Jannes Wochenrückblick Vol. 17

Ein ganz normaler Stadtplan

Vor einigen Wochen ging diese unsägliche Google Maps Karte durch die sozialen Medien, auf der alle Unterkünfte für Zuwanderer und Geflüchtete eingetragen wurden. Könnte man hilfreich finden für Hilfesuchende, die ihre Hilfe anbieten wollen. War aber eher dafür gedacht, eine praktische Übersichtskarte für den Hass dummer Menschen zu werden.

In Zeiten, in denen Anja Reschke (Panorama / Tagesthemen) dazu aufruft, den Mund aufzumachen. In Zeiten, in denen Heinrich Schmitz (ehedem Kolumnist des European) sich wegen Morddrohungen von einer Initiative gegen fremdenfeindliche Demos distanzieren muss. In diesen Zeiten wünsche ich mir eindeutig lieber eine Karte, auf der hassfreie Orte eingezeichnet werden. Open Source. Von völlig hassfreien Hamburgern. Orte, an denen Geflüchtete zum Beispiel etwas wohlverdiente Ruhe finden können. Menschen, die sie willkommen heißen. Oder vielleicht eine Kuchentafel. Oder einen Grill voller Abendessen. Oder einen Gitarristen, der im Sonnenuntergang etwas spielt. Alle diese normal-schönen Dinge, die wir jeden Tag auf Instagram hochladen halt.

Auf dieser Karte wird bestimmt das neue A Summer’s Tale Festival auftauchen. Bestimmt auch das Dockville Gelände. Aber welche Clubs? Welche Restaurants? Welche öffentlichen Plätze? Wenn man sich diese Fragen stellt, muss man sich erst einmal die Frage stellen: Warum denn nicht alle?

Es muss insgesamt mehr Miteinander geben. Spielen. Kochen. Essen. Musik. Kunst. Gespräche. Dann hätten es all’ die intoleranten Grüppchen gegen Asylanten auch viel schwerer. Nicht zuletzt, da sich diese unbegründete Angst vor dem Fremden in Luft auflösen würde. Denn an hassfreien Orten ist Fremdes nicht lange fremd. Hamburg ist das Tor zur Welt: Wer fängt an, diese Karte mit mir zu zeichnen?

Habt einen schönen Start in die Woche, wir lesen uns Sonntag wieder, Jannes

Foto: Julia Schwendner

Who the fuck is Jannes?

Jannes Vahl hat den gemeinnützigen Verein Clubkinder e.V. gegründet. Mit Konzerten, Partys oder Events sammelt er Spenden für soziale Projekte in Hamburg, beispielsweise mit der Tagebuchlesung. Außerdem leitet er die Kreativagentur Flutlotsen mit Büro auf St. Pauli. Mit seinem Compagnon Joko setzt er hier Projekte um. Jannes Vahl hat 5.000 Facebookfreunde, trinkt Craft-Bier, mag die Band Pearl Jam und versendet digitale Herzchen. In seiner neuen Kolumne berichtet er jeden Sonntag über ein Hamburger Thema, das ihn in der letzten Woche beschäftigt hat.

Parkour durch die Stadt

Statt Kletterurlaub in den Alpen – zum Parkour-Laufen in die HafenCity. Ein Erfahrungsbericht

Mal eben über eine Parkbank zu springen, ist gar nicht so leicht. Bisher dienten mir Bänke sowieso eher als Sitzgelegenheit, ich hab sie nicht als Hindernis gesehen, das es zu überwinden gilt. Jetzt weiß ich aber: Es gibt etliche Möglichkeiten, hinüberzuhüpfen. Mit einem Zwischenschritt auf die Rückenlehne, kurz mit den Händen abgestützt oder ganz ohne die Bank zu berühren direkt rüber … Wo ich das gelernt habe? In der HafenCity. Beim öffentlichen Parkour-Training.

Urbane Spielwiese

Unknown-1_300dpiManche fahren für ihren Actionurlaub weite Strecken, um in Steilwänden zu klettern, düsen mit ihren Mountainbikes Berge hinab, machen Tauchkurse und stürzen sich im Wingsuit von Klippen herunter. Ich probiere es lieber mit einer kleineren Portion Adrenalin und radele zu den Marco-Polo-Terrassen. Jeden ersten Samstag im Monat treffen sich dort die Läufer vom Parkour-Hamburg-Team. Statt Touristen nehmen dann die urbanen Sportler den Platz ein, der bei näherer Betrachtung perfekt für den aus Frankreich stammenden Parkour-Sport geeignet ist: Die verschieden hohen Ebenen, die Geländer entlang der Treppen und die verwinkelt angeordneten Bänke machen den Platz zu einer urbanen Spielwiese. Gemeinsam springen die Läufer von Mauer zu Mauer und von Bank zu Bank; das Training ist offen für alle, jeder kann sich der Gruppe anschließen und mitmachen.

