Jannes Wochenrückblick Vol. 29

Kolumne: Altersweisheit. Jannes liebt Knobeln und Kegeln mit Senioren. Mit seiner Omi spielte er immer Räuber-Rommée und es wurde gekniffelt

Ich persönlich liebe alte Menschen. Zumindest eine ganze Menge an und von ihnen. Geschichten aus sechs bis zehn Jahrzehnten zum Beispiel. Ruhe. Wochenenden. Sonntagsbraten. Die Tatsache, dass sie allenorts in Großstädten wie Hamburg diejenigen sind, die Pakete annehmen, Blumen versorgen, Kuchen backen und über alles im Haus Bescheid wissen.

Alte Menschen sind fast heilig für mich. Ihre Ausstrahlung. Ihr Wissen. Ihre Erfahrung. Ihre Lebensleistung.

Bei unseren gemeinnützigen Aktivitäten legen wir einen Fokus auf das Thema. Erstens, weil wir alle Dinge wie Kniffeln, Kegeln oder den Humor von Heinz Erhardt und Loriot teilen. Zweitens, weil hiesige Vereine wie “Wege aus der Einsamkeit” oder “Freunde alter Menschen” klasse Arbeit in Hamburg machen.

Drittens, weil wir auch alle mal alt werden. Und uns dann freuen, wenn junge Menschen uns helfen und Gesellschaft leisten. Und uns fragen, was wir so erlebt haben. Wie das Schreckgespenst Flüchtlingskrise 2015 plötzlich überwunden wurde. Und wie dadurch ein sozialer Zusammenhalt in Deutschland aufkam, der allen Bedürftigen zu Gute kam.

Habt einen schönen Start in die Woche, wir lesen uns Sonntag wieder, Jannes

Who the fuck is Jannes?

Jannes Vahl hat den gemeinnützigen Verein Clubkinder e.V. gegründet. Mit Konzerten, Partys oder Events sammelt er Spenden für soziale Projekte in Hamburg, beispielsweise mit der Tagebuchlesung. Außerdem leitet er die Kreativagentur Polycore mit Büro auf St. Pauli. Mit seinem Compagnon Joko setzt er hier Projekte um. Jannes Vahl hat 5.000 Facebookfreunde, trinkt Craft-Bier, mag die Band Pearl Jam und versendet digitale Herzchen. In seiner neuen Kolumne berichtet er jeden Sonntag über ein Hamburger Thema, das ihn in der letzten Woche beschäftigt hat.

Kneipenführer: The Chug Club

Wir haben Bars in Hamburg besucht, schöne und schranzige. Auch die von Bettina Kupsa. Hier wird der göttlichen Agave gehuldigt

“Nur den Mutigen gehört die Welt!”, sagt Bettina Kupsa (Foto) und setzt sich, übers ganze Gesicht strahlend, an den mächtigen dunklen Tresen. Vor Kurzem hat die 38-Jährige eine Bar auf St. Pauli eröffnet. Den Wunsch dazu hegte sie schon lange – “ich musste jetzt einfach eine Entscheidung treffen” – und so verließ sie nach drei Jahren die renommierte Bar “Le Lion”, um etwas Eigenes aufzubauen.

Gemütlich-schummrig ist das Ambiente in “The Chug Club“, die Wände weinrot und gold getüncht, die Hocker mit dunkelgrünem Samt bezogen. Und überall wird der Agave gehuldigt – als Ornament an Wänden und Fenstern, vor allem aber in Form von Tequila. In den Agavenbrand hat sich die Bartenderin schon vor einiger Zeit verliebt: “Tequila ist wahnsinnig emotional, sexy und vielfältig!”

Echte Handarbeit stecke noch in Anbau und Ernte der blaugrünen stacheligen Pflanze, die im Schnitt sieben Jahre unter der heißen Sonne Mexikos reift und je nach Region sehr fruchtig oder sehr mineralisch schmeckt. Durch diese aromatische Bandbreite kann man sich hier trinken.

