WohnSZENE – So klappt es mit dem Umzug!

(Sponsored) Neues Jahr, neues Wohnglück! Vor zwei Monaten hieß es für Sarah Ramroth: Umzugskartons aus dem Keller holen und die sieben Sachen packen. Die Bloggerin hatte in Eimsbüttel ihre Traumwohnung gefunden. Mittlerweile ist sie Expertin in Umzugsfragen und verrät uns hier und auf www.wohnfreude.de, woran wir beim Umziehen unbedingt denken sollten…

Die alte Wohnung ist leer, ein neues Wohnglück kann beginnen. Foto: Sarah Ramroth

Hej,

kannst du dich noch an deinen letzten Umzug erinnern? Und bilden sich bei dir, wenn du daran zurückdenkst, eher Schweißperlen auf der Stirn oder verbindest du damit entspannte Erinnerungen? Die meisten Leute reagieren bei dem Thema Umzug genervt und fast jeder hat eine Geschichte davon parat, was alles schief gelaufen ist.

Vor kurzem hieß es auch für mich mal wieder meine Umzugskartons aus dem Keller holen und meine sieben Sachen einpacken. Ich hatte nämlich das große Glück über Freunde meine Traumwohnung in Eimsbüttel ergattert zu haben. Da kommen wir natürlich schon zu dem ersten Punkt, der sich bei der Wohnungssuche als schwierig erweist: überhaupt eine schöne Wohnung finden! Immoscout, Immowelt und Co. sind die ersten Apps, die man sich für die Wohnungssuche auf sein Handy runter lädt. Doch lässt sich dort seine Traumwohnung finden? Und vor allem: angenommen mich haben die Bilder überzeugt- haben sie dann nicht auch zig andere Leute überzeugt? Und lohnt es sich überhaupt zu der Besichtigung zu gehen, wenn von vornherein klar ist, dass es eine Massenbesichtigung ist?

Das sind nur ein paar der Fragen, die sowohl ich mir schon gestellt habe, als auch häufig aus dem Freundeskreis mitbekomme. Sobald man sich aufgerafft hat zu einer Besichtigung zu gehen (hey, man könnte ja schließlich ja schließlich die Auserwählte sein!), geht das Imponieren beim Makler schon los. Wenn ich in der Vergangenheit bei Wohnungsbesichtigungen war, hab ich mich damit immer erst einmal zurückgehalten und mir die Zeit genommen die Wohnung in Ruhe anzuschauen. Was bringt es mir, mich gleich beim Makler aufzudrängen, wenn ich noch gar nicht weiß, ob die Wohnung mir überhaupt zusagt?

Sarahs Tipps für eine erfolgreiche Wohnungssuche:

Mehr praktische Tipps für den Umzug unter www.wohnfreude.de.

 

 Dieser Text ist nur ein Auszug aus Sarahs Beitrag „Neue Wohnung – so klappt es mit dem Umzug!“ . Weiter geht’s bei www.wohnfreude.de, das Hamburger Online-Magazin rund ums Bauen, Wohnen, Finanzieren mit freundlicher Unterstützung der Sparda-Bank Hamburg eG.


Who the fuck is…

Sarah Ramroth gibt auf wohnglueck.hamburg und  @wohnglueckhamburg (Instagram) seit über einem Jahr praktische Einrichtungstipps und verbindet sie mit ihrer Liebe zu Hamburg. Einmal pro Monat berichtet sie über Hamburger Wohnthemen für www.szene-hamburg.com und www.wohnfreude.de.

Klub Katarakt – Spannung durch Sprengung

Marktorientierung machen andere: Das Internationale Festival für Experimentelle Musik präsentiert auf Kampnagel Kunst unangestrengt, offen, zugänglich.

Experimente kann jeder, sie der breiten Masse schmackhaft machen wird schon schwieriger. Den Machern des Hamburger Festivals klub katarakt gelingt genau das seit nunmehr zwölf Jahren. Musikalische Wagnisse werden von ihnen dermaßen spannend gestaltet, dass damit mehr als nur ein Fach- und Nerd-Publikum angesprochen werden. Die teilnehmenden Künstler: Größen ihres Genres. Die allgemeine Festivalatmosphäre: offen, spannend wie entspannend.

1992 von Kompositionsstudenten der Hamburger Musikhochschule als Verein katarakt gegründet, damit die Kompositionen der Mitglieder auch außerhalb der Hochschule aufgeführt werden konnten, entstand 2005 erstmals das gleichnamige Festival. Bisherige Gastkünstler mit Porträtkonzerten, Vorträgen und Präsentationen waren u. a. Marc Sabat, Gerard Pape, Marko Ciciliani, Christian Wolff, Alvin Lucier und Charles Curtis. Auch Hamburger Komponisten werden regelmäßig vorgestellt, diese Ausgabe des Festivals bietet etwa Alexander Schubert eine Bühne.

Höhepunkte beim diesjährigen klub katarakt gibt es gleich zu Beginn mit der Konzertinstallation, die das Schweizer Insub Meta Orchestra in Zusammenarbeit mit der künstlerischen Leitung vom klub katarakt in einem vorausgehenden Arbeitsprozess präsentieren wird. Hierbei geht es auch um neue Formen der Musikvorführung, etwa die Auflösung von festen Plätzen und das Zusammenfinden von immer neuen Gruppierungen an unterschiedlichen Orten. Am zweiten Festivaltag folgt dann Alexander Schubert mit der Erstaufführung seines einstündigen Werks „Supramodal Parser“. Musikalisch und szenisch erinnert hierbei alles an die Techno- und Ravekultur: Keine Stuhlreihen, keine Bühne, stattdessen eine Kulisse wie ein Club, in dem das israelische Ensemble Nikel und die Hamburger Sängerin Mohna die Klangästhetik bestimmen. Die Sprengung der typischen Konzertformen in Vollendung. Tag drei steht dann ganz im Zeichen der Blechbläser. Das Tubisten-Trio Microtub und die drei Trompeterinnen, die sich zusammen Tritop nennen, treten auf. Und am vierten und letzten Festivaltag gibt es noch die „Lange Nacht“ mit allerhand Erst- und Uraufführungen aus der Hamburger Szene sowie die abschließende Party mit Nikae und F#X.

