„Ich knipse mein Essen nicht“

Am 18.6. eröffnet die Triennale der Photographie. Der künstlerische Leiter Krzysztof Candrowicz (35) traf sich mit SZENE HAMBURG zum Interview

SZENE HAMBURG: Seit Jahren organisieren Sie Fotofestivals und -ausstellungen. Wie nutzen Sie selbst Fotografie?

Triennale der Photografie Krzystof Candrowicz

Krzysztof Candrowicz

Krzysztof Candrowicz: Ich bin da ganz altmodisch. Ich fotografiere nur, wenn ich Außerordentliches festhalten möchte und nicht, um mein Essen, meine Füße, meinen Alltag zu knipsen. Neulich war so ein besonderer Moment. Als ich mit dem Zug ankam, umtobte ein gewaltiger Gewittersturm den Hauptbahnhof, der über und über voll war mit Menschen, die sich wegen des Unwetters und zugleich wegen des Bahnstreiks dort sammelten. Es war dunkel, es blitzte, auf dem Dach staute sich das Wasser. Es herrschte eine apokalyptische Atmosphäre. Ich wollte dieses Armageddon festhalten.

Nicht schlecht. Aber hoffentlich kein Omen für Ihre Triennale, bei der es um „die Zukunft der Fotografie und die Zukunft in der Fotografie“ gehen soll. Die Museen zeigen Themenschauen etwa zum Prinzip Hoffnung in der Arbeit von Fotokünstlern. Dazu gibt es etliche Soloschauen. Welche ragen heraus?

Da wäre etwa Phillip Toledano in den Deichtorhallen. Sein neues Fotoprojekt imaginiert, wie seine Zukunft verlaufen könnte. Er hat durch Wahrsager und DNA-Tests erkundet, wer er in 10 oder 20 Jahren sein wird, und sich entsprechend dieser Szenarios inszeniert und aufgenommen. Bei Toledano passiert, was ich so noch nie bei anderen Fotografen gesehen habe: Viele Besucher sind zu Tränen gerührt – bei der Serie über den Tod seines Vaters oder den Tod seiner Schwester. Toledano ist der Beweis, dass Fotografie berühren kann, so wie Film oder Musik.

Wie stark sind Hamburger Fotografen vertreten?

Im Foyer des Spiegels wird erstmals das Lebenswerk von Wilfried Bauer (1944–2005), des großen Poeten der Reportagefotografie, gezeigt. Und die Barlach Halle K widmet sich Henrik Spohler, bei dem es beispielsweise um die Zukunft der Landschaft geht . Volker Hinz’ Aufnahmen erinnern an den New Yorker 80er-Jahre-Club Area. Sie werden im Oberhafen gezeigt. Genau dort, wo noch in diesem Jahr ein neuer gleichnamiger „Raum für Kunst und Innovation“ entstehen soll. Der legendäre New Yorker Club wurde immer wieder neu gestaltet. Und das soll künftig auch in der Hamburger Institution passieren.

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Triennale der Photographie Hamburg 2

Catherine Balet, Strangers in the Light #12009

Der Deichtorplatz wird eine Art Festivalzentrum. Wie sieht das aus?

Wir stellen dort 40 Container auf. In ihnen stellen sich Fotoschulen, Fotofestivals und unsere Partner und Sponsoren mit Ausstellungen vor. In der Mitte gibt es einen Rasen mit Liegestühlen, wo man entspannen und etwas trinken kann. An zehn Abenden gibt es dort Projektionen, die Ländern wie Indien oder Frankreich gewidmet sind. Und DJs legen auf – meist keine professionellen, sondern Fotografen oder Kuratoren wie Ingo Taubhorn von den Deichtorhallen.

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Das komplette Interview von SZENE HAMBURG-Autorin Karin Schulze mit Krzysztof Candrowicz findet man in der Juni-Ausgabe.

Foto (oben): Philip Toledano, aus der Serie “Days With My Father”, 2006-2009

Eröffnung (18.6.):

  • ab 18 Uhr mit Phillip Toledano in den Deichtorhallen
  • um 21 Uhr mit „When there is hope“ in der Kunsthalle
  • um 22 Uhr im Containerdorf am Deichtorhallen-Vorplatz

Alles nach Altona!

