Gute Rapgeschichte

Chronik: Wie kam der Deutsch-Rap nach Hamburg? Von der 187 Strassenbande über Fettes Brot bis zum ersten HipHop-Club der Stadt spulen wir die Kassette drei Dekaden zurück

Hamburg und HipHop, das ging schon Mitte der 80er Jahre los. Die Filme „Wildstyle“ und „Beatstreet“ flimmern in den bundesdeutschen Haushalten über die Mattscheiben und erklären einer ganzen Generation, was HipHop überhaupt ist und wie sich die neue Jugendkultur aus den Elementen Rap, DJing, Breakdance und Graffiti zusammensetzt. An HipHop-Musik ist zu der Zeit, wenn überhaupt, durch importierte Platten heranzukommen – oder sie läuft in der Sendung „Soultrain“ im NDR, wo Ruth Rockenschaub im Nachtprogramm regelmäßig Soul-, Funk- und auch immer mal wieder Rapsongs spielt. Rockenschaub ist es auch, die DJ Marius No. 1 im Jahr 1988 einen eigenen Sendeplatz verschafft.

Marius No. 1, der später der DJ von Cora E. werden soll, legt in seiner „Number One Mixshow“ Rap auf, aber stellt den Songs auch die originalen Sample-Quellen gegenüber und legt im ersten HipHop-Club der Stadt, dem Defcon Five, auf. Ungefähr zur gleichen Zeit formieren sich in Hamburg erste Crews: Dialektik oder in Halstenbek die Poets of Peeze, die mit Samplerbeiträgen und einer Mini-LP von sich reden machen.

Die Poets of Peeze rappen in englischer Sprache, bis ein Teil der Jungs sich 1992 – das Jahr, in dem Die Fantastischen Vier gerade mit „Die da?!“ im Radio rauf- und runterlaufen – dazu entscheidet, das mit dem Rappen doch mal in deutscher Sprache zu probieren und sich einen neuen Namen geben: Fettes Brot. Über den Musikmanager und Mailorder-Betreiber Jens Herrndorf entsteht der Kontakt zu André Luth von Yo Mama, wo Fettes Brot – damals noch zu fünft – kurz darauf die „Mitschnacker“-EP veröffentlichen.

1993 erscheint über das ursprünglich eher Punk orientierte Label Buback der Sampler „Kill The Nation With A Groove“ mit Songs von Cora E., Advanced Chemistry und einer Hamburger Gruppe mit dem Namen Absolute Beginner. Letztere veröffentlichen nach der „Gotting“-EP zwei Jahre später ihr Debütalbum „Flashinizm (Stylopath)“ und trotzen mit Band-Sound und Crossover-Anleihen den Realness-Dogmen der noch kleinen Szene. Auch Fettes Brot releasen mit „Auf einem Auge blöd“ zur gleichen Zeit ihre Debüt-LP, haben mit „Nordisch by Nature“ einen veritablen Hit vorzuweisen und feiern ein gutes Jahr später mit dem in bester Geschichtenerzähler-Manier ganz ähnlich gestrickten  „Jein“ und dem Album „Außen Top Hits, Innen Geschmack“ gleich die nächsten Erfolge.

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Wie alles begann: Die Absoluten Beginner waren Anfang der 90er noch zu fünft. Das Foto stammt aus der Chronik „Molotow – das Buch“ (Junius Verlag, 160 S.), das zum 25-jährigen Jubiläum des Clubs auf der Reeperbahn erschien

Während Fettes Brot schon Dauergäste in den Charts sind, formiert sich in Hamburg nach und nach eine vitale Szene an Rappern und Produzenten. Fischmob vermengen für „Männer können seine Gefühle nicht zeigen“ Partylaune mit mundgemischtem Plattdeutsch-Schnack, handfester Systemkritik und obskuren Soundspielereien. Der Tobi & Das Bo, die sich schon zuvor mit „Genie und Wahnsinn liegen dicht beieinander“ verdient gemacht hatten, bilden fortan mit marcnesium und DJ Coolmann Fünf Sterne deluxe. Dendemann zieht aus dem Sauerland in die Hansestadt, gründet mit DJ Rabauke das Duo Eins Zwo und die beiden setzen mit ihrer „Sport“-EP einen neuen Standard in Sachen Reim- und Samplefertigkeit.

Mit dem Künstlerkonglomerat Mongo Clikke um Rapper wie Eißfeldt, Samy Deluxe und Das Bo hat man außerdem eine Entsprechung zu der Kolchose in Stuttgart, wo mit dem Freundeskreis, den Massiven Tönen und Afrob etwa zur gleichen Zeit ein HipHop-Epizentrum entsteht. Aber die großen Plattenfirmen interessieren sich nicht wirklich für den eigenen Sound von Bands wie dem gerade frisch gegründeten Trio Dynamite Deluxe – also gründet Beginner-Drittel Eißfeldt 1997 kurzerhand das Label Eimsbush Entertainment und nimmt die Gruppe um Samy Deluxe dort unter Vertrag, die kurz darauf erste Angebote von den Majorriesen erhält.

Mit der richtigen Infrastruktur und einer vielschichtigen Szene mausert sich Hamburg 1998 mit der Veröffentlichung des zweiten Beginner-Albums „Bambule“ endgültig zur HipHop-Hochburg. Mit Denyo und Eißfeldt als MCs, DJ Mad an den Turntables und Gastbeiträgen von Das Bo, Samy Deluxe und Dendemann ist das Album so etwas wie eine eindrucksvolle Standortbestimmung des HipHop aus der Hansestadt. Parallel dazu verkaufen Fünf Sterne Deluxe nach der Single „Dein Herz schlägt schneller“ von ihrem Debütalbum „Sillium“ über 150.000 Einheiten, ehe im Jahr darauf Eins Zwo mit „Gefährliches Halbwissen“ nachlegen und Doppelkopf mit „Von Abseits“ eindrucksvoll unter Beweis stellen, dass auch düster-atmosphärische Outness eine Berechtigung in der noch jungen Hamburger HipHop-Szene hat.

