Marsimoto – kein Star zum Anfassen

Marsimoto kommt ins Docks (24./25.11.) – das kiffende Alter Ego von Popstar Marteria rappt auf dem Kiez über Victory-Schuhe und Stereoanlagen

Einfach mal die Identität wechseln, das wünschen sich viele. Drum lässt sich der Abteilungsleiter gelegentlich auspeitschen. Der Dichter liest heimlich GALA. Und der brave deutsche Popstar Marteria setzt sich eine Maske auf und rappt übers Kiffen. Sein Alter Ego Marsimoto ermöglicht dem Musiker Marten Laciny ein zweites künstlerisches Ich. Eines, das auf gewaltigen Bässen und einer hochgepitchten Heliumstimme basiert.

Nicht nur stilistisch, auch textlich liegen Welten zwischen Marteria und Marsimoto. Ersterer schaut in die Zukunft, auf das Schicksal der Menschheit und unseren Planeten. Zweiterer ist ein Kind der Neunziger, rappt über Victory-Schuhe und Stereoanlagen – mit nicht minder vielen doppelten Böden. Das Retro-Faible deutet auch seine Maskerade an: Grasgrün, von Maske bis Fuß, könnte Marsimoto einem alten Comic entsprungen sein, als fleischgewordene Compilation von Superheld Green Hornet und Spiderman-Feind Green Goblin.

Doch Marsimoto braucht weder Superkräfte noch ein Hoverboard, um abzuheben, er schwebt auf einer Wolke aus Weed über den Kiez bis ins Docks, und das gleich an zwei Abenden.

Text: Lena Frommeyer

Grüner wird’s nicht

Kurzgespräch mit Marsimoto über sein neues Album “Ring der Nebelungen”

Marsimoto, auf deinem aktuellen Album geht es viel ums Reisen. Ist dir deine Heimat Green Berlin mittlerweile zu klein geworden?

Ja, das ist ein bisschen so. “Ring der Nebelungen” beschreibt daher auch den Weg von Green Berlin zu Green Pangea – den einen großen Kontinent. Ich rappe zwar auf Deutsch, sehe mich aber als Weltmusiker und verstehe Menschen nicht, deren Horizont nur von Passau bis Hamburg reicht. Marsimoto repräsentiert alles: ein deutsches Dorf genauso wie eine asiatische Megametropole. Ich bin Mexikaner, Kolumbianer, Chinese, Jamaikaner, Berliner, Hamburger – alles!

Dein Werken und Wirken war und ist stets von Widersprüchen durchsetzt. Ist es wichtig, eine Figur wie Marsimoto nicht greifbar werden zu lassen?

Absolut. Deshalb kann ich auch keine Hände schütteln oder Autogramme geben. Ich bin kein Star zum Anfassen und spiele auch keine kleinen Gigs mehr – hier in Hamburg muss es schon das Docks sein. Mein erster Auftritt zum neuen Album war ja gleich beim Rock am Ring: Urban-Bereich, Dunkelheit, Hauptact. Das ist die Marsi-Attitude. Da fängt es gleich groß an. Weil es groß ist.

Bescheidenheit ist nicht so dein Ding, oder?

Warum auch? Ich habe kein Problem damit, meine Eier auf den Tisch zu legen – weil ich weiß, dass man dann vor lauter Eiern den Tisch nicht mehr sieht.

Interview: Daniel Schieferdecker

Docks
Spielbudenplatz 19 (St. Pauli)
24 & 25.11., 20 Uhr
beide Konzerte sind ausverkauft

Nagel: Traditionshaus mit Brechbecken

Kultwirt Harald Vitense ist Experte für Sorgen, Nöte oder ein einfaches kühles Bier. Mit Blume und Papierkrause am Hamburger Hauptbahnhof

Es ist gut und wichtig, dass es noch Kneipen wie der Nagel gibt. Neben all den Spezialisten für Craft Beer oder Gin vergessen die Leute oft, dass die besonderen Wirte wie Harald Vitense (Foto) die Experten für ganz andere elementare Dinge des Großstadtlebens sind: Sorgen, Nöte, Liebeskummer oder ein einfaches kühles Bier. Mit Blume und Papierkrause.

