Sommerlektüre: Revolutionärer Weltumsegler

Wir empfehlen Bücher für die Urlaubstasche. No 3: Georg Forsters große Reise

Georg Forster, Naturforscher“, heißt es lapidar auf der Erinnerungstafel. Sie hängt am Giebel des Göttinger Hauses, in dem der einst gefeierte Weltumsegler und später verfemte Revolutionär kurze Zeit einmal gewohnt hat. Forster (1754–1794) war mit James Cook in die Südsee gereist. In Deutschland hatte niemand von der Welt so viel gesehen wie er. Als Mainzer Jakobiner hat er hier die erste Republik überhaupt mitbegründet.

Höchst lebendig, mithilfe vieler Zitate aus Forsters Briefen, Essays und Reiseerzählungen (wie der berühmten „Reise um die Welt“) rekonstruiert das Buch, wie sich aus seiner Naturanschauung sein Revolutionsverständnis entwickelt. Eloquent referiert es den aktuellen Stand der Forster-Forschung. Und es verfolgt dessen „Lebensreise“ bis ins Paris der Schreckensherrschaft.Dort erleiden all seine Hoffnungen auf schreckliche Weise Schiffbruch – was er aber noch eher akzeptierte, als „in Hamburg oder Altona“ eine ruhige Kugel zu schieben. Ein aufregendes Leben, dessen geistiges Substrat vom Autor analog entfaltet wird.


GeorgForster großEine Empfehlung von Jörg Schöning

Lesedauer: Zwei Wochenenden

Jürgen Goldstein: „Georg Forster. Zwischen Freiheit und Naturgewalt“
Matthes & Seitz, 310 Seiten, 24,90 Euro

Jannes Wochenrückblick Vol. 16

Kolumne: Echte Freunde

Ich werde erstaunlich häufig gefragt, ob ich tatsächlich alle 4.999 meiner Freunde auf Facebook kenne. Um die Antwort vorwegzunehmen: Ja. Ich kenne tatsächlich alle 4.999 meiner Freunde auf facebook. Und die Follower auf Instagram, meine Kontakte auf Xing und die Menschen hinter den Profilen auf Linkedin auch.

Meine Freunde im Bureau machen sich regelmäßig einen Spaß daraus, bei meinen Facebook-Freunden bis ganz nach unten zu scrollen, um mich abzufragen. Ich kann ihnen dann den Job der Person und den Grund, warum wir uns kennengelernt haben, nennen. Bisher bin ich ungeschlagen.

Vielleicht können sich das einige Menschen nicht vorstellen, aber ich bin immer ein wenig erstaunt, wenn es zu folgendem typischen Dialog kommt: »Hallo.« »Hallo.« »Weißt Du eigentlich, wer ich bin?« Wenn ich das nicht wüsste, würde ich doch nicht lächelnd auf diese Person zugehen und ihren Gruß erwidern, sondern fragen, ob oder woher wir uns kennen. Der Dialog kann jetzt verschiedene Wendungen nehmen, die zwischen einem spontanen Saufgelage auf die guten alten Zeiten und einem grundlos beleidigten Abgang der Grüßperson liegen.

Ich war diese Woche nicht nur zu einem Interview im Social Impact Lab eingeladen, wo ich gefragt wurde, wie die clubkinder in so kurzer Zeit so viele Supporter gewinnen konnten (der Grund steht oben zwischen den Zeilen), sondern auch zu Konzerten, Feten, dem Block Party Open Air und Hallo Frau Nachbar. Nichts für ungut: Ich habe alle Grüßenden er- und gekannt. Ich bin der Grüßonkel.

Habt einen schönen Start in die Woche, wir lesen uns Sonntag wieder, Jannes
Foto: Julia Schwendner

Who the fuck is Jannes?