Pop Nacht, Straßenfest, book.beat – am 19. Juni startet die 17. altonale. Dabei sind u.a. Dirk Darmstaedter, Friedrich Liechtenstein und Fuck Art, Let’s Dance

Supergeil könnte die 17. Ausgabe der altonale werden. Weil der „Supergeil“-Künstler Friedrich Liechtenstein zu Besuch sein wird, um auf der literatur altonale sein neues Buch vorzustellen. Und, weil das 17-tägige Programm des Stadtteilfests aus Literatur, Film, Kunst, Theater und Musik einiges zu bieten hat:

  • Für kulturelle Vielfalt sorgt die diesjährige Partnerstadt Gdańsk unter anderem bei der Sommernacht (19.6.), dem altonale-Auftakt. Dann illuminiert der polnische Künstler Robert Sochacki das Altonaer Rathaus, das mit Musik, Kurzfilmen und Kabarett bespielt wird.

  • Weiter geht es mit dem Hafenfest in Oevelgönne (20.6.), das zwischen Lesungen im Maschinenraum zum Krabbenpulen und Fischhäkeln einlädt.

  • Die Pop Nacht (27.6.) verwandelt für einen Abend vier Locations in ein internationales Mini-Festival – mit Bands wie Fuck Art, Let’s Dance, Kat Frankie und Nörd.

altonalepopnacht hamburg

  • Altona macht auf! (26.6.) macht zum vierten Mal in Folge die Fenster und Balkone der Anwohner zu kleinen Bühnen

  • Die Tanzperformance Sanctuary (29.6.) der Choreografin Magdalena Chowaniec thematisiert das Leben als Weltbürger, Zyniker und gelangweilte Voyeure.

  • Musik und Literatur aus Hamburg treffen bei book.beat (2.7.) im Thalia in der Gaußstraße aufeinander – mit bekannten Gästen wie Karen Köhler, Saša Stanišić und Dirk Darmstaedter.

  • Und schließlich, knallender Abschluss der altonale, das Straßenfest (3.–5.7.), das sich quer durch den Stadtteil zieht und mit zwölf Musik- und Tanzbühnen, Floh-, Kunst- und Designmarkt ganz Hamburg für ein Wochenende nach Altona lockt.

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Fotos: Thomas Panzau

19.6.–5.7.
verschiedene Orte

Jannes Wochenrückblick Vol. 9

Kolumne: Crazy Horst und Klaus im Na Und? Das echte Hamburg findet man in Kneipen und Kaschemmen

Meine ganz persönliche Theorie: Je schneller die Trends wechseln, nach denen man sich richten soll, je mehr heißer Scheiß sich in Clubs tummelt, je kürzer die Aufmerksamkeitsspanne bei all’ der Scrollerei auf Monitoren, desto mehr sehnt man sich nach etwas Echtem. Und was kann echter sein als Kneipen und Kaschemmen. Gut, das mag Quatsch sein. Mir geht es aber so.

Ich habe viel übrig für die Kneipen in Hamburg – für die 40 Jahre Geschichte, die der Wirt Crazy Horst in seiner Piano Bar geschrieben hat. Oder die Zeit, die Klaus im Na und? abgesessen, Touristen angemault und „Grüne Scheißwichse“ eingeschenkt hat. Noch besser: Weinbrand, Korn-Cola oder andere Getränke, die sich der Werbeindustrie seit Jahrzehnten vollständig entziehen.

Ich habe eine Freundin, mit der ich ein Ritual pflege. Jedes Mal, wenn wir gemeinsam nach Mitternacht mit der U3 in Richtung Winterhude fahren, trinken wir noch einen Absacker im Clax. Also eher vier. So auch letzte Woche. Eigentlich müssten wir in so einer Bar auffallen wie die Pfaue. So hat Crazy Horst das in dem Hamburger Kompendium „Wahre Worte weiser Wirte“ beschrieben: „Je größer der Pfau sein Rad schlägt, umso besser sieht man sein Arschloch.“ Horst halt. Und irgendwie fällt in so einer Kneipe dann doch niemand aus dem Rahmen.

