„Alcarràs – Die letzte Ernte“: Land unter

Regisseurin Carla Simón zeigt in ihrem Film „Alcarràs – Die letzte Ernte“ eine ländliche Familienidylle, die unterzugehen droht. Für den überraschend fesselnden Film gab es unter anderem den Goldenen Bären auf der Berlinale 2022

Text: Marco Arellano Gomes

Es war nicht unbedingt zu erwarten, dass der Goldene Bär der Berlinale dieses Jahr an einen spanischen Film geht, der das ländliche Leben porträtiert. Doch dieser Film ist eben viel mehr als das.

„Alcarràs – Die letzte Ernte“ zeigt die Familie Solé, die seit 80 Jahren im katalanischen Dorf Alcarràs Pfirsiche anbaut. Doch nun droht das Ende: Einst hat der Großgrundbesitzer Pinyol der Familie als Dank für seine Rettung im Spanischen Bürgerkrieg das Land überlassen. Doch von dieser Abmachung will dessen Enkel nichts mehr wissen. Er will das Land zurück, um eine Fotovoltaik-Anlage darauf zu errichten. Schon bald rücken die ersten Bagger an und stürzen die Familie Solé in Ungewissheit. Vater Quimet (Jordi Pujol Dolcet) stürzt sich in die Erntearbeit. Mutter Dolors (Anna Otín) versucht Haus und Familie mit fröhlicher Geduld zusammenzuhalten. Was wird vom Landleben bleiben?

Großes Kino von Laiendarstellern

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„Alcarràs – Die letzte Ernte“, ab 11. August 2022 in den Kinos (Foto: Piffl Medien)

Regisseurin Carla Simón („Fridas Sommer“) gelingt es geschickt, einem das Leben auf dem Lande nahe zu bringen. Als Zuschauer ist man mittendrin – beim Pflücken, beim Streiten, im Leben. Das liegt nicht nur an der dokumentarischen Kameraarbeit (Daniela Cajías) mit ihren Nah- und Naturaufnahmen. Es liegt auch an den authentischen Darstellungen der einzelnen Familienmitglieder und ihrem Mit- und Durcheinander – vom verschlossenen und doch herzlich wirkenden Großvater Rogelio (Josep Abad) bis zu den verspielten Kleinkindern. Diese sind allesamt mit Laiendarstellern besetzt. Das sieht und fühlt man im positiven Sinne. Simón stammt selbst aus dem tiefsten Katalonien. Ihre Familie baute ebenfalls Pfirsiche an. Die Erinnerung an ihren vor einigen Jahren verstorbenen Großvater brachte sie dazu, dieses Leben filmisch einfangen zu wollen. Das ist gelungen. „Alcarràs“ ist ausbalanciert, voller Farben, Kontraste und Leben – und deshalb absolut sehenswert.

„Alcarràs – Die letzte Ernte“, Regie: Carla Simón. Mit Jordi Pujol Dolcet, Anna Otín, Josep Abad. 120 Min. Ab dem 11. August in den Kinos 

Hier gibt’s den Trailer zum Film:


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Niklas: „Damit entsteht so ein nostalgischer 90s-Vibe“ 

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Für SZENEzeigen fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Niklas begegnet

Protokoll: Katharina Stertzenbach

„Ich bin 30 und arbeite seit mittlerweile sieben Jahren in der „Parzelle“ hier auf St. Pauli. In diesem ausgelassenen Nachtleben auf dem Kiez fühle ich mich wohl. Am besten wäre es, ich könnte hauptberuflich als Barleitung arbeiten, aber das geht nicht. Dafür ist die Arbeit auf dem Kiez einfach zu schlecht bezahlt. Unter der Woche arbeite ich deswegen als Sales Manager bei einem IT-Betrieb. Das ist ein guter Job und von dem Geld kann ich mir mein Leben gut finanzieren. Die Arbeit erfüllt mich nicht, ich bin auch kein Computerfreak, aber kann gut schnacken und das hilft. 

Der Sozialpädagoge hinterm Tresen

Auch bei der Arbeit hinterm Tresen muss man viel schnacken. Doch für den Job in der Parzelle brenne ich tausendmal mehr. Vor allem wegen der Leute. Manchmal siehst du dich in der Kneipe auch selbst als Sozialpädagoge. Wenn die Leute anfangen, dir ihre Probleme und Geschichten zu erzählen oder wenn du Konflikte lösen musst – egal ob verbal oder körperlich. Du wirst immer wieder mit neuen Situationen konfrontiert. Auch deswegen mache ich den Job im Nachtleben so gerne.

Echter 90s-Vibe

Mittlerweile hat sich sogar noch mehr entwickelt. Mit einem unserer DJs habe ich das DJ-Duo Two Solala ins Leben gerufen. Im Moment legen wir hauptsächlich in der Parzelle auf. Wir möchten uns mit der Musik – einem Mix aus Oldschool- und 90er-HipHop – von den Mainstream-Playlisten anderer Läden abheben. Deswegen legen wir auch selbst gebrannte CDs auf und machen die Übergänge zwischen den Tracks selbst. Damit entsteht so ein nostalgischer 90s-Vibe. Und man bleibt immer kreativ. Bei uns gibt es keine computergesteuerte Warteschlange, sondern nur den eigenen Kopf. Wir gucken genau, welche Leute im Laden sind, und reagieren spontan, worauf die Bock haben. Vor Kurzem kam ein Gast aus Berlin in die Parzelle und meinte zu mir: ‚Ey, Alter das hab’ ich seit zehn Jahren nicht mehr gehört.‘ Das ist das schönste Kompliment, das ich als DJ je bekommen habe.“


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Protestcamp in Hamburg: „LNG stoppen“

Beim System Change Camp im Altonaer Volkspark treffen sich rund 40 linke und klimapolitische Gruppen, diskutieren über Alternativen zur Nutzung von Flüssiggas und planen Aktionen, um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen

Text: Felix Willeke

Seit dem 9. August 2022 läuft das System Change Camp in Hamburg. Noch bis zum 15. August treffen sich rund 40 linke und klimapolitische Gruppen im Altonaer Volkspark. Unter dem Motto „Gegen Erdgas, LNG und eine fossile Infrastruktur, die unsere Zukunft aufs Spiel setzt!“ wollen sie „ein neues Narrativ setzen“, so Toni Lux, die Sprecherin des Camps. Die Aktivist:innen sprechen sich gegen die Nutzung von Flüssiggas und den Ausbau dementsprechender Infrastruktur aus. Dazu wollen sie sich im Rahmen des Protestcamps vernetzen und mit Aktionen in und um Hamburg auf sich aufmerksam machen.

Ein Camp für alle

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Im Altonaer Volkspark haben rund 40 linke und klimapolitische Gruppen ein selbstverwaltetes Camp errichtet (Foto: Felix Willeke)

Das System Change Camp richtet sich dabei nicht nur an Campteilnehmer:innen. „Wir möchten mit der Hamburger Bevölkerung in Kontakt kommen und Menschen aus allen Bevölkerungsgruppen auf unserem Camp willkommen heißen“, sagt Toni Lux. Dazu sind neben Workshops auch einige Podiumsdiskussionen geplant. Diese beschäftigen sich neben dem Hauptthema Gas und fossile Energieträger auch mit Wassernutzung, Ausbeutung von Ressourcen, Rassismus und (Neo-)Kolonialismus. Mit dabei sind neben Aktivisten:innen aus Deutschland auch Gruppen aus den Gebieten, in denen Flüssiggas gefördert wird. Zum Beispiel aus Texas (USA), Botswana und Mexiko. Dementsprechend gibt es viele Veranstaltungen neben Deutsch auch auf Englisch und Spanisch.