Zwischen kreischenden Möwen und interessiert schauenden Touristen laufen die etwa 20 Teilnehmer zum Aufwärmen hin und her und machen gemeinsame Dehnübungen; das ist ein festes Ritual.

Anschließend teilt sich die große Gruppe auf. Während Neulinge grundsätzliche Dinge wie einen möglichst weiten Sprung üben, rennen die erfahreneren Parkour-Läufer zielsicher vor der Kulisse aus Wasser, Hafenkränen und Elbphilharmonie über Mauern, Stufen und Geländer. Jetzt, wo das Training begonnen hat, fällt auf, dass der Platz durch die sportliche Intervention noch viel urbaner wirkt. Beim Parkour kommt es nicht nur darauf an, wie man am effizientesten von A nach B gelangt, sondern es geht auch darum, sich die Stadt anzueignen, verlassene Orte zurückzuerobern und städtische Plätze zweckzuentfremden. Die noble HafenCity scheint mit ihren gestalterischen Elementen und der kantig-modernen Architektur dafür prädestiniert.

Indoor-Halle

Ebenfalls in der HafenCity, nur etwa einen Kilometer von den Marco-Polo-Terrassen entfernt, entsteht zurzeit Hamburgs erste Parkour-Halle. Im Oberhafen-Quartier möchten die Mitglieder des Vereins Parkour Creation eine große Indoor-Landschaft aus Hindernissen aufbauen; die Halle wird eine der wenigen öffentlich zugänglichen Parkour-Anlagen der Stadt sein. Bis zur Eröffnung müssen sich die Parkour-Läufer weiterhin bei Wind und Wetter im öffentlichen Raum treffen. Nicht nur die HafenCity, sondern auch Planten un Blomen oder die City Nord eignen sich gut zum Parkour-Laufen.

An den Marco-Polo-Terrassen ist das Training nach etwa zwei Stunden vorbei. Geschafft und ausgepowert mache ich mich wieder auf den Weg nach Hause. Das allerdings nicht von Mauer zu Mauer springend, sondern ganz unspektakulär mit dem Fahrrad.

Jannis Hartmann ist noch ein echter Jungspund – trotzdem hatte er Muskelkater nach all dem wilden Gehüpfe

MEHR TIPPS

Parkour
Jeden ersten Sonntag lädt das Parkour-Team Hamburg zu Outdoor-Einführungsworkshops an unterschiedlichen Orten ein; jeden Dienstag können Anfänger und Fortgeschrittene an einem Krafttraining um 19 Uhr am CCH teilnehmen.

Skaten
Ein absoluter Hotspot ist die Skateanlage auf dem ehemaligen Gelände der igs. Auf über 1.700 Quadratmetern erstrecken sich Ramps, Rails und Ledges und bieten nicht zuletzt mit einer zwei Meter tiefen Bowl all das, was das Herz eines Skaters höherschlagen lässt. Kein Wunder also, dass der Skatepark in der Szene mittlerweile europaweit bekannt ist.
Am Inselpark 20b (Wilhelmsburg)

RIB Piraten
Adrenalin-Junkies aufgepasst! RIB Piraten sorgen für echte High-Speed-Abenteuer auf der Elbe: Im Tiefflug schießen ihre Schlauchboote, sogenannte Rigid Inflatable Boats, über die Wellen. Die Boote sind mit einem 250 PS starken Triebwerk ausgestattet und erreichen eine Geschwindigkeit von bis zu 100 Stundenkilometer. Wer eine 90-minütige Tour bucht, rast in Begleitung eines Bootsführers vom Hamburger City Sporthafen Richtung Westen die Elbe flussabwärts; vorbei an Elbphilharmonie, Blankeneser Treppenviertel und Yachthafen.

Schuback: Landküche in Eppendorf

Nach der Sterneküche geht es im Schuback, ehemals Punker, ehemals Klopstock, wieder bodenständiger zu

Der Start im Schuback ist zauberhaft und holprig zugleich. Wir sitzen am Park, über uns rieseln zur Begrüßung weiße Blüten auf uns hinab. Bei der märchenhaften Kulisse gelingt es uns, über den ausgefallenen Weinkühlschrank (leider kein Sauvignon Blanc!) und die fehlenden Blicke unserer Bedienung hinwegzusehen. Nach 30 Minuten schwenke ich glücklich meinen Grauburgunder Heger Kaiserstuhl (0,5 Liter 12 Euro) goldgelb zur Abendsonne im Glas, ich schmecke die Süße von Honig und Birnen, warmes Brot versöhnt augenblicklich für die Wartezeit.