Eine andere Geschichte, ebenfalls über so einen Kneipenabend: Als unsere Agentur den Zuschlag für die Zusammenarbeit mit dem Gruenspan bekam, haben meine Freundin und ich im Clax einen Taxifahrer nach Dienstschluss kennengelernt. Der war zufällig bei der Eröffnung des Gruenspan und hat es zehn Tage lang nicht mehr verlassen. Durchgemacht. Wahrscheinlich mit Opium und Absinth oder so. Solche Geschichten werden in Kneipen erzählt.

Ein weiterer Vorteil dieser Läden: Sie sind immer für einen da. Eine Bar in Winterhude hat 24 Stunden geöffnet. Rund um die Uhr. Immer. Wenn der Wirt einnickt, legt man einfach die 2,30 Euro auf den Tresen und zapft sich sein Pils selber.

So etwas mag ich. An anderer Stelle schreibe ich dieselbe Kolumne vielleicht drüber, wo man quasi rund um die Uhr ehrlich essen kann. Denn: Da kann man so viel Streetfood, Pulled Pork oder Currywurst mit Blattgold konsumieren, wie man will: Es geht nichts über Erikas Eck, die Kleine Pause und den Kiezbäcker.

Habt einen schönen Start in die Woche, wir lesen uns Sonntag wieder, Jannes

Bild: Eckkneipe Capri-Stube in Barmbek-Süd, fotografiert von Ole Masch

Who the fuck is Jannes?

Jannes Vahl hat den gemeinnützigen Verein Clubkinder e.V. gegründet. Mit Konzerten, Partys oder Events sammelt er Spenden für soziale Projekte in Hamburg, beispielsweise mit der Tagebuchlesung. Außerdem leitet er die Kreativagentur Flutlotsen mit Büro auf St. Pauli. Mit seinem Compagnon Joko setzt er hier Projekte um. Jannes Vahl hat 5.000 Facebookfreunde, trinkt Craft-Bier, mag die Band Pearl Jam und versendet digitale Herzchen. In seiner neuen Kolumne berichtet er jeden Sonntag über ein Hamburger Thema, das ihn in der letzten Woche beschäftigt hat.

Altona, sag mal Pop!

Die Schwestern Josepha und Cosima Carl alias JOCO sprechen übers ständige Zu-zweit-Sein, Stilfindungsprozesse und den Hamburger Popkurs

Cosima und Josepha, schon eure Mutter hatte mit ihrer Schwester eine Band, als sie in eurem Alter war. Haben die beiden euch ermutigt, es ihnen gleichzutun?

Josepha: Wir selbst fanden es spannend, zusammen etwas zu erfinden. Die beiden haben damals auch keine Popmusik gemacht wie wir heute. Sie hatten, sagen wir mal, einen etwas anderen Style (lacht).

Cosima: Ein paar Gemeinsamkeiten gab es aber schon: Auch unsere Mutter und ihre Schwester hatten sich auf zweistimmigen Gesang fokussiert. Und auf der Bühne standen beide gleichermaßen im Vordergrund, es gab keinen Star und keine Begleitmusikerin. Nur zusammen waren sie ein Act, so wie wir jetzt.

Und wie ist das ständige Zu-zweit-Sein für euch? Wenn ihr immer zusammen im Proberaum, im Tourbus und auf der Bühne seid, muss der Teamgeist ein sehr großer sein, um sich nicht auf die Nerven zu gehen.

Josepha: Wir haben gelernt, die Stärken der anderen zu schätzen, uns aufeinander einzulassen und zu ergänzen.

Cosima: Wir machen das alles wirklich gerne zusammen. Wir sind froh, zu zweit zu sein.

War das schon immer so?

Cosima: Schon während der Schulzeit war es so, dass ich zum Beispiel Klavier geübt habe, Josepha mich gehört und sich sofort dazugesetzt hat, um etwas Passendes zu singen.

