WobWob Bass! (12.12.)

Footwork, Trap, Grime … Nie gehört? Eine Entdeckungsreise in die Bassmusik-Welt des Hafenklang, Häkken, Volt und Central Park

Der Sound in Hamburg ist zu eingefahren. Entweder Techno, Techno, Techno oder ein alteingesessener HipHop-DJ, der ein bisschen Trap einstreut.“ Diese zugespitzte Meinung eines jungen Veranstalters und DJs, hört man zurzeit häufiger im Hamburger Nachtleben. Dabei passiert genug zwischen Techno und HipHop.

Hamburg kann nicht nur „utz utz“

Bestes Beispiel Bassmusik – ein Genre, das in den letzten Jahren differenzierter wurde und auch in der Hansestadt immer mehr Anhänger findet. Vor allem Musik aus UK wie Dubstep, Jungle, Drum ’n’ Bass, Grime oder Garage – im weiteren Sinne auch Footwork, Trap oder Future Bass – zählen dazu. Hamburg kann nicht nur „utz utz“ und sich einen auf die goldenen Deutschrap-Tage runterholen. Hamburg kann auch anders.

Wir drehen die Zeit gut zehn Jahre zurück: Da gab es Bassmusik in Form von Dubstep nur in der Astra-Stube bei nxt.lvl. 2007 schmiss die Crew zusammen mit Deneh und Marcus Maack aka Der Vinylizer eine größere Party namens Dubstep Garden. DJ N-Type aus London brachte den Laden zum Brennen und die Kollektive wussten, es ist Zeit für Größeres. Das Ergebnis: WobWob! Das Prinzip: internationale Größen buchen.

„Wir wollten die Leute, die den Sound machen, nach Hamburg holen, weil es sonst keiner tut“, so Markus. „Am Anfang haben viele gefragt, welcher Sound ist das. Jetzt fragt keiner mehr.“

Die Party im Hafenklang ist eine Art Cliquentreff

Neben Dubstep erforschen WobWob! auch die Grenzen des Genres. 2012 bucht Markus Maack den mittlerweile verstorbenen DJ Rashad und DJ Spinn, die Footwork-Legenden aus Chicago. Und zum achten Geburtstag im Dezember gratuliert kein geringerer als Thelem aus London. Die monatliche Party im Hafenklang ist zu einer Art Cliquentreff geworden. Übersetzt in Hamburger DJs heißt das unter anderen Phokus, Der Vinylizer, Phonkycool Martina, B-Ju, Bandulera, Phace oder Giacomo.

Die treiben sich auch bei anderen Formaten rum: Hoch10, Drumbule, 160+ und das Funky Kartell haben sich längst etabliert, der Pudel bucht immer wieder basslastige DJs (zum Beispiel Kode9 am 4. Dezember), und das 2011 gegründete Label Clap Your Feet haut mit Candy Crush und der neuen Wavvy-Reihe im Uebel & Gefährlich gerade ein Event nach dem anderen raus.

Neuestes Mitglied der Clique: das Häkken. Trotz Sitz im kommerziellen Klubhaus und stinklangweiligem Interior wagen sie ein progressives Nischen-Line-up samt 160bpm-schnellen Grundsound.

Die spinnen, die Füchse!

Und dann sind da noch John Known und DJ Highterkite. Seit anderthalb Jahren laden sie in die Fantasiewelt Fuchsbau. UK Bass und House – und „what the Fuchs“ aka Trap oder Future Bass schallen hier durch die Boxen. John erzählt, dass alles ganz easy laufen sollte: Im Keller des Good Old Days ohne hohe Ausgaben, ohne Eintritt. „Dann haben uns die Leute die Flyer aus der Hand gerissen.“ Mittlerweile bringen sie das Fuchsbau-Rudel-Feeling ins Volt, nehmen 7 Euro und haben ihr Stammpublikum.

„Der Name Fuchsbau hat sich etabliert und die Leute können etwas damit anfangen.“ Auch im letzten Monat des Jahres kann man sie wieder erleben – diesmal Open Air im Central Park. Im Winter? Die spinnen, die Füchse! Aber das macht sie aus und die basswütigen Gäste kommen nicht wegen „DJ XY“. „Nein, die Leute kommen wegen der Musik. Das ist es, was sie brauchen“.