Trotzdem werden nicht die gängigen Kurzen mit Salz und Zitrone geext. Auch wenn sich der Name der Bar von “to chug”, zu deutsch “kippen” ableitet … Stattdessen gibt es hochwertige Cocktails in kleinen Größen: Mit den Chugs hat Betty eine Drinkeinheit “zwischen Shot und Shortdrink” erfunden, die das Konzept ihrer Bar bestimmt.

Die Gäste können sich durch viele Chugs probieren und experimentieren – ohne sturzbetrunken aus der Bar zu torkeln (Angaben ohne Gewähr!). Am besten geht das, wenn sie ein “Menü” bestellen: fünf kleine Cocktails plus “Zwibie”, einem kleinen frischgezapften Zwischenbier. Die Chug-Kreationen kann man natürlich auch in normaler Cocktailgröße bestellen.

Sowieso gibt es nicht nur Tequila-Drinks, sondern auch welche mit Rum und Gin, außerdem Bier, Wein und Champagner. Durstig bleibt hier keiner. Nicht umsonst soll die Göttin der Agave mit 400 Brüsten ausgestattet gewesen sein …

Text: Julia Braune
Foto Jakob Börner

The Chug Club
Taubenstraße 13 (St. Pauli)
Mo-So ab 18 Uhr

SZENE NovemberWeitere Vorschläge für einen gepflegten Drink findet ihr in der druckfrischen November-Ausgabe der SZENE HAMBURG.

zum Onlineshop →

Status: Ohne festen Wohnsitz

Für seine Bachelorarbeit fotografierte Peter Kaden Wohnorte von Obdachlosen in Hamburg – und erklärt uns, wie das war

Die Fotoserie entstand im Anschluss an eine Zeit, in der ich selbst mit dem Status “Ohne festen Wohnsitz” in Hamburg lebte. Ich war gezwungen, meine Wohnung schnell zu verlassen. Aber ich musste nicht auf der Straße schlafen, mein soziales Netzwerk aus Freunden und Bekannten fing mich auf.

Obdachlos 2

Bis ich als mitteloser Student endlich wieder eine neue Wohnung fand, verging mehr als ein halbes Jahr. Nach dieser Krise stürzte ich mich mit verändertem Blick wieder in die Fotografie. Ich fand unterschiedliche, teils verborgene Wohnorte von Obdachlosen, zum Beispiel in Gebüschen. Viele Konstruktionen sind ziemlich versteckt. Nicht jeder will so sichtbar sein, wie beispielsweise die Bewohner unter der Kennedybrücke.

Obdachlos 3

Einige Wohnorte erinnerten mich dagegen an Bühnen, denn genauso oft befinden sich Zelte, bepackte Fahrräder oder andere auffällige Wanderlager an exponierten Stellen. Der Ideenreichtum, den manche Obdachlose an den Tag legen, wenn sie versuchen mit wenigen Mitteln möglichst viel Schutz zu erringen, ist enorm.

Obdachlos 4

Vereinzelt gibt es einige, die es sogar schaffen, es sich an Rändern von Parkanlagen oder Brücken richtig „gemütlich“ zu machen. Für viele kann das ein richtiges Zuhause sein, das sie genauso pflegen wie den Kontakt zu den Passanten und Anwohnern. Reden hilft!

Peter KaadenPeter Kaden machte 2015 seinen Abschluss in Kommunikationsdesign an der HAW

Ohne festen Wohnsitz

Ein Hamburger allein auf dem Atlantik

E-Mail vom 15. Oktober: Jetzt geht’s los! Axel ist kurz vor der holländischen Küste angekommen und hat die erste Nacht Nüsse knabbernd an Deck verbracht

15. Oktober

Moin Lisa,

bin gerade vor der holländischen Küste, habe erstmals Einhand eine Nacht verbracht, war sehr spannend. Anfangs bei starkem Wind mit bis zu 8.4 Knoten (16 km/h) in stockdüsterer Nacht die 2 Meter hohen Wellen abgesurft. In der Nacht flaute der Wind jedoch immer mehr ab, so dass ich vor drei Stunde bei null Wind sogar den Motor angeschmissen habe.