Plötzlich interessieren sich auch die Medien für das, was da in Sachen HipHop im hohen Norden geht. Das Jugendmagazin Bravo versucht sich regelmäßig an der mehr schlecht als recht gearteten Berichterstattung. Aber die Hamburger HipHop-Szene, allen voran die Beginner, haben keine Lust auf den Ausverkauf: Sie verweigern Interviews, schicken Doubles zu ihren Fernsehauftritten und veröffentlichen mit dem Allstar-Song „KZwo“ an der Seite von Das Bo, Dendemann, Falk, Ferris MC, Illo und Samy Deluxe eine Abrechnung mit der sensationsgeilen und anbiedernden Teeniepresse.

Anfang 2000 veröffentlichen Dynamite Deluxe ihr Debüt „Deluxe Soundsystem“, landen damit auf Platz 4 der Charts und werden im Anschluss mit einem Echo-Musikpreis und einer goldenen Schallplatte ausgezeichnet. Mit Ferris MC, Deichkind, Mr. Schnabel, Illo, Digger Dance, Nico Suave und den Moqui Marbles rücken immer neue Künstler nach, die Szene wächst und wächst bis das stadteigene Hip-Hop-Festival Flash im Jahr 2000 mit 18.000 Besuchern im Millentorstadion seinen Höhepunkt erreicht. Es gibt jetzt kein Vorbeikommen mehr an Hamburg, jener Stadt aus der mit „Füchse“, „Ladies & Gentlemen“, „Jein“, „Susanne zur Freiheit“, „Bon Voyage“ und die Beteiligung von Ferris MC an „Reimemonster“ bis heute die wohl größten HipHop-Hits kommen.

Rap-Rarität: Erste Promokassette zum Album "Bambule", veröffentlicht vom Independet-Label Buback

Rap-Rarität: Erste Promokassette zum Album “Bambule”, veröffentlicht vom Independet-Label Buback

Die HipHop-Hochphase in der Hansestadt wird auch in Berlin wahrgenommen, wo Rapper wie Kool Savas bis dato weitestgehend ein Schattendasein abseits der deutschlandweiten Szene fristen. Der Unmut über den Erfolg der spaßig-sorglosen und brav-biederen Partymusik aus den beiden HipHop-Metropolen Hamburg und Stuttgart wächst. In Kombination mit der Ignoranz der Berliner Szene durch Medien und Fans werden Samy Deluxe oder Eißfeldt immer wieder zur Zielscheibe für Seitenhiebe auf Songs der Berliner Rapper.

Gänzlich unbeeindruckt von Vorfällen dieser Art, machen insbesondere die beiden Letztgenannten dort weiter, wo sie aufgehört haben – allerdings auf Solopfaden. Samy Deluxe veröffentlicht sein gleichnamiges Debütalbum und stellt einmal mehr unter Beweis, dass er einer der besten Battlerapper des Landes mit humorvollen und arroganten Punchlines gleichermaßen ist, während Eißfeldt nach dem Erfolg seiner Coverversion zu Nenas „Irgendwie Irgendwo Irgendwann“ als Jan Delay das Reggae-Album „Searching For The Jan Soul Rebels“ herausbringt.

Eißfeldts einvernehmlicher Egotrip in Dancehall-Gefilde ist vielleicht das erste Anzeichen dafür, dass etwas im Busch ist – nicht bei den Beginnern, sondern in Bezug auf Rap im Allgemeinen. Straßenrap aus der Hauptstadt wird immer populärer und Labels wie Aggro Berlin laufen dem größtenteils gutgelaunten HipHop aus Hamburg mit Künstlern wie Bushido oder Sido den Rang ab. In der Folge versucht Samy Deluxe sich mit „Verdammtnochma“ an einer Übersetzung amerikanischer HipHop-Sounds ins Deutsche, während die Beginner für „Blast Action Heroes“ mit eklektischen Sounds experimentieren und nach den Fantastischen Vier mit „4:99“ die zweite Nummer 1 für ein deutschsprachiges Rap-Album in den Charts holen.

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Samy Deluxe: Ist heute nicht nur Rapper sondern auch Gastronom | Foto: Pascal Kerouche

Danach wird es ziemlich ruhig um Rap aus Hamburg. Dendemann, Samy Deluxe und Jan Delay veröffentlichen in den Jahren darauf weiterhin gute Platten, aber der Hype der frühen 2000er scheint endgültig vorbei zu sein. Auch an anderen Ecken und Enden der Republik steckt Rap in einer Sinnkrise. Von der breiten Öffentlichkeit als Soundtrack für die Unterschicht belächelt bis verteufelt, fehlte es zeitweilig sogar innerhalb der Szene an Bemühungen, den eingefahrenen Status Quo aufzubrechen. Die Folge: Nach dem Erfolg von deutschem Straßenrap stagnieren schließlich auch dessen Verkäufe – niemand hat mehr Lust auf stumpfe Räuberpistolen und Betonromantik.

In den Jahren sind es vor allem die hanseatischen Produzenten, die von sich reden machen. Monroe, seines Zeichens für große Hits von Kool Savas und Azad verantwortlich, vereint auf seinen Alben „Your Favorite Rappers Favorite Producer“ und „Movement“ von Samy Deluxe über Curse bis Aphroe und Eko Fresh alles, was in der deutschen Rap-Szene Rang und Namen hat. PhreQuincy baut nicht mehr nur noch Beats für deutsche MCs, sondern erhält für seine Beteiligung am Album „Ouest Side“ des französischen Rappers Booba eine Platinauszeichnung und streckt danach seine Fühler in Richtung USA aus, um Beats für Künstler auf Eminems Label Shady Records zu produzieren.