Josepha: Nach der Schule sind wir zusammen fürs Musikstudium nach Holland gegangen, wo wir gemerkt haben, dass unsere Schwesternverbindung durch nichts zu ersetzen ist. Ich habe wirklich das Glück, dass Cosima meine Lieblingslieder schreibt. Es ist das Tollste für mich, diese später zu singen und zu performen.

JOCO Hamburg 2

Wer ist wer? Die Frisur macht den Unterschied, verrät Josepha im Interview

Jetzt wird’s kitschig. Irgendetwas habt ihr doch sicher nicht gemeinsam!

Josepha: Ja, ich trage meistens einen Dutt und Cosima die Haare offen (lacht). Das war’s aber auch schon.

Cosima: Wir sind uns tatsächlich sehr einig. Wir sprechen auch jede Entscheidung, die die Karriere betrifft, genau durch, ohne uns dabei zu streiten.

So richtig los ging’s mit eurer Karriere in Hamburg. Ihr habt sogar einmal gesagt, die Möglichkeiten, die ihr jetzt hättet, hättet ihr allein Hamburg zu verdanken. Damit habt ihr auf den Popkurs angespielt, den ihr 2013 belegt habt.

Cosima: Genau. Der Popkurs findet jedes Jahr statt, und jeder Jahrgang bildet sofort eine Familie, die vielleicht für immer zusammenbleibt.

Josepha: Wir haben beim Popkurs nicht nur Musiker kennengelernt, sondern auch Geschäftskontakte geknüpft und Menschen getroffen, die uns bis heute beraten. Peter Weihe, Anselm Kluge und Ulrich Wehner begleiten uns seit dem Popkurs.

Habt ihr euch denn schon akklimatisiert in der Musikindustrie?

Josepha: Es gibt immer Höhen und Tiefen, und wir merken, wie wichtig es ist, sich bei allen Entscheidungen treu zu bleiben. In unserer jetzigen Situation sind wir sehr glücklich.

Cosima: Bei unserer Album-Produktion hat uns niemand unter Druck gesetzt, was uns extrem wichtig war. Die Kulturförderung ITZEtalent hat die Produktion ermöglicht, so hatten wir alle Freiheiten.

Und ihr selbst? Habt ihr euch unter Druck gesetzt? Zum Beispiel, als ihr für nur zwei Tage in die Abbey Road Studios gefahren seid, um in der Kürze ein ganzes Album aufzunehmen?

Josepha: Wir haben unsere Songs über lange Zeit intensiv vorbereitet, und dann gingen die zwei Tage im Studio wie in einem Rausch vorbei. Wir haben es erreicht, in der kurzen Zeit unsere 13 Songs aufzunehmen und dabei unseren Stil auf den Punkt zu bringen.

Cosima: Klar und pur ist unser Sound. Wir brauchen nur die Kombination Schlagzeug, Klavier und Gitarre und natürlich unseren zweistimmigen Gesang. Auf diese Weise im Abbey Road aufzunehmen, zusammen mit unserem Produzenten Steve Orchard, war eine unglaubliche Erfahrung.

Interview: Erik Brandt-Höge
Foto: Benedikt Schnermann

Die nächste Möglichkeit, JOCO in Hamburg live zu sehen, ist der 4.7. beim Daughterville Festival.
Ihr Album „Horizon“ erschien am 5.6. bei Columbia/Sony Music.

Joggen, radeln, küssen, heulen

Ein estnische Regieduo interpretiert “Die Stunde da wir nichts voneinander wußten” für das Thalias Theater

Peter Handke ist immer für Überraschungen gut. 1992 schuf der sprachmächtige österreichische Dichter ein Schauspiel für eine große Besetzung – und ohne Worte. Die Hauptrolle spielt ein Platz, Metapher für die antike Agora, jenen zentralen Ort, an dem alles Gesellschaftliche verhandelt wird. Und in dieser Welt im Kleinen spielt sich alles ab. Die kleinen Tragödien, die großen Gefühle, sogar Weltreligionen. Der Rest ist Regieanweisung.