Die Wettervorhersage hatte mir schönsten Rückenwind versprochen. Seit einer Stunde bin ich wieder flott mit Windkraft unterwegs und habe seit Hamburg nun schon fast exakt 500 km zurückgelegt.

Axel Schiff

Meine Vorräte:

  • Ich habe einen 200 l Wassertank und momentan ca. 30 l in Flaschen, 60 l Diesel und zwei Kanister á 20 l und drei 5 kg Flaschen mit Campingas zum Kochen.
  • 3 Hokkaido Kürbisse, 5 Zucchini, 4 Auberginen, 1 kg Champignons, 13 Bananen, 10 Äpfel eine Honigmelone zwei Sharon Früchte und 60 kg Nüsse von Kernenergie. Die dürften die ganze Fahrt über halten und haben letzte Nacht schon gut geholfen, als es wild geschaukelt hat und an kochen nicht zu denken war.
  • Als Brettsportler habe ich natürlich auch diverse Bretter dabei: 2 Skateboards, ein Kiteboard, ein Surfboard. In der Bretagne bekomme ich für den Trip noch ein Wave Kiteboard und ein Wakestyle Kiteboard von Core Kiteboarding aus Fehmarn zugeschickt, sowie 4 Kites.
  • Equipment zum Flaschen- und Apnoetauchen sind auch an Bord.
  • Den Unterwasser-Roboter erwähnte ich ja bereits. Zudem habe ich noch eine Flugdrohne für Videos dabei. Die beiden müssen aber noch etwas zusammen gebaut werden.

Beste Grüße

Axel

Weitere spannende Seefahrer-Geschichte aus Axels Logbuch gibt in unserem Abenteuer-Blog oder hier.

Foto: Philipp Jung

Such den Axel

Wo der Hamburger gerade über den Atlantik segelt, kann man auf dieser Karte verfolgen:

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Zum nächsten Blogeintrag:

ContainerSchiffeTurbulenzen zwischen Containerschiffen
E-Mail vom 21. Oktober: Großes Malheur vor Dover! Im Englischen Kanal bricht das Ruderblatt der Zest. Axel baut aus einem Brett seiner Koje fix ein neues, wird dann aber doch von Seenotrettern geborgen

Flirren, flimmern, klub katarakt

Erster! SZENE HAMBURG präsentiert das Festival für experimentelle Musik und darf verraten, wer im Januar 2016 auf Kampnagel spielt

Nicht ein Konzert, nicht fünf, ein ganzes Festival für experimentelle Musik findet zum elften Mal in Hamburg statt. Im Januar 2016 bietet klub katarakt 
auf Kampnagel eine multimediale Plattform für neue Musik, für interaktive Elektronik, neue Instrumentaltechniken und innovative Video-Werke.

In den vier Tagen ist auch das Auge gefordert. „Nicht nur das Hörerlebnis, sondern auch die Präsentationsformen unseres Festivals sind unkonventionell”, erklärt Jan Feddersen, Mitglied des künstlerischen Leitungsteam.

klub katarakt 13 © Christina Hansen

Auch wenn es bis Januar noch etwas hin ist… Wir posaunen schon jetzt in die Welt hinaus, welche Künstler unter anderen am Start sein werden:

