Der Dealer

Seit drei Jahrzehnten pflegt die Buchhandlung Samtleben die literarische Kultur – und steht dafür auf der Shortlist zur Wahl der Buchhandlung des Jahres

Es gibt sie noch, die Buchhandlungsflaneure, die bisweilen stundenlang vor Bücherregalen hin und her schlendern, ihren Blick in Hoffnung auf Neuentdeckungen über die Buch-
rücken schweifen lassen, hie und da ein Exemplar zücken und sich auch gerne mit ihrem Buchhändler des Vertrauens austauschen. Stephan Samtleben ist ein solcher Buchhändler, dem die Leser vertrauen.

Sein Laden im Literaturhaus am Schwanenwik 38 ist ein literarisches Biotop auf 40 Quadratmetern, eine Heterotopie, wie sie der Philosoph Michel Foucault beschrieb: ein Gegenort, an dem gängige Normen zumindest teilweise außer Kraft gesetzt sind. Denn Samtlebens Geschäft unterscheidet sich mit seiner bemalten Decke, dem Wintergarten und der gemütlichen Enge nicht nur bezüglich des Interieurs von Buchhandelsketten, auch die 8.000 Schriftwerke im Sortiment des gebürtigen Ostholsteiners stammen größtenteils von Autoren abseits des Mainstreams. Hans Joachim Schädlich, Peter Weber, Anselm Glück, Richard Hughes: Nie gelesen, geschweige denn davon gehört? Keine Schande, aber durchaus schade, wie Samtleben meint, schließlich gibt es außerhalb der Bestsellerlisten aufregende Welten zu entdecken. „Das Gespräch mit einem Text führt mich sehr stark weg von mir und dadurch zu mir hin. Ich bin lesesüchtig und ich deale mit einer Ware, die legal ist“, sagt der 63-Jährige über sich selbst.

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Nun steht der Lesesüchtige gemeinsam mit neun weiteren Bücherstuben aus der Hafenmetropole auf der Shortlist zur Wahl der „Buchhandlung des Jahres 2016“. Im September vergibt die Kulturbehörde Hamburg nach 2014 zum zweiten Mal den mit 10.000 Euro dotierten Preis für kleine, inhabergeführte Buchgeschäfte, die sich um die bibliophile Kultur verdient machen und auch Literatur fernab des Massengeschmacks anbieten.

Der Preis ist sicherlich als politische Maßnahme zu verstehen, angesichts der zunehmenden Konzentration auf dem Buchmarkt. Als Stephan Samtleben 1989 seinen Laden eröffnete, gab es in Hamburg noch fast 200 Buchhandlungen, „mittlerweile hat sich die Zahl ungefähr halbiert“, erzählt er. Manche wurden aufgekauft, andere hielten der sich breitmachenden Konkurrenz durch große Ketten wie Thalia und den Internet-Handel Amazon einfach nicht stand. Bis zu 50 Prozent Mengenrabatt sollen diese von den Verlagen erhalten, Amazon besticht zudem durch bequeme Lieferungen. Allerdings gab es in letzter Zeit auch Gegenwind: Thalia und Hugendubel mussten Filialen schließen und ihre Flächen verkleinern, Amazon schadet sich öffentlich immens durch seine Personalpolitik sowie die gnadenlose Konditionsschraube beim Verhandeln mit Verlagen. „Und wenn manche Ketten mehr als 50 Prozent Non-Book-Produkte haben, spricht das auch eine Sprache“, sagt Samtleben.

Wie können kleine Buchgeschäfte aber langfristig mithalten, ohne in ein Nischendasein abzurutschen? „Durch Qualität“, ist er sich sicher. „Ich lebe davon, gute Tipps zu geben, aber ich bekomme auch ganz viel zurück von meinen Kunden: Sympathie, intensive Freundschaft, aber auch Informationen über Leseerfahrungen – das hat für mich eine große Qualität. Hier gibt es einen Austausch weit über das Buch hinaus“, erklärt der Buch-Dealer, der knapp 150 Stammkunden zählt. Dadurch entwickelt sein Geschäft eigene Dynamiken, die unabhängig vom Massenmarkt funktionieren.

