Der perfekte Festivalwein?

Zukünftige Besucher des Festivals „A Summers Tale“ durften bei einem Winetasting in Rindchens Weinkontor über den Festivalwein abstimmen

Wir haben uns schon mal den Sommer in die Herzen geholt: Mit der Auswahl des Sommerweines für das Open-Air-Festival „A Summers Tale“ in Luhmühlen bei Lüneburg vom 10. bis 13. August. Gut 40 zukünftige Festivalbesucher durften bei einem Winetasting in Rindchens Weinkontor über den Festivalwein abstimmen. Ein Riesling, ein Weißburgunder, ein Grauburgunder, ein Auxerrois und ein Cuvée aus Cabernet Sauvignon und Merlot standen zur Wahl. Bei spanischen Tapas und unter Anleitung des Winzers Lukas Kesselring, wurde geschnüffelt, gekostet, diskutiert und bewertet. Gar nicht so einfach. Aber mittels eines ausgeklügelten Berechnungssystems wurde der Gewinner ermittelt: Grauburgunder! Er bekommt nun ein eigenes Etikett und ist dann quasi der Hauswein. Während man also Noel Gallagher, Fat Freddys Drop oder Amy Macdonalds lauscht, auf der Wiese rumhängt und anderen beim Yoga-Workshop zuschaut, kann man schon mal ein kühles Gläschen Grauburgunder schlürfen. Hach wäre es doch endlich Sommer …

Das Festival

Schon letztes Jahr war „A Summer’s Tale“ die Rettung für alle Festivalliebhaber, denen bierselige Rabauken gehörig gegen den Strich gehen. In Luhmühlen (ca. 20 km von Lüneburg) gibt es Glamping statt herumfliegenden Zeltstangen. Hier zieht man Luxus-Speise und Bio-Wein dem labbrigen Weißbrot und warmen Dosenbier vor. Dieses Jahr bringt Parov Stelar Schwung in die Meute, Olli Schulz bezaubert mit seinen raffinierten Texten und Glen Hansard bringt die Emotionen zur Extase. Langeweile zwischen den Konzerten gibt es nicht: Poetry Slams, Lachyoga, Kanufahrten, Nachtwanderungen, Lesungen …

Luhmühlen, 10. bis 13. August, Tickets bestellen

Jannes Wochenrückblick Vol. 53

Kolumne: Eine warme Mahlzeit. Statt den 100sten coolen Burgerladen in der Schanze zu stürmen, sollten wir dem Essengehen wieder mehr Sinn verleihen

Durchschnittliche Menschen essen vielleicht drei Mal am Tag größere Mahlzeiten. Oder vier Mal am Tag kleinere, wenn sie Frauenmagazine lesen. Ich esse vielleicht drei Mal groß und vier Mal klein. Aber ich habe auch schwere Knochen.

Mit unserer Agentur haben wir schon alle möglichen Foodtrends durchgenudelt, allerdings auch handfeste Foodbewegungen in Hamburg oder sogar deutschlandweit mit ausgelöst. Zum Beispiel gemütliches Abendbrot mit reichhaltigen Stullen. Oder Pizza und Eiscreme mit dem Zusatz “Craft” oder “Manufaktur” oder “DIY” oder Hier-bitte-einen-anderen-hippen-Begriff-einsetzen. Oder einige wenige gute Konzepte mit Fleisch oder Burgern. Oder jüngst Ceviche & Co. von Salt & Silver. 

Gemeinsam mit unseren Freunden rätseln wir gerade, was nach der feierlichen Eröffnung des 100. Burgerladens in der Sternschanze wohl als nächstes kommt. Wetten werden angenommen für: Rippchen, Hot Dogs und Bruscetta. 

Ich würde mir wünschen, dass neben der Qualität noch etwas anderes auf den Tisch kommt: Dass es wieder mehr darum geht, mit wem man im Restaurant isst. Weniger potentielle Sexual- oder Geschäftspartner, sondern Menschen aus dem Freundeskreis, die sich Aus- und Essengehen vielleicht nicht unbedingt leisten können. Bei allen sieben Mahlzeiten am Tag schaffe ich das zwar auch nicht, aber vielleicht ein Mal alle sieben Tage.

Habt einen schönen Start in die Woche, wir lesen uns Sonntag wieder. Jannes

Foto: Julia Schwendner

Who the fuck is Jannes?

