Jannes Wochenrückblick Vol. 9

Kolumne: Crazy Horst und Klaus im Na Und? Das echte Hamburg findet man in Kneipen und Kaschemmen

Meine ganz persönliche Theorie: Je schneller die Trends wechseln, nach denen man sich richten soll, je mehr heißer Scheiß sich in Clubs tummelt, je kürzer die Aufmerksamkeitsspanne bei all’ der Scrollerei auf Monitoren, desto mehr sehnt man sich nach etwas Echtem. Und was kann echter sein als Kneipen und Kaschemmen. Gut, das mag Quatsch sein. Mir geht es aber so.

Ich habe viel übrig für die Kneipen in Hamburg – für die 40 Jahre Geschichte, die der Wirt Crazy Horst in seiner Piano Bar geschrieben hat. Oder die Zeit, die Klaus im Na und? abgesessen, Touristen angemault und „Grüne Scheißwichse“ eingeschenkt hat. Noch besser: Weinbrand, Korn-Cola oder andere Getränke, die sich der Werbeindustrie seit Jahrzehnten vollständig entziehen.

Ich habe eine Freundin, mit der ich ein Ritual pflege. Jedes Mal, wenn wir gemeinsam nach Mitternacht mit der U3 in Richtung Winterhude fahren, trinken wir noch einen Absacker im Clax. Also eher vier. So auch letzte Woche. Eigentlich müssten wir in so einer Bar auffallen wie die Pfaue. So hat Crazy Horst das in dem Hamburger Kompendium „Wahre Worte weiser Wirte“ beschrieben: „Je größer der Pfau sein Rad schlägt, umso besser sieht man sein Arschloch.“ Horst halt. Und irgendwie fällt in so einer Kneipe dann doch niemand aus dem Rahmen.

Eine andere Geschichte, ebenfalls über so einen Kneipenabend: Als unsere Agentur den Zuschlag für die Zusammenarbeit mit dem Gruenspan bekam, haben meine Freundin und ich im Clax einen Taxifahrer nach Dienstschluss kennengelernt. Der war zufällig bei der Eröffnung des Gruenspan und hat es zehn Tage lang nicht mehr verlassen. Durchgemacht. Wahrscheinlich mit Opium und Absinth oder so. Solche Geschichten werden in Kneipen erzählt.

Ein weiterer Vorteil dieser Läden: Sie sind immer für einen da. Eine Bar in Winterhude hat 24 Stunden geöffnet. Rund um die Uhr. Immer. Wenn der Wirt einnickt, legt man einfach die 2,30 Euro auf den Tresen und zapft sich sein Pils selber.

So etwas mag ich. An anderer Stelle schreibe ich dieselbe Kolumne vielleicht drüber, wo man quasi rund um die Uhr ehrlich essen kann. Denn: Da kann man so viel Streetfood, Pulled Pork oder Currywurst mit Blattgold konsumieren, wie man will: Es geht nichts über Erikas Eck, die Kleine Pause und den Kiezbäcker.

Habt einen schönen Start in die Woche, wir lesen uns Sonntag wieder, Jannes

Bild: Eckkneipe Capri-Stube in Barmbek-Süd, fotografiert von Ole Masch

Who the fuck is Jannes?

Jannes Vahl hat den gemeinnützigen Verein Clubkinder e.V. gegründet. Mit Konzerten, Partys oder Events sammelt er Spenden für soziale Projekte in Hamburg, beispielsweise mit der Tagebuchlesung. Außerdem leitet er die Kreativagentur Flutlotsen mit Büro auf St. Pauli. Mit seinem Compagnon Joko setzt er hier Projekte um. Jannes Vahl hat 5.000 Facebookfreunde, trinkt Craft-Bier, mag die Band Pearl Jam und versendet digitale Herzchen. In seiner neuen Kolumne berichtet er jeden Sonntag über ein Hamburger Thema, das ihn in der letzten Woche beschäftigt hat.

Altona, sag mal Pop!

Die Schwestern Josepha und Cosima Carl alias JOCO sprechen übers ständige Zu-zweit-Sein, Stilfindungsprozesse und den Hamburger Popkurs

Cosima und Josepha, schon eure Mutter hatte mit ihrer Schwester eine Band, als sie in eurem Alter war. Haben die beiden euch ermutigt, es ihnen gleichzutun?