Text: Andra Wöllert
Foto: Jakob Börner

Selbst den Bass spüren:

12.12. – WobWob!, Hafenklang, 23 Uhr
18.12. – Füchse im Busch, Central Park, 18 Uhr

Clouds Hill: Festival im Recordstudio

Dort, wo Rocko Schamoni und Pete Doherty ihre Alben aufnahmen, wird am 11.12. unveröffentlichtes Material zelebriert. Das wird irre gemütlich!

Clouds Hill Festival hamburgDie legendären Hamburger Aufnahmestudios Clouds Hill, in denen unter anderen Rocko Schamoni seine Orchester-Platte „Die Vergessenen“ aufgenommen hat und Pete Doherty sein zweites Solo-Album einspielte, öffnen zum vierten Mal ihre Pforten für musikbegeisterte Gäste.

Das Besondere beim Clouds Hill Festival 2015: Alle Künstler spielen Stücke von bisher unveröffentlichtem Material und das auf sehr unterschiedliche Art und Weise zu ihren 2016 erscheinenden Alben. “Die Produktionen befinden sich noch im Entstehungsprozess. Wir ermöglichen den Zuschauern ein einmaliges Musikereignis, was zukünftig so nicht reproduziert werden kann”, erklärt Johann Scherer (Foto), selbst Musiker und Inhaber von Clouds Hill Recordings.

Für eine Nacht werden die Studioräume in Rothenburgsort zu Bühnen. James Johnston, bekannt durch seine Arbeit als Gitarrist von PJ Harvey und The Bad Seeds, spielt nur mit Klavier und vier Streichern brandneue Stücke, Dagobert tritt mit neuer Band auf (Wer sich nicht das Video da unten von ihm anschaut, ist selber schuld.) und der Newcomer Nicolas Sturm präsentiert unveröffentlichte Songs.

Übrigens: Man munkelt ein Special Guest, der die Räumlichkeiten bereits gut kennt, könnte unangekündigt auftreten. Wir sind gespannt!

Text: Ole Masch

Clouds Hill Festival
Billwerder Neuer Deich 72 (Rothenburgsort)
11.12., 18.30 Uhr

Pils trinken im Wald

In der neuen Kneipe Wald am Großneumarkt fließt das Bier aus Kupferrohren ins Glas – die erste Tankbierbar Hamburgs

Pilze sammeln im Wald – kann man machen. Pils trinken im Wald – geht jetzt auch. Die Macher der ziemlich entspannten Korall Bar, einer Eckkneipe auf St. Pauli, ließen sich nun auch am Großneumarkt nieder. Wald heißt die erste Tankbierbar Hamburgs, die mit Kupferrohren, viel Holz und grünen Fliesen gemütlich und urig wirkt.

Früher betrieb Udo an dieser Adresse seine Kneipe Ost West. Es gab Bockwurst mit Stulle, Weinbrand-Cola und reichlich Deko aus der Zeit, als Deutschland geteilt war. Inklusive Honecker-Porträt. Die einen trauern um ihr ehemaliges Stammlokal, andere sind froh über den frischen Wind, den Iris Heitel und Beatriz Delgado López in den Laden bringen.

Ihr Konzept beruht auf einer Kooperation mit Pilsner Urquell. Das frisch gebraute, unpasteurisierte Bier wird direkt ab Brauerei innerhalb von 24 Stunden an das Wald geliefert. Hier fließt es aus großen kupferfarbenen Stahltanks direkt in die Zapfanlage und die Gläser der Gäste – ohne die Zufuhr von zusätzlicher Kohlensäure. Frisch und mild schmeckt dieses Bier.

Alternativ kann man sich sein Pils selbst zapfen, wenn man an dem langen Tisch mit der integrierten Anlage Platz nimmt. Anders als in der Raucherkneipe Korall Bar kann man im Wald auch etwas essen. Es gibt Suppen, frisches Brot mit Fässchenbutter, Salz, Oliven – und Stullen, ein bisschen wie früher bei Udo.