Jannes Vahl hat den gemeinnützigen Verein Clubkinder e.V. gegründet. Mit Konzerten, Partys oder Events sammelt er Spenden für soziale Projekte in Hamburg, beispielsweise mit der Tagebuchlesung. Außerdem leitet er die Kreativagentur Polycore. Mit seinem Compagnon Joko setzt er hier Projekte um. Jannes Vahl hat 5.000 Facebookfreunde, trinkt Craft-Bier, mag die Band Pearl Jam und versendet digitale Herzchen. In seiner neuen Kolumne berichtet er jeden Sonntag über ein Hamburger Thema, das ihn in der letzten Woche beschäftigt hat.

La Passione: Oper ohne Opernhaftes

Ein zutiefst religiöses Werk ohne jeglichen Pathos: Die Hamburger Staatsoper inszeniert die Matthäus-Passion in den Deichtorhallen

Die Boulevard-Presse leckte sich im Vorfeld die Finger, weil der skandalumwobene Regisseur Romeo Castellucci Bachs Werk auf die Bühne bringen sollte. Sie allein wurde enttäuscht. Bestürzend waren höchstens die ungewöhnlich vielen ärztlichen Notfälle im Publikum, die als ungeplante Allegorie manche Zuschauer auf bizarre und unmittelbare Weise erschütterten. Castellucci selbst verzichtet auf jede emotionale Verdichtung des Stoffes: „grelles Putzlicht“ in der riesigen, nüchternen Ausstellungshalle, der Chor, das Philharmonische Staatsorchester inklusive Kent Nagano, die sechs Solisten, die Bänke, die Wände, der Boden – alles in Weiß.

Der Text wird an die Rückwand geworfen, zwischen Musikern und Publikum liegt eine weite Projektionsfläche auf der moderne Allegorien zu den biblischen Passagen entstehen. Der Zuschauer hat ein Heft an die Hand bekommen, mit dessen Hilfe er Text, Bild und Musik zu einem komplexen Symbol zusammensetzen kann. 18 Bilder, die jedes für sich eine eigene Inszenierung darstellen.

Ein Beispiel: VII Einsamkeit – Jesus betet im Garten Gethsemane bevor er von Judas verraten wird, der Tenor Bernhard Richter singt die 20. Arie, eine weiße Matte mit schwarzem Ring in der Mitte wir hineingezogen, zwei Ringer des Wandsbeker Athleten Club treten ein und beginnen miteinander zu ringen. Die Vielschichtigkeit der Allegorien und ihr Bezug zur Gegenwart versetzen die Matthäus-Passion in das Jetzt und Hier. Sogar die Musik verliert ihre religiöse Kraft, die Bachs Version des Leiden Christi in einer Kirche entfalten kann.

Eine Inszenierung also, bei der die Zuschauer den Kopf einschalten müssen, und das ist genau das richtige Zeichen in Zeiten des religiösen Fanatismus.

Text: Lisa Scheide

Internationales Musikfest – Eröffnungsstück der Staatsoper in den Deichtorhallen

Ganz Hamburg in einer App

Die Hamburgtipps der SZENE gibt es jetzt auch via Yoloci-App. Wir kooperieren mit dem norddeutschen Start-up. Drei Fragen an die Macher David Krüger und Svenja Delventhal

An wen richtet sich Yoloci?

Wir möchten mit Yoloci Inspiration für gemeinsame Erlebnisse schaffen. Über unsere App findest du dafür immer einen aktuellen Überblick über die Veranstaltungen in deiner Stadt. Durch die große Bandbreite des Angebots ist für jeden Freizeit-Geschmack etwas dabei – egal ob Nachtigall oder Lärche. Und damit das ganze schnell und einfach geht, liefern wir maßgeschneiderte Tipps für deinen Geschmack. Damit ist Yoloci für alle aktiven Menschen, die in oder nahe einer deutschen Metropolregion wie Hamburg wohnen interessant. Am besten einfach mal ausprobieren!

Yoloci SZENE HAMBURGWie seid ihr auf die Idee gekommen, so eine App auf die Beine zu stellen?