Josepha: Wir selbst fanden es spannend, zusammen etwas zu erfinden. Die beiden haben damals auch keine Popmusik gemacht wie wir heute. Sie hatten, sagen wir mal, einen etwas anderen Style (lacht).

Cosima: Ein paar Gemeinsamkeiten gab es aber schon: Auch unsere Mutter und ihre Schwester hatten sich auf zweistimmigen Gesang fokussiert. Und auf der Bühne standen beide gleichermaßen im Vordergrund, es gab keinen Star und keine Begleitmusikerin. Nur zusammen waren sie ein Act, so wie wir jetzt.

Und wie ist das ständige Zu-zweit-Sein für euch? Wenn ihr immer zusammen im Proberaum, im Tourbus und auf der Bühne seid, muss der Teamgeist ein sehr großer sein, um sich nicht auf die Nerven zu gehen.

Josepha: Wir haben gelernt, die Stärken der anderen zu schätzen, uns aufeinander einzulassen und zu ergänzen.

Cosima: Wir machen das alles wirklich gerne zusammen. Wir sind froh, zu zweit zu sein.

War das schon immer so?

Cosima: Schon während der Schulzeit war es so, dass ich zum Beispiel Klavier geübt habe, Josepha mich gehört und sich sofort dazugesetzt hat, um etwas Passendes zu singen.

Josepha: Nach der Schule sind wir zusammen fürs Musikstudium nach Holland gegangen, wo wir gemerkt haben, dass unsere Schwesternverbindung durch nichts zu ersetzen ist. Ich habe wirklich das Glück, dass Cosima meine Lieblingslieder schreibt. Es ist das Tollste für mich, diese später zu singen und zu performen.

JOCO Hamburg 2

Wer ist wer? Die Frisur macht den Unterschied, verrät Josepha im Interview

Jetzt wird’s kitschig. Irgendetwas habt ihr doch sicher nicht gemeinsam!

Josepha: Ja, ich trage meistens einen Dutt und Cosima die Haare offen (lacht). Das war’s aber auch schon.

Cosima: Wir sind uns tatsächlich sehr einig. Wir sprechen auch jede Entscheidung, die die Karriere betrifft, genau durch, ohne uns dabei zu streiten.

So richtig los ging’s mit eurer Karriere in Hamburg. Ihr habt sogar einmal gesagt, die Möglichkeiten, die ihr jetzt hättet, hättet ihr allein Hamburg zu verdanken. Damit habt ihr auf den Popkurs angespielt, den ihr 2013 belegt habt.

Cosima: Genau. Der Popkurs findet jedes Jahr statt, und jeder Jahrgang bildet sofort eine Familie, die vielleicht für immer zusammenbleibt.

Josepha: Wir haben beim Popkurs nicht nur Musiker kennengelernt, sondern auch Geschäftskontakte geknüpft und Menschen getroffen, die uns bis heute beraten. Peter Weihe, Anselm Kluge und Ulrich Wehner begleiten uns seit dem Popkurs.

Habt ihr euch denn schon akklimatisiert in der Musikindustrie?

Josepha: Es gibt immer Höhen und Tiefen, und wir merken, wie wichtig es ist, sich bei allen Entscheidungen treu zu bleiben. In unserer jetzigen Situation sind wir sehr glücklich.

Cosima: Bei unserer Album-Produktion hat uns niemand unter Druck gesetzt, was uns extrem wichtig war. Die Kulturförderung ITZEtalent hat die Produktion ermöglicht, so hatten wir alle Freiheiten.

Und ihr selbst? Habt ihr euch unter Druck gesetzt? Zum Beispiel, als ihr für nur zwei Tage in die Abbey Road Studios gefahren seid, um in der Kürze ein ganzes Album aufzunehmen?

Josepha: Wir haben unsere Songs über lange Zeit intensiv vorbereitet, und dann gingen die zwei Tage im Studio wie in einem Rausch vorbei. Wir haben es erreicht, in der kurzen Zeit unsere 13 Songs aufzunehmen und dabei unseren Stil auf den Punkt zu bringen.