Text: Lena Frommeyer

Wald
Großneumarkt 45 (Neustadt)
Di-Fr ab 16 Uhr
Sa ab 12 Uhr

Jannes Wochenrückblick Vol. 34

Kolumne: Dom – Jannes mag zwar keine Vorstadt-Ghettoflipper am Autoscooter, plant aber bald Gehaltsgespräche beim Kirmesboxen zu führen

Jannes geht gerne mal auf den Dom. Das tuen zwar viele Menschen aus Hamburg, aber Jannes hat (nicht nur) einen persönlichen Grund dafür:

Es ist Winterdom. Gut, es ist gefühlt 17 Mal im Jahr Dom und somit eigentlich ja beinahe rund um die Uhr, aber zur Weihnachtszeit strahlen die Kinderaugen … Entschuldigung, aus Pathos-Gründen muss ich den Satz abbrechen. Zur Weihnachtszeit freuen sich die Kinder in der U3 und auf dem Heiligengeistfeld vielleicht am schönsten, aber tatsächlich kann ich dem Volksfest auch aus anderen Gründen etwas abgewinnen.

Nicht wegen der betrunkenen Erwachsenen. Und Weihnachtsmarkt ist ja auch nicht so mein Ding, bis auf die prachtvolle Pimmelparade auf dem Spielbudenplatz. Und auch die Vorstadt-Ghettoflipper am Autoscooter hauen mich nicht vom Hocker.

Wohl aber habe ich schöne Erinnerungen an Ausflüge mit den Leuten aus dem Behindertenheim, in dem ich Zivildienst geleistet habe. Das war leicht ironisches Bummeln mit Freunden, auch bei Äquivalenten in meiner alten Heimat: dem Gallimarkt in Leer mit Omi und dem Oldenburger Kramermarkt mit meiner Familie – stets ein fröhliches Hallo auf den Lippen mit den Baskets und Klaas Heufer-Umlauf.

Joko und ich haben uns neulich überlegt, dass wir künftig Vorstellungsgespräche auf dem Dom führen werden. Drei Mal im Jahr, die Stationen: Kennenlernen im Riesenrad, dann zehn Bier am 1-Euro-Stand, Zielschießen, Geisterbahn, Funhouse, ein heftiges Karussell und das Gehaltsgespräch dann beim Kirmesboxen. Das nordet doch auf’s echte Leben ein. Wer hat Interesse?

Habt einen schönen Start in die Woche, wir lesen uns Sonntag wieder, Jannes

Who the fuck is Jannes?

Jannes Vahl hat den gemeinnützigen Verein Clubkinder e.V. gegründet. Mit Konzerten, Partys oder Events sammelt er Spenden für soziale Projekte in Hamburg, beispielsweise mit der Tagebuchlesung. Außerdem leitet er die Kreativagentur Polycore mit Büro auf St. Pauli. Mit seinem Compagnon Joko setzt er hier Projekte um. Jannes Vahl hat 5.000 Facebookfreunde, trinkt Craft-Bier, mag die Band Pearl Jam und versendet digitale Herzchen. In seiner neuen Kolumne berichtet er jeden Sonntag über ein Hamburger Thema, das ihn in der letzten Woche beschäftigt hat.

Schneewittchens Bratapfel

Der Hamburger Autor hat mit “Heute koch ich, morgen brat ich” eine moderne Fassung von Grimms Märchen mit Rezepten kombiniert. Räubereintopf oder Kesselgulasch?

SZENE HAMBURG: Herr Paul, haben Sie ein Lieblingsmärchen?

Stevan Paul: Ja, die Bremer Stadtmusikanten mag ich wahnsinnig gerne. Weil das eine wunderbare
Parabel auf selbstbestimmtes Leben und würdevolles Altern ist. Ein großartiges Märchen, sehr anarchistisch.

Die Bremer Stadtmusikanten haben Sie auch in Ihr Buch aufgenommen. Was würden Sie dazu kochen?

Bei den Bremer Stadtmusikanten ist es natürlich der berühmte Bremer Knipp: eine Heringsschüssel mit Bratkartoffeln und Remoulade und dazu ein Krabbenrührei, so richtig lecker und norddeutsch.

Fehlt in den Märchen der Brüder Grimm das Kulinarische?

Bei den Brüdern Grimm gibt es ja außer Brei und Brot nicht viel zu essen. Das Essen selbst hat eher eine funktionale Ebene: der vergiftete Apfel, Hänsel und Gretel finden über die Brotkrümel nach Hause, aber wenn richtig gespeist wird, bei den Hochzeiten in den Schlössern, da verstummen die Grimms. Der Genuss beim Essen, das kam ein bisschen später und war sicher auch eher den Adligen und den Königshäusern vorbehalten, nicht unbedingt den Märchenlesern.

Sie haben die Märchen umgeschrieben. Was genau haben Sie da geändert?