In Hamburg gibt es so viele tolle Dinge zu erleben und entdecken, es ist jedoch schwer sich einen Überblick zu verschaffen. Die Informationen sind oft verstreut und treffen nicht immer den persönlichen Geschmack. Mit Yoloci haben wir einen individuellen Freizeitguide geschaffen, der lernfähig ist und weiß, was du magst. Warte- oder Pendlerzeiten können jetzt genutzt werden, um spielerisch einfach Ideen für neue Aktivitäten zu bekommen. Wir erhoffen uns mehr Menschen zu motivieren die Couch zu verlassen und ihre  freie Zeit mit Freunden aktiv zu nutzen.

Wer steckt hinter dem Projekt?

Wir, David Krüger und Svenja Delventhal, kommen beide aus dem Hamburger Umland und sind das Team hinter Yoloci. David Krüger ist Gründer des Projekts mit der Leidenschaft die Idee für eine smarte, einfach zu bedienende App umzusetzen. Svenja Delventhal liebt es, Hamburg-Besuchern und Bewohnern ihre Region nahe zu bringen. Sie möchte die besten und relevantesten Informationen bieten, um die Stadt mit all ihren wunderschönen Ecken und Veranstaltungen (neu) zu entdecken!

Hier die App downloaden

Tipps für den 1. Mai 2016

Für alle, die den Monat nicht mit einem dicken Schädel beginnen: Vergnügt euch in Hamburg! Hier sind unsere Vorschläge

Ausgerechnet auf einem Sonntag! Da geht den meisten Arbeitnehmern der Feiertag flöten. Trotzdem können wir den ersten Mai zu einem besonders erlebnisreichen Tag machen. Und wir meinen damit nicht die alljährliche Schulterblatt-Massage mit Steinen und Wasserwerfern…

Vorschlag 1: FloZinn

Friede Freiheit, Flohmarkt

Der monatliche Kulturflohmarkt in den Wilhelmsburger Zinnwerken macht am 1. Mai keine Pause und bietet folgendes Programm: “Das musikalische FlohZinn-Gehirn Jonas Rosenhagen kredenzt uns Folk, unser staatlich geprüfter Langspielplattenunterhaltungskünstler DJ Peet (Foto, links) legt schmissige Arbeiterlieder auf und die Initiative “Ein Bioladen für Wilhelmsburg” startet ihre Crowdfunding-Kampagne”, so heißt es in der Ankündigung. P.S.: Es sind noch Plätze für Standmieter frei – eine Seltenheit! Etwas südlicher findet auf dem Kurt-Emmerich-Platz ab 12 Uhr eine bunte “Tanz in den Mai”-Veranstaltung statt – zum Zuschauen und Mittanzen. Cheerleading, Bollywood-Dance, Orientalischer Tanz, Afrikanischer Tanz – das Portfolio ist so bunt wie der Stadtteil selbst. (LEN)

Wilhelmsburger Zinnwerke, Am Veringhof 7 (Wilhelmsburg), ab 10 Uhr

Vorschlag 2: Kunsthalle

Wiedereröffnung bei freiem Eintritt

Nach fast zweijähriger Sanierung eröffnet die Hamburger Kunsthalle mit großem Fest und zahlreichen Veranstaltungen, mit freiem Eintritt – und der ersten Retrospektive der großartigen Künstlerin Geta Brătescu außerhalb ihrer Heimat Rumänien. Am ersten Mai öffnet und feiert die Insitution in der Hamburger Kunsthalle ab 10 Uhr sich selbst. Ein Besuch lohnt sich extrem. Beeidruckend ist der historische Eingangsbereich direkt gegenüber der Galerie der Gegenwart, der seit 1919 geschlossen war und nun mit neuen Sammlungspräsentationen erstrahlt, sowie der Ausstellungsreihe „Neuland“, die im alljährlichen Wechsel Arbeiten zum Thema „Globale Veränderungen“ zeigt, die eigens für den Raum entstehen. Den Auftakt macht die ebenso erstaunliche Installationskünstlerin Haegue Yang. (LEN/SD)

Kunsthalle Hamburg: Glockengießerwall (Altstadt), Eröffnungswochenende mit zahlreichen Specials, 1.5.2016, 10–18 Uhr