Text: Erik Brandt-Höge 

Beitragsbild: Jamasp Jhabvala

Kampnagel
17.–20.1.18

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Januar 2018. Das Magazin ist seit 22. Dezember 2017 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Scharfe Schüsse in der Nordheide

Rechtsruck! Die aktuelle Ausstellung „Schwarzarbeit in Jesteburg“ ist ein Lehrstück über den Einfluss von Medien auf die öffentliche Wahrnehmung von Kunst. Isa Maschewski, künstlerische Leiterin des Jesteburger Kunstvereins, erklärt, wie sie zum Feindbild von Populisten wurde.

SZENE HAMBURG: Jesteburg ist ein beschaulicher Ort am Nordrand der Lüneburger Heide. Im letzten Sommer aber wurde bei Ihnen scharf geschossen.

Isa Maschewski: Es ging um ein von der Gemeinde initiiertes Projekt, das ich kuratiert habe: Teil davon ist ein großes, auf die Straße gemaltes Bild der Künstlerin Monika Michalko. Bei seiner Entstehung haben zwei Geflüchtete geholfen. Anfangs wollten wir sie honorieren, da wir davon ausgingen, dass sie eine Arbeitserlaubnis hatten. Das war aber ein sprachliches Missverständnis, deshalb sagten wir: Okay, dann machen wir euch als Dank den Kühlschrank voll. Ein Redakteur vom Nordheide Wochenblatt aber schäumte und titelte „Steuergeld für Schwarzarbeit?“. Daraufhin bekamen wir Briefe, die rassistisch argumentierten und mit Verbrennen und Vergiften drohten.

Hatten Sie denn wirklich etwas falsch gemacht?

Nein, denn es ist kein Geld geflossen. Die Geflüchteten aber bekamen trotzdem Probleme. Sie mussten ihre Konten offenlegen, sie bekamen Angst. Als ich den Redakteur anrief, um zu verhindern, dass er mit dem Artikel zwei Unschuldige trifft, nutzte das nichts. Es war ihm wichtiger, mich zu diskreditieren.

Die Kritik richtete sich eigentlich gegen Sie und das Kunsthaus?

Kunstvereine auf dem Land müssen stark um Akzeptanz kämpfen. Wir haben fantastische Besucherzahlen und rund 350 Mitglieder, was für einen Ort mit knapp 8.000 Einwohnern großartig ist. Das Nordheide Wochenblatt aber ist prinzipiell dagegen, Kunst aus öffentlichen Geldern zu finanzieren, und speziell dagegen, dass ich als Kuratorin Gehalt bekomme. Es vertritt ähnliche Positionen wie eine örtliche Wählergemeinschaft. Letztere will, dass Jesteburg Kulturmittel nur für Projekte der Brauchtumsförderung und Heimatpflege ausgibt.

Daniel Hopp: Schwarzarbeit in Jesteburg. Foto: Kunstverein Jesteburg

Wie kam es zu der Ausstellung, die im Kunsthaus jetzt diese kunstfeindlichen Tendenzen thematisiert?

Ich schätze die Arbeiten von Daniel Hopp schon lange und wollte ihn unbedingt irgendwann ausstellen. Aus diesem Grund hat er sich mit Jesteburg beschäftigt, ist auf den „Schwarzarbeit“-Artikel gestoßen und hat entschieden, ihn zum Gegenstand einer Arbeit zu machen.

Was hat er genau gemacht?

Hopp arbeitet filmisch und performativ. Er beschäftigt sich auch damit, wie junge Menschen mit Medien umgehen, und damit, wie dies wahrgenommen wird. Jetzt hat er für den YouTuber Multi Wolf gewissermaßen eine Bühne geschaffen. Er hat ihn mit einem Team aus HFBK-Studenten und Jesteburger Jugendlichen Interviews mit den Protagonisten der hiesigen Kulturpolitik machen lassen – mit Fragen, die aus dem Wochenblatt-Artikel entstanden sind. Diese Gespräche laufen jetzt auf sechs Monitoren im Kunsthaus.

Sie verstehen Hopps Arbeit als ein performatives Projekt. Warum?

Sie umfasst die Videos, deren Entstehung und die Performance bei der Eröffnung – sogar dass die Jugendlichen für die Ausstellung Plakate geklebt und 5.000 Flyer verteilt haben. Einer der Jugendlichen, Ronny Manjang, hat alle Aktionen dokumentiert und bespielt den Instagram-Account des Projekts „Schwarzarbeit in Jesteburg“.

Die Ausstellung macht deutlich, wie schnell Dinge, zu denen man spontan keinen Zugang hat, zum Feindbild werden.

Mit dem Projekt haben Sie sich Stimmen von Befürwortern, aber auch von Kritikern ins Haus geholt. Warum?

Ja, in einigen Interviews werde ich harsch beschimpft. Aber ich ahne jetzt, warum. Ich wusste ja nicht, dass einige Leute denken, ich würde in Berlin leben und einfach meinen Berliner Freundeskreis ausstellen. Eigentlich aber geht es um meine Position als Projektionsfläche. Die Ausstellung macht deutlich, wie schnell Dinge, zu denen man spontan keinen Zugang hat, zum Feindbild werden. Wir hoffen, dass wir so Dialoge anstoßen, die allen Seiten nutzen. In einem Kunstverein auf dem Land operiert man jenseits einer „Anästhesie des Konsens’“, die den Kunstbetrieb in Metropolen oft abpuffert.

Schöner Begriff!

