Samy Deluxe & Afrob

Auf ihrem neuen Album “Blockbasta” sind die beiden Rapper alias ASD derbe auf Abriss gebürstet

“Wer hätte das gedacht?” – so lautete 2003 der Titel des gemeinsamen Albums von Afrob und Samy Deluxe als ASD. Die Reaktion auf die Verkündung ihres Nachfolgers „Blockbasta“ dürfte eine ähnliche gewesen sein, denn zu rechnen war damit nicht.

Während Afrob nach der Veröffentlichung seines Soloalbums „Push“ im vergangenen Jahr weitgehend untergetaucht war, begab Samy sich auf die Suche dessen, was „Männlich“ ist, erinnerte an die „Gute alte Zeit“ und chillte mit Nena. Zwischendurch fanden Robbe und Sam aber offensichtlich genug Zeit, um Deutschrap Zwofuffzehn ihren Stempel aufzudrücken – und zwar mit ASD-Schriftzug und ordentlich Druck. Fundierte Auseinandersetzungen mit dem politischen Weltgeschehen oder reflektierte Selbstanalyse sucht man auf der neuen Platte jedenfalls vergebens.

„Blockbasta“ ist vor allem eins: Abriss! Samy selbst bezeichnet den Soundentwurf als „Brachiale Klanggestaltung“, und das trifft es ziemlich exakt. Auf erstaunlich zeitgeistigen Beats spucken ASD ihre gelebte „Antihaltung“ aus den Boxen und mähen sich wuchtig durch die Produktionen von Leuten wie DJ Desue und Bazzazian.

Wer die Gelegenheit hat, ASD mit dem neuen Material live zu sehen, sollte sich das jedenfalls nicht entgehen lassen – spätestens am 12. September im Stadtpark, wenn Sam dort sein 20-jähriges Bühnenjubiläum feiert. Mit dem Release von „Blockbasta“ feiern Sam und Afrob nun schon etwas vor. Wie heißt es im Titeltrack doch so schön: „Unser Album ist ein Fest, nenn es Festplatte“. Danke für die Einladung.

Text: Daniel Schieferdecker

“Blockbasta” erschien Anfang Juli

Schreiben mit Handicap

Daniela Chmelik gründete eine Literaturwerkstatt für Menschen mit und ohne Behinderung

SZENE HAMBURG: Was macht ihr in der Literaturwerkstatt des Künstlerkollektivs barner 16?

Wir haben einen Literaturblog im Internet, der „Story-Teller“ heißt. Dazu haben wir unterschiedliche Reihen. In „Titel großer toter Dichter“ lasse ich die Behinderten Klassikertexte interpretieren. Das ist zum Teil sehr verspaßt, und besonders bei „Warten auf Godot“ waren die Ergebnisse verblüffend nah am Original (lacht).

Texten Menschen mit Handicap anders als Menschen ohne?

Das ist mit Schubladen nicht zu fassen und ganz unterschiedlich. Manche texten sofort drauflos, wir haben aber auch jemanden mit ADHS, der kann überhaupt keine strukturierte Prosa schreiben, aber er kann dafür ein perfektes Gedicht aufs Papier werfen, das ist unglaublich. Vielleicht ist der Unterschied, dass da niemand versucht, irgendwas einer Norm anzupassen. Das gefällt mir.

Literaturwerkstatt barner 16

Mit Roller Derby-Cap auf dem Kopf erklärt Daniela Chmelik Literatur

Du machst auch die Pressearbeit für das St. Pauli Roller Derby. Das wiederum ist eine Sportart für Bad Asses.

Ja, das passt ganz gut. Ärsche in jedem Format sind da sehr gefragt. In keinem anderen Sport können Frauen so heterogen auftreten wie beim Roller Derby. Jenseits aller Norm findet dort jede ihre Position. Körperlich und charakterlich.

Auch eine Art Inklusion. Wieder geht es um Individualität und das Zusammenführen scheinbarer Gegensätze.