An einen Untergang der kleinen Buchläden glaubt er deshalb nicht. „Wenn ich mir die Qualität meiner Kollegen ansehe, bin ich beeindruckt. Insofern hat der kleine Buchhandel eine große Chance“, sagt er zuversichtlich. Ganz Gallien ist also besetzt, nur ein kleines Dorf von unbeugsamen Nostalgikern hört nicht auf, dem bösen Eindringling Widerstand zu leisten? „Ich will keine Nischenpolitik betreiben, sondern guten Lesestoff verbreiten“, entgegnet Samtleben, „aber eben nicht unter Niveau. Die kleinen Buchhandlungen sind auf dem Buchmarkt das Salz in der Suppe, und das wird bleiben.“

Der Buchhandlungspreis 2016 wurde am Ende der „Langen Nacht der Literatur“ im September in der Hamburger Kunsthalle von Kultursenatorin Prof. Barbara Kisseler überreicht

Text & Foto: Ulrich Thiele

Buchhandlung Samtleben
Schwanenwik 38 (Uhlenhorst)
Mo-Fr 11–19, Sa. 11–16 Uhr
Telefon: (o4o) 220 51 45

“Die Zauberflöte ist so unlogisch”

Regiestar Jette Steckel inszeniert für die Staatsoper „Die Zauberflöte“. Im Interview erklärt sie, wie sie den meistaufgeführten Klassiker überholt

SZENE HAMBURG: Du bist eher für unkonventionelle, „junge“ Inszenierungen bekannt. Was hat dich ausgerechnet an die Hamburger Staatsoper verschlagen?

Jette Steckel: Der Intendant Georges Delnon. Er ist immer wieder zu meinen Arbeiten gekommen. Er hat mich auch einige Male gefragt, ob ich nicht auch mal eine Oper inszenieren wolle. Ich habe immer geantwortet: Nein, das kann ich nicht. Ich hatte mit Oper ja nichts am Hut. Zum Glück hat er aber nicht lockergelassen. Es ist natürlich ein schönes Gefühl, wenn man nicht nur eingekauft wird, sondern wenn ein Intendant sich mit deiner Arbeit beschäftigt, dann hat er auch keine falschen Vorstellungen. Und da ich immer viel in Verbindung mit Musik gearbeitet habe, dachte ich, okay, wir reden mal. Ich schlug Delnon, damals noch Intendant in Basel, dann „Tosca“ vor.

Die Oper wurde 2013 in Basel aufgeführt und war deine erste Operninszenierung. Was ist der Unterschied zum Schauspiel?

Es ist eine andere Art des Arbeitens. Mit einem Orchester und mit Sängern zusammenzuarbeiten, finde ich großartig – allein schon bei den Proben, wenn immer Musik da ist.

Ist es nicht ein Unterschied, ob man Musik von Notwist hört oder Opernmusik?

Klar ist es das, aber solange ich die Musik gut finde, ist das kein Problem. Wobei ich unterschätzt habe, was hier an der Staatsoper passiert.

Du hast in der letzten Spielzeit doch schon „Weine nicht, singe“ von Michael Wertmüller inszeniert …

Ja schon, aber die Oper habe ich von Anfang an zusammen mit dem Komponisten, der Librettistin und dem Dirigenten ausgedacht. Bei Mozart habe ich das Bedürfnis, einiges umzustellen und zu streichen.

Warum?

Die Zauberflöte ist ein Märchen. Ich wünsche mir, die existenzielle Dimension dieses Märchens zum Ausdruck zu bringen. Es geht um die Initiation ins Leben, die das Leben selbst ist. Es gibt, vor allem im zweiten Teil, retardierende und unlogische Dramaturgien, deren Bearbeitung die Geschichte in meinen Augen klarer und schärfer machen würde. Die Zauberflöte ist die meistgespielte Oper, ein Zugriff der Regie wird ihr genauso wenig wie Hamlet oder Faust schaden können. Das Werk ist viel größer. Es könnte aber passieren, dass man einen neuen Blickwinkel auf das Bekannte bekommt. Das täte doch nicht weh, oder? Die Diskussion ist noch nicht zu Ende geführt.

Führst du sie mit Georges Delnon?

Ja auch, aber insgesamt herrscht Mozart gegenüber die Haltung, dass man nichts an seinem Werk verändern darf. Ich habe den Vorteil, dass ich die Zauberflöte in Hamburg nie gesehen habe, überhaupt habe ich die Zauberflöte nur einmal gesehen.

Hast du dir das Stück ausgesucht?