Vorschlag 3: Wolfmother

Musikalisches Rudel aus der Garage

Beständig gute Mucke bei wechselnder Besetzung: Die australische Stonerrockband erlebte seit ihrer Gründung diverse Aus- und Einstiege, eine Auflösung und Neugründung. Trotzdem schafft es der lockenköpfige Leitwolf Andrew Stockdale – Songwriter, Sänger und einzige personelle Konstante – immer wieder, grandiose Alben abzuliefern. Zuletzt: „Victorious“ (2016) eine garagige Platte, für die sich Stockdale mit seinem Instrumentarium ins stille Kämmerlein zurückzog, bevor er gemeinsam mit Ian Peres (Bass, Gitarre) und Vin Steele (Gitarre) das Album einspielte. Dass die Band mittlerweile eher Soloprojekt als Rudel ist, tut dem Ergebnis keinen Abbruch. Die Wolfsmutter knurrt, zeigt Zähne und schüttelt ihr Fell genauso schön wie früher. (LEN)

Große Freiheit 36 (St. Pauli), 1.5.2016, 19 Uhr, mittlerweile leider auverkauft

Plädoyer: Kläffen für den Golden Pudel Club!

Streit, Brand, Versteigerung, Minipudel … Turbolente Zeiten für den Club am Fischmarkt. Andrea Rothaug, Mitbegründerin der Hanseplatte, bezieht Stellung

Egal, wohin die Schnauze schnüffelt, hier im Porscheghetto St. Pauli – an diesem Rudel kommen wir nicht vorbei: Ratkat, Helena Hauff, Felix Kubin, Lawrence, Knarf Rellöm, Nika Son, Superdefekt, DJ Patex, Phoung-Dan, Ada, Dietroiter, F#X, Efdemin, Cindy Looper, DJ DSL, Lektrogirl, Marc Schneider, Nina, RvdS, Joney, Booty Carrell, Yeşim Duman, Ralf Köster, Smallpeople, L.C. Knabe, Viktor Marek, Carsten Meyer, Zucker & Trümme r, Schorsch Kamerun, Rocko Schamoni. Der Pudel bleibt, in Rülle und Fülle, denn diese, meine, eure, seine Welt ist eine Pudel.

Doch irgendwas oder irgendwer hat im Februar Feuer an eine freiheitliche Idee gelegt, die mehr ist als eine Hütte mit vogeligen Hot Dogs, die vis-à-vis der sauberen Promenadendecks ihre Sounds über den Asphalt knurrt. Irgendwer hat in dieser Nacht die kleine Hundehütte, die schon seit Anfang der 90er-Jahre kreuz und quer zu den formatierten Zwingern, Punkrock, Techno, Freejazz, Vogelstimmen oder Hochgeschwindigkeits-Drum ’n’ Bass rausbellt, angekokelt. Das ist schlimm, doch hier geht es um mehr als nur um einen brandgestifteten Musikclub.

Gegen Pudelhandel und für Pudelfiction

Dieser Irgendwer geht mir damit nämlich gehörig auf die Nerven, denn der Golden Pudel Club steht in meinem persönlichen gegenkulturgelebten Widerspruch ganz hoch im Kurs. Ich brauch den, damit ich in dieser hanseatischen Zwille nicht anfange, die Steine selbst zu werfen, außerdem bin ich gegen Pudelhandel und für Pudelfiction. Ich brauch das Hündchen auch, um zu wissen, dass es struppige Underdogs gibt, die aussehen wie Weihnachtsmänner, Indianerinnen, Mathelehrer oder Monchichis, die einfach ihre Ruhe haben wollen und die auf den ganzen Zirkus hier einfach keinen Bock haben. Diejenigen nämlich, die um die Ecke wohnen, und die der ökonomischen Kralle wider jeden Löschwassers, die Zähne zeigen.

Mit dem Pudel weiß ich, wohin ich mein Stöckchen schleudere – ohne Pudel garantiere ich euch für nichts. Und ich brauche nicht nur diesen Pudel, ich benötige das ganze Rudel Pudel. Die ganze Welt sollte eine Pudel sein, denn diese Welt denkt nicht im Kreis. Sie ist lieber undogmatisch und gleichzeitig verbohrt, sie bleibt windschief und doch gerade, sie ist ungezogen und so charmant, ganz abgetakelt und doch modern. Eine Pudelite eben.

Eine brennende Bühne für Freaks

Und genau so will ich meine Welt haben, unverkäuflich, freisinnig, ja geradezu elastisch, denn diese Welt bietet mir kein Szenefutter, sondern ein Zuhause, selbst wenn ich nicht da bin und eine Idee, die im Rest der löschwasserertrunkenen Leckerlifabrik Deutschland so langsam vor die Profiteure geht: eine brennende Bühne für Freaks und ein für jeden geltendes Recht auf Hundefutti, eine freche Schnauze, eine lange Leine, eine einzigartige Leistungsschau, eine Manege begnadeter lokaler und internationaler Frohnaturen.