Harald war schon immer ein Freund der „Übriggebliebenen“. Aber auch von Touristen, Schauspielern, Lebenskünstlern und Bahnreisenden, die hier alle ebenso einkehren. Wichtig sind ihm Anstand und Respekt, in diesen Bereichen hat er Erfahrung wie kaum ein zweiter in Hamburgs Gastronomie. Obwohl er natürlich auch andere Geschichten erzählen kann: Fragen Sie ihn doch zum Beispiel, wie ihm die gute alte D-Mark mal den Allerwertesten gerettet hat.

Chef und Fleischermeister Peter Wörlein weiß, dass der Nagel eine der ältesten Bierstuben Hamburgs ist – laut Eigenauskunft steht sie seit dem Revoluzzerjahr 1848. Damals allerdings am Rödingsmarkt, an den Hauptbahnhof verschlug es die Speisewirtschaft Nagel 1916. Seit 99 Jahren also eine vergnügliche Adresse für “ein Pils vom Fass” (0,33 Liter 3,50 Euro). Oder die weltberühmten Bratkartoffeln – wahlweise mit Schnitzel oder Eisbein.

Überall hängen Plaketten, Bilder und alte Werbeschilder an den von Millionen Zigaretten naturbraun gefärbten Wänden, unzählige Flaschen Schnaps und (guter) Wein zieren die leiterhohen Regale; und auf dem Männerklo steht das weltberühmte Kotzbecken – eine Einrichtung, die sich von selbst erklärt.

Würde sich Harald sonst aber auch bereitwillig drüber auslassen. Wie bei Fragen nach seiner Bartpflege (seit 1974 züchtet er das gute Stück), nach seinem mexikanischen Miniautomobil oder seinem ersten Tag im Nagel – eigentlich sollte er lediglich seiner Schwiegermutter bei der Inventur helfen. Einen Samstag. Nun ist er seit 27 Jahren da. Und bleibt noch fünf. Dann möchte er in Rente gehen und mit ihm ein echter Kneipen-Dinosaurier.

Text: Jannes Vahl
Foto: Jakob Börner

Nagel
Kirchenallee 57 (St. Georg)
Telefon 24 71 21
Mo-So ab 10 Uhr
0,33 Liter Bier 3,50 Euro

Andere Kneipen in Hamburg:

Aaalhaus HamburgDas Aalhaus: Hamburgs modernste Gardinenkneipe
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SZENE NovemberWeitere Vorschläge für einen gepflegten Drink findet ihr in der druckfrischen November-Ausgabe der SZENE HAMBURG.

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Rock ’n’ Roll Wrestling Bash (20.11.)

Show, Schweiß und Gitarrenriffs: Es gibt wieder was auf die Mütze beim Trash-Fight auf St. Pauli

Trash trifft Rock ’n’ Roll trifft Showkampf – seit Jahren begeistert das subkulturelle Spektakel auch über Hamburgs Grenzen hinaus. Kreativ kostümierte Kämpfer treten bei diesem komprimierten Turnier paarweise gegeneinander an, stets begleitet von krachenden Live-Auftritten des El Brujo Gore-Chestra in den Showpausen. Die Songs des Gore-Chestra passen perfekt zu den dynamischen Storylines der Wrestler. Den Gesamtsieger kürt das tobende Publikum, Adrenalinstöße sind garantiert. Ein Kiezbummel der anderen Art verspricht im altehrwürdigen Gruenspan beste Unterhaltung.

Text: Kathrin Schwatlo

Gruenspan
Große Freiheit 58 (St. Pauli)
20.11., 19 Uhr
Tickets: 23 Euro

Segler, sag mal “Piep!”