Wir starten mit karamellisiertem Ziegenkäse mit Balsamico-Streifen, cremiger Avocado und Blattsalat (9,50 Euro). Die knusprige Süße begeistert uns und macht den eher durchschnittlichen Ziegentaler wett. Um den Rucolasalat mit Kirschtomaten, warmen Gambas und Parmesangitterchips (11,50 Euro) geraten mein Freund und ich beinahe in Streit. Das Rindercarpaccio (10,50 Euro) könnte eine Spur geeister sein und einen Hauch Limette vertragen, mein Freund ist mit der Qualität des Fleisches zu seinem rassig-fruchtigen Stellenbosch (0,5 Liter 14 Euro) jedoch zufrieden. Wir genießen.

Unter dem Namen „Punker“ streckte sich das kleine Ecklokal mal nach Sterneniveau. Das kam bei den Eppendorfern nicht an, nun setzen die gleichen Betreiber auf deutsche Küche mit raffinierten Einsprengseln. Uns überzeugt das.

Als Hauptgericht nehmen wir Bratwurst, die Spezialität. Ich wähle die Wurst „getrüffeltes Kalb“ (11,50 Euro) mit Himbeersenf und cremigem Schuback-Spezialsenf, den mein Freund überschwänglich lobt, dazu selbst gemachten Kartoffelstampf und Sauerkraut. Neben uns duften Bratkartoffeln in die Sommernacht.

Das Schuback verzaubert mit einem romantischen Landküchegefühl mitten in Hamburg, irgendwie spüren wir beschwipst, dass Eppendorf mal ein Dorf war.

Text: Stefanie Maeck

Schuback: Eppendorfer Landstraße 165
(Eppendorf), Telefon 47 66 70,
Mo-So 10–24 Uhr;
www.restaurant-schuback.de

Kein Fachmagazin-Nerd

Unser Musik-Redakteur Erik Brandt-Höge hat seinen zweiten Roman veröffentlicht. „Flamingostar“ ist ein amüsanter Road-Trip durch die Schattenseiten der deutschen Musikindustrie und zugleich eine emotionale Familiengeschichte. Ein Gespräch

SZENE HAMBURG: Erinnerst du dich an die erste Zeile, die du für den Roman geschrieben hast?

Erik Brandt-Höge: Ja. Der erste Satz hieß „Schwarz.“ Ich habe versucht, die Leser relativ schnell reinzuziehen. Oder in dem Fall runterzuziehen, weil der Romanheld auf einer Brücke steht und überlegt, sich umzubringen.

Wie geht es weiter?

Der Roman hat zwei Ebenen: die spannende und absurde Showgeschäftswelt mit den größenwahnsinnigen Managern und den durchgeknallten Moderatoren, die man gar nicht ernst nehmen kann, und die Familientragödie. Der Vater lebt ein bisschen gegen den Sohn und beide haben die Trauer um die verstorbene Mutter gemeinsam.

Wie kamst du auf die Geschichte?

Das war relativ fix klar, dass ich über Musik schreiben würde. Ich bin der Meinung, man kann nur gut über das schreiben, was man selbst erlebt hat. In diesem Fall wollte ich die guten, schlechten und völlig lächerlichen Seiten der Musikwelt aufzeigen, die ich seit 10 Jahren erlebe. Den Familienkonflikt habe ich mir hingegen ausgedacht.

Hast du die Musikindustrie tatsächlich so erlebt, wie du sie beschreibst?

Ich habe jetzt nicht die größten Schlagerwelt-Erfahrungen. Aber ja, diese ganzen Label-Leute in den Hochhäusern, die Manager, die Agenten, aber auch die Journalisten wie mich selbst, die nicht alle Tassen im Schrank haben – habe ich alles erlebt.

Du hast nicht alle Tassen im Schrank?

Ein paar habe ich noch. Aber ich habe auch meine Fehler und bin bestimmt auch hier und da belächelbar.

Wofür denn so?

(Überlegt lange) Es gibt zwei Typen von Musikjournalisten. Es gibt Fachmagazin-Nerds, die unbedingt wissen wollen, wo, wann und warum irgendein Song entstanden ist. Und es gibt Leute, die versuchen, die Person zu charakterisieren, die dahinter steckt. Ich bin auf jeden Fall der zweite Typ. Mich interessiert, warum die Menschen so sind, wie sie sind, ihre Lebensgeschichten, warum sie solche Lieder schreiben. Jemand anderes würde sagen: „Bleib doch mal sachlich, du bist doch Musikjournalist und nicht Psychologe.“

Wie kamst du zum Musikjournalismus?