Und deshalb kläffe ich und fordere euch auf, unsere Elbphilharmonie der Herzen endlich dem Kapitalmarkt zu entziehen, denn diese Welt funktioniert so wie sie es sich immer gewünscht hat: ohne uns. Der DJ verkauft die Biere ebenso wie er Türsteher oder nächtlicher Durchführer ist. Hier ist das ganze Rudel Teil der Frisur. Und vor allem: Hier sind sie alle in love mit den Hündchen.

Nun tickt die Uhr. Die Zeit rennt. Der Sand läuft. Und ich denke, hier blutet einer der besten Plätze der Welt, der Ort, an dem Musik und Ideen sein könnten, was sie sein sollten: frei. Wir müssen ein wachsames Auge auf ihn haben, damit ihm nicht noch vor der Veräußerung das angesengte Fell über die Ohren gezogen wird. Geht es dem Pudel so wie den anderen Pudeln in der Stadt? Den verlorenen Clubs, den verkauften Kulturflächen, den geschassten Ideen? Es ist schlimmer. Es ist Zeit. Machen wir gemeinsam mit ganz vielen Schnauzen unser Maul auf und zeigen wir uns bissig. Es reicht!

Zur Autorin

Andrea Rothaug ist Geschäftsführerin von RockCity Hamburg und Präsidentin des Bundesverbands Popularmusik. Außerdem Mitbegründerin der Hanseplatte, des Clubkombinats und der IHM, Veranstalterin, Autorin sowie Dozentin und Trägerin des Ehrenpreises des Hamburger Club Awards

Sex statt Porno

In „Die Kommune“ erinnert sich Dogma-Star Thomas Vinterberg an seine turbulente Kindheit zurück. Der Film läuft seit Ende Mai im Hamburger Kino

Tränen glitzerten in den Augen von Thomas Vinterberg („Das Fest“), als seine Hauptdarstellerin Trine Dyrholm auf der Berlinale mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde. Mitreißend, bezaubernd und schonungslos zeigt sie, wie die TV-Moderatorin Anna im Kopenhagen der 70er-Jahre mit ihrem Mann in ein neues Leben aufbricht und eine Kommune gründet, dann aber damit fertig werden muss, dass er sich in eine Jüngere verliebt. Wie über alles andere wird in „Die Kommune“ auch darüber abgestimmt, ob diese bleiben darf. Auch der Regisseur Thomas Vinterberg hat in der Kommune fürs Leben und den Beruf gelernt.

Interview: Sabine Danek

SZENE HAMBURG: Sie selbst sind in einer Kommune aufgewachsen und nennen den Film eine Liebeserklärung an Ihre Kindheit. Für mich war „Die Kommune“ allerdings viel mehr die traurige Geschichte gescheiterter Beziehungen und Ideale.

Thomas Vinterberg: Der Film ist beides. Ich habe die Zeit in der Kommune geliebt, aber natürlich gab es auch Dämonen, die dort ans Tageslicht kamen und auch diese wollte ich so ehrlich wie möglich zeigen.

Die Politik aber bleibt außen vor. Man sieht in den Nachrichten Bilder vom Vietnamkrieg oder vom Tod Pol Pots, aber darüber diskutiert wird in der Kommune nicht.

Ehrlich gesagt, hat es mich einfach gelangweilt, darüber zu schreiben. Damals wurden politische Ansichten oft benutzt, um sich dahinter zu verstecken, sie wurden wie ein Schutzschild vor sich hergetragen. Ich wollte die Menschen dahinter zeigen, ihre Gefühle erforschen und wie es ist, sich als Individuum einer Gruppe unterzuordnen. Deshalb habe ich die Politik genauso gemieden wie alles andere, das man in einem Film über eine Kommune erwartet: viel nackte Haut, Cannabis, Sexorgien, Vietnam. Es finden sich lediglich Spuren darin. Einem Klischee bin ich aber dennoch auf den Leim gegangen: Ich lasse sie alle nackt in einen See springen und ausgerechnet diese Szene wird jetzt überall gezeigt (lacht).

Ist die Kommune auch eine Metapher für die heutige Gesellschaft? Dafür, dass man zusammenhockt und redet, die Dinge aber dennoch nicht funktionieren?