E-Mail vom 12. November: Endlich, ein Lebenszeichen von Axel. Er hat diverse Waschgänge hinter sich, kreuzte ohne Licht den englischen Kanal und hatte einen vomierenden Mitfahrer an Bord

12. November

Lieber Axel,

Langsam mache ich mir Sorgen um dich. Wir hören nichts von dir und du reagierst nicht auf meine Mails. Wolltest du zu dieser Zeit nicht bereits in Lissabon sein? Hat das zweite Ruder etwa nicht gehalten? Ich möchte es mir gar nicht ausmalen… Oder hängst du – Gott in Frankreich gleich – in Bordeaux ab?

Bitte melde dich!

Bis dahin, Mast- und Schotbruch

Lisa

12. November

Moin Lisa,

ich habe letzten Freitag endlich das Ruder bekommen. Die Versicherung bezahlt wohl den Schaden. Dann habe ich alles selbst gestrichen (5 Schichten) und eingebaut (ohne das Boot aus dem Wasser zu kranen, das Ruder wiegt gute 50 kg). Ich bin noch Samstagnacht um 1 Uhr losgesegelt.

Mein Mitsegler hat sich, nachdem wir uns in der ersten Nacht bei Flaute noch mit der Wache abgewechselt haben, ab dem nächsten Tag darum gekümmert, dass die Fische groß und stark werden … Es war heftig: Im Sturm gegenan, zu viel Segelfläche im Wind, viel Wasser im Boot, Wellen die immer wieder das Deck überspülten.

In der zweiten Nacht war auch ich mit meiner Konzentration am Limit. Es kam bei schlechter Sicht auch noch hinzu, dass die ganz neue Frontlaterne (die alte hat mir der Seenotkreuzer abgefahren) nicht wasserdicht ist und die LED Birne nicht mehr ging. Ich konnte sie noch mit ordentlichem Waschgang auf dem Vorschiff wechseln, aber dann ist sie kurz bevor wir die zwei Fahrrinnen des englischen Kanals kreuzen wollten, auch ausgefallen…

Wie das Abenteuer von da an weiter geht, erzähle ich in einer weiteren E-Mail. Ebenso gibt’s dann neue Fotos. Gleich bin ich nämlich schon auf den Iles de Glenan angekommen und möchte noch die letzten Sonnenstrahlen genießen, gegebenfalls bei einer Kitesession. Aber es war wirklich nicht viel Zeit für irgendwas, geschweige denn E-Mails oder Whatsapp-Nachrichten zu beantworten… Noch viele Baustellen an Bord, die erledigt werden müssen.

Liebe Grüße von der Zest auch von meinem Mitsegler Kevin, dem es mittlerweile richtig gut geht.

Ahoi, Axel

Weitere spannende Seefahrer-Geschichte aus Axels Logbuch gibt es hier

Such den Axel

Wo der Hamburger gerade über den Atlantik segelt, kann man auf dieser Karte verfolgen:

____________________

Was zuvor geschah:


Axel HackbarthEin Hamburger allein auf dem Atlantik
E-Mail vom 15. Oktober: Jetzt geht’s los! Axel ist kurz vor der holländischen Küste angekommen und hat die erste Nacht Nüsse knabbernd an Deck verbracht

 

ContainerSchiffeTurbulenzen zwischen Containerschiffen
E-Mail vom 21. Oktober: Großes Malheur vor Dover! Im Englischen Kanal bricht das Ruderblatt der Zest. Axel baut aus einem Brett seiner Koje fix ein neues, wird dann aber doch von Seenotrettern geborgen

Elektronische Offensive bei Greatest Hits Vol. III

Das Festival für zeitgenössische Musik findet vom 19.–22.11. auf Kampnagel statt. Abends geht’s elektronisch zur Sache

Hier spielt der Komponistennachwuchs eine Rolle, aber auch etablierte Produzenten zeitgenössischer Musik zeigen beim Festival ihr Können. Zum Beispiel das hiesige Ensemble Resonanz oder europäische Gäste, wie das portugiesische Remix Ensemble Casa da Música. Spätabends geht es dann elektronisch zur Sache. Und genau darauf lasst uns einen genaueren Blick werfen:

Ben Frost Greatest Hits

Der Australier Ben Frost macht Ambientnoise

“ePhil extended” heißt die elektronische Sparte des von Elbphilharmonie Konzerte initiierten Festivals. Am 19. November geht’s skandinavisch los. Die drei Mitglieder der dänischen Indie-Band Efterklang machen mit dem finnischen Drummer Tatu Rönkkö gemeinsame Sache und gründeten Liima (Foto oben). Sie verheiraten “Avantgarde-Electronica-Rock” mit sanftem Percussion-Einsatz – zu sehen und zu hören am Donnerstag um 22.30 Uhr.