Nein, ich wurde gefragt, ob ich das machen würde. Die Zauberflöte ist so unlogisch – irgendwie emotional verständlich, aber, wenn man sich mit ihr beschäftigt, fragt man sich bereits nach fünf Minuten: „Was macht die Schlange da? Wer ist eigentlich die Königin der Nacht? Wer oder was ist Papageno? Warum singt Pamina von „Wonnestunden“, wenn Sie noch nicht eine Stunde mit Tamino verbracht hat? Was ist das für ein Frauenbild, das Sarastro hat?“ Es ist eben ein Märchen, man kommt nicht zu einer Deutung. Klarheit entsteht eher im Bauch, Logik funktioniert wie im Traum oder eben in der Musik – mit ihr wird alles Widersprüchliche klar.

Wie setzt du das auf der Bühne um?

Tamino ist ein Zuschauer, einer von uns. Er wird von der Schlange, einem Spotlight, auf die Bühne gezerrt und landet in einer Welt, deren Logik er selber nicht ganz begreift. Ihm passiert die Zauberflöte. Als er aus ihr entlassen wird, ist er alt. Die Zauberflöte als Parabel auf das Leben zwischen den lebensbedingenden Polen: Licht/Dunkel, Wärme/Kälte, Mann/Frau, Sarastro und die Königin der Nacht.

Ist das Inszenieren einer Oper schwieriger als ein Schauspiel?

Potenziell kann man sprechen, singen, hat ein riesiges Orchester, einen Chor und die Möglichkeit, mit so ziemlich allen Medien umzugehen, die es gibt, falls das Budget reicht. Die Oper ist der Ort, der die meisten Möglichkeiten der Bühne in sich vereint. Für Regisseur*innen und auch für Zuschauer also ein sehr interessanter, reicher Ort und Quell.  Aber man stößt auch auf viele Hürden: Die Sänger müssen nach vorne singen, damit man sie hört, sie sind in den Bewegungen eingeschränkt, weil sie zum Dirigenten gucken müssen. Manchmal sind Sänger nicht bereit, die Qualität des Gesangs durch die Qualität des Schauspiels zu beeinflussen, in meinen Augen: zu verlebendigen. Und das bin ich nicht bereit zu akzeptieren. Eine Regung muss mit dem ganzen Körper ausgedrückt werden, sonst macht auch der Gesang keinen Sinn, wird nicht lebendig, es ist eben nicht nur Technik, sondern vor allem auch Gefühl. Ich habe hier ganz tolle Leute und das Gefühl, es ist wahnsinnig viel zu holen in der Oper. Und wenn sich das Ganze mal ein bisschen entspannen würde, wäre es hier noch interessanter (lächelt verschmitzt). Ich nehme den Kampf gerade gern auf.

Bleibst du Hamburg erst einmal erhalten?

Kommt darauf an. Ich bleibe, solange ich hier arbeiten kann. Ich habe ja schon wunderbare Zeiten in Hamburg gehabt. Ich mag auch das Publikum hier, es ist mir angenehmer als in Berlin. Hier sind die Leute etwas unvoreingenommener.

Interview: Lisa Scheide
Foto: bollemedia | Andreas Bolle

Staatsoper Hamburg
Große Theaterstraße 25 (Neustadt)
Vorstellungen: 27.9., 29.9. 3.10., 6.10., 12.10., 29.11. usw.
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LenaLove: Jannik Schümann im Interview

Drei Fragen an den Hamburger Nachwuchsschauspieler Jannik Schümann

Jannik Schümann, 24, stand bereits als Elfjähriger das erste Mal vor der Kamera. Seitdem kamen etliche Auftritte in Filmen und Serien (u.a. „Tatort“) hinzu. Von 22. September an ist er in Florian Gaags knallhartem, spannendem Kinofilm „LenaLove“ zu sehen. Schümann spielt darin Tim, den Schwarm der 16-jährigen Lena, die einem gefakten Datingprofil auf einem Internet-Portal und so den Cybermobbing-Attacken zweier Mitschülerinnen zum Opfer fällt. Nach „Homevideo“ (2011) ist es Schümanns zweiter Film zum Thema Cybermobbing.

SZENE HAMBURG: Warum ist dir das Thema Cybermobbing ein Anliegen? Hast du Erfahrungen damit gemacht?

Jannik Schümann: Über Cybermobbing aufgeklärt zu werden, ist für die Generation 12+ wahnsinnig wichtig. Ich bin froh, das mit dem Medium Film tun zu können. Sowohl in „LenaLove” als auch in „Homevideo“ zeigen wir Jugendlichen, bis wohin Mobbing führen kann und dies in einer sehr harten und direkten Weise, sodass man wirklich sehr schockiert aus diesen Filmen rausgeht.

