Schmerzen für den guten Zweck

Tattoos für Alle! Die Clubkinder laden am 13.6. zur Seefahrt. An Bord der Tintanic sind Tätowierer, Bands und eine Burlesque-Tänzerin

Nur die Harten kommen in den Garten. Die noch Härteren kapern die MS Mississippi Queen. An Bord des Elbe-Dampfers geht es am 13. Juni aufs Derbste zur Sache: mit Burlesque, Burger, Rock ’n’ Roll – und Schmerzen auf der Haut … Denn, wenn die Clubkinder aka Joko Weykopf (Foto) und Jannes Vahl zu ihrer ersten Tintanic laden, dann soll die Tinte auch in Strömen fließen.

Tintanic

Deshalb warten an Deck vier Tätowierer des Hamburger Tattoo-Studios Superstardestroyer auf Freiwillige – 70 Motive stehen den Eintagsseemännern und -frauen zur Wahl. Damit die Schifffahrt auch für Tattoo-Feiglinge und alle anderen lustig wird, sorgt Lou on the Rocks aus dem Queen Calavera für heiße Burlesque-Shows; die Bands Wellbad und John Monday geben musikalisch den Ton an; Burger satt gibt’s von The Bird und Craft Beer sowieso.

Weil harte, bemalte, bärtige Kerle (und Mädels) aber auch meist einen weichen Kern haben, geht der komplette Erlös – von Eintritt über Tattoos bis Essen und Trinken – an das Hamburger Flüchtlingsprojekt Zongo. Vor zwei Jahren wurde die Anlaufstelle für afrikanische Flüchtlinge an der Königstraße gegründet, die dort täglich Hilfe fanden – von kostenloser medizinischer Versorgung bis zu warmen Mahlzeiten und Deutschunterricht. Im April musste das Zongo die Räumlichkeiten verlassen. Die Zukunft des Projekts ist noch ungewiss.

Text: Julia Braune

MS Mississippi Queen
13.6., Boarding 18.30 Uhr, Abfahrt 20 Uhr
Aftershowparty im Rock Café St. Pauli ab 23.30 Uhr
Vorverkauf bei Superstardestroyer (Glashüttenstraße 3), The Bird (Trommelstraße 4) und online

“Kein Stil, keine Schublade”

Interview mit Caroline Monnet, Kurzfilmmacherin aus Kanada. Beim Internationalen Kurzfilmfestival Hamburg sind ihre Werke “Gephyrophobia”, “The Black Case” und “Roberta” zu sehen

SZENE HAMBURG: Es gibt in Kanada eine sehr lebendige Kurzfilm-Szene. Wie ist es zu ihr gekommen?

Caroline Monnet: Ich glaube, es gibt eine lange Tradition des Kurzfilmmachens in Kanada, weil es ein unabdingbares Durchgangsstadium für viele Filmemacher ist. Kanada verfügt über eine einzigartige Filmkultur trotz vieler unwirtlicher Voraussetzungen – zum Beispiel eine geringe finanzielle Rentabilität und das kalte Wetter. Dem zum Trotz hat sich eine stark ausgeprägte Identität entwickelt, die auf den persönlichen Querverbindungen beruht, die unter den Filmemachern bestehen.

Gibt es Filmemacher, die Sie ganz besonders beeindruckt haben?

Man kann durchaus sagen, dass die kanadische Kurzfilm-Tradition mit der Entstehung des National Film Board 1939 begann. Wie in vielen anderen Ländern wurde es zum Teil gegründet, um Propaganda im Zweiten Weltkrieg zu betreiben. Aber schon kurze Zeit später tauchen Filmemacher auf, die daran mitwirken, durch Dokumentar-, Experimental- und Animationsfilme eine kanadische Identität auszubilden. Von diesen Filmemachern ist Norman McLaren wahrscheinlich der berühmteste, weil er Konventionen überwunden und Grenzlinien verschoben hat. Auch für mich als Künstlerin ist McLaren eine fortdauernde Inspiration, weil er keine Angst hatte, alle Aspekte des Bildes, des Schnitts und Tons zu erforschen und mit ihnen zu experimentieren.