Es ist eine hervorragende Entfaltungsmöglichkeit, die auch Selbstakzeptanz beibringt. Ende der 90er-Jahre wurde dieser körperbetonte Wettkampfsport neu okkupiert von den Feministinnen der Dritte-Welle-Bewegung. Das hatte etwas Selbstermächtigendes. Hier muss eine Frau nicht das Gefühl haben, dass sie sich von der Männervariante emanzipieren muss.

Daniela Chmelik Demütroman “Walizka”, ein melancholisches Roadmovie über eine chaotische junge Frau namens Liza, ist im asphalt & anders Verlag erschienen

Das vollständige Interview von Reimar Biedermann mit Daniela Chmelik findet man in der Juli-Ausgabe der SZENE HAMBURG. Hier bestellen!

Romans vegane Wohnküche

Happenpappen ist ein Geheimtipp auch für Nicht-Veganer. Roman Witt serviert hier sogar „Indiana Jones“-Burger

Das Happenpappen in Eimsbüttel nennt sich auch „die vegane Wohnküche“, und das passt wie die Faust aufs Auge. In der umgebauten Vier-Zimmer-Wohnung mit offenem Küchenbereich wird täglich frisch gekocht, gerührt und gebacken – und zwar ausschließlich vegan. Gegessen wird in einem von drei individuell und sehr gemütlich eingerichteten Zimmern. Man fühlt sich gleich wie zu Hause, und dann bekommt man das Essen sogar noch an den Tisch gebracht! Neben mindestens einem täglich wechselnden Mittagsgericht für 6 bis 8 Euro gibt es eine Auswahl an Smoothies, hausgemachten Limonaden, Kuchen und Torten, am Wochenende zudem ein großes Angebot an Frühstücksgerichten, Sandwiches, Pfannkuchen und Quiches.

Unbedingt zu empfehlen: Mittwochs bis freitags lädt das Happenpappen ab 18 Uhr zum Burger-Abend. Wir entscheiden uns für den verdammt leckeren „Indiana Jones“-Burger mit Seitan und Fritz-Kola-BBQ-Sauce und den nicht minder tollen „Karate Kid“ mit Rote-Bete-Ketchup, Reis-Patty, Wasabi-Majo und gedrehtem Rettich (je 8 Euro), dazu gab es Süßkartoffel-Pommes mit Schnittlauch-Majo (2,50 Euro). Auch hier gilt: Ob Sauce, Brötchen oder Bratling – alles wird frisch vor Ort zubereitet und hergestellt. Wer einmal im Happenpappen war, möchte am liebsten einziehen. Auch für Nicht-Veganer ein absoluter Geheimtipp!

Text: Arne Ewerbeck

Das Happenpappen ist frisch gekürter Testsieger der Rubrik Vegetarien im Gatroguide SZENE HAMBURG ESSEN + TRINKEN. Leider haben wir im Heft die falschen Öffnungszeiten veröffentlicht. So ist’s richtig: Mo-Fr 12–22, Sa-So 11–18 Uhr

Happenpappen
Lappenbergsallee 41 (Eimsbüttel)
Telefon 85 38 29 66
Mo-Fr 12–22, Sa-So 11–18 Uhr

Cash for Gold

Kritische Kunst: Nina Beier durchleuchtet in ihrer Ausstellung unsere Warenwelt

Im Kunstverein leuchtet die leere Fratze des Kapitalismus. Riesige Porzellanhunde grüßen bei der dänischen Konzeptkünstlerin Nina Beier gleich im ersten Raum. Hässliche Symbole, wie sie so gerne von Neureichen genutzt werden, um, wie auch mit Porzellanleoparden, ihre Häuser aufzumotzen. Auf dem Boden daneben eine wertvoll erscheinende, aber ebenso geschmacklose chinesische Vase. Wenig weiter hat sich vor einem seelenlosen riesigen Turnschuhmodell eine Pfütze aus künstlichen Tränen gebildet. Nina Beier arrangiert Symbole des Hyperkapitalismus, des Reichtums.