Was hälst du von Online-Dating?

Ich bin weder Pro noch Contra. Aber ist es nicht viel schöner, direkt auf der Straße angesprochen zu werden oder jemanden anzusprechen und sofort im direkten Augenkontakt mit der Person zu stehen? Das muss sich wieder mehr getraut werden!

Dein noch nicht realisiertes Herzensprojekt?

Ich freue mich auf alles was noch so kommt, auf tolle Kollegen, spannende Drehbücher und abgefahrene Drehorte.

Interview: Ulrich Thiele

Foto: Verleih

Ein Massenmörder als Familienvater

Ad de Bont, einer der besten Autoren von Kinder- und Jugendtheaterstücken, schrieb “Lügen” ein Stück über den Völkermord in Ruanda 1994. Ab 15 Jahre

Europa nahm den Völkermord in Ruanda 1994 mit vermeintlich geografischer Distanz zur Kenntnis: Mitglieder der Hutu töteten in 100 Tagen fast 1 Million Menschen der Volksgruppe Tutsi. Was wäre, wenn einer der Täter von damals es geschafft hätte, aus Afrika in die Niederlande zu fliehen, um dort unerkannt ein neues Leben zu beginnen? Und was würde geschehen, wenn eine Tutsi-Frau zwanzig Jahre später diesen Mörder entlarven würde?

Ad de Bont, einer der besten Autoren von Kinder- und Jugendtheaterstücken, entwarf das Szenario aus der Sicht eines Nachgeborenen für die Bühne: Der Sohn jenes Schlächters entdeckt eines Tages, dass sein Vater ihn Zeit seines Lebens mit „Lügen“ abspeiste, ihm vorenthielt, warum er damals aus der Heimat floh. Verständlich, dass nun der Junge die Flucht ergreift und den Kontakt abbricht. Mindestens 15 Jahre alt sollten Zuschauer sein, die das von Klaus Schumacher inszenierte Stück sehen wollen.

Text: Dagmar-Ellen Fischer
Foto: Sinje Hasheider

Junges Schauspielhaus
Gaußstraße 190 (Ottensen)
Tickets: 7,50 bis 13 Euro
Kartentelefon (040) 24 87 13

Eine enthemmte Welt

Der deutsche Wut-Bürger und der rechte Mob sind Thema von Elfriede Jelineks Inszenierung “Wut / Rage” im Thalia Theater

Wenn man auf die Welt blickt, dominiert Wut aktuell das Stimmungsbild. Die selbstherrliche Wut der islamistischen Terroristen, die stille Wut derer, die von den Anschlägen betroffen sind. Der deutsche Wut-Bürger und der rechte Mob im Allgemeinen, der sich gerade durch Europa frisst und seine Wut in rassistischen Ressentiments offen auf der Straße entlädt. Elfriede Jelinek hat angesichts der islamistischen Anschläge auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt im Osten von Paris eine vielstimmige Partitur geschrieben, in der auch ihre eigene Machtlosigkeit durchschimmert.

„Rage“ vom englischen Dramatiker Simon Stephens liefert szenische Snapshots basierend auf einer Bilderserie des Fotografen Joel Goodman, die enthemmte Szenen der Silvesternacht an einer zentralen Kreuzung in Manchester zeigt. Beide Werke bringt der Regisseur Sebastian Nübling in dieser Uraufführung zusammen und versucht, sich diesem archaischen Gefühl anzunähern, geleitet von der Frage: „Lässt sich Wut auch jenseits von Wutbürgertum, Ausgrenzungsfantasien und gewaltbereitem Hass produktiv machen?“

Text: Hedda Bültmann

Thalia Theater
Alstertor (Altstadt)
Weitere Vorstellungen: 11.10., 22.10., 23.10., 26.10.
Tickets: 7,50 bis 38 Euro

 

Digger Rippe, Pulled Jack und Craft Beer

Gut Ding will Weile haben. Und jede Menge Rauch. Im Smokehouse Fat Lenny’s in Ottensen gibt’s Slowfood vom Feinsten

Nebelschwaben kriechen unter die rustikalen Tische, vom DJ-Schiffsbug-Pult klingt AC/DCs Hells Bells. Anstoß St. Pauli. Im Fat Lenny’s ist Fußball angesagt – bei Digger Rippe, Pulled Jack und Craft Beer. Seit einer Woche hat das Smokehouse geöffnet. Und scheint schon angekommen in Ottensen. „Der Andrang ist größer als erwartet“, sagen die Jungs hinterm Tresen entschuldigend – das Pulled Pork ist aus. Das nächste gibt’s übermorgen. „Morgen kommt erst das neue Schwein vom Bauern.“ Und das muss – regional und nachhaltig gezüchtet – zwölf Stunden lang bei niedrigen Temperaturen im Holzrauch gegart werden. Slowfood vom Feinsten.