Ganz ähnlich m3, der nicht nur Deutschrap-Koryphäen wie Kollegah, Bushido, Haftbefehl oder Sido mit Beats beliefert, sondern auch mit den französischen Größen Sefyu und dem schon erwähnten Booba oder US-Rappern wie Talib Kweliund Ace Hood zusammenarbeitet und 2007 gemeinsam mit Azad die Titelmusik zur RTL-Erfolgsserie „Prison Break“ beisteuert. Sein Kollege Farhot teilt sich derweil mit Nneka, Haftbefehl und Talib Kweli, aber auch Culcha Candela, den Fantastischen Vier und Fettes Brot das Studio.

Erst im Sommer 2010 tut sich auch in Sachen Rap wieder was. Nämlich dann, als plötzlich mit dem Song „Waffenfreiezone“ jemand aus dem Hamburger Karoviertel auf der Bildfläche erscheint, der das eintönige Straßenrap-Vokabular der immer gleichen Schilderungen über den Alltag in den Problembezirken um neue musikalische und inhaltliche Ansätze anreichert. Sein Name: Nate 57. Zwar rappt auch er über Waffen, Sex und Drogen – aber eben anders. Das über das Label Rattos Locos veröffentlichte Mixtape „Stress auf dem Kiez“ erreicht aus dem Stand Platz 37 in den deutschen Charts.

Gzuz ist bekanntestes Mitglied der 187 Straßenbande | Foto: Bobby Analog

Gzuz ist bekanntestes Mitglied der 187 Strassenbande | Foto: Bobby Analog

Im Jahr darauf macht erneut ein Hamburger von sich reden. Nachdem Marteria und Casper das darbende Genre Deutschrap wiederbelebt haben, ist auch Platz für eine ganze Reihe junger Talente. Eines davon heißt Ahzumjot. Sein Debütalbum „Monty“ ist ein mutiger Markt der Möglichkeiten, für den er Spandau Ballet, Cults und Lady Gaga samplet und mit Oldschool-Drums und futuristischen Bässen verschneidet. Das in bester DIY-Manier selbst vertriebene Album, lässt erste Labels aufhorchen, in der Folge spielt Ahzumjot Touren mit Cro und Rockstah, begleitet Casper live und wird als eines der nächsten großen Dinger gehandelt.

Und es hört nicht auf: 2014 hat sich auch Straßenrap von seinem Tief erholt und einer der Gründe dafür ist Kalim, dessen „Sechs Kronen“-Mixtape eine gekonnte Verbeugung vor dem US-Gangsterrap der 90er ist. Ungefähr zur gleichen Zeit, macht sich der linkspolitisch sozialisierte Disarstar auf seiner EP „Tausend in einem“ und dem anschließenden Debütalbum „Kontraste“ Gedanken über das gesellschaftliche Ungleichgewicht und die Rapperin Haiyti kommt mit einem Sound um die Ecke, der Kiezkneipenromantik und zeitgeistige Beats zu einer gänzlichen eigenen Melange verbindet.

Und dann ist da schließlich auch noch die 187 Strassenbande. Lange unter dem Radar geflogen und als asoziale Unterschichtenmusik von Kleinkriminellen abgetan, steigen die beiden Mitglieder Gzuz und Bonez MC 2014 mit ihrem gemeinsamen Album „High & Hungrig“ zum ersten Mal in den Charts ein und setzen diese Erfolgssträhne auch mit der anschließenden Veröffentlichung „Obststand“ von LX & Maxwell fort. Warum? Weil die Strassenbande sich einen Dreck darum schert, was im HipHop gerade wie gemacht werden muss. Sie erinnern mit ihrem ganz eigenen Humor an den vollkommen überdrehten Vibe der frühen Jahre von Aggro Berlin, aber halten in beinahe jedem Song auch die Fahne für Hamburg hoch.

Vermutlich einer der Gründe, warum die Beginner sich für „Ahnma“, die erste Single ihres Comebackalbums „Advanced Chemistry“ neben Gentleman auch Gzuz als Feature geholt haben. Die Proteste der Fans waren groß, allerorts machte sich Unverständnis darüber breit, dass die Beginner plötzlich gemeinsame Sache mit den bösen Straßenrappern machen – aber der gemeinsame Song zeigt, was HipHop aus Hamburg 2016 heißt: Er ist immer noch da und vor allem auch so vielschichtig wie nie zuvor.

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Foto: Jens Oellermann

Der Autor Jan Wehn ist Gründer des HipHop-Onlinemagazins ALL GOOD. Davor war er Autor für Juice sowie Kolumnist und Redakteur bei Spex und De:Bug. 2013 und 2015 wurde er mit dem Rocco-Clein-Preis für Musikjournalismus ausgezeichnet

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Rebellion der Mütter

Was passiert, wenn sich drei Mütter in der Bar betrinken und ihren Pflichten abschwören? Die Komödie “Bad Moms” gibt Antworten – ab 22.9. im Hamburger Kino

Mutter sein ist heutzutage gar nicht leicht. Überall lächeln einem Erziehungsratgeber entgegen. Wundersame Apps sollen im Alltag helfen. Und unzählige Blogs beschreiben, was eine gute Mama ausmacht. Das Angebot ist riesig, der Druck allerdings auch. Ständig wird verglichen und beurteilt, weshalb Zweifel und der Selbstoptimierungszwang immer weiter zunehmen. Ein Teufelskreis.

Genau so ergeht es der dauergestressten Amy (Mila Kunis), die sich tagein, tagaus für ihre Familie und den Beruf aufopfert. Butterbrote schmieren, Kinder zur Schule bringen, im Büro Überstunden kloppen und abends etwas Tolles auf den Tisch zaubern. Amy ist vollends ausgelastet, beschwert sich aber nicht. Bis sie ihren Schlaffi-Gatten beim Online-Fremdgehen erwischt. Wenig später findet sich Amy mit der offenherzigen Carla (Kathryn Hahn) und der Vierfach-Mama Kiki (Kristen Bell) in einer Bar wieder, wo die drei Frauen einen Pakt betrinken: In nächster Zeit wollen sie auf ihre Mutterpflichten pfeifen. Eine Einstellung, die zu einer erbitterten Auseinandersetzung mit der selbstherrlichen Vorsitzenden des schulischen Elternrates (Christina Applegate) führt.