Die Originalfassungen sind teils wirklich furztrocken und sehr nüchtern geschrieben. Ich habe gestaunt, weil das die Märchen meiner Kindheit waren und mir das damals gar nicht so auffiel. Ich habe mir erlaubt, eine Prise Humor und ein paar Adjektive einzufügen. Beim Vorlesen merkt man, dass der Text sich flotter liest. Außerdem habe ich die Tafelszenen eingefügt und ausgeschmückt – das, was bei den Brüdern Grimm auffällig fehlt. Ansonsten habe ich die Originaltexte mit großem Respekt behandelt. Aber einige gruselige Stellen habe ich leicht umformuliert.

Stevan Paul Hamburg CoverWaren Ihnen die Märchen als Kind zu grausam?

Überhaupt nicht. Ich glaube Kinder können da echt viel ab. Aber ich habe den Text etwas modernisiert und das hat Spaß gemacht. Zum Beispiel gibt es die Szene bei Aschenputtel, da werden den Schwestern vor der Hochzeitsgesellschaft die Augen ausgestochen. Das war mir zu heftig. Jetzt kriegen die Damen von den Tauben ordentlich auf den Kopf gekackt und wenn man das vorliest, freuen sich die Kinder wie sonst was!

Sie publizieren auf ihrem Blog nutriculinary.com ja auch kulinarische Gedichte. Passen Literatur und Essen gut zusammen?

Ja, total. Am Beispiel des Essens können Sie die ganze Welt erzählen. Ein wunderbarer Spiegel unserer Gesellschaft ist die Art und Weise, wie gegessen und gekocht wird. Damit können Sie so ziemlich alles erzählen. Das spielt auch in meinen Büchern eine Rolle.

Du bist, was du isst?

Ja, das liegt total auf der Hand. Sie können gesellschaftliche Entwicklungen anhand des Essens erzählen. Nehmen wir doch mal unsere Gesellschaft heute. Wir leben in einer superschnellen Leistungsgesellschaft und unser Essen hat sich total verändert. Es geht gar nicht mehr um gr0ßen Genuss. Man beschäftigt sich extrem damit und sieht Essen als eine Art Heilsversprechen.

Heutzutage findet man doch gerade zurück zum Genuss, oder nicht? Es gibt einen Slowfood-Trend, das Essen wird wieder wertgeschätzt.

Absolut, und ich hoffe auch, dass es so bleibt. Es gibt drei große Strömungen: Streetfood, das Interesse an gutem Kaffee und Craftbeer. Das Interesse an Qualität steigt wieder, aber es muss dennoch alles gesund und funktional sein.

Welche Bücher würden Sie denn gerne noch mit Rezepten ergänzen?

Keine Ahnung, die Themen kommen irgendwie immer auf mich zu. Mein nächstes Buch, das im Februar 2016 erscheint, ist ein Festival- und Camping-Kochbuch. Dafür bin ich diesen Sommer mit dem VW-Bus quer durch Europa gefahren und habe Live-Camping-Küche gemacht. Ich habe Festivals in sechs Ländern besucht und den Künstlern und dem Publikum gezeigt, wie es sich im Freien kocht.

Interview: Natalia Sadovnik
Foto: Daniela Haug

Stevan Paul: „Heute koch ich, morgen brat ich“, Hölker Verlag, 208 Seiten, 29,95 Euro

Lesung: 8.12., 20 Uhr
Nochtspeicher
Bernhard-Nocht-Straße 69 (St. Pauli)

“Mensch Loki, wer war das?”

Er brachte Helmut die Einschreiben und rauchte mit Loki im Vorgarten. So erinnert sich ihr Postbote an die Schmidts

Helmut Schmidt wohnte sein halbes langes Leben lang mit seiner Frau Loki in Langenhorn in einer Reihenhaussiedlung, so wie ich auch. Als ich nach dem Abitur von der Einflugschneise wegziehen wollte, verdiente ich mir dort das nötige Startkapital als Postbote.

Helmut Schmidt war ich schon vorher begegnet: Bei der Einweihung der neuen Langenhorner Polizeiwache im Frühling 1977 konnte ich ihn fotografieren (Foto oben). Er schien kein Problem damit zu haben, dass ich ihm meine Kodak Instamatic direkt ins Gesicht hielt. Im Bewusstsein, der am besten angezogene Mann Langenhorns und vielleicht der ganzen Welt zu sein, genoss er die mediale Aufmerksamkeit und ließ keine Kamera aus, ob sie nun von einem Reporter oder einem jungen Langenhorner gehalten wurde.