Aktionen

Neben den Veranstaltungen auf dem Campgelände im Altonaer Volkspark ist am 10. August um 17 Uhr eine große Demonstration unter dem Titel „LNG stoppen, fossilen Kapitalismus sabotieren!“ ab den Landungsbrücken geplant. Darüber hinaus rufen einige Gruppen zum zivilen Ungehorsam auf und planen Aktionen in und um Hamburg. 

Kritik an LNG

Im Fokus des Camps steht die Förderung, Nutzung und der Transport von LNG. Die Abkürzung steht für liquefied natural gas – also Flüssiggas. Dieses wird unter durch umstrittene Methoden wie Fracking aus großen Tiefen gefördert und spielt in der aktuellen Diskussion um ausbleibende oder heruntergefahrene russische Gaslieferungen in Deutschland eine große Rolle. Die Bundesregierung plant aktuell die Errichtung von bis zu 12 LNG-Terminals. Das Camp kritisiert den klimaschädlichen Energieträger darüber hinaus auch in Zusammenhang mit Ausbeutung von Menschen in den Regionen, in denen das Flüssiggas gefördert wird.

Toni Lux, Sprecherin des System Change Camps im Altonaer Volkspark

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Sweet Disaster: Ein Feel-Good-Film

Sweet Disaster ist das Spielfilmdebüt von Regisseurin Laura Lehmus: Eine unkonventionelle romantische Komödie, die im Kino durchaus mitzureißen weiß

Text: Rosa Krohn

Der etwas merkwürdige Boy-Meets-Girl-Einstieg im Spielfilmdebüt der finnisch-deutschen Regisseurin Laura Lehmus verrät frühzeitig, dass sie einen besonderen Blick auf die Geschichte ihrer Heldin besitzt und ein ungewohntes Tempo und Taktgefühl, sie zu erzählen.

Die 40-jährige Frida (Friederike Kempter) wird nach einem halben Jahr Beziehung unerwartet schwanger. Kurz nachdem sie ihm die Nachricht überbringt, eröffnet Partner Felix (Florian Lukas) ihr, in jemand anderen verliebt zu sein und macht Schluss. So schnell gibt Frida jedoch den Vater ihres Kindes nicht auf …

Experimentierfreudig und Abwechslungsreich

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„Sweet Disaster“, ab 11. August 2022 in den Kinos (Foto: Anne Bolick/Zeitgeist Filmproduktion)

So ausgeschlachtet diese Prämisse romantischer Komödien auch ist, so unkonventionell ist in „Sweet Disaster“ der gesamte Rest, angefangen bei den Figuren: Frida vereint kindliche, träumerische Züge mit bedingungslosem Mut im Körper einer 40-jährigen, schwangeren Frau. Rückhalt findet sie in ihrer 15-jährigen Nachbarin Yolanda (Lena Urzendowsky), die ihr mit selbst gebautem Spionagewerkzeug zur Seite steht. Fridas verrückte Reise einer Risikoschwangerschaft mit Dauerbluthochdruck und Rückeroberungsversuchen wird in knallbunten Bildern erzählt, oftmals begleitet von elektronischer, poppiger Musik. Diese ungewöhnliche Atmosphäre steigert sich durch Fridas Tagträume, die der Zuschauer mal als visuell beeindruckende Zeitlupensequenz, mal als flotte Musicaleinlage erlebt. Farben und Fantasie ziehen sich durch den Film, und so ist es kein Zufall, dass Frida – sehr hingebungsvoll – als Kunstpädagogin mit Kindern mit besonderen Bedürfnissen arbeitet.

So wirklich ergibt „Sweet Disaster“ nicht immer ein konsistentes Ganzes. Manchmal fühlt man sich als Zuschauer von der Montage abgehängt, aber nur, um im nächsten Augenblick um so stärker mitgerissen zu werden. Der experimentierfreudige Feel-Good-Film wird vielleicht nicht jedem gefallen, doch kann man ihm keinesfalls unterstellen, sich in die Reihe von Beweisstücken für die Einfallslosigkeit des deutschen Films einzureihen.

„Sweet Disaster“, Regie: Laura Lehmus. Mit Friederike Kempter, Florian Lukas, Lena Urzendowsky. 93 Min. Ab 11. August 2022 in den Kinos


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Avantgarde mit Erlebnisfaktor: Sommerfestival auf Kampnagel

Theater- und Tanzperformance, Konzert und Show, Party und Puppenspiel – nach zwei schwierigen Corona-Jahren startet das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel vom 10. bis 28. August wieder voll durch. Und das Publikum zieht mit – da ist sich der künstlerische Leiter András Siebold sicher

Interview: Sören Ingwersen

SZENE HAMBURG: András, im Gegensatz zu vielen anderen Festivals hat das Internationale Sommerfestival auch in den letzten beiden Corona-Jahren stattgefunden. Wie nachhaltig sind die Erfahrungen dieser Zeit? Wirken sie organisatorisch und künstlerisch auch ins aktuelle Festival hinein?

 Leitet seit 2013 das Internationale Sommerfestival: András Siebold 
(Foto: Julia Steinigeweg)

András Siebold: Unser Credo der vergangenen zwei Jahre war: Wir finden für alles eine Lösung, auch wenn erst mal alles dagegen spricht. Das war zwar eine organisatorische und logistische Herausforderung, aber zeigte vor allem auch eine Perspektive für die vielen freischaffenden Künstler:innen. Denn so ein Festival in der Pandemie hat immer auch Signalwirkung: Schaut, geht doch. Das kommende Festival haben wir jetzt mit gelassenem Optimismus geplant, entsprechend umfangreich ist das Programm.

„Das Festival hat wieder Vor-Pandemie-Niveau“

Gibt es Neuerungen betreffend der inhaltlichen Schwerpunkte oder der Struktur des Festivals?

Das Festival hat wieder Vor-Pandemie-Niveau und ist eine Mischung aus internationalen Uraufführungen und Gastspielen, Konzerten, Ausstellungen, Stadtbespielungen und dem Festival-Avant-Garten, Hamburgs Perle der kostenlosen Kunstfreizeitparks. Inhaltlich gibt es Themenstränge zu Schwarzer Popkultur, Care-Praktiken oder Musicals – und viele Querverbindungen zwischen den Produktionen, die wir im Vorwort des Programmhefts beschreiben, etwa die Farbe Blau.

Zur Festivaleröffnung feiert ihr die Weltpremiere von Oona Dohertys „Navy Blue“. Darin geht es um die (Künstler-)Krise und deren Überwindung. Nehmt ihr die gegenwärtige globale Situation als Krise wahr, und wie reagiert ihr mit dem Festival darauf?

Das Festival hat sich schon immer auf Gegenwartsdiskurse bezogen. Oona Doherty zum Beispiel, hat eine sehr eigene Tanz-Sprache entwickelt, in der zwar die Tanzgeschichte bis zum Ballett erkennbar ist, die sich aber auch mit Fragen über Identität, Geschlecht und Klasse auseinandersetzt: In ihrer letzten Arbeit, die wir 2020 gezeigt haben, verbindet sie ihren Tanz mit männlichen Selbstbehauptungsposen der Arbeiterklasse.