  • Da hätten wir den amerikanischen Komponisten Christian Wolff, den Weggefährten von John Cage, der als “Composer in Residence” Teil des Line-ups ist.
  • Aus der jüngeren Komponistengeneration stammt der Hamburger Sascha Lino Lemke, der sich mit einer Lecture und einem Portraitkonzert vorstellt.
  • Die für ihre exemplarischen Cage- und Feldman-Interpretationen gefeierte Pianistin Sabine Liebner tritt mit einem kontrastreichen Programm auf.
  • Die Nachtkonzerte werden von The International Nothing aus Berlin mit ihren fremdartig-suggestiven Klarinettensounds und dem elektroakustischen Duo Diatribes aus Genf gestaltet.
  • Am letzten Abend ist der in Berlin lebende audiovisuelle Künstler Rainer Kohlberger besonderer Gast der Langen Nacht.

klub katarakt 7 © Christina Hansen

Weitere Informationen zum Festival  findet ihr auf der Homepage.

Text: Lena Frommeyer
Fotos: Christina Hansen & Rainer Kohlberger (oben)

klub katarakt
13. bis 16.1.2016
Kampnagel
Jarrestraße 20 (Winterhunde)
Tagesticket: 15 Euro / ermäßigt 8 Euro
Festivalpass: 30 Euro / ermäßigt 15 Euro
Tickets: tickets@kampnagel.de

Überjazz Festival (30./31.10.)

Jazz hat’s faustdick hinter den Ohren. Das beweisen u.a. Felix Behrendt und Viktor Marek beim Festival auf Kampnagel

Jazz-Acts, das sind meist mehrere Musiker auf einer Bühne, die alle etwas anderes spielen – und entsprechend klingen. Soweit das Klischee über das musikalische Genre, das in Wirklichkeit enorm vielfältig und offen ist. Neben seinem Anteil in aktueller Pop-Musik, speziell im HipHop, ist Jazz schlichtweg ein spannender wie entspannender Nährboden für große Projekte.

Eines davon ist das Überjazz Festival, das auch in diesem Herbst wieder auf Kampnagel stattfindet. 20 ganz unterschiedliche Künstler nehmen die vier Hallen ein, um ihre Musik in experimentellen, ja grenzenlosen Inszenierungen zu präsentieren. 2014 gab es den renommierten Hamburger Musikpreis HANS für die Überjazz-Organisatoren in der Kategorie „Programmmacher des Jahres“.

Und auch jetzt, mit Teilnehmern wie dem Felice Sound Orchestra des Hamburger Komponisten und Arrangeurs Felix Behrendt, das auf Kampnagel auf Viktor Marek trifft, ist dem Festival einiges zuzutrauen. Vor allem garantiert es die Verpuffung von Vorurteilen. Denn Jazz-Acts, das sind Musiker, die wahnsinnig viel können – und auch so klingen.

Text: Erik Brandt-Höge
Foto: Ray Böge

Kampnagel
Jarrestraße 20 (Winterhude)
30./31.10.

Timetable: Freitag & Samstag

Timetabel Überjazz 2

Überjazz Timetable 2

30 Quadratmeter mit Blick auf Webcams

Zimmer frei: Der Hamburger Collaboroom ist ein Umsonst-Raum für Kreative, der rund um die Uhr gefilmt wird

Hamburger Studierenden sind wohl schon die bunten Collaboroom-Plakate an den Schwarzen Brettern der Unis aufgefallen. Sie werben für einen 30 Quadratmeter großen Raum, den jeder umsonst nutzen kann – für Häkelkurse, Rave-Partys oder was auch immer. Der Haken an der Sache: die Welt schaut.

Rund um die Uhr filmen vier Kameras alles, was in dem Raum passiert. Der Livestream wird auf die Homepage der Werbeagentur Grabarz & Partner übertragen. „Es ist ein Experiment. Einfach eine lustige Idee“, sagt der Geschäftsführer Ralf Heuel über die Kampagne. „Die Kunden sehen, wir sind eine lebendige, fidele Agentur, bei der immer was los ist.“ Ein geschickter Schachzug.