Der Kurzfilm ist darüber hinaus zu einer echten Kunstform gelangt, in deren Rahmen viele Filmemacher dieses besondere Format wählen, um sich auszudrücken und Erfahrungen zu sammeln. Dank Initiativen wie “Prend Ça Court” und des kanadischen Kurzfilm-Promotors Danny Lennon können die Arbeiten kanadischer Filmemacher ein internationales Publikum erreichen und dessen Aufmerksamkeit erlangen. Das ist wahnsinnig wichtig, um zur Vielseitigkeit, zur Lebendigkeit und zu den Erfolgen des Kurzfilmmachens in Kanada beizutragen.

Gephyrophobia

Still aus dem Film “Gephyrophobia”

Was hat Sie dazu bewogen, Filmemacherin zu werden?

Ich wurde Filmemacherin, ohne es wirklich darauf angelegt zu haben. Ich hatte Soziologie und Kommunikationswissenschaften studiert und arbeitete kurzzeitig für die National Broadcasting Corporation und eine TV-Dokumentarfilmserie. Ich habe meinen ersten Film “Ikwé” 2009 gedreht. Ich lebte damals in Winnipeg und erhielt zufällig durch eine kleine Fördersumme die Möglichkeit, meinen ersten Film zu inszenieren und zu produzieren. Da hat mein Leben komplett verändert, weil ich hier letztendlich etwas gefunden hatte, was ich leidenschaftlich gern tat. Das Filmemachen ist für mich ein Weg, alle Formen von Kunst zu umgreifen. Es geht dabei um Schauspiel, Musik, Malerei, Fotografie und Klänge. Es ist gemeinschaftlich und schöpferisch und schwierig.

Stehen Ihre Filme in einer bestimmten Tradition? Folgen Sie einem besonderen Stil? Oder haben Sie immer Ihr “eigenes Ding” durchgezogen?

Als autodidaktische Filmemacherin glaube ich schon, “mein eigenes Ding” zu machen. Ich passe mich keinem Stil und keiner Schublade an. Weil ich keine formale Ausbildung hinter mir habe, probiere ich viele Dinge einfach aus. Jeder Film ist für mich eine neue Herausforderung und eine neue Möglichkeit, mich zu verbessern und meinen eigenen Stil zu verfeinern. Konzepte und Geschichte legen oft den Stil eines Films fest, aber ich beharre darauf, dass jeder Film über den gleichen Grad an Sensibilität, Verletzlichkeit und Ästhetik verfügt. Indem ich mich als Filmemacherin weiterentwickle, tun dies auch meine Filme. Ich bin heute anspruchsvoller als vor fünf Jahren. Aber das liegt daran, dass ich mich dauernd neuen Herausforderungen stelle, um Erzählungen zu erschaffen. Ich glaube auch, dass meine vielfältigen Erfahrungen in den visuellen Künsten einen großen Einfluss darauf haben, wie ich mir meine Filme ausmale.

Roberta

Still aus dem Film “Roberta”

Wie würden Sie Ihre Filme beschreiben, die jetzt in Hamburg laufen? Welche Unterschiede bestehen zwischen ihnen? Gibt es auch Gemeinsamkeiten zwischen “Gephyrophobia”, “The Black Case” und “Roberta”?

Alle drei Filme sind total unterschiedlich. “Gephyrophobia” ist ein Experimentalfilm, er wurde auf 16mm gedreht und vom “WNDX Festival of Moving Image” unterstützt. Beabsichtigt war, den Pulsschlag einer Stadt festzuhalten und dabei Ottawa zu porträtieren, genauer gesagt die Grenze zwischen Québec und Ontario, zwischen Frankophonen und Anglophonen. “Gephyrophobia” bezeichnet die Angst, Brücken zu überqueren. Mich interessierte diese Metapher, um über Identitäten zu sprechen, die aufeinanderprallen, ohne sich zu vermischen.

“The Black Case”, in Zusammenarbeit mit Daniel Watchorn gedreht, ist etwas völlig anderes. Der Film war mein erster Versuch, einen fiktionalen Film zu entwerfen und zu inszenieren. Er steht in einer mehr expressionistischen Tradition und beruht auf wahren Geschehnissen. Die beiden Filme haben unbestreitbare Ähnlichkeiten, weil ich bei beiden mit dem gleichen Team zusammengearbeitet habe. Beide Filme sind im hohen Grade unabhängig und ohne große finanzielle Ressourcen entstanden. Die Kamera führte bei beiden Filmen Eric Cinq-Mars und die Musik stammt von den “Frères Lumières”, was natürlich dafür sorgt, dass in ihnen eine ähnliche Atmosphäre herrscht. Sie wurden auch beide von DESC Images produziert, einer kleinen Produktionsfirma, deren Teilhaberin ich bin, und daher sind diese beiden Filme das Ergebnis gemeinschaftlicher Anstrengung.