Viereinhalb Jahre nach der Schleyer-Ermordung im Herbst des Jahres 1977 war sein Haus am Neubergerweg mit einem hohen Stahlzaun vergattert, dessen Durchgang vom Bundesgrenzschutz bewacht wurde. Das machte die persönliche Zustellung von Post so gut wie unmöglich. Statt in einen Briefkasten musste ich vor dem Zaun seine Sendungen in einen bombensicheren Behälter legen, der als Mülltonnenbox aus Waschbeton getarnt war.

Seiner Frau Loki, die ich oft im Vorgarten traf, durfte ich die Post auch nicht geben. Dafür hatte ich dann die Hände frei, um mit ihr eine Zigarette zu rauchen und über die seltenen Sträucher und Kräuter zu reden, mit denen sie ihre Beete bepflanzt hatte. Die Schmidts vermieden es, im Haus zu rauchen, Loki ging dafür auf die Terrasse und Helmut nahm Schnupftabak.

Dessen Reste musste er sich erst vom Handrücken streifen, wenn ich ihn Sonnabends bei Übergaben von Einschreiben doch persönlich antraf. In Begleitung eines bewaffneten Grenzschützers durfte ich zur Haustür gehen, die er selbst öffnete. Erstaunlicherweise trug er auch zuhause Anzug und Krawatte, nur seine Elblotsenmütze hatte er nicht auf.

InnerSpacer

Wolfgang Schindler, Hamburger Künstler und Ex-Postbote von Helmut Schmidt

Jahre später traf ich Helmut und Loki Schmidt zufällig abends im Kiwittsmoor-Park. Ich grüßte die beiden freundlich und sie grüßte zurück, er aber sah mich nur verwundert an. Als sie an mir vorbei waren, hörte ich, wie er seine Frau fragte: „Mensch Loki, wer war das denn jetzt schon wieder?“ Sie lachte und sagte: „Aber Helmut, das war doch unser Postbote!“

Text & Foto: Wolfgang Schindler

Helmut Schmidt starb am 10.11.2015 in Langenhorn im Alter von 96 Jahren. Der Wohnsitz des Ehepaares am Neubergerweg 80 soll musealisiert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden

Central Congress: Trinken im Konferenzraum

Oliver Hörr und Johannes Wildner betreiben diese Bar abseits der Szeneviertel. DJs spielen von einer Kanzel, Jägermeister sucht man vergebens

Unkundige könnten meinen, dass dieser Raum ein Übrigbleibsel aus der Zeit des Kalten Kriegs sei. Stimmt aber nicht. Der Laden war zuvor ein seelenloses Reisebüro an der viel befahrenen Steinstraße, wie es nur wenige Meter weiter eines gibt. Alles hier ist gründlich durchdacht und von langer Hand geplant.

Das Wandfurnier wurde extra angefertigt, für die Decke haben die beiden Betreiber lange im Internet recherchiert. Die Designklassiker von Castelli mit Armlehnen, die um die O-förmig gestellten Tische stehen, waren ein Glücksgriff bei ebay. Beeindruckend angelegt ist auch das DJ-Pult: Durch das Hochparterre exponiert und gut illuminiert kann der musikalische Zeremonienmeister ungestört seiner Arbeit nachgehen – eine explizit so angelegte Kanzel.

Central-Congress-Hamburg-3Den Traum von einer Bar im Stil eines Konferenzraums aus den 1960ern hatten Oliver Hörr und Johannes Wildner (Foto) schon lange. Um so glücklicher waren sie, als sie endlich den Raum in dieser Lage fanden. Weder Hörr noch Wildner wollten eine weitere Kneipe in einem der angesagten Viertel präsentieren, sondern bewusst in einer Ecke eröffnen, in der nicht die üblichen Junggesellenabschiede reinplatzen und „BIIIEER!“ kreischen.

Auch die Getränkekarte wurde mit sehr viel Bedacht konzipiert. Cola und Jägermeister beispielsweise suchen Gäste vergebens. Dafür gibt es Besonderheiten wie „Negroni“, einen köstlichen Wacholder-Schnaps. Und wer einen Gin Tonic bestellt, wird zunächst gefragt, ob der Gin mit süßem oder herbem Tonic gemixt werden soll. Dabei sind die Preise absolut zivil, ein Gin Tonic kostet 7,50 Euro, eine Flasche Moravia Pils 2,80 Euro.