So schmücken immer neue Gesichter wildfremder Menschen, die arbeiten, rumsitzen, feiern oder einfach nur schlafen, seit dem 1. September die Webseite. Der Collaboroom wurde auch schon für Singer-Songwriter oder Rock-Konzerte gebucht. Einmal hat die wegen Lärms benachrichtigte Polizei den Gig einer Band vorzeitig beendet, doch die Musiker durften noch drei Songs spielen, bevor sie ihre Live-Session abbrechen mussten.

Der Collaboroom an der Bundesstraße (Rotherbaum) ist vor allem für Künstler, Kreative oder Sportler gedacht, die auch regelmäßig kommen können, zum Beispiel für Kurse. Aber auch jemand, der eine Übernachtungsmöglichkeit sucht, kann bis zu sieben Tage am Stück bleiben. Ein bisschen Privatsphäre gibt es dann doch: In der angrenzenden Küche und im Bad wird nicht gefilmt.

Im Oktober und November ist der Umsonst-Raum noch an vielen Tagen nicht ausgebucht. Bisher finden hier ein Bier-Tasting, ein Blues-Abend und eine Foto-Ausstellung statt.

Text: Natalia Sadovnik

Spreehafen statt Party

Unser Autor wäre letzten Sommer fast in die Harburger Chaussee gezogen. Die neue Szene-Adresse. Im Ernst?

Eigentlich bin ich sehr zufrieden mit der Lage meiner Wohnung. Ich wohne im Grindelviertel, umgeben von kleinen Läden, Cafés und der Uni. Zum Kiez sind es etwa zehn Fahrradminuten, ins Schanzenviertel komme ich auch zu Fuß. Ich kann, ohne zu übertreiben, von großem Glück sprechen, eine bezahlbare Wohnung in dieser Lage gefunden zu haben.

In diesem Frühjahr waren auch Freunde von mir auf der Suche nach einem neuen Zuhause. WG-geeignet sollte es sein, günstig und irgendwo da, wo auch was los ist. Gar nicht so leicht in Hamburg. Zumindest dachte ich das immer.

Weil die Mieten zwischen Uni und Ottensen zu hoch sind, suchen meine Freunde im Hamburger Süden – und ziehen dort kurze Zeit später in große Wohnungen mit Dielenboden und dem Deich des Spreehafens auf der anderen Straßenseite. Die neue Szene-Adresse heißt fortan Harburger Chaussee.

Harburg 1

Von dem Geld, das man auf St. Pauli für ein WG-Zimmer ausgeben muss, bekommt man hier eine große Dreizimmerwohnung. Entlang der Straße zwischen den S-Bahn-Stationen Veddel und Wilhelmsburg reiht sich ein günstiges Wohnhaus an das nächste. Aus den großen Fenstern der alten Rotklinkerbauten blickt man auf die im Wasser treibenden Hausboote, Hafenkräne und die im Licht schillernde Elbphilharmonie. Eine Idylle, die auch vom permanenten Lärm der vorbeifahrenden Lkws nicht gestört werden kann.

Kein Wunder also, dass junge Leute hierher kommen. Als ich beim Umzug helfe, muss ich sogar aufpassen, die Möbel nicht versehentlich in die Wohnung einer ebenfalls einziehenden WG zu stellen. Es fällt auf, dass sich zwischen die alt eingesessenen Arbeiterfamilien immer mehr Studenten mischen und das Straßenbild stark verändern. Bei schönem Wetter stellen diese nämlich auch mal ihr Sofa vor den Hauseingang und trinken Bier, während am Deich die Hipster-Kolonnen auf Rennrädern in Richtung Wilhelmsburg vorbeizieht.

Harburg 4

Begeistert von der Harburger Chaussee, ziehen viele weitere Freunde von mir ebenfalls an den Deich. Auch ich denke das erste Mal kurz darüber nach, meine Wohnung im Grindelviertel aufzugeben.