Die dänische Konzeptkünstlerin, die am Royal College of Art in London studiert hat und heute in Berlin lebt, haut dabei Löcher in unsere kollektiven Bilder des Konsums und fügt etwas Unheimliches hinzu: Die Hunde und Vasen haben bei genauem Hinsehen Zacken in ihre Porzellanhülle gefräst, ihre Leere und Substanzlosigkeit wird sichtbar. Beier arbeitet in ihrer ersten institutionellen Einzelausstellung mit räumlich aufgeladenen Konstellationen: Neben die Vasen und Hunde aus Porzellan arrangiert sie den denkbar größten Gegensatz: Obdachlosenschlafsäcke und Hermès-Krawatten gepresst unter Glasplatten – und ganz basisch: normale Erde.

Kalter Luxus – die Fratze des Kapitalismus

Wer die Räume im Kunstverein durchwandert, spürt: Beier führt uns die kalte Aura des Kapitalismus vor. Der Wert der Ware entpuppt sich als Wette auf ihren Wert, als Fiktion: Das zeigen die teils geschmacklosen Luxus-Krawatten oder die Stapel ramponierter Perserteppiche, die nun im Ausstellungsraum stehen und gemeinhin als Luxusgüter gelten. Warum eigentlich?

Nina Beier Cash for Gold

Nina Beier: “Cash for Gold”, 2015

Die Räume werden leise und metaphorisch zum Trümmerfeld, zum Lost Place unserer Warenwelt. Die Frage weht durch den Raum: Wie wird Wert produziert? Im letzten Raum von „Cash for Gold“ schließlich so etwas wie eine pessimistische Diagnose: Da finden sich die Fragmente einer bronzenen Heldenrüstung hinter Vitrinenglas: Besingt Beier mit dem zerbrechlichen Torso das Ende des konsumgeleiteten Helden in seinem Panzer? Die 1975 geborene Beier beweist schlussendlich mit ihrer hermetischen Kunst aber auch assoziativen Witz: In Cocktailgläsern finden sich erstarrte Szenen in Formaldehyd, Momentaufnahmen ihrer Warenkritik: In einem Glas rinnt aus einem Füllhorn Geld, in einem anderen schwimmt ein Schwarm toter Fische.

Nina Beier kreiert fragmentarische, dabei jedoch hochästhetische Szenen eines Totentanzes, und womöglich kann aus ihrem apokalyptischen Trümmerfeld etwas Spielerisches und Neues entstehen. Wer die Zuschreibung von Wert nämlich einfach als gesellschaftlich gemacht erkennt, kann als freier, souveräner und kritischer Mensch im Reich der Repräsentationen tanzen.

Text: Stefanie Maeck

Kunstverein
Klosterwall 23 (Klostertor)
Bis 27.7.

Sommerlektüre: Couchsurfing im Iran

Wir empfehlen Bücher für die Urlaubstasche. No 2: Bikiniparty in Mashhad mit dem Individualreisenden Stephan Orth

Titel aus der Spiegel-Bestsellerliste weisen zumeist eine gewisse Mischung aus inhaltlichem Anspruch und Zugänglichkeit auf. „Couchsurfing im Iran“ erfüllt diese Formel im besten Sinne, denn es schmückt seine Ambition mit feinem Humor und unbedarfter Attitüde. Der Grund? Vermutlich herrscht in keinem anderen Land der Welt so ein hohes Maß an ziviler Kraft und Leidenschaft bei so viel restriktiver Kontrolle wie im Iran.

Da wird die Unbedarftheit zur Tugend, denn wer die Geheimnisse des Landes aufdecken will, sollte offenen Herzens reisen und am besten direkt in die Wohnzimmer der Einheimischen so wie der Autor. „Couchsurfing im Iran“ ist die Antwort auf die Frage, wie sich dieses Land anfühlt – jenseits der Nachrichten über Mullahs und den Atomstreit. Dazu bereitet Stephan Orth seine Erfahrungen auf zu informativem Gassenwissen, das macht das Buch unverzichtbar für jeden Iran-Reisenden. Den Reiseführer kann man sich fast sparen.