Leider nicht von mir, sondern von Peter Sloterdijk, den ich sonst nicht so gern zitiere. Diesen Konsens gibt es hier nicht. Hier wird Kunst auf eine harte Probe gestellt. Angesichts des aktuellen Rechtsrucks, der auch künstlerische Arbeit diffamiert, muss man die Vorurteile kennen. Nur so kann man sie entkräften.

Interview: Karin Schulze

Schwarzarbeit in Jesteburg, Kunsthaus Jesteburg (Niedersachsen), voraussichtlich bis 21.1.

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Dezember 2017. Das Magazin ist seit 22. Dezember 2017 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

BierSZENE – Ein Bier für ein besseres Hamburg

Gute Sache: Das erste Charity Beer von And Social Drinkers geht kommende Woche an den Hahn. Das limitierte Craft Beer schmeckt nicht nur grandios, sondern macht Hamburg ein kleines bisschen besser.

Ein leichter Körper, der von feiner Säure umspielt wird. Dieses komplexe Aroma, das an Kirschen, Strauchblüten und Basilikum erinnert. Eine dezente Schärfe, die den Geschmack gekonnt abrundet. Die Rote Hanse ist ein bemerkenswertes Red Sour IPA – nicht nur, weil es La Bamba auf eurer Zunge tanzt, sondern auch, weil es euch die Möglichkeit gibt, beim Biertrinken etwas Gutes für Hamburg zu tun. Klingt toll? Ist es auch! Denn die Rote Hanse wurde speziell für den guten Zweck gebraut.

Es ist ein Charity Beer: das Red Sour Beer die Rote Hanse. Foto: Jennifer Meyer

Die Idee dazu kommt von And Social Drinkers. Ein bunter Haufen von Biernerds, die die Leidenschaft für Craft Beer teilen – und ja, auch ich gehöre seit der ersten Stunde im Frühling 2017 dazu. Gemeinsam unseren Bierdurst zu stillen und zu Fachsimpeln war uns aber bereits nach kurzer Zeit zu langweilig. Ein Projekt musste her, etwas, dass Hamburg zeigt, dass man mit Craft Beer viel Schönes und Gutes erreichen kann. Dafür arbeiten wir ab sofort regelmäßig mit kleinen Kreativbrauereien zusammen, brauen mit ihnen ein einzigartiges Bier und verkaufen dieses für gemeinnützige Zwecke in Hamburg. Unser erstes Charity Beer haben wir mit Jens Block und Jens Hinrichs von Bunthaus aus Wilhelmsburg kreiert: die Rote Hanse.

Das Bier ist stark limitiert. Gerade einmal 110 Liter gibt es von dem besonderen Hopfentropfen. Wer ein Glas davon abbekommen möchte, sollte beim Fassanstich am Donnerstag, den 18. Januar 2018 dabei sein. Ab 18 Uhr fließt es dann an den Hähnen des Alten Mädchen, des Bunthaus Schankraums, des Galopper des Jahres und des Landgang Schankraums – natürlich nur so lange der Vorrat reicht. Der Erlös geht an das Hamburger Kinderhospiz Sternenbrücke.

Wir sehen uns an der Biertheke.

In diesem Sinne: Prost!

Euer Daniel

Fotos: Jennifer Meyer


Daniel Elich

Foto: Altes Mädchen

Daniel Elich (33) ist Biersommelier im Alten Mädchen. Seit 10 Jahren in Norddeutschland, seit 3 Jahren in den Schanzenhöfen, seit 2 Jahren Biersommelier: Das Leben von Daniel Elich dreht sich um Bier – jeden Tag. Ab sofort trinken wir mit ihm die besten Biere, besuchen mit ihm befreundete Brauer und erkunden mit ihm die Bierszene. Alle 14 Tage neu. Alle 14 Tage anders. Wein kann ja jeder.

Ps: Auf Instagram trägt Daniel den Namen @bieronkelHH_ und postet beharrlich rund ums Thema Bier. Macht Spaß!

 

Start with a Friend

Starthilfe! Ein Iraner, eine Deutsche, eine Freundschaft. Shahab (29) und Lena (28) sind seit etwa einem Jahr „Tandem“-Partner. Das Flüchtlingsnetzwerk hat die Modefotografin und den technischen Zeichner zusammengebracht. Ein Gespräch über Ängste, ausgeliehene Wohnungsschlüssel und Sarkasmus.

 

SZENE HAMBURG: Wieso macht ihr bei Start with a Friend mit?

Shahab: Ich habe durch einen Freund davon gehört. Ich wollte sofort mitmachen, mich mit einem Local treffen und mein Deutsch verbessern. Nach knapp zwei Monaten habe ich dann Lena getroffen.

Lena: Bei mir gab es verschiedene Gründe. Als ich das erste Mal von der Flüchtlingskrise hörte, war ich in Nordamerika und fand den Umgang damit ziemlich fragwürdig. Ich verstand nicht, warum sich die Leute nicht privat um einen Flüchtling kümmern. Wenn das jeder achtzigste Deutsche tun würde, wäre allen geholfen. Als ich im Sommer 2016 dann zurückkam und nach Hamburg zog, wollte ich einem Geflüchteten persönlich die Hand reichen. Ich dachte, es wird bestimmt einen Menschen aus einem anderen Land geben, der auch neu in der Stadt ist. Im Internet bin ich dann auf Start with a Friend gestoßen und nach einem Infoabend habe ich schnell den Kontakt von Shahab bekommen. Wir haben uns sofort getroffen und direkt super verstanden. Jetzt haben wir schon bald unser Einjähriges.

Was genau war für dich so fragwürdig?

L: Zum Beispiel, dass ständigdas Wort „Flüchtlingskrise“ benutzt wird. Obwohl während des Kosovo-Krieges auch 1,2 Million Menschen flüchteten, und auch heute – jetzt gerade – viele, viele Menschen in Afrika oder anderen Teilen der Welt ihre Heimat verlassen müssen, sprach und spricht niemand von „Flüchtlingskrise“. Klar, ist eine große Menge nach Deutschland gekommen, auf der Suche nach Perspektive und einem besseren Leben. Und ja, das war und ist eine Herausforderung. Aber eine Krise? Wie wäre es mit Chance?