Diese Gesten zeigt sie in ihrer ganzen Brüchigkeit liebevoll und mit vollem physischen Einsatz und lenkt damit den Fokus auf einen abgehängten Teil der Gesellschaft. Und genau da setzt auch „Navy Blue“ an. Der Kampf des entrechteten Körpers ist bei Doherty fast physisch erfahrbar, verstärkt auch durch den englischen Supermusiker Jamie xx, der die Musik für „Navy Blue“ komponiert. 

Zwei Festival-Arbeiten beschäftigen sich mit Andy Warhol. Was fasziniert Gegenwartkünstler wie Gus Van Sant oder Raja Feather Kelly an diesem Pionier der Pop-Art?

Ich glaube, es ist die radikale Neugier und das pionierhafte Neu-Denken der Gegenwart, für die Warhol steht. Er hat viele Internet-Phänomene beschrieben, lange bevor es Social Media gab: Vervielfältigung von Bildern, Selbstdarstellung, den Umgang mit Fame und Marktmechanismen.
Und er hatte einen interdisziplinären Kunst-Ansatz, den sowohl der Kino-Großmeister Gus Van Sant verfolgen, der bei uns jetzt ein bildgewaltiges Musical über Warhol inszeniert, als auch der New Yorker Choreograf Raja Feather Kelly, der sich als schwarzer, queerer Künstler in das Erbe Warhols einschreibt und Popkultur quasi-religiös auffasst.

Die Stadt bespielen

Im letzten Jahr hat die Gruppe Ligna den leer stehenden Kaufhof bespielt. In diesem Jahr feiert ihr im leer stehenden Karstadt-Sports-Gebäude die Eröffnung des „Deutschen Museums für Schwarze Unterhaltung und Black Musik“ mit einem vielfältigen Live-Programm und erobert damit erneut den urbanen Raum. Welche Veranstaltungen sind dort im Einzelnen geplant? Und wird das Museum auch über das Festival hinaus bestehen bleiben?

Wir haben mit dem Festival immer auch die Stadt bespielt und uns in gesellschaftliche Diskurse eingemischt. Das DMSUBM ist eine Übernahme des Erdgeschosses des leer stehenden Kaufhauses mit einer Ausstellung, die den Anteil und die Biografien schwarzer Menschen an der jüngeren deutschen Popkultur einerseits und die Zuschreibungen, denen sie in einer hauptsächlich weißen Medienlandschaft ausgesetzt waren, andererseits sichtbar macht.

Es ist also quasi auch eine notwendige Korrektur einer bestimmten Geschichtsschreibung und Branche, die auf weiße Menschen fokussiert ist. Das Museum ist täglich zu Museumszeiten geöffnet, und abends gibt es an einzelnen Tagen ein Rahmenprogramm, das vom Hamburger Kollektiv formation**now kuratiert wird. Unter anderem berichten da Stars von früher, wie Nana Darkman, von ihren Erfahrungen und treten zum Beispiel in Form von Museumsführungen in Austausch mit dem Archiv. Das Museum ist erst mal – auch aus Kostengründen – nur für die Festivaldauer geplant, aber wer weiß: Vielleicht ist das der erste Schritt für ein dauerhaftes Museum der Stadt.

„Wir alle sind Teil einer Weltgesellschaft“

Kampnagel steht für kulturelle Diversität. Wie bewertest du die gegenwärtigen Tendenzen der Deglobalisierung und die Rückbesinnung auf lokale/nationale Werte im Hinblick auf den kulturellen Austausch?

Ich habe eher das Gefühl, als würden wir mit jedem Krieg, mit jeder anti-demokratischen Initiative der rechten Parteien, daran erinnert, wie sehr wir Teil einer Weltgesellschaft sind. Und wie wichtig und positiv ein Austausch mit Menschen über Grenzen hinweg ist, kann man beim Sommerfestival sehr gut erleben.

Das diesjährige Sommerfestival-Programm ist eines der umfangreichsten. Glaubst du, dass die Menschen in Sachen Kultur großen Nachholbedarf haben? Oder muss man sie derzeit mit üppigem Live-Angebot erst wieder mühsam vom Sofa locken?

Also die Vorstellung, den ganzen Tag bei schönem Wetter auf dem Sofa zu sitzen, ist doch furchtbar. Und das Festival präsentiert ja Avantgarde mit Erlebnisfaktor, für Theaterschlaf gibt es bessere Alternativen in Hamburg, das ist hier eher etwas zum Aufwachen und Wachbleiben – oder einfach zum Dasein im großen Festival-Garten unter Birkenbäumen, kostenlose Ausstellungen, Performances und Konzerte im Garten inklusive.

Gab es überraschend positive oder negative Erfahrungen bei der diesjährigen Festivalplanung?

Stand jetzt, Anfang Juli, gab es weder Absagen noch größere Änderungen. Nur steigende Preise sind wie überall ein Problem, Transporte von Australien zum Beispiel, haben sich seit März zum Teil verdreifacht. Wir können das nur kompensieren mit Einsparungen im Budget, denn Tickets sind nach wie vor günstig hier.

Ansonsten ist die Stimmung gut, der Vorverkauf liegt etwa beim Niveau vor der Pandemie, der Erste Bürgermeister hat sich auch gerade zur Festivaleröffnung angekündigt, und außerdem ist der Festival-Avant-Garten wieder für alle offen, Hamburgs nicester Kunstvergnügungspark mit Gastronomie und kostenlosen Lesungen von Buchpreisträger:innen und Konzerten unter Birkenbäumen sowie Performances und Ausstellungen auf dem gesamten Gelände.

Kampnagel Internationales Sommerfestival 2022: 10. bis 28. August

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45Hertz: Beats am Fernsehturm

Sommerzeit ist Open Air-Zeit und das gilt auch für das 45Hertz Open Air Festival. Vom 5. bis 14. August gibt’s beste Live-Musik aus den verschiedensten Musik-Genres und ein besonderes Konzert zum Abschluss

Text: Felix Willeke & Isabel Rauhut

2022 sind viele Festivals zurück, so auch das 45Hertz Open Air Festival. Nach der Premiere 2018, stehen auf dem Container-Gelände mitten in der Schanze mit dem Fernsehturm im Hintergrund dieses Jahr vom 5. bis 14. August wieder beste Liveacts auf der Bühne. Neben Elektro, Techno und HipHop gibt es außerdem viel Kunst und eine Tattoo-Station. Food und Drinks stehen bereit!

Den Auftakt macht, wie könnte es anders sein, am 5. August ab 17 Uhr das PAL. Nicht nur zählt der Club an der Messe zu den besten Techno-Clubs der Stadt, sie haben für den Auftakt des 45Hertz Festivals auch noch PartiBoi69 im Gepäck. Nach dem Techno-Gestampfe an der frischen Luft geht es für die Aftershow dann um die Ecke in den Club. Gefeiert wird so lange die Füße es aushalten.

Am Samstag, dem 6. August, geht es ab 14 Uhr mit Musik von unter anderem Doctor Dru weiter. Und wer sich am Wochenende durch den CSD getanzt hat, den erwartet beim 45Hertz Festival am Sonntag, den 7. August, der perfekte Abschluss. Beim Katermukke Open Air kann ab 14 Uhr weiter getanzt werden und bei der Aftershow im Volt endet die Party erst mit Sonnenaufgang.

Oli P. Birthday Bash

Doch ein 45Hertz Festival wäre nichts, ohne seinen Liebling: Gerade erst hat Oli P. mit „Hey Freiheit“ einen neuen Song veröffentlicht – für das 45Hertz beruft er sich auf seine Fähigkeiten hinter den Plattentellern und feiert am 10. August auf dem Gelände ab 17 Uhr seinen Geburtstag.

Seit gut zwei Jahren gibt es gutistgut, die Crew um Mela, Watson und Das Bo. Diese präsentieren am 12. August ab 15 Uhr das kleine Festivälchen der Freundschaft. Dazu laden sie neben Sutsche und Torino natürlich auch die gutistgut-Allstars Das BO, DJ Plazebo und Luis Baltes ein. Bei der Aftershow im Volt ist dann auch das Fünf Sterne Sound System mit dabei.

HipHop Heads hier hin: DOPAMIN Open Air

Das neue DOPAMIN Open Air wird Auslöser für urbane Glücksgefühle: Als Teil des 45Hertz Festivals findet das erste DOPAMIN Open Air am Samstag den 13. August 2022 statt. Zehn Liveacts, diverse Side Events und starke Surprise Acts sorgen mit besten HipHop-Beats für geschmeidige Vibes.

Nicht nur auf der Bühne zwischen den großen Containern sorgen Acts wie Reezy, Aisha Vibes, Ansu und BOOZ für Abriss. Auch im Anschluss gibt es Turn-up – zu Fuß geht’s ins Volt zur Blockparty und Aftershow um die Ecke. Tickets für das DOPAMIN Open Air gibt’s aktuell noch für 26 Euro. Für mehr Informationen: dopamin-music.de

Ein Jahr Kabul Luftbrücke

Nach so viel Party und fetten Sounds wird es zum Abschluss des 45Hertz Festival nochmal ernst: In Afghanistans Hauptstadt Kabul wurde im Lichte des Einmarsches und der Machtübernahme der Taliban 2021 eine Luftbrücke eingerichtet. Genau daran erinnert das Open Air mit „1 Jahr Kabul Luftbrücke“ am 14. August ab 15.30 Uhr. Gemeinsam mit „Kabul Luftbrücke“, einer Initiative des gemeinnützigen Vereins Civilfleet-Support, veranstaltet das 45Hertz mit Hamburg Konzerte so ein OpenAir der besonderen Art. Ziel ist es, gemeinsam mit Musiker:innen wie Georg auf Lieder, Madsen und Raum 27 ein lautes Zeichen zu setzen und so viele Spenden wie möglich zu sammeln.


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„Es ist wichtig, wütend und empört zu sein“

Seit 25 Jahren arbeitet Sibylle Ruschmeier beim Frauen Notruf Hamburg. Seither hat sich einiges verändert, doch längst nicht genug. Ein Gespräch über Mythen, Vorurteile und den andauernden Kampf um Gerechtigkeit

Interview: Anarhea Stoffel

SZENE HAMBURG: Sibylle Ruschmeier, 1980 wurde der Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen in Hamburg gegründet. Was waren die übergeordneten Ziele?

Sibylle Ruschmeier: 1980 war die Zeit des Aufkommens der sogenannten Neuen Deutschen Frauenbewegung. Damals waren es vor allem politische Aktionen, zu denen sich engagierte Frauen zusammengefunden haben. Dabei ging es zuerst einmal viel darum, die Gewalt gegen Frauen als alltägliche Männer-Gewalt klar und deutlich zu benennen und für die Rechte von Frauen und Mädchen öffentlich sichtbar zu kämpfen. Schlagkräftige Parolen damals waren „Vergewaltiger wir kriegen euch“ und „Wir holen uns die Nacht zurück“. In den Achtzigern sind dann bundesweit ganz viele autonome Frauenhäuser und Frauennotrufe entstanden. Der Frauen Notruf in Hamburg hat seine Wurzeln in dieser Neuen Deutschen Frauenbewegung. 

„Gesellschaftliche Strukturen begünstigen diese Gewalt“

Sie sind heute ein Team von sieben Mitarbeiterinnen aus verschiedenen beruflichen Bereichen. Welche Voraussetzungen sind dringend nötig für Ihre Arbeit?

Natürlich einmal eine gute Ausbildung für traumasensible Beratungsarbeit und auch ein Verständnis für die gesellschaftlichen Zusammenhänge, die die Gewalt gegen Frauen und Mädchen bedingen und begünstigen. Weil wir ja sexualisierte Gewalt gegen Frauen nicht als ein individuelles Einzelschicksal verstehen, sondern immer den gesellschaftlichen Kontext mit im Blick haben. Ich glaube, es ist auch wichtig, wütend und empört zu sein über das Unrecht der sexualisierten Gewalt, die Frauen und Mädchen und anderen Minderheiten tagtäglich widerfährt. Und Humor ist eine wertvolle Ressource. Wir lachen hier schon auch oft und viel.

„Viele falsche Vorstellungen bestehen nach wie vor in der Gesellschaft über die Taten, wie sie ablaufen, über die Täter, die Opfer und die Folgen.“

Sibylle Ruschmeier

Warum ist für Sie die Öffentlichkeitsarbeit so wichtig?

Zum einen natürlich, um die Beratungs- und Unterstützungsangebote bekannt zu machen. Damit dann auch Betroffene und Vertrauenspersonen den Weg hierher finden und sich Hilfe und Unterstützung holen können. Und zum anderen ist es aber noch immer unglaublich wichtig, über Vergewaltigung aufzuklären. Viele falsche Vorstellungen bestehen nach wie vor in der Gesellschaft über die Taten, wie sie ablaufen, über die Täter, die Opfer und die Folgen. Diese falschen Vorstellungen wirken sich eigentlich alle zum Nachteil der betroffenen Frauen und Mädchen aus. Vergewaltigungsmythen und die sogenannte Vergewaltigungsmythenakzeptanz sind eben sehr verbreitet und halten sich wahnsinnig hartnäckig. Jede Frau, jedes Mädchen spricht über Schuldgefühle und Schamgefühle, und es hilft, das eingeordnet zu bekommen. Dass es nicht ihre Schuld ist, sondern dass da gesellschaftliche Strukturen und Bedingungen dafür zuständig sind, die diese Gewalt begünstigen, bagatellisieren und leugnen.

„Kleidung ist nicht die Ursache, sondern das Täterverhalten“

Was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern, damit sich diese gesellschaftlichen Strukturen verbessern?

Insgesamt müsste genauer hingeschaut werden. Die Bereitschaft müsste größer sein, sich damit auseinanderzusetzen und auch die eigene Abwehr der Thematik zu hinterfragen. Die Vergewaltigungsmythenakzeptanz ist auch deshalb so hartnäckig, weil sie das scheinbar Unerklärliche erklärt. Also ein ganz plattes Vorurteil, welches es aber leider gibt: Eine Frau, die sich so anzieht, muss sich nicht wundern. Da könnte ich ja im Umkehrschluss glauben, wenn ich mich nicht so anziehe, dann bin ich sicher. Das ist nicht der Fall. Sie sind nicht sicher, wenn Sie sich nicht so anziehen, weil die Kleidung nicht die Ursache ist, sondern das Täterverhalten. Unabhängig davon, wie Sie angezogen sind, egal, wie alt Sie sind, egal, welche Tageszeit, egal, welcher Ort. Er entscheidet sich dazu. Es ist seine Entscheidung, Ihnen Gewalt anzutun.

