrich Thiele

 

SZENE HAMBURG: Nora Hertlein und Emilia Heinrich, wem gehört denn die Welt?

Emilia Heinrich: Jeder mit gesundem Menschenverstand würde natürlich sagen, dass die Welt entweder allen oder niemandem gehört. Der Titel ist bewusst polemisch formuliert, um auf Phänomene wie Kolonialisierung und Aus­beutung der Umwelt zu verweisen. Alle Produktionen beschäftigen sich mit diesen beiden Formen ungerechter Machtverteilung und den daraus re­sultierenden Folgen – aber fast immer mit einem positiven, selbstbestimmten Gestus.

Dystopien stehen aber auch auf dem Programm …

Nora Hertlein: Das stimmt, aber selbst die Dystopien sind keine Schwarz­malerei. Sie haben auf ihre Weise einen positiven Gestus, weil sie einen war­ nenden Charakter haben und eine Idee davon vermitteln, wie die Welt nicht werden sollte.

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Emilia Heinrich (l.) ist feste Dramaturgie- assistentin, Nora Hertlein Kuratorin des internationalen Programms (Foto: Andreas Brüggmann)

Wie genau bringen sich die Produktionen in die aktuellen Debatten ein?

NH: Ein Beispiel: Das Stück „Arctic“, eine Dystopie der belgischen Regisseurin Anne-­Cécile Vandalem, vereint beide Themen. Es geht um die Ausbeutung von Grönland und die Eisschmelze, die diese Ausbeutung er­möglicht. Grönland ist eine Lokalität, die die Zuschauer nicht so sehr auf der kognitiven Landkarte haben, wenn sie an Kolonialisierung denken. Vielen ist nicht bewusst, dass Grönland immer noch nicht vollständig unabhängig von der ehemaligen Kolonialmacht Däne­mark ist. Somit erweitert das Stück die Perspektive auf das Thema.

EH: Das Stück ist auch ästhetisch sehr besonders, weil es kein didaktisches Erklärtheater ist, sondern eine fiktive Geschichte entwirft: Im Plot ist ein Schiff mit einer Bohrinsel kollidiert, die illegal dort vor Grönland aufgebaut wurde, wobei Menschen ums Leben gekommen sind. In einer Mischung aus Live­Theater und Film auf Leinwand dreht sich die Geschichte dann um die Aufklärung des Kriminalfalls – wie ein Thriller.

Sie betonen die internationale Ausrichtung der Lessingtage. Was erwartet die Zuschauer außerhalb von Europa? 

EH: Das Stück „Orest in Mossul“ von Milo Rau, nach der Orestie von Aischylos, hat eine interessante politische Fragestellung. Rau wendet die Folie der Orestie – die nach Selbstbestimmung in der Durchbrechung einer Spirale von Gewalt und Rachemorden fragt – auf die politische Situation im Irak an.

2014 hat dort der selbsternannte „Islamische Staat“ das Kalifat ausgerufen. 2017 wurde die Stadt Mossul im Norden des Landes zurückerobert. Rau ist unter anderem mit der Fragestellung dorthin gereist, wie man mit gefangenen IS-­Terroristen umgeht. Er spricht gerne vom „globalen Realismus“ als Kunstform – weil er zum einen vor Ort recherchiert, Videos macht und mit irakischen Schauspielern arbeitet und somit die Realität des Ortes mit auf die Bühne holt. Zum anderen weil er seine Fragestellungen vor dem Hintergrund globaler Zusammenhänge stellt.

Wie kam es zu dem Mexiko-Schwerpunkt?

NH: Das war keine programmatische Idee im Vorhinein. Ich habe „Andares“ von Héctor Flores Komatsu auf einem Festival gesehen und war begeistert. Vier junge indigene Performer aus dem ländlichen Mexiko stehen auf der Bühne und erzählen von ihrer ethnischen Zugehörigkeit und ihrer modernen Lebensrealität. Es gibt ja viele indigene Gruppen in Mexiko, die sich als eigene Nation mit eigenen Sprachen definieren.

„Amarillo“ von Jorge A. Var­gas ergänzt das Thema. Das Stück ist schon einige Jahre alt, ist aber politisch relevanter denn je in Zeiten, in denen Trump einen Zaun zwischen Mexiko und den USA hochziehen will. Die zwei Stücke bilden ein Panorama mit zwei verschiedenen Lebenswelten in einem Land: Einmal geht es um diejenigen, die wegwollen und für die Mexiko ein Transitland ist. Und es geht um die Indigenen, die nicht wegwollen, aber unter dem Druck des Kapitalismus, der Ausbeutung der Natur, und der Mehr­ heitsgesellschaft leben.

Dazu zeigen wir eine Foto-­Ausstellung der spanischen Künstlerin Griselda San Martin. Sie zeigt auf erschütternde Weise, was für einen Riss es für Familien bedeutet, wenn die einen es auf die andere Seite schaffen, während die anderen zurück­ bleiben.

 

„Es ist wichtig, diese Diskussion anzustoßen“

 

Afrika findet sich in „Hereroland“ und „Reverse Colonialism“ wieder. In Ersterem geht es, wie der Titel schon vermuten lässt, um den deutschen Genozid an den Herero und Nama. Worum geht es in Letzterem?

NH: Um Einwanderer aus Kamerun und Nigeria, die in Belgien leben. Das Stück dreht sich um ihren Konflikt damit, keinen Platz in Europa zu finden, weil sie immer zwischen den Stühlen sitzen. Sie sind europäische Afrikaner oder afrikanische Europäer. Letztendlich führen sie diesen Zustand ad absurdum, indem sie ein eigenes Land für europäische Afrikaner entwerfen wollen.