Jannes Vahl hat den gemeinnützigen Verein Clubkinder e.V. gegründet. Mit Konzerten, Partys oder Events sammelt er Spenden für soziale Projekte in Hamburg, beispielsweise mit der Tagebuchlesung. Außerdem leitet er die Kreativagentur Flutlotsen mit Büro auf St. Pauli. Mit seinem Compagnon Joko setzt er hier Projekte um. Jannes Vahl hat 5.000 Facebookfreunde, trinkt Craft-Bier, mag die Band Pearl Jam und versendet digitale Herzchen. In seiner neuen Kolumne berichtet er jeden Sonntag über ein Hamburger Thema, das ihn in der letzten Woche beschäftigt hat.

Jannes Wochenrückblick Vol. 15

Kolumne: Welcome to Hamburg

Ich möchte euch heute mal von einem Projekt aus meinem gemeinnützigen Förderverein erzählen. Mit dem clubkinder e.V. veranstalten wir so oft es geht „Welcome Dinner“, also Abende, an denen acht Hamburger acht Zuwanderer zum Abendessen einladen.

Bislang machen wir das meistens im Restaurant »Altes Mädchen«, es haben sich aber auch schon zahlreiche andere Lokale bei uns gemeldet. So viele, dass wir das gar nicht schaffen können, überall dort „Welcome Dinner“ zu veranstalten, weil wir auch eine gewisse Sorgfalt bei der Vor- und bei der Nachbereitung an den Tag legen wollen und wir das ja auch nur ehrenamtlich nebenbei machen können. Wir haben die ersten „Welcome Dinner“ allerdings dafür genutzt, kleine Listen für die Gäste und die potentiellen Veranstalter zu erstellen, mit denen man unsere Abende vervielfältigen kann, da es doch einige emotionale, wirtschaftliche und juristische Punkte zu bedenken gibt. Darum soll dieser Text hier als Aufruf dienen, uns bei den Welcome Dinner zu unterstützen: Wir haben jede Menge Freiwillige – über 300 Hamburger, die Zuwanderer einladen mögen, und wie gesagt auch zahlreiche Restaurants.

Der Lohn: ein ganz normaler Abend mit neuen Freunden. Und das ist genau das, was die Zuwanderer verdient haben. So zeigen wir Deutschland, dass es auch anders geht als in Dresden oder in Freital, und den Geflüchteten, dass es viele gastfreundliche Hamburger gibt. Eine enorm wichtige Geste im Wert von 20 Euro.

Die Kür: aus den Abendessen entstehen weitere Aktivitäten. Es wird gekocht und gelacht, einige Hamburger bringen den Zuwanderern Gitarre oder Gesang bei, Deutsch oder Englisch, gehen mit ihnen kicken oder boxen und laden sie auf Konzerte ein. Ganz normal eben. Für „uns“.

Habt einen schönen Start in die Woche, wir lesen uns Sonntag wieder, Jannes

Foto: Julia Schwendner

Who the fuck is Jannes?

Jannes Vahl hat den gemeinnützigen Verein Clubkinder e.V. gegründet. Mit Konzerten, Partys oder Events sammelt er Spenden für soziale Projekte in Hamburg, beispielsweise mit der Tagebuchlesung. Außerdem leitet er die Kreativagentur Flutlotsen mit Büro auf St. Pauli. Mit seinem Compagnon Joko setzt er hier Projekte um. Jannes Vahl hat 5.000 Facebookfreunde, trinkt Craft-Bier, mag die Band Pearl Jam und versendet digitale Herzchen. In seiner neuen Kolumne berichtet er jeden Sonntag über ein Hamburger Thema, das ihn in der letzten Woche beschäftigt hat.

Jannes Wochenrückblick Vol. 14

Kolumne: Echte Mails. Oder: Schreibt mal wieder einen Brief, bevor die Evolution die Stifthaltemuskeln abschafft

Wann habt ihr eigentlich (vor dem Poststreik) zum letzten Mal einen Brief bekommen? Einen richtigen mit Handschrift, Umschlag und Briefmarke? Ich bin ein großer Freund dieser altertümlichen Kommunikationsform.