Es ist natürlich schwierig, denn immer hingucken kann man ja auch nicht. Man muss sich auch mal sicher fühlen. Aber zumindest in den Berufen, die ganz offensichtlich mit Betroffenen zu tun haben, sollte es mehr Fortbildung über Traumafolgen, Traumareaktionen, über sogenanntes Opfer- und Täterverhalten geben.

Es gibt mittlerweile so viel Wissen dazu. Es ist eigentlich da, es ist nur wahnsinnig schwierig, es in den Lehrplänen zu verankern.

„Die Arbeit mit den Frauen ist eine, die ich sehr mag“

Sie erleben in diesem Monat Ihr 25- jähriges Jubiläum beim Frauen Notruf. Wie kamen Sie zu diesem Beruf?

Das war zum Ende meines Soziologie-Studiums. Da habe ich mich mit der Thematik sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Mädchen befasst, vor allem mit der damaligen Berichterstattung über Gerichtsverfahren. Es gab damals große Prozesse über sexualisierte Gewalt gegen Kinder, die Wellen geschlagen haben. Und das hat mich alles sehr fassungslos und wütend gemacht, weil ich bis dahin gar nicht mit dem Thema in irgendeiner Ausbildung konfrontiert worden bin. Seither hat mich das Thema mit all seinen Ungerechtigkeiten irgendwie nicht mehr losgelassen. Und so habe ich dann nach Beendigung meines Studiums, damals noch als Aushilfe im Büro, hier angefangen.

„Die Vergewaltigungsmythenakzeptanz ist auch deshalb so hartnäckig, weil sie das scheinbar Unerklärliche erklärt.

Sibylle Ruschmeier

Die Arbeit mit den Frauen ist eine Arbeit, die ich sehr mag. Es ist ein toller Beruf und ein großes Privileg, finde ich, so im Einklang mit meinen persönlichen und ethischen Überzeugungen arbeiten zu können. Ich habe in der Beratungsarbeit so viele tolle, kreative, starke und beeindruckende Frauen und Mädchen kennengelernt und von ihnen natürlich auch sehr viel gelernt. Mit den Frauen zu arbeiten ist nicht der belastende Teil. Das Gefühl zu haben, da ändert sich nie was in diesen Institutionen, das ist ermüdend.

Die helle Seite ist wichtig

Einige Geschichten gehen vermutlich nah, trotzdem sind Sie seit 25 Jahren Teil des Teams. Wie schaffen Sie es, weiterzumachen, Distanz zu wahren?

Wichtig ist es, eine gute Ausbildung zu haben, in der man lernt, professionell damit umzugehen. Auch ein gutes Team, das vertrauensvoll zusammenarbeitet, sich austauscht ist hilfreich. Und eine deutliche Grenze zwischen Arbeit und Privatem zu ziehen ist wichtig. Es ist gut für einen Ausgleich im Privaten zu sorgen, sich also zu Hause, in der Freizeit weniger mit den dunklen Seiten der Menschheit zu beschäftigen. Die helle Seite, die es ja auch gibt, mehr in die Waagschale zuwerfen, hilft sehr.

Wie kann man Sie und den Verein als Privatperson unterstützen?

Das kann ideelle oder finanzielle Hilfe sein. Man kann über unsere Homepage regelmäßige Informationen erhalten und es gibt auch einen Förderverein, in dem man Mitglied werden kann. Und man kann außerdem Materialien anfordern und in Arztpraxen oder an anderen Stellen verteilen. Wir freuen uns natürlich immer über Menschen, die sich für unsere Arbeit interessieren und die mit uns an der Seite der betroffenen Frauen und Mädchen stehen.

Der Frauen Notruf Hamburg ist telefonisch unter 040 25 55 66 erreichbar


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Günther Haese: Atmende Drähte

Sie schweben, flirren, vibrieren: Im Ernst Barlach Haus im Jenisch Park kann man die erstaunlichen Raumplastiken von Günter Haese entdecken

Text: Sabine Danek

Bewegen Sie sich langsam und vorsichtig. Treten Sie den Arbeiten nicht zu nahe. Und pusten Sie nicht. Auf keinen Fall. Darum bittet das Ernst Barlach Haus im Jenisch Park. Denn schließlich werden dort die äußerst fragilen Skulpturen von Günter Haese (1924–2016) gezeigt. Und das ganz ohne Schutzhauben. Das ist ein Erlebnis, denn so kommt ihre delikate Schönheit am besten zu Geltung, ihr leises Vibrieren, Klingen, Rascheln und das Licht, das sich auf den Metallen und Gazen bricht. Kurz, ihr besonderer Zauber.

Den entdeckte das New Yorker Museum of Modern Art bereits 1964 und machte den Kieler Künstler über Nacht zum internationalen Star. Zwei Jahre später vertrat er Deutschland auf der Biennale in Venedig – und dann wurde es wieder stiller um Haese und um seine Skulpturen, die so grazil wie feinteilig sind und anrührend filigran. Und die aus Drahtgazen, Uhrenfedern, Rädchen, Phosphorbronze, Gewebe oder Messingdraht bestehen, den er lötete, wickelte, zu Schnecken und Spiralen drehte und das häufig in zahlreicher Wiederholung.

Ein Hauch von Sixties-Touch

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Günter Haese: Herkules, 2011–2014, Nachlass des Künstlers, courtesy Galerie Thomas,München (Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2022; Foto: Andreas Pauly)

Wie Wesen aus einer anderen Welt erzittern sie und reagieren auf die Bewegungen der Besucher:innen. Dabei verbreiten sie einen Hauch von Sixties-Touch und sind dabei so verspielt wie cool. Man könnte sie sich auch als Schmuckstücke auf einem Cover der „Vogue“ vorstellen und auch für die umwerfend schlichte und geometrische 1960er-Jahre-Architektur des Barlach Hauses sind sie wie gemacht.

Zahlreiche von ihnen, ergänzt durch Bronzen und Monotypien, führen jetzt durch das Werk des Malers und Grafikers. Der in Düsseldorf studierte und erst mal damit begann, Trümmerlandschaften zu malen. Später nahm er Uhren auseinander, goss deren Bestandteile in Gips ab. Das waren erste Schritte hin zu seinen Raumplastiken, in deren Geometrie und Arrangement sich auch die Spuren seiner Ausbildung zum Grafiker wiederfinden: durch seine Lichtsetzung ließ Haese sie Schatten an die Wand werfen, die wie Zeichnungen wirken.

Erfolg und Ruhe

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Günter Haese: Minotaurus, 1963, Nachlass des Künstlers, courtesy Galerie Thomas, München (Foto: VG Bild Kunst, Bonn 2022; Foto: Walter Bayer)

Haeses Erfolg begann spät. Er war bereits 39, als er seine ersten Drahtplastiken beim legendären Kunstpreis junger westen in Recklinghausen einreichte. Gerade noch kurz vor Schluss, denn man musste unter 40 sein, um dort zugelassen zu werden. Er gewann und stellte ein Jahr später bereits auf der III. documenta aus, 1964 dann in New York.