Das hatte ich nicht im Sinn, als ich mit dem Schreiben angefangen habe. Der Film war nicht als Metapher gedacht, sondern soll vielmehr einen Mikrokosmos geistiger Haltungen und Gefühle zeigen, von Liebe und Zusammengehörigkeit erzählen. Jetzt plötzlich ist das ganz aktuell, denn daran herrscht in Europa, und vor allem in Ungarn und Dänemark, akuter Mangel. Und die Stimmung ist aufgeheizt. Als ich auf der Pressekonferenz hier gesagt habe, dass ich mich für mein Land schäme, hat das in Dänemark einen riesigen Sturm ausgelöst. Dabei schaltet die Regierung in iranischen Zeitungen Anzeigen, um Menschen, die fast alles verloren haben, davon abzuhalten, nach Dänemark zu kommen. Ich finde bei diesem unanständigen Verhalten habe ich ein Recht dazu, mich dafür zu schämen.

Thomas VinterbergHat das Leben in der Kommune ihr heutiges Leben und ihre Haltung beeinflusst?

Es hat mich total geprägt. Ich war sehr jung und musste lernen, mit den verschiedensten Leuten zurechtzukommen. Schon allein wenn sich neue Mitbewohner vorgestellt haben, war das ein Erlebnis. Da saßen wildfremde Menschen, die plötzlich ihr ganzes Leben vor einem ausgebreitet haben und man selbst spielte im Kopf durch, wie sie sich wohl Montagmorgen beim Frühstück benehmen oder wenn sie betrunken sind, ob sie wohl abspülen oder man ständig mit dem Essen auf sie warten muss. So habe ich sehr früh angefangen, Menschen zu studieren und das später zu meinem Beruf gemacht. Außerdem war ich in der Kommune derjenige, der sich immer darum gekümmert hat, dass alle glücklich sind und so benehme ich mich heute beim Dreh immer noch.

Ist ein Dreh nicht sowieso immer etwas wie in einer Kommune zu wohnen?

Zumindest dieser war es, denn wir haben in dem Haus tatsächlich mehrere Tage zusammengewohnt und dort ausgiebig geprobt. Wenn ich noch mal in eine Kommune ziehen würde, dann unbedingt mit Trine Dyrholm. Sie ist so großzügig, offen und teilt einfach alles. Mit anderen aus dem Team würde ich allerdings auf keinen Fall zusammenleben wollen (lacht).

Trine Dyrholm wird für ihr Spiel in „Die Kommune“ gefeiert. Haben Sie eine bestimmte Methode mit den Schauspielern zu arbeiten?

Trine Dyrholm ist einfach das Beste, was dir passieren kann. Sie ist nicht nur fantastisch, sondern auch sehr mutig. Aber dennoch ist ihre Rolle natürlich sehr schmerzhaft und sehr entblößend. Meine einzige Methode ist, dass wir sehr, sehr viel proben, damit die Schauspieler beim Drehen auf sehr solidem Boden stehen und ganz loslassen können. Ich glaube, das ist das Geheimnis dahinter.

Berühmt geworden sind Sie mit ihrem Film „Das Fest“, mit dem die spektakuläre Dogma-Bewegung begann. Heute ist Dogma überholt. Gilt das auch für Kommunen?

Auf jeden Fall, beides ist überholt. In Sachen Dogma freut es mich, dass ich das Thema mittlerweile ignorieren kann. Was die Kommunen angeht, kamen bereits in den 80ern neue Werte auf. Individualismus und das Recht auf Privatheit wurden plötzlich viel wichtiger als der Konsens und das Zusammensein. Die Ironie ist, dass heute viele Menschen über Einsamkeit klagen. Auch deswegen finde ich es interessant, ihnen zu zeigen, was es für andere Möglichkeiten gibt. Natürlich muss man etwas dafür riskieren, wenn man in einer Kommune lebt, aber man bekommt auch etwas zurück. Und ich meine richtiges Zusammenleben, nicht dieses WG-tum, wo jeder ein eigenes Fach im Kühlschrank hat. Das Einzige, das heute noch freiwillig geteilt wird, scheinen Posts auf Facebook zu sein.

Macht Sie das traurig?