Cosima: Klar und pur ist unser Sound. Wir brauchen nur die Kombination Schlagzeug, Klavier und Gitarre und natürlich unseren zweistimmigen Gesang. Auf diese Weise im Abbey Road aufzunehmen, zusammen mit unserem Produzenten Steve Orchard, war eine unglaubliche Erfahrung.

Interview: Erik Brandt-Höge
Foto: Benedikt Schnermann

Die nächste Möglichkeit, JOCO in Hamburg live zu sehen, ist der 4.7. beim Daughterville Festival.
Ihr Album „Horizon“ erschien am 5.6. bei Columbia/Sony Music.

Joggen, radeln, küssen, heulen

Ein estnische Regieduo interpretiert “Die Stunde da wir nichts voneinander wußten” für das Thalias Theater

Peter Handke ist immer für Überraschungen gut. 1992 schuf der sprachmächtige österreichische Dichter ein Schauspiel für eine große Besetzung – und ohne Worte. Die Hauptrolle spielt ein Platz, Metapher für die antike Agora, jenen zentralen Ort, an dem alles Gesellschaftliche verhandelt wird. Und in dieser Welt im Kleinen spielt sich alles ab. Die kleinen Tragödien, die großen Gefühle, sogar Weltreligionen. Der Rest ist Regieanweisung.

Das estnische Regieduo Tiit Ojasoo und Ene Liis Semper hat sich für das Thalia Theater über “Die Stunde da wir nichts voneinander wußten” hergemacht. Das Ergebnis ist eine Meisterleistung der Gewerke. 20 Schauspieler, verstärkt um 13 asiatische Tänzer, verausgaben sich körperlich und mimisch. In grauen Trenchcoats hetzen sie von links nach rechts, rempeln einander an, joggen, radeln, küssen, heulen.

die_stunde thalia theater hamburg

 

Birte Schnöink fällt als junge Büroangestellte mit Aktenkoffer und 54 Coffee to go gleich mehrfach gekonnt über die Diagonale. Sebastian Rudolph verrenkt sich als Angestellter mit Schreikrampf, und Karin Neuhäuser verheddert sich als Wiedergängerin Marilyn Monroes in einem Heer von Luftballons.

Das ergibt über weite Strecken einen Bilderreigen, der manchmal originell, manchmal ein bisschen zu vorhersehbar daherkommt, etwa wenn zwei Postboten einander in Zeitlupe begegnen. Handwerklich ist die Inszenierung exakt. Die Bilder harmonieren mit dem Rhythmus Lars Wittershagens wie immer berückender Elektromusik und dem Gesang eines 20-köpfigen, im Zuschauerraum verteilten Chores.

Mit dem fortschreitenden Abend werden die Bilder stärker, installativer, auch politischer. Mit Assoziationen an Flucht, biblische Motive, Juden an der Klagemauer und verhüllte Muslimas. In einem starken Finale lässt das Regieduo die nunmehr unbekleideten Darsteller durch einen Lichtspalt dem Ende zustreben, bevor diesmal chinesische Angestellte beginnen, über die Bühne zu hetzen. Eine Zeitenwende bricht an. Schön anzuschauen.

Text: Annette Stiekele
Foto: Armin Smailovic

Thalia Theater
Raboisen 67 (Neustadt)
Vorstellungen am 21., 26. und 29. Juni

Junges Gemüse liefert frische Post

Vom Biohof in die Stadt: Juliane Eichblatt und Eva Neugebauer gründeten das soziale Unternehmen Frischepost in Hamburg

Direkt vom Acker auf den Küchentisch – der neue Onlineshop Frischepost bietet in Hamburg regional hergestellte Produkte an. Sie werden per Elektrofahrzeug nach Hause geliefert werden. Diesen sozial- und umweltverträglichen Service gründeten Juliane Eichblatt und Eva Neugebauer, beide 26 Jahre alt.

Sie kennen sich aus dem BWL-Studium; beide haben ländliche Wurzeln: Evas Vater kommt aus dem Forstbereich, Julianes Vater ist Landwirt. Beide Mädels hatten Lust auf ein eigenes Unternehmen – aber bitte sozial. Mit Frischepost konzentrieren sie sich auf kleine, meist familiengeführte Betriebe und Manufakturen. „Die haben es oft schwer, die Kunden in der Stadt direkt zu erreichen.”