Ich habe 2005 ein Praktikum beim „Rolling Stone“ gemacht. In der Zeit waren die ganzen England-Bands riesig: Libertines, Franz Ferdinand, Arctic Monkeys, Maximo Park, Kaiser Chiefs. Diese Welle hat mich damals voll interessiert. Ich war mitten im Studium und wollte ganz viele Stars treffen, durfte aber nur kleine Plattenkritiken schreiben. Nach dem Praktikum hat mich ein Redakteur angerufen und gefragt, ob ich nicht frei für sie schreiben will. Dann habe ich gemerkt, dass es gar nicht so geil ist, Stars zu treffen. Mittlerweile will ich meine Lieblingsbands oft gar nicht kennenlernen.

Warum nicht?

Weil ich Angst habe, dass die total doof sind und mir mein Fan-Dasein verbauen.

Ist dir das häufig passiert?

Ich habe das oft erlebt, ja. Ich bin da sehr penibel, Arroganz kann für mich vieles zerstören. Ich habe aber auch oft das genaue Gegenteil erlebt.

Was meinst du?

Ich habe viele Leute getroffen, die Scheißmusik machen, aber wahnsinnig nett sind. Und dann denkst du: Ach du Scheiße, jetzt ist der auch noch so nett! Dann traut man sich fast gar nicht, über diese Scheißmusik so zu urteilen, wie sie es verdient. Das muss man natürlich trotzdem machen. Das passiert leider sehr, sehr häufig. (lacht)

Disclaimer: Hier hat der Interviewte das Aufnahmegerät pausiert und einige Namen genannt, die wir leider Gottes nicht veröffentlichen dürfen.

Zurück zu deinem Protagonisten, Justus von Schweben. Warum hat er denn so einen beschissenen Namen?

Der hat einen sehr schönen Namen. Er musste natürlich ein von und zu sein, weil er ein Reichenbubi ist, der in Berlin-Charlottenburg aufwächst, einen Anwaltsvater hat und ein wenig unter seiner Herkunft leidet. Schweben finde ich ein sehr angenehmes Wort. Und den Namen Justus mag ich gerne. Auch Jussi, die Abkürzung. Ich wollte eine gute Abkürzung haben.

Justus veröffentlicht ein Album. Die Songs sind alle im Buch enthalten…

…sie fallen einem richtigen Songwriter wahrscheinlich als sehr mies auf. 90 Prozent der Songs sind bewusst mega-kitschig, weil sie zum Schnulzenjungen Jussi passen sollten.

Gibt es zu den Songs auch Musik?

Ich habe tatsächlich oft am Klavier gesessen, als ich diese Songs geschrieben habe, aber von mir aus wird es da keine Musik geben. Wenn einer so irre ist und sie vertonen möchte, hat er hiermit mein „Go“. Aber ich selbst werde das nicht tun.

Warum nicht?

Weil ich das schlichtweg nicht kann. Ich kann null singen. Das hört sich echt scheiße an.

Ein Vorschlag von der SZENE HAMBURG: Lieber Bosse, wir würden dich wahnsinnig gerne „Mitte-Liebe“ singen hören.

Was ist für dich die spannendste Stelle im Roman?

Es gibt eine Stelle, in der es um den Unfalltod der Mutter von Justus geht. Es schien die ganze Zeit klar: sie hatte einen Unfall und ist dabei umgekommen, aber so einfach ist es nicht. An einer Stelle klärt sich das auf.

Was läuft eigentlich zwischen Justus und Hella?

Hella ist die Barfrau im „Flamingo“, wo Justus seinen ersten Auftritt hat. Eine sehr durchgreifende Frau, auf den ersten Blick extrem selbstbewusst und stark. Sie ist stückweise dafür verantwortlich, dass er sich überhaupt auf die Bühne traut. Sie imponiert ihm, diese schöne Frau mit der Afro-Frisur. Ich fand die selber ganz cool, mir hätte sie auch imponiert (grinst). Sie geht mit ihm auf Tour und irgendwann verliebt er sich in sie.

Justus nimmt irgendwann an einer Casting-Show teil, obwohl er sich erst dagegen gewehrt hat. Hat er seine Seele verkauft?

Er hat im Verlauf der ersten Karriere-Monate gelernt, mit dem Geschäft umzugehen und sich selbst nicht mehr ganz wichtig zu nehmen. Er hat so eine „Was soll’s“-Attitüde angenommen und macht weiterhin sein Ding.

Stehst du selbst auf Schnulzen?