Die Alternative ist eine extrem leckere Merguez von einem türkischen Schlachter aus der Nachbarschaft. Man bleibt unentschlossen, ob man das gut gewürzte Lamm-Hackfleisch pur oder mit einer der hausgemachten BBQ-Saucen essen sollte. Als Beilage schmeckt der warme Mix aus normalen Kartoffeln und Süßkartoffeln. Und um wenigstens das Pulled Pork probiert zu haben, muss noch eine halbe Portion Smokehouse Chili Pot her, denn da ist es statt Hackfleisch drin.

Bestellt wird am BBQ-Tresen, an dem wir uns unser eigenes Menü zusammenstellen. Serviert wird in umweltfreundlichem Einweggeschirr. „Ist nachhaltiger als Abwaschen“, versichert man uns. Berechnet wird nach Hauptlagen, zu denen jeweils eine Beilage, Cole Slaw und selbst gebackenes Brot gehören. Los geht’s da mit einer Hauptlage für 9,90 bis zu 3 Hauptlagen für 15,90. Allerdings legt man Wert auf Qualität und Regionalität. Und so kann es schon mal sein, dass die Preise variieren.

Natürlich ist das Smokehouse auch auf Vegetarier eingestellt. Das Pulled Jack sieht aus wie Schwein, ist aber smoked Tofu und schmeckt so würzig, wie es aussieht. Zusammen mit der Beilage Mac ’n’ Cheese eine perfekte Grundlage für ein, zwei, drei ordentliche Craft-Biere vom Fass (Achtung: bei zehn verschiedenen Bieren fällt die Auswahl schwer). Und für den Mexikaner, der nach dem 1:0 für Pauli aufs Haus geht. Denn schließlich ist das Fat Lenny’s viel mehr als Restaurant. Essen ist keine Pflicht, um in der Kneipe ein Bierchen zu zischen, zu kickern oder zu tanzen. Ja, tanzen, denn am Wochenende legen hier wechselnde DJs auf. Beer, Beats und BBQ eben.

Text: Ilona Lütje

Fat Lenny’s
Bahrenfelder Straße 221 (Ottensen)
Mo-Do 12–1, Fr ab 12, Sa-So ab 12 bis open end
Telefon 33 31 01 02

Haiyti hat Eier

Abseits der Kommerz-Maschine erlebt Haiyti derzeit einen großen Hype. Die junge Hamburger Rapperin im Nicht-Interview

Dirty South aus City Nord: Die Hamburger Rapperin Haiyti aka Robbery gilt als neue Hoffnungsträgerin in Sachen HipHop aus der Hansestadt. Mit der hiesigen Szene hat sie allerdings nichts am Hut, wie sie im Nicht-Interview erklärt.

Wer mit Hayiti sprechen möchte, muss sie über Facebook anhusstlen. Kein Management, kein Label, kein Promoteam, das zwischengeschaltet ist. Logisch eigentlich, denn in Business-Angelegenheiten ist sie derselbe Do-It-Yourself-Typ wie in ihrer Musik. „Robbery, Chefgirl, echte Geschäftsfrau“, wie sie im Stück „Garçon“ ihrer im Juli veröffentlichten und frenetisch umjubelten EP „Toxic“ selbst über sich sagt.

Dass aus dem über Facebook verabredeten Interview am Ende nichts wird, steht einerseits im Widerspruch dazu, passt andererseits aber ins Bild, dass man sich von der Hamburger Rapperin bereits durch ihre Songs gemacht hat: Regelbrechend und unstet, sprunghaft und chaotisch, ungreifbar und unangreifbar zugleich. Aber fangen wir vorne an.

Haiyti hat kroatische Wurzeln, ist jedoch aufgewachsen im Hamburger Norden, in Langenhorn. Der Altersdurchschnitt dort liegt bei 43,4 Jahren. Kein Ort für eine junge Frau ihres Kalibers, die bereits frühzeitig angefangen hat, sich mit Südstaaten-Rap aus der Eintönigkeit ihres Hamburger Randbezirks herauszuträumen. Logische Konsequenz: der Umzug nach St. Pauli.