Frischepost Hamburg Shop

Im Umkreis von 100 Kilometern Luftlinie zum Hamburger Michel suchten sie nach Produzenten und Manufakturen, die nachhaltig anbauen, meist biozertifiziert sind und artgerecht mit ihren Nutztieren umgehen. Wie zum Beispiel die Demeter-Bäckerei Bahde aus Nessdeich, der Hof Dahlmann in Dohren, Bio-Fleischermeister Schröder aus Schwarzenbek oder Obstbauer Lasse Tamke aus dem Alten Land.

Mit hübschen Fotos, Texten und bald auch Filmchen werden die Betriebe auf der Homepage vorgestellt und die Geschichte hinter den Produkten erzählt. Seit April ist der Service online.

Den vollständigen Text von Stadtleben-Redakteurin Julia Braune zu Frischepost findet man in der Juni-Ausgabe von SZENE HAMBURG.

Elektronische Herausforderung

ByteFM-Kolumne: Fyfe, das Alter Ego des Sängers Paul Dixon, hat ein angenehm anstrengendes Debütalbum kreiert

Warum die dringende Empfehlung zu Fyfes Erstwerk “Control” erst jetzt kommt, obwohl das Album des Elektroklangkünstlers bereits im März erschienen ist? Weil das hier Hamburg ist und wir Hamburger eher gemütlich sind – wir rasten nicht so schnell aus. Hier wird die größte Euphorie versprüht, wenn das mit dem Fußball mal wieder irgendwie hingebogen wurde. Hier entsteht vor allem keine Überschwänglichkeit bei Konzerten oder Events.

Diese Eigenschaft kommt uns Querköpfen bei der Begutachtung von Musik entgegen. Wir hören in aller Ruhe in das Album von Fyfe hinein, in dieses Wunderwerk des fragilen Experimente-Elektros:

Den elf Songs auf “Control” wird Platz und Zeit eingeräumt, die sie mit jedem einzelnen Ton resolut einfordern. Fyfe alias Paul Dixon schafft es auf seinem Debüt, ein intensives Konglomerat aus reduziertem Instrumente-Einsatz und fulminantem Gesang aufzubauen. Das Ganze ist mit aufgebrochenen Strukturen, leicht anklingender Dissonanz und leierndem Gesang angereichert. Der Brite verzichtet dabei weder auf kitschige Choreinsätze noch hat er Angst vor stigmatisierenden Elektro-Grundbeats.

Das klingt geschrieben schon verwirrend – akustisch wirkt es zudem auch noch angenehm herausfordernd. Da schiebt man nicht schnell mal die neue Platte rein und hört die Files in der U-Bahn. Fyfe zwingt zum bewussten Zuhören, zum Verarbeiten und zur Auseinandersetzung. Das ist zuweilen auch anstrengend. Aber es ist alle Mühe wert.

Text: Monique Schmiedl

Wer sind ByteFM & Monique Schmiedl?

Monique Schmiedl_ByteFM

ByteFM ist moderiertes Internetradio mit handverlesener Musikauswahl, Sammelbecken für Musiknerds und Auffanglager für Kulturjunkies. Hier leben Journalisten, Musiker, Kenner und Liebhaber gemeinsam ihre Liebe zur Musikkultur jenseits der Mainstream-Hitgarantie. Monique Schmiedl ist Teil dieses Geklüngels. Ob Nerd oder Junkie – ohne Musikkultur geht bei ihr nichts. Stets den Schreiber-Stift am Anschlag, ist Monique mit offenen Ohren und Augen in Hamburgs Musikszene unterwegs. Für die Liebe zur Stadt, für sich, für euch, für ByteFM und für SZENE HAMBURG.

Mit dem Bulli auf die Insel

Gewinne ein Stellplatz-Paket für das Bulli-Festival auf Fehmarn mit Livemusik und Lagerfeuer vom 18. bis 21. Juni

Okay, Fehmarn ist nicht Hamburg. Aber mit dem Auto braucht man ja nur eineinhalb Stunden (mit dem Bulli vielleicht ein wenig länger) auf die Insel. Die ist vom 18. bis 21. Juni das Mekka für Bulli-Fahrer. Beim “Sommersby. Midsummer Bulli-Festival” stehen am Südstrand von Fehmarn bunt durcheinander gewürfelte T2s, T3s und LTs. Sieht von oben bestimmt aus wie Tetris. Vier Tage lang wird die Mittsommernacht stilecht gefeiert und Livebands wie Rakede aus Hamburg spielen zwischen Aufstelldächern und Lagerfeuer. (Foto: Phil Schreyer)

SZENE HAMBURG verlost zwei Stellplatz-Pakete im Wert von jeweils ca. 160 Euro (Stellplatz für Fahrzeug und Zelt, Übernachtungspauschale für zwei Personen). E-Mail mit Betreff “Bulli-Parade” bis 11.6. an gewinnen@vkfmi.de. Der Eintritt zum Festival ist frei.