Am 20. November zeigt der Österreicher Fennesz live, wie man nur mithilfe einer E-Gitarre und eines Laptops drängende Beats und opulent schillernde Klangteppiche erzeugt. Den Abend des 21. Novembers gestalten die serbischen Soundkünstler Marko Nikodijevic und Luka Kozlovački. Sie arbeiten mit Synthesizern und Loop-Station. In ihren Sound bauen sie auch Samples von Claude Viviers Musik mit ein.

Zum Abschluss gibt sich der Australier Ben Frost am 22. November die Ehre und erweitert mit einer Ambientnoise-Kostprobe seine Hamburger Fangemeinde, die seit seinem Gig beim Reeperbahnfestival 2014 ohnehin schon recht groß ist. Wer die Augen schließt und diesen Klanggebilden lauscht, erkennt Einflüsse von Klassik, Drone Sounds, Minimal, Black Metal und Post Punk.

Foto: Aylin Gungor (oben), Börkur Sigthorsson (unten)

Greatest Hits – Festival für zeitgenössische Musik
19. bis 22. November
Kampnagel
Jarrestraße 20 (Winterhude)
Tickets: Festivalpass von 35 bis 59 Euro / auch Tagespässe erhältlich

Jannes Wochenrückblick Vol. 31

Kolumne: Das wichtigste Abendessen der Welt – oder wie man jetzt schon mit einem Klick helfen kann, für die soziale Revolution

Meine vergangene Woche stand ganz im Zeichen unserer neuen Plattform Help Here. Was die kann? Nicht weniger als die soziale Revolution. Das ganze begann so:

Beim Summer Beer Day Ende August kam einer unserer besten Freunde, Patrick Rüther von der Bullerei, auf Joko und mich zu und fragte, ob wir ein paar Tage später an einem von Tim Mälzer ausgerichteten Abendessen teilnehmen wollen. Wollten wir. Denn bei diesem (köstlichen und bierseligen) Abendessen rief Tim alle interessierten Persönlichkeiten aus Kultur, Musik, TV, Sport, Politik und Wirtschaft zusammen.

Herausgekommen ist neben der Kampagne “Recht auf Menschenrecht” auch eine Plattform, auf der man deutschlandweit soziale Probleme publik machen und lösen kann. Für Geflüchtete, aber auch für alle anderen Bedürftigen. Für Materielles, aber auch für Dienstleistungen und Aktivitäten. Bürger (ob nun besorgt oder intelligent) können anbieten, was sie können. Bedürftige oder soziale Einrichtungen können anlegen, was genau sie suchen. Das Ganze ist digital, mobil, mehrsprachig und basiert auf einer Umkreissuche.

Das Team aus Joko, Tim, den clubkindern, der Agentur um “Recht auf Menschenrecht” und einer Agentur für die Technik hat mit dem Help Here e.V. nicht nur einen eigenen neuen gemeinnützigen Verein gegründet, sondern auch wochenlang an Themen gesessen wie “Wie muss man sich verifizieren, wenn man sich über die Plattform mit Schutzbedürftigen treffen will?”.

Jetzt bin ich einfach nur noch stolz: Unser erstes Erklärvideo (weitere folgen diese Woche) haben sich mittlerweile 493.698 Menschen angeschaut. In 4 Tagen. Schaut euch doch mal auf www.helphere.de um, wie IHR helfen könnt. Damit Hamburg bei der sozialen Revolution mit gutem Beispiel vorangeht.

Habt einen schönen Start in die Woche, wir lesen uns Sonntag wieder, Jannes

Who the fuck is Jannes?