Hattest du Bedenken vor dem ersten Treffen, Lena?

L: Ja, die hatte ich. Ich wusste, dass ich stabil genug bin, ein Tandem mit jemandem einzugehen, der aus einem Kriegsgebiet wie Syrien kommt. Allerdings war ich mir nicht sicher, ob ich damit empathisch genug umgehen könnte, ohne dass mir das Ganze zu nah geht. Nachdem ich erfahren hatte, dass Shahab aus dem Iran kommt,war meine größte Sorge weg. Wobei Shahab auch krasse Sachen erlebt hat. Aber jemand, der frisch aus einem Kriegsgebiet kommt, ist wahrscheinlich anders traumatisiert.

Shahab: Als ich in Deutschland ankam, wollte ich die Kultur kennenlernen, hatte aber Angst, einen Fehler zu machen. Jetzt fühle ich mich wohl.

Und für dich Shahab? Hat das Tandem dir geholfen, in Deutschland anzukommen?

S: Ja, definitiv. Als ich in Deutschland ankam, wollte ich die Kultur kennenlernen, hatte aber Angst, einen Fehler zu machen. Jetzt fühle ich mich wohl. Ich habe einen Job als technischer Zeichner, wohne in einer WG, habe Freunde gefunden und spreche immer besser Deutsch. Ohne Lena hätte das vielleicht nicht so gut geklappt. Und das Beste: Wir verstehen uns sehr gut.

Woran merkst du das?

S: Lena ist bisher die einzige Person in Deutschland, die meinen Humor versteht (lacht).

L: Er ist super sarkastisch. Da muss man ihn schon etwas kennen, um das rauszuhören.

S: Außerdem vertraut sie mir. Das ist ein tolles Gefühl. Einmal hat Lena mich sogar zwei Wochen in ihre Wohnung gelassen. Bevor ich meine WG gefunden habe, war ich 22 Monate in einem Flüchtlingscamp untergebracht. Das war eine schreckliche Zeit. Da Lena durch ihren Job viel unterwegs ist, gab sie mir damals ihre Schlüssel und ließ mich bei ihr wohnen, um eine Pause vom Camp-Leben machen zu können.

L: Da ich als Fotografin durchschnittlich nur zehn Tage im Monat zu Hause bin, war das für mich kein Problem. Und ich hatte vorher ja schon die Möglichkeit, ihn eine Weile kennenzulernen. Ich vertraue ihm und hatte keine Bedenken.

Welches war euer schönstes Erlebnis?

L: Wir haben einmal bei schönem Wetter an der Alster gesessen, als Shahab mir lange von seinem Weg aus dem Iran nach Deutschland erzählte. Da hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass wir uns so sehr vertrauen, dass wir uns über alles austauschen können. Eigentlich eine ganz banale Situation, aber schön.

S: Für mich gibt es viele schöne Erinnerungen. Das Schönste ist, dass ich in Deutschland Menschen gefunden habe, die mir vertrauen.

Lena: Seine Heimat, seine Familie und alles zu verlassen, was einem lieb ist, erfordert wirklich Mut.

Was lernt ihr voneinander?

S: Ich lerne jeden Tag von Lena. Sie ist eine wirklich mutige und starke Frau, macht immer weiter, auch wenn es mal anstrengend wird. Das beeindruckt mich.

L: Seine Heimat, seine Familie und alles zu verlassen, was einem lieb ist, erfordert wirklich Mut. Trotz der Angst vor der Zukunft ist er gegangen und hat alles getan, was nötig ist, um hier ein neues Zuhause zu finden. Shahab ist das beste Beispiel, dass Integration funktioniert. Das macht mich wirklich glücklich. Außerdem verliert er nie seinen Humor, egal wie blöd alles ist. Davon könnte ich mir auch eine Scheibe abschneiden.

Was würdet ihr all denen sagen wollen, die Angst vorFlüchtlingen haben?

S: Man sollte versuchen, Geflüchtete kennenzulernen. Wenn man miteinander spricht, wird man merken, wie ähnlich wir eigentlich sind. So wie bei Lena und mir.

Und du, Lena?

L: Ich würde sagen: Können wir das Label Flüchtling weglassen und einfach über Menschen sprechen? Man sollte sich gegenseitig kennenlernen. Wenn dieser Mensch dann ein Idiot ist, geh ich ihm aus dem Weg; wenn er keiner ist, dann lern ich ihn besser kennen. Man sollte die Vorurteile zur Seite schieben.

Shahab: Alle meine Freunde möchten mitmachen, aber leider gibt es zu wenige ehrenamtliche Locals.

Warum ist ein Tandem empfehlenswert?

L: Man lernt eine neue Kultur kennen und kann sich gegenseitig unterstützen. Helfen macht auch glücklich.

S: Alle meine Freunde möchten mitmachen, aber leider gibt es zu wenige ehrenamtliche Locals. Wenn ich besser Deutsch spreche und mich ein wenig eingelebt habe, will ich selber Geflüchteten helfen, in Deutschland anzukommen. Ich möchte etwas von der Hilfe, die ich bekomme, zurückgeben.

Interview: Jana Belmann

Foto: Jakob Börner

www.start-with-a-friend.de

Club Award 2018: Eine Krone für den Club

Weit über 11.000 Veranstaltungen, geschätzte vier Millionen Besucher. Die Hamburger Liveclub-Szene brummt. Clubkombinat und Kulturbehörde finden das ausgezeichnet und vergeben die Club Awards 2018

Manch Clubbetreiber mag sich eben erst von den Silvesterfeierlichkeiten erholt haben, da steht bereits das nächste große Nachtleben-Event ins Haus. Am 25. Januar werden im Docks die Hamburger Club Awards verliehen. Bereits zum achten Mal gibt es die begehrten Trophäen. „Auch 2018 verschafft der Award den Leistungen der Clubszene die notwendige Aufmerksamkeit“, meint Lucas Paradies vom Clubkombinat. „Er bringt all diejenigen zum Feiern zusammen, die trotz zahlreicher Bedrohungslagen allabendlich mit Herzblut und Idealismus dafür sorgen, dass Clubgängerinnen eine schier endlose Zahl an Live-Konzerten und Partys erleben können“.