Beeindrucken ließ sich Haese durch den internationalen Erfolg anscheinend wenig. Zumindest ließ er sich nicht hetzen. Mit der Ruhe und Präzision, die seine feinteiligen Skulpturen benötigten und inmitten seines Familienlebens, arbeitete er abseits der Metropolen weiter. Als der große Henry Moore eines Tages in sein Atelier kam, um eine Plastik mit ihm zu tauschen, lehnte Haese ab. Kunst zu sammeln interessierte ihn nicht und zudem wollte er zu dem Zeitpunkt keine seiner eigenen raren Arbeiten missen. Wie eigensinnig Haese war, zeigen auch Eindrücke des Künstlers Konrad Klapheck. Wie die Künstlerin Eri Krippner in ihrem Haese-Buch „Kinetik ohne Steckdose“ notierte, fand Klapheck, dass Haese gar nicht wie ein Künstler, sondern wie ein leicht gebräunter Modemacher aus Mailand wirkte und in der Unterhaltung einen Ton „bewusster Nichtorginalität“ pflegte.

Von den Großen beeinflusst

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Günter Haese: Solitär, 1984, Nachlass des Künstlers, courtesy Galerie Thomas, München (Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2022; Foto: Andreas Pauly)

Erkundet man Haeses Arbeiten jetzt im Ernst Barlach Hause, sieht man auch die Holzkisten, die er zum Transport und zur Aufbewahrung seiner Arbeiten baute. Mit seinen Haken, Ösen, Polsterungen und genauen Maßangaben und der feinteiligen Akribie, durch die seine Werke so einzigartig wurden, sind sie ein schöner Einstieg.

Dieser Akkuratesse stehen die Titel der Arbeiten entgegen, die so magisch klingen, wie die Werke selbst auch sind: „Geschmolzener Äquator“, „Ein anderer Mond“, „Irgendwo“ oder „Nach dem Regen“ heißen sie.

Haese hat mit Joseph Beuys an der Kunstakademie in Düsseldorf studiert. Viel hat er über seinen berühmten Kommilitonen nie gesagt. Die Abstraktionen des Informel haben ihn beeinflusst, Paul Klee und wohl auch die Düsseldorfer Künstlergruppe Zero um Heinz Mack, Otto Piene und Günther Uecker. Haben Zeitgenossen jedoch immer mal wieder auf elektrisch betriebene Mechaniken zurückgegriffen, hat Haese sich immer auf die Elemente verlassen. Auf den Wind und den Luftzug, die Bewegungen mitbringen.

Endlich wieder da

50 Jahre ist es her, dass diese in einer Museumsschau in Hamburg zu sehen waren. 1972 vollführten seine Plastiken zuletzt im Museum für Kunst und Gewerbe ihre lyrischen Bewegungen. Jetzt kann man ihr „Atmen“ wieder live erleben, ihr Spiel mit „Schwere und Leichtigkeit, Verdichtung und Durchlässigkeit“, wie Haese sie selbst beschrieb, ihre faszinierenden Balanceakte und ihre Magie. Dafür bewegt man sich gerne ganz vorsichtig. Und die Luft hält man sowieso an.

Günter Haese: Schwerelos. Raumplastiken aus Draht, noch bis zum 16. Oktober 2022 im Ernst Barlach Haus

Veranstaltungen im Rahmen der Ausstellung:

  • Haese sehen: Der Bildhauer Reinhold Engberding (Freie Akademie der Künste in Hamburg) über Günther Haese im Gespräch mit Karsten Müller am 30. August 2022 um 18 Uhr im Ernst Barlach Haus und
  • Haese persönlich: Karsten Müller trifft Günter Georg Haese, den Sohn des Künstlers, am 6. September 2022 um 18 Uhr im Ernst Barlach Haus

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Der „Hamburger Dom – damals“ zum Staunen und Erleben

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Auf der Eventfläche nimmt der Dom seine Gäste im Sommer 2022 bei „Hamburger Dom – damals“ mit auf eine Zeitreise in die frühen Jahre des Volksfestes am Anfang des 20. Jahrhunderts

Schon am Eingang wird klar, was die Gäste auf der über 2.000 Quadratmeter großen Eventfläche erwartet. Bei „Hamburger Dom – damals“ gibt es keine Kopien: Alle Ausstellungsstücke, Fahrgeschäfte und Zugmaschinen sind echte Einzelstücke aus der jeweiligen Zeit. Sobald man das Eingangstor passiert, wird man um Jahrzehnte zurückversetzt.

Für „Hamburger DOM – damals“ haben die Schausteller ihre Hallen und Sammlungen geöffnet und viele Raritäten gefunden. Historische Fahrgeschäfte und eine spannende Ausstellung mit Original-Exponaten aus der jeweiligen Zeit zeigen das damalige DOM-Leben. Die Ausstellung gewährt Einblicke in eine der ältesten und größten Veranstaltungen der Hansestadt, die es so noch nicht gegeben hat.

Viele Highlights und geführte Touren

Zu den Highlights zählen ein Riesenrad von 1928, ein Kinderkarussell aus den 1950er Jahren, eine Kirmesorgel von 1892 sowie Original Zugmaschinen und Wohnwagen.

Der Eintritt ist natürlich kostenfrei. Die Ausstellung im Zelt mit vielen außergewöhnlichen Exponaten kostet 2 Euro für alle Gäste. Kinder von 6-12 Jahren zahlen 1 Euro und alle Kinder bis einschließlich 5 Jahren haben freien Eintritt. Der Eintritt dient dem Erhalt der historischen Objekte, sodass sie weiter gezeigt werden können.

Für alle, die noch mehr über die damalige Zeit erfahren möchten, gibt es geführte Touren, die vorab gebucht werden können (Kosten: 12 Euro pro Person). Professionelle DOM-Guides führen durch die verschiedenen Jahrzehnte, beantworten Fragen und lassen die Geschichte mit kleinen Anekdoten wieder lebendig werden.

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Das Riesenrad von 1928 gehört zu den Highlights der Ausstellung „Hamburger Dom – damals“ auf dem Sommers 2022 (Foto: Hamburger Dom)

Liegeplatz gesucht

Seit 2013 liegt die MS Stubnitz in Hamburg. Eigentlich sollte es nach dem Lockdown wieder richtig losgehen, doch die Zukunft des Kultur- und Clubschiffs ist ungewiss. Wie die heranrückende Bebauung an den Liegeplatz in der HafenCity umfangreiches Programm unmöglich macht, ob die Stadt reagiert und welche Alternativen möglich wären, berichten die Crewmitglieder Hannah und Stefan

Interview: Ole Masch

SZENE HAMBURG: Hannah und Stefan, wie konnte die Stubnitz die Zeit des Lockdowns überstehen?

Stefan: Finanziell glücklicherweise wie viele andere Spielstätten mit dem Clubrettungsschirm der Kulturbehörde und den Überbrückungshilfen. Dazu kamen bewilligte Förderanträge über Neustart Kultur. Ideell haben wir die Zeit mit unserem Online-Format „Plattenfroster Television“ überstanden, was uns für den eigenen Crew-Zusammenhalt und für die Vernetzung nach außen wahnsinnig geholfen hat. Personell geht es uns wie allen; viele Leute sind weggebrochen.