Einen Coup landeten Jon Lucas und Scott Moore mit ihrem Drehbuch zum Las-Vegas-Partytrip „Hangover“, dessen Qualität ihre folgenden Arbeiten leider vermissen ließen. „Bad Moms“, den das Duo gemeinsam inszenierte, erweist sich nun als Schritt nach vorne, selbst wenn der oft bemühte Genitalhumor stellenweise etwas ermüdend wirkt. Verlassen können sich die Macher auf ihr spielfreudiges Ensemble, das eine überzeugende Chemie entwickelt. Zwischen Zoten und Partyexzessen blitzen immer wieder echte Gefühle auf. Und auch die absurde Vorstellung von einer rundum perfekten Mutter wird in manchen Szenen gelungen persifliert. Schade nur, dass die Komödie am Ende eine allzu brave und formelhafte Richtung einschlägt.

Text: Christopher Diekhaus

Regie: Jon Lucas, Scott Moore. Mit Mila Kunis, Kristen Bell, Kathryn Hahn, Christina Applegate. Ab 22.9.

Top 3: Reeperbahn Festival

450 Konzerte an 70 Spielorten, dazu Konferenzen, Kunst und Literatur. Das Reeperbahn Festival (21.–24.9.) ist pickepackevoll mit Highlights der internationalen Popkultur

Ohne, äähm, natürlich mit Holland fahren wir zum diesjährigen Reeperbahn Festival. Das Nachbarland steht nämlich nicht bloß für Käse, Tulpen und (hin und wieder) guten Fußball, sondern auch für musikalische Talente en masse. Holland ist Partnerland des Festivals und fährt deshalb auch ordentlich auf, was die eigenen Acts angeht. Die vielversprechende Aufstellung der Niederländer fürs Gastspiel in Hamburg: Rats on Rafts, Afterpartees, Black Oak, Bombay, Blaudzun, Sevdaliza, De Staat, Causes, Klyne, Klangstof. Neben diesen Top-Acts sowie reichlich Rahmenprogramm von Konferenzen über die Zukunft von Open-Air-Festivals bis zur Fotoausstellung „Ladyflash – Women in Music“ der Hamburger Fotografin Katja Ruge wird es im Festivalzeitraum vom 21. bis 24. September natürlich noch zig weitere Goodies geben.

Hier unsere Top 3 im Überblick:

July-Talk-Sängerin Leah Fey genießt die Nähe zu ihrem Publikum

July-Talk-Sängerin Leah Fey genießt die Nähe zu ihrem Publikum

July Talk – Punkrock-Wucht aus Kanada

Zuckerbrot und Peitsche – das ist wohl die treffendste Beschreibung dieses kanadischen Punkrock-Kollektivs. Das bestand anfänglich nur aus den beiden Frontfiguren Leah Fey (Zuckerbrot) und Peter Dreimanis (Peitsche). In einer durchzechten Nacht in ihrer Heimatstadt Toronto entschieden sich die beiden, gemeinsam Rockmusik zu machen, und zwar solche, die an allen Ecken und Enden kracht, rumpelt und brennt, sodass die Fachpresse bis heute vergleichsweise Größen à la White Stripes, Blood Red Shoes und Johnossi nennt. Während Fey mädchenhaft hohe Töne singt, rasselt aus Dreimanis’ Mund ein tiefdunkles stimmliches Gegenstück. Dazu kommen von den mittlerweile drei Mitspielern Gitarrenwucht und scheppernde Rhythmen, die July Talk zu einer kugelblitzartigen Punkmaschine werden lassen. Aktueller Beweis: Ihr Album „Touch“, das am 9. September erscheint.

Fr, 23.9., 22 Uhr im kukuun
Sa, 24.9., 00 Uhr im Knust

Inna Modja – Sommer-Soul aus Mali

Ein bisschen leichte Kost für zwischendurch: Die Soul-Pop-Sängerin Inna Modja aus Bamako/Mali macht Musik ohne Ecken und Kanten, dafür mit Melodien, die kaum mehr aus den Ohren gehen. Wer ihren zuckerwattesüßen Sommerhit „C’est la vie“ kennt, weiß, wovon die Rede ist. Neben ihrem massentauglichen Sound kümmert sich Modja übrigens auch um in Afrika leider immer noch nicht massentaugliche Forderungen, nämlich Gleichheit und Freiheit für alle Frauen. Unterstützens-, sehens- und natürlich hörenswert.

So, 25.9., 00 Uhr in Angie’s Nachtclub

Matthias Arfmann – Ballettklassiker im Hier und Jetzt

Klassik trifft Pop: kennt man. Klassik trifft Electro: schon oft gehört. Überhaupt: „Klassik plus X“-Produkte sind auf dem Musikmarkt längst nichts Exotisches mehr. Ganz im Gegenteil zu dem, woran der Hamburger Musikproduzent Matthias Arfmann (Blumfeld, Patrice, Jan Delay)
in den vergangenen sieben Jahren gearbeitet hat, nämlich „Ballett Jeunesse“. Das ist ein Album, auf dem Klassiker der europäischen Ballettmusik enorm gegenwartstauglich erscheinen. Strawinsky, Tschaikowsky und Co werden in knackigen und vor allem tanzbaren Stücken mit ein bisschen HipHop hier, ein wenig Reggae dort versehen und lassen eine neue, unerwartete Tanzbarkeit entstehen. Zusammen mit seinen Mitstreitern Onejiru Schindler, Peter Imig, Milan Meyer-Kaya und Sebastian Maier sowie Gastmusikern von Jan Delay über Schorsch Kamerun bis Kele Okereke (Bloc Party) hat Arfmann etwas Einzigartiges geschaffen. Das Album „Ballett Jeunesse“ erscheint am 9. September, Live-Premiere ist am 21. September, selbstverständlich beim Reeperbahn Festival.