48h Wilhelmsburg

Schlaf wird überbewertet. Vor allem, wenn dieses Festival ab dem 12. Juni mit vielen Konzerten auf die Elbinsel ruft

Parkdecks, Wohnzimmer, Bolzplätze und Schaufenster werden zu Konzertbühnen, wenn 48h Wilhelmsburg seine Künstler und Musiker für ein Wochenende zusammentrommelt. Über 100 Bands, DJs und Solisten, international bekannte Musiker und junge Talente, Künstler, die entweder in Wilhelmsburg wohnen oder arbeiten, sie alle verwandeln dann die Elbinsel in ein großes Festival – gemeinschaftlich mit nachbarschaftlichem Zusammenhalt.

Menschen aus 150 Nationen leben im alten Arbeiterviertel Wilhelmsburg, das schon lange auch von der (Sub-)Kultur erschlossen wird. “Wir sprechen in Wilhelmsburg und auf der Veddel viele Sprachen, vor allem musikalisch”, heißt es deshalb passender Weise im Festival-Programm. Es deckt alle möglichen Genres abdeckt. So bespielt beispielsweise das Duo Valentine & The True Believers den Stübenplatz mit ihren deutschen, englischen, französischen und plattdeutschen Chansons; im Don Matteo gibt die Lehrerband Rock und Pop der vergangenen 60 Jahre zum Besten; im Restaurant Flutlicht tritt die Singer-Songwriterin Lia auf; die Minibar der Inselpension lädt zu “bumsfidelen Sounds der Hansestadt” und die Festhalle des Motorsportvereins MSK wird zur großen Festival-Bühne für Bands wie The Morphinettes und Beat-Tüftlern wie dem Hibration Soundsystem.

Das Festival ist wieder eine gute Gelegenheit, sich südlich der Elbe umzuschauen. Gerade um den Veringkanal passiert gerade eine Menge. Hier wurde jüngst Rudelgerudert, in die Zinnwerke zieht kulturelles Leben ein, gastronomische Projekte wie die Kaffeeklappe eröffnen in der Nähe und die Soulkitchenhalle feiert “möglichst legal” im Rahmen von 48h Wilhelmsburg Geburtstag, wie Mathias Lintl neulich zu Bezirksamtsleiter Andy Grote gesagt haben soll.

Foto: Jo Larsson

48h Wilhelmsburg, 12.–14.6.

Schmerzen für den guten Zweck

Tattoos für Alle! Die Clubkinder laden am 13.6. zur Seefahrt. An Bord der Tintanic sind Tätowierer, Bands und eine Burlesque-Tänzerin

Nur die Harten kommen in den Garten. Die noch Härteren kapern die MS Mississippi Queen. An Bord des Elbe-Dampfers geht es am 13. Juni aufs Derbste zur Sache: mit Burlesque, Burger, Rock ’n’ Roll – und Schmerzen auf der Haut … Denn, wenn die Clubkinder aka Joko Weykopf (Foto) und Jannes Vahl zu ihrer ersten Tintanic laden, dann soll die Tinte auch in Strömen fließen.

Tintanic

Deshalb warten an Deck vier Tätowierer des Hamburger Tattoo-Studios Superstardestroyer auf Freiwillige – 70 Motive stehen den Eintagsseemännern und -frauen zur Wahl. Damit die Schifffahrt auch für Tattoo-Feiglinge und alle anderen lustig wird, sorgt Lou on the Rocks aus dem Queen Calavera für heiße Burlesque-Shows; die Bands Wellbad und John Monday geben musikalisch den Ton an; Burger satt gibt’s von The Bird und Craft Beer sowieso.