Ich bin kein Kuschelrock-Käufer, aber ich stehe schon auf gute Balladen, zum Beispiel von Thees Uhlmann, Herrenmagazin oder Schrottgrenze. Das sind alles eher schroffe Balladen, nicht so glatt poliert.

Was geht musikalisch gar nicht?

(lange Pause) Nee, das kannst du auf keinen Fall schreiben. Damit mache ich mir Feinde. Das lassen wir komplett raus.

Langweilig.

(lacht) Okay, es gibt Schlager, die sind einfach scheiße, von vorne bis hinten. Eine reine Leute-Verarsche. Geldmacher-Schlager finde ich scheiße.

Interview: Natalia Sadovnik

Die Rezension über „Flamingostar“ ist in der aktuellen August-Ausgabe von SZENE HAMBURG zu lesen.

coverflamingo PSOErik Brandt-Höge: „Flamingostar“
Droemer Knaur Verlag, 252 Seiten, 12,99 Euro

Petit Amour: Kleine Liebe, großes Essen

Französisch: Ein Weltenbummler bekocht die Ottenser auf Top-Niveau

An seinem Namen verknoten sich Franzosen die Zunge, und doch erinnern sich viele seiner Ex-Chefs von Alain Ducasse (Le Jules Vernes im Eiffelturm) bis Jean-Claude Bourgueil (Im Schiffchen in Düsseldorf) gern an diesen jungen Hamburger Koch zurück, der immer ein bisschen mehr lernen wollte als die anderen.

In diesen beruflichen Wanderjahren (bis nach Tokio) wurde Boris Kasprik nicht nur immer frankophiler, sondern vor allem am Herd immer besser – zuletzt verhagelte ihm nur die plötzliche Schließung der Bahrenfelder Gourmet-Hoffnung Chez Fou den längst verdienten Stern. Dorthin ist auch bei seinem neuesten Projekt noch ein weiter Weg, auf dem er aber nach der Eröffnung seines ersten echten eigenen Restaurants Petit Amour jeden Tag ein Stückchen vorankommt.

Amour_Boris KasprikDer 30-jährige Kochmeister hat über ein Jahr lang und mit großem persönlichen Risiko für 170.000 Euro die üble Bier-Kaschemme Spritzenklause zu einem der schicksten Restaurants Ottensens umgebaut. Und wer jetzt „Gentrifizierung, nein danke!“ ruft, sollte einfach mal zwei, drei Kasprik-Teller probieren. Ruckzuck wird er dabei ein weiteres Fremdwort lernen: magnifique! Boris und sein Team aus drei Köchen und dem liebenswert-kompetenten Service um Restaurantleiter und Sommelier Mathias Mercier (aus Avignon) zaubern die puristisch-produktverliebte, dabei aber tabulos globalistisch über den Franko-Tellerrand inspirierte High-Cuisine in ein mit bequemen Sesseln und angesagten Grau-Tönen zum langen Verweilen einladendes Restaurantambiente. Die Preise (nur Menüs) sind der Küchenleistung und den verwendeten Spitzenprodukten angemessen: drei Gänge für 49 Euro, sieben für 89 Euro, donnerstags Lunch für 25 bis 35 Euro.

Kein Problem also für die Feinschmecker Hamburgs, die endlich eine neue echte Gourmet-Alternative bekommen. Und erst recht nicht für die zahlreichen Gentrifizierungsmietenzahler rings um den Spritzenplatz.

Text: Peter Wagner
Fotos: Andreas Laibe

Spritzenplatz 11 (Ottensen)
Di-Mi 18–223 Uhr
Do 12-14.30 Uhr
Fr-Sa 18-23 Uhr

Reibung schaffen

Karin Beier mag keine leichten Aufgaben. Im Herbst bringt die Intendantin des Deutschen Schauspielhauses umstrittene Themen auf die Bühne: Islamkritik, Flüchtlinge und Extremismus. Ein Gespräch

SZENE HAMBURG: Ihre zweite Spielzeit in Hamburg geht zu Ende. Wie geht es Ihnen?

Karin Beier: Gut (lacht). Ich bin natürlich ein bisschen k. o. Wegen des Unfalls mit dem Eisernen Vorhang (Oktober 2013, Anm. d. Red.) waren wir spät dran mit der Planung der aktuellen Spielzeit, das hatte auch Konsequenzen für die Werkstätten … Es war permanentes Krisenmanagement. Aber künstlerisch gesehen, ist diese Spielzeit sehr gut gelaufen.

Sie haben angekündigt, dass die nächste Spielzeit weniger politisch korrekt wird. Was heißt das?

Als wir im Haus über das Stück „Geächtet“ sprachen, hatte ich Bedenken, dass man damit den falschen Leuten ins Horn bläst. Da gibt es zum Teil islamfeindliche Positionen, und wir wollten der AfD oder der Pegida-Bewegung damit keine Argumente liefern.