Das estnische Regieduo Tiit Ojasoo und Ene Liis Semper hat sich für das Thalia Theater über “Die Stunde da wir nichts voneinander wußten” hergemacht. Das Ergebnis ist eine Meisterleistung der Gewerke. 20 Schauspieler, verstärkt um 13 asiatische Tänzer, verausgaben sich körperlich und mimisch. In grauen Trenchcoats hetzen sie von links nach rechts, rempeln einander an, joggen, radeln, küssen, heulen.

die_stunde thalia theater hamburg

 

Birte Schnöink fällt als junge Büroangestellte mit Aktenkoffer und 54 Coffee to go gleich mehrfach gekonnt über die Diagonale. Sebastian Rudolph verrenkt sich als Angestellter mit Schreikrampf, und Karin Neuhäuser verheddert sich als Wiedergängerin Marilyn Monroes in einem Heer von Luftballons.

Das ergibt über weite Strecken einen Bilderreigen, der manchmal originell, manchmal ein bisschen zu vorhersehbar daherkommt, etwa wenn zwei Postboten einander in Zeitlupe begegnen. Handwerklich ist die Inszenierung exakt. Die Bilder harmonieren mit dem Rhythmus Lars Wittershagens wie immer berückender Elektromusik und dem Gesang eines 20-köpfigen, im Zuschauerraum verteilten Chores.

Mit dem fortschreitenden Abend werden die Bilder stärker, installativer, auch politischer. Mit Assoziationen an Flucht, biblische Motive, Juden an der Klagemauer und verhüllte Muslimas. In einem starken Finale lässt das Regieduo die nunmehr unbekleideten Darsteller durch einen Lichtspalt dem Ende zustreben, bevor diesmal chinesische Angestellte beginnen, über die Bühne zu hetzen. Eine Zeitenwende bricht an. Schön anzuschauen.

Text: Annette Stiekele
Foto: Armin Smailovic

Thalia Theater
Raboisen 67 (Neustadt)
Vorstellungen am 21., 26. und 29. Juni

Junges Gemüse liefert frische Post

Vom Biohof in die Stadt: Juliane Eichblatt und Eva Neugebauer gründeten das soziale Unternehmen Frischepost in Hamburg

Direkt vom Acker auf den Küchentisch – der neue Onlineshop Frischepost bietet in Hamburg regional hergestellte Produkte an. Sie werden per Elektrofahrzeug nach Hause geliefert werden. Diesen sozial- und umweltverträglichen Service gründeten Juliane Eichblatt und Eva Neugebauer, beide 26 Jahre alt.

Sie kennen sich aus dem BWL-Studium; beide haben ländliche Wurzeln: Evas Vater kommt aus dem Forstbereich, Julianes Vater ist Landwirt. Beide Mädels hatten Lust auf ein eigenes Unternehmen – aber bitte sozial. Mit Frischepost konzentrieren sie sich auf kleine, meist familiengeführte Betriebe und Manufakturen. „Die haben es oft schwer, die Kunden in der Stadt direkt zu erreichen.”

Frischepost Hamburg Shop

Im Umkreis von 100 Kilometern Luftlinie zum Hamburger Michel suchten sie nach Produzenten und Manufakturen, die nachhaltig anbauen, meist biozertifiziert sind und artgerecht mit ihren Nutztieren umgehen. Wie zum Beispiel die Demeter-Bäckerei Bahde aus Nessdeich, der Hof Dahlmann in Dohren, Bio-Fleischermeister Schröder aus Schwarzenbek oder Obstbauer Lasse Tamke aus dem Alten Land.

Mit hübschen Fotos, Texten und bald auch Filmchen werden die Betriebe auf der Homepage vorgestellt und die Geschichte hinter den Produkten erzählt. Seit April ist der Service online.

Den vollständigen Text von Stadtleben-Redakteurin Julia Braune zu Frischepost findet man in der Juni-Ausgabe von SZENE HAMBURG.

Elektronische Herausforderung

ByteFM-Kolumne: Fyfe, das Alter Ego des Sängers Paul Dixon, hat ein angenehm anstrengendes Debütalbum kreiert

Warum die dringende Empfehlung zu Fyfes Erstwerk “Control” erst jetzt kommt, obwohl das Album des Elektroklangkünstlers bereits im März erschienen ist? Weil das hier Hamburg ist und wir Hamburger eher gemütlich sind – wir rasten nicht so schnell aus. Hier wird die größte Euphorie versprüht, wenn das mit dem Fußball mal wieder irgendwie hingebogen wurde. Hier entsteht vor allem keine Überschwänglichkeit bei Konzerten oder Events.