Oliver Hörr ist ein erfahrener Gastronom, in den 1990ern war er für das Betreiben wüster Musikerbars wie Caspars Ballroom und Heinz Karmers Tanzcafé bekannt. Subkulturelle Legenden des ungepflegten Besäufnisses. 1995 eröffnete Hörr den Saal II in der Schanze. Seine langjährige Erfahrung und den Wunsch nach einer ganz besonderen Bar hat er in dieses Projekt gesteckt. Ein Besuch lohnt sich.

Central Congress
Steinstraße 5–7 (Altstadt)
Mo-Sa ab 17 Uhr
Veranstaltungen werden über Facebook kommuniziert
0,33 Liter Bier 2,80 Euro

Text: Lisa Scheide
Foto: Jakob Börner

Andere Kneipen in Hamburg:

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The Chug ClubThe Chug Club
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Rocky hat eine quitschbunte Karibikinsel auf der Uhlenhorst errichtet. Hier serviert er reich dekorierte Cocktails im Bambusbecher
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SZENE NovemberWeitere Vorschläge für einen gepflegten Drink findet ihr in der druckfrischen November-Ausgabe der SZENE HAMBURG.

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One Love: Selekta Reggae Record Shop

Ingo Schepper verkauft seit 20 Jahren Reggae auf Vinyl – noch warm, direkt vom Plattenteller. Nun zieht er mit seinem Laden ans Schulterblatt

Mit kistenweise Vinyl begann Ingo Schepper seine Karriere als Plattendealer in der Bartelsstraße im Dezember 1995, also vor genau 20 Jahren. Wenige Monate zuvor veranstaltete er im Westwerk eine Auktion. „Dancehall, Reggae, Jungle, Dub House, Lovers, 7inches, Roots, Rare Records & 2nd Hand Auction“, stand damals auf dem Flyer. Die Bude brannte. Die Leute kauften seine Platten direkt vom Teller. Die Eröffnung eines Ladens folgte als logische Konsequenz.

Der Selekta Reggae Record Shop entwickelte sich schnell zu einer der besten deutschen Adressen für Reggae. Auch, weil Ingo Schepper und sein damaliger Kompagnon Hans Peters fleißig nach Jamaika reisten und Produzenten wie Clive Chin und Clement „Sir Coxsone“ Dodd zu ihren Bekannten zählten.

Mikrokosmos für Liebhaber von Dancehall und Reggae

In der Sternschanze gedieh ein Mikrokosmos für Liebhaber von Dancehall und Reggae, für Künstler und DJs. Ein Ort, um Musik zu hören, über sie zu sprechen und sie zu kaufen. Und es wurde gefeiert: „Besonders gerne erinnere ich mich an eine Geburtstagsparty für Panzer von Supersonic. Tony Screw von Downbeat The Ruler legte auf. Das hat geknallt! So sehr, dass er die Anlage schredderte“, erzählt Schepper.

So gar nicht zum Feiern zumute war dem Team, wenn es über die Jahre die Entwicklung der Mietpreise in der Sternschanze beobachtete. Schepper eröffnete 2014 einen zweiten Laden in der Bernard-Nocht-Straße auf St. Pauli. Es blieb bei einem kurzen Gastspiel – Differenzen zwischen Anwohnern und dem Vermieter sowie wenig Laufkundschaft waren die Gründe.

Anfang 2016 werden die Kisten gepackt

In der Bartelsstraße spitzte sich die Lage zu. Die neuen Vermieter boten Schepper nur noch Verträge mit einer Laufzeit von einem halben Jahr an. Er suchte nach einer Alternative für mehr Planungssicherheit – und wurde fündig: Anfang 2016 werden also die Kisten ein- und einige hundert Meter entfernt in den Räumen einer ehemaligen Boutique am Schulterblatt 18 wieder ausgepackt. Am 6. Februar 2016 soll die Eröffnungssause steigen.

Vorher feiert das Team aber noch den runden Geburtstag am alten Standort in der Bartelssstraße – am 4. und 5. Dezember mit Specials und natürlich mit Musik.

Text: Lena Frommeyer
Foto: Andreas Muhme

Selekta Reggae Record Shop
Bartelsstraße 11 (Sternschanze)
Telefon 430 88 39
Jubiläumsfeier am 4.+5.12.