Was für Positionen sind das?

Zum Beispiel fällt der Satz: „Der Koran ist ein einziger langer Hassbrief an die Menschheit.“ Wenn so etwas auf der Bühne gesagt wird, könnte es plötzlich einen Wahrheitsanspruch bekommen, dabei ist es nur die Äußerung einer einzelnen Figur und nicht die politische Haltung des Stücks.

„Papst-Bashing ist erlaubt, Islamkritik nicht“, haben Sie gesagt. Möchten Sie das Tabu brechen?

(…)

Interview: Natalia Sadovnik
Foto: Klaus Lefebvre

Das vollständige Interview ist in der aktuellen Juli-Ausgabe von SZENE HAMBURG zu lesen.

 

Zwischen Schreibtisch und Kaffeemaschine

“Sekretärinnen” ist ein Liederabend über eine klischeebeladene Berufsgruppe

Sekretärin – der Begriff rangiert irgendwo zwischen Berufsbezeichnung und Schimpfwort. Jeder hat sofort Bilder von telefonierenden, schreibenden und Kaffee kochenden Frauen vor Augen. Inklusive der Funktion als guter Seele eines Büros oder die Geliebte des Chefs – genug Stoff also, um die Berufsgruppe abendfüllend zu porträtieren. Das gelang dem Musiker, Komponisten, Arrangeur und Pianisten Franz Wittenbrink vor genau 20 Jahren am Deutschen Schauspielhaus: „Sekretärinnen“ gehört zu dem von ihm erfundenen, neuen Genre des sogenannten Liederabends. Darin werden Schlager und Arien, Volkslieder, Popsongs und Balladen ihres ursprünglichen (Kon-)Textes beraubt und für den neuen Zusammenhang umgedichtet. Gesprochene Sprache ist überflüssig, denn alle Stimmungen, Beziehungen und Situationen erklären sich durch Gesang und Körpersprache. Dass die Klischees großartig überspitzt und bis zur Karikatur überzeichnet werden, macht aus den losen Szenen einen zum Brüllen komischen Liederabend.

Text: Dagmar Ellen Fischer
Foto: Bo Lahola 

Kammerspiele
Hartungstraße 9 (Rotherbaum)
25.7. (Premiere), 30.7.

Sommerlektüre: Wütende Männer

Wir empfehlen Bücher für die Urlaubstasche. Nr. 4: Dave Eggers politisches Kammerstück

Dave Eggers’ neuester Roman überrascht nicht nur mit dem Titel. Es ist eigentlich gar kein Roman, denn das Buch besteht nur aus Dialogen, ohne auch nur eine narrative Zeile. Ein junger Mann entführt nacheinander sieben Menschen, darunter einen Astronauten, einen Politiker sowie einen ehemaligen Lehrer, und verschleppt sie auf einen verlassenen Militärstützpunkt. Er wirft seinen Opfern vor, dass er keinen Platz in der Gesellschaft finden kann, deren alte Spielregeln nicht mehr gelten.

Eggers zeigt erneut ein Gespür für brandaktuelle Themen wie Polizeigewalt, Radikalisierung und individuelle Verantwortung. Seine Studie über Männer, die zu extremen Mitteln greifen, ist leicht lesbar, direkt und auch humorvoll. Wirkliche Antworten gibt der Roman nicht; Eggers hätte auch deutlich mehr wagen können. Die Lektüre bleibt dennoch bis zum Schluss spannend und danach noch eine Weile im Gedächtnis.

Dave_Eggers_Cover_VäterEine Empfehlung von Natalia Sadovnik

Lesedauer: Zwei „Game of Thrones“-Folgen

Dave Eggers: „Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?“
KiWi, 224 Seiten, 18,99 Euro

Seilerstraße 24

Schmuckdesignerin Charlotte Simon und die Möbeldesignerinnen von Mjuka eröffnen ihren Showroom auf St. Pauli

Kaum größer als ein Kämmerlein ist Charlotte Simons Werkstatt. Sie sitzt auf einem Drehstuhl mit Rollen und führt Schmuckstücke aus ihrer aktuellen Kollektion „Lys“ vor. Die zarten Ringe, die jeweils mit einem winzigen Blatt verziert sind, kommen gerade frisch aus der Gießerei. Die 29-Jährige wird sie in mehreren Schleifgängen aufpolieren, bis sie so sehr glänzen, dass sie reif sind für die Auslage im Verkaufsraum ein Stockwerk höher.