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Es ist unklar, wie lange es die Konzerte im Schiffsbauch der MS Stubnitz am derzeitigen Liegeplatz noch geben wird (Foto: Stefan)

Was genau war Plattenfroster Television?

Hannah: Plattenfroster TV ist coronabedingt entstanden, so konnten wir die Arbeit, die uns am Herzen liegt, im Mai 2020 trotz Kulturschließung wieder aufnehmen. Die Sendung ist ein Live-Streamingformat mit mehreren Bausteinen. Konzerte, Dokumentationsvideos der Instandhaltungsprojekte, Gespräche mit Künstler:innen, Videoclips aus unserem Konzertarchiv und Gespräche mit Akteur:innen der Hamburger Kulturlandschaft darüber, was Musikkultur, Musiker:innen und Veranstaltungsstätten in Hamburg brauchen und wie sie leben. Ab Dezember 2020 konnten wir mit der Förderung durch Neustart Kultur 1 weitermachen, davor war, wie so oft, Ehrenamt und Enthusiasmus gefragt. Insgesamt haben wir bis Oktober 2021 33 Folgen produziert und so 119 Musiker:innen eine Bühne gegeben – ihrer Musik, aber auch ihren Gedanken zu aktuellen gesellschaftspolitischen, musikkulturellen Fragen. Dabei sind oft spannende Gespräche der Künstler:innen miteinander entstanden, ab September 2021 auch mit Live-Publikum unter Auflagen. Ziel der Sendung war es, einen Mehrwert zu schaffen, der über das reine Streamen von Konzerten hinaus geht. 

Stefan: Dass wir im Rahmen der Sendung aus dem bordeigenen, prallgefüllten Musikarchiv über 130 Clips ausspielen konnten, hat sowohl uns, als auch den Bands, die wir eigens und einzeln dazu angefragt haben, große Freude gebracht. Plötzlich waren auch London, Kopenhagen, Amsterdam und andere Projektphasen wieder ein klein wenig spürbar. Alle Folgen und Gespräche haben wir nach den Livestreams auf unserem YouTube Kanal veröffentlicht.

„Es braucht die Reize“

Ist so etwas in Zukunft wieder denkbar? 

Stefan: Es hat sehr viel Spaß gemacht, war aber in Teilen auch ein Kraftakt auf dem Drahtseil in Lockdownzeiten. Ohne die Förderung ist äußerst fraglich, ob wir so lange durchgehalten hätten. Als Projekt ist uns eine krude Medienaffinität und ‘do it yourself’ Attitüde ja in die DNA geschrieben, also ja. Denkbar ist ein Format, das gesprochenes Wort und Gespräch mit Musik verbindet, mit Mehrwert als Plattform für kultur-politischen Gedankenaustausch. 

Hannah: Wir hoffen aber natürlich, nicht wieder schließen zu müssen. Musikclubs sind für uns Orte, an denen sich Menschen begegnen und durch Musik aus ihrem Alltag heraustragen lassen können. Das funktioniert am Bildschirm bei einer Streaming-Sendung nicht, dafür brauchte es die sensorischen, akustischen, visuellen und ästhetischen Reize, die ein Live-Erlebnis ausmachen. 

Das Schiff ist bereit für weitere Abenteuer

Wie setzt sie sich die Crew heute zusammen?

Hannah: Wir sind ein gemeinnütziger Verein, die organisatorische Arbeit basiert weitestgehend auf Ehrenamt. Dadurch ist naturgemäß mehr Bewegung als bei einem Betrieb mit Angestellten. Unsere Leute haben mal mehr, mal weniger Zeit, weil sie sich auf ihre Lohnarbeit fokussieren müssen. Es gibt sehr wenige geringfügig angestellte Menschen – durch unsere finanziell angespannte Situation aber stets zu wenige. Leider fallen deshalb einzelne Verantwortlichkeiten und Gewerke immer wieder in sich zusammen. Aber wir sind seit Neuestem anerkannte Stelle für den Bundesfreiwilligendienst (Bufdi), eine erste Stelle konnte auf August besetzt werden, weitere sollen folgen, yeah! Und wir arbeiten aktuell an unserer Willkommenskultur, um es interessierten Menschen einfacher zu machen, ins Projekt einzusteigen. Denn neue Gesichter, die Lust haben mitzugestalten und zu frickeln, sind herzlich willkommen!

Personell geht es uns wie allen; viele Leute sind weggebrochen.

Stefan

Kurz vor der Pandemie musste die Stubnitz ins Trockendock. Ist das Schiff jetzt fit für die nächsten Jahre?

Stefan: Wir haben die Lockdownphasen genutzt und 2019 bis 2021 die umfassendsten Instandhaltungsmaßnahmen seit Beginn des zweiten Lebens der Stubnitz als Kulturschiff durchgeführt. Hier wurde vieles ersetzt und ausgebessert, durch genaues Draufschauen aber auch neue Probleme entdeckt. Wenn wir es schaffen, hier in den kommenden Jahren anzuknüpfen und den Reparaturrückstau vollends aufzuarbeiten, wäre das Schiff längerfristig technisch nachhaltig in Schuss und bereit für weitere Abenteuer. Wer sich ein bisschen reinnerden will: Auf unserem YouTube-Kanal sind unter dem Namen „Rust never sleeps“ spannende Clips zu finden und einen ausführlichen Bericht auf unserer Homepage gibt’s auch.

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„Die Akustik und Atmosphäre im Schiffsbauch ist etwas Besonderes“, sagt Stefan von der MS Stubnitz Crew (Foto: Stefan)

Zu viel Lärm in der HafenCity?

Bis wann wurde euch der aktuelle Liegeplatz am Kirchenpauerkai zugesichert?

Hannah: In der Nutzungsvereinbarung bis 2026.

Vor dem Lockdown konntet ihr dort weitestgehend ungestört Veranstaltungen durchführen. Was hat sich daran jetzt geändert?

Hannah: Der Bezug der Neubauten in der Baakenallee gegenüber der Stubnitz hat kurz vor dem ersten Lockdown begonnen. Dadurch ist ein absehbarer Interessenskonflikt entstanden, das wird besonders seit Wiederaufnahme des Live-Kulturprogrammes dieses Jahr deutlich. Es gibt nur wenige Nachbar:innen, die ihre Wünsche nach mehr Ruhe an uns, die Stadt und die HafenCity GmbH deutlich herantragen. Eine Lösung dieses Konflikts ist aber auch sehr in unserem Sinne. Es geht uns nicht darum, zu provozieren, es geht uns darum, Kulturarbeit zu machen, Live-Musikkultur in all seinen Facetten einen Experimentierort zu bieten und ein soziokultureller Ort als seetaugliches Industriedenkmal zu sein.

Mit welchen Einschnitten müsst ihr zurzeit leben?

Stefan: Aktuell können wir das Achterdeck und die Außenbar nicht mehr bespielen. Wir werden häufig aufgefordert, den Bass herunterzudrehen, wobei das nur in begrenztem Maß möglich ist. Gerade in einer Großstadt gehen Menschen ja aus, um laute Musik zu hören und sich zu treffen – was im Wohnblock in der Bude ja so nicht geht. Das zu bieten ist unsere Arbeitsgrundlage. Letztendlich ist das größte Problem die Lärmemission des Publikums in der frühabendlich zur Ruhe kommenden HafenCity, wo sich Elbratte und Brückenspinne gute Nacht sagen. Richtig problematisch ist das bei Firmenfeiern und Club-Events mit mehreren Hundert Besucher:innen, hier haben wir große Sorge vor Rufschädigung, dass man bei uns nur noch im Flüsterton feiern kann. Ohne diese Veranstaltungen gelingt uns aber die Finanzierung des Gesamtprojektes Stubnitz nicht mehr.

„Wir haben die Wurfleine schon in Richtung Stadt geworfen“

Wäre ein anderer Liegeplatz die Lösung?

Hannah: Auf jeden Fall kann ein Liegeplatzwechsel die Probleme lösen, die durch die unmittelbare Nähe am Wohngebiet entstehen. Die Stubnitz hat den Vorteil, dass sie auch in Zukunft mit der Stadtentwicklung mitgehen und eben dort hingesetzt werden kann, wo es am besten passt. Wer kann das sonst schon außer Eiswägen? Wir wären ready für Fischmarkt, Landungsbrücken, Baakenhöft oder Nordseite Elbbrücken bei der S-Bahn-Station. Die Wurfleine dafür haben wir schon in Richtung Stadt und HPA geworfen.

„Was wir uns wünschen ist ein klares Signal der Stadt, dass die Stubnitz als Kulturort und gelistetes Industriedenkmal in Hamburg gewollt ist.“

Stefan

Hat sich das Programm bereits verändert? 

Stefan: Lange Club-Veranstaltungen oder solche mit viel Publikum werden problematischer, aber das sind natürlich die, von denen wir leben. Auf die können wir nicht verzichten. Kulturprogramm auf dem Außendeck ist leider gar nicht mehr möglich. Generell kann man bei vielen Stellschrauben darüber reden, an ihnen zu drehen – das kulturelle Programm ist aus unserer Sicht die falsche. 

„Die Stubnitz hat noch viel Potential“

Wie reagiert die Stadt?

Hannah: Wir sind an die Stadt herangetreten, um eine Verbesserung der Situation für alle Beteiligten zu erwirken. Dazu befinden wir uns wie gesagt in Gesprächen mit der Kulturbehörde und der HafenCity GmbH. Das Ergebnis bleibt abzuwarten. Stadtentwicklungstypisch ist hier leider kein Schnellschuss zu erwarten.

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Suchen nach Lösungen für die Stubnitz-Zukunft: Hannah (l.) und Stefan (r.) (Foto: Felix)

Was müssten die Verantwortlichen eurer Meinung nach tun?

Stefan: Was wir uns wünschen ist ein klares Signal der Stadt, dass die Stubnitz als Kulturort und gelistetes Industriedenkmal in Hamburg gewollt ist. Verbalen Zuspruch, insbesondere von der HafenCity, erleben wir schon jetzt. Aber wir glauben, dass es darüber hinausgehen und handfest werden muss. Hamburg hat die Chance einem seit 30 Jahren bestehenden, seefähigen Zentrum für Live-Musik, Musikkultur und besondere Veranstaltungen eine Perspektive zu bieten. Aus unserer Sicht sollte das sehr im Interesse der Stadt Hamburg als Hafenstadt und Musikmetropole sein, denn die Stubnitz hat als Experimentierort und Kunstprojekt für Kulturarbeit noch viel ungenutztes Potenzial. 

Hannah: An der Stelle muss man vielleicht mal sagen, dass wir uns freuen, mit Senator Brosda in Hamburg einen Kulturverantwortlichen zu haben, dem Musikclubs am Herzen liegen, denn wir unterstützen die Initiative „Clubs are Culture“ im Kampf dafür, dass Clubs endlich als vollwertiger Teil der Kultur anerkannt werden, genau so selbstverständlich wie es bei Opern, Theatern und Konzerthäusern schon lange der Fall ist. 

Die Stubnitz ist seetauglich

Welche Konsequenzen hätte die aktuelle Situation für die Zukunft, wenn nichts passiert?

Hannah: Dann könnten wir nicht mehr so veranstalten, dass wir wirtschaftlich überlebensfähig sind. Das liegt am Nachbarschaftskonflikt und an unserem Liegeplatz, der zu weit ab vom Schuss für die Ausgehgewohnheiten vieler Hamburger:innen ist. Es ist also allen Beteiligten klar, dass etwas passieren muss.

Könntet ihr auch in anderen Städten Kultur anbieten?

Stefan: Die Stubnitz ist seetauglich, das ist auch die Voraussetzung dafür, dass wir so veranstalten können, wie wir es aktuell tun. Wäre die Seetauglichkeit nicht gegeben, würden andere Auflagen greifen. Prinzipiell ist es also möglich, auch in anderen Städten Programm zu machen, zum Beispiel auch als Kulturbotschafterin Hamburgs.

„Es besteht durchaus der Wunsch, noch mal für ein oder mehrere Gastspiele loszufahren.“

Hannah

Sind in Zukunft wieder Fahrten möglich?

Hannah: Die Stubnitz ist seit 2013 nur zum Hafengeburtstag oder zu Unterwasseruntersuchungen gefahren. Große Teile der Crew betreiben und erhalten also ein Schiff, mit dem sie noch nie länger unterwegs waren. Es besteht somit durchaus der Wunsch, noch mal für ein oder mehrere Gastspiele loszufahren. Es erreichen uns auch immer wieder Anfragen aus dem Ausland, spruchreife Pläne gibt es allerdings nicht. Das größte Problem ist natürlich die Finanzierung eines solchen Vorhabens.

„Wir sind stubnifiziert“

Hat sich denn das Konzept von Förder-Patenschaften etabliert?

Stefan: Aktuell gibt es noch zwischen 25–30 monatliche Förderpatenschaften, hinzu kommen ab und an Einzelspender:innen. Darüber sind wir sehr dankbar – shout out an dieser Stelle an alle Unterstützer:innen der Stubnitz, ihr seid super! Allgemein bräuchte es von unserer Seite wohl mehr und beständigere Kommunikation nach außen, wo wieder das Problem der dünnen Personaldecke zu Tage tritt. Da draußen gibt es ja – eigentlich – echt viel finanzielle Mittel: Großspender:innen, Mäzen:innen, Stiftungen oder auch Mittel aus städtischen Kulturgeldern wie sie auch andere Häuser in Hamburg erhalten, könnten ein echter Gamechanger sein und plötzlich Perspektiven eröffnen.

Zum Schluss zum Programm. Welche Highlights sind in den nächsten Monaten geplant?

Stefan: Wir halten nicht viel von Sternschnuppenkultur, die einmal kurz hell leuchtet und dann wieder verschwindet. Gerade Künstler:innen, die neuen Sound aus Nischen- und Nonmainstream-Ecken machen, liegen uns am Herzen. Wir empfehlen: Schaut auf das Menü im Vorverkauf oder auf unserer anachronistischen Homepage. Das, was uns bei allen Rückschlägen immer wieder bei der Stange hält ist die Überzeugung, dass die Akustik und Atmosphäre im Schiffsbauch was Besonderes ist und etwas bei den Menschen auslöst, die sie erleben. Deshalb können wir das nur empfehlen, aber da sind wir natürlich auch stubnifiziert *zwinkersmiley*.

MS Stubnitz
Instagram: @ms.stubnitz


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