Ein wenig schon. Ich finde die heutige Gesellschaft viel zu ängstlich und rational und dann gibt sie auch noch freiwillig so etwas Fantastisches wie ihr erotisches Leben auf und schaut sich Pornos an, anstatt miteinander ins Bett zu gehen. Aber natürlich durchzieht den Film selbst auch eine Traurigkeit. Es beschäftigt mich sehr, wie Realitäten und Menschen verschwinden, wie vergänglich alles ist.

Die Kommune Hamburg Kino

Deswegen ist der Film auch einer über das Älterwerden …

Und der Film geht sehr konfrontativ damit um. Er stellt Trine Dyrholm das junge Fleisch der Geliebten ihres Mannes entgegen und erinnert uns alle daran, wie wir altern. Das ist ein Thema, das mich beschäftigt. Auch ich habe eine Scheidung durchgemacht und die Brutalität erlebt, dass Menschen einfach ersetzt werden können. Es ist fast wie in einer Shopping-Mall. Ich selbst habe meine Frau durch eine jüngere ersetzt und fühle mich schuldig. Deshalb ist der Film sicherlich auch so etwas wie eine Beichte für mich. So, jetzt habe ich aber mehr als genug Privates preisgegeben und schließe jetzt mein Tagebuch wieder (lacht).

Haben Sie eigentlich noch Kontakt zur ehemaligen Kommune?

Ich habe sie wieder getroffen, um ihr den Film zu zeigen. Ich habe die 70er und das Leben damals so geliebt, und dann saßen wir plötzlich alle wieder um einen Tisch herum und ich habe realisiert, dass es kaum mehr Gemeinsamkeiten gibt. Sie waren so alt und so geschieden und leben so andere Leben. Das hat mir vor Augen geführt, dass das alte Leben verschwunden ist und das war ganz schön hart.

Wie hat der Kommune der Film gefallen?

Beim ersten Mal waren sie vor allem damit beschäftigt zu schauen, was real war und was nicht. Beim zweiten Mal aber hörten sie auf zu analysieren, ließen sich auf die Gefühle ein und waren am Boden zerstört. Manche weinten, denn sie wurden auf die alten Zeiten zurückgeworfen, auf das Gefühl und den Idealismus, der damals herrschte und haben gleichzeitig ebenfalls gespürt, dass diese Zeit vorbei ist.

In diesen moralischen Zeiten ist es schön, die Kommune so viel rauchen und trinken zu sehen.

Ich freue mich sehr, dass Sie das sagen. Denn es gibt heute viel zu viel politische Korrektheit, Mittelmäßigkeit und Angst. Deswegen wird mein nächster Film über Alkohol sein. Er wird zeigen, was man mit Alkohol alles erreichen kann und was für eine wunderbare Waffe er gegen die ganze Bevormundung ist.

“Die Kommune” läuft im Hamburger Programmkino, zum Beispiel hier:

Abaton Kino, Allende Platz, Programm hier
Passage Kino, Mönkeberstraße, Programm hier

Knoten tanzen in den Mai

Unser Hamburg-Tipp für den 30. April: Das Techhouse-Duo The Glitz lässt beim Kommt-zusammen-Festival im Uebel & Gefährlich die Luft vibrieren

Das „Kommt zusammen“ ist zu gleichen Teilen Initiative, Imperativ, Konzept sowie – in diesem Fall – überzeugender Anlaufpunkt für die letzten Meter Richtung Mai. 2011 gegründet, lädt das gleichnamige Festival zunächst regelmäßig nach Rostock, um dem Musik- und Kulturgeschehen Mecklenburg-Vorpommerns, das jenseits des Mainstreams seine Welten kreiert, Flächen und Bühnen zu bauen. Zunehmend überregional agierend, spannt ein Festivalableger seit 2014 regelmäßig auch in Hamburg seine Netze aus und gedeiht prächtig.

Zu begutachten ist diese Entwicklung nun einmal mehr im Bunker, wo die Macher das erlesene Line-up in „Kommt zusammen“-Festivaltradition mit allerlei weiteren Programmpunkten wie Workshops und Poetry Slams ergänzen. Dennoch lohnt sich der Abstecher in Ballsaal und Turmzimmer auch ganz allein mit Blick auf die musikalischen Protagonisten. Mit dabei sind der Berliner Nico Stojan, der sich einst als HipHop-DJ einen Namen machte, bevor er in der Bar25 seine House-Laufbahn ins Rollen brachte; Dapayk aka Niklas Worgt, den schon Wikipedia als Anker des deutschen Minimal-Technos listet mit einem Liveset, sowie The Glitz, Daniel Nitsch, Kalipo und Davidé. Kommt ran da, alle zusammen.

Text: Miriam Mentz
Foto: Jens Wagner

Uebel & Gefährlich
Feldstraße 66 (St. Pauli)
30.4.,, 23.59 Uhr

Jannes Wochenrückblick Vol. 52

Kolumne: Ein Jahr Ja. Oder: Welche Themen Jannes in den nächsten 52 Wochen für euch diskutieren soll

52 Kolumnen. 52 Sonntage. Ein Jahr sehen wir uns nun schon Woche für Woche rund um den Tatort, um gemeinsam über ein Thema nachzudenken, das mich in den vergangenen sieben Tagen beschäftigt hat.

Manchmal mit Tränen der Wut, manchmal mit Tränen vor Lachen. Ihr wisst jetzt, was ich für Hobbys und Phantasien habe, wo ich gerne esse und Rumcola trinke und wie ich über Sankt Pauli oder Zuwanderer denke. Das hoffe ich jedenfalls. Und da ich die Kolumne für das Szene Hamburg Stadtmagazin schreibe, geht es natürlich immer irgendwie um Hamburg. Um mein Hamburg zumindest.

Und mein Hamburg ist offen für alle Nationalitäten, Sexualitäten oder Ansichten, die niemand in ihrer Freiheit einschränkt. Mein Hamburg ist nur verschlossen für Vorurteile und dumme Ressentiments. Mein Hamburg ist tolerant und toll. Mein Hamburg ist grün, engagiert und hilfsbereit. Mein Hamburg sind auch gute Restaurants, gute Bars und Clubs, aber vor allem eben gute Menschen mit guten Gedanken und Ideen.

Schreibt mir mal auf facebook* in die Kommentare, welche Themen Ihr in den vergangen 52 Wochen vermisst habt oder was ich in den kommenden 52 Wochen anders machen soll. Ansonsten lesen wir uns einfach Sonntag wieder.

Habt einen schönen Start in die Woche, wir lesen uns Sonntag wieder. Jannes

Foto: Julia Schwendner

Who the fuck is Jannes?

Jannes Vahl hat den gemeinnützigen Verein Clubkinder e.V. gegründet. Mit Konzerten, Partys oder Events sammelt er Spenden für soziale Projekte in Hamburg, beispielsweise mit der Tagebuchlesung. Außerdem leitet er die Kreativagentur Polycore. Mit seinem Compagnon Joko setzt er hier Projekte um. Jannes Vahl hat 5.000 Facebookfreunde, trinkt Craft-Bier, mag die Band Pearl Jam und versendet digitale Herzchen. In seiner neuen Kolumne berichtet er jeden Sonntag über ein Hamburger Thema, das ihn in der letzten Woche beschäftigt hat.

Absolut Gigantisch

Eine Stadt sieht einen Film: Hamburgs Kultstreifen läuft am 24.4. zeitgleich in 13 Kinos

Ein formidabler Film-Sonntag steht am 24. April an: 13 Hamburger Arthouse- und Programmkinos haben sich zusammengetan und lassen die „Absoluten Giganten“ hochleben. Unter dem Motto „Eine Stadt sieht einen Film“ zeigen sie über den ganzen Tag verteilt Sebastian Schippers 90er-Jahre Kultfilm um drei beste Freunde, die in Hamburg einen unvergesslichen letzten gemeinsamen Abend verleben. Schon gesehen? Egal, den kann man nicht oft genug gucken. Außerdem gibt’s drum herum ein fettes Begleitprogramm, vom Kickerturnier über ein Filmquiz und Kaffeeklatsch bis hin zum Filmbingo. Eine Fotoausstellung im Metropolis Kino erinnert zudem an den mittlerweile verstorbenen Hauptdarsteller Frank Giering. Bei einigen Vorstellungen kommen Regisseur Schipper und viele andere Darsteller, darunter Florian Lukas, Gustav Peter Wöhler und Guido A. Schick, auch persönlich zum Schnacken vorbei. Abends steigt auf dem Hamburger Berg 13 im Headcrash eine After-Cinema-Party mit Livemusik von „Die Vögel“. Rockt! (MAS)

Eine Stadt sieht einen Film
verschiedene Kinos
verschiedene Zeiten