Mi, 21.9., 21.30 Uhr im Schmidts Tivoli

Text: Erik Brandt-Höge
Foto: Marco Conti (oben), Robert Georgeff/Vertigo Berlin (unten)


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Mein Viertel: Eimsbüttel

Versteckte Orte, beste Bars, nervige Klischees: Autoren der SZENE HAMBURG zeigen in unserer neuen Serie ihre Hood. Diesmal: Eimsbüttel

Es gibt unzählige Stadtführer für Touristen, aber viel zu wenig gute Hamburgtipps für uns Menschen, die hier leben. 14 Autor*innen der SZENE HAMBURG wollen das ändern und plaudern aus dem Nähkästchen. Sie porträtieren jeweils den Stadtteil, in dem sie leben in einem Steckbrief – von Blankenese über St. Pauli bis nach Wilhelmsburg. Dabei räumen sie mit alten Klischees auf und stricken neue. Sie verraten welche Ecken nerven und welche Orte sie lieben, wo es schmackhaftes Junkfood gibt oder was der beste Soundtrack für ihren Stadtteil wäre und wo der ideale Platz für ein romantisches Date ist

Foto: Philipp Jung

Programmredakteurin Miriam Ferdinand ist in Eppendorf aufgewachsen, wohnt aber heute in Eimsbüttel und trinkt gerne Pils in der Auster Bar

Da gehen alle hin:  Die bis 30-Jährigen trinken ihren Strawberry Sour bei Mr. Ape. Ältere stehen an sonnigen Tagen zum Mittagstisch, Kaffee oder Abendbesuch vorm Vesper in der Osterstraße Schlange oder essen Pulled-Pork-Burger im Gorilla Grill

Da gehe ich hin: Wenn im Vienna mal wieder alle Plätze belegt sind, gibt es eine Galette im Bistro Tati oder ein Backhendl im Freischwimmer. Anschschließend einen Absacker bei Hamburgs charmantester Barfrau Carla im 439 oder ein frisch gezapftes Pilsner Urquell in der schönen Auster Bar (siehe Foto) im Henriettenweg

Bestes Junkfood: San Burrito – Mexikanisches Streetfood: Burritos, Nachos, Quesadillas etc. frisch zubereitet

Total überschätzt: Das jährliche Osterstraßenfest

Total unterschätzt: Der ETV, einer der größten Breitensportvereine Deutschlands, bietet für günstige Beiträge Kanusport, Kickboxen,Vinyasa Yoga …

Exotischste Ecke: Die Auslage der Obst- und Gemüsehändler. Irgendwie auch exotisch sind die Urgesteine wie der HSV-Friseur Ernst Schmidt, Pelz Schmidt oder das Gardinencenter Seifert

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Kulturell wertvoll: About Songs & Books – das Ladenbüro vom Mairisch Verlag und DevilDuck Records; der Buchladen Osterstraße mit toller
Beratung; die Galerie Morgenland – Geschichtswerkstatt und Ausstellungen – mit Rundgängen und Vorträgen; der Filmraum – u. a. ein Ort des Kurzfilmfestivals, gelegentlich auch für Konzerte oder Lesungen

Diesen Termin für August vormerken: 28. August – der monatliche Anwohnerflohmarkt auf dem Else-Rauch-Platz – toll für außergewöhnliche Schnäppchen und zum Leute gucken

Ort zum Knutschen oder fürs erste Date: Hinter den Rosenbüschen im Wehbers Park. Morgen danach: Frühstück im Esszimmer, Eppendorfer Weg

Neu und beachtenswert: Die unkonventionelle Bistroküche im Zühlke. Und derzeit wird die Osterstraße mit viel Aufwand umgebaut. Neben breiteren Fußwegen soll es endlich bessere Radwege geben

Was wir brauchen: Mehr bezahlbaren Wohnraum, mehr Freiräume für Kunst und Kultur

Worauf wir verzichten könn(t)en: Weitere Enthaarungsstudios und noch mehr Eigentumswohnungen

Wenn mein Stadtteil ein Song wäre: Weder Punkrock noch Techno oder Cooljazz. Irgendwas zwischen Eimsbush-HipHop von den Beginnern und „In dieser Stadt“ von Hilde Knef

Wenn mein Stadtteil ein Tier wäre: Labrador – freundlich, zuverlässig, kinderlieb, aber nicht sonderlich rasant oder temperamentvoll

Geschäfte, die hier sprießen: Bioläden in jeglicher Form – neuerdings gar einer für Tiere! Und natürlich griechische Restaurants

Lieblingsnachbar: Der sehr gut sortierte Zeitschriften- und Tabakladen in der Osterstraße 91 – weil die beiden Jungs, die ihn betreiben, Vater und Sohn, so wahnsinnig nett sind

 


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Ein Tag, 1 Stadt, 100 Aktionen

Die Mitmachaktion #100in1dayhamburg kommt am 17.9. mit Yoga, Flashmob und Picknick nach Hamburg, um die Stadt ein bisschen besser zu machen

Nach Bogotá, Kapstadt, Vancouver und Hongkong kommt das soziokulturelle Stadtfestival 100In1Day jetzt auch nach Hamburg. 100 (oder mehr) Mitmachaktionen sollen am 17. September das Leben in der Stadt noch schöner machen. Ob Urban Gardening, Guerilla-Stricken, Mitbring-Picknicks, Yoga im Park oder Flashmob – Hauptsache, die gemeinsame Verantwortung wird geweckt und die Stadt wieder ein Stück weit zurückerobert.