Von HipHop wurde Haiyti schon als Teenager angefixt. Weil sie die meisten anderen Mädels langweilig fand, hat sie vorwiegend mit Jungs abgehangen und war in der Writer-Szene aktiv. Beides, Graffiti und die Jungs, haben Haiyti künstlerisch geprägt. So malt sie – so viel Klischee muss sein – mit ihrer Musik nicht nur mannigfaltige Bilder ihrer äußeren Umstände und inneren Einsichten, ihre Songs können auch mit einem Attribut aufwarten, das vielen Künstlerinnen abgeht: Haiyti hat Eier.

Das ist nicht nur auf ihren zahlreichen Internet-Only-Releases seit 2011 und ihrem Debütalbum „Havarie“ von 2015 nachzuhören, sondern vor allem auf ihren beiden gefeierten Veröffentlichung dieses Jahres: dem „City Tarif“-Mixtape mit ihrem Produzenten-Brudi AsadJohn und der bereits erwähnten „Toxic“-EP, die sie zusammen mit dem Produzenten-Kollektiv KitschKrieg aufgenommen hat. Beeindruckend dabei ist vor allem ihr routiniertes Jonglieren mit Gegensätzen: Todessehnsüchtige Abgesänge an die große Liebe treffen auf Ghetto-Tales über Drogen, Cash und dicke Autos, brüchige Gesangspassagen werden von herablassenden Mittelfinger-Raps zerschlagen, ihre schlonzige Punk-Attitüde geht binnen Sekunden in unpeinlichen Popmomenten auf.

Und genau diese Eigenständigkeit, diese Unberechenbarkeit bescheren Hayiti derzeit die große Aufmerksamkeit in Rap-Fachkreisen, lassen sie das Mikro mit Hip- Hop-Hochkarätern wie Haftbefehl, Xatar und Frauenarzt teilen und lassen sie aus der hiesigen Szene so herausstechen wie „Ein Messer“ – so der Titel der ersten Single ihrer „Toxic“-EP. Haiyti jedenfalls klingt, so viel lässt sich zweifelsohne behaupten, anders als alles, was in Sachen Rap bisher aus Hamburg zu hören war. „Ich bin in der Szene nicht wirklich drin“, erklärt Haiyti diesen Umstand selbst im Zuge der eingangs erwähnten Interview-Anfrage über Facebook. Vielleicht ist das die Erklärung, warum ein Gespräch nicht zustande kommt. Interview kann schließlich jeder.

Text: Daniel Schieferdecker
Foto:Screenshot aus dem Video HAIYTI aka Robbery – SZENEVIERTEL

Grenzenlos kicken

Die Initiative „Kick it – United“ bringt portable Fußballplätze zu Flüchtlingsunterkünften. SZENE HAMBURG traf Mitgründer Hannes Nöllenheidt zum Interview

SZENE HAMBURG: Wie ist die Idee für das Flüchtlingsprojekt entstanden?

Hannes Nöllenheidt: Mein guter Freund Martin Blüthmann und ich wollten etwas tun. Ich habe eine Zeit lang in der Kleiderkammer in den Messehallen gearbeitet. Da war dieses Gefühl in mir: Es geht noch mehr. Ich besuchte das ZEA in Bahrenfeld in der Schnackenburgsallee. Dazu kamen Medienberichte über die Erstaufnahmelager: Schlägerei hier, Polizeieinsatz dort. Wir dachten uns: Die Leute haben alle ähnliche Probleme. Über die Kraft des Fußballs können sie gemeinsam Freude erleben und Spannungen abbauen.

Wie seid ihr vorgegangen?

Wir haben uns an eine Firma aus Hennef gewandt. Sie hat für den Deutschen Fußball-Bund 1.000 mobile Felder gebaut. Ich wusste um die außerordentlich gute Qualität. Mein Sohn spielt auf einem solchen Feld an der Max-Brauer-Schule. Wir haben ein auf- und abbaubares Streetsoccer-Feld – mit Banden aus Stahl und zusammenklappbaren Tore bestellten.

Was kostet so etwas?

12.000 Euro. Wir hatten zuvor 20.000 Euro von Stiftungen und Privatpersonen akquiriert. So konnten wir zusätzlich einen Sprinter für den Transport mieten. Die Premierentour war am 1. März.

Das ging alles so ganz locker, ohne Probleme?