EH: Das alles natürlich mit einem großen Augenzwinkern. Das Publikum kann abstimmen, wie dieser neue Staat aussehen soll. Das Stück führt den Zuschauern vor Augen, wie absurd Kolonialismus ist. Aber das Stück haben selbstbewusste Afrikaner in der Hand, die auf ihr Recht auf ein gutes Leben in Europa bestehen. Gerade weil das Hamburger Publikum mehrheitlich euro­päischstämmig und weiß ist, kann diese Perspektive interessant sein.

Gibt es auch Stücke, bei denen Sie mit einer Kontroverse oder gespaltener Meinung im Publikum rechnen? Dass Rassismus und Kolonialismus falsch sind, darüber dürften sich ja alle einig sein.

NH: Ich hoffe natürlich darauf, dass sich nicht alle im Publikum einig sein werden. Deswegen gibt es zu jeder Produktion eine Publikumsdiskussion. Bei „Orest in Mossul“ kann man zum Beispiel kritisch nachfragen, wo die Machtverhältnisse in der Produktion liegen, wenn ein europäisches Stadttheater in den Irak fährt und dort ein Stück vorbe­ reitet. Wir wollten das Stück trotzdem unbedingt zeigen. Es ist wichtig, diese Diskussion anzustoßen.

Lessingtage: Thalia Theater und Thalia Gauß, 18.1.-9.2.2020


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Klein Shanghai: Das Yu Garden Teehaus

Im chinesischen Teehaus in Rotherbaum, das heute am 17. Januar wiedereröffnet, entsteht Entspannung durch Kulturaustausch

Text: Erik Brandt-Höge

 

Rund 23 Millionen Menschen, 6.300 Quadratmeter Fläche, XXL-Glitzer-Skyline, größter Containerhafen der Welt: Das ist Shanghai. Die chinesische Metropole ist an Gigantismus kaum zu überbieten, als Wirtschaftsstandort eine globale Macht. Schwer-, Textil- und Elektroindustrie bestimmen die zweitgrößte Stadt des Landes. 13.000 Kilometer entfernt von Hamburg erscheint sie als hochmoderner Riese, wirkt westlicher als manch mitteleuropäisches Zentrum.

Hinter der blitzblanken Hightech-Fassade bietet Shanghai aber auch chinesische Tradition. Fest im Stadtbild verankert und echte architektonische Hingucker sind zum Beispiel Teehäuser. Zwischen den grauen Hochhausarrangements sind kunterbunte Areale dafür angelegt, mit üppig gestalteten Pavillons auf Stelzen, künstlichen Wassergärten und verschnörkelten Holztreppen. Es sind städtische Täler der Entspannung, in denen sich Shanghaier und Touristen vermengen, um bei einer Tasse Tee vom allgegenwärtigen Trubel abzuschalten. Wer teilhaben will an den typisch chinesischen Genussmomenten, muss jedoch keinen Langstreckenflug in Kauf nehmen, sondern nur eine Fahrt nach Rotherbaum.

 

Prestigeobjekt einer Fernbeziehung

 

Hamburg und Shanghai sind Partnerstädte, und das schon seit 1986. Gepflegt wird die Fernbeziehung durch Austauschprogramme für Schüler, Studenten und Praktikanten, durch gemeinsam organisierte Veranstaltungen und natürlich durch wirtschaftliches Hand-in-Hand-Gehen. Ein dauerhaftes Symbol der Liaison wurde 2006 in Hamburg errichtet: der Yu Garden in der Feldbrunnenstraße, direkt hinter dem Museum am Rothenbaum, einst Museum für Völkerkunde Hamburg.

 

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Eine Spezialität des Konfuzius-Instituts: das Laternenfest im Yu Garden (Foto: Universität Hamburg Marketing GmbH)

 

Auf einer Fläche von rund 3.400 Quadratmetern wurde ein Teehausensemble nach südchinesischer Bauart hochgezogen. Vorbild: das gleichnamige Teehaus aus der Ming-Dynastie. Hamburg stellte das Grundstück, Shanghai schickte Ingenieure und Bauerarbeiter. Zwei Jahre lang wurde aus Kiefernholz und Taihu-Steinen eine Anlage geschaffen, die einerseits zur Vermittlung chinesischer Kultur an das Hamburger Publikum dienen, andererseits einfach nur schöne, in Rotherbaum durchaus exotische Wohlfühloase sein sollte. Ab September 2008 war der Yu Garden für alle zugänglich. Und Nutzungsmöglichkeiten gab es viele.

 

Tee & Tagungen

 

Der mehrteilige Gebäudekomplex hatte einiges zu bieten, etwa im Teepavillon. Bei Schwarz-, Grün-, Reis-, Jasmin- und Chrysanthementee konnte der Hamburger Alltagsstress vergessen werden. Geradezu meditative Wirkung hatten die Aufgusszeremonien unterm Licht der überall aufgehängten Laternen. Ebenso gemütlich, aber deutlich deftiger ging es im anliegenden Restaurant des Yu Gardens zu. Hier wurden Ente, Schwein, Fisch, Frühlingsrollen und Suppen aufgetischt. Ziel des kulinarischen Genusses: eine Kultur durch ihre Küche kennenlernen.

Wem das zu schlicht erschien, der konnte am Kulturprogramm des Hauses teilnehmen, das von zuletzt zwei Hauptmietern auf die Beine gestellt wurde: der Uni Hamburg Marketing GmbH, die vor allem Tagungen und Events durchführte, und dem Konfuzius-Institut der Uni, das sich auch auf Vergnügliches konzentrierte wie Konzerte, Lesungen und Laternenfeste. Auch einen Konfuzius-Chor gab es, dem jeder, der Lust auf chinesisches Liedgut hatte, beitreten konnte.

Es passierte viel im Yu Garden, der Betrieb lief rund. Aber er hinterließ auch Spuren. 2017 erfolgte eine Bestandsaufnahme. Ergebnis: umfangreiche Renovierungsarbeiten waren dringend notwendig. Und selbst die waren ein chinesisch-deutsches Gemeinschaftsprojekt. Die Shanghaier Seite bot erneut Spezialisten auf, die zusammen mit der Baufirma CZICC Mannheim vom Marmorboden bis zur goldfarbenen Decke, von den rotbraunen, fein verzierten Fensterrahmen bis zu den winzigen Ziegeln der geschwungenen Dächer allerhand runderneuerten.

 

Auf zur Wiedereröffnung

 

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Wolfgang Wen (links), Hauptansprechpartner für das Ensemble, und Shuangzhi Li, ehrenamtlicher Vizedirektor des Konfuzius-Instituts ( Foto: Erik Brandt-Höge)

Sprung in die Gegenwart. Beim Ortsbesuch Anfang Dezember, zu dem der neue Hauptansprechpartner für das Ensemble, Wolfgang Wen, Präsident verschiedener chinesischer Vereine in Hamburg, einlädt, ist noch nicht alles fertig für die geplante Wiedereröffnung am 17. Januar. Das Wasser im Garten: trüb-grün. Die Pflanzen: farblos und schlaff. Im Inneren bedeckt Baustaub die Fliesen. Tische, Stühle und Bänke stehen nicht am gewohnten Platz. Einzig ein riesiger Aufsteller mit Bild von der Shanghaier Skyline bei Nacht funkelt schon im Eingangsbereich.

Dennoch: Wen wirkt sorglos, was den anvisierten Wiedereröffnungstermin angeht, freut sich gar euphorisch, wenn er davon erzählt. Ganz sicher sei er, dass der gewohnte Schulterschluss zwischen Stadt, Nachbarschaft und Gästen aus China einmal mehr bereichernd sein wird. Schließlich hätte das Yu Garden-Geflecht aus Gastronomie, Wirtschaft und Kultur bereits bewiesen, wie gut es für viele verschiedene Menschen in der Stadt funktionieren kann.

Zum erneuten Erfolg werde dann auch das Konfuzius-Institut seinen Teil beitragen, so Wen, weil es von Sprachkursen bis zum Singkreis wie zuvor zig Programmpunkte habe. Und das Restaurant, jetzt gemietet von Qiuyi Chen, Präsident der Hamburger China-Gesellschaft, werde die Tradition Shanghais in Hamburg einmal mehr abrunden.

Yu Garden: Feldbrunnenstraße 67 (Rotherbaum)


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„Lindenberg! Mach dein Ding!“: Biopic über Udo Lindenberg

Wer war eigentlich dieser Udo, bevor er seinen großen Durchbruch hatte? Hermine Huntgeburth erzählt in „Lindenberg! Mach dein Ding!“ die Geschichte des jungen Rockmusikers, der nach Hamburg kam

 Text und Interview: Patrick Heidmann

 

Eigentlich konnte niemand anderes dieses Biopic inszenieren als Hermine Huntgeburth, trägt die Regisseurin doch den gleichen Vornamen wie Udo Lindenbergs von ihm verehrte Mutter, nach der er 1988 sogar ein Album betitelte. Davon abgesehen natürlich, dass die Regisseurin seit mehr als 25 Jahren zu den erfolgreichsten und vielseitigsten Film- und Fernsehschaffenden des Landes gehört, ausgezeichnet mit dem Deutschen Filmpreis, dem Deutschen Fernsehpreis und mehreren Grimme-Preisen.

In „Lindenberg! Mach dein Ding!“ erzählen sie und Drehbuchautor Alexander Rümelin nun nicht das komplette Leben von Deutschlands wohl bekanntestem Rockstar nach, sondern widmen sich seinen musikalischen Anfängen im Hamburg der 70er Jahre, inklusive Rückblenden in seine Kindheit im westfälischen Gronau. Die Hauptrolle spielt der aufstrebende Newcomer Jan Bülow, außerdem standen unter anderem Max von der Groeben, Julia Jentsch, Detlev Buck und Charly Hübner vor Huntgeburths Kamera. Wir trafen die Wahlhamburgerin zum Interview.

 

 

SZENE HAMBURG: Hermine Huntgeburth, welchen Bezug hatten Sie zu Udo Lindenberg vor der Arbeit an diesem Film?

Hermine Huntgeburth: Mich hat er eigentlich schon begleitet, seit ich bewusst angefangen habe, Musik zu hören. Da war er immer irgendwie da. Und als ich dann 1977 nach Hamburg zog, war er dort sowieso ganz präsent. Das war die Zeit, als er mit Peter Zadek arbeitete und immer im Atlantic war. Aber persönlich gekannt habe ich ihn nicht.

Was war denn Ihr erster Gedanke, als man Sie fragte, ob Sie die Regie bei „Lindenberg! Mach dein Ding!“ übernehmen wollen?

Erst mal wunderte ich mich, wie der Produzent Michael Lehmann auf mich kam, denn ich hatte so etwas ja noch nicht wirklich gemacht. „Die weiße Massai“ war zwar auch die Geschichte einer lebenden Person, aber natürlich doch ein anderer Fall als dieser. Was mich dabei besonders reizte, war der Gedanke, einen Musikfilm zu drehen. Und ausschlaggebend war auch die Tatsache, dass die Handlung nur bis zu Udos erstem großen Konzert ging, also bevor er zu dem wurde, der er heute ist. Kaum jemand kennt ja noch den jungen Mann, der damals aus Nordrhein-Westfalen nach Hamburg kam.

Gab es trotz der Beschränkung auf den jungen Lindenberg ein paar Biopic-Fallstricke, die Sie umgehen mussten?

Ich durfte natürlich nicht in die Falle geraten, ein Udo-Lookalike-Ding aus der Sache zu machen. Natürlich habe ich mich ein paar Mal mit Udo getroffen, aber dabei war für mich vor allem wichtig, so eine Essenz herauszufinden und der Figur eine Wahrheit zu geben. Ich konnte und wollte ihn nicht einfach kopieren.

Hatte er ein Mitspracherecht?

Natürlich war uns wichtig, dass Udo der Film gefällt, aber es ging nie um Gefälligkeiten. Dass ich meinen eigenen Film mache, war immer klar. Wir haben ihn von Anfang an mit einbezogen und ihm das Drehbuch zu lesen gegeben.

Er hat auch Jan Bülow kennengelernt, nachdem wir die Hauptrolle besetzt hatten. Und wenn es Kleinigkeiten gab, die ihm nicht behagt haben, sind wir auch darauf eingegangen. Aber Udo schenkte mir großes Vertrauen und war immer ausgesprochen positiv, was den Film angeht.

 

… eine Rampensau sein und das Rock’n’Roll-Gen haben

 

Wie viel Fiktion steckt denn eigentlich im Film?

Das lässt sich gar nicht so ohne Weiteres sagen. Denn auch viele seiner Songtexte, die ja sehr politisch sind, haben viel mit seinen Lebenserfahrungen zu tun. Wir haben zum Beispiel diese vier jungen Frauen im Drehbuch, die mir sehr wichtig waren, weil ich auch starke Frauenfiguren in der Geschichte haben wollte. Und die basieren teilweise auf realen Figuren, teilweise aber eben auch auf seinen Texten. Der Drehbuchautor Alexander Rümelin hat sehr kunstvoll versucht, das alles miteinander zu verweben.

Am Ende steht und fällt ein Film wie dieser natürlich mit dem richtigen Hauptdarsteller. Wie lange dauerte es, bis Sie Ihren Udo gefunden hatten?

Sehr lange! Die Casterin Simone Bär und ich haben uns eigentlich alle jungen Schauspieler angesehen, die es so gibt. Unser Protagonist musste natürlich viel mitbringen, denn man möchte ja keinen normalen Udo sehen. Wir brauchten jemanden, der nicht nur ein hervorragender Schauspieler ist, sondern er musste auch eine Rampensau sein und das Rock’n’Roll-Gen haben. Sensibel musste er sein und witzig, ein tolles Körpergefühl mitbringen und auch sexy sein.

Jan Bülow erfüllte alle diese Kriterien, und ist auch ein richtiger harter Arbeiter, der sich zum Beispiel Monate Zeit genommen hat, um Schlagzeugspielen zu lernen. Er musste den ganzen Film tragen, und das mit 21 Jahren, frisch von der Schauspielschule. Aber dass man ihn eigentlich noch gar nicht kennt, war auch von Vorteil.

Wer heute durch St. Pauli läuft, weiß, dass da kaum noch etwas an die 70er Jahre erinnert. Wie ist es Ihnen gelungen, diese Zeit wiederauferstehen zu lassen?

Das geht heutzutage nur mit VFX, also mit Computertricks. Dort zu drehen, ist ohnehin schwierig geworden. Kann man nur noch montags und dienstags, und alle Geschäfte müssen mitmachen. Am Ende versucht man dann, mit der Kamera alles nur bis zu einer gewissen Höhe einzufangen und alles, was zu modern aussieht, abzudecken. Der Rest wird dann später digital gemacht.

Das Schlimmste sind heutzutage eigentlich die Tags an den Wänden. In den Siebzigern gab es ja noch gar keine Sprayer, heute aber ist alles vollgeschmiert.

Eine Szene haben Sie auch im Alten Elbtunnel gedreht …

Ja, als Referenz an Roland Klicks Film „Supermarkt“ von 1974. Die Szene dort ist das Ende eines LSD-Trips von Udo und seinem Kumpel Steffi Stephan, der in der Gestaltung der Farben und der Stimmung wiederum an die Likörelle erinnert, die Udo heute malt, und entsprechend einen gewissen kindlichen Faktor haben sollte.

Regie: Hermine Huntgeburth. Mit Jan Bülow, Detlev Buck, Max von der Groeben. Ab 16.01.2020


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klub katarakt: Experimentelle Musik auf Kampnagel

klub katarakt ist ein Festival für experimentelle Musik, das sich auf sämtlichen künstlerischen Ebenen offen präsentiert

Text: Erik Brandt-Höge

 

Das Jahr 1992. Snap!, Dr. Alban und Die Prinzen bestimmen die deutschen Charts, schlichte Beats und noch schlichtere Lyrik laufen im Radio rauf und runter. In ebendieser Zeit gründen Kompositionsstudenten der Hamburger Musikhochschule den Verein katarakt – und stehen damit für das experimentelle Gegenteil zum Gedudel. Sicher, einerseits ging es den Studenten darum, ihre Kompositionen einmal außerhalb der Hochschule aufführen zu können, und zwar an eher ungewöhnlichen Orten dafür, etwa Rockclubs. Aber sie wollten auch nicht-radiofreundliche Sounds der breiten Masse vorstellen.

 

Springer zwischen multimedialen Welten

 

Das gelang ihnen spätestens mit der ersten Ausgabe des klub katarakt 2005. Sie machten Neue Musik zugänglich, indem sie eben diese sprengten, durch sich ständig im Wandel befindende Klang- und Bildinstallationen sowie durch Öffnung der bespielten Räumlichkeiten. Auf Kampnagel hat das Festival ein Zuhause gefunden, in dem die Macher gleich drei ineinander übergehende Hallen zur Verfügung haben. Besucher werden zu Springern zwischen multimedialen Welten, erleben Sounds und Bilder beim Flanieren.

Die klub katarakt-Eröffnung (15.1., 20 Uhr) wird auch in diesem Jahr ein Event der Wandelkonzerte. Viele Hamburger Musiker, Komponisten und Künstler stehe dafür bereit, zum Beispiel die Elektroniker Nika Son und Thomas Leboeg, die Violinistin Lisa Lammel, die Pianistin Daria Iossifova und der Harvestehuder Kammerchor unter der Leitung von Edzard Burchards.

 

 

Der zweite Festivaltag steht ganz im Zeichen einer Arbeit für Blechblasinstrumente und Elektronik, aufgeführt von der schwedischen Komponistin Ellen Arkbro zusammen mit dem Berliner Ensemble Zinc & Copper. An den beiden darauffolgenden Tagen werden das Splitter Orchester & The Pitch zu erleben sein, ein Kollektiv aus 24 international renommierten Musikern, es gibt eine sogenannte „Lange Nacht“ mit unter anderem einem Zusammenspiel von 17 akustischen Gitarren und ein Nachtkonzert mit Streichquartett und Klavier. Im Ganzen ein Spektakel für alle, nicht nur für Fans von Neuer Musik, und nach wie vor ein Gegenpol zu Charts-Stücken für das schnelle Hörerglück.


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Undone: Cocktails ohne Kater

Ein Hamburger Start-up will die Trinkkultur von der Dominanz des Alkohols befreien und serviert alkoholfreie Alternativen zu Rum, Gin, Bitterlikör und Wermut

Text: Laura Lück

 

Nüchtern sein liegt im Trend. Laut einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sind die Zahlen zum regelmäßigen Alkoholkonsum Jugendlicher und junger Erwachsenen unter 25 in den letzten Jahren konstant rückläufig. Die junge Generation scheint neben Zigaretten auch der zweiten großen Volksdroge abzuschwören. Null-Promille-Partys wie die Berliner Eventreihe „Sober Sensation“ feiern Erfolge mit Getränkekarten voll Ingwershots und Kombucha, die Supermarktregale mit hippen Limonaden werden immer länger und Bücher wie Ruby Warringons „Sober Curious“ erklimmen die Bestsellerlisten.

 

„Mit Undone verbinden wir Genuss mit Gesundheits-
bewusstsein“

 

Aus diesem Zeitgeist der neuen Achtsamkeit ist auch die Idee zu Undone geboren. Das Hamburger Start-up hat kürzlich die erste Linie alkoholfreier Getränke gelauncht, die aus echten, alkoholischen Destillaten hergestellt wird. „In Bars oder auf Events gibt es immer mehr Gäste, die weniger oder gar keinen Alkohol trinken möchten, ohne jedoch auf die Vielfalt leckerer Drinks zu verzichten. Aus diesem Bedürfnis heraus haben wir unsere Marke entwickelt. Mit Undone verbinden wir Genuss mit Gesundheitsbewusstsein“, erklärt Mehmet Ünlü, Co-Gründer der Marke.

Das Portfolio besteht aus den vier Sorten „No.1 Sugar Cane Type“ (This is not Rum), „No.2 Juniper Type“ (This is not Gin), „No.7 Italian Bitter Type“ (This is not Orange Bitter) und „No.8 Italian Aperitif Type“ (This is not Vermouth). Die Gin- und Rum-Alternativen werden erst im Kupferkessel destilliert. Im Anschluss wird ihnen der Alkohol wieder entzogen, also „undone“, rückgängig gemacht. Das ist so simpel wie genial und füllt zudem eine Lücke im Markt. Dem abstinenten Bargänger bleibt schließlich meist nur die Wahl zwischen stillem oder Sprudel-Wasser, Saftschorlen oder Zuckerschock durch Cola-Überdosis und Virgin Coladas mit zu viel Grenadine.

 

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Alkoholfreier Aperitivo: Rum undone (Foto: Foodboom)

 

Undone versteht sich aber eben auch als Ersatzprodukt für Getränke mit Umdrehungen. Co-Gründer André Stork ist sogar überzeugt, dass Undone das Potenzial hat, den weltweiten Alkoholkonsum bis 2025 um 20 Prozent zu senken. Das klingt sehr ambitioniert, die Resonanz auf die alkoholfreien Spirituosen ist allerdings vielversprechend: Die ersten 30.000 Flaschen waren kurz nach der Erstvorstellung auf dem „Bar Convent Brooklyn“ in New York im Juni ausverkauft. Jetzt soll Europa folgen.

Beim Geschmackstest auf der Launch-Party in der Hamburger Neustadt sind die Gäste sich einig: Undone-Negroni, -GinTonic und Co. sind ihren hochprozentigen Pendants geschmacklich tatsächlich zum Verwechseln ähnlich. Einige glauben nach dem dritten Glas sogar einen leichten Rausch zu bemerken. Den Placebo-Effekt kennt auch Undone-Designchef Felix Schlüter – der empfiehlt auch mal ein Glas Wasser zwischen den Drinks zu trinken, um dem Scheinkater am nächsten Morgen zu entgehen. Den Selbstversuch können Hamburger ab sofort im Standard, der Berglund Bar oder der Boilerman Bar wagen.

itsundone.com


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Luisa Neubauer im Interview: Raus aus der Komfortzone

Als Luisa Neubauer noch in Blankenese zur Schule ging, hatte sie nie vorgehabt, Vollzeit-Klimaaktivistin zu werden. Doch: Sie wurde zum bekanntesten Gesicht von Fridays for Future Deutschland und beschreibt in ihrem Bestseller, was Hamburg im Jahre 2050 bevorsteht

Text: Mathias Greulich 
Foto: Fridays for Future Deutschland

 

SZENE HAMBURG: Luisa Neubauer, Sie haben mit Peter Tschentscher beim Körber-Forum über die Klimakrise debattiert. Welchen Eindruck haben Sie vom SPD-Bürgermeister? 

Luisa Neubauer: Herr Tschentscher ist ein unaufgeregter Mensch. Man kann mit ihm sachlich diskutieren, es waren angenehme Gespräche. Dennoch ist in der Klimabilanz unter seiner Verantwortung noch dermaßen viel Luft nach oben. Hamburg hat als reiche CO2-intensive Stadt die Möglichkeit, Klimavorreiter zu werden. Ein grüner Leuchtturm im Norden.

Andere Städte sind da weiter.

Es war total irre. Einen Tag nach der Diskussion mit Herrn Tschentscher habe ich den Bürgermeister von Kopenhagen getroffen. Frank Jensen ist ein charismatischer Mensch. Übrigens kein Grüner, sondern ein Sozialdemokrat. Ich war sehr beeindruckt, wie visionär er beim Klimaschutz an die Sache herangeht. Kopenhagen will schon 2025 klimaneutral werden.

Noch im September demonstrieten 100.000 Hamburger für besseren Klimaschutz, am selben Tag hat die Bundesregierung ihr Klimapaket beschlossen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagt inzwischen in Richtung Fridays for Future, dass es nicht reiche, „jede Woche apokalyptische Bedrohungen zu beschreiben, die kaum zu bewältigen scheinen“. Die Demokratie werde schlecht geredet. 

Ich frage mich, aufgrund welcher Sachlage diese Aussagen von Herrn Steinmeier getroffen wurden. Wir sind Teil einer gelebten Demokratie, in dem wir Woche für Woche auf die Straße gehen. Das ist urdemokratisch, ebenso wie ziviler Ungehorsam. Wir wollen eine inhaltliche Debatte darüber führen, was man den Menschen zumuten kann. Es wird Zeit, dass die Regierung beim Klimaschutz endlich loslegt. Aber nicht so, wie es im Klimapaket vereinbart wurde, das zur Erreichung der Klimaziele nicht zielführend ist. Wir sind in einer entscheidenden Phase. Wir sind diejenigen, in deren Händen es liegt, ob das Ende der Klimakrise jetzt beginnen kann.

 

„Menschen brauchen Antworten und keine Beschwichtigungen“

 

Mit Alexander Repenning haben Sie gemeinsam das Buch „Vom Ende der Klimakrise. Eine Geschichte unserer Zukunft“ geschrieben. Sie sind beide aus Hamburg und skizzieren, was Ihrer Heimatstadt durch den Anstieg des Meeresspiegels im Jahr 2050 bevorsteht. Der Satz, dass sich „die Kinder auf den Schulhöfen im Sommer die Füße verbrennen werden“, wird als Panikmache kritisiert. 

Was wir beschreiben, passiert heute schon. Wir haben in der Recherche mit Stadtplanern gesprochen, die Schulhöfe mittlerweile anders konzipieren müssen. Die wissenschaftlichen Szenarien von häufigeren Sturmfluten und sehr viel heißeren Sommern sind die Spitze des Eisbergs. Was uns droht, ist schwer vorstellbar. Viele stellen sich die Frage, wie man mit den vorliegenden Informationen der Wissenschaftler umgeht. Darauf brauchen die Menschen ernsthafte Antworten und keine Beschwichtigungen. Viele Menschen, die unser Buch gelesen haben, schreiben mir. Das zeigt mir, dass es richtig war, diese Dinge so aufzuschreiben.

Als Sie selber noch auf die Grundschule Iserbrook gingen, haben Sie gegen deren drohende Schließung erfolgreich demonstriert. War es für Sie eine wichtige Erfahrung, dass Protest etwas bewirken kann? 

Politik hat im Alltag meist eine entfernte Dimension, aber damals haben wir eine Selbstwirksamkeit im Politischen erfahren. Es war glaube ich der Senat unter Ole von Beust, der reihenweise Grundschulen schließen wollte. Das war natürlich bildungspolitischer Nonsens, gegen den es einen breiten Widerstand gab.

Sie schreiben, dass Sie als 13-Jährige zum ersten Mal etwas über den Treibhauseffekt gehört haben. Eine Doppelstunde im Erdkundeunterricht, das war’s. 

Ich fand es damals irritierend, dass ein so wichtiges Thema in 90 Minuten gequetscht wurde. Ich begann, mich mit der Klimakrise zu beschäftigen. Ein Jahr später beschloss ich als Konsequenz auf die Informationen, die ich nach und nach gewann, Vegetarierin zu werden. Meine Eltern haben das damals noch nicht verstanden. Es gab immer mehr Fragen zu den ökologischen Grenzen des Wachstums und der Zukunft des Planeten, die ich mir stellte. Ein Jahr nach der Schule beschloss ich, Geografie zu studieren.

 

Klimaaktivistin mit 80-Stunden-Woche

 

Schüler bekommen auf dem Marion-Dönhoff-Gymnasium in Blankenese heute wahrscheinlich mehr Antworten zum Treibhauseffekt als Sie vor zehn Jahren. 

Damals hieß die Schule noch Willhöden. Ich war auch mal wieder dort, um über die Klimakrise mit der Oberstufe zu diskutieren. Sie geben sich inzwischen viel mehr Mühe, bei diesem Thema etwas zu verändern.

Was halten Ihre ehemaligen Mitschüler davon, dass Sie jetzt Vollzeit-Klimaaktivistin sind? 

Die finden es glaube ich ganz okay. Wir sind alle nach dem Abi unserer Wege gegangen und machen ganz unterschiedliche Sachen. Ich glaube, sie möchten nicht mit mir tauschen.

Im Frühjahr hatten Sie eine 90-Stunden-Woche. 

Das war als wir mit Fridays for Future begonnen haben, auf die Straße zu gehen. Ich hatte noch niemals eine Demo organisiert und bin aus meiner persönlichen Komfortzone herausgetreten. Mittlerweile mache ich einen Tag in der Woche frei und komme auf 80 Stunden.

Und Sie haben eine Morddrohung bekommen. 

Ja, das war extrem schockierend.

fridaysforfuture.de/ortsgruppen/hamburg

 


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Bridge & Tunnel: Fair Fashion aus Wilhelmsburg

Ein kleines Wilhelmsburger Textillabel stemmt sich gegen den Fast-Fashion-Strom – und inspiriert die ganz Großen

Text: Leona Stahlmann
Foto: Jakob Börner

 

Die Insel nennen Wilhelmsburger ihren Stadtteil bescheiden. Dabei ist der Bezirk zwischen Norder- und Süderelbe nicht nur die größte der deutschen Elbinseln. Sondern, wie alle guten Inseln, viel mehr als ein bisschen flaches Land mit Wasser drumherum. Eine Insel, das ist immer auch eine Idee – eine Idee davon, dass die Dinge anders laufen können, wenn man es will: Utopia.

Das Hamburger Utopia heißt Wilhelmsburg. Über Brücken und durch Tunnel schlängelt sich die S-Bahn auf die andere Elbseite. Eine Inspiration für Conny. Sie fährt die Strecke jeden Tag zur Arbeit, Altona–Wilhelmsburg und zurück, über Brücken und durch Tunnel. Und hat ihr Unternehmen direkt danach benannt: Bridge & Tunnel heißt das Label, das sie zusammen mit Textildesignerin Lotte führt. Die muss zwar keine Hindernisse überwinden auf dem Weg zum Atelier von Bridge & Tunnel (Lotte lebt in Wilhelmsburg), aber seit 2015 schlägt sie jeden Tag gemeinsam mit Conny Brücken – für ihr insgesamt elfköpfiges Team im Atelier am Veringkanal, das alles anders macht, als es in der Branche üblich ist.

Bridge & Tunnel arbeitet mit Menschen, die auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt sind: Langzeitarbeitslose, Menschen nach einem Burnout und Geflüchtete etwa, die trotz handwerklicher Begabung keine Anstellung finden – zum Beispiel, weil sie ihre Qualifikationen nicht auf Dokumenten nachweisen können. Weil sie sich selbst das Nähen beigebracht, aber nie eine Ausbildung gemacht haben oder Zeugnisse auf der Flucht verloren gegangen sind wie bei Sayed, dem einzigen Mann im Team. Im Irak hat er als Herrenschneider gearbeitet. „Papiere sind uns schnuppe“, sagt Conny schlicht und sehr entschieden. „Hier zählt nur, was jemand kann.“

 

Bei der letzten Ausschreibung gab es 60 Bewerbungen

 

Das hat sich inzwischen herumgesprochen in Hamburg: Bei der letzten Ausschreibung gab es 60 Bewerbungen. Jeder bringt seine Fähigkeiten ein, und alle lernen voneinander – nicht nur das Nähen und Gestalten der schicken Designtextilien, sondern auch und vor allem: mit den Besonderheiten jedes Einzelnen umzugehen. Die gebürtige Russin Swetlana etwa ist gehörlos. „Gar kein Problem!“, versichert Conny. „Mit Lippen- oder Gebärdensprache verstehen wir uns prima.“

Swetlanas Haare leuchten fröhlich knallblau vor den deckenhohen Stoffregalen, aus denen es in allen Blautönen zurückleuchtet: Bridge & Tunnel vernäht ausschließlich Jeansstoffe. Dabei bezahlen sie ihren Mitarbeitern nicht nur faire Löhne, sondern brechen mit ihrer Produktionsweise ganz nebenbei auch noch alle anderen Regeln der Fast-Fashion-Betriebe, die den Weltmarkt der Mode regieren: Alle verarbeiteten Stoffe kommen von bereits getragenen Kleidern. Um eine einzige Jeans herzustellen, braucht es in der konventionellen Textilindustrie 8.000 Liter Wasser. „50 gefüllte Badewannen Wasser sind das!“, sagt Conny, und macht sich auf dem sympathisch abgewetzten Besuchersofa kerzengerade: „Fünfzig!“

In den Räumlichkeiten im Reiherstiegviertel, direkt über dem bekannten Alternativclub Turtur, werden unter den Händen von Sayed, Swetlana und den anderen Näherinnen alte Jeanshosenbeine und verwaschene Jeansjacken zu schicken Blousons, Taschen oder Kissen. Wer sich von seinen alten Jeans gar nicht trennen mag, kann das Leben der Lieblingsfestivalhose bei Bridge & Tunnel verlängern lassen: „Neulich haben wir aus den Jeans eines Brautpaars ein Ringkissen für die Hochzeit genäht“, erzählt Conny, „oder aus Umstandshosen nach zwei Schwangerschaften eine Reisetasche.“

 

Das Label gibt Menschen auf dem Arbeitsmarkt eine zweite Chance

 

Das Label gibt nicht nur Menschen auf dem Arbeitsmarkt eine zweite Chance, sondern auch unseren abgelegten Textilien. Aus ganz Deutschland schicken Menschen inzwischen Kleiderspenden zu Bridge & Tunnel, „Mit Liebesbriefen obendrauf“, erzählt Conny, „Und Schokolade fürs Team.“ Dass Fair Fashion und Upcycling gut ankommen und Verbraucher bewusster konsumieren wollen, merken derweil auch die großen Unternehmen – und orientieren sich an kleineren Playern, die den Fortschritt zwar mit kleinerer Marktmacht, aber viel größerer Agilität vorantreiben können.

Wenn dann große Tanker und kleine Kähne aufeinander- treffen, können sie sich ergänzen: Seit dem Herbst kooperiert Bridge & Tunnel mit einer Marke, die jedem Deutschen geläufig sein dürfte – und zwar nicht unbedingt ihrer Nachhaltigkeitspolitik wegen. Mit dem Claim „Jede Woche eine neue Welt“ hat das Traditionshaus Tchibo bislang Produkte in die Haushalte gebracht, dessen Sinnhaftigkeit nicht immer erkennbar ist: So nützliche Alltagshilfen wie der „LED-Toilettenpapierhalter“ oder den „mitzählenden Bierflaschenöffner“ zählen dazu, Konsumwelten also, die im Wochenrhythmus von einer neuen Produktpalette abgelöst werden.

Viele dieser Artikel sind aus Plastik hergestellt, ihre Lebensdauer ist begrenzt. Tatsächlich arbeitet Tchibo mit seiner Nachhaltigkeitsabteilung bereits seit 14 Jahren daran, seine Produktion nachhaltiger und fairer zu machen. So experimentiert Tchibo seit rund zwei Jahren erfolgreich mit einem Leihservice für Kinderkleidung. Über die Website tchibo-share.de können Eltern von T-Shirt bis Schneeanzug alles ausleihen, was benötigt wird, und zahlen eine monatliche Leihgebühr. Wachsen die Kinder aus den Kleidern heraus, werden sie zurückgeschickt und können vom Nächsten ausgeliehen werden, und so weiter und so fort.

Bis die Kleidung schließlich auseinanderfällt – und da kommt Bridge & Tunnel ins Spiel: Aus diesen Resten verschlissener Kinderkleidung stellt das Team noch einmal etwas Neues her: Bauchtaschen, Haarbänder, jedes Stück ein Unikat. Die beiden Unternehmen verlängern durch ihre Kooperation also den Produktkreislauf der Kleider um einen weiteren Schritt. Das hat so gut geklappt, dass wir uns im nächsten Jahr auf eine Ausweitung der Zusammenarbeit freuen können – es geht voran, mit kleinen Schritten auf eine neue Perspektive zu. Nicht nur in Wilhelmsburg können die Dinge anders laufen: rauf aufs Festland mit diesen Ideen!

bridgeandtunnel.de

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Straßenblues: Schenken mit Sinn

Menschen mit und ohne Obdach feiern gemeinsam Weihnachten

Text: Marie Filine Abel

 

Bereits zum fünften Mal feiern im Dezember jeweils rund 50 Hamburger mit und ohne Obdach gemeinsam ein Weihnachtsfest, das von „StrassenBLUES e.V.“ organisiert wird. Das Team des gemeinnützigen Vereins trifft und filmt im Vorfeld Wohnungs- und Obdachlose in Sozialeinrichtungen und fragt nach ihren Weihnachtswünschen.

Meist wird zum Beispiel eine warme Jacke, ein Kofferradio oder ein Schlafsack gebraucht. Oder auch eine Fahrkarte, um die Liebsten zu besuchen, die sie vielleicht seit Jahren nicht gesehen haben. Die Videoporträts der Obdachlosen werden anschließend auf der „StrassenBLUES“-Website und den Social-Media-Kanälen veröffentlicht.

 

Begegnungen an einem Tisch

 

Jeder, der möchte kann sich einem der Wünsche annehmen und verschenken – bei einem gemeinsamen Weihnachtsfest mit Kaffee, Kuchen und Live-Musik. Denn neben der Notwendigkeit eines warmen Schlafsacks, der gewünscht wird, geht es auch um Begegnungen, um Austausch zusammen an einem Tisch.

Hinter „StrassenBLUES“ steckt vor allem Gründer und Filmemacher Nikolas Migut. Als er im Jahre 2012 eine NDR-Dokumentation in einer Berliner Bahnhofsmission am Zoo drehte, lernte er den Obdachlosen Alex kennen. Nikolas ist von ihm so fasziniert, dass er mit ihm eine Nacht lang durch Berlin zieht und aus dem dabei entstandenen Material die Doku „Alex – Halbes Vertrauen“ schneidet.

Doch Alex lässt ihn nicht los und er macht sich 2014 gemeinsam mit seiner Frau Milena und seiner kleinen Tochter Maja auf die Suche. Alex lebte zu dem Zeitpunkt nach zehn Jahren auf der Straße erstmals wieder in einer Sozialwohnung in Neumünster. Das Wiedersehen im Januar 2015 lieferte das Material für Nikolas Miguts halbstündige Dokumentation „Straßenblues“.

 

 

Die Dokumentation war der Auftakt für die Gründung des gemeinnützigen Vereins, der sich mit unterschiedlichen Aktionen darum kümmert, Menschen ohne Obdach in die Gesellschaft einzubinden. Für das Engagement wurde „StraßenBLUES“ bereits mehrfach unter anderem mit dem Deutschen Integrationspreis ausgezeichnet.

15.12.19, 15 Uhr

strassenweihnachtswunsch.de und strassen-blues.de


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