Weil harte, bemalte, bärtige Kerle (und Mädels) aber auch meist einen weichen Kern haben, geht der komplette Erlös – von Eintritt über Tattoos bis Essen und Trinken – an das Hamburger Flüchtlingsprojekt Zongo. Vor zwei Jahren wurde die Anlaufstelle für afrikanische Flüchtlinge an der Königstraße gegründet, die dort täglich Hilfe fanden – von kostenloser medizinischer Versorgung bis zu warmen Mahlzeiten und Deutschunterricht. Im April musste das Zongo die Räumlichkeiten verlassen. Die Zukunft des Projekts ist noch ungewiss.

Text: Julia Braune

MS Mississippi Queen
13.6., Boarding 18.30 Uhr, Abfahrt 20 Uhr
Aftershowparty im Rock Café St. Pauli ab 23.30 Uhr
Vorverkauf bei Superstardestroyer (Glashüttenstraße 3), The Bird (Trommelstraße 4) und online

“Kein Stil, keine Schublade”

Interview mit Caroline Monnet, Kurzfilmmacherin aus Kanada. Beim Internationalen Kurzfilmfestival Hamburg sind ihre Werke “Gephyrophobia”, “The Black Case” und “Roberta” zu sehen

SZENE HAMBURG: Es gibt in Kanada eine sehr lebendige Kurzfilm-Szene. Wie ist es zu ihr gekommen?

Caroline Monnet: Ich glaube, es gibt eine lange Tradition des Kurzfilmmachens in Kanada, weil es ein unabdingbares Durchgangsstadium für viele Filmemacher ist. Kanada verfügt über eine einzigartige Filmkultur trotz vieler unwirtlicher Voraussetzungen – zum Beispiel eine geringe finanzielle Rentabilität und das kalte Wetter. Dem zum Trotz hat sich eine stark ausgeprägte Identität entwickelt, die auf den persönlichen Querverbindungen beruht, die unter den Filmemachern bestehen.

Gibt es Filmemacher, die Sie ganz besonders beeindruckt haben?

Man kann durchaus sagen, dass die kanadische Kurzfilm-Tradition mit der Entstehung des National Film Board 1939 begann. Wie in vielen anderen Ländern wurde es zum Teil gegründet, um Propaganda im Zweiten Weltkrieg zu betreiben. Aber schon kurze Zeit später tauchen Filmemacher auf, die daran mitwirken, durch Dokumentar-, Experimental- und Animationsfilme eine kanadische Identität auszubilden. Von diesen Filmemachern ist Norman McLaren wahrscheinlich der berühmteste, weil er Konventionen überwunden und Grenzlinien verschoben hat. Auch für mich als Künstlerin ist McLaren eine fortdauernde Inspiration, weil er keine Angst hatte, alle Aspekte des Bildes, des Schnitts und Tons zu erforschen und mit ihnen zu experimentieren.

Der Kurzfilm ist darüber hinaus zu einer echten Kunstform gelangt, in deren Rahmen viele Filmemacher dieses besondere Format wählen, um sich auszudrücken und Erfahrungen zu sammeln. Dank Initiativen wie “Prend Ça Court” und des kanadischen Kurzfilm-Promotors Danny Lennon können die Arbeiten kanadischer Filmemacher ein internationales Publikum erreichen und dessen Aufmerksamkeit erlangen. Das ist wahnsinnig wichtig, um zur Vielseitigkeit, zur Lebendigkeit und zu den Erfolgen des Kurzfilmmachens in Kanada beizutragen.

Gephyrophobia

Still aus dem Film “Gephyrophobia”

Was hat Sie dazu bewogen, Filmemacherin zu werden?

Ich wurde Filmemacherin, ohne es wirklich darauf angelegt zu haben. Ich hatte Soziologie und Kommunikationswissenschaften studiert und arbeitete kurzzeitig für die National Broadcasting Corporation und eine TV-Dokumentarfilmserie. Ich habe meinen ersten Film “Ikwé” 2009 gedreht. Ich lebte damals in Winnipeg und erhielt zufällig durch eine kleine Fördersumme die Möglichkeit, meinen ersten Film zu inszenieren und zu produzieren. Da hat mein Leben komplett verändert, weil ich hier letztendlich etwas gefunden hatte, was ich leidenschaftlich gern tat. Das Filmemachen ist für mich ein Weg, alle Formen von Kunst zu umgreifen. Es geht dabei um Schauspiel, Musik, Malerei, Fotografie und Klänge. Es ist gemeinschaftlich und schöpferisch und schwierig.