Denn vieles spricht dafür: Mit dem Fahrrad sind es nur wenige Minuten zu den Raves am Rande Wilhelmsburgs und auch das Dockville mit all seinen Schwester-Festivals ist von der Harburger Chaussee nur einen Katzensprung entfernt. Große Open Airs, geheime 24-Stunden-Technopartys oder eskalative Einweihungsfeiern – irgendwo ist immer etwas los. Im Zweifel müssen wir nur die am Deich entlanglaufenden Leute fragen, wo sie gerade hingehen. Auf den Kiez muss hier im Sommer niemand mehr fahren. Der unentdeckte Süden ist viel spannender.

Regelmäßig fahre ich von zu Hause aus zur Harburger Chaussee, irgendjemanden treffe ich dort immer. An warmen Sommertagen springen wir zur Abkühlung in den Spreehafen, nehmen die Musikbox mit an den Deich, grillen, trinken Bier und schauen uns abends die Sonne an, wie sie hinter den Hafenkränen untergeht. Oft schlafen wir draußen ein oder bleiben bis zum Morgen wach und freuen uns über den fast schon kitschigen Anblick des Sonnenaufgangs.

Harburg 5

Die Besuche in der Harburger Chaussee haben viel von Urlaub. Besonders dann, wenn man morgens das Frühstück gleich wieder mit an den Deich nimmt und beim Essen aufs Wasser schauen kann. Während man sich den Frischkäse aufs Brot schmiert, ist es egal wie groß die Augenringe sind. Das Gefühl, aussehen zu können wie man will, lässt die Harburger Chaussee in manchen Momenten urbaner als das schicke Grindelviertel wirken.

Doch der Charme des Abgeschlagenseins hat auch Nachteile. Wenn wir mal kein Essen mehr haben oder zwischendurch Durst bekommen, gehen wir zum Kiosk – leider die einzige Einkaufsmöglichkeit. Wer mehr als Bier, Yum-Yum-Suppen oder Tiefkühlpizza will, fährt mit dem Fahrrad auf die Veddel zum Penny oder ins Reiherstiegviertel. Wenn die letzte S-Bahn in der Woche um halb eins abgefahren ist, muss man entweder den Nachtbus nehmen oder Fahrrad fahren. Der Weg über Veddel, Elbbrücken und Hammerbrook in die Stadt dauert allerdings eine halbe Stunde.

Harburg 3

So wohl ich mich im Hamburger Süden fühle, so schön ist es aber auch, irgendwann wieder nach Hause zu fahren. Ich freue mich darüber, mein Bett mitten in Hamburg stehen zu haben und alles zu Fuß erreichen zu können, wenn wir jetzt, wo es wieder kälter wird, die Nächte wieder auf dem Kiez verbringen.

Auch wenn vieles dafür spricht: In die Harburger Chaussee werde ich nicht ziehen. Aber ich will mir dort für den nächsten Sommer eine eigene Sockenschublade einrichten. Mit allem, was man so braucht. Man kann ja nie genau sagen, wie lange der nächste Besuch auf dem Deich dauern wird.

Text & Fotos: Jannis Hartmann

UNI EXTRADieser Text ist in der aktuellen Ausgabe von SZENE HAMBURG UNI EXTRA erschienen.

Jannes Wochenrückblick Vol. 27

Kolumne: Jannes mag Kunst, obwohl sein Kunstverständnis nicht über Kalauer-Niveau hinausgeht. Und das ist ok!

Contemporary Art, Cheap Art, Urban Art, Street Art – ich gebe zu, ich kenne die Unterschiede nicht exakt. Muss ich aber auch nicht. Schließlich weiß ich, was mir gefällt.

Kunst kommt von Können – und nicht von Wollen. Sonst würde es ja Wunst heißen. Eigentlich geht mein Kunstverständnis nicht weit über dieses Kalauer-Niveau hinaus. Ähnlich wie beim Wein, dort bin ich auch nicht sonderlich bewandert. Ich finde allerdings auch, dass das nichts macht. Also mir jedenfalls nicht. Und der Grund dafür ist, dass ich mir vertrauen kann: Ich weiß sehr gut, was mir gefällt. Beziehungsweise schmeckt.