Heute hat man hauptsächlich Rechnungen oder Werbung im Briefkasten. Man bekommt standartisierte Briefe. Da steht die Adresse auf einem Aufkleber aus dem Computer. Der Absender? Ein Aufkleber aus dem Computer. Und die Briefmarke? Richtig. Sogar die ist mittlerweile oft ein Aufkleber aus dem Computer. Im Umschlag findet sich dann eine ausgedruckte Seite mit einer vielleicht echten, vielleicht eingescannten Unterschrift.

In meiner Familie wird Wert auf Details gelegt. Geschenke. Kleine Aufmerksamkeiten. Kleine Dankbarkeiten. Die Wahl des Geschenkpapieres. Diese Details können verraten, was das eigentlich Wertvolle ist: die Zeit, die man investiert hat. Die Gedanken, die man sich gemacht hat. Die Intensität, mit der man sich kennt und sich in das Gegenüber hineinversetzen kann. Empathie halt.

Der neue eBrief ist doch so, als würde man seiner Mama zum Geburtstag einen 20 Euro Gutschein schenken. Auf einer Tafel Nussschokolade von Aldi. Gut, schlechtes Beispiel: Über den 5 DM Taler auf einer Tafel Nussschokolade von Aldi von meiner Oma habe ich mich zehn Jahre lang immer enorm gefreut.

Trotzdem: Wichtige Gedanken verdienen einen richtigen Brief. Mit Füller geschrieben. Mit Fehlern oder durchgestrichenen Wörtern, weil einem beim Schreiben ein besseres eingefallen ist. Am Ende tut die Hand weh von der ungewohnten Anstrengung. Beim Schreiben mit dem Stift werden offensichtlich andere Muskeln bewegt als beim Tippen auf dem Smartphone. Vermutlich entsorgt die Evolution diese Muskeln eh demnächst.

Darum: Schreib mal wieder Briefe. Ich hab das diese Woche auch getan. Nimm Dir Zeit für Deine Gedanken. Beschrifte auch den Briefumschlag mit Deiner schönsten Schönschrift. Vielleicht sogar mit Schnörkeln und Herzen. Und freue Dich über den ungläubigen Blick, wenn Du in der Postfiliale (diese gelben Häuser) nach der schönsten Sondermarke fragst.

P.S.: Wer diese Kolumne in Briefform bekommen möchte, schickt bitte einen frankierten Rückumschlag an Jannes Vahl, Friedrichstr. 11, 20359 Hamburg

Habt einen schönen Start in die Woche, wir lesen uns Sonntag wieder, Jannes

Who the fuck is Jannes?

Jannes Vahl hat den gemeinnützigen Verein Clubkinder e.V. gegründet. Mit Konzerten, Partys oder Events sammelt er Spenden für soziale Projekte in Hamburg, beispielsweise mit der Tagebuchlesung. Außerdem leitet er die Kreativagentur Flutlotsen mit Büro auf St. Pauli. Mit seinem Compagnon Joko setzt er hier Projekte um. Jannes Vahl hat 5.000 Facebookfreunde, trinkt Craft-Bier, mag die Band Pearl Jam und versendet digitale Herzchen. In seiner neuen Kolumne berichtet er jeden Sonntag über ein Hamburger Thema, das ihn in der letzten Woche beschäftigt hat.

Samy Deluxe & Afrob

Auf ihrem neuen Album “Blockbasta” sind die beiden Rapper alias ASD derbe auf Abriss gebürstet

“Wer hätte das gedacht?” – so lautete 2003 der Titel des gemeinsamen Albums von Afrob und Samy Deluxe als ASD. Die Reaktion auf die Verkündung ihres Nachfolgers „Blockbasta“ dürfte eine ähnliche gewesen sein, denn zu rechnen war damit nicht.