Jannes Vahl hat den gemeinnützigen Verein Clubkinder e.V. gegründet. Mit Konzerten, Partys oder Events sammelt er Spenden für soziale Projekte in Hamburg, beispielsweise mit der Tagebuchlesung. Außerdem leitet er die Kreativagentur Polycore mit Büro auf St. Pauli. Mit seinem Compagnon Joko setzt er hier Projekte um. Jannes Vahl hat 5.000 Facebookfreunde, trinkt Craft-Bier, mag die Band Pearl Jam und versendet digitale Herzchen. In seiner neuen Kolumne berichtet er jeden Sonntag über ein Hamburger Thema, das ihn in der letzten Woche beschäftigt hat.

Sexy Liebesgruß an Moskau

“Eisenstein in Guanajuato” ist ein kunstvolles und kopulationsreiches Biopic über den sowjetischen Erfinder des modernen Kinos

Eine rote Fahne im Arsch, reichlich Sex, Reflexionen über Kunstgeschichte und Kino und das alles in rauschhaften, gesplitteten, übereinandergelegten und farb-
verfremdeten Bildern … Mit einem ganz eigenen Biopic über den russischen Meisterregisseur Sergej Eisenstein („Panzerkreuzer Potemkin“) meldet sich der 73-jährige Peter Greenaway zurück.

Der britische Regisseur („Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber“) huldigt Eisenstein als Erfinder des modernen Kinos, der 1930 in Mexiko an seinem gigantischen Filmprojekt „Qué Viva Mexico“ zwar scheiterte, dafür aber umso lustvoller seine Homosexualität auslebte.

Der Film sei sein Liebesgruß an Moskau sagte Greenaway auf der Berlinale-Pressekonferenz, die statt des herkömmlichen Frage-und-Antwort-Spiels ein leidenschaftlicher Abriss durch die europäische Kulturgeschichte war – voller Anekdoten, Einsichten und Bonmots.

Und „Eisenstein in Guanajuato“ wäre kein echter Greenaway, fände Eisensteins anale Entjungferung nicht exakt in der Mitte des Films statt – ganz der Symmetrie geschuldet, genauso wie der Rest der theaterhaft inszenierten Bilder.

Geschichte ist für Greenaway nicht rekonstruierbar, jeder Kostümfilm eine Farce. Komplett überhöht lässt er den jungen Hauptdarsteller Elmer Bäck stattdessen zu alberner Höchstform auflaufen, mit seinem Schwanz sprechen, über Betten hüpfen und das durchgeknallte Wunderkind geben. Etwas weniger Exaltiertheit wäre sicherlich mehr gewesen.

Von dem Rest allerdings kann man nicht genug bekommen. Von der mitreißenden Multimedialität, den Farbexperimenten und aufsehenerregenden Montagen, in denen die Bilder neben- und übereinandergelegt zu rauschen beginnen.

Als noch kaum jemand es wagte, hat Greenaway bereits 1991 mit „Prosperos Bücher“ einen digitalen Bildersturm entfacht, sich später ganz auf die Opernbühne und in Museen zurückgezogen. Mit voller Wucht behauptet er jetzt einmal mehr den Kunstcharakter des Kinos. Um die Realität kümmern seine Regie-Kollegen sich schließlich genug.

Text: Sabine Danek

„Eisenstein in Guanajuato“ läuft im November im Hamburger 3001 Kino und im Abaton Kino (Rotherbaum)

Regie: Peter Greenaway. Mit Elmer Bäck, Stelio Savante, Maya Zapata

Das Aalhaus: Hamburgs modernste Gardinenkneipe

Was diese muckelige Bar verkörpert, braucht jeder in der Winterzeit bei sich um die Ecke: eine aalförmige Höhle mit Sparclub

Wer in eine neue Stadt zieht, wünscht sich meist nichts sehnlicher als einen Ort zu haben, an dem man sich zuhause fühlt, soziale Kontakte knüpft und aufgefangen wird. Das Aalhaus ist so einer. Hier geht es um das Zusammen. Niemand, der allein am Tresen sitzt und Anschluss sucht, wird sich selbst überlassen. Das Wort, welches beispielsweise ein Austauschstudent in dieser Kneipe als erstes lernen würde, wäre “muckelig”.