Genauso bin ich diesen Freitag an den Artist Talk mit Julia Benz im heliumcowboy artspace rangegangen. Ich mag ihre Arbeit einfach. Mal ganz abgesehen davon, dass ich Julia auch als Person mag. Genau wie das gesamte Team vom heliumcowboy. Wir sind etwas essen gegangen und haben uns dann vor 50 Kunstsammler, -blogger und -interessierte gesetzt und über Kunst geredet. Und über Berlin, Frauen in der zeitgenössischen Kunst, Kunst als Event und die Frage, ob sich gute Kunst dadurch nicht erst Recht durchsetzen wird.

In Stadtmagazinen werden ja auch Monat für Monat Tipps für Kunst gegeben. Mit denen kann ich aber nicht so viel anfangen. Weil sie auf Papier sind. Ich kann Kunst erst mögen, wenn ich vor ihr stehe. Oder wenn ich den Künstler mag. Klar, ich muss ja auch erstmal erfahren, dass gerade Kunst in Hamburg stattfindet die ich mögen könnte. Aber dafür habe ich Freunde, die mir Ausstellungen empfehlen. Wobei… Ein Stadtmagazin wie die SZENE ist ja auch wie ein Freund.

Habt einen schönen Start in die Woche, wir lesen uns Sonntag wieder, Jannes

Who the fuck is Jannes?

Jannes Vahl hat den gemeinnützigen Verein Clubkinder e.V. gegründet. Mit Konzerten, Partys oder Events sammelt er Spenden für soziale Projekte in Hamburg, beispielsweise mit der Tagebuchlesung. Außerdem leitet er die Kreativagentur Polycore mit Büro auf St. Pauli. Mit seinem Compagnon Joko setzt er hier Projekte um. Jannes Vahl hat 5.000 Facebookfreunde, trinkt Craft-Bier, mag die Band Pearl Jam und versendet digitale Herzchen. In seiner neuen Kolumne berichtet er jeden Sonntag über ein Hamburger Thema, das ihn in der letzten Woche beschäftigt hat.

“Dirk, wir müssen reden…”

Pablo Langeweile,  Frontmann der Punkband Plastic Propaganda, ist Hamburger, steht auf Gitarrenmusik, mag intelligente Texte – und kann Tocotronic nicht ausstehen. Ein Appell.

Ich habe es wirklich versucht: Ich habe mich durch verschiedene Platten dieser Band gehört und Interviews gelesen, hielt es aber jeweils nur Minuten aus. Irgendetwas hat diese Band an sich, das meinen Magen verkrampfen und meine Toleranz schwinden lässt. Und jetzt gibt es noch eine Platte, die “Rote”. Ganz pompös durch eine 10-Inch mit dem Titel “Prolog” angekündigt. Nun steht in der Sporthalle ein Treffen der Klasse von ’96 an.

Ich frage dich, Dirk, warum das alles? Wie viel kann man denn aus der Botschaft, im Zweifel für den Zweifel zu sein, noch rausholen? Tocotronic sind für mich das Band gewordene Schulterzucken, totale Indifferenz. Das fängt beim angeblich stilbildenden Look der Neunziger an. Sportjacke und Cordhose sehen halt irgendwie aus, nur weder besonders gut, noch schlecht.

Du sagst, eure Normalität sollte ein Statement gegen Heldenverehrung sein? Das hat auch bei den Smiths schon nicht geklappt. Dann höre ich Songtitel wie “Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein” und möchte jedes Mal aus der Haut fahren. “Dann mach doch!” poltert es in meinem Kopf. Du sagst, dass es ja genau um diese Unentschlossenheit geht. Die Ziellosigkeit studierender Mittzwanziger, die eigentlich wissen, wie es laufen soll, aber an der finalen Sinnlosigkeit allen Handelns scheitern.