Während Afrob nach der Veröffentlichung seines Soloalbums „Push“ im vergangenen Jahr weitgehend untergetaucht war, begab Samy sich auf die Suche dessen, was „Männlich“ ist, erinnerte an die „Gute alte Zeit“ und chillte mit Nena. Zwischendurch fanden Robbe und Sam aber offensichtlich genug Zeit, um Deutschrap Zwofuffzehn ihren Stempel aufzudrücken – und zwar mit ASD-Schriftzug und ordentlich Druck. Fundierte Auseinandersetzungen mit dem politischen Weltgeschehen oder reflektierte Selbstanalyse sucht man auf der neuen Platte jedenfalls vergebens.

„Blockbasta“ ist vor allem eins: Abriss! Samy selbst bezeichnet den Soundentwurf als „Brachiale Klanggestaltung“, und das trifft es ziemlich exakt. Auf erstaunlich zeitgeistigen Beats spucken ASD ihre gelebte „Antihaltung“ aus den Boxen und mähen sich wuchtig durch die Produktionen von Leuten wie DJ Desue und Bazzazian.

Wer die Gelegenheit hat, ASD mit dem neuen Material live zu sehen, sollte sich das jedenfalls nicht entgehen lassen – spätestens am 12. September im Stadtpark, wenn Sam dort sein 20-jähriges Bühnenjubiläum feiert. Mit dem Release von „Blockbasta“ feiern Sam und Afrob nun schon etwas vor. Wie heißt es im Titeltrack doch so schön: „Unser Album ist ein Fest, nenn es Festplatte“. Danke für die Einladung.

Text: Daniel Schieferdecker

“Blockbasta” erschien Anfang Juli

Schreiben mit Handicap

Daniela Chmelik gründete eine Literaturwerkstatt für Menschen mit und ohne Behinderung

SZENE HAMBURG: Was macht ihr in der Literaturwerkstatt des Künstlerkollektivs barner 16?

Wir haben einen Literaturblog im Internet, der „Story-Teller“ heißt. Dazu haben wir unterschiedliche Reihen. In „Titel großer toter Dichter“ lasse ich die Behinderten Klassikertexte interpretieren. Das ist zum Teil sehr verspaßt, und besonders bei „Warten auf Godot“ waren die Ergebnisse verblüffend nah am Original (lacht).

Texten Menschen mit Handicap anders als Menschen ohne?

Das ist mit Schubladen nicht zu fassen und ganz unterschiedlich. Manche texten sofort drauflos, wir haben aber auch jemanden mit ADHS, der kann überhaupt keine strukturierte Prosa schreiben, aber er kann dafür ein perfektes Gedicht aufs Papier werfen, das ist unglaublich. Vielleicht ist der Unterschied, dass da niemand versucht, irgendwas einer Norm anzupassen. Das gefällt mir.

Literaturwerkstatt barner 16

Mit Roller Derby-Cap auf dem Kopf erklärt Daniela Chmelik Literatur

Du machst auch die Pressearbeit für das St. Pauli Roller Derby. Das wiederum ist eine Sportart für Bad Asses.

Ja, das passt ganz gut. Ärsche in jedem Format sind da sehr gefragt. In keinem anderen Sport können Frauen so heterogen auftreten wie beim Roller Derby. Jenseits aller Norm findet dort jede ihre Position. Körperlich und charakterlich.

Auch eine Art Inklusion. Wieder geht es um Individualität und das Zusammenführen scheinbarer Gegensätze.

Es ist eine hervorragende Entfaltungsmöglichkeit, die auch Selbstakzeptanz beibringt. Ende der 90er-Jahre wurde dieser körperbetonte Wettkampfsport neu okkupiert von den Feministinnen der Dritte-Welle-Bewegung. Das hatte etwas Selbstermächtigendes. Hier muss eine Frau nicht das Gefühl haben, dass sie sich von der Männervariante emanzipieren muss.

Daniela Chmelik Demütroman “Walizka”, ein melancholisches Roadmovie über eine chaotische junge Frau namens Liza, ist im asphalt & anders Verlag erschienen

Das vollständige Interview von Reimar Biedermann mit Daniela Chmelik findet man in der Juli-Ausgabe der SZENE HAMBURG. Hier bestellen!

