Eine neue Bühne für Hamburg: Das Lichtwark Theater

Hamburg hat ein neues Theater. Das Lichtwark Theater im Bergedorfer KörberHaus soll der Kultur im Südosten der Stadt einen Schub geben

Text: Felix Willeke

 

Der 22. Januar 2023 war ein Gala-Abend für Hamburgs neuste Bühne: Das Lichtwark Theater im neuen KörberHaus öffnete erstmals seine Türen. 458 Plätze fasst das laut Kultursenator Dr. Carsten Brosda „modernste Theater der Stadt“. Als Teil des KörberHauses wird das Lichtwark Tehater in Zukunft von drei Seiten bespielt: Neben der KörberStiftung ist die Stäitisch TheaterService GmbH mit Intendant Axel Schneider für das professionelle Programm verantwortlich. Dazu kommen Laienproduktionen aus dem Stadtteil wie die Jugendtheatertage.

Ein Theater kommt, ein Theater geht

Das Lichtwark Theater ist damit auch der Nachfolger des Theater Haus im Park. Das traditionsreiche Haus war 1977 ebenfalls von der KörberStiftung eröffnet worden und hatte erst vor kurzem seinen Betrieb eingestellt. Die Eröffnung des neuen Theaters fällt dabei zudem in eine für die Kultur schwierige Zeit. Carsten Brosda sprach gerade deswegen von einem „Signal der Zuversicht und des Vertrauens in die Kultur.“ Und Bezirksamtsleiterin Cornelia Schmidt-Hoffmann erhofft sich darüber hinaus „einen Effekt für alle Kultureinrichtungen in Bergedorf.“

Lichtwark Theater Dr. Carsten Brosda

„Wir wollen die Kultur nicht nur in der Innenstadt hochhalten“, sagte Kultursenator Dr. Carsten Brosda (©Eva Häberle)

„Es gibt kein Gegeneinander“

Das neue Theater zieht schon jetzt die Aufmerksamkeit auf sich, jedoch soll es im Stadtteil „eine Ergänzung sein“, sagt Eva Nemela, die Leiterin des KörberHauses. „Wir wollen eine weitere Bühne bieten, um die Kultur aus dem Stadtteil nochmal einem anderen Publikum zu zeigen. Hier gibt es kein Gegeneinander, sondern ein Miteinander.“ Wie gut die Bühne angenommen wird, wird sich am 23. Januar 2023 von 14 bis 18 Uhr beim Tag der Offenen Tür zeigen.

Die ersten Highlights 

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Stiftungsgrüner Kurt A. Körber lebte und wirkte in Hambrg-Bergedorf (©Felix Willeke)

Das Programm für die ersten Wochen im neuen Lichtwark Theater steht auch schon fest. Die Premiere im Haus steigt am 3. Februar 2023 mit der Simon & Garfunkel Revival Band „Quattro“. Es folgt mit „Die Deutschlehrerin“ ein Gastspiel der Hamburger Kammerspiele. Am 30. März sind Komponist Mark Scheibe und das Orchester musici emeriti hamburg mit „Meine Symphonie“ zu Gast und am 11. Mai präsentiert das Lola Kulturzentrum A Capella Comedy von LaLeLu. Was all diese Künster:innen gemein haben, fasste Carsten Brosda noch in der Nacht nach der Gala in einem Songzitat aus dem Lied „Stage Fright“ von The Band zusammen: 


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Judith Holofernes: „Die Träume anderer Leute“

Als Frontfrau von Wir sind Helden ist Judith Holofernes zum Popstar geworden. Zehn Jahre ist die Auflösung der Band nun her. In der Zwischenzeit hat Holofernes zwei Soloalben sowie einen Gedichtband veröffentlicht und auf dem Social-Payment-Portal Patreon zu neuer Unabhängigkeit gefunden. Vor Kurzem ist ein weiteres Buch von ihr erschienen, diesmal ein autobiografisches: „Die Träume anderer Leute“

Interview: Daniel Schieferdecker

 

SZENE HAMBURG: Judith, dein Buch „Die Träume anderer Leute“ ist nun schon eine ganze Weile erhältlich. Wie ist bisher die Resonanz darauf?

Judith Holofernes: Ganz wunderschön! Was mich besonders freut, ist, wie sehr die Leute sich selbst und ihre eigenen Fragestellungen darin wiederfinden, obwohl meine Geschichte ja schon eine sehr spezielle ist.

Gab es Feedback, das dich besonders gefreut hat?

Das schönste Feedback kam von anderen Autor:innen, die mir tolle, ausführliche Mails dazu geschrieben haben. Und natürlich von anderen kreativen Menschen, Musikerinnen zum Beispiel, die mir gesagt haben, dass sie sich ganze Passagen angestrichen und mit Ausrufezeichen versehen haben.