“Wir machen das, wie’s uns gefällt. Ohne ein Riesenkonzept zu haben. Vielleicht ist das naiv, aber das ist mir egal. Wir wollen unsere Menschlichkeit nicht verlieren”, sagte Mitinhaber Timotheus Wiesmann gut ein Jahr nach der Eröffnung zum Hamburger Abendblatt. Davon ist, ganz im positiven Sinne, nichts mehr zu sehen. Die Gläser zum Beispiel sind ein Augenschmaus – für jeden Drink findet sich die passende Form. Zusammen mit Pascal Laigre hatte Wiesmann das Aalhaus 2011 eröffnet. Auch Martin (Foto) ist einer der Betreiber und sozusagen Aal vom Dienst, den kennt hier jeder. Auf die versteckte Location hinter der ehemaligen Viktoria-Kaserne, Heimat des Künstlervereins Frappant e.V., kamen sie, weil Laigre direkt darüber wohnte.

Aalhaus Hamburg 2

Auch Luise gehört zur Aalhaus-Crew

Am Tresen des Aalhaus könnten Romane geschrieben werden. Schon jetzt werden gerne Geschichten erzählt. Über den kleinen Kasten, der in der Ecke hängt zum Beispiel. Das Aalhaus hat nämlich, uriger geht es kaum, einen Sparclub. Jedes Mitglied hat ein kleines Fach in welches es jede Woche Geld einwirft. Am Ende des Jahres wird der Betrag ausbezahlt. Sozusagen ein externes Sparschwein, das vor einem selbst sicher ist.

Im Aalhaus trifft sich nicht nur der Sparclub, sondern jeden zweiten Donnerstag des Monats auch Freunde von Ratespielen. Anstatt allein zuhause am Quizduell zu hängen, wird zusammen das Internationale Aalhaus-Kneipenquiz bestritten. Wer das nun staubig findet, hat sich geschnitten. Die Plakate für die Veranstaltungen sprühen vor schrägem Witz und schrecken Spießer unweigerlich ab. Das, was das Aalhaus verkörpert, braucht jeder in der Winterzeit bei sich um die Ecke: eine aalförmige Höhle.

Text: Sara Lisa Schäubli
Foto: Jakob Börner

Aalhaus
Eggerstedtstraße 39 (Altona-Nord)
Mo-Fr ab 18, Sa ab 13 Uhr
0,33 Liter Bier 2 Euro

Andere Kneipen in Hamburg:

The Chug ClubThe Chug Club
Wir haben Bars in Hamburg besucht, schöne und schranzige. Auch die von Bettina Kupsa. Hier wird der göttlichen Agave gehuldigt
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Bildschirmfoto 2015-11-13 um 11.21.46Obstkörbe trinken im Caipi Colada
Rocky hat eine quitschbunte Karibikinsel auf der Uhlenhorst errichtet. Hier serviert er reich dekorierte Cocktails im Bambusbecher
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SZENE NovemberWeitere Vorschläge für einen gepflegten Drink findet ihr in der druckfrischen November-Ausgabe der SZENE HAMBURG.

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“Sie hat eine Gabe, eine Julyeskität quasi!”

Miranda July ist die Lieblingskünstlerin von Autorin Karen Köhler. Zusammen lesen sie am 14.11. auf Kampnagel aus ihrem Debüt “Der erste fiese Typ”. Gendergroteske!

Cheryl Glickman ist eine moderne, erfolgreiche Mittvierzigerin. Schon ewig ist sie heimlich verliebt in den zwanzig Jahre älteren Philip. Der begehrt eine Sechzehnjährige und will dafür ihren Segen. Sie ist sauwütend und weiß es nicht einmal. Der Roman “Der erste fiese Typ” von der vielseitigen Künstlerin Miranda July ist eine harte und zugleich allerliebste Gendergroteske, die Karen Köhler jetzt zusammen mit July den Zuhörern auf Kampnagel ans Herz legen will.