Romans vegane Wohnküche

Happenpappen ist ein Geheimtipp auch für Nicht-Veganer. Roman Witt serviert hier sogar „Indiana Jones“-Burger

Das Happenpappen in Eimsbüttel nennt sich auch „die vegane Wohnküche“, und das passt wie die Faust aufs Auge. In der umgebauten Vier-Zimmer-Wohnung mit offenem Küchenbereich wird täglich frisch gekocht, gerührt und gebacken – und zwar ausschließlich vegan. Gegessen wird in einem von drei individuell und sehr gemütlich eingerichteten Zimmern. Man fühlt sich gleich wie zu Hause, und dann bekommt man das Essen sogar noch an den Tisch gebracht! Neben mindestens einem täglich wechselnden Mittagsgericht für 6 bis 8 Euro gibt es eine Auswahl an Smoothies, hausgemachten Limonaden, Kuchen und Torten, am Wochenende zudem ein großes Angebot an Frühstücksgerichten, Sandwiches, Pfannkuchen und Quiches.

Unbedingt zu empfehlen: Mittwochs bis freitags lädt das Happenpappen ab 18 Uhr zum Burger-Abend. Wir entscheiden uns für den verdammt leckeren „Indiana Jones“-Burger mit Seitan und Fritz-Kola-BBQ-Sauce und den nicht minder tollen „Karate Kid“ mit Rote-Bete-Ketchup, Reis-Patty, Wasabi-Majo und gedrehtem Rettich (je 8 Euro), dazu gab es Süßkartoffel-Pommes mit Schnittlauch-Majo (2,50 Euro). Auch hier gilt: Ob Sauce, Brötchen oder Bratling – alles wird frisch vor Ort zubereitet und hergestellt. Wer einmal im Happenpappen war, möchte am liebsten einziehen. Auch für Nicht-Veganer ein absoluter Geheimtipp!

Text: Arne Ewerbeck

Das Happenpappen ist frisch gekürter Testsieger der Rubrik Vegetarien im Gatroguide SZENE HAMBURG ESSEN + TRINKEN. Leider haben wir im Heft die falschen Öffnungszeiten veröffentlicht. So ist’s richtig: Mo-Fr 12–22, Sa-So 11–18 Uhr

Happenpappen
Lappenbergsallee 41 (Eimsbüttel)
Telefon 85 38 29 66
Mo-Fr 12–22, Sa-So 11–18 Uhr

Cash for Gold

Kritische Kunst: Nina Beier durchleuchtet in ihrer Ausstellung unsere Warenwelt

Im Kunstverein leuchtet die leere Fratze des Kapitalismus. Riesige Porzellanhunde grüßen bei der dänischen Konzeptkünstlerin Nina Beier gleich im ersten Raum. Hässliche Symbole, wie sie so gerne von Neureichen genutzt werden, um, wie auch mit Porzellanleoparden, ihre Häuser aufzumotzen. Auf dem Boden daneben eine wertvoll erscheinende, aber ebenso geschmacklose chinesische Vase. Wenig weiter hat sich vor einem seelenlosen riesigen Turnschuhmodell eine Pfütze aus künstlichen Tränen gebildet. Nina Beier arrangiert Symbole des Hyperkapitalismus, des Reichtums.

Die dänische Konzeptkünstlerin, die am Royal College of Art in London studiert hat und heute in Berlin lebt, haut dabei Löcher in unsere kollektiven Bilder des Konsums und fügt etwas Unheimliches hinzu: Die Hunde und Vasen haben bei genauem Hinsehen Zacken in ihre Porzellanhülle gefräst, ihre Leere und Substanzlosigkeit wird sichtbar. Beier arbeitet in ihrer ersten institutionellen Einzelausstellung mit räumlich aufgeladenen Konstellationen: Neben die Vasen und Hunde aus Porzellan arrangiert sie den denkbar größten Gegensatz: Obdachlosenschlafsäcke und Hermès-Krawatten gepresst unter Glasplatten – und ganz basisch: normale Erde.