Seilerstraße 1

Der frisch eröffnete kleine Laden liegt in der Seilerstraße 24 und ist hamburgweit der einzige Ort, wo man den filigranen Schmuck und die Lederaccessoires der Schmuckdesignerin kaufen kann. Man kennt die junge Frau auch aus einem anderen Kontext. Zusammen mit Nina Grätz und Christina Raack veröffentlichte sie das musikalisch-wertvolle Hörspiel „Eule findet den Beat“, zu dem sie die lustigen Illustrationen besteuerte.

Seilerstraße 2

Außer den Simon’schen Handarbeiten verkaufen dort auch die beiden Möbeldesignerinnen Annika Steven und Franziska Cadmus ihre Mjuka-Objekte. Die beiden 28-Jährigen mit Vorliebe für skandinawisches Design sind schon im November 2014 in das Ladengeschäft eingezogen. Sie haben sich eine interessante Nische erobert: die Einrichtung von sozialen Räumlichkeiten, wie Kitas, Arztpraxen oder Altenheimen.

Seilerstraße 3

Aber auch ihre Möbelentwürfe aus Holz und Textil können sich sehen lassen. Etwa die Bank Svell, die durch den besonderen Stoff ihres Sitzkissens lebt, das die Designerinnen in ihrer geräumigen Werkstatt selbst aufpolstern. Die befindet sich ebenfalls in den Katakomben des Ladens. Insgesamt neun Mieter teilen sich die Räume im Erdgeschoss und Keller der Seilerstraße 24. Dort ist ein wahrer Hort der Kreativität entstanden. Vorbeischauen lohnt sich.

Text: Alessa Pieroth

Seilerstraße 24 (St.Pauli)
Mo-Fr 12–19 Uhr und nach Vereinbarung

Weltreise durch Hamburg

Hamburg steckt voller fremder Welten. Katharina Manzke ging auf Erkundungstour. Das hilft gegen Fernweh

Mein Fernweh kündigt sich immer mit einem schönen Klingeln an. Es ist kein aufdringliches Tuten, keine schrille Schelle, es ist ein Glockenspiel. Fein und verheißungsvoll – so ähnlich wie die Melodie, die manchmal von der kleinen russisch-orthodoxen Kirche mit den himmelblauen Kuppeln zu hören ist. Ihre Zwiebeldächer ragen neben den klotzigen Hochhäusern der Lenzsiedlung in Eimsbüttel in die Höhe. Wie aus einer fremden Welt. In Hamburg gibt es viele „exotische“ Orte wie diesen. Und wenn mich mein Fernweh mal wieder wachklingelt, ich aber nicht in die Ferne reisen kann, dann suche ich die weite Welt eben in der Stadt.

Indianer, Mayas und affenköpfige Kühe

Zum Beispiel im Museum für Völkerkunde. Dort können Besucher fremde Kulturen zugleich in der Vergangenheit und in der Gegenwart bereisen. So gelange ich von den Indianern Nordamerikas zur hinduistischen Götterwelt nach Ägypten und zu den Mayas. Ich setze mich in ein Tipi, lausche über eine Hörstation fremdartigen Flötentönen und erfahre über das digitale Maya-Orakel, dass aus mir wahrscheinlich entweder Schamane oder Ehevermittlerin wird.

Ich gehe weiter in einen prächtigen Bali-Raum, wo in Vitrinen rituelle Masken gezeigt werden. Die Spiegelung der Glasscheibe sorgt für die optische Täuschung, dass mein Abbild mit den ausgestellten Gegenständen verschmilzt. Plötzlich blicke ich mir selbst als affenköpfige Kuh mit Fischmaul und Tigerzähnen entgegen. Ich bin zur schrecklichen Hexe „Celuluk“ geworden. Schnell wechsle ich zum freundlichen Wildschwein nebenan. Oder am besten gleich in die echte Wildnis …

Museum Völkerkunde 1

Chinesisches Teehaus im Yu Garden

Wildwuchs im Urwald

Der Sachsenwald ist der Rest eines riesigen Urwaldes und erinnert an manchen Stellen mit seinem verschlungenen Wildwuchs noch heute an einen Dschungel. Exotische Falter leben hier allerdings nur unter einer Glaskuppel. Auf dem Anwesen Friedrichsruh, im Besitz der Familie Bismarck, tummeln sich Zwergkaninchen, golden schimmernde Koi-Karpfen, Libellen und Eichhörnchen. Im Garten der Schmetterlinge, einem kleinen Tropenhaus, gibt es viele prächtige Insekten aus Südostasien, Afrika und Südamerika zu begutachten. Bei feuchtwarmem Klima flattern sie mit schnellem Flügelschlag zwischen exotischen Pflanzen kreuz und quer an mir vorbei. Groß wie Fledermäuse, aber viel schöner.

