Millerntor Gallery #5

Das Streetartduo Herakut gestaltet für das Kunst-, Musik- und Kulturfestival (2.–5.7.) eine Außenwand des St.-Pauli-Stadions

Hoffnung, Liebe, Geborgenheit und Zuversicht. Manchmal auch Angst, Skepsis, Trauer und Wut. Herakuts Markenzeichen sind große Augen und märchenhafte Motive, die starke Gefühle ausdrücken. Chiffren, die jeder entschlüsseln kann.

Herakut, das sind Jasmin Siddiqui (Hera) und Falk Lehmann (Akut), ein Streetartduo aus Frankfurt und Schmalkalden. Mit ihren Arbeiten wollen sie vor allem den öffentlichen Raum verschönern und positive Gefühle auslösen. In Kathmandu, San Francisco, Manila, Berlin und Frankfurt haben sie mit ihren Werken schon dunkle Ecken aufgewertet.

Anlässlich der Millerntor Gallery #5 (2.–5.7.) gestalten sie eine Außenwand des St.-Pauli-Stadions und lösen die Projekte von JR und Rebelzer ab, die ein Jahr lang auf der Südtribüne zu sehen waren.

Das internationale Kunst-, Musik- und Kulturfestival für kreatives Engagement, das Viva con Agua und der FC St. Pauli in diesem Jahr zum fünften Mal veranstalten, steht diesmal unter dem Motto „Unfamiliar“.

„Unfamiliar, das kann etwas Irritierendes und auch Inspirierendes sein“, sagen die Veranstalter, die wieder fünf Tage lang im Millerntorstadion mit einem vielfältigen Programm aus den Sparten Kunst, Musik und Fußball Neugier wecken und soziale Themen ansprechen wollen.

Text: Alessa Pieroth

Millerntor Gallery #5
Millerntor-Stadion
Heiligengeistfeld 1 (St. Pauli)
2.–5.7.

Was passiert wann? Zum Vergrößern auf den Timetable klicken:

Timetable

 

So bekehrt man Innereien-Verächter!

Restaurantkritik: Oliver Trifics deutsch-mediterrane Kochkunst erlebt einen gelungenen Neustart

Für sein Stammpublikum war es ein Schock. Nach viereinhalb Jahren verkündete Oliver Trific das Aus für sein Restaurant am Eppendorfer Weg. Grund war offenbar die rasant gestiegene Miete. Danach musste der Koch, der früher lange als Foodstylist und Rezeptentwickler gearbeitet hatte, ein halbes Jahr renovieren, zittern und auf einen guten Start am neuen Standort hoffen – an der Holzbrücke 7, in direkter Nähe zur Speicherstadt.

Die Gäste sitzen jetzt im Trific auf zwei Ebenen, hell, aber trotzdem sehr gemütlich (schönster Platz: am Fenster im Souterrain, fast auf Wasserhöhe des Nikolaifleets). Auch im neuen Restaurant: zeitgemäße deutsch-mediterrane Küche, schnörkellos angerichtet und in lockerer Atmosphäre serviert. Und das Ganze jetzt auch mittags.

Zu Beginn bringt der fröhlich-unaufdringliche Service gebackene Kalbszunge mit Spargelsalat (11,50 Euro): butterzart mit lockerer Panade, der Salat säuerlich, knackig frisch. Auf gleichem Niveau: Lachs-Sashimi mit Soja-Zitrus-Marinade und knusprigem Spargeltempura (13 Euro). Die Kalbsnieren in Senfrahm (19 Euro) kommen etwas schmucklos mit Kartoffelpüree und Bohnen, sind dafür aber wunderbar mild und zart. So bekehrt man Innereien-Verächter! Nur die Sauce hätte etwas mehr Tiefe vertragen können.

Eine glatte Eins für die Dorade im Ganzen (21,50 Euro): knusprige Haut, saftiges Fleisch, perfekt ergänzt von kräftig-aromatischem Salat mit Sauerampfer, Tomaten und Taggiasca-Oliven. Die Topfenknödel (7 Euro) könnten ebenfalls glatt als Prototyp durchgehen: perfekt locker, mit leichter Zitronennote und duftender Butterbröselschmelze. Das Rhabarber-Kompott wäre mit etwas mehr frischer Säure eine noch bessere Ergänzung. (Neu-)Start geglückt!