Kalter Luxus – die Fratze des Kapitalismus

Wer die Räume im Kunstverein durchwandert, spürt: Beier führt uns die kalte Aura des Kapitalismus vor. Der Wert der Ware entpuppt sich als Wette auf ihren Wert, als Fiktion: Das zeigen die teils geschmacklosen Luxus-Krawatten oder die Stapel ramponierter Perserteppiche, die nun im Ausstellungsraum stehen und gemeinhin als Luxusgüter gelten. Warum eigentlich?

Nina Beier Cash for Gold

Nina Beier: “Cash for Gold”, 2015

Die Räume werden leise und metaphorisch zum Trümmerfeld, zum Lost Place unserer Warenwelt. Die Frage weht durch den Raum: Wie wird Wert produziert? Im letzten Raum von „Cash for Gold“ schließlich so etwas wie eine pessimistische Diagnose: Da finden sich die Fragmente einer bronzenen Heldenrüstung hinter Vitrinenglas: Besingt Beier mit dem zerbrechlichen Torso das Ende des konsumgeleiteten Helden in seinem Panzer? Die 1975 geborene Beier beweist schlussendlich mit ihrer hermetischen Kunst aber auch assoziativen Witz: In Cocktailgläsern finden sich erstarrte Szenen in Formaldehyd, Momentaufnahmen ihrer Warenkritik: In einem Glas rinnt aus einem Füllhorn Geld, in einem anderen schwimmt ein Schwarm toter Fische.

Nina Beier kreiert fragmentarische, dabei jedoch hochästhetische Szenen eines Totentanzes, und womöglich kann aus ihrem apokalyptischen Trümmerfeld etwas Spielerisches und Neues entstehen. Wer die Zuschreibung von Wert nämlich einfach als gesellschaftlich gemacht erkennt, kann als freier, souveräner und kritischer Mensch im Reich der Repräsentationen tanzen.

Text: Stefanie Maeck

Kunstverein
Klosterwall 23 (Klostertor)
Bis 27.7.

Sommerlektüre: Couchsurfing im Iran

Wir empfehlen Bücher für die Urlaubstasche. No 2: Bikiniparty in Mashhad mit dem Individualreisenden Stephan Orth

Titel aus der Spiegel-Bestsellerliste weisen zumeist eine gewisse Mischung aus inhaltlichem Anspruch und Zugänglichkeit auf. „Couchsurfing im Iran“ erfüllt diese Formel im besten Sinne, denn es schmückt seine Ambition mit feinem Humor und unbedarfter Attitüde. Der Grund? Vermutlich herrscht in keinem anderen Land der Welt so ein hohes Maß an ziviler Kraft und Leidenschaft bei so viel restriktiver Kontrolle wie im Iran.

Da wird die Unbedarftheit zur Tugend, denn wer die Geheimnisse des Landes aufdecken will, sollte offenen Herzens reisen und am besten direkt in die Wohnzimmer der Einheimischen so wie der Autor. „Couchsurfing im Iran“ ist die Antwort auf die Frage, wie sich dieses Land anfühlt – jenseits der Nachrichten über Mullahs und den Atomstreit. Dazu bereitet Stephan Orth seine Erfahrungen auf zu informativem Gassenwissen, das macht das Buch unverzichtbar für jeden Iran-Reisenden. Den Reiseführer kann man sich fast sparen.

 

Couchsurfing im IranEine Empfehlung von Reimar Biedermann

Lesedauer: Der Flug nach Teheran

Stephan Orth: „Couchsurfing im Iran“
Malik Verlag, 240 Seiten, 14,99 Euro

Im Schatten der Müll-Verbrennungsanlage

Früher wurde in Rothenburgsort illegal gefeiert. Jetzt planen Hamburger Clubbetreiber eine neue Open Air-Fläche: das Parkland

Die Haltestelle Tiefstack wirkt verschlafen. Die meisten Stadtbewohner kennen den Ort nur, wenn sie ihr Fahrzeug bereits aus dem nahegelegenen Autoknast abholen mussten. Auf der anderen Seite des Bahnhofs, vorbei an einem Kleingartenstreifen, kommt nach 50 Metern ein Metallzaun. Riesige oberirdische Fernwärmeleitungen, die an russische Gaspipelines erinnern, schlängeln sich durchs Gelände. Es fühlt sich an, als wäre man wesentlich weiter östlich gelandet und nicht nur acht Minuten S-Bahn-Fahrt vom Hamburger Hauptbahnhof entfernt.

Früher wurde hier illegal gefeiert

Jahrelang wurde diese Stelle für illegalisierte Techno-Open-Airs genutzt. Der Zaun, hinter dem sich ein Wäldchen befindet, begrenzt das südliche Ende des Hamburger Verkehrsübungsplatzes. Geht es nach John Schierhorn und Leon Roloff, soll er sich in Zukunft für kultur- und musikinteressierte Menschen öffnen. Schierhorn, seines Zeichens Besitzer des Hamburger Clubs Waagenbau und Betreiber des Central Parks in der Schanze, und sein Partner Roloff planen Großes: Auf der Fläche der Verkehrswacht soll Hamburgs neue Festival- und Konzertlocation entstehen.

Was urbane Entwicklungen betrifft, sind die beiden keine Neulinge. Aus einer Einwohnerinitiative heraus entwickelten sie vor einigen Jahren ein Zukunftskonzept für die Brammer Fläche, auf der sich heute Central Park und Wagenplatz Zomia befinden. Eine Art Stadtteilzentrum mit Wohnungen, Clubs, Kita und Geschäften soll dort entstehen.

Die Geschichte hinter der neuen Idee, welche auf den Arbeitsnamen „Parkland“ hört, ist schnell erzählt: „Im Zuge eines weiteren Bauprojektes in Rothenburgsort sind wir mit vielen Trägerschaften ins Gespräch gekommen“, erklärt Schierhorn. „Im Schanzenviertel kenne ich jeden, aber hier stellte sich zunächst die Frage, wie wir Beteiligungen aufbauen können. Und dann ist die Verkehrswacht auf uns zugekommen.“

Parkland Rothenburgsort

5,3 Hektar misst das Gelände des Verkehrsübungsplatzes in Rothenburgsort

Traumkombi: Musikveranstaltungen und Verkehrssicherheit

Auf dem Verkehrsübungsplatz finden Pkw-Sicherheitstrainings oder das Üben ohne Führerschein statt. Geht es nach Geschäftsführer Hans Jürgen Vogt, soll dies auch weiterhin so sein. Doch 2013 wurde dem Verein im Zuge allgemeiner Sparmaßnahmen die Hälfte der Zuwendungen gekürzt. In der Hoffnung diese Lücke zu schließen, wandte er sich an Schierhorn und sein Team und es entstand die Idee einer gemeinsamen Platznutzung. Vogt ist sich sicher: „Musikveranstaltungen und Verkehrssicherheit sind eine traumhafte Kombination, die garantiert voll einschlagen wird.“

Die Prognose scheint nicht übertrieben. Kulturschaffende in Hamburg suchen seit Jahren nach Flächen, auf denen sie unter freiem Himmel Musik machen können. Die vorhandene Infrastruktur ist hier optimal. Im Süden gleich die S-Bahnstation Tiefstack und nördlich ein vierspuriger Zufahrtsweg mit großem Parkplatz. Der eigentliche Vorteil ist jedoch ein anderer: Da es keine direkten Anwohner gibt, kann man laut sein.