The Black Case

Still aus dem Film “The Black Case”

“Roberta” ist ganz anders als “The Black Case”. Der Film ist in Farbe, er hat Humor, Dialoge und ein höheres Budget. “Roberta” ist für mich ein Sprungbrett, um die Möglichkeiten fiktiver narrativer Filme besser zu verstehen. Er basiert auf Kindheitserinnerungen meiner Großmutter, und das Genre erlaubte mir, mit Stil, Improvisation, Ton, Emotion und Spannung zu spielen. Ich denke immer noch, dass “Roberta” kein konventioneller Spielfilm ist, sondern von meiner Ästhetik und Art, eine Geschichte zu erzählen, einiges bewahrt. Ich habe Filme geschaffen, die nicht so ganz in die konventionelle Tradition des Filmemachens passen, zwischen Kunst und Kino, zwischen Erzählung und Experiment.

Interview: Jörg Schöning

Caroline Monnets Filme im Kanada-Programm
„Familiar Strangers“ – Do, 11.6., 20 Uhr, Zeise 2 | Sa, 13.6., 17.30 Uhr, B-Movie
„(Northwest) Passages“ – Fr, 12.6., 18 Uhr, B-Movie | So, 14.6., 17.15 Uhr, Zeise 1

Jannes Wochenrückblick Vol. 8

Kolumne: In geregelten Bahnen. Oder: Wer ist noch nicht mit einem versteckten Bier U-Bahn gefahren?

Ich möchte an dieser Stelle einmal eine Lanze für den öffentlichen Nahverkehr brechen. Klar, die Preise für Fahrkarten werden gefühlt jede zweite KW erhöht. Aber die Busse und Bahnen kommen meistens pünktlich. Und wenn Mal irgendwo gebaut wird, gibt es einen Schienenersatzverkehr. Sehr fein und immer ein Abenteuer, wenn die Menschen orientierungslos die Haltestellen entlang stolpern.

In Wirklichkeit leisten die Fahrer, die Stimmen aus den Kommandozentralen und Strippenzieher im Hintergrund täglich eine Menge: Sie bringen jeden Morgen Abertausende zur Arbeit und jeden Abend wieder zurück. Unzählige Touristen zum Rathaus, zu den Landungsbrücken und zur Alster. Unzählige Feuilletonisten zum Uebel & Gefährlich, zum Gruenspan und zum neuen Schmidtchen. Und bald dann auch endlich wieder den gesamten Speckgürtel zum Sommerdom und zur Taufe der “Mein Schiff 12” mit Helene Fischer. All’ das ohne Zustände wie in Tokio oder New York, wo man sich 24/7 panisch in ein überfülltes U-Bahn-Abteil quetscht, in dem man dann mit seiner Wange in einer nassen Achsel des Vordermannes stehen muss, in dem man direkt verprügelt und auf YouTube hochgeladen wird oder von dem Schließmechanismus der Türen zerteilt.

In Deutschland wird gerne das Negative gesehen: Trunkenbolde. Junggesellenabschiede. Nervige Bettler. Unfreundliche Fahrer. Stillende Frauen, die (aus einem Missverständnis heraus) des Busses verwiesen werden, tun ihr Übriges zum schlechten Image. Aber wer fährt einen schon sonst bei Regen alle 5 Minuten für ein paar Euro durch die halbe Stadt? Eben. Und wer ist nicht schon einmal angeheitert HVV gefahren mit einem versteckten Bier? Und wie lange dauert es bitte in München zum Flughafen? Oder in unserer großen Schwester Berlin überhaupt von A nach B?