Und genau das soll belohnt werden. Im Rahmen der Verleihung werden Awards in Kategorien wie Bester neuer Club, Stärkste Newcomer-Förderung oder Clubnacht des Jahres verliehen. Das im letzten Jahr überarbeitete Jury-Verfahren, setzt auch diesmal auf die Schwarmintelligenz von rund 250 Personen aus der Hamburger Musikszene. „Es steht vor allem für mehr Fairness und Transparenz im Auswahlprozess,da persönliche Präferenzen weniger ins Gewicht fallen“, so Paradies. „Aus der Clubszene erreichte uns vielfach das Feedback, dass eine solche Ehrung nunviel mehr bedeutet“. Für den Award Beliebtester Musikclub des Jahres gilt das schon lange. Er wird seit jeher vom Publikum vergeben: Auf der Seite des Clubkombinats kann jeder noch bis zum 21. Januar für seinen persönlichen Lieblingsladen stimmen und seinem Club die Krone verleihen.

Text: Ole Masch

Foto: Ulrike Schmidt

Abstimmen unter award.clubkombinat.de

FoodSZENE – Jasmin unterwegs #4

Schmackhafte Kleinigkeiten, klirrende Weingläser, eine kleine sbronza (Rausch): Warum es sich jetzt lohnt, einen Blick auf die italienische Aperitivo-Kultur in Hamburg zu werfen. Gönnt euch!

Zeit für Aperitivo!

Norditalien hat nicht nur ausgezeichnete Weine, sondern auch eine ausgeprägte Aperitivo-Kultur. Als ich während meines Studiums eine Zeit lang in Verona verbrachte, war die Piazza delle Erbe Dreh und Angelpunkt meines Soziallebens. Hier traf ich mich mit Kommilitonen abends auf einen Aperol Spritz, den wir in einer der zahlreichen Bars bestellten und dann draußen auf dem Platz oder den vom Tag erwärmten Steintreppen tranken.

Das orangefarbene Gemisch aus bittersüßem italienischen Likör, Sekt und einem Schuss Sodawasser war nicht nur das erschwinglichste Getränk bei rund 2 Euro, es war auch das gängigste. Mit einem Spritz in der Hand kam man ruckzuck ins Gespräch – ob mit Kommilitonen, einheimischen Berufstätigen oder Touristen (und davon gibt es massig in Verona, der Stadt von Romeo und Julia). Kein Aperitivo ohne Cicchetti: Für einen kleinen Aufpreis überbrückten wir mit lecker belegten Röstbrotscheiben– gegrilltes Gemüse, Sardellen, Eier, Prosciutto, you name it! – genussvoll die Zeit bis zum Abendessen. Jetzt wisst ihr, warum Italiener so spät essen.

Es kann den Tag beenden oder Anfang eines Abends sein, an dem man feiern geht.

Aperitivo ist ein schönes Ritual. Es kann den Tag beenden oder Anfang eines Abends sein, an dem man feiern geht“, sagt meine Freundin Francesca, die in Venedig studiert hat und heute in Udine lebt. In Venedig ist die Aperitivo-Kultur mindestens so stark ausgeprägt wie in Verona. Davon konnte ich mich selbst überzeugen, als ich Francesca einige Male zur Eröffnung der zweijährlich stattfindenden Kunstbiennale besuchte. Nach Ausstellungs- und Arbeitsende finden sich vor sagenhafter Kulisse Menschen aller Nationalitäten auf den Plätzen und Bootsstegen zusammen, um bei einem Glas Wein, Spritz oder auch GinTonic in der Hand den Feierabend einzuläuten. Man genießt die Kühle des Drinks, isst eine Kleinigkeit, verquatscht sich. Dazu gibt es die bereits erwähnten Cicchetti – in Udine nennt man sie übrigens Crostini und in Mailand Stuzzichino. Der Aperitivo Milanese sei aber noch mal etwas anderes, weiß Francesca. Er sei glamouröser. Man bezahlt eine Pauschale für alles, wobei weniger getrunken würde, dafür feinere Kost auf die Teller käme.

Holt die Aperitivokultur nach Hamburg: Das Standard in der Großen Freiheit. Foto: Standard

Jetzt habt ihr Lust bekommen, den nächsten Kurztrip nach Italien zu planen? Nicht nötig: Mitten auf dem Kiez hat Anfang 2017 eine Bar eröffnet, die die Aperitivo-Kultur nach Hamburg holt. Im Standard gibt es nicht nur extrem leckere Drinks – mehrere Spritz-Varianten mit hausgemachten Sirups, Negroni, Mules oder feine Weine –, sondern auch diverse Antipasti, die zu den Getränken gereicht werden. „Wer lange bleibt, wird belohnt“, lockt der Kellner augenzwinkernd. Man bestellt hier ein auf den ersten Blick nicht günstiges Getränk und lässt sich überraschen: angefangen bei Oliven über eine kleine Brotzeit oder Hummus mit Zitronennote bis zu Papardelle mit würziger Kürbis-Erdnuss-Paste. Verliebt habe ich mich in den Standard-Spritz mit Lavendelsirup, Rosenölund persischen Rosenblüten,die dekorativ auf der Oberfläche schwimmen und zwischen den Zähnen knistern (9 Euro). Auch Abstinente kommen auf ihre Kosten: Absolut empfehlenswert ist der Gurken-Spritz mit Gurkensirup, Zitrone und alkoholfreiem Sekt (9 Euro). Auf Holz oder Schieferplatten hübsch arrangiert, werden die Häppchen von der sympathischen Köchin Jasmin Baltres persönlich serviert.