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Dass das den Nerv der Zeit trifft, zeigten bereits die Zukunftswerkstätten, Stadtspaziergänge und Workshops in den vergangenen Monaten. Hier tauschten sich die Hamburger über Ideen und Träume aus, erkundeten ungenutzte Orte und planten konkrete Aktionen. Was stört euch an eurer Stadt, was wollt ihr verändern – in den Köpfen der Hamburger spuken bereits viele kreative Ideen zu neuen Formen von Zusammenleben und Mitbestimmung. Mindestens 100 von ihnen werden nun umgesetzt.

„Die Zahl 100 verbindet – zu wissen, dass viele kleine Aktionen zur gleichen Zeit in der gleichen Stadt passieren, erzeugt ein Gefühl von Gemeinschaft und Wandel“, so die Organisatoren. Also: Nix wie raus und mitmachen – lasst euch inspirieren und macht die Stadt ein bisschen bunter!

Natürlich wird der Tag auf allen Kanälen dokumentiert: #100in1dayhamburg. 100In1Day hat weltweit bereits 30 Städte bewegt – Hamburg wird die erste deutsche Stadt sein, die diese Bürgerinitiative auf die Beine stellt und damit einen Nachhaltigkeitsstein ins Rollen bringen will: Schließlich sollen sich durch das Festival auch langfristige Ideen und Projekte entwickeln.

Text: Ilona Lütje

So kannst du mitmachen:

1) Lade das ANMELDEFORMULAR und das TOOLKIT herunter

2) Mache ein aussagekräftiges Foto

3) Sende dein Anmeldeformular an: anmeldung@100in1day-hamburg.de

4) Ihr hört von dem Orga-Team

Die Neustadt macht einen drauf

„Drunter & Drüber“: Vom 16.-18.9. steigt das Festival der Musik, Kunst und Kulturen zwischen Altstadt und St. Pauli – mit vielen guten Leuten aus dem Viertel

„Wir packen die Neustadt wieder auf die Karte“, lautet das Motto des zweiten Festivals „Drunter & Drüber“. Denn nachdem die Gegend zwischen Altstadt und St. Pauli vor langer Zeit nur als Partyviertel galt, ist es in den letzten zehn Jahren etwas ruhig um sie geworden. Allerdings nur im öffentlichen Diskurs – tatsächlich hat die Neustadt nämlich einiges zu bieten.

„Hier geht es täglich drunter und drüber. Das sieht man an der Vielzahl an inhabergeführten Läden, Handwerksbetrieben, Galerien, Restaurants und Bars, die sich in der Neustadt niedergelassen haben“, sagt Sascha Bartz, Festival-Initiator und Quartiersmanager. Gemeinsam mit der Galeristin Ulrike Klug, Vorsitzende des Vereins KunstLeben e.V., hat Bartz ein Jahr lang mit Geschäftsinhabern und Anwohnern Ideen gesammelt und Konzepte erstellt. Stolze 70 Ladenbesitzer, bildende Künstler, Musiker, Autoren, Gastronomen, Stadtteilexperten, Handwerksbetriebe und Anwohner konnten so für das Festival gewonnen werden. Und die repräsentieren die bunte Vielfalt ihres Stadtteils.

Dazu gibt’s ein üppiges Programm für Musikliebhaber: Auf der Bühne am Großneumarkt werden HipHop, Salsa und Elektro-Beats vom Feinsten dargeboten, während im Komponistenquartier Klassiker von Brahms, Telemann und Co verzücken. Mit dem Projekt „WorkPlaces“ bietet das Festival jungen Geflüchteten die Möglichkeit, Einblicke in die Handwerksbetriebe der Neustadt zu bekommen.

Text: Ulrich Thiele
Foto: Frank Soens

16.–18.9. in der Neustadt – zum Facebook-Event


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Faire Woche in Hamburg

Geschäftemacherei, von der alle profitieren – Gibt’s nicht? Gibt’s doch! Wie sie funktioniert, wird bei mehr als 1000 Veranstaltungen erklärt – den Auftakt macht in Hamburg am 14.9. ein Gast aus Thailand

Das große Thema der Fairen Woche 2016: „Fairer Handel wirkt“. Irgendwie logisch, aber irgendwie auch ganz schön kompliziert, denn: Was genau ist eigentlich „fair“? Was sind „angemessene Preise“? Und wie ist es zu schaffen, dass Verbraucher bereit sind, diese auch zu zahlen? Das und noch viele weitere Fragen werden im Rahmen der über 1000 Veranstaltungen erörtert, diskutiert und analysiert.

Was den Besuchern bundesweit und natürlich auch in Hamburg vermittelt werden soll, deutet Dr. Anke Butscher, Vorstandsmitglied vom Aktionsbündnis „Hamburg mal fair“, an: „Die Welt wächst zusammen, der globale Handel und Reichtum nehmen zu. Doch die Kluft zwischen Arm und Reich vergrößert sich weltweit zwischen den Ländern des globalen Nordens und Südens, zunehmend auch innerhalb der Länder.“ Die Ursachen hierfür seien vielfältig: Kriege, Klimawandel, fehlende staatliche Strukturen – alles Faktoren, die fairen Handel erschweren. Dennoch gebe es Möglichkeiten, in schwierigen Zeiten einander nicht aus den Augen zu verlieren. Einander, das heißt: Erzeuger und Konsumenten.

In der Fairen Woche wird über eine bessere Zusammenarbeit referiert, beispielsweise, was die beiden großen Handelsfelder Reis und Bananen angeht. Die Weltläden in Ottensen und Harburg haben am 14. September (14 bis 19 Uhr) Vitoon Panyakul von der Fair-Handels-Organisation GreenNet aus Thailand zu Gast. Und im Weltladen Bergedorf beginnt am 16. September eine ganze Aktionswoche zum Thema „Banane“, im Rahmen eines Gesprächsabends mit Mitgliedern von Urocal, einem Kleinbauernverband aus Ecuador.

Es wird also debattiert – mit bestenfalls vielen Beteiligten. Wann sonst erhalten Verbraucher die Chance, Produkte und die Menschen dahinter so gut kennenzulernen, dass sie ihr Kaufverhalten grundlegend ändern können: Weg vom schlichten Genuss, hin zum – genau – Fairplay.

Text: Erik Brandt-Höge
Foto: Philipp Striegler / philippstriegler.de

Veranstaltungen: 14.–30.9.; www.faire-woche.de

Tschick: Fatih Akins Roadtrip ins Erwachsenwerden

Der Hamburger Regisseur hat den Bestseller von Wolfgang Herrndorf, „Tschick“, verfilmt – als sonnendurchflutetes Roadmovie mit einem Soundtrack, bei dem Dirk von Lowtzow mit den Beatsteaks singt

SZENE HAMBURG: Es ist ein weiter Weg von „The Cut“ und dem Völkermord an den Armeniern zu einer Pubertätsgeschichte im Osten Deutschlands. Wie bist du auf „Tschick“ gekommen?

Fatih Akin: Auf der Frankfurter Buchmesse 2011 hab ich den Roman empfohlen bekommen und ihn schon im Zug zurück nach Hamburg ver-
schlungen. Ich hatte ihn noch nicht einmal halb durchgelesen, da wusste ich, dass ich ihn verfilmen wollte. Als ich wegen der Rechte dann im Rowohlt Verlag angerufen habe, stellte sich allerdings heraus, dass schon einige andere Regisseure Schlange standen – darunter wirklich große Namen. Ein Jahr lang habe ich geduldig und demütig immer wieder Rowohlt angerufen und parallel an „The Cut“ gearbeitet. Und im Sommer 2015, als ich mich längst anderen Dingen gewidmet habe, kam das Buch dann schicksalsmäßig zu mir zurück.

Was hat dich an „Tschick“ so fasziniert?

Vieles an dem Roman hat mich berührt. Am meisten aber, dass er vom Erwachsenwerden erzählt, davon, die Kindheit abzustreifen, Schwächen zu überwinden, zu sich selbst zu finden und zu dem zu stehen, was man ist – egal, ob man groß oder klein ist, dick ist oder Pickel hat, man stottert oder lispelt, behindert ist oder schwul. Schon in der Mythologie gab es diese jungen Helden, die ihre Hörner abstreifen mussten oder einen Schatz finden und dafür ihre eigenen Schwächen bezwingen. Die Pubertät ist naturgegeben, es fängt ein großer Umbau im Kopf statt und das Gehirn ähnelt für einige Zeit dem eines Manisch-Depressiven. Wie „Tschick“ davon erzählt, das hat mich fasziniert.

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Die Pubertät als entscheidende Phase des Lebens.

Und als so wahrhaftige. Sie dreht sich um große Dinge und findet man sich nicht, kann das sehr tragisch enden. Das sind alles Gefühle, die ich aus meiner Teenagerzeit sehr gut kenne. Ich hatte eine schwierige, sehr aufreibende, unangenehme, zum Teil depressive Teenagerzeit und bin wirklich froh, dass die vorbei ist.

Gab es, wie in „Tschick“, auch eine Tatjana in deiner Klasse? Dieses Mädchen, das allen Jungs den Kopf verdreht?

Auch für mich gab es eine Tatjana. Sie ist auch einer der Gründe, warum ich sehr interessiert daran war, „Tschick“ zu verfilmen, ihn persönlich zu gestalten und diese Erfahrung zu verarbeiten. Eigentlich habe ich das auch schon in „Gegen die Wand“ getan, aber für immer und ewig begraben ist diese Erinnerung vielleicht erst jetzt. Genau wie es Maik in „Tschick“ ergeht, hat die Tatjana in meinem Leben mich auch nicht mit dem Arsch angeguckt. Jahre später aber wollte sie dann doch was von mir, aber da war es für mich vorbei. Das Leben weiß es manchmal eben doch besser. Und genauso ergeht es Maik. Durch Isa, die sie auf ihrer Tour kennenlernen, durch seinen Freund Tschick und überhaupt durch diesen ganzen Sommer, begreift er Tatjanas Oberflächlichkeit (lacht).

Der Film ist beeindruckend nah an der Sprache der Jungs und daran, wie sie ticken. Wie habt ihr das entwickelt?

Ich habe mich stark an dem Roman orientiert und an der Stimmung, die darin herrscht. Viele der Dialoge im Buch fand ich beim Lesen sehr lustig, habe aber gar nicht damit gerechnet, dass sie filmisch so gut funktionieren. Ich kenne keine Teenager und ich habe auch keine Teenager-Recherche betrieben. Auch die gängigen deutschen Teenie-Filme kenne ich nicht, sondern eher die aus meiner Generation wie „Nordsee ist Mordsee“, „Stand By Me“ oder „The Breakfast Club“. Die finde ich auch viel besser als heutige wie „Die Tribute von Panem“ oder „The Transformers“, wo alles mit Fantasy vermischt ist und laut und hysterisch und das Kino in einen Jahrmarkt verwandelt. Die schlichten Filme gefallen mir viel besser. Wichtig waren aber auch Tristan und Anand, die Maik und Tschick spielen. Gleich zu Beginn der Dreharbeiten habe ich klargestellt, dass ich keine pädagogische Instanz bin, keine Vaterfigur, kein Vorbild und auch kein Freund. Dass wir natürlich Freunde werden können, ich aber erst mal ihr Regisseur bin. Und dass ich rauche, saufe, fluche und mich wegen ihnen nicht zusammenreißen werde. Das hat ihnen gefallen und es entstand eine große Offenheit zwischen uns. Wenn der Roman es nicht hergegeben hat, konnte ich mich von ihnen inspirieren lassen.

Du hast „Nordsee ist Mordsee“ ja schon erwähnt. Am Drehbuch hast du nicht nur mit Hark Bohm gearbeitet, der den Film ja 1976 gedreht hat, sondern in „Tschick“ spielt auch Uwe Bohm mit, der damals die Hauptrolle hatte. Eine Reminiszenz?

Total. „Nordsee ist Mordsee“ ist einer der wichtigsten Jugendfilme für mich und Hark Bohm mein Freund. Als ich das Angebot für „Tschick“ bekam, haben wir gerade zusammen an meinem nächsten Film „Aus dem Nichts“ geschrieben und ich habe ihn sofort gebeten, auch bei „Tschick“ dabei zu sein.

Mit der Verfilmung wagst du dich an ein Buch heran, das nahezu ein Nationalheiligtum ist. War das nicht eine ganz schöne Bürde?

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Ich hab versucht, mich so weit wie möglich davon freizumachen und das eigentlich auch ganz gut geschafft. Ich glaube, dass der Roman einen anderen Stellenwert hätte, wenn Wolfgang Herrndorf noch leben würde. Man kennt es ja, wie der Tod die Arbeit noch mal aufstrahlen lässt. Natürlich ist „Tschick“ ein tolles Buch, aber „Sand“ ist sein größeres Buch, auch „Arbeit und Struktur“ und sein unvollendeter Roman „Bilder einer große Liebe“ lässt ahnen, was da noch gekommen wäre. Wenn Wolfgang jetzt im Himmel oder sonst wo ist, wird er sich schon seinen Teil dazu denken, dass ausgerechnet „Tschick“ so ein wichtiges Werk wurde. Zudem habe ich mir gesagt, dass es nicht meine Aufgabe ist, den Kult um das Buch im Film zu bedienen, sondern das Buch in ein eigenständiges filmisches Werk zu übersetzen. Das müssen Literaturverfilmungen immer. Bücher, Filme und auch Platten sind für mich wie Freunde, die für jeden anders klingen, weil jeder sie mit seiner ganz eigenen Seele und Sozialisation erfährt. Deshalb gibt es nicht eine, sondern 2,5 Millionen Versionen von „Tschick“, und ich habe meine verfilmt.

Du hast mal beschrieben, wie gern du beim Schreiben Figuren entwickelst, Lebensläufe durchdenkst. Wie war es da, mit einem schon vorhandenen Buch zu arbeiten?

Es war toll! Denn wenn du selber etwas schreibt, sitzt du erst mal vor einem Haufen leerem Papier und musst dir das ganze Zeug ausdenken. Das ist ganz schön aufwendig und anstrengend und ich wünschte fast, ich könnte nur noch Romane verfilmen (lacht). Mache ich demnächst auch wieder, denn ich verfilme Heinz Strunks „Der Goldene Handschuh“.

Aber jetzt drehst du erst mal „Aus dem Nichts“ mit Diane Kruger, der von einem rassistischen Bombenanschlag handelt. Also wieder einen politischen Film …

Ja, diese Marotte werde ich wohl nicht los. Obwohl ich die Geschichte von „Aus dem Nichts“ als Liebesfilm und Thriller erzählen möchte. So gern ich Filme wie „Tschick“ oder „Soul Kitchen“ drehe, Szenefilme, die viel Spaß beim Schauen machen, so sehr interessiert mich die Aufarbeitung des Zeitgeschehens, zu beobachten, wie die Welt sich dreht, woran sie sich reibt und wo die Konflikte sind. Die Geschichte von „Aus dem Nichts“ habe ich schon 2011 unter dem Eindruck des NSU begonnen, immer wieder verworfen und dann noch mal ganz neu geschrieben. Jetzt ist sie in einem Zustand, in dem ich den Film selber gerne sehen möchte. Für mich ist Kino nicht nur ein Ort der Bespaßung, aber auch keiner nur für die Kulturelite. Deshalb ist es mir wichtig, einen weiten Blick zu behalten.

Regie: Fatih Akin. Mit Anand Batbileg, Tristan Göbel, Nicole Mercedes Müller, Sammy Scheuritzel. Soundtrack zum Film: hier gewinnen

“Tschick” läuft auch im Hamburger Kino, zum Beispiel hier:

  • 14.9., Premiere u.a. mit Fatih Akin zu Gast, Abaton Kino – danach regulär im Programm
  • 15.9., erste “Tschick”-Vorstellum im Studio Kino

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Keine Angst, ich bin nur kurz im Urlaub. Also drei Wochen kurz. Danach bin ich wohl wieder da, um viele weitere Wochen, Sonntag für Sonntag, Kolumnen zu veröffentlichen.

Erst im Oktober bin ich wieder zurück aus der Natur. Ich werde also für zwei Wochen aussetzen und danach jeden Sonntag mit der Redaktion SMS schreiben. Von Hamburg an irgendeinen Strand. Von irgendeinem Strand nach Hamburg. Die Redakteurin Lena und ich haben bisher Stadtteile, Städte, Bundesländer, Länder und Kontinente übermailt.

Für diese kleine Online-Kolumne. Die im Oktober wie gewohnt weitergehen wird. Jede Woche. Jeden Sonntagabend. Danke, dass sie Euch überhaupt interessiert.

Habt einen schönen Start in die Woche, wir lesen uns in 3 Wochen wieder. Jannes

Foto: Julia Schwendner

 

Who the fuck is Jannes?

Jannes Vahl hat den gemeinnützigen Verein Clubkinder e.V. gegründet. Mit Konzerten, Partys oder Events sammelt er Spenden für soziale Projekte in Hamburg, beispielsweise mit der Tagebuchlesung. Außerdem leitet er die Kreativagentur Polycore. Mit seinem Compagnon Joko setzt er hier Projekte um. Jannes Vahl hat 5.000 Facebookfreunde, trinkt Craft-Bier, mag die Band Pearl Jam und versendet digitale Herzchen. In seiner neuen Kolumne berichtet er jeden Sonntag über ein Hamburger Thema, das ihn in der letzten Woche beschäftigt hat.