Ich versuche es mir immer in der Bahn schön zu machen. Ich mag es, in der U3 aus dem Fenster zu schauen. Überhaupt passiert die U3 viele tolle Orte am Wasser und in der Stadt. Oder Menschen. Man kann sich so toll andere Leute anschauen. Hübsche, interessante, genervte und fröhliche. Wenn man Glück hat, sieht man sogar einen, der nicht ins Smartphone oder auf den Pad-Fantasyroman schaut und der lächelt. Diese Tage werden immer besonders schön. Sehe ich zumindest so. Und wenn mal alles schief läuft, schaue ich mir die “Sitzmuster des Todes” an. Denn auch da ist Hamburg weit vorne mit dabei.

Viel Freude morgen früh in den Öffis, wir lesen uns nächsten Sonntag wieder, Jannes

 

Who the fuck is Jannes?

Jannes Vahl hat den gemeinnützigen Verein Clubkinder e.V. gegründet. Mit Konzerten, Partys oder Events sammelt er Spenden für soziale Projekte in Hamburg, beispielsweise mit der Tagebuchlesung. Außerdem leitet er die Kreativagentur Flutlotsen mit Büro auf St. Pauli. Mit seinem Compagnon Joko setzt er hier Projekte um. Jannes Vahl hat 5.000 Facebookfreunde, trinkt Craft-Bier, mag die Band Pearl Jam und versendet digitale Herzchen. In seiner neuen Kolumne berichtet er jeden Sonntag über ein Hamburger Thema, das ihn in der letzten Woche beschäftigt hat.

Internationales Kurzfilmfestival

Eine moderne Megacity, in altbekannte Altonaer Straßenzüge implantiert – solche Dinge sieht man ab dem 9. Juni in Hamburgs Programmkinos

Die Stadt wird zum visuellen Abenteuerspielplatz: Was “urbane Verdichtung” heißt, ist im Juni beim Kurzfilmfestival zu sehen. Hier zeigt sich Hamburg aus ganz neuen Perspektiven, und vertraute Szenerien verwandeln sich in fremde Welten. So erzählt Till Nowak in dem dystopischen Kurzfilm “Dissonance” (Foto) von der prekären Existenz eines Konzertpianisten und seinem letzten Auftritt.

Doch vor allem geht es dem Hamburger Regisseur darum, die Welt mit den digitalen Mitteln der 3D-Animation ganz neu zu erschaffen – wobei er der modernen Megacity altbekannte Altonaer Straßenzüge implantiert. Ähnlich, aber mit technisch minimaleren Mitteln, verwandelt Louis Fried in “Postcard to Godzilla” den Hamburger Hafen mit seinen Kränen, Docks und Containern in eine apokalyptische Landschaft, indem er die SchwarzweißAufnahmen einer alten Bolex-Schmalfilmkamera mit bedrohlichen Electrosounds unterlegt.

Einen urbanen Katastrophenfilm haben auch Lisa Schambortski und Andreas Boschmann gedreht: Schließlich zeigt ihr “City Spirit – Vier Türme, eine Seele” mit dem Hamburger City-Hof ein aktuell von Abrissplänen bedrohtes Kulturdenkmal.

Das Internationale Kurzfilmfestival Hamburg findet vom 9. bis 15.6. im 3001 Kino, B-Movie, Lichtmeß, Studio-Kino, Metropolis, Zeise und im Festivalzentrum auf dem Kolbenhof (Friedensallee 128) statt.

Reisen, surfen, kochen

Die Freunde Cozy und Jo bringen lateinamerikanisches Streetfood nach Hamburg: “Salt & Silver” trifft Kleines Phi

Eigentlich wollte Philip Schulz “nur” eine Bar in Hamburg eröffnen. Dann lernte er Thomas Kosikowski (alias Cozy, auf dem Foto unten mit Fisch) und Johannes Riffelmacher (alias Jo) kennen. Die reisten zuvor durch Lateinamerika – zwei Surfbretter, ein scharfes Messer und ein Rucksack voller Fotoequipment im Gepäck –, um die besten Wellen und die besten Rezepte zu finden. Entstanden ist daraus erst ein Blog, dann das Kochbuch “Salt & Silver” (Release am 5.6.) und schließlich die Lust auf ein eigenes Gastro-Projekt.

Salt and Pepper 4

Philip Schulz eröffnete Ende Mai wie geplant seine Bar Kleines Phi in der Feldstraße. Ein netter Ort mit hübsch-reduziertem Industrie-Interieur und verwildertem Garten. Bevor man den erreicht, passiert man die kleine Ecke, in der sich das “Salt & Silver”-Duo häuslich eingerichtet hat.