Wir haben schon geschluckt, als das Feld bei uns ankam. Alle Teile wiegen zusammen 1.600 Kilo. Nach langen Diskussionen war klar, wie wir das Gewicht im Wagen verteilen. Mittlerweile sind wir an fünf Tagen in der Woche unterwegs. Jeden Tag woanders. Den Platz müssen wir nur nach Harburg, zum Grellkamp in Langenhorn und zur Dratelnstraße in Wilhelmsburg transportieren. In Bahrenfeld und einem weiteren ZEA in Schnelsen sind feste Plätze in der Nähe. Dort werden die Spiele von uns oder den ehrenamtlich helfenden Studenten geleitet.

Wie läuft so ein Besuch bei den Flüchtlingen ab?

Wir bevorzugen das Wort Bewohner. Oft kommen sie uns schon entgegen, voller Vorfreude. Meist wird ein Turnier gespielt: Sechs Mannschaften à vier Spieler inklusive Torwart. Eine Partie dauert sechs Minuten. Viele sind richtig gut, es gab schon hochdramatische Spiele. Die beiden besten Teams tragen das Finale aus.

Bekommt der Turniersieger einen Preis?

(Lacht) Einmal haben wir eine alte Sohle gefunden. Die haben wir auf Holz genagelt. Das war der Pokal.

Ordnen sich die Mannschaften nach Nationalitäten?

Am Anfang ja. Das mischt sich nun immer mehr. Die Menschen lernen sich untereinander eben näher kennen. Es haben sich Freundschaften entwickelt. Die Einrichtungen freuen sich ebenfalls und bestätigen uns, dass unser Angebot die Situation der Menschen verbessert und zum sozialen Frieden beiträgt.

Eines eurer Teams war sogar international erfolgreich!

Sozusagen. Die Mannschaft aus Bahrenfeld wurde Turniersieger beim „Refugees Welcome“-Turnier am Millerntor. Die Männer haben sich am Boden gewälzt vor Freude.

Sind Männer die ausschließliche Zielgruppe?

Einmal haben sich die Frauen und jungen Mädchen in Harburg zum Fußball getraut. Sie haben unter sich gespielt. Leider wollten sie nächste Woche nicht mehr mitmachen. Wir hoffen, sie wieder motivieren zu können.

Habt ihr traurige Geschichten erlebt?

Leider ja. Ein außerordentlich guter Spieler wurde zum Mitorganisator, fuhr mit zu anderen Erstaufnahmelagern. Er war auf dem besten Weg, ein Teil von „Kick it – United“ zu werden. Wir mochten ihn sehr und förderten sein Engagement. Zwei Tage vor dem „Refugees Welcome“-Turnier wurde er abgeschoben. Das tat uns allen wahnsinnig weh.

Was sind eure Ziele und Wünsche für die Zukunft?

Wir möchten zwei weitere Plätze kaufen. Mit Kunstrasen als Untergrund. Der Beton ist für die Spieler verletzungsanfällig. Dafür brauchen wir etwas über 50.000 Euro. Die drei Plätze wollen wir mittelfristig fest in den Erstaufnahmelagern installieren. Ehrenamtlich engagierte Menschen können wir natürlich immer gebrauchen. Generell würden wir uns freuen, wenn Entscheidungswege auf der bürokratischen Ebene nicht so lang wären.

Interview: Mirko Schneider

Infos zu „Kick it – United“

Mein Viertel: Sternschanze

Versteckte Orte, beste Bars, nervige Klischees: Autoren der SZENE HAMBURG zeigen in unserer neuen Serie ihre Hood. Diesmal: Sternschanze

Es gibt unzählige Stadtführer für Touristen, aber viel zu wenig gute Hamburgtipps für uns Menschen, die hier leben. 14 Autor*innen der SZENE HAMBURG wollen das ändern und plaudern aus dem Nähkästchen. Sie porträtieren jeweils den Stadtteil, in dem sie leben in einem Steckbrief – von Blankenese über St. Pauli bis nach Wilhelmsburg. Dabei räumen sie mit alten Klischees auf und stricken neue. Sie verraten welche Ecken nerven und welche Orte sie lieben, wo es schmackhaftes Junkfood gibt oder was der beste Soundtrack für ihren Stadtteil wäre und wo der ideale Platz für ein romantisches Date ist

Foto: Philipp Jung

Alessa Pieroth leitet die hamburg:pur-Redaktion und schiebt den Kinderwagen ihrer Tochter auch Mal übers Schulterblatt.