„Wer lange bleibt, wird belohnt“, lockt der Kellner im Standard.

Überhaupt beweist die Kiezbar extrem viel Stil: Auf den langen Tischen stehen extravagante Blumenarrangements und bauchige Frankenwein-Flaschen mit aromatisiertem Leitungswasser. Unverputzte Wände bilden einen tollen Kontrast zur Marmortheke und im Badezimmer kann man sich mit Independent-Magazinen und dem Bestaunen von Kuriositäten die Zeit vertreiben. Im Hintergrund läuft Jazz und Bossa Nova. Musik – überhaupt ein wichtiges Thema im Standard. Auf Soundcloud sind mittlerweile vier Mixtapes online, die den Vibe der Bar ins eigene Wohnzimmer holen.

Standard, Große Freiheit 90 (St. Pauli),Telefon 36 94 66 33, Di-Sa17–22 Uhr; www.standard.hamburg


Who the fuck is…

Foto: Philipp Jung

Unsere Kollegin Jasmin Shamsi schlemmt sich für uns durch Hamburg. Als Foodredakteurin schlägt ihr Herz für Kultur und Kulinarik – die zwei großen Ks, für die sie brennt. „Sie hängen eng miteinander zusammen und befinden sich im ständigen Austausch“, sagt sie. Für uns spürt sie die Geschichten über Macher und Marken auf und serviert sie brühwarm und immer neu gewürzt – online und in jeder Ausgabe der SZENE HAMBURG.

jasmin.shamsi@vkfmi.de

BierSZENE – Daniels Jahresrückblick

Hallo liebe Biertrinker, zack ist Weihnachten schon wieder vorbei. Und auch 2017 ist quasi schon Schaum von gestern. Zeit, um sich die vergangenen Monate noch einmal auf der Zunge zergehen zu lassen – und um einen kleinen Blick ins neue Jahr zu wagen. Was geht ab in 2018? Hamburg, Bier und Bunthaus!

 

Rückblick: Tschüss, du schönes Zweinullsiebzehn!

Bunthaus Brauerei: Jens und Jens starten durch

Ein Höhepunkt 2017 ist für mich ganz klar, was Jens Block und Jens Hinrichs von der Bunthaus Brauerei in Wilhelmsburg auf die Beine gestellt haben. Seit diesem Jahr fließt das Bunthaus-Bier dank der neuen Abfüllanlage nicht nur in Flaschen, sondern auch aus den eigenen Hähnen – und zwar im Bunthaus Schankraum im ehemaligen Verdüsungswerk des ebenfalls frisch gebackenen Kulinarischen Campus Wilhelmsburg.

Jens Block und Jens Hinrichs, die Brauer der Bunthaus Bauerei. Foto: Bunthaus

Der Kulinarische Campus Wilhelmsburg im Wasserwerk am Inselpark. Foto: Kulinarischer Campus

Der Bunthaus Schankraum. Foto: Bunthaus

Seit der Eröffnung im September hat sich der Schankraum zum feucht-fröhlichen Treffpunkt der Wilhelmsburger entwickelt und ich kann jeden Hamburger nur empfehlen: Ab auf die Elbinsel! Jeden Donnerstag und Freitag ab 18 Uhr erwarten euch dort feinstes Fassbier, abgefahrene Spezialsude (Probiert die wechselnden Sauerbiere!) und richtig gutes Essen. Denn Jens Block ist nicht nur Jung-Brauer (und studierter Diplom-Biologe), sondern auch ein kreativer Koch und tischt wechselnde Schmankerl auf – von Smørrebrød, Polynesian Hot Dog und Irish Stew bis Käsespätzle und Labskaus. Der Bunthaus Schankraum: Was für ein Geschenk für Wilhelmsburg!

Winter Beer Day & Microbrew Year

Auch das Jahresende hatte mächtig Umdrehungen. Mit 3.000 Besuchern, 20 Brauereien und 130 Bieren (!) haben die Winter Beer Days 2017 mal wieder bewiesen: Die Craft-Bier-Szene in Hamburg bebt! Wir Hanseaten haben einfach richtig Bock auf gutes Bier, Lust auf Neues und vor allem verstehen wir, warum Craft Bier jeden verdammten Cent wert ist.

Schwere Jungs von elbPaul. Foto: Henning Angerer

Full House beim Winter Beer Day 2017. Foto: Henning Angerer

Zum Wohl. Foto: Henning Angerer

 

Dank euch können sich die Brauer austoben, sich an große Kreationen oder abgefahrene Microbrews wagen. Sie können Biere in Fässern lagern, ungewöhnliche Aroma-Kombinationen ausprobieren und direkt von euch erfahren, ob hopp oder top. Diese unglaubliche Entwicklung der Craft-Beer-Szene macht auch mich als Biersommelier, als den Typen, der all diese Biere an den Mann und an die Frau bringt, so stolz. Danke für dieses Vertrauen, Hamburg!

Ausblick: Was geht ab in 2018?

Von jungen Böcken und 1.000 Bieren

Das große Zeitalter des Craft Beers geht weiter – im neuen Jahr, mit neuen Bieren und grandiosen Festen. Im Frühjahr stehen die Spring Beer Days in den Schanzenhöfen an. Dann rücken wieder Brauereien aus ganz Europa mit ihren jungen Böcken an. Mindestens so spannend wird natürlich auch, was Jens und Jens von Bunthaus für neue Projekte und Biere aus dem Braukessel zaubern.