Stehen Ihre Filme in einer bestimmten Tradition? Folgen Sie einem besonderen Stil? Oder haben Sie immer Ihr “eigenes Ding” durchgezogen?

Als autodidaktische Filmemacherin glaube ich schon, “mein eigenes Ding” zu machen. Ich passe mich keinem Stil und keiner Schublade an. Weil ich keine formale Ausbildung hinter mir habe, probiere ich viele Dinge einfach aus. Jeder Film ist für mich eine neue Herausforderung und eine neue Möglichkeit, mich zu verbessern und meinen eigenen Stil zu verfeinern. Konzepte und Geschichte legen oft den Stil eines Films fest, aber ich beharre darauf, dass jeder Film über den gleichen Grad an Sensibilität, Verletzlichkeit und Ästhetik verfügt. Indem ich mich als Filmemacherin weiterentwickle, tun dies auch meine Filme. Ich bin heute anspruchsvoller als vor fünf Jahren. Aber das liegt daran, dass ich mich dauernd neuen Herausforderungen stelle, um Erzählungen zu erschaffen. Ich glaube auch, dass meine vielfältigen Erfahrungen in den visuellen Künsten einen großen Einfluss darauf haben, wie ich mir meine Filme ausmale.

Roberta

Still aus dem Film “Roberta”

Wie würden Sie Ihre Filme beschreiben, die jetzt in Hamburg laufen? Welche Unterschiede bestehen zwischen ihnen? Gibt es auch Gemeinsamkeiten zwischen “Gephyrophobia”, “The Black Case” und “Roberta”?

Alle drei Filme sind total unterschiedlich. “Gephyrophobia” ist ein Experimentalfilm, er wurde auf 16mm gedreht und vom “WNDX Festival of Moving Image” unterstützt. Beabsichtigt war, den Pulsschlag einer Stadt festzuhalten und dabei Ottawa zu porträtieren, genauer gesagt die Grenze zwischen Québec und Ontario, zwischen Frankophonen und Anglophonen. “Gephyrophobia” bezeichnet die Angst, Brücken zu überqueren. Mich interessierte diese Metapher, um über Identitäten zu sprechen, die aufeinanderprallen, ohne sich zu vermischen.

“The Black Case”, in Zusammenarbeit mit Daniel Watchorn gedreht, ist etwas völlig anderes. Der Film war mein erster Versuch, einen fiktionalen Film zu entwerfen und zu inszenieren. Er steht in einer mehr expressionistischen Tradition und beruht auf wahren Geschehnissen. Die beiden Filme haben unbestreitbare Ähnlichkeiten, weil ich bei beiden mit dem gleichen Team zusammengearbeitet habe. Beide Filme sind im hohen Grade unabhängig und ohne große finanzielle Ressourcen entstanden. Die Kamera führte bei beiden Filmen Eric Cinq-Mars und die Musik stammt von den “Frères Lumières”, was natürlich dafür sorgt, dass in ihnen eine ähnliche Atmosphäre herrscht. Sie wurden auch beide von DESC Images produziert, einer kleinen Produktionsfirma, deren Teilhaberin ich bin, und daher sind diese beiden Filme das Ergebnis gemeinschaftlicher Anstrengung.

The Black Case

Still aus dem Film “The Black Case”

“Roberta” ist ganz anders als “The Black Case”. Der Film ist in Farbe, er hat Humor, Dialoge und ein höheres Budget. “Roberta” ist für mich ein Sprungbrett, um die Möglichkeiten fiktiver narrativer Filme besser zu verstehen. Er basiert auf Kindheitserinnerungen meiner Großmutter, und das Genre erlaubte mir, mit Stil, Improvisation, Ton, Emotion und Spannung zu spielen. Ich denke immer noch, dass “Roberta” kein konventioneller Spielfilm ist, sondern von meiner Ästhetik und Art, eine Geschichte zu erzählen, einiges bewahrt. Ich habe Filme geschaffen, die nicht so ganz in die konventionelle Tradition des Filmemachens passen, zwischen Kunst und Kino, zwischen Erzählung und Experiment.