Da gehen alle hin: Aufs Schulterblatt, auch Galaostrich genannt (nach dem portugiesischen Wort für Milchkaffee). Der Laufsteg für Supermodels, Maseratis, Muttis, Bullis und den schwarzen Block (bei den legendären Schanzenkrawallen rund um die rote Flora). Besticht durch eine hohe Café und Kneipendichte vor vollgetaggten Jugenstilfassaden, unzählige Sitzgelegenheiten vor den Restaurants und viel Raum zum Sein.

Da gehe ich hinÜber die Schanzenstraße. Sie ist beschaulicher und man kommt schneller vorwärts.

Beste Eisdiele: Der Eisladen Joschi eröffnete diese Saison am Neuen Kamp 19. Hier gibt es ehrliches Eis ohne viel Chichi. Wir mögen es klassisch und essen gerne Spaghetti- und Erdbeereis aus Kuhmilch. Die Eissorten variieren aber täglich und es gibt auch Exoten wie Lakritz, Sesam oder Himbeer-Milchreis. Besitzer Joschi hat früher das Eis für die Eisliebe im Eppendorfer Weg zubereitet.

Auf welches kalte Getränk wohin: Die Schanze steht für Bars im Überfluss. Und alle sind für gewöhnlich rappelvoll. Ich gehe auf einen Gin Tonic ins Thier. Die winzige Bar am Rand des Schulterblatts ist am frühen Abend nicht so voll und die Getränkepreise sind fair. Später spielt ein DJ gute elektronische Musik. Biertrinken ist super in der Punkerkneipe 10 and counting, beliebt auch für den Tischkicker. Zu jeder Zeit eine gute Adresse ist der Saal II, seit jeher Treffpunkt für Hamburger Kreative, gilt als Keimzelle der Hamburger Schule.

Total überschätzt: Die Schanze. Besucherströme aus ganz Hamburg und der Republik führen dazu, dass kein richtiges Nachbarschaftsgefühl aufkommt. Als Anwohner geht man manchmal in der Masse unter. Der Hype um die Schanze lässt außerdem bekanntermaßen die Mieten in die Höhe schnellen. Aktuelles Opfer: Die Schanzenhöfe und das Hotel und Restaurant Schanzenstern.

Total unterschätzt: Viele beklagen, die Schanze hat ihren Charme verloren. Aber wenn man genau hinsieht, hat sie ihn noch. Er wird nur übertüncht von der unfassbaren Vielfalt an Kneipen, Läden und Menschen.

Exotischste Ecke: Die Falafelmeile am S-Bahnhof Sternschanze.

Kulturell wertvoll: 3001 Kino. Das Programmkino im Schanzenhof, für dessen Erhalt im Juli wieder rund 100 Sympathisanten demonstrierten.

Ort zum Knutschen oder fürs erste Date: Zum Knutschen ist jeder Ort gut. Fürs erste Date vielleicht Artischocken und ein Steak Tatar im Bistro Carmagnole, das benannt ist nach einer Gruppe jüdischer Widerstandskämpfer gegen deutsche Besatzer in Lyon.

Was wir brauchen: Einen Ort zum Flüchten. Wer in der Schanze lebt, muss am Wochenende raus aus der Stadt.

Worauf wir verzichten könn(t)en: Steigende Mieten. Neue Klamottenläden.

Wenn mein Stadtteil ein Song wäre: Grüße aus der Interzone von Trümmer.

Leisester Ort: Der romantische Garten von Herrn Simpel.

Straßenkreuzung des Todes: Die Fußgängerampel in der Altonaer Straße auf Höhe der Ganztagsgrundschule Sternschanze, mit kurzen Grünphasen und einem kreuzenden Fahrradweg.

Bestes Fortbewegungsmittel: Zu Fuß und mit dem Fahrrad. Leider gibt es keine direkte Busverbindung zwischen St. Pauli und der Schanze.

Lieblingsnachbar: Das Mehrgenerationenhaus Nachbarschatz. Hier gibt es eine Kantine, in der man für 5,50 Euro Mittagessen kann und wo Nachmittags frische Waffeln gebacken werden, mit Kinderbetreuung und Bällebad. Außerdem viele weitere Angebote für Anwohner, etwa einen Chor, Yoga, Integrationskurse und Kinderdisco.

Auf einer Skala von 0 bis 10 wie … Grün: 6, Cool: 9, Laut: 9


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