 

Couchsurfing im IranEine Empfehlung von Reimar Biedermann

Lesedauer: Der Flug nach Teheran

Stephan Orth: „Couchsurfing im Iran“
Malik Verlag, 240 Seiten, 14,99 Euro

Im Schatten der Müll-Verbrennungsanlage

Früher wurde in Rothenburgsort illegal gefeiert. Jetzt planen Hamburger Clubbetreiber eine neue Open Air-Fläche: das Parkland

Die Haltestelle Tiefstack wirkt verschlafen. Die meisten Stadtbewohner kennen den Ort nur, wenn sie ihr Fahrzeug bereits aus dem nahegelegenen Autoknast abholen mussten. Auf der anderen Seite des Bahnhofs, vorbei an einem Kleingartenstreifen, kommt nach 50 Metern ein Metallzaun. Riesige oberirdische Fernwärmeleitungen, die an russische Gaspipelines erinnern, schlängeln sich durchs Gelände. Es fühlt sich an, als wäre man wesentlich weiter östlich gelandet und nicht nur acht Minuten S-Bahn-Fahrt vom Hamburger Hauptbahnhof entfernt.

Früher wurde hier illegal gefeiert

Jahrelang wurde diese Stelle für illegalisierte Techno-Open-Airs genutzt. Der Zaun, hinter dem sich ein Wäldchen befindet, begrenzt das südliche Ende des Hamburger Verkehrsübungsplatzes. Geht es nach John Schierhorn und Leon Roloff, soll er sich in Zukunft für kultur- und musikinteressierte Menschen öffnen. Schierhorn, seines Zeichens Besitzer des Hamburger Clubs Waagenbau und Betreiber des Central Parks in der Schanze, und sein Partner Roloff planen Großes: Auf der Fläche der Verkehrswacht soll Hamburgs neue Festival- und Konzertlocation entstehen.

Was urbane Entwicklungen betrifft, sind die beiden keine Neulinge. Aus einer Einwohnerinitiative heraus entwickelten sie vor einigen Jahren ein Zukunftskonzept für die Brammer Fläche, auf der sich heute Central Park und Wagenplatz Zomia befinden. Eine Art Stadtteilzentrum mit Wohnungen, Clubs, Kita und Geschäften soll dort entstehen.

Die Geschichte hinter der neuen Idee, welche auf den Arbeitsnamen „Parkland“ hört, ist schnell erzählt: „Im Zuge eines weiteren Bauprojektes in Rothenburgsort sind wir mit vielen Trägerschaften ins Gespräch gekommen“, erklärt Schierhorn. „Im Schanzenviertel kenne ich jeden, aber hier stellte sich zunächst die Frage, wie wir Beteiligungen aufbauen können. Und dann ist die Verkehrswacht auf uns zugekommen.“

Parkland Rothenburgsort

5,3 Hektar misst das Gelände des Verkehrsübungsplatzes in Rothenburgsort

Traumkombi: Musikveranstaltungen und Verkehrssicherheit

Auf dem Verkehrsübungsplatz finden Pkw-Sicherheitstrainings oder das Üben ohne Führerschein statt. Geht es nach Geschäftsführer Hans Jürgen Vogt, soll dies auch weiterhin so sein. Doch 2013 wurde dem Verein im Zuge allgemeiner Sparmaßnahmen die Hälfte der Zuwendungen gekürzt. In der Hoffnung diese Lücke zu schließen, wandte er sich an Schierhorn und sein Team und es entstand die Idee einer gemeinsamen Platznutzung. Vogt ist sich sicher: „Musikveranstaltungen und Verkehrssicherheit sind eine traumhafte Kombination, die garantiert voll einschlagen wird.“

Die Prognose scheint nicht übertrieben. Kulturschaffende in Hamburg suchen seit Jahren nach Flächen, auf denen sie unter freiem Himmel Musik machen können. Die vorhandene Infrastruktur ist hier optimal. Im Süden gleich die S-Bahnstation Tiefstack und nördlich ein vierspuriger Zufahrtsweg mit großem Parkplatz. Der eigentliche Vorteil ist jedoch ein anderer: Da es keine direkten Anwohner gibt, kann man laut sein.