Ein großes Thema habt ihr euch da vorgenommen, das euch auch in Zukunft Hörer sichern wird. Musikalisch habt ihr euch um intelligente, deutschsprachige Rockmusik verdient gemacht. Rio Reiser lächelt euch zu und erkennt die weichgespülten Ton Steine Scherben einer Generation, die sich zu radikaler Indifferenz…, ja was denn? “Bekennt” wäre schon zu viel gesagt.

Ihr habt euch an Parolen versucht. “Pure Vernunft darf niemals siegen” ist für mich gleichwertig mit der Aussage “Die Elbe darf niemals stromaufwärts fließen.” Sie klingen nach Gewicht und einer sehnsuchtsvollen Wahrheit, sind letztlich aber völlig inhaltslos, weil keines der beiden Ereignisse jemals eintreten wird. In einer Zeit, in der Pegida Tausende auf die Straßen lockt, wäre ein Mehr an Vernunft sogar bitter notwendig.

Wir spielen beide am selben Tag, ihr in der Sporthalle, wir in einem Kellerclub Marke Schuhkarton. Ihr werdet die Show ausverkaufen, ich bin schon froh, wenn mehr Leute da sind, als wir Lieder haben. Du könntest mir jetzt vorwerfen, Dirk, dass ich im Kern ja bloß neidisch auf eure Position bin. Doch da wo ihr seid, will ich niemals ankommen. Denn ihr habt nichts mehr zu sagen, wollt es aber dennoch.

Wahrscheinlich habt ihr genau deshalb das aktuelle Album der Liebe gewidmet, dem gemeinsten aller Gemeinplätze. Jeder kann sich damit identifizieren, kennt Licht und Schatten des Themas. Keiner fühlt sich auf den Schlips getreten, keine Kontroverse mehr. Dazu kommt die, vorsichtig formuliert, gefällige Musik. Du sprichst von künstlerischer Entfaltung und der Auseinandersetzung mit verschiedenen Formen von Intimität.

Ich höre nur jemanden, der einer mittlerweile vergangenen Jugend hinterher trauert. “Wir sind Babies” jammerst du heute und klingst dabei auch nach 20 Jahren Bandgeschichte immer noch bemüht nölig. Dir ist es nämlich verdammt wichtig, dass die Hörer denken, dass es dir egal ist, wie du klingst. Vielleicht berufst du dich ja sogar auf deine Sozialisation im Punk, die verlangt, dass du dich dem Leistungsanspruch eines leidenschaftlichen Vortrages entziehst.

Ihr habt “es” wirklich geschafft. Weg vom “Diskursrock”, hin zu seichtem Pop-Appeal mit Begeisterungsstürmen aus dem Feuilleton, dem Formaldehyd des Kulturschaffens. Ihr seid eingelegt, konserviert und werdet aus des Glases im Schauregal keine Wellen mehr schlagen. An sich könntet ihr produzieren, was ihr wollt, der Name wird es schon verkaufen. Aber nein, es muss die Liebe sein. Dabei gibt es schon so viele schöne, teilweise abseitige Liebeslieder, beispielsweise vom Düster-Poeten Nick Cave. Vielleicht möchtest du als Verteidigung anbringen, dass die Sprachbarriere dafür sorgt, dass englische Texte leichter konsumierbar sind. Deine verschwurbelte Lyrik ist für mich Barriere pur.

Nimm es mir nicht übel, dass ich euch einfach nicht ausstehen kann, und genießt den Abend in der Sporthalle. Im Zweifel aber bitte nicht noch ein Tocotronic-Album. Denn das ginge mir gegen den Strich.

Tocotronic: 17.10., Sporthalle Hamburg, 20 Uhr
Plastic Propaganda: 17.10., Gun Club, 21 Uhr

Unser Interview mit Tocotronic könnt Ihr in der aktuellen SZENE HAMBURG lesen.