“Sie hat eine außerordentliche Gabe, eine Julyeskität quasi, mit der sie auf den Menschen in seiner Fehlbarkeit schaut”, sagt Köhler. “Mich beeindrucken ihr Humor und ihre Intelligenz, Sprache für sich zu benutzen und unter der Haut der reinen Wortbedeutung ihr feinsinniges Universum aufzuspannen, das auch vom Scheitern erzählt und vom Wiederauferstehen, vom Unperfekten, vom Peinlichen.”

July ist seit zehn Jahren eine der Lieblingskünstlerinnen von Köhler, man kann sie sich gut nebeneinander auf einer Bühne vorstellen. Als erfahrene Schauspielerin wird Köhler Cheryl Glickman eine Stimme zu geben wissen.

Text: Reimar Biedermann
Foto: Todd Cole

Kampnagel
Jarrestraße 20 (Winterhude)
14.11., 20 Uhr

Blickfang Messe in den Deichtorhallen

Mit Designern sprechen, schwebende Blüten sowie Rennräder und geometrische Alltagsmöbel anschauen – das geht vom 13. bis 15.11.15 an der Deichtorstraße

Die Blickfang ist beides: eine Bühne und ein Kaufhaus für Möbel, Mode und Schmuck. 150 Labels aus Europa, darunter auch einige aus Hamburg, zeigen drei Tage lang in den Deichtorhallen ihre Entwürfe. Das Schöne daran: Hier stehen tatsächlich die Menschen hinterm Tresen, die auch die Ideen zu den guten Stücken hatten, nämlich die Designer.

blickfang deichtorhallen

Mit dabei sein werden beispielsweise die Designerin Lotta Katrine Meyer und die Schnittdirectrice und Maßschneiderin Tessa Münchow, die über ihr Label NUSUM Kleidung für selbstbewusste Frauen kreieren.

Die Kopenhagener Designer Anders Thams und Martin D. Christensen zeigen, wie man Blüten oder Blätter quasi in der Luft schweben lässt. Sie entwickelten für ihr Label Moebe einen Bilderrahmen, der zwei Acrylglasscheiben zwischen schmalen Holzleisten hält. Wunderschön!

Auch Florian Vogel ist in Hamburg, sogar für immer. Er kehrte München den Rücken und zog an die Elbe, um das Label Victor Foxtrot zu gründen und Alltagsmöbel mit geometrisch geformten Gestellen zu produzieren, wie den Tisch SAME SAME.

Blickfang Hamburg Flatn

Label: Flatn

Die Blickfang bietet ein breites Programm: Am Freitag können die Besucher bis spät in die Nacht shoppen und sich persönlich mit den Designern unterhalten. Am Samstag und Sonntag finden kostenlose Vorträge statt. Beispielsweise stellt Harald Lache, Gründer der Bornhold Akademie, die Qualitätsunterschiede von Billigmöbeln und hochwertigen Produkt vor. Carsten Buck erklärt, warum 70 Prozent aller Produktneuheiten, die Unternehmen meist mit enormem Aufwand in die Märkte tragen, floppen. Katharina Roedelius, Mitinhaberin von Lokaldesign, erklärt wiederum, warum sie an Designtalente, Möbel und gute Ideen aus Norddeutschland glaubt.

Blickfang Hamburg Johan

Label: Sarah Johan

Auch spannend: die Sonderschauen, diesmal auch zum Thema “Gentleman’s Essentials”. Accessoires fürs Badezimmer und eine Garderobe inklusive Rennradhalterung sind dabei. Letztere gefällt übrigens auch der Autorin dieses Textes.

Text: Lena Frommeyer

Deichtorhallen
Deichtorstraße 1 (Altstadt)
Fr 13.11.15, 14–22 Uhr (ab 19 Uhr Late Night Shopping)
Sa 14.11.15, 11–20 Uhr
So 15.11.15, 11–19 Uhr
Tageskarte 10/8 Euro, Drei-Tagesticket 16 Euro