Ein Park im Schatten der Müllverbrennungsanlage

Die Fläche selbst hat ihren ganz eigenen Charme. Im Schatten der Müllverbrennungsanlage liegt das parkähnliche Gelände direkt am Elbe-Bille-Kanal. Eine festinstallierte Bühne würde sich zwischen Bäumen einfügen. Geplant ist die Auslegung für bis zu 5.000 Menschen. Grundsätzlich ist eine klassische Konzertnutzung gewollt, für die die Firma Hamburg-Konzerte ins Boot geholt wurde. Trotzdem sei man durchaus für andere Veranstaltungen und verschiedene Musikrichtungen offen. Den gastronomischen Teil plant Schierhorn beweglich und angepasst an das, was wirklich los ist. Besucher von kleineren Konzerten stünden so nicht verloren vor der Bühne.

„Wir denken hier zudem über ein Konzept nach, was die Verkehrswacht null einschränkt und wo maximal an 40 Sommertagen im Jahr Veranstaltungen wären. Alles, was wir brauchen, ist auf den hinteren Teil des Übungsplatzes und auf abends beschränkt. Wir lassen die Wege frei, und später fährt jemand, der hier Autofahren übt, eben nicht an einem Gebüsch, sondern an einer Bühne vorbei.“

Entlastung für das zunehmend technoisierte Entenwerder

Ein weiterer Vorteil sei die Entlastung des Stadtteils Rothenburgsort. Gerade in diesem Jahr haben zahlreiche elektronische Großveranstaltungen zu einem massenhaften Ansturm feierwilliger Partygäste geführt, die auf dem Weg zur Elbhalbinsel Entenwerder quer durchs Viertel gelaufen sind. „Das wäre hier nicht so. Wir hätten die Chance, diese großen Veranstaltungen hier zu machen und die kleinen, ruhigeren könnten dort laufen“, so Schierhorn weiter.

Bleibt die Frage nach dem Haken. Eine Hürde die der Clubbesitzer sieht, ist, dass die Stadt die Fläche im Entwicklungsplan „Stadtaufwärts an Elbe und Bille“ für spätere Industrieansiedelungen freihalten wolle. Die Problematik dabei liegt auf der Hand. Stimmt die Stadt einem solchen Projekt zu und bräuchte sie den Ort in einigen Jahren tatsächlich, stünde sie als Kulturvernichter da.

Doch die Sorge scheint mittlerweile unbegründet. Andy Grote, Chef vom zuständigen Bezirk Hamburg-Mitte, erklärt auf Nachfrage der SZENE HAMBURG, dass er das Projekt ausdrücklich unterstütze. Zudem gebe es bereits eine positive Grundsatzentscheidung der beteiligten Behörden und Unternehmen. „Aus Sicht der Stadt bestehen daher keine weiteren Hürden für die Umsetzung“, so Grote.

Auch Bezirksamtsleiter Andy Grote unterstützt die Pläne

Auch er sehe für Hamburg als Musikstadt einen wachsenden Bedarf nach Orten für Freiluftkonzertveranstaltungen, da sich eine lebendige Festivalkultur entwickelt habe. „Der Bezirk unterstützt deshalb Freiluft-Musikveranstaltungen überall, wo es geht. Insbesondere versuchen wir mögliche Konflikte von Konzertveranstaltungen und Anwohnern möglichst gering zu halten. Auch deshalb unterstützen wir die Nutzung des Verkehrsübungsplatzes, da hier die Bewohnerinnen und Bewohner in Rothenburgsort deutlich weniger betroffen sind.“

Einer ersten Feuerprobe steht somit nichts im Wege. Anfang September soll eine Testveranstaltung mit mehreren Partybetreibern verschiedener Musikszenen stattfinden. Läuft alles glatt, könnte das Projekt Parkland im nächsten Frühjahr starten. Die Hansestadt hätte damit einen (authentischen) Grund mehr, sich Musikstadt zu nennen, und John Schierhorns Schlussbemerkung ist nichts hinzuzufügen: „Hamburg braucht diese Bühne, und der Platz ist da.“

Text: Ole Masch

5.–6.9. Testwochenende, weitere Infos im Septemberheft von SZENE HAMBURG

Sommerlektüre: Science on the Beach

Wir empfehlen euch Bücher für die Urlaubstasche. No 1: Wissenschaft unterm Sonnenschirm