Salt & Silver Kleines Phi Hamburg 2

Cozy und Jo – beide so hübsch tätowiert, dass jede Graphic Novel neidisch würde – bereiten hier zwischen Holzbrettern und Kakteen ihre Favoriten der südamerikanischen Streetfood-Küche zu: Ceviche (9.50 Euro). Klein geschnittener roher Fisch, in Limettensaft mariniert, wird mit roten Zwiebeln, Rocoto (wie scharfe Paprika) und Kräutern (etwa Koriander) vermengt. Dazu gibt es gedämpfte Süßkartoffeln oder Röstbaguette. Verflucht, ist das lecker!

Salt and Silver 3

Gegen den Durst hilft eine hausgemachte Grapefruit-Lemonade mit Meersalz (3 Euro) oder ein Pisco Sour (10 Euro) mit Barsol Pisco Primero Quebranta (Brandwein), Rohrzuckersirup, weißem Limettensaft, Eiweiß und Chuncho Bitters. Den mixt Kleines Phi-Macher Philip Schulz hinter seiner Bar.

Salt & Silver 6

Jeden Donnerstag gibt es im Kleinen Phi einen Ceviche-Mittagstisch. Im Laufe des Junis soll das Angebot auch auf den Samstag erweitert werden. Vermutlich gibt es dann auch frische Tacos – mit Zutaten vom Grill. Sollen die Leute nur reisen, solange sie die kulinarischen Schweinereien aus allen Winkeln der Erde mit zurück nach Hamburg bringen.

Text: Lena Frommeyer
Fotos: Jan Traupe (z.T. aus dem Kochbuch “Salt & Silver”)

Kleines Phi
Feldstraße 42 (St. Pauli)

Salt & Silver
Reisen, Surfen, Kochen
ca. 300 Seiten (29.95 
Euro)

Bäbääämm, Sommer!

Da ist er ja! Und so sieht er aus, wenn man um neun Uhr morgens in Planten un Blomen prokrastiniert

Das erste Wochenende im Juni steht vor der Tür und es werden Mitte 20-Grad bei blauem Himmel – zumindest am Freitag. Die Redaktion verbringt (wahrscheinlich) ihre letzte Woche als Untermieterin eines Fotostudios auf dem Fleischgroßmarkt in der Sternschanze (über der Schweinezerteilanlage, ohne Mist) – dann ziehen wir nach Eppendorf. Endlich Schickse! Bis dahin prokrastinieren wir vor der Arbeit gerne noch ein wenig in Planten un Blomen. Wer braucht Blumensträuße, wenn man so etwas nebenan hat? Gestern waren hier noch Entenbabys – heute sind leider keine Küken in Sicht, sonst hätten wir die natürlich auch fotografiert.

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“Das klingt large!”

Der Hamburger Musikpreis Krach & Getöse wurde am Donnerstag in der Hanseplatte an fünf hiesige Newcomer verliehen. Heinz Strunk war da. Denyo auch. Und wir natürlich

Hamburg, Hanseplatte. Blitzblank ist der Laden, die Tische mit weißen Deckchen und Blumenvasen aufgehübscht, dazwischen die Namensschilder lokaler Musik-Promis und große, glitzernde Pokale, fünf Stück insgesamt. Die gehen an neuprofessionelle Künstler aus der Stadt, verliehen von einer Jury aus Denyo, Jan Clausen, Meret Becker, Lùisa, Tim Neuhaus, Heinz Strunk und Y’akoto.

Es geht um den Hamburger Musikpreis Krach und Getöse 2015, ein Paket aus jeweils 1.200 Euro Preisgeld und einer 12-monatigen Förderung von Branchenkennern, Studios, Clubs, Agenturen und vor allem RockCity Hamburg e.V.. Den Gewinnern winken Workshops, Aufnahmen, Produktionen und Festival-Slots, kurz: der nahezu perfekte Karrierestartschuss.