Text: Benjamin Cordes

Trific
Holzbrücke 7 (Altstadt)
Telefon 41 91 90 46
Mo-Fr ab 11, Sa ab 18 Uhr

Halle fürs Leben

Die Soulkitchen-Halle feiert fünfjähriges Jubiläum. Wilde Nächte liegen hinter, eine Zukunft als Herz des „Soulvillage“ vor ihr

Erst klingt die Liebe von Mathias Lintl noch etwas verhalten, man habe 2010 eben Platz gebraucht. Damals, als er und seine Kollegen aus der alten Zollstation am Elbtunnel rausmussten. Doch schnell wird aus dem neuen Ort, der Soulkitchenhalle, die Liebe seines Lebens. Seit 15 Jahren lebt Lintl in Wilhelmsburg, erst auf einem Hausboot im Spreehafen, heute wenige Meter von seiner Halle entfernt.

Unperfekt & unfertigt

Sie wird, so sagt er, sein „riesengroßes, geiles Wohnzimmer“. An einem Dienstag vor fünf Jahren schreibt er die erste Mail, Mittwoch um elf haben er und seine Freunde die Schlüssel zur Filmhalle, Freitag tanzen 350 Leute auf dem schrundigen Tanzboden zum Natural High Orchester. Es folgt das schöne erste Jahr mit der Soulkitchenhalle, draußen auf der Industrierampe sitzen sie, blinzeln in die Wilhelmsburger Sommernacht und spinnen Ideen, die Urwilhelmsburger Rolfi und Karsten zaubern ein Drei-Gänge-Menü ohne fließend Wasser. Sie trinken Wilhelmsburger Deichbruch und tanzen Lindy-Hop. „Es war so unperfekt und unfertig!“

Drinnen in der Halle mit dem Industriecharme stehen Flohmarktsessel. Wenn der Bass über den Boden fegt, mit 16 Hertz, ist das wie eine stehende Welle an den Beinen. Die Lichter tanzen über die blanken Wände. Dann kommt der Sommer 2011 und mit ihm die Mängelliste vom Bezirk. Die Frau vom Amt, die in der Halle steht, versteht keinen Spaß. „Das ist viel brutaler als im Film“, sagt Lintl und muss lachen, als er an die Szene in Fatih Akins Film „Soulkitchen“ denkt: Die strenge Dame vom Amt mutiert dort dank aphrodisierendem Pudding zum Sex-Biest. Lintl und seine Komplizen bessern nach, doch auch wenn Andy Grote, Bezirksamtsleiter Hamburg-Mitte, den einen oder anderen Gin-Tonic bei ihnen trinkt, weht im Juni 2013 ein endgültiger, rosa Zettel an der Soulkitchen-Tür: „Für die Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich.“

Dann war die Tür versiegelt

Zwei Stunden haben sie Zeit, ihre Sachen rauszuholen, dann wird die Tür versiegelt, Einsturzgefahr. Nicht mehr als fünf Personen dürfen herein, das Gelände ist umzäunt. Mathias Lintl braucht keine zwölf Stunden, dann hat er ein Zirkuszelt organisiert, das Exil-Soulkitchen – 15 Meter Sicherheitsabstand zur Halle. Jetzt setzt die Phase ein, in der sein geiles Wohnzimmer zum Freiraumlabor wird. Die Ideen, die gesponnen werden, machen den

Veringkanal hinter der Halle zum „Kulturkanal“ – und die Soulkitchenhalle zum Zentrum eines charmant-verrückten „Soulvillage“. Ein Ort der Geselligkeit, der Kultur und der kreativen Experimente soll rund um die Halle auf 10.000 Quadratmetern Fläche entstehen. „Es geht um Austausch mit dem Stadtteil.“ Seit Sommer 2013 hat die Vision „Soulvillage“ Farbe bekommen. Hochbeete für Urban Farmer soll es geben, Gärten für Seefahrer, Lagercontainer für die Menschen in Wilhelmsburg und Proberäume – smarte Ideen.

Soul-Kitchen-Halle Hamburg

Die Vision “Soulvillage”

Aus Containern, Sandsäcken und Beton-Legosteinen soll ein Neubau nahe der Halle die Visionen beherbergen. In einer New Media Gallery, so überlegt Lintl, könnten per Livestream Konzerte der Elbphilharmonie übertragen werden, denn seine Halle und das Konzerthaus liegen auf dem gleichen Längengrad. Auf einer 120 Jahre alten Schute am Kanal soll es eine Bühne für Rockkonzerte geben. Lintl redet sich in Begeisterung, seine Talente als Umwelt- und Kulturwissenschaftler passen perfekt. Pflanzenkläranlagen sollen sogar das Wasser des dreckigen Veringkanals vitalisieren. Die Halle soll nur „ertüchtigt, nicht saniert werden“. Ein Unterschied.