Alles was Sie sehen, ist azur. Auf Ihrem Handtuch liegend, schauen Sie hoch in den strahlend blauen Himmel und lassen sich dabei vom Rauschen des Meeres in den Schlaf wiegen. Doch dann schrecken Sie plötzlich hoch; vor Ihnen steht Günther Jauch. Er streckt Ihnen ein Mikrofon entgegen und fragt: „Warum ist das Meer blau?“ „Weil es den Himmel reflektiert“, antworten Sie selbstsicher. Das Publikum seufzt enttäuscht, Herr Jauch schaut sie mitleidig an. Aus der Traum von der Million, die Antwort war leider falsch. Hätten Sie doch bloß das neue Buch von Andrea Gentile gelesen. Humorvoll erklärt er die Physik des Meeres, gibt statische Tipps für den Sandburgenbau und Antwort zu allem, was Sie sich beim Strandurlaub fragen könnten. Außer vielleicht, warum da gerade Günther Jauch vor Ihnen stand.

Science on the Beach

 

Eine Empfehlung von Jan-Hagen Rath

Lesedauer: Ein Nachmittag am Strand

Andrea Gentile: „Wie kommt der Sand an den Strand“
Atlantik Verlag, 200 Seiten, 17 Euro

Daddy’s Girl

Das Leben und Sterben der Amy Winehouse – eine Filmempfehlung von SZENE-Redakteurin Sabine Danek

Es ist eine Achterbahnfahrt. Einmal quer durch das kurze Leben von Amy Winehouse. Und sie ist so mitreißend wie berührend, voller Leidenschaft, Verzweiflung und zielt mitten ins Herz.

Mit Bildern, die jeder kennt: Amy Winehouse, die Haare zu einem meterhohen Bienenkorb toupiert, die Augen mit breiten schwarzen Flügeln versehen, nachlässig aufgepinselt, als hätte sie es im Autospiegel gemacht, die Beine klapperdürr in Shorts und ausgefransten Satin-Ballerinas, „Blake“ über das Herz tätowiert, „Daddy’s Girl“ auf dem Arm und dazu immer öfter auch blutverkrustete Wunden, unsichere Schritte und glasige Blicke.

Was hinter diesen Bildern liegt, kratzt Regisseur Asif Kapadia, der bereits mit seiner „Senna“-Dokumentation Furore machte, hervor. Er zeigt „Amy“ als forsche Naturgewalt und Riesentalent, das einmal gesund, kurvig und lebensfroh war und 2011 mit nur 27 Jahren an einer Alkoholvergiftung starb.

Jahrelang hat Kapadia bei der Familie, bei Freunden und Kollegen um Vetrauen und Material gerungen. Es zeigt Amys hinreißende Lache und die Rotzigkeit des jungen jüdischen Mädchens, das schon immer gern mit ihren Freundinnen feiern ging, den Jungs hinterherpfiff, viel zu viele Kippen rauchte und ordentlich Drinks kippte. Die später bei dummen Journalistenfragen die Augen verdrehte, mit ihrem Idol Tony Bennett bei Studioaufnahmen um die richtigen Töne rang und immer wieder einfach lossang und das mit dieser Stimme, in der die Weisheit und Melancholie dieser Welt lag.

Ganz so, wie in ihren Texten. „Ihr ganzes Leben steckt darin“, sagte Kapadia in einem Interview, „man braucht nur zuzuhören.“ Und so lässt er deren Zeilen immer wieder als Text über die Leinwand laufen und Amy Winehouse singend erzählen. Von ihrem Selbstbetrug und ihrer großen Liebe Blake Fielder (der für ein britisches Klatschblatt gerade publicity-wirksam vor ihrem Grab kniete) und auch davon, dass ihr Vater meinte, sie brauche keine Rehab, denn sie sei „fine“.

Denn auch davon erzählt „Amy“. Von der Ausbeutung ihres Talents und dem langsamen Sterben, bei dem die ganze Welt zugeschaut hat. Amys Vater, der heute mit der Amy-Winehouse-Foundation Kinderhospize, Anti-Drogen-Programme und Kunstschulen für gestrauchelte Jugendliche unterstützt, hat sich von der Dokumentation distanziert, nannte sie eine Demütigung und fühlte sich degradiert. Dabei ist es eines der vielen Kunststücke des Films, dass er die Bilder ganz für sich sprechen lässt.