Für mich persönlich geht’s dann im April erstmals als Juror zum Meiningers International Craft Beer Award 2018. Dort wollen fast 1.000 Biere aus der ganzen Welt verkostet und bewertet werden. Zur „Erholung“ reise ich dann im Mai nach Kopenhagen zur Mikkeller Beer Celebration, um rauszufinden, was die skandinavischen Craft-Beer-Brauer so treiben. Vielleicht ist das ja auch was für eure Frühlingsferien …

Try the Tripel: Meine Bierempfehlung zum Jahreswechsel

Keine Kolumne ohne Bier-Empfehlung. Deshalb gibt es zum Abschluss dieses BierSZENE-Jahres natürlich noch den Sud meines Herzens für euch: Probiert den Ratsherrn Dreizack – und zwar JETZT! Der belgische Triple ist eine limitierte Winter-Edition – und damit das perfekte Bier für den Jahreswechsel und ein spitzen Last-Minute-Geschenk für Bierliebhaber (erhältlich u. a. bei uns im Alten Mädchen oder im Craft Beer Store).

Ratsherrn Dreizack – Das Belgische Triple. Foto: Ratsherrn

In diesem Sinne: 2018 kann kommen! Rutscht fein rein ins neue Jahr – mit großem Durst und gutem Bier.

Euer Daniel

 


Daniel Elich

Foto: Altes Mädchen

Daniel Elich (33) ist Biersommelier im Alten Mädchen. Seit 10 Jahren in Norddeutschland, seit 3 Jahren in den Schanzenhöfen, seit 2 Jahren Biersommelier: Das Leben von Daniel Elich dreht sich um Bier – jeden Tag. Ab sofort trinken wir mit ihm die besten Biere, besuchen mit ihm befreundete Brauer und erkunden mit ihm die Bierszene. Alle 14 Tage neu. Alle 14 Tage anders. Wein kann ja jeder.

Ps: Auf Instagram trägt Daniel den Namen @bieronkelHH_ und postet beharrlich rund ums Thema Bier. Macht Spaß!

 

Ein Konzerthaus für alle. Auch für Willi?

Grenzen der Inklusion: Willi (10) ist schwer musikbegeistert – und schwer geistig behindert. Bei einer Probe des NDR Elbphilharmonie Orchesters hat der Junge im vollbesetzten Großen Saal des neuen Konzerthauses getanzt. Doch ist dieses Verhalten für das Publikum zumutbar?

Als Willi nach Hause kommt, wird’s trubelig. Und laut. Um kurz nach 15 Uhr stürmt der Junge, zurück von der Schule, ins Esszimmer. Sein Blick fixiert das iPad auf dem Tisch. Vier Laufschritte und eine Bildschirmberührung später ertönt daraus Musik: Peter Tschaikowsky, „Der Nussknacker“. Willi stößt ein euphorisches „Aaah!“ aus. Er greift das Tablet und rennt damit auf Toilette. Während die Klospülung läuft, spielt Willis Musikanlage Beethovens Coriolan-Ouvertüre – mit Video des Bayerischen Staatsorchesters. Willi flitzt zurück an den Esstisch. Während seine Mutter ihm warme Laugenstangen aus dem Ofen holt, klickt sich der Zehnjährige durch sein Musikrepertoire. Teilweise so schnell, als wolle er all seine Lieblingsstücke auf einmal hören. Dann steht Essen und Trinken auf dem Tisch. Das iPad weicht ein Stück nach links. In seiner rechten Hand hält Willi wahlweise eine Laugenstange oder einen Becher Milch. Die linke wippt nun lässig im Takt von „Buena Vista Social Club“, Track 2. Auch sein Kopf nickt gemütlich im Rhythmus. Die Musik hat den Jungen mit Down-Syndrom voll unter Kontrolle. Das ist die Sprache, die er liebt.

Nur über Symbole auf der Sprach-App kann Birte Müller mit ihrem Sohn kommunizieren

„Wird die Elbphilharmonie wirklich für alle Menschen da sein, selbst für so einen wie meinen Sohn, für den ich keine Verhaltensgarantie abgeben kann?“, fragte Willis Mutter, Birte Müller, im Februar dieses Jahres – kurz nach Einweihung von Hamburgs neuem Wahrzeichen – in ihrer Kolumne bei Spiegel Online. Müller hat hier nicht nur den Wunsch geäußert, dass auch ihr Sohn einmal den besonderen Klang im Großen Saal erleben darf. Sie offenbart vielmehr an einem Beispiel, wo Inklusion an Grenzen stößt: Haben Menschen mit Behinderung, die sich nicht mehrheitskonform verhalten können, dennoch das Recht, an Kulturveranstaltungen teilzunehmen? Oder ist die Mehrheit dazu berechtigt, solche Menschen auszuschließen, weil ansonsten ihr eigenes Erleben behindert wird? Ein Spannungsfeld.

Sechsmal hat die Familie sich bereits in dieses Spannungsfeld begeben und ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Der erste Versuch vor fünf Jahren, ein Auftritt des Münchener Bläserensembles Blechschaden in der Laeiszhalle, scheiterte nach einer Viertelstunde: Im Oberrang bekam Willi Panik, die Familie musste das Konzert verlassen. Ein Jahr später der zweite Anlauf. Wieder Laeiszhalle, „Peter und der Wolf“. Für Willi bis heute ein Evergreen. Die Familie sitzt nun im Parkett. Das Problem diesmal: Es ist ein Kinderkonzert. Die Lieder werden gekürzt, Gesprächsdialoge eingefügt. Willi nervt es zutiefst: „In den Textpassagen ist er ausgeflippt, hat auf den Nachbarn vor sich gehauen in der Hoffnung, dass dadurch jemand wieder für Musik sorgt“, erzählt Birte Müller.

In Konzerten für Erwachsene kommt die Musik zwar voll zur Geltung – dafür empfinden hier viele schon ein hörbares Räuspern als Störung. Wenn ein Paukenschlag dramatische Spannung erzeugt, kann Willi diese aber nicht einfach aufnehmen. Er muss seinem Sitznachbarn auf die Schulter klopfen, auf die Trommel zeigen, und „Oooaaahh!“ jauchzen. Wenn er dafür nur ein „Pssst“ erntet, bringt ihn das auf die Palme. Er wird noch lauter. „In solchen Situationen läuft mir der Schweiß. Mir tun alle leid; die Musiker, Willi und die anderen Zuschauer“, sagt Birte Müller.