Diese Eigenschaft kommt uns Querköpfen bei der Begutachtung von Musik entgegen. Wir hören in aller Ruhe in das Album von Fyfe hinein, in dieses Wunderwerk des fragilen Experimente-Elektros:

Den elf Songs auf “Control” wird Platz und Zeit eingeräumt, die sie mit jedem einzelnen Ton resolut einfordern. Fyfe alias Paul Dixon schafft es auf seinem Debüt, ein intensives Konglomerat aus reduziertem Instrumente-Einsatz und fulminantem Gesang aufzubauen. Das Ganze ist mit aufgebrochenen Strukturen, leicht anklingender Dissonanz und leierndem Gesang angereichert. Der Brite verzichtet dabei weder auf kitschige Choreinsätze noch hat er Angst vor stigmatisierenden Elektro-Grundbeats.

Das klingt geschrieben schon verwirrend – akustisch wirkt es zudem auch noch angenehm herausfordernd. Da schiebt man nicht schnell mal die neue Platte rein und hört die Files in der U-Bahn. Fyfe zwingt zum bewussten Zuhören, zum Verarbeiten und zur Auseinandersetzung. Das ist zuweilen auch anstrengend. Aber es ist alle Mühe wert.

Text: Monique Schmiedl

Wer sind ByteFM & Monique Schmiedl?

Monique Schmiedl_ByteFM

ByteFM ist moderiertes Internetradio mit handverlesener Musikauswahl, Sammelbecken für Musiknerds und Auffanglager für Kulturjunkies. Hier leben Journalisten, Musiker, Kenner und Liebhaber gemeinsam ihre Liebe zur Musikkultur jenseits der Mainstream-Hitgarantie. Monique Schmiedl ist Teil dieses Geklüngels. Ob Nerd oder Junkie – ohne Musikkultur geht bei ihr nichts. Stets den Schreiber-Stift am Anschlag, ist Monique mit offenen Ohren und Augen in Hamburgs Musikszene unterwegs. Für die Liebe zur Stadt, für sich, für euch, für ByteFM und für SZENE HAMBURG.

Mit dem Bulli auf die Insel

Gewinne ein Stellplatz-Paket für das Bulli-Festival auf Fehmarn mit Livemusik und Lagerfeuer vom 18. bis 21. Juni

Okay, Fehmarn ist nicht Hamburg. Aber mit dem Auto braucht man ja nur eineinhalb Stunden (mit dem Bulli vielleicht ein wenig länger) auf die Insel. Die ist vom 18. bis 21. Juni das Mekka für Bulli-Fahrer. Beim “Sommersby. Midsummer Bulli-Festival” stehen am Südstrand von Fehmarn bunt durcheinander gewürfelte T2s, T3s und LTs. Sieht von oben bestimmt aus wie Tetris. Vier Tage lang wird die Mittsommernacht stilecht gefeiert und Livebands wie Rakede aus Hamburg spielen zwischen Aufstelldächern und Lagerfeuer. (Foto: Phil Schreyer)

SZENE HAMBURG verlost zwei Stellplatz-Pakete im Wert von jeweils ca. 160 Euro (Stellplatz für Fahrzeug und Zelt, Übernachtungspauschale für zwei Personen). E-Mail mit Betreff “Bulli-Parade” bis 11.6. an gewinnen@vkfmi.de. Der Eintritt zum Festival ist frei.

48h Wilhelmsburg

Schlaf wird überbewertet. Vor allem, wenn dieses Festival ab dem 12. Juni mit vielen Konzerten auf die Elbinsel ruft

Parkdecks, Wohnzimmer, Bolzplätze und Schaufenster werden zu Konzertbühnen, wenn 48h Wilhelmsburg seine Künstler und Musiker für ein Wochenende zusammentrommelt. Über 100 Bands, DJs und Solisten, international bekannte Musiker und junge Talente, Künstler, die entweder in Wilhelmsburg wohnen oder arbeiten, sie alle verwandeln dann die Elbinsel in ein großes Festival – gemeinschaftlich mit nachbarschaftlichem Zusammenhalt.