Schwarzweiß, gelb-orange gemustert, blau wie der pazifische Ozean. Wenn man stillhält, kann es passieren, dass sich „Phocides Polybius“, „Parnassius Mnemosyne“ und „Nymphalidae“ auf dem ausgestreckten Arm niederlassen. Viel scheuer ist da das Jemenchamäleon namens „Hube“, es bleibt lieber auf Distanz … Das ist mir ganz recht so. Zu viel Wildnis ist auch nicht gut. Dafür schmeckt auch der Apfelkuchen im Forsthaus Friedrichsruh viel zu gut!

Japan nahe St. Pauli

Exotische Ecken findet man übrigens auch nahe St. Pauli – und ich meine jetzt keine eindeutigen Etablissements, sondern Planten un Blomen. Immer sonntags lädt im Teehaus im japanischen Garten die deutsch-japanische Gesellschaft zur Teezeremonie. Man kann unangemeldet einfach vorbeikommen. Und so mische ich mich unter die zehn Gäste, die der Teemeisterin Kazuko Chujo dabei zusehen, wie sie die jahrtausendealte Kunst zelebriert. Harmonie, Reinheit, Stille und Respekt – diese Werte sollen während des Rituals formvollendet zum Ausdruck gebracht werden. Und es funktioniert: Sie äußern sich in jeder Bewegung der zierlichen, kleinen Frau, jedem Wort an die Gäste. Als ich schließlich selbst das grüne, leicht bittere Gebräu aus einer Keramikschale schlürfe, fühle ich mich bereits durch das Zuschauen herrlich entspannt.

Ich beschließe, den restlichen Sonntag ähnlich ruhig ausklingen zu lassen und setze mich auf eine Bank im japanischen Garten. Ich schließe die Augen und höre: leises Plätschern, Wind, verwehte Stimmen … Kein Läuten. Mein Fernweh schweigt. Zumindest für heute.

Text und Foto: Katharina Manzke

Weitere Hamburg-Entdeckungstouren, zum Beispiel für Actionlustige und Familien, findet Ihr in der Titelgeschichte der aktuellen Juli-Ausgabe von SZENE HAMBURG.

Mehr Tipps gegen Fernweh

Türkisches Hamam
Falls es im Hamburger Sommer doch mal regnet: Ein Besuch im türkischen Bad, einem Hamam, bewirkt Wunder. Los geht es schwitzend auf einer Sitzfläche aus Marmor, durch ein Peeling wird die Haut angenehm durchblutet und erneuert, und am Ende wird man in warmen Seifenschaum gehüllt wie Aphrodite in 1001 Nacht.

Hamam-Hafen Hamburg
Seewartenstraße 10 (St. Pauli)
Mo-Fr 10–22, Sa-So 11–21 Uhr

Hamam Palace
Veringstraße 16 (Wilhelmsburg)
Mo-Sa 10–22, So 10–21 Uhr

Islamische Kunst

Der Islam als Weltreligion hat viele kulturelle Schätze hervorgebracht. Die Sammlung Islamische Kunst im Museum für Kunst und Gewerbe zeigt dies mit rund 270 Exponaten und schlägt Brücken von der Vergangenheit in die Gegenwart. Ein eindrucksvolles Zeugnis islamischer Kunst ist auch an der Außenalster zu finden: Die Imam Ali Moschee, in der auch nicht muslimische Gäste willkommen sind, ist Deutschlands viertälteste Moschee. Ihre Fassade besteht aus himmelblauen Kacheln und strahlt Passanten schon von Weitem an.

Museum für Kunst und Gewerbe
Steintorplatz
Di-So 10–18, Do 10–21 Uhr

Imam Ali Moschee
Schöne Aussicht 36 (Uhlenhorst)

Exotische Geschmäcker

Manchmal braucht es nur einen besonderen Duft in der Nase – und schwupps, ist man in Indien, Afrika oder Thailand. In die Welt der Gewürze entführt beispielsweise das Spicy’s, ein Museum zum Probieren und Riechen. Ein Gewürzparadies ist auch das Kräuterhaus in St. Georg. Das Traditionshaus führt über 600 Kräuter. Darunter verschiedene Curry-Mischungen, Ras el Hanout, Paella-Gewürz, Safran in Fäden und gemahlen. Hier findet man ganz bestimmt die passende Mischung für ein Hühnchen in Kokosmilch nach einem Rezept aus Papua-Neuguinea.

Spicy’s
Sandtorkai 34 (HafenCity)
Di-So 10–17 Uhr

Das Kräuterhaus
Koppel 34 (St. Georg)
Mo-Fr 10–19, Sa 10–18 Uhr