Sie selbst hat dann nur zwei Optionen: Die Spannung aushalten – oder mit ihrer Familie die Flucht antreten. Warum besucht die Familie nach all diesen – für alle Beteiligten – unschönen Erfahrungen weiterhin Konzerte? Weil es auch Erlebnisse gegeben hat, in denen Birte Müller keine Schweißperlen, sondern Tränen der Rührung über das Gesicht gelaufen sind. Wenn Willis Verhaltensauffälligkeit nicht stört, sondern seine auffällige Musikbegeisterung andere Menschen berührt. Wie im März in der Christuskirche Eidelstedt: Beim jährlichen „Brückenkonzert“ sind ausdrücklich auch Menschen mit geistiger Behinderung willkommen. Die klassische Musik soll eine verbindende Brücke schlagen. Zwischen Schwerstmehrfachbehinderten und Schwerstmehrfachnormalen rümpfte an Willis zehntem Geburtstag niemand die Nase, als dieser während Bachs Klavierkonzert Nr. 1 plötzlich aufstand, um sich zur Musik zu bewegen. Der musikalische Leiter der Kirche zeigte sich davon sichtlich bewegt: „Ich habe es noch nie erlebt, dass jemand zu Bach getanzt hat“, sagte er in seiner Rede nach dem Konzert unter Tränen.

Als Birte Müller im Februar in ihrer Online-Kolumne fragte, ob ihr Sohn auch im „Konzerthaus für alle“ willkommen sei, rechnete sie nicht damit: Vier Monate später durfte Willi mit Mama und Opa an einer Probe des NDR Elbphilharmonie Orchesters teilnehmen. Eine Mitarbeiterin hatte sie eingeladen. Willi hörte erst gebannt zu, dann stand er auf und tanzte. Er war dermaßen begeistert, dass er am Ende aus dem Saal getragen werden musste. „Mit Willi in die Probe zu kommen, hat mir viel bedeutet“, schrieb Birte Müller hinterher in einem Dankesbrief. „Wir können einfach nicht in ,normale‘ Konzerte gehen. Und das schmerzt sehr, wenn man ein Kind hat, das nur wenige Wörter mit Gebärden sagen kann, und das einen sonntagmorgens mit den Zeichen für Pauke, Geige, Trompete und Kontrabass begrüßt, und ich ihm aber eben nur ganz selten diesen Wunsch erfüllen kann.“ Doch Birte Müller hat Mut gefasst. Sie weiß, dass Konzerte, „in denen explizit alle willkommen sind“, Erfolg haben können. „Ich finde es gut, wenn Leute ganz ruhig und tief in die Musik einsteigen wollen, wirklich. Ich möchte nur, dass es auch Tage gibt, an denen es anders laufen könnte.“

An die Elbphilharmonie richtet sie einen konkreten Vorschlag: „Ein vierteljährliches ,All inclusive‘-Konzert, zu dem jeder eingeladen ist. Je nach Nachfrage wird Menschen mit geistiger Behinderung auf einen Anteil der Karten ein Vorkaufsrecht eingeräumt.“ Das Ziel: „Ein inklusives Publikum, in dem jeder seine Begeisterung unterschiedlich zum Ausdruck bringt. Im besten Fall beschert es allen ein bereicherndes Erlebnis, weil die Erwartungshaltung eine andere ist.“

Tom R. Schulz, Pressesprecher der Elbphilharmonie, hält diesen Vorschlag „grundsätzlich für eine super Idee“. Auch für Nichtbehinderte könne das Erleben einer von außen betrachtet ungesteuerten emotionalen Musikbegeisterung sehr bewegend sein. Aber: Willi sei für die Elbphilharmonie erst einmal ein ganz besonderer Fall von Musikliebe. „Bislang hat sich noch niemand sonst in einer vergleichbaren Lebenssituation an uns gewandt, der oder die Musik live erleben möchte, sich dabei aber nicht so verhalten kann, wie wir das von Konzertbesuchern sonst erwarten.“ Seine Empfehlung: Die Betroffenen sollten gemeinschaftlich einen Wunsch formulieren und an die drei großen Hamburger Orchester herantragen. Wenn die Musiker sich darauf einlassen, glaubt Schulz, „dass in so einer Veranstaltung, wenn sie gut vorbereitet ist, ein großes Potenzial stecken kann.“

Willis Welt

Willi ist mit dem Down-Syndrom (Trisomie 21) zur Welt gekommen. Durch eine Stimmbandlähmung und eine therapieresistente Epilepsie (West-Syndrom) kurz nach der Geburt haben Mutter und Sohn Willis erstes Lebensjahr größtenteils im Krankenhaus verbracht. Heute ist der Zehnjährige schwer geistig behindert und kann nicht sprechen. Mit seiner Familie kommuniziert er vor allem über Gebärden, einen Sprachcomputer – und über Musik. Mehr über „Willis Welt“ unter www.illuland.de

Birte Müller

… hat nach einem Auslandsaufenthalt in Australien an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW) Buchillustration studiert. Das Studium hat die heute 44-Jährige mit weiteren Reisen verbunden: Ein Semester lang studierte sie Freie Malerei in Mexiko, ihre Diplomarbeit verfasste sie in einem Dorf in Bolivien. Die Mutter von zwei Kindern schreibt regelmäßig über ihren ganz normalen Familienwahnsinn. Dass dieser auch Bücher füllen kann, zeigt ihr jüngstes Werk „Wo ein Willi ist, ist auch ein Weg“. Außerdem bietet Müller Lesungen an Grundschulen an, unter anderem zum Thema „Behinderung“.

Texte: David Hock / Fotos: Jakob Börner

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Text: Anastasia Umrik / Foto: Philipp Jung

 


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