Menschen aus 150 Nationen leben im alten Arbeiterviertel Wilhelmsburg, das schon lange auch von der (Sub-)Kultur erschlossen wird. “Wir sprechen in Wilhelmsburg und auf der Veddel viele Sprachen, vor allem musikalisch”, heißt es deshalb passender Weise im Festival-Programm. Es deckt alle möglichen Genres abdeckt. So bespielt beispielsweise das Duo Valentine & The True Believers den Stübenplatz mit ihren deutschen, englischen, französischen und plattdeutschen Chansons; im Don Matteo gibt die Lehrerband Rock und Pop der vergangenen 60 Jahre zum Besten; im Restaurant Flutlicht tritt die Singer-Songwriterin Lia auf; die Minibar der Inselpension lädt zu “bumsfidelen Sounds der Hansestadt” und die Festhalle des Motorsportvereins MSK wird zur großen Festival-Bühne für Bands wie The Morphinettes und Beat-Tüftlern wie dem Hibration Soundsystem.

Das Festival ist wieder eine gute Gelegenheit, sich südlich der Elbe umzuschauen. Gerade um den Veringkanal passiert gerade eine Menge. Hier wurde jüngst Rudelgerudert, in die Zinnwerke zieht kulturelles Leben ein, gastronomische Projekte wie die Kaffeeklappe eröffnen in der Nähe und die Soulkitchenhalle feiert “möglichst legal” im Rahmen von 48h Wilhelmsburg Geburtstag, wie Mathias Lintl neulich zu Bezirksamtsleiter Andy Grote gesagt haben soll.

Foto: Jo Larsson

48h Wilhelmsburg, 12.–14.6.

Schmerzen für den guten Zweck

Tattoos für Alle! Die Clubkinder laden am 13.6. zur Seefahrt. An Bord der Tintanic sind Tätowierer, Bands und eine Burlesque-Tänzerin

Nur die Harten kommen in den Garten. Die noch Härteren kapern die MS Mississippi Queen. An Bord des Elbe-Dampfers geht es am 13. Juni aufs Derbste zur Sache: mit Burlesque, Burger, Rock ’n’ Roll – und Schmerzen auf der Haut … Denn, wenn die Clubkinder aka Joko Weykopf (Foto) und Jannes Vahl zu ihrer ersten Tintanic laden, dann soll die Tinte auch in Strömen fließen.

Tintanic

Deshalb warten an Deck vier Tätowierer des Hamburger Tattoo-Studios Superstardestroyer auf Freiwillige – 70 Motive stehen den Eintagsseemännern und -frauen zur Wahl. Damit die Schifffahrt auch für Tattoo-Feiglinge und alle anderen lustig wird, sorgt Lou on the Rocks aus dem Queen Calavera für heiße Burlesque-Shows; die Bands Wellbad und John Monday geben musikalisch den Ton an; Burger satt gibt’s von The Bird und Craft Beer sowieso.

Weil harte, bemalte, bärtige Kerle (und Mädels) aber auch meist einen weichen Kern haben, geht der komplette Erlös – von Eintritt über Tattoos bis Essen und Trinken – an das Hamburger Flüchtlingsprojekt Zongo. Vor zwei Jahren wurde die Anlaufstelle für afrikanische Flüchtlinge an der Königstraße gegründet, die dort täglich Hilfe fanden – von kostenloser medizinischer Versorgung bis zu warmen Mahlzeiten und Deutschunterricht. Im April musste das Zongo die Räumlichkeiten verlassen. Die Zukunft des Projekts ist noch ungewiss.

Text: Julia Braune

MS Mississippi Queen
13.6., Boarding 18.30 Uhr, Abfahrt 20 Uhr
Aftershowparty im Rock Café St. Pauli ab 23.30 Uhr
Vorverkauf bei Superstardestroyer (Glashüttenstraße 3), The Bird (Trommelstraße 4) und online