“Amy” – zu sehen ab dem 16.7. in den Hamburger Programmkinos Zeise (Ottensen) und Abaton (Rotherbaum)

Jannes Wochenrückblick Vol. 13

Kolumne: Positive Energie! Während in Jenfeld um Flüchtlingsunterkünfte gekämpft wird, beten Massen auf dem Kiez Helene Fischer an

Mit der Energie ist es so eine Sache. Oft hat man das Gefühl, dass sie dort viel zu sehr ausgegeben wird, wo sie nicht hingehört. Wo sie gebraucht wird, kommt dann nicht mehr genügend an. Das kann man universell auch anwenden auf Geld, Lebensmittel oder andere Dinge. Energie wird sowieso oft als Synonym für alles benutzt, was fließt.

In dieser Woche sind mir zwei Sachen aufgefallen:

Situation 1

In Jenfeld sollte ein Zeltdorf als Not-Unterkunft für 800 Zuwanderer aufgestellt werden. Einige Anwohner waren dagegen. Wohl, weil sie nicht rechtzeitig oder ausreichend darüber informiert wurden, es kursierten allerdings auch dumme Parolen durch Internet, Medien und Köpfe.

Dass man den Zuwanderern helfen muss, darüber waren sich zumindest alle meiner Freunde einig. Einige haben online protestiert, einige sind sofort nach Jenfeld geradelt, um vor Ort zu protestieren und – da wird es interessant – vor Ort zu schauen, wie die Sachlage ist.

Siehe da: Man kann mit einigen Anwohnern reden. Man kann auch mit Fernsehsendern vor Ort reden, um nicht nur Empörte oder Verirrte (es kommt immer wieder zu verfassungswidrigen Gesten) zu Wort kommen zu lassen. Man kann mit den Hilfseinrichtungen reden und helfen beim Zeltaufbau, bei der Kleidungsausgabe oder einfach beim Bespaßen der Kinder.

Man kann mit den Zuwanderern reden und ihnen erklären, aufmalen oder symbolisieren, dass nicht alle Menschen in Hamburg so sind wie die bedrohlichen Ewiggestrigen ohne Argumente. Zum Beispiel auch schon mit Kuchen: ein Stück Normalität und Fröhlichkeit.

Situation 2

Auf Sankt Pauli ein ganz anderes Bild: Hier gibt es für viele deutlich zu viel Fröhlichkeit. Unser Büro ist direkt über dem Hans-Albers-Platz, wir brauchen also wahrlich keine Informationen über die Umstände hier – zuletzt haben wir einen Termin mit Gastronomen verlegt, weil uns jemand in den Hausflur gekackt hat.

Und nun war am Samstag wieder Schlagermove. Wir sind gegen Lärm, Prügeleien, Alkoholleichen, gegen Erbrochenes, Urin und benutzte Kondome, vor allem gegen Müll allenorts, aber: Dieses Fest ist 30 Stunden im Jahr und räumlich stark begrenzt. Abgesehen davon sind die Besucher meistens weder feindselig noch gefährlich für andere als sich selbst.

Stumpfsinn durch Caipirinha ist das eine, Stumpfsinn durch Vorurteile und Wissensresistenz das andere. Überlegen wir, gegen wen wir unsere Wut – besser: Energie – richten. Und wie. PS: Nazis sind Scheiße. Überall.

Habt einen schönen Start in die Woche, wir lesen uns Sonntag wieder, Jannes

Foto: Julia Schwendner

Who the fuck is Jannes?

Jannes Vahl hat den gemeinnützigen Verein Clubkinder e.V. gegründet. Mit Konzerten, Partys oder Events sammelt er Spenden für soziale Projekte in Hamburg, beispielsweise mit der Tagebuchlesung. Außerdem leitet er die Kreativagentur Flutlotsen mit Büro auf St. Pauli. Mit seinem Compagnon Joko setzt er hier Projekte um. Jannes Vahl hat 5.000 Facebookfreunde, trinkt Craft-Bier, mag die Band Pearl Jam und versendet digitale Herzchen. In seiner neuen Kolumne berichtet er jeden Sonntag über ein Hamburger Thema, das ihn in der letzten Woche beschäftigt hat.

Hinter den Kulissen

Neue Serie: Die Inspizientin Corinna Fussbach koordiniert im Thalia Theater große Theateraufführungen

Wann wird das Licht gedämmt? Wann wird es wieder aufgeblendet? Wie gelingt es, dass Text und Technik ineinandergreifen und die Bühne zur richtigen Zeit genauso beschaffen ist, wie die Geschichte es erfordert? Wenn man so richtig in einer Theaterinszenierung versunken ist, stellt man sich selten diese Fragen – und doch sind sie elementar.

Corinna Fussbach hat die Fäden in der Hand. Als Inspizientin ist sie im Thalia Theater die Hauptkoordinatorin vieler großer Vorführungen, die auch deswegen beeindruckend sind, weil jedes technische Rädchen genau zum richtigen Zeitpunkt ineinandergreift. Corinna Fussbach sitzt dann an einem Technikpult seitlich der Bühne. Von hier aus gibt sie Lichtsignale, sogenannte „Cues“, an sämtliche Mitarbeiter der kleinteiligen Maschinerie, welche hinter den komplex erzählten Geschichten steht.

Das Notizbuch ist ihr wichtigstes Werkzeug

„Man könnte meinen Beruf mit dem des Dirigenten vergleichen“, erklärt sie. Auf ihre Zeichen hin erklingen die verschiedenen Stimmen in einer Theateraufführung. Sie ist dabei eine „Mittlerin zwischen der Technik und der Kunst“ und sorgt dafür, dass umgesetzt wird, was sich das kreative Team im Vorfeld überlegt hat. Damit das gelingt, ist sie bei den Proben dabei, prägt sich das Geschehen ein und macht sich Notizen im Textbuch. Das Buch ist neben dem Pult ihr wichtigstes Werkzeug, das sie später, wenn es ernst wird, durch die Inszenierung führt.

Trotz dieses Hilfsmittels erfordert der Job während der Einsätze ihre volle Aufmerksamkeit. Es gilt, auf Ungeplantes schnell zu reagieren, Vorgänge gegebenenfalls sogar zu stoppen und in eine andere Richtung zu lenken. Corinna Fussbach trägt viel Verantwortung. Besonders dann, wenn etwas einmal nicht klappt, bekommt sie das zu spüren.

Erst Souffleuse, dann der Sprung ins kalte Wasser

Damit müsse man umgehen können, wenn man den Beruf des Inspizienten wähle, erklärt sie. Sie selbst ging vor zehn Jahren das Wagnis ein, nachdem sie lange Zeit als Souffleuse gearbeitet hatte. Mit einer Mischung aus großem Respekt und dem Willen, es unbedingt hinzukriegen, sprang sie ins kalte Wasser. Inspizientin ist kein typischer Lehrberuf. „Zu Beginn ist alles Chaos. Vor dir liegt ein großes Puzzle, das sich Bild für Bild zusammensetzt.“ Doch wenn es dann gelingt, alles zu überblicken, sei das jedes Mal wie ein großes Flow-Erlebnis.

Das reizt die 49-Jährige bis heute. Gemeinsam mit zwei anderen Inspizienten ist sie feste Mitarbeiterin am Thalia Theater. Momentan koordiniert sie unter anderem „Romeo & Julia“, „Fraktus“ und „Die Stunde da wir nichts voneinander wußten“ – alles Stücke, in denen viel passiert, keine „Durchsteher“, wie es im Fachjargon heißt. Zum Glück, denn Durchsteher bergen das Risiko, dass man abschweift und die Aufmerksamkeit verliert. Dann passieren Fehler.

Auch die Entspannung zwischen den Vorstellungen ist wichtig, um sich wieder richtig konzentrieren zu können. Am besten kann Corinna Fussbach das beim Yoga und bei langen Spaziergängen mit ihrer Hündin Selma. Dann lässt sie die Gedanken schweifen und tankt auf. Für den nächsten Moment, wenn der Vorhang im Thalia Theater wieder aufgeht und sie alles überblicken muss.

Text: Katharina Manzke
Foto: Krafft Angerer