„Am Ende hatte ich das Gefühl, dass ein so bekannter Wir-sind-Helden-Song im Titel missverständlich sein könnte.“
Judith Holofernes

„Der Schwerpunkt liegt auf der Zeit nach ‚Wir sind Helden‘“

Du hast ja, für deine Fans ersichtlich, bereits auf Patreon viel geschrieben und das für deine Patreon-Unterstützer veröffentlicht. Ist daraus die Idee zu einem Buch erwachsen oder ist die schon vorher in dir gegärt?

Am Anfang war ich mir nicht sicher, ob das Ganze wirklich ein Buch werden würde. Dieses Nachdenken über das Danach, über den Neuanfang nach einem großen Erfolg, das ist schon ein sehr nischiges Thema. Aber meine Abonnent*innen auf Patreon haben mich schnell davon überzeugt, dass da doch vieles drinsteckt, das über meine eigene Geschichte hinausgeht, und dass ich durch das Aufschreiben vielleicht andere Menschen in ihren Entscheidungsprozessen, ihrem eigenen Loslassen, unterstützen kann.

Der Arbeitstitel für dein Buch war eigentlich „Von hier an blind – Vom Versuch, in Würde weniger Erfolg zu haben“. Warum hast du das Buch letztlich anders genannt?

Hihi. Auch nicht schlecht. Am Ende hatte ich das Gefühl, dass ein so bekannter Wir-sind-Helden-Song im Titel missverständlich sein könnte. Es geht zwar auch um meine Zeit mit Wir sind Helden, aber der Schwerpunkt liegt ja schon deutlich auf der Zeit danach. „Die Träume anderer Leute“ ist zwar auch ein Heldensong, war aber nie eine Single, und am Ende hatte ich das Gefühl, dass es im Buch so viel um Träume geht, darüber wie man sie verliert und wiederfindet, dass ich den Titel noch passender fand.

„Man muss wohl oder übel auch über andere Leute schreiben“

Judith holofernes - die traeume anderer leute

„Die Träume anderer Leute“ ist „die Biografie, die nie einer schreibt“ (©Kiepenheuer & Witsch)

Wir haben 2019 mal ein Interview geführt, in dem es vorrangig um Patreon ging, und da hast du mir bereits erzählt, dass du an dem Buch arbeitest. Wie lange hast du insgesamt daran gearbeitet?

Drei Jahre! Durch die Unterstützung meiner Patrons konnte ich mir richtig schön viel Zeit lassen. Das werde ich bei der nächsten Runde wieder ganz genauso machen. Einfach langsam und gemächlich vor mich hin schreiben und die Texte erst mal nur für meine Patrons hochstellen. So kann ich auch wieder deren Feedback und Fragen einbauen, um an den Texten zu feilen, das war unheimlich wertvoll.

Damals hast du gesagt: „Das könnte die Biografie werden, die nie einer schreibt.“ Hast du das Gefühl, dass sie das geworden ist?

Ja, unbedingt. Die meisten Biografien konzentrieren sich ja auf die Jahre des großen Erfolgs, manchmal noch auf den spektakulären Abstieg, inklusive Drogensucht und Elend. Aber dieses ganz normale Erwachsenwerden nach einem frühen Erfolg, das würdevolle Weitermachen, darüber schreibt selten jemand.

Du hast damals auch gesagt, dass man sich mit einem solchen Buch sehr verletzlich macht. Hattest du Angst vor der Veröffentlichung?

Und wie! Ich muss auch zugeben, dass ich es immer noch nicht so einfach finde. Es ist eine Sache, so etwas zu schreiben, aber etwas ganz anderes, ständig darüber reden zu müssen.

Gab es Passagen, die dir dann doch zu persönlich waren und die du letztlich rausgenommen hast? Und wenn ja, warum konkret?

Oh ja. Meistens waren das Passagen, die andere Leute betreffen und nicht absolut essenziell waren für das, was ich zu erzählen hatte. Das ist mit das Schwerste an diesem Genre, dass man wohl oder übel auch über andere Leute schreiben muss.

„Songschreiben ist diffuser und assoziativer“

Kunst an sich ist für Künstler ja oft ein Ventil, durch das sie Persönliches verarbeiten. Das liegt in einem autobiografischen Buch sowieso in der Natur der Sache. Hast du bei der Arbeit an dem Buch bestimmte Bereiche ausgemacht, die dringend einer Aufarbeitung bedurften? Hat das geklappt?