Interview: Jörg Schöning

Caroline Monnets Filme im Kanada-Programm
„Familiar Strangers“ – Do, 11.6., 20 Uhr, Zeise 2 | Sa, 13.6., 17.30 Uhr, B-Movie
„(Northwest) Passages“ – Fr, 12.6., 18 Uhr, B-Movie | So, 14.6., 17.15 Uhr, Zeise 1

Jannes Wochenrückblick Vol. 8

Kolumne: In geregelten Bahnen. Oder: Wer ist noch nicht mit einem versteckten Bier U-Bahn gefahren?

Ich möchte an dieser Stelle einmal eine Lanze für den öffentlichen Nahverkehr brechen. Klar, die Preise für Fahrkarten werden gefühlt jede zweite KW erhöht. Aber die Busse und Bahnen kommen meistens pünktlich. Und wenn Mal irgendwo gebaut wird, gibt es einen Schienenersatzverkehr. Sehr fein und immer ein Abenteuer, wenn die Menschen orientierungslos die Haltestellen entlang stolpern.

In Wirklichkeit leisten die Fahrer, die Stimmen aus den Kommandozentralen und Strippenzieher im Hintergrund täglich eine Menge: Sie bringen jeden Morgen Abertausende zur Arbeit und jeden Abend wieder zurück. Unzählige Touristen zum Rathaus, zu den Landungsbrücken und zur Alster. Unzählige Feuilletonisten zum Uebel & Gefährlich, zum Gruenspan und zum neuen Schmidtchen. Und bald dann auch endlich wieder den gesamten Speckgürtel zum Sommerdom und zur Taufe der “Mein Schiff 12” mit Helene Fischer. All’ das ohne Zustände wie in Tokio oder New York, wo man sich 24/7 panisch in ein überfülltes U-Bahn-Abteil quetscht, in dem man dann mit seiner Wange in einer nassen Achsel des Vordermannes stehen muss, in dem man direkt verprügelt und auf YouTube hochgeladen wird oder von dem Schließmechanismus der Türen zerteilt.

In Deutschland wird gerne das Negative gesehen: Trunkenbolde. Junggesellenabschiede. Nervige Bettler. Unfreundliche Fahrer. Stillende Frauen, die (aus einem Missverständnis heraus) des Busses verwiesen werden, tun ihr Übriges zum schlechten Image. Aber wer fährt einen schon sonst bei Regen alle 5 Minuten für ein paar Euro durch die halbe Stadt? Eben. Und wer ist nicht schon einmal angeheitert HVV gefahren mit einem versteckten Bier? Und wie lange dauert es bitte in München zum Flughafen? Oder in unserer großen Schwester Berlin überhaupt von A nach B?

Ich versuche es mir immer in der Bahn schön zu machen. Ich mag es, in der U3 aus dem Fenster zu schauen. Überhaupt passiert die U3 viele tolle Orte am Wasser und in der Stadt. Oder Menschen. Man kann sich so toll andere Leute anschauen. Hübsche, interessante, genervte und fröhliche. Wenn man Glück hat, sieht man sogar einen, der nicht ins Smartphone oder auf den Pad-Fantasyroman schaut und der lächelt. Diese Tage werden immer besonders schön. Sehe ich zumindest so. Und wenn mal alles schief läuft, schaue ich mir die “Sitzmuster des Todes” an. Denn auch da ist Hamburg weit vorne mit dabei.

Viel Freude morgen früh in den Öffis, wir lesen uns nächsten Sonntag wieder, Jannes

 

Who the fuck is Jannes?

Jannes Vahl hat den gemeinnützigen Verein Clubkinder e.V. gegründet. Mit Konzerten, Partys oder Events sammelt er Spenden für soziale Projekte in Hamburg, beispielsweise mit der Tagebuchlesung. Außerdem leitet er die Kreativagentur Flutlotsen mit Büro auf St. Pauli. Mit seinem Compagnon Joko setzt er hier Projekte um. Jannes Vahl hat 5.000 Facebookfreunde, trinkt Craft-Bier, mag die Band Pearl Jam und versendet digitale Herzchen. In seiner neuen Kolumne berichtet er jeden Sonntag über ein Hamburger Thema, das ihn in der letzten Woche beschäftigt hat.