Lässige Oper: Le Nozze di Figaro

Es weht ein frischer Wind über die Hamburger Opernbühne – mit einem medial aufgeputschten Klassiker von Mozart

Und zwar von der ersten Note von Mozarts Verwechslungsoper “Le Nozze di Figaro” an. Handschriftliche Notenblätter werden zur Ouvertüre medial projiziert, die Noten beginnen als Trickfilm lebendig zu werden, sich zu einem Schwarm galoppierender Spermien zu formieren – ein ironischer Wink auf die erotischen Wirrungen im Hause Almaviva, die in den nächsten drei Stunden folgen.

Ein Käfig aus Notenblättern

Da funkelt ein Figaro auf der Hamburger Bühne, der alles Verquaste der komischen Oper abgeworfen hat. Als Bühnenbild ein Käfig aus Notenblättern, bei dem sich immer mal Luken öffnen – ganz gemäß der Handlung: Der lüsterne Graf Almaviva (Kartal Karagedik) trachtet stets danach, eine Nacht mit Figaros Braut Susanna (eine großartige Katerina Tretyakova) zu verbringen.

Die feudalen Verführungs- und Machtgelüste des Grafen brechen durch die dunklen Löcher – bis der Notenkäfig als Skelett menschlicher Leidenschaft völlig freigelegt ist. Inszeniert als fulminantes Bild zur Pause, bei dem alle Notenblätter gleichzeitig zu Boden flattern und die Eisenstäbe darunter zum Vorschein kommen.

Kleines Beben durch neue Intendanz

Regisseur Stefan Herheim entblößt das universelle Begehren und die Urseele in Mozarts Oper, der Graf steht am Schluss als lächerlicher Liebesbettler da, besonders in der zweiten Hälfte geht das als existenzieller Strang angenehm übers Lustspiel hinaus. Herheim, Regiestar aus Norwegen, gibt mit Mozarts Oper sein Debüt in Hamburg und hat mit Dirigent Ottavio Dantone einen Spezialisten für Alte Musik zur Seite. Die beiden stemmen einen sinnlich-spielerischen Mozart, der zum Theatralen drängt.

Der Einsatz von Licht und intensiven, auch melancholischen tableauartigen Bildern in der zweiten Hälfte lässt ahnen, dass von der Oper in Hamburg unter neuer Intendanz noch ein kleines Beben zu erwarten ist.

Text: Stefanie Maeck

Staatsoper Hamburg
Große Theaterstraße 25 (Neustadt)
Termin im Dezember: 3.12., 19 Uhr

Blacktape: Wo kommt der deutsche HipHop her?

Die Dokumentation über die Ursprünge des deutschen HipHop lässt Haftbefehl, Samy Deluxe, Marteria und Co. zu Wort kommen – ab 3.12. im Kino

Klingt wie ein bürgerliches Kulturprojekt, ist es aber nicht. Regisseur Sékou Neblett, früher in der Band Freundeskreis aktiv, bedient in “Blacktape” nur in den ersten zehn Minuten die Erwartungshaltung des an akademischer Diskussion interessierten Publikums: Thomas D, die Stieber Twins & Co äußern sich, durchaus interessant, zur Geschichte des deutschsprachigen HipHops.

Dann mutiert der Film zu einer Schnitzeljagd mit Thrillerelementen nach dem wahren Ursprung des HipHops: Neblett, HipHop-Urgestein Falk Schacht und der legendäre Talentscout Marcus Staiger machen sich auf die Suche nach dem Absender eines mysteriösen Tapes, einem gewissen Tigon. Ein ungewöhnlicher Doku-Stil, der aber funktioniert.

Neblett hält sich zurück, er zeigt die Konflikte zwischen dem „Detektiv-Trio“, bewertet möglichst selten. Darin liegt die Stärke seines Films. Welcher gekrönt wird von einem cleveren Schluss, wenn dem Publikum mit einem ironischen Augenzwinkern Tigon serviert wird. Ausdrückliche Kino-Empfehlung!

Text: Mirko Schneider

Regie: Sékou Neblett. Mit Marcus Staiger, Falk Schacht, Sékou Neblett, Thomas D, Max Herre

Abaton Kino
Allendeplatz 3 /Ecke Grindelhof (Rotherbaum)
3.12., 20 Uhr