Ja, für mich und mein eigenes Verstehen war das Schreiben unheimlich wichtig. Ich wollte natürlich keine reine Schreibtherapie machen, das hätte für die Lesenden wahrscheinlich wenig Unterhaltungswert und wäre auch literarisch nicht so richtig spannend. Aber trotzdem ist es sehr wertvoll für mich gewesen. Das Schreiben zeigt einem genau, wo die eigenen Lücken sind, wo es hakt in der Erinnerung, wo man selber nicht genau weiß, wie man eigentlich zu bestimmten Entscheidungen gekommen ist. Es zeigt ganz deutlich, an welchen Stellen man sich selbst noch nicht so richtig versteht.

„Mein größtes Hindernis war ganz sicher meine eigene Unklarheit und meine pathologische Freundlichkeit“
Judith Holofernes

Auch beim Schreiben von Songs findet eine Verarbeitung/Aufarbeitung statt. Was hast du nun für dich als effektiver empfunden?

Das Songschreiben ist diffuser, assoziativer, und dadurch vielleicht ein bisschen magischer. Ein Buch zu schreiben ist gnadenloser und vollständiger, man kann nicht ausweichen, nichts auslassen.

„Den eigenen Instinkten, Abneigungen, Wünschen und Körpergefühlen absolute Autorität geben“

Es geht in dem Buch ja auch darum, wie du dir trotz all der Zwänge, Mechanismen und Strukturen der heutigen Gesellschaft dein Leben zurückgeholt hast. Welches waren die größten Barrieren, die dich zuvor davon abgehalten haben?

Ich hatte früh sehr eindeutige Bauchgefühle dazu, dass ich dieses Umfeld, die kommerzielle Musikindustrie, hinter mir lassen muss. Gleichzeitig wollte ich aber noch Musik machen und konnte somit nicht ganz loslassen. Es wäre einfacher gewesen, wenn ich mich etwas ganz Neuem zugewandt hätte. Ich habe mir dadurch noch lange Zeit Dinge aus- und andere einreden lassen. Mein größtes Hindernis war ganz sicher meine eigene Unklarheit und meine pathologische Freundlichkeit. Dadurch war ich noch lange Zeit sehr beeinflussbar.

Gibt es so etwas wie „Tipps für jedermann/jederfrau“, die du insbesondere Frauen mit auf den Weg geben wollen würdest, die sich auf die eine oder andere Art gefangen fühlen?

Ihren eigenen Instinkten, Abneigungen, Wünschen und Körpergefühlen absolute Autorität zu geben. Sich nicht umleiten zu lassen auf Träume, die anderen Leuten besser in den Kram passen.

„Auch bei Wir sind Helden waren mir die Texte unheimlich wichtig“
Judith Holofernes

Der Weg zu deiner kreativen Unabhängigkeit durch Patreon wurde unter anderem ja auch von Amanda Palmer geebnet, deren Buch „The Art Of Asking“ du gelesen hattest. Welches sind denn die, sagen wir mal, drei wichtigsten Bücher in deinem Leben, die dich stark geprägt haben?

Außer „The Art of Asking“?  Hmmm. Ich bleib mal bei Büchern über Kunst, oder über kreatives Leben, ja? Sonst kann ich mich nicht entscheiden. Also: „On Writing Memoir“ von Mary Karr, die auch das wunderbare Buch „Der Club der Lügner“ geschrieben hat. „How To Be Idle“ von Tom Hodgkinson, dem Nichtstunsphilosophen, und „Bird By Bird,“ ein weiteres Buch über das Schreiben, von der wunderbaren Anne Lamott.

„Ich liebe es, zu lesen!“

Die „SZ“ hat sinngemäß über dich geschrieben, dass du nur zufällig zwischendurch mal Popstar gewesen bist, du aber eigentlich und vorrangig eine irrsinnig gute Autorin seist. Was macht das mit dir, wenn du so etwas über dich liest?

Oh, das ist toll! Das freut mich wahnsinnig, das ist doch ein wunderschönes Kompliment. Ich finde auch nicht, dass es das schmälert, was ich mit den Helden gemacht habe. Auch da waren mir ja die Texte immer unheimlich wichtig.

Bist du generell eine große Bücherleserin? Wie viele Bücher schaffst du so im Monat oder Jahr? Welches Buch, außer deinem natürlich, sollte man unbedingt häufiger verschenken?

Ich liebe es, zu lesen! Es gibt kaum etwas, was mich glücklicher macht. Ich versuche aber, nicht auf Masse zu gehen, nicht schnell zu lesen, nur damit ich mehr unterkriege. Ich muss zugeben, dass das im Moment ein bisschen schwieriger wird, weil ich über „Die Träume anderer Leute“ so viele neue Freundschaften zu Autor:innen schließe, mit denen ich dann natