Vanlife: Ein Haus auf vier Rädern

Urlaub mit dem Camper: Unsere Autorin hat ihre Reise auf vier Rädern dokumentiert

Text: Marie Filine Abel

 

Ohne Plan und ohne Ziel: Ganz spontan können wir in unseren Ford Transit steigen und losfahren – wohin es geht, wissen wir oft erst, wenn wir dann auf dem Weg sind. Einen schöneren Urlaub können wir uns kaum vorstellen.

Einen ausgebauten Bus zu besitzen, bedeutet für uns großes Glück. Gerade in Zeiten von Corona. Fällt meinem Freund Jan und mir die Decke auf den Kopf, steigen wir einfach in unser Haus auf vier Rädern. Unser mobiles Haus trägt den Namen Rumo – angelegt an einen Roman von Walter Moers. Im letzten Urlaub in Italien wurde eingebrochen. Ein traumatisches Erlebnis. Seitdem haben auch wir – wie so viele Busbesitzer – einen Namen für unseren Bus.

 

Weniger ist mehr

 

In unserem Bus ist alles da, was wir brauchen: Eine fahrende Bibliothek, ein Gaskocher, ein Bett und viel Stauraum. Letzteres ist besonders wichtig, denn auf fünf Quadratmetern wird es sehr schnell unordentlich. In unserem Bus herrscht gerne Chaos und er sieht nicht so aus, wie so viele andere in den sozialen Medien. Das sogenannte Vanlife ist Trend und Lifestyle: Unter dem Hashtag finden sich auf Instagram mittlerweile 7.411.418 Beiträge. Auch wir haben es uns schön gemacht: Lichterketten und viele Kissen machen Rumo gemütlich.

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Teamarbeit: Jan fährt, Marie navigiert, dann wird getauscht (Foto: Marie Filine Abel)

Bisher haben wir noch immer keinen Kühlschrank. Das ist bei knapp 30 Grad im Schatten oft herausfordernd. Wir behelfen uns dann mit Kühlpacks und einer Kühlbox, die über den Zigarettenanzünder mit Strom versorgt wird. Wir haben auch kein Fließendwasser. Deshalb sind immer zwei Wasserkanister an Bord. Die reichen zum Kochen und Spülen. Zum Abwaschen nutzen wir biologisch abbaubare Seife, wir wollen trotz roter Umweltplakette gut zur Umwelt sein. Dazu gehört natürlich auch, dass wir die Orte, an denen wir stehen, sauber hinterlassen.

 

Wildes Campen ist verboten

 

Busurlaub in Deutschland ist für uns etwas völlig Neues. Bisher waren wir ausschließlich im europäischen Ausland unterwegs, in Schweden, Italien und Kroatien. Die deutsche Campingplatz-Atmosphäre lernen wir erst 2020 kennen. Viel schöner ist es doch in der freien Natur – leider gibt es in Deutschland kein „Allemansrätt“: Im skandinavischen Raum dürfen alle frei zelten und campen. Paradoxerweise mussten wir feststellen, dass dort an den schönsten Orten deutsche H-Milch-Packungen ins Grüne geworfen wurden. Das hat uns schon oft wütend gemacht.

Normalerweise stehen wir hauptsächlich frei, das heißt ohne Campingplatz. Dafür gibt es verschiedene Apps, in denen gute Spots von anderen Campern in elektronischen Karten eingezeichnet werden. Das hat aber zur Folge, dass die vermeintlich geheimen Orte mittlerweile auch überlaufen sind und die Polizei vermehrt Kontrollen durchführt. In Deutschland ist es nämlich nicht erlaubt, wild zu campen – egal ob mit dem Bus oder dem Zelt.

Campingplätze haben oft etwas Spießiges, insbesondere das Dauercamper-Dasein mit betonierten Wegen, Gartenzaun und -zwerg. Deshalb sind wir Fans von Naturcampingplätzen. Dort gibt es viel Grün und romantische Landschaften. Das ist fast wie Wildcampen – nur mit Luxus: Es gibt Duschen und Toiletten.

 

Auf die Plätze, fertig, los

 

Es ist Donnerstag, 15.34 Uhr und wir sitzen im Bus. Es ist heiß in Hamburg und wir fahren Richtung Ratzeburg. Erst mal stehen wir im Stau, die Schulferien haben begonnen – das hatten wir nicht auf dem Schirm. Wir rufen unterwegs bei drei verschiedenen Campingplätzen am Schaalsee an. Bei allen gibt es die gleiche Antwort: Sie sind komplett ausgebucht – zum Teil bis Mitte August. Wir wissen nicht, ob das jetzt an den Sommerferien oder an Corona liegt.

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An der Ostsee hatten die beiden einen Strand für sich alleine (Foto: Marie Filine Abel)

Auf meinem Smartphone schaue ich nach weiteren Seen und finde einen Naturcampingplatz in Perlin am Dümmer See. Ein weiterer Anruf und wir dürfen kommen. Zwei Nächte müssen wir aber bleiben, wegen der Corona-Maßnahmen in Mecklenburg-Vorpommern. Hier sind Tagestouristen noch unerwünscht. Laut Navi brauchen wir 97 Kilometer. Um circa 18 Uhr werden wir am Campingplatz herzlich empfangen und dürfen auf einer sehr großen Zeltwiese stehen. Diese teilen wir uns nur mit einem weiteren Van.

 

Planung ist das A und O

 

Wir fahren noch mal los, um einzukaufen. Weil wir nicht wirklich kühlen können, planen wir unsere Mahlzeiten genau. Am ersten Abend gibt es Nudeln mit Tofu und Zucchini-Sahnesoße. Am nächsten Tag Penne all’arrabbiata und Tomate- Mozzarella-Brote. Beim Frühstück gibt es schon lange eine Routine: Kaffee, Orangensaft, Rührei und Avocado. So kann nichts schlecht werden.

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Frühstücksroutine mit Brötchen vom Campingplatz, Rührei, Avocado und ganz wichtig: Kaffee (Foto: Marie Filine Abel)

Bier und Wein kühlen wir mit Eiswürfeln in einer großen Emaille-Schüssel, die wir leider beim Zurücksetzen des Busses plattgemacht haben. Nach einem Abend unterm Sternenhimmel schlafen wir ein. Am nächsten Morgen gibt es Brötchen direkt an unseren Platz geliefert – ein Service vom Campingplatz. Wir haben keinen Tisch dabei, weil wir lieber auf einer großen Decke auf dem Boden sitzen – Hippies eben. Nach dem Frühstück gehen wir keine fünf Minuten zum See. Hier verbringen wir den gesamten Tag, bis wir abends wieder bei Kerzenschein und Musik aus dem Autoradio auf unserer Decke hocken.

 

Einfach weiterfahren

 

Am Freitagabend klingelt Jans Handy: Freunde wollen mit uns den Samstag an der Ostsee verbringen. Laut Navi sind es zum Schwedeneck im Kreis Rendsburg-Eckernförde nur 177 Kilometer, das schaffen wir. Wir springen morgens noch mal in den See, packen unsere Sachen zusammen und fahren los.

Als wir ankommen, fängt es an zu regnen. Nicht schlimm, der Sonnenschirm bietet Schutz und das Unwetter zieht weiter. Unsere Freunde müssen am Abend wieder zurück, wir können bleiben. Nicht weit entfernt finden wir einen Campingplatz, auf welchem wir nicht mal 24 Stunden stehen. Trotzdem müssen wir knapp 30 Euro bezahlen.

Es hat sich aber gelohnt: Wir hatten am Abend einen Strand für uns alleine. Wer mag, geht dort nackt baden. Am Sonntagmorgen frühstücken wir an der alten Schleuse vom Nord-Ostsee-Kanal an einem ruhigen Parkplatz und machen noch einen Spaziergang. Am liebsten wäre ich weitergefahren, aber wir müssen leider wieder nach Hause.


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Raus aus der Stadt: Mikro-Abenteuer auf Helgoland

Pack Koffer, Kumpels oder Partner ein, steig in die Bahn oder fahre mit dem Auto los. Ab nach Helgoland – gute Reise!

 

Schon in der Bronzezeit siedelten hier Menschen, ab dem Jahre 800 taucht erstmals der Name „Heiligland“ auf. Aufgrund der zentralen Lage im deutschen Nordseeraum rissen sich die Dänen und Piraten bereits im Mittelalter um den 60 Meter hohen Felsen. Zum Ende des Zweiten Weltkriegs ist sie Ziel der Alliierten-Flieger; nach der Kapitulation wird die leergeräumte Insel zum Testgelände, dem „Hell go Land“, der Royal Air Force. Die Rede ist von Helgoland, der kleinen Nordseeinsel, 50 Kilometer westlich von St. Peter-Ording.

Was hier einmal eine zusammenhängende Landmasse war, teilte die Neujahrsflut von 1721 in zwei. Heute gliedert sich die Hauptinsel Helgoland in fünf Gebiete: das natürlich gewachsene Ober-, Mittel- und Unterland sowie Nordostland und Südhafen, die erst im 20. Jahrhundert durch Aufschüttung entstanden sind. Im Süden gibt es einen kleinen Badestrand. Über die komplette West- und Nordwestseite ziehen sich steile Klippen aus Bundsandstein, dem Gestein, dass Helgoland zur einzigen Felseninsel der Nordsee macht und der Insel den Kosenamen „roter Fels in der Brandung“ bescherte.

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Roter Fels in der Brandung: der berühmte Bundsandstein die „Lange Anna“

An der Nordwestspitze befindet sich das bekannteste Wahrzeichen Helgolands – der 48 Meter hohe Brandungspfeiler Lange Anna.

Knapp einen Kilometer östlich liegt die Nebeninsel Düne, die durch eine Fähre schnell zu erreichen ist. Die jenseits der kleinen Meeresstraße Reede liegende Badeinsel hat einen Flug- und Campingplatz, zudem gibt es hier einen flachen Strand. Kegelrobben werfen hier im Winter, Seehunde im Sommer. Zu den Zugzeiten ist die Insel Rastplatz vieler Singvögel, und in der warmen Jahreszeit brüten zahlreiche Seevögel wie Trottellumme, Basstölpel und Dreizehenmöwe auf dem Lummenfelsen der Hauptinsel.

Durch die unzähligen Bombardierungen und Testschüsse ist die gesamte Oberfläche des Ober- und Mittellands neu geformt worden, Helgoland wurde also aus den Trümmern errichtet. Daran erinnern der Krater der größten nicht-nuklearen Explosion der Welt und der 35 Meter hohe Leuchtturm, das einzige Gebäude auf der Insel, das den Krieg ohne größere Schäden überstanden hat.

Heute leben circa 1.300 Menschen friedlich auf Helgoland. Hierhin kommt man am besten mit den Schnellfähren von Hamburg, Wedel oder Cuxhaven. Besonders gemütlich ist aber auch die etwa 70-minütige Überfahrt von St. Peter-Ording.

Übernachtungstipp:
Haus Rooad Weeter
Am Falm 323 (Helgoland)
rooadweeter.de


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JazzHall: Ein neuer Jazz-Tempel für Hamburg

Am 17. Juni 2021 eröffnet die JazzHall – Hamburgs neuer Konzertsaal an der Hochschule für Musik und Theater

Text: Felix Willeke

 

Das Hafenklang, die Elbphilharmonie oder das Birdland – Hamburg hat viele Orte, an denen guter Jazz gespielt wird. Jetzt kommt noch einer hinzu: Nach 15 Jahren Planung und mehr als zwei Jahren Bauzeit eröffnet am 17. Juni 2021 die JazzHallPandemie-bedingt nur virtuell. Die ersten öffentlichen Konzerte sind ab Juni 2021 geplant und im Sommer 2022 soll es dann mit einer musikalischen Festwoche richtig losgehen.

„Die JazzHall kann zu einem Publikumsliebling werden – im Herzen der Stadt und mit Blick auf die Alster“, sagt Bürgermeister Peter Tschentscher. Die neue Konzerthalle ist dabei Teil der Hochschule für Musik und Theater. „Jazz-Studierende sowie nationale und internationale Stars der Szene bekommen einen exzellenten Ort, um neue Konzertformate zu entwickeln und ihr Publikum zu begeistern“, sagt die Wissenschaftssenatorin und Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank. Die 550 Quadratmeter große Konzerthalle bietet Platz für 300 Gäste und steht neben Konzerten auch der Hochschule für den regulären Studienbetrieb zur Verfügung.


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#MOINKINO: Kostenlos Hamburger Kinos besuchen

Bei #MOINKINO gibt es zur Wiedereröffnung Freikarten in 16  Hamburger Kinos

Text: Felix Willeke

 

Unter dem Motto „MOIN – Die erste Runde geht auf uns“ startet eine besondere Aktion zur Wiedereröffnung der Kinos. Vom 1. bis 4. Juli 2021 gibt es in Hamburg und Schleswig-Holstein in insgesamt 50 Filmhäusern Freikarten für eine Vorstellung. „Mit der Kampagne möchten wir den Neustart des Kulturortes Kino zu einem Fest machen und Hamburgerinnen und Hamburger nach der langen Zeit der leeren Leinwände zum ersten Kinobesuch einladen“, sagt der Hamburger Senator für Kultur und Medien, Dr. Carsten Brosda.

Das Kontingent an Freikarten ist begrenzt. Tickets gibt es bei den teilnehmenden Kinos, bei NDR 90,3, dem Hamburg Journal und NDR 1 Welle Nord. Aus Hamburg sind folgende 16 Kinos mit dabei:

Unter den gezeigten Filmen sind neben der neuen Komödie „Catweazle“ mit OTTO als verrücktem Magier auch zwei Premieren: Das Animationsabenteuer „Die Olchis – Willkommen in Schmuddelfing“ und die Politsatire „Curveball – Wir machen die Wahrheit“. Beide Filme laufen exklusiv bei der Aktion „#MOINKINO“ und starten erst im Laufe des Sommers in den anderen deutschen Kinos.

 

Seht hier den Trailer zu „Curveball – Wir machen die Wahrheit“

 

Mit der Aktion feiert die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein nicht nur die Wiedereröffnung der Kinos; gleichzeitig läutetet sie ihren eigenen Relaunch ein: Ab sofort heißt es nicht mehr Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein, sondern MOIN Filmförderung, das MOIN steht dabei für „Moving Images North“. „Wir möchten für die Bewegtbildbranche in Hamburg und Schleswig-Holstein die bestmögliche Partnerin sein und die besten Filme und Serien in den Norden holen“, sagt Geschäftsführer Helge Albers.


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Hamburgerin des Monats: Suzanne Darouiche von Vagabunt.Hamburg

Bei Vagabunt.Hamburg machen Jugendliche mit selbst entworfener Mode Bambule. Das Projekt an der Schnittstelle zwischen sozialer Einrichtung und Fashionbranche bietet ihnen kreativen Freiraum und eine erste berufliche Orientierung. Mit dabei: Modedesignerin Suzanne Darouiche, die den Entstehungsprozess der Kollektionen fachlich begleitet

Interview & Foto: Anna Meinke

 

SZENE HAMBURG: Suzanne, wann und warum hast du beschlossen, Modedesign zu deinem Beruf zu machen?

Suzanne: Ich komme aus einer Mode- und Schneiderinnenfamilie, bin quasi zwischen Stoffresten aufgewachsen. Schon früh war mir klar, dass ich das Gleiche machen möchte wie meine Mama und meine Oma. Natürlich gab es zwischendurch auch mal kleine Ausbrüche – da wollte ich kurz Glasbläserin werden, dann Schuhdesignerin – aber immer ging es in die künstlerische Richtung. Letztendlich wurde ich an der Modeschule in München angenommen. So kam es dann, dass ich in die Fußstapfen meiner Familie getreten bin.

Du hättest auch in der konventionellen Modebranche arbeiten können – Stichwort Fast Fashion. Weshalb bist du zu Vagabunt gegangen?

Mir gefällt an der Arbeit in der Modebranche besonders die Kreativität, die Idee des Ausdrucks durch Kleidung. Ich mag die Dinge, die man in der Modeschule lernt: schöne Moodboards erstellen, tief in Themen eintauchen, avantgardistisch arbeiten. In der Realität findet man das alles selten. Den großen, konventionellen Unternehmen fehlt die Seele. Der Gedanke an Mensch und Natur kommt zu kurz oder ist gar nicht präsent.

Auch die Kreativität bleibt auf der Strecke, wenn lediglich jede Saison die Farbe und irgendein Kragen verändert werden. Das ist nicht mein Anspruch an eine kreative Designtätigkeit. Bei Vagabunt hingegen finde ich all das.

vagabunt.hamburg

Vagabunt ist ein „Social Fashion Label“. Was bedeutet das konkret?

Der Begriff steht erst einmal für die Kombination aus Pädagogik und Mode. Für uns steht dabei der soziale Gedanke im Vordergrund: Vagabunt soll ein Safe Space für die Jugendlichen sein, hier sind alle willkommen. Egal, ob jemand Lust hat, kreative Muster und Schnitte zu entwickeln, ob jemand nähen kann oder nicht, irgendetwas gibt es immer zu tun.

Ein Jugendlicher ist zum Beispiel unser Textilgestalter, weil er gerne Stoffe bemalt. Ein anderer ist Hausmeister. Wichtig ist auch, dass die Jugendlichen eine kleine Entlohnung für ihre Tätigkeiten erhalten. Im Team arbeiten neben einer Pädagogin auch eine Meisterschneiderin, studentische Aushilfen, eine Schnittdirektrice und ich als Modedesignerin. Dieser Mix tut uns gut und schafft eine entspannte Grundstimmung, die nicht immer über-pädagogisch ist. Hier müssen die Jugendlichen sich nicht verstellen. Sie können sie selbst sein, dürfen ihre Yum Yum-Suppe essen, quatschen und einfach eine gute Zeit haben.

Was sind das für junge Menschen, die die Kollektionen entwickeln?

Alle Jugendlichen werden durch unseren Träger Basis & Woge e. V. betreut, sind Teil eines seiner vielen Projekte. Es gibt zum Beispiel Projekte für Straßenkinder, für männliche Prostituierte, für Mädchen mit Gewalterfahrungen. Alle Jugendlichen können zu uns kommen, sofern sie zwischen 14 und 25 Jahre alt sind. Sie bringen ihre eigene, teils schwierige Geschichte mit und haben einfach Lust, etwas Cooles zu machen.

Wie schlagen sich die Erfahrungen der Jugendlichen in ihren Designs nieder?

Die Jugendlichen sprechen hier über ihre individuellen Erfahrungen, tauschen sich aus und finden manchmal Überschneidungspunkte. Bei der letzten Kollektion, „Melancholie“, war die Gemeinsamkeit die Erfahrung des Mobbings in der Schule. Auf dieser Grundlage entstand eine recht dunkle, von Grau- und Schwarztönen dominierte Kollektion, die die Themen der Jugendlichen widerspiegelt.

Auch die Kollektion „your dream is my life bitch“ drückte das aus, was in der Lebenswelt der Jugendlichen von Bedeutung ist, was sie beschäftigt und was für andere Menschen bloß ein böser Traum wäre. Das sind in dem Fall Erlebnisse, die rund um den Hamburger Hauptbahnhof passierten. Das alles schlägt sich schließlich in den Materialien, den Farben und Schnitten der Kollektionen nieder. Und in zuletzt genannter Kollektion auch unmittelbar im Titel, der ein Zitat einer Teilnehmerin ist (lacht). Die Jugendlichen präsentieren sich und ihre Welt ganz ungefiltert.

 

„Mode war und ist immer auch ein politisches Statement“

 

Welches Feedback geben die Jugendlichen dir, was die Bedeutung dieser Arbeit für sie betrifft?

Das ist sehr unterschiedlich. Für die einen ist Vagabunt ein Ort, um mit Freunden abzuhängen und sich ein bisschen Geld dazuzuverdienen. Für die anderen wiederum ist es eine Möglichkeit zum Abschalten. Und gerade aktuell genießen viele Jugendliche die Abwechslung zum eintönigen Homeschooling.

Im Vordergrund steht für alle einfach der Spaß und das lockere Miteinander, das wir hier pflegen. Auch die persönlichen Bindungen zu uns Mitarbeitenden und unter den Jugendlichen selbst sind essenziell wichtig für sie.

Und was bedeutet dir diese Arbeit?

Für mich bedeutet die Arbeit bei Vagabunt vor allem Freiheit: Durch die Grundfinanzierung der Sozialbehörde arbeiten wir in einer Art Utopie, in der es keinen finanziellen Druck gibt. Wir müssen die Kollektionen nicht möglichst gewinnbringend verkaufen, sind nicht von Umsätzen abhängig. Kreativität hat oberste Priorität. Das ist wunderbar und macht großen Spaß.

Manchmal wünschte ich, die Jugendlichen würden diese Freiheit noch mehr ausnutzen, einfach mal ausrasten und etwas total Abgefahrenes entwerfen. Aber sie wollen ihre Mode gerne auf der Straße sehen. Das kann ich natürlich auch verstehen.

Mal ganz generell: Inwiefern glaubst du, kann Mode zu gesellschaftlicher Veränderung beitragen, inwiefern kann sie eine politische Botschaft transportieren?

Gesellschaftlicher Umschwung hat sich immer auch in der Mode geäußert. Man denke nur an die Frauen in den 1960ern, die sich Miniröcke anzogen, oder an die ersten Frauen in Hosen. Mode war und ist immer auch ein politisches Statement, das ganz ohne Worte auskommt.

Ich habe das Gefühl, dass wir uns stets politisch positionieren müssen. Einfach, weil das Leben an sich – und auch das Leben der Jugendlichen, mit all ihren Hintergründen und Erfahrungen – ein politisches ist. Mithilfe von Mode gelingt diese Positionierung ganz einfach, irgendwie subtil. Mode ist eine ästhetische Form des Protests, die es zulässt, unbequeme Dinge auf schöne Art und Weise zu äußern. Auf einer unserer Jacken steht: „Bist du homophob? Schön – lass es sein und sei nicht mehr so gemein!“. Zack, politisches Statement.

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 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2021. Das Magazin ist seit dem 29. Mai 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Top 5: Schattenplätze in Hamburg

Hoch Yona bringt selbst Hamburg Temperaturen weit über 20 Grad – Zeit für eine Abkühlung. Diese fünf Plätze versprechen Schatten und vielleicht auch die Chance auf ein kühles Nass

Text: Felix Willeke

 

Das Elbufer

Das Falkensteiner Ufer mit seinem Leuchtturm kennen viele. Doch wer der Elbe den Rücken zuwendet, findet nicht nur im Waldpark Falkenstein viel Schatten. Das gesamte Ufer des Geesthanges zwischen Teufelsbrück und Wedel ist von kleinen Wäldern und Naturschutzgebieten gesäumt. Dazu gehören das Naturschutzgebiet Wittenbergen, der Schinckels Park oder der Hirschpark.

Waldpark Falkenstein: Falkensteiner Ufer 78 (Blankenese)

 

Die Harburger Berge

Im Süden der Stadt hat die Eiszeit den Hamburger:innen ihre „Berge“ geschenkt. Die Harburger Berge erstrecken sich in Hamburg von Harburg bis in die Fischbeker Heide und sind nahezu komplett mit Wald bedeckt. An einem der südlichsten Zipfel kann man mit dem Hasselbrack (116,2 Meter hoch) den höchsten „Berg“ der Stadt besteigen. Bis Ende der 1970er-Jahre gab es am Reiherberg sogar einen Skilift. Die ehemalige Piste ist heute noch zu sehen und wird von Wandernden, Mountainbiker:innen und im Winter von Schlitten genutzt.

Reiherberg in den Harburger Bergen: Cuxhavener Straße 55 (Heimfeld)

 

Die kleinen Gewässer

Hamburg ist neben Fleeten, Kanälen und der Alster auch von vielen kleinen Gewässern durchzogen. Wer diese entdeckt, wird feststellen: Hier gibt es viel Schatten und ein kühles Nass dazu. Neben der Wandse, der Bille oder der Tarpenbek gibt es viele unbekannte wie die Saselbek, die Kollau, die Wedeler Au oder die Mellingbek. Fast alle sind am kompletten Verlauf von Bäumen gesäumt und zwischendurch gibt es auch den ein oder anderen Teich.

Mellingbek, Kupferteichweg (Poppenbüttel)

 

Der Sachsenwald

Im Südosten, direkt an der S-Bahn Haltestelle Aumühle, liegt der Sachsenwald. Mit fast 60 Quadratkilometern ist er nicht nur das größte zusammenhängende Waldgebiet in Schleswig-Holstein, sondern bietet besonders bei schönem Sommerwetter reichlich Möglichkeiten zum Wandern im Schatten der Bäume. Teile des Waldes gehören dabei auch heute noch der Familie Bismarck und werden von ihr bewirtschaftet.

Sachsenwald: Schönningstedter Straße 1 (Aumühle)

 

Das Alstertal

Wem speziell am Wochenende der Alsterlauf zwischen Ohlsdorf und Poppenbüttel zu voll ist, sollte nach Norden schauen. Zwischen der Burg Henneberg in Poppenbüttel und dem Naturschutzgebiet Hainisch Iland bietet das Alstertal viel Schatten und etliche Einkehrmöglichkeiten. Die ganz Sportlichen können über das Naturschutzgebiet Rodenbeker Quellental durch Duvenstedt noch weiter in den Wohldorfer Wald wandern.

Rodenbeker Quellental: Rodenbeker Straße 126 (Bergstedt)


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Kunst auf dem Kiez: Artwalk von Viva con Agua ARTS

Vom 14. bis 30. Juni präsentiert der „Johnnie Walker X Viva con Agua ARTS Artwalk“ die Werke von jungen Künstlerinnen auf der Reeperbahn

Text: Felix Willeke

 

Der „Johnnie Walker Artwalk“ führt vom 14. bis 30. Juni 2021 auf Digitaldisplays entlang der Reeperbahn durch die Welt von jungen Künstlerinnen. Johnnie Walker und Viva con Agua ARTS präsentieren die Werke von Anabelle von Georg, Danika Arndt, Evgenia Chuvardina, Lerke Nennemann und Melanie Gandyra. Das Thema der Ausstellung ist der positive Neuanfang – jetzt, wo das Leben auf die Straßen zurückkehrt.

Ziel ist eine es Plattform für junge Künstler:innen zu schaffen und natürlich die Unterstützung der vielen Projekte von Viva con Agua. Darum stehen die Originale der Werke auch im Onlineshop von Viva con Agua ARTS zum Verkauf. Der Erlös kommt zum Teil den Projekten von Viva con Agua zu Gute.


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Backboard: Surfbretter aus Hamburg

Wenn’s gut werden soll, muss man selbst ran, wie in diesem Fall: Surfboards. Massimo Calá fertigt in seiner One-Man-Manufaktur Unikate fürs Wasser an

Fotos: Anna Lehnert / Annagrafia

 

Die Sonne knallt. Es ist Sonntag. Während andere am Strand liegen, machen Tüftler keine Pause. In Stellingen in einem ehemaligen Aktengebäude werkeln und kreieren sie. Aus einem Raum ertönen Sägegeräusche. Zudem seien im Haus Nudelmacher, DJs und Graffitikünstler zu Gange, erzählt Massimo Calá, der im zweiten Stock seine Werkstatt hat und dort Surfbretter baut.

Massimo passt ins Klischeebild eines Surfers: Er trägt Cap über seine längeren, lockigen Haare, lässiges T-Shirt und Sneaker. Seine Hände können anpacken. Er hievt große Surfbrett-Rohlinge von einer Ablage und stellt sie zu den anderen. Es stehen leere Flaschen herum, in jeder Ecke ein Brett und überall ist Staub – eine Werkstatt eben, aber mit System: Links ein Werktisch für Farbund Vorbereitungsarbeiten, rechts die Schleifwerkstatt, ein zwei mal vier Meter Raum im Raum aus Pressspanplatten. Für den Kontrast ist er blau gestrichen, das Raumlicht auf halber Höhe montiert, um die Unebenheiten seiner Bretter besser erkennen zu können.

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Massimo surft schon seit er zwölf Jahre alt ist, durch Freunde habe er den Wassersport einst lieben gelernt. Schon als Teenager ist er viel auf Wellen geritten, unter anderem auf Sylt, in Dänemark, Portugal, Indonesien, der Karibik und bei den Deutschen U16- und U18-Meisterschaften in Frankreich. Dementsprechend groß war der Verschleiß seines Boards. „Ich hatte nie die Kohle, die Bretter reparieren zu lassen“, sagt der 26-jährige Hamburger, „also habe ich angefangen, das selbst zu machen.“

Massimo begann, indem er die Löcher in Surfboards von Freunden und Bekannten flickte. Die Nachfrage nach seinen Arbeiten wurde größer, sodass er sich kurzerhand seinen ersten Rohling aus Polyurethan bestellte und ein eigenes Brett anfertigte. Backboard war geboren und wuchs immer weiter. Für mehr Arbeitsplatz zog er 2017 in die Nähe von gleichgesinnten Machern und Tüftlern – in eine eigene Werkstatt in Stellingen. Seither verkaufe er seine Unikate an viele zufriedene Kunden. Er hat so aus einem Hobby ein zweites Standbein gemacht.

 

Zwischen Donauwelle und Duck Dive

 

Massimo ist hauptberuflich Bäcker in fünfter Generation. Eines Tages werde er den Familienbetrieb der Konditorei und Bäckerei Stechmann in Schnelsen übernehmen, sagt er. Massimo ist ein Menschenfreund, dem das Backen der Donauwelle zusammen mit seinem Opa morgens um 5.00 Uhr genauso viel Spaß macht, wie die Ideenentwicklung zusammen mit seinen Kunden in der Werkstatt und das Schnacken über den perfekten Duck Dive, das Durchtauchen einer Welle.

Durch das nächtliche Arbeiten in der Backstube hat Massimo tagsüber Zeit sich den Boards zu widmen. Er sei froh, beides, das Backen und die Boards, unter einen Hut kriegen zu können.

 

Schritt für Schritt

 

Sobald Massimo einen neuen Auftrag erhält, bestellt er den passenden Rohling aus Polyurethan. Er legt eine Messschablone auf, um für Symmetrie zu sorgen und zeichnet, je nach gewünschter Brettgröße, die Schnittpunkte ein. Dann prüft er die Dicke des Bretts, sägt die grobe Form aus und hobelt Unebenheiten ab. Um die Halterungen der Surffinnen zu verankern, fräst Massimo Löcher auf die Unterseite des Bretts und klebt sie hinein. Dann erhalten Massimos Bretter eine Glasfasermatte, sein Backboard-Logo, welches er mit Reispapier aufträgt und die Versiegelung mit dem Polyesterharz, bei dem eine Schutzmaske zu tragen, notwendig ist.

Massimo könne das Surfboard färben, indem er den Brettkern lackiert. Das Polyesterharz mit einem gewünschten Farbton zu vermischen, in Fachkreisen „resin tint“ genannt, sei seiner Erfahrung nach aber die bessere Methode. Nachdem das Harz getrocknet ist, sorge Massimo für den Feinschliff. „Zack, boom, bonjour – fertig ist der Hobel“, sagt Massimo, wenn er mit dem Ergebnis des Brettes zufrieden ist.

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Zusätzlich könne man laut Massimo auch Baumwoll- und Polyesterstoffe für spezielle Designs, oder Carbonfasern für die Stabilität, ins Brett einarbeiten. Eine Kundin hatte sich zum Beispiel einst ein zweifarbiges Surfbrett in den Farben ihres Bullis gewünscht.

Massimo geht auf fast alle Wünsche ein und fertigt Surfbretter in Größen von 5,4 bis 10,0 Fuß (1,68 bis 3,20 Meter) an. Preislich liegen Massimos Wellenreiter bei 490 und die großen bei 675 Euro, auch Workshops habe er schon angeboten. Massimo findet das fair, schließlich brauche er eine Woche für ein indivisualisiertes Surfbrett. „Für den europäischen Markt kommt lizenzbedingt alles aus einer Fabrik“, bemängelt der 26-Jährige, „da kommt nur eine andere Marke darauf und das Brett wird teuer verkauft.“ Zusätzlich gäbe es laut Massimo auch viele unzureichende Produkte aus Asien – weitere Gründe, warum Massimo sein Hobby selbst in die Hand nahm.

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Massimo schaut unterdessen bescheiden in die Zukunft, möchte aber auch neben seinem Beruf als Bäcker weiter tolle Surfbretter bauen. Auch stehe noch der Bäckermeister auf der To-do- Liste, er sehe das aber locker und schaue, was sich ergibt. Bei der Frage, welche die beste Surfbrettmarke sei, ist sich Massimo allerdings sicher: „Backboard!“

Massimo Calá
@backboard_surfboards


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Virtual Clubbing: Futuristisches feiern

Läden zu, Tanzverbot, kein Ort zum Songs-Präsentieren. Nico Plagemann vom DJ-Duo Kollektiv Turmstrasse kennt das Problem. Für ihr neues Konzeptalbum „Unity of Opposites“ öffnen sie einen virtuellen Festival Space, samt Türsteher, Tanzfläche und eigenen Dance-Moves

Inteview: Ole Masch

 

SZENE HAMBURG: Nico, wann war euer letzter Auftritt vor Live-Publikum?

Nico Plagemann: Das ist ungef hr ein Jahr her. Wir haben schon zu Beginn der Pandemie beschlossen, nicht mehr zu spielen. Im April 2020 hatten wir noch eine wunderschöne Show in den Alpen. Mit getrenntem Dancefloor, Maskenpflicht und super viel Abstand. Das war sehr surreal und es war klar, dass es so nicht funktioniert.

Kennt ihr Beispiele aus dem Ausland, wie dort mit Veranstaltungen umgegangen wird?

Man sieht einiges auf Social Media. Wir sind eher zurückhaltend, wenn wir solche Bilder sehen: Der privilegierte DJ, der nach der Show nach Deutschland fliegt und beste medizinische Versorgung erwarten kann, wenn er sich ansteckt, spielt in Ländern deren Gesundheitssystem so unterversorgt und überlastet ist, dass Menschen wie die Fliegen sterben. Kellner, Zimmermädchen, Bar-Personal. Das sind die, die arbeiten, um zu überleben. Auf der anderen Seite ist es toll zu sehen, wie viele Veranstalter sich trauen, Konzepte zu entwickeln und sichere Partys veranstalten wollen. Das ist wichtig und einiges geht auf, wie das Beispiel aus England gerade zeigt.

Wie habt ihr die Pandemie bis jetzt überstanden?

Wir gehören leider zu den Künstlern, die wenig Hilfen bekommen haben. Ein Umstand der Bürokratie und weniger Voraussicht unserer Ministerien. Der Umgang mit dieser Pandemie hat gezeigt, dass auch ein sehr weit entwickeltes demokratisches und wohlhabendes Land eine ganze Menge falsch machen kann. Wir haben die Krise so weit überlebt, weil wir Rücklagen hatten, die wir uns über die letzten zehn Jahre aufgebaut haben. Das waren zum großen Teil Steuerrücklagen und Geld, was man für die Rente zurücklegt. Das ist jetzt weg. Es wird also spannend, ob wir überhaupt noch bis zum Ende des Jahres durchhalten.

 

Nur noch Wetterbericht und Nachrichten

 

Fehlt euch politische Unterstützung?

Wir wissen, dass alles im Rahmen der Kultur sehr, sehr gelitten hat. Klar ist, Kultur ist nicht systemrelevant, aber mich würde interessieren, was passiert, wenn wir mal alle kulturellen Inhalte für einen Tag abschalten. Zack: Musik aus, Filme, Serien, Shows weg, nur noch Wetterbericht und Nachrichten. Das kann sich keiner vorstellen, weil Kultur so allgegenwärtig in unserem Alltag verankert ist. Es ist essenziell für das Leben des modernen Menschen und aus diesem Blickwinkel hat die Politik versagt.

Kannst du der Zeit trotzdem etwas Positives abgewinnen?

Sicher, wir waren ja vorher ständig auf Tour. Auf einmal war sehr viel Zeit da, gerade auch für die Familie. Das war schön und tat der Seele sehr gut.

Und natürlich war Zeit ins Studio zu gehen. Wir haben uns komplett ausgeklinkt und einfach nur unser Ding gemacht. Vorher war immer irgendwie Druck und jetzt konnten wir mal wieder richtig loslassen.

Gibt es als DJ-Duo eine bestimmte Rollenverteilung?

Ja, das ist und war tatsächlich schon immer so bei uns: Ich mache Musik, Christian den Rest. Nein, im Ernst: Wir haben die letzten 15 Jahre zusammen getourt, gelebt und gearbeitet. Da hat jeder seine Stärken entwickelt und es hat sich wunderbar ergänzt.

Wir haben aber gemerkt, dass wir uns weiterentwickeln. Familie spielt eine große Rolle und gerade in der gezwungenen Auszeit, haben wir uns viele Gedanken um die Zukunft gemacht. Christian hat für sich beschlossen, erst einmal nicht mehr zu touren und sich um die Dinge im Hintergrund zu kümmern. Das bedeutet, der Hübsche aus der Band, ist jetzt nicht mehr auf der Bühne. Da müssen die Mädels ganz stark sein. Aber es geht um das Wohlbefinden, um das eigene Gleichgewicht, das ist wichtig und wir beide sind damit vollkommen fein.

 

 

Nach zehn Jahren gibt es ein neues Kollektiv Turmstrasse-Album. Warum erst jetzt?

Der Gedanke war schon länger da und auch Skizzen existierten. Aber es war nie der richtige Aufhänger oder Zeitpunkt da. Das klingt blöd, aber für uns ist ein Album wirklich etwas Besonderes. Vielleicht hat es deshalb so lange gedauert.

Könntest du den Sound in ein paar Sätzen beschreiben?

Man soll ja weniger über Musik reden und lieber hören. Aber wir glauben, das Album wird für viele ein Schock, weil der Sound schon sehr trocken und direkt ist. Wir nennen es spaßeshalber Small-Room-Techno, weil es nicht für die große Bühne gemacht ist. Wir hatten lange das Gefühl ein Album wäre nicht genug und spielen es ausschließlich live auf unserer Online-Stage. Das ist das eigentliche Konzept, es ist ein Live-Album. Angepasst in eine Covid-freie Online-Show.

Was bedeutet das?

Wir hatten schon einige Ideen, die ins Virtuelle gingen und mit meinem guten Freund Alex von der Agentur Demodern gesprochen. Im Winter 2019 erzählte er mir, dass sie an einer virtuellen Stage arbeiten. Unity of Opposites ist nun das Ergebnis vieler Stunden Arbeit und Liebe zu unserem Projekt und voll mit dem Unity-Gedanken. Wir sind erst am Anfang. Sowohl musikalisch als auch mit der Stage. Es ist also erst mal ein Konzeptalbum.

Die Stage, die Show, die Musik ist zusammengenommen das Album. Deshalb gibt es auch noch keinen Release-Termin. Aber einer der Grundgedanken war natürlich, Menschen in der Zeit von Covid zusammenzubringen und live spielen zu können.

 

Willkommen in der Zukunft

 

Wie funktioniert das genau?

Zunächst einmal heißt es sich pünktlich einloggen. Die Shows starten um 21 Uhr, ab 20.30 Uhr sind die Türen geöffnet. Man wählt einen Avatar und muss anschließend am Türsteher vorbei. Ist das geschafft, kann man mit anderen Partygästen interagieren, tanzen und chatten. Die Live-Show wird über zwei riesige schwebende Leinwände links und rechts vom Dancefloor angezeigt. Oder man klickt auf den Bildschirm, dann gibt es Kollektiv Turmstrasse pur auf Augen.

Im Bigscreen sieht man die Technik, das Licht, die Video-Show und mich beim Dancen und Schrauben. Wir möchten aber auch nicht zu viel verraten. Teil der Erfahrung ist es, das Ganze selbst zu entdecken.

Hast du bei der ersten Show die Reaktion der Gäste mitbekommen?

Natürlich, das war ja der Plan, live vor Publikum zu spielen. Es war ein Gänsehaut-Moment als ich anfing und der Chat förmlich explodiert ist. Man hat gleich gemerkt, welche Stücke mehr Feedback hatten. Das war also für mich sehr echt und live. Ich freue mich darauf, bei der nächsten Show noch direkter mit den Leuten interagieren zu können. Wir arbeiten daran, noch mehr Interaktionen für das Publikum zu ermöglichen.

Glaubt ihr, dass das Konzept Corona überdauern wird?

Wir denken ja. Es ist durchaus vorstellbar, das Streaming und virtuelle Clubs mehr Präsenz bekommen. Sei es, um Fans aus anderen Ländern an besonderen Events teilhaben zu lassen oder auch als virtuelle Kopie eines Clubs, der jedes Wochenende sein Programm online teilt. Und man muss festhalten, es ist positive Technologie. Es bringt Menschen zusammen. Der Grundgedanke ist richtig und somit ist es die Vorstufe zum Holodeck der Enterprise. Willkommen in der Zukunft!

Ihr wurdet kürzlich im Line-up für größere Festivals 2022 wie Hurricane veröffentlicht. Habt ihr noch Hoffnung für diese Saison?

Es gab und gibt immer wieder Anfragen. Aber: keine Impfung, keine Gigs. Hier geht es in erster Linie ums Reisen. Flugzeuge und Bahn sind gerade keine gute Idee. Wir denken nicht, dass wir dieses Jahr eine wirkliche Festival-Saison haben werden. Ich hoffe, dass Deutschland die Impfungen so schnell wie möglich durchbekommt und wir nächstes Jahr, quasi mit einem Raketenstart und ohne Sorge um die Gesundheit, die letzten zwei Saisons nachholen können.

Wir brauchen Schutz und jeder vollständig Geimpfte sollte wieder tun können, was er will. Vor allem die jungen Menschen brauchen jetzt wieder ihren Freiraum. Wir fordern also umgehende Impfungen für alle Party People und Kollektiv Turmstrasse-Fans.


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Elbvertiefung: Schlamm drüber

Wie die Elbvertiefung wurde, wie sie ist – und was sie für Mensch und Umwelt bedeutet

Text: Markus Gölzer

 

Es ist ja nicht so, dass es erst seit der Elbvertiefung rumort im Hamburger Hafen. Schon 1259 gab es Ärger mit der leidigen Konkurrenz in Stade. Die Hafenstadt verlangte per vom Bremer Erzbischof verliehenen Stapelrecht Zoll von allen Schiffen auf der Elbe. Hamburg konterte mit einem Freibrief von Kaiser Barbarossa, datiert auf den 7.5.1189, der alle Handelsschiffe auf dem Weg zum Hamburger Hafen vom Zoll befreite. Der 7. Mai wird heute mit einem Riesenspektakel als Hafengeburtstag gefeiert. Wenn auch nicht von Historikern: Hier herrscht Einigkeit, dass das Dokument eine Fälschung war. Zum Glück für Hamburg kam das erst 1982 raus, als die Stellung unter den Welthäfen längst gesichert war.

Stade ist beim besten Willen keine Konkurrenz mehr, dafür Antwerpen und Rotterdam. Sie verwiesen Hamburg auf Platz 3 unter den größten Containerhäfen Europas. Als ein Grund gelten ihre deutlich tieferen Fahrtrinnen, die sie für große Containerschiffe besser erreichbar machen. Um den Standortnachteil zu beheben, wurde nach über 15 Jahren Planung und einem Tsunami aus Rechtsstreitigkeiten im März die Elbvertiefung fertiggestellt. Die neunte in 200 Jahren.

Die 130 Kilometer lange Wasserstraße zwischen Hamburg und Nordsee wurde so ausgebaggert, dass Schiffe mit einem Tiefgang von 13,50 Meter unabhängig von Ebbe und Flut fahren können. Auf der Flutwelle sind bis zu 14,50 Meter Tiefgang möglich. Zudem wurde die Fahrtrinne verbreitert und eine sogenannte Begegnungsbox gebaut. Das Tinder für Schiffe sorgt bei Wedel auf einer Länge von fünf Kilometern dafür, dass sich auch große Frachter begegnen und schnell wieder voneinander entfernen können. Insgesamt sollen durch die Elbvertiefung bis zu drei Millionen Container mehr möglich sein.

 

Hamburg, der Sisyphos von der Waterkant

 

Zum Vergleich: Der Umschlag 2020 lag bei rund 8,5 Millionen Containern. Die Freigabe der neuen Tiefgänge erfolgt in zwei Stufen. Am 3. Mai 2021 wurde die erste Stufe umgesetzt. Containerschiffe können die Tiefgangverbesserungen jetzt zu etwa 50 Prozent ausnutzen. Ob das Großprojekt, das mit 800 Millionen Euro in der Elbphilharmonie-Liga spielt, hilfreich ist, dürften nicht nur der Schierlings-Wasserfenchel und andere bedrohte Pflanzen- und Tierarten bezweifeln.

Die vor fast 20 Jahren geplante Vertiefung war zu kurz gedacht. Die Frachter sind heute viel größer, als man sich damals vorstellen konnte. Ein Ende der maritimen Gigantomanie ist nicht zu erwarten. Damit ist nicht nur die Tiefe der Fahrtrinne entscheidend, sondern auch Länge und Breite der Schiffe. Am 3. Mai wurde der Einlauf des ersten Großcontainerschiffs, der CMA CGM Jacques Saadé, mit Wasserfontänen gefeiert. Der Frachter der Megamax-Klasse beeindruckt mit einer Länge von 400 Metern und 61 Metern Breite. Und würde mit einem vergleichbaren Schiff nicht durch die Begegnungsbox kommen. In ihr können nur Frachter bis zu einer addierten Schiffsbreite von 104 Metern aneinander vorbeifahren. Zweites Riesenproblem: Die Strömungsverhältnisse haben sich anders entwickelt als erwartet. Es fällt viel mehr Schlick an, Hafenbecken wie Fahrrinne verschlammen. Die Elbvertiefung trägt dazu bei. Man muss ständig freibuddeln, kippt das Ausgebaggerte zehn Kilometer unterhalb des Hafens direkt in die Elbe. Der Schlick kehrt zurück, der Kreislauf beginnt wieder von vorne. Hamburg, der Sisyphos von der Waterkant.

Bei aller Baggerei können die größten Containerfrachter mit ihrem Tiefgang von 16,50 Meter nach wie vor den Hafen nicht erreichen. Fatal, denn die aktuelle Vertiefung dürfte die letzte gewesen sein. Eine weitere wäre einer umweltbewussten Öffentlichkeit nicht vermittelbar. Sie würde die Deiche destabilisieren und Natur wie Elbbauern den Rest geben. Doch es gibt auch Gewinner. Der Bund sucht aktuell Firmen, die die Fahrrinne ausbaggern und die Elbe auf Tiefe halten. Bis Anfang Mai konnten sich europaweit Unternehmen um den lukrativen Auftrag bewerben. Kostenpunkt für den Steuerzahler: rund 50 Millionen Euro.


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