Die eigentlichen Stars der Veranstaltung, die jungen Musiker, werden zunächst musikalisch vorgestellt, per Songeinspieler, und erhalten daraufhin eine Laudatio von den Juroren. Abräumer Nummer eins: Gatwick, ein Hamburger Mädchen-Junge-Duo, das mit einem Electro-Soul-Sampling-Mix besticht und bei der Pokalübergabe “ganz überwältigt ist”.

finna krach und getöse

Finna freut sich

Die nächste Trophäe kriegen die BigBand-HipHopper Pecco Bello, mit einem Drummer als Frontmann (Tim Neuhaus: “Questlove trift Käpt’n Peng!”), und die dritte geht an Sarah & Julian, über die Laudator Denyo einfach mal sagt: “Das klingt large!”

Die vierte Preisträgerin: Rapperin Finna, die von Y’akoto noch ein paar Extra-Blumen bekommt: “Ganz schön krass!” Und zum Abschluss dürfen sich Foxos freuen, zwei Neuhamburger Jungs mit großem elektronischem Talent. Meret Becker meint: “Da hat jemand Mut zum Pathos, zur großen Geste.”

Genau wie die Hamburger Veranstalter, die einmal mehr guten Geschmack und besonderen Förderungewillen beweisen. Dass dieser wirklich weiterhilft, zeigen zahlreiche Gewinner seit der ersten Verleihung 2009 bis heute, etwa Tonbandgerät, Fuck Art, Let’s!, die aktuelle Jurorin Lùisa, Spaceman Spiff und Kid Decker (Mighty Oaks).

Text & Fotos: Erik Brandt-Höge

Unkraut mit Blüten

Wilhelmsburg: Die historischen Zinnwerke konnten in letzter Sekunde vor dem Abriss bewahrt werden. Nun will die Stadt eine kreative Nutzung ausloten

Man kennt das aus der Pädagogik – wenn zu viele Erwartungen auf einem Kind liegen, es permanent beobachtet wird, dann kann es sich nicht entfalten. In diesem Beispiel ist Wilhelmsburg das Kind. Eines, dass nicht so erfolgreich ist wie die Geschwister. Sein Erzie- hungsberechtigter, die Stadt Hamburg, will das nun ändern. Sie peitscht es an, zwängt es in Rollen, in die es nicht hineinpasst. Und da sitzt das kleine Wilhelmsburg nun an der Elbe und ist verunsichert, wer oder was es werden soll.

Monate nach Abschluss von Bauausstellung (IBA) und Gartenschau (igs) ist völlig unklar, in welche Richtung sich der Stadtteil entwickeln wird. Geschäfte und Lokale schließen wieder, deren Inhaber vom mittelständischen Aufschwung des Viertels geträumt hatten. Sie stellen ernüchtert fest: Nur wenige, die hier wohnen, können es sich leisten, essen zu gehen, und das entstandene IBA-Neubauviertel wirkt wie ein Fremdkörper. Es bleibt die Erkenntnis: Stadtplanung am Reißbrett macht noch kein lebendiges Quartier.

Oft bietet sich durch die Subkultur eine Chance, einen Stadtteil bunt und interessant zu gestalten. Und tatsächlich wachsen hier und da zarte Pflänzchen in Wilhelmsburg, die seit Jahren größer werden und Wurzeln schlagen. Auf einigen trampelte man in der Vergangenheit noch herum. Dazu gehörte die Soulkitchen-Halle. Man hielt sie wohl für Unkraut und ignorierte, was für schöne Blüten sie trug. Die Wilhelmsburger Zinnwerke am Veringhof sind ein ebenso gutes Beispiel.

Die 1903 errichteten Industriehallen, die heute der städtischen Sprinkenhof GmbH gehören, standen lange leer. Vor einigen Jahren siedelten sich Kreative in einem kleinen Teil der historischen Gebäude an. Im Jahr 2013 hieß es dann, dass die Zinnwerke abgerissen werden sollen, um einem Neubau des Opernfundus zu weichen. Der Entschluss stand bereits fest, die Mieter waren empört und kämpften, unterstützt von der Nachbarschaft, dagegen an. Mit Erfolg: Der Beschluss wurde gekippt und der Standort des Opernfundus nach Rothenburgsort verlegt.

An vorderster Front trat damals Marco Antonio Reyes Loredo in Aktion. Der Halb-Bolivianer wohnt seit 2007 in Wilhelmsburg und ist mit seiner Filmproduktionsfirma “Hirn und Wanst” Mieter des ehemaligen Maschinenhauses der Zinnwerke. “Während der Verhandlungen sagte jemand, er habe erst zweimal erlebt, dass so ein Beschluss in Hamburg abgewendet wurde, bei der Hafenstraße und beim Gängeviertel.” Und nun die Zinnwerke.

Sie durften also bleiben. Unklar war jedoch, was mit der 2.800 Quadratmeter großen ehemaligen Produktionshalle passieren sollte, die nach wie vor nicht für eine Nutzung freigegeben war. “Das ist absurd.Wir platzen in dem von uns angemieteten Areal aus allen Nähten, bauen Toilettenanlagen zu Ateliers um und nebenan liegt jahrelang diese riesige Fläche brach”, so Reyes Loredo.

Dies soll sich nun ändern. Das Jahr 2014 endet mit der Nachricht, dass die Hamburger Kreativgesellschaft die Hallen mieten will, um das Potenzial für eine umfassende kreative Nutzung auszuloten. Zwölf Monate soll
die Testphase dauern. In Zusammenarbeit mit “Hirn und Wanst” werden Projekte ausgewählt, die zwischen einem Tag und acht Wochen
die Räumlichkeiten der Zinnwerke
nutzen können. Theateraufführungen, Designmärkte, Konzerte – alles ist möglich. Hat ein Projekt unkommerzielle Ziele, zahlen die Initiatoren weniger als die große Produktionsfirma,die hier einen neuen “Tatort” drehen möchte. Das Konzept erinnert an die Halle 4 im Oberhafen, die ebenfalls durch die Kreativgesellschaft verwaltet wird.

Flohzinn 2 Flohzinn 1
Flohzinn 3

Startschuss für einen Teil des Projekts war der 1. Februar. Dann zog der monatlich stattfindende FlohZinn in die Hallen – ein Kulturflohmarkt, der seit Juni 2014 auf dem Gelände der Zinnwerke stattfindet und sich großer Beliebtheit erfreut. Auch hier tritt Reyes Loredo als Veranstalter auf. Er spricht noch von einem Startschuss mit Handbremse.

“Für den Flohmarkt haben wir eine Sondergenehmigung.” Die allgemeine Nutzungsänderung müsse noch von der Bezirksversammlung Hamburg-Mitte durchgewunken werden. Es werde ermittelt, welche Auflagen die Bauprüfer festlegen und welche Kosten entstehen. Die Sprinkenhof GmbH soll sich an der Instandsetzung der sanierungsbedürftigen Hallen beteiligen. Zudem sollen die Einnahmen der Testphase in Renovierungsarbeiten fließen.

Alles sieht danach aus, dass man endlich die Talente des kleinen Wilhelmsburg erkennt und fördert. Auch, weil Bezirksamtsleiter Andy Grote ein Befürworter des “Kulturkanals” ist und unter Zugzwang steht. Er sprach bereits 2013 davon, dass am Veringkanal eine Kreativmeile entstehen soll mit Ateliers, Proberäumen und Musikclubs. Bisher beobachtet man jedoch eher Stillstand als Aktionismus von Seiten der Politik.

“Die Zinnwerke können zum Schaufenster für den Kulturkanal werden”, glaubt Reyes Loredo. Er begreift das Projekt als Möglichkeitsraum mit guten Chancen auf Nachhaltigkeit. Der Kampf gegen den Opernfundus habe die Wilhelmsburger zusammengeschweißt. Man spreche miteinander, die Kreativszene mit den Bewohnern und den ansässigen Wirtschaftbetrieben. “Hier soll niemand verdrängt werden, sondern in Komplizenschaft etwas Gutes entstehen.”

Von der Aufbruchstimmung kann man sich im Februar selbst überzeu- gen, wenn der FlohZinn erstmals mit einem Dach über dem Kopf stattfindet. Die Nachbarschaft kommt hier zusammen und Besucher vom Festland. Der Comicbus fährt vor, Peter Falke, Hüter des Archivs der Wilhelmsburger Zeitung, öffnet gegen Spende seinen Fundus, dMusiker spielen auf Ukulele, Gitarre und Co. und man kann bei der Wilhelmsburger Plattenverkostung von Wolfgang Strobl Vinylschnäppchen machen. Das Kind hat eine Zukunft!

Text: Lena Frommeyer
Fotos : Jonathan Miske, Benno Tobler

Wilhelmsburger Zinnwerke
Am Veringhof 7 (Wilhelmsburg)
FlohZinn: jeden 1. Sonntag im Monat

Dieser Text stammt aus der Februar-Ausgabe von SZENE HAMBURG. In der aktuellen Juni-Ausgabe berichtet Autorin Stefanie Maeck über die Zukunft der Soulkitchen-Halle als Herz des Soulvillage.

Jamie xx: Solodebüt mit Tradition

ByteFM-Kolumne: Der britische Produzent veröffentlicht sein erstes Soloalbum. Hörbar empfohlen von Diviam Hoffmann

Audio Datei

Jamie xx macht Dance Music glücklich – auch wenn man es dem stets schwarz gekleideten Londoner, den man als Teil des Trio The xx kennt, kaum glauben mag. Auf “In Colour”, seinem ersten Album mit Soloproduktionen trägt Jamie xx dieses Glück weiter und bezieht sich auch auf Rave-Tradition, die in Form von Zitaten, Sounds und Samples ständig präsent ist. Die dunklen Seiten britischer Clubmusik aber verwaschen sich und schließlich wird “In Colour” seinem Titel gerecht: Farbenfroh oszilliert es durch die Clubgeschichte und empfiehlt sich damit nicht nur für die Tanzflächen dunkler Underground-Clubs, sondern insbesondere auch für euphorische Momente auf dem nächsten Sommerfestival – als schillernd-buntes, überzeugendes Solodebüt.

Audio & Text: Diviam Hoffmann

Jamie xx spielt am 24. Oktober in Hamburg ein Konzert im Ballsaal des Uebel & Gefährlich.

Wer sind ByteFM & Diviam Hoffmann?diviam_hoffmann

ByteFM ist moderiertes Internetradio mit handverlesener Musikauswahl, Sammelbecken für Musiknerds und Auffanglager für Kulturjunkies. Hier leben Journalisten, Musiker, Kenner und Liebhaber gemeinsam ihre Liebe zur Musikkultur jenseits der Mainstream-Hitgarantie. Diviam Hoffmann ist Teil dieses Geklüngels. Sie versuchte sich als Literaturwissenschaftlerin und kollidierte dabei regelmäßig mit dem Studium anderer Fachrichtungen und der Liebe zur Musik. Heute kümmert sie sich nun um das Berliner ByteFM Studio.

 

Happy Schmidtchen

Die Schmidt-Familie bekommt Nachwuchs. Am 6.6. eröffnet das neue Theater von Corny Littmann und Norbert Aust im Klubhaus St. Pauli

“Kreiiiisch! Wahnsinn! Irre!” vermittelt das Foto von Saalchef Henning Mehrtens, aufgenommen auf der jüngsten Bühne der Schmidt-Familie, die sich direkt neben dem Schmidt Theater im neuen Klubhaus St. Pauli auf dem Spielbudenplatz befindet. Ab dem 6.6. wird er jeden Abend das Publikum im Schmidtchen begrüßen. Die Freude darüber steht ihm ins Gesicht geschrieben. Junge Künstler, Newcomer, kleine Komödien, aber auch Soloshows von etablierten Comedians stehen im Schmidtchen auf dem Programm.

Die neue Bühne ist auch die kleinste. Mit 200 Sitzplätzen ist sie hervorragend geeignet für die Förderung junger Talente, was ein Anliegen der Theaterchefs Corny Littmann und Norbert Aust ist. Entertainer Sven Ratzke wird das neue Theater mit seiner Show “Diva Diva’s” vom 10. bis 13.6. einweihen. Am Flügel begleitet von Charly Zastrau bietet er die Lieder der großen Diven der 1960er Jahre stilecht dar. Am 14.6. zeigt Karl Dall sein neues Comedyprogramm „Der alte Mann will noch mehr“.

Schmidtchen
Spielbudenplatz 21-22 (St. Pauli)
Eröffnung: 6.6.

hamburg:pur verlost 2 x 2 Tickets für die Vorstellung von Sven Ratzke am 11.6. um 20 Uhr. E-Mail mit Vor- und Nachname mit dem Stichwort “Schmidtchen” bis zum 10.6. an gewinnen@vkfmi.de.