Ein Park im Schatten der Müllverbrennungsanlage

Die Fläche selbst hat ihren ganz eigenen Charme. Im Schatten der Müllverbrennungsanlage liegt das parkähnliche Gelände direkt am Elbe-Bille-Kanal. Eine festinstallierte Bühne würde sich zwischen Bäumen einfügen. Geplant ist die Auslegung für bis zu 5.000 Menschen. Grundsätzlich ist eine klassische Konzertnutzung gewollt, für die die Firma Hamburg-Konzerte ins Boot geholt wurde. Trotzdem sei man durchaus für andere Veranstaltungen und verschiedene Musikrichtungen offen. Den gastronomischen Teil plant Schierhorn beweglich und angepasst an das, was wirklich los ist. Besucher von kleineren Konzerten stünden so nicht verloren vor der Bühne.

„Wir denken hier zudem über ein Konzept nach, was die Verkehrswacht null einschränkt und wo maximal an 40 Sommertagen im Jahr Veranstaltungen wären. Alles, was wir brauchen, ist auf den hinteren Teil des Übungsplatzes und auf abends beschränkt. Wir lassen die Wege frei, und später fährt jemand, der hier Autofahren übt, eben nicht an einem Gebüsch, sondern an einer Bühne vorbei.“

Entlastung für das zunehmend technoisierte Entenwerder

Ein weiterer Vorteil sei die Entlastung des Stadtteils Rothenburgsort. Gerade in diesem Jahr haben zahlreiche elektronische Großveranstaltungen zu einem massenhaften Ansturm feierwilliger Partygäste geführt, die auf dem Weg zur Elbhalbinsel Entenwerder quer durchs Viertel gelaufen sind. „Das wäre hier nicht so. Wir hätten die Chance, diese großen Veranstaltungen hier zu machen und die kleinen, ruhigeren könnten dort laufen“, so Schierhorn weiter.

Bleibt die Frage nach dem Haken. Eine Hürde die der Clubbesitzer sieht, ist, dass die Stadt die Fläche im Entwicklungsplan „Stadtaufwärts an Elbe und Bille“ für spätere Industrieansiedelungen freihalten wolle. Die Problematik dabei liegt auf der Hand. Stimmt die Stadt einem solchen Projekt zu und bräuchte sie den Ort in einigen Jahren tatsächlich, stünde sie als Kulturvernichter da.

Doch die Sorge scheint mittlerweile unbegründet. Andy Grote, Chef vom zuständigen Bezirk Hamburg-Mitte, erklärt auf Nachfrage der SZENE HAMBURG, dass er das Projekt ausdrücklich unterstütze. Zudem gebe es bereits eine positive Grundsatzentscheidung der beteiligten Behörden und Unternehmen. „Aus Sicht der Stadt bestehen daher keine weiteren Hürden für die Umsetzung“, so Grote.

Auch Bezirksamtsleiter Andy Grote unterstützt die Pläne

Auch er sehe für Hamburg als Musikstadt einen wachsenden Bedarf nach Orten für Freiluftkonzertveranstaltungen, da sich eine lebendige Festivalkultur entwickelt habe. „Der Bezirk unterstützt deshalb Freiluft-Musikveranstaltungen überall, wo es geht. Insbesondere versuchen wir mögliche Konflikte von Konzertveranstaltungen und Anwohnern möglichst gering zu halten. Auch deshalb unterstützen wir die Nutzung des Verkehrsübungsplatzes, da hier die Bewohnerinnen und Bewohner in Rothenburgsort deutlich weniger betroffen sind.“

Einer ersten Feuerprobe steht somit nichts im Wege. Anfang September soll eine Testveranstaltung mit mehreren Partybetreibern verschiedener Musikszenen stattfinden. Läuft alles glatt, könnte das Projekt Parkland im nächsten Frühjahr starten. Die Hansestadt hätte damit einen (authentischen) Grund mehr, sich Musikstadt zu nennen, und John Schierhorns Schlussbemerkung ist nichts hinzuzufügen: „Hamburg braucht diese Bühne, und der Platz ist da.“

Text: Ole Masch

5.–6.9. Testwochenende, weitere Infos im Septemberheft von SZENE HAMBURG