Der Haken: Alle finden die utopische Idee super, schieben sich gegenseitig aber den politischen schwarzen Peter zu. Der ehemalige IBA-Chef wünschte den Visionären sogar per Postkarte Glück. Aber die Flächen sind nun mal auch in der Hafenlogistik begehrt. „Wir wollen da jetzt Drive reinbringen“, sagt Lintl, „Butter bei die Fische.“ Zum Architektursommer wird es erstmals Veranstaltungen geben. Mit einem „Rudelrudern“ hat man ebenfalls Werbung für sich gemacht.

Möglichst legal Geburtstag feiern

Und der Geburtstag? Den möchte man „möglichst legal im Rahmen des Musikfestivals 48h Wilhelmsburg feiern“, hat Lintl neulich zu Andy Grote gesagt. „Das ist löblich“, hat der Freund der Soulkitchenhalle geantwortet. Man wird sich also auf der anderen Kanalseite treffen und die sehnsüchtigsten Wünsche zur Filmkulisse herüberschicken – der aufregendsten Seelenküche made in Wilhelmsburg.

Text: Stefanie Maeck

Informationsveranstaltung (Hamburger Architektursommer)
“Über Wandel und Zukunft der Soulkitchenhalle”
31.7. bis 16.8., Soulkitchenhalle (Wilhelmsburg)

SZENE HAMBURG im Juli

Urlaub in der eigenen Stadt

Warum im Sommer in die Ferne schweifen? Hamburg ist so facettenreich. SZENE HAMBURG präsentiert vier Wege, um Urlaub in der eigenen Stadt 
zu machen: für Entdecker, für Weltenbummler, für Eltern und Kinder sowie für Actionfans. Wer nach dem Lesen der zehnseitigen Anregungen noch nicht genug hat, kann sich durch unseren Kalender pflügen mit 2.700 Veranstaltungen in Hamburg für den Juli. Es gibt also wenige Gründe die Stadt zu verlassen. Das Wetter wird bestimmt auch noch bombig.

Und nicht vergessen: Schickt uns Bilder von eurem Sommer – von versteckten Gärten, schmelzenden Eiskugeln oder wie ihr einen Bauchklatscher in die Elbe macht. Wir wollen den Sommer festhalten und die besten Fotos veröffentlichen.

Noch ein Highlight: Am 10. Juli erscheint der neue Gastroguide SZENE HAMBURG ESSEN + TRINKEN. Darin finden Sie alles, was Sie über Hamburgs Restaurantlandschaft wissen müssen: Kritiken, Berichte über lokale Craft-Beer-Brauer und die Streetfood-Szene, die besten vegetarisch-veganen Imbisse, Weinbars sowie Cafés.

Die Juli-Ausgabe erscheint am 27.6.!

SzeneTitelJuli

Die Juli-Ausgabe ab 27.6. im Handel und in unserem Onlineshop!

Weitere Themen im Juli:

Stadtleben
Chapel of Love: Ja sagen – zur Liebe und zu St. Pauli
Kunst im Stadion:
Streetart bei der Millerntor Gallery

Hamburger des Monats
Der Schauspieler Rolf Becker

Cineasten, raus!
Ein Überblick über die Freiluftkinos

Piepers paradise
Ausflugsziel Holzhütten-Kolonie

Fleischmarkt
Die SZENE HAMBURG-Redaktion zu Gast bei Metzgern: eine Bilderserie

Nie mehr Erste Liga
Saisonrücklick Amateurfußball

Essen + Trinken
Haute Cuisine und Local Food

Stimme vom Kiez
Die GWA St. Pauli wird 40!

Heiße Teile
Schöne Produkte made in Hamburg 
Titel

Film: Gefühlt Mitte Zwanzig
Der New Yorker Regisseur Noah Baumbach erzählt vom Culture- Clash der Generationen

Theater: Politisch inkorrekt
Schauspielhaus-Intendantin Karin Beier über ihre dritte Spielzeit

Literatur:
 Jenseits aller Normen
Daniela Chmelik erzählt von ihrem inklusiven Literaturblog Story-Teller

Sommerlektüre
Buchtipps für warme Tage

Kunst: „Jeder Fehler ist ein Kunstwerk“
„Hofnarr“ mit Hamburger Wurzeln: Christian Jankowski im Interview

Musik: Whiskey, Gitarre und Ohrstöpsel
Alex Tsitsigias spricht über das Festival-Comeback von Schrottgrenze bei „Müssen alle mit“

Nachtleben: Idyll im Industriegebiet
Hamburger Clubbetreiber plant eine Open-Air-Fläche in Rothenburgsort

Musikjournalismus im Sommerloch?

ByteFM-Kolumne: Und plötzlich klatschen alle, wenn sich Musiker als Nippel verkleiden

Eigentlich wollte ich diese Kolumne überschreiben mit: Die Woche der alten Herren. Am Ende ist es die Woche des ernüchternden Musikjournalismus geworden. Die Schlagzeilen: Einer bricht sich das Bein, der andere fängt einen Becher, der nächste verkleidet sich als Nippel.

Was ist nur los mit dem Online-Musikjournalismus? Ist das tatsächlich schon dieses Sommerloch? Muss wirklich tagelang und auf allen Plattformen gefeiert werden, dass Foo Fighters Dave Grohl’ trotz Beinbruch ein Konzert zu Ende spielt? Respekt dafür, aber die Ernennung zum Helden ist ein bisschen übertrieben.

Kaum haben wir Röntgenbilder gesichtet, macht ein Video die Runde, in dem David Achter de Molen, der Sänger der Band John Coffey, beim Crowdwalking einen Bierbecher fängt und das Bier trinkt. Wahnsinn. Krass. Mega. Ähm, was? Ernsthaft: Who cares? DAS ist Punkrock? Ach so.

Und dann war da noch die Sache mit dem Cover der neuen Platte der Eagles Of Death Metal. Zu sehen: eine Frau, die blank zieht. Statt Nippel sind die Köpfe der Bandleader Jesse Hughes und Josh Homme auf ihre Brüste gebaut. Witzig? Vielleicht. Rock’n’rollig? Absolut. Eine virale Standing Ovation wert? Definitiv nicht! Die Jungs machen Rock. So richtig alten hängengebliebenen Rock. Bei denen muss das so sein. Kümmert doch sonst auch niemanden.

Ich hätte nicht übel Lust, das ganze aufs Sommerloch zu schieben. In Anbetracht der Vielzahl der veröffentlichten Platten diese Woche (die zum Glück auch ihren Raum im virtuellen Journalismus fanden), lässt sich diese These aber kaum vertreten. Was ist es dann? Die Sehnsucht nach der schnellen Schlagzeile? Die Geilheit auf Sex, Drugs und Beinbruch? Oder einfach nur ein schlechter Scherz des Schicksals? Egal was, ich möchte, dass es aufhört. Bitte.

Text: Monique Schmiedl
Foto: Ausschnitt des Covers “Zipper Down” von EODM

Wer sind ByteFM & Monique Schmiedl?

Monique Schmiedl_ByteFM

ByteFM ist moderiertes Internetradio mit handverlesener Musikauswahl, Sammelbecken für Musiknerds und Auffanglager für Kulturjunkies. Hier leben Journalisten, Musiker, Kenner und Liebhaber gemeinsam ihre Liebe zur Musikkultur jenseits der Mainstream-Hitgarantie. Monique Schmiedl ist Teil dieses Geklüngels. Ob Nerd oder Junkie – ohne Musikkultur geht bei ihr nichts. Stets den Schreiber-Stift am Anschlag, ist Monique mit offenen Ohren und Augen in Hamburgs Musikszene unterwegs. Für die Liebe zur Stadt, für sich, für euch, für ByteFM und für SZENE HAMBURG.

Stagediving in der Roten Flora

Kat Frankie kommt zur altonale Pop Nacht. Sie erzählt im Interview, warum Berlin wie Disneyland ist und wie Olli Schulz ihr Hamburg zeigte

Du bist 2004 nach Berlin gekommen – und geblieben, weil Sydney im Vergleich “total langweilig” war. Was muss eine Stadt haben, um für eine Singer-Songwriterin aufregend zu sein?

Du bist gerade mit Olli Schulz getourt, auf dessen Album “Feelings aus der Asche” du zu hören bist. Olli kommt aus Hamburg. Hat er dir die Stadt gezeigt?

Wäre Hamburg für dich zum Leben auch interessant?

Wenn man zu einem Festival geht, stößt man ja oft auf Acts, die man nicht kennt. Wie würdest du jemandem deine Musik beschreiben?

Du arbeitest mit einer Loop Station und begleitest dich so selbst. Ist das der Ersatz für eine Band?

Interview: Lena Frommeyer
Foto: Carola Schmidt

altonale Pop Nacht: Electro, Folk und Loop-Machine – beim Mini-Festival am 27.6. treten 13 Bands auf

altonalepopnacht-plakatRunde zwei für die altonale Pop Nacht. Nach dem Auftakt 2014 haben sich auch dieses Jahr wieder 13 Bands für das Mini-Festival rund um den Platz der Republik angekündigt. Serviert wird auf den vier Bühnen der perfekte Mix für einen lauen Sommerabend: mit melancholischen Electro-Beats der Hamburger Fuck Art Let’s Dance über Pop von Nörd aus Berlin und Rock/Alternative von Trupa Trupa aus der diesjährigen Paürtnerstadt Danzig bis hin zum 70er-Jahre-Folk-Pop der dänischen Band NovemberDecember ist für jeden etwas dabei.

Neben den Letztgenannten das Highlight des Abends: die australische Singer-Songwriterin Kat Frankie, die mit ihrer Stimme und einer Loop-Machine einen ganz besonderen Sound erzeugt. Orte des Geschehens sind neben dem Rathaus Altona und der Christianskirche die Alfred Schnittke Akademie sowie der Gemeindesaal der St. Petri-Kirche. Für die Aftershow-Sause bitten die DJs von 917xfm im Innenhof des Altonaer Rathauses zum „Tanz unterm Sternenzelt“.

Text: Theresa Huth

Platz der Republik (Altona Altstadt)
27.6., Einlass ab 17 Uhr

Kurs auf… was überhaupt?

Was steht eigentlich im rot-grünen Koalitionsvertrag? Für SZENE HAMBURG schauen freie Künstler, Umweltexperten und Netzaktivisten genau hin

Die Umwelt

Umweltjournalistin Katja Morgenthaler über Fahrradstadt, dicke Luft und Uran im Hafen. Ein Kommentar zum Koalitionsvertrag

Wir haben Probleme mit dem CO2-Ausstoß? Lasst uns ein Kohlekraftwerk nach Moorburg bauen! Autos parken die kümmerlichen Radwege zu? Dürfen sie, sind ja so viele!
Es scheint Hamburger zu geben, die nicht alles so lassen wollen, wie es ist in Europas „Umwelthauptstadt“ 2011. Mehr als zwölf Prozent von ihnen haben am 15. Februar Bündnis 90/Die Grünen gewählt. Kein schlechtes Ergebnis für den Umweltschutz. Es spiegelt sich nur leider kaum im Koalitionsvertrag wider.

„In Hamburg ist der Trend zum Radfahren ungebrochen“, müssen wir schon auf Seite 36, nach der Auflistung aller sechs- bis achtspurigen Ausbauvorhaben für Autobahnen und Bundesstraßen lesen: „Immer mehr Radfahrerinnen und Radfahrer“ formulierten „ihren Wunsch nach guten Radfahrmöglichkeiten“. Nee, echt jetzt? Hamburg zur „Fahrradstadt“ zu machen, ist das wohl grünste Projekt des Papiers. Im Laufe der 2020er Jahre – also irgendwann nach dem jetzigen Senat – soll sich der Anteil des Radverkehrs auf 25 Prozent verdoppeln. Eine Marke, die Bremen schon 2013 knackte – um von echten Vorbildern wie Kopenhagen mal ganz zu schweigen.

Katja Morgenthaler

Katja Morgenthaler arbeitet als Redakteurin für das Greenpeace Magazin und lebt mit ihrer Familie in Eimsbüttel

Wer dem Fahrrad Platz einräumen möchte, muss ihn dem Auto wegnehmen: müsste. Irgendein Wille in diese Richtung ist nicht zu erkennen. Im Gegenteil. Wenn kein Wunder geschieht, bleibt Hamburg auch in dieser Legislaturperiode Deutschlands größte Stadt ohne Umweltzone. Eine Stadtmaut für den individuellen Motorverkehr ist ebenso wenig in Sicht. Dabei werden die verbindlichen EU-Grenzwerte für schädliche Stickoxide ständig überschritten. Im November hat ein Gericht die Stadt dazu verdonnert, das zu ändern. Wie das gehen soll, ohne Autofahrern wehzutun, will sich der Senat in den nächsten zwei Jahren ganz in Ruhe überlegen.

Beerdigt ist erneut eine Stadtbahn, die schneller vorangekommen wäre und mehr Fahrgäste gefasst hätte als Busse. Nichts für ungut, aber ein großer Wurf in dieser Hinsicht ist das Busbeschleunigungsprogramm nicht. Immerhin soll die U5 zügig weiter geplant werden. Ob für die Schienenanbindung solch attraktiver Wohnlagen wie Steilshoop und Osdorfer Born angesichts einer möglichen Olympiabewerbung auf den letzten Metern dann wirklich Geld da ist, bleibt abzuwarten.

Und sonst? Wenn der Scholzomat 2050 fast das heutige Alter von Helmut Schmidt erreicht haben wird, will die Stadt 80 Prozent weniger CO2 ausstoßen als 1990. Bis 2020 begnügt sie sich damit, „Anstrengungen“ zu „verstärken“ und zum nationalen Klimaziel beizutragen. Vorreiter sehen anders aus.

Eine Elbvertiefung wird kommen, falls die Gerichte es nicht noch verhindern. Dafür sollen mehr Schiffe mit Strom von Land versorgt werden. Strahlenfracht darf aber weiter festmachen … Umweltbewusste Wähler überkommt da wenig Lust, ihr Kreuz nächstes Mal wieder bei den Grünen zu machen. Die Frage ist nur: Wo sonst?

Die Kunst

Georg Kühn, freier Künstler aus Hamburg, hat sich das Kunst-Kapitel im Rot-Grün-Papierwerk angeschaut. Ein Kommentar

Hamburg braucht Platz für menschliche Begegnung, für Kultur, freies Durchatmen und stadtverträgliche Mobilität.“ Wer wollte da widersprechen? Und wie sollte man das irgendwann einklagen? Südlich der Elbe wird die Verheißung schon etwas konkreter, der Veringkanal soll „KulturKanal“ werden – und Kunst als Entwicklungspionier dienen. Oft sind solche Verzierungen obsolet, wenn das Kapital nachzieht. Noch aber wird hier Leerstand verwaltet. Diese Initiative wird vor allem von den Grünen gefördert, deren Basis den Koalitionsvertrag insgesamt skeptisch und unter Schmerzen durchgewunken hat.

Auf Seite 94 (von 115) des Koalitionsvertrags findet sich schließlich das Thema Kultur: „Die Vielfalt der Kultur in Hamburg macht ihren Reichtum aus“ – genannt werden Kunsthalle, Reeperbahn Festival, Staatsoper und Kinderbuchhaus. Allesamt etablierte Institute, die, so heißt es weiter „Millionen von Touristinnen und Touristen“ anlocken, sodass man „die Finanzierung der kulturellen Institutionen auch in Zukunft angemessen ausstatten“ wird. Aus allen diesen Sätzen spricht laut die merkantile Sicht auf urbane Kultur, wie sie die SPD bereits seit Langem einnimmt. Sinnfreier Selbstzweck, subversive Gegenentwürfe oder gesellschaftliche Utopien als kulturelles Motiv kann der Politik offensichtlich nicht dienen.

Georg_Kuehn Hamburg

Georg Kühn: Freier Künstler aus Hamburg, hat sich zuletzt über die Sprinkenhof AG geärgert, weil eine Lichtkünstlergruppe eine von der Stadt totgesparte Ausstellung im Rahmen des „Jahres des Lichts“ auf eigene Kosten realisiert hat, um dann für eine leer stehenden Bruchbude der Sprinkenhof auch noch Miete zu zahlen

So erfährt man später auch, dass „mit öffentlichen wie privaten Investitionen in die Kunstmeile mehr international bedeutende Ausstellungen nach Hamburg geholt werden“ sollen. Für immer Erste Liga (aber an der Nachwuchsförderung hapert’s, wenn das nicht auf Dauer zum Abstieg führt)! Allerdings auch bedacht werden soll die Provenienzforschung, sicherlich nicht ganz ohne internationalen Druck und im Sinne des Washingtoner Abkommens von bereits 1998!

Immerhin steht die Entwicklung von neuen Atelierflächen unter anderem in der Stockmeyerstraße explizit im Vertrag, wenn auch begleitet von weichen Formulierungen wie „Kulturelle Impulse für die Quartierentwicklung sollen auch die Möglichkeit erhalten, Förderung aus der Kulturtaxe zu erlangen“ (die bisher vor allem Großevents zugutekam) oder „mit einer proaktiveren Liegenschaftspolitik mehr günstige temporäre Flächen für Kreative einerseits und weniger Leerstand andererseits erreichen“. Eine geschmeidigere Sprinkenhof AG könnte tatsächlich viele interessante Kunsträume bieten, ob das allerdings je Realität wird, muss bezweifelt werden, hier regiert die Finanzbehörde. Um mal ungefähre Zahlen zu nennen: Der Haushalt beträgt etwa 11 Milliarden, die Kulturtaxe 11 Millionen, die freie Szene erhält etwa 110.000 Euro.

Ein Koalitionsvertrag dient wohl der allgemeinen Ausrichtung, wer konkrete Zahlen und Zusagen erhofft, wird hier leider enttäuscht. Die Zukunft wird zeigen, ob diese schwammig formulierten Ziele weiter verfolgt wurden oder ob sie nur als Beruhigungspillen zum wirtschaftsgläubigen Kurs der SPD gereicht wurden.

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“Hamburg macht sein eigenes Ding”

Adana Twins im Interview: Hamburgs erfolgreiches House-Duo spricht über die Clubkultur der Stadt und wo sie sich nachts ins Freibad stehlen

Ihr werdet weltweit gebucht, habt gerade eine Nordamerika-Tour hinter euch. Wie häufig seid ihr eigentlich noch in Hamburg?

Benni (rechts auf dem Bild): Wenn man bedenkt, wie sehr wir diese Stadt lieben, muss man ganz klar sagen: viel zu selten.

Besteht nicht die Gefahr, den Anschluss an die heimatliche Szene zu verlieren?

Friso: Natürlich sind wir nicht mehr so stark involviert, wie zu der Zeit, als wir jede Woche eine Party veranstaltet haben. Aber wir bemühen uns, auf dem neuesten Stand zu sein und unsere besten Buddys halten uns auf dem Laufenden.

Benni: Und dadurch, dass wir so oft weg sind, steht Feiern und Ausgehen nicht mehr an erster Stelle. Da chillen wir lieber mit unseren Frauen oder gehen mit Freunden was essen.

Trotzdem die Frage: Wie schätzt ihr die Szene für elektronische Musik in der Hansestadt zurzeit ein?

Benni: Sehr stark. Hier kommen echt eine Menge cooler Leute und Labels her. Diynamic, Smallville, Jeudi, Pampa, Liebe & Detail, um nur einige zu nennen. Die Qualität ist unfassbar gut.

Friso: Gerade im Ausland wird man von vielen Leuten positiv auf Hamburger Künstler oder Labels angesprochen.

Welche Rolle spielt Hamburg im internationalen Vergleich?

Friso: Eine Große! Zum Beispiel hat Pete Tong letztens eine ganze Show auf BBC Radio1 der Stadt gewidmet. Mit dabei: Solomun, Tensnake, Kruse & Nürnberg … und wir.

Was passiert denn im Moment bei euch musikalisch?

Benni: Wir erleben gerade einen kleinen Umbruch. Weg von Sample-House, hin zu darkeren, auch klassischeren Sachen. Es ist irgendwie immer doof, Namen für das zu finden, was man selbst macht. Wir haben auf jeden Fall extrem Spaß daran, vielschichtig an Dinge heranzugehen und etwas auszuprobieren.

Eure Adana Nights füllen seit Jahren die Läden der Stadt. Wie seht ihr grundsätzlich die hiesige Clubszene?

Benni: Hamburg war und ist schon immer etwas spezieller. Berlin-Themen wie Berghain, Panoramabar oder KaterMukke gehen fast immer. Auch lokale Größen sind wichtig, denn große internationale Acts wie Tale of Us, DJ Tennis oder Jamie Jones wären keine Garantie, dass die Bude aus allen Nähten platzt.

Friso: Das ist aber auch nicht verkehrt und zeigt, dass Hamburg eher sein eigenes Ding macht und nicht so sehr auf Hype-Themen steht.

Ihr veranstaltet eure Partys seit der Schließung des Ego an gleicher Stelle in der Villa Nova. Wie hat sich die Location verändert?

Friso: Das Soundsystem ist der absolute Wahnsinn. Schon im Ego war es sehr gut. Doch die neue Anlage setzt Maßstäbe. Auch die Raumaufteilung ist meiner Meinung nach besser und lässt den Club viel größer wirken. Und dann ist das neue Team wirklich herzlich. Wie damals im Ego, haben wir uns vom ersten Moment an wie zu Hause gefühlt.

Wenn ihr doch mal ausgeht, wo trifft man euch dann?

Benni: Wir gehen privat in die Villa Nova, aber gerne auch in den Baalsaal oder den Pudel. Soll es eine Bar sein, sind wir im Clockers, dem Wal-Rus und bald mit Sicherheit im neu eröffnenden Nusstafa.

Zum Schluss bitte noch eure persönlichen Tipps für den Sommer.

Benni: Open Airs sind immer ein Tipp. Außerdem zur Konzert-Saison im Stadtpark grillen, Bier an der Elbperle schlürfen oder nachts in Eimsbütteler Freibäder schleichen.

Text: Ole Masch
Foto: Felix Krüger

Calle 13 (25.6.)

Die puertoricanischen Straßen-HipHopper lassen am 25.6. eine Reggaeton-Piñata über dem Stadtpark explodieren. Wir verlosen Tickets

Auch wenn die Karriere der beiden Straßen-HipHopper von Calle 13 mit dem politischen Song „Querido FBI“ begonnen hat und ihre Haltung eindeutig linksorientiert ist, kann man die Musik der puertoricanischen Band auch einfach als Party-Musik genießen. Die beiden Halbbrüder Residente und Visitante, die Calle 13 vor zehn Jahren gegründet haben, heuern für ihre Tourneen mehr als ein Dutzend Sänger und Musiker an, jeder für sich ein Könner und vertraut mit den unendlich vielen Rhythmen, Tänzen und Gesängen Lateinamerikas. Cumbia, Salsa, Afro-Cuban Jazz, Tango verbinden sich mit Reggaeton, einer Neuschöpfung aus Reggae, Dancehall und Merengue. Konzerte mit Calle 13 sind ein ausgelassenes und schweißtreibendes Tanzvergnügen. Nachdem sie zuletzt in der Fabrik für ein ausflippendes Publikum gesorgt hat, gibt es die nächste Reggaeton-Party als Open Air im Stadtpark.

Text: Heinrich Oehmsen

hamburg:pur verlost 2 x 2 Tickets für das Konzert am 25.6. E-Mail mit Betreff “Calle 13” bis zum 24.6. (15 Uhr) an online-verlosung(at)vkfmi.de.

Stadtpark Freilichtbühne
Saarlandstraße (Barmbek-Nord)
25.6., 19 Uhr

Jannes Wochenrückblick Vol. 10

Kolumne: Wie digital ist noch normal? Oder: Warum es doof ist, 13.000 Posts vom letzten Festival in der Timeline zu haben

In unserem heutigen Leben spielen Monitore eine Hauptrolle. Es gibt große im Büro und im Wohnzimmer, kleinere in der Aktentasche und noch kleinere in der Hosentasche. Die Digitalisierung hat viele Vorteile, aber meine heutige Kolumne ist wahrscheinlich die millionste Publikation, die sich diesem Thema widmet: Kinder, bitte legt eure Geräte mal beiseite.

Wer auf einem angesagten Festival oder bei einer fancy Ausstellung ist, möchte seinen Freundeskreis daran teilhaben lassen. Das ist verständlich. Aber muss man sich wirklich auf einem Bierbecher markieren? Wie wäre es mit etwas mehr Tiefe? Man könnte den liebevoll eingerichteten Backstagebereich zeigen. Oder sein Lieblingskunstwerk mit einer sinnhaften Begründung posten.

Am Wochenende pilgerte gefühlt halb Hamburg rund 70 Kilometer gen Südwesten zum Hurricane. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich habe 13.000 Posts vom Festival in meiner Timeline. Zum Beispiel Marteria aus 1.000 Metern Entfernung. Ich hätte fast gar nicht mehr hinfahren müssen. Was ist nur aus der Zeit geworden, wo man da keinen Empfang hatte und sein bestes Stück einfach mal drei Tage weggesteckt hat.

Apropos “aus der Zeit”: Ich bin in meiner Schulzeit von 1987 bis 2000 tatsächlich nicht einem einzigen Computer im Schulgebäude begegnet. Jetzt hat sich doch tatsächlich ein Abitur-Jahrgang ein T-Shirt mit der Aufschrift “Abipedia – 13 Jahre copy & paste” machen lassen. Witzig und traurig und wahr. Es hat alles seine Vor- und Nachteile.

Am Donnerstag war ich bei einem Vortrag des Marketeer Club Europe e.V. Dort stellte eine Medienwissenschaftlerin gegenüber, dass unsere Eltern im Büro täglich mit 300 Informationen zu tun hatten – unsere Generation scrollt und klickt sich dagegen durch 13.000. Das muss doch auch physisch mal eine Grenze haben?

Ihr könnt euch am Sonntagabend ja überlegen, wie so ein Tag früher ausgesehen haben mag. Fast unvorstellbar, finde ich.

Habt einen schönen Start in die Woche, wir lesen uns Sonntag wieder, Jannes

Foto: Julia Schwendner

Who the fuck is Jannes?

Jannes Vahl hat den gemeinnützigen Verein Clubkinder e.V. gegründet. Mit Konzerten, Partys oder Events sammelt er Spenden für soziale Projekte in Hamburg, beispielsweise mit der Tagebuchlesung. Außerdem leitet er die Kreativagentur Flutlotsen mit Büro auf St. Pauli. Mit seinem Compagnon Joko setzt er hier Projekte um. Jannes Vahl hat 5.000 Facebookfreunde, trinkt Craft-Bier, mag die Band Pearl Jam und versendet digitale Herzchen. In seiner neuen Kolumne berichtet er jeden Sonntag über ein Hamburger Thema, das ihn in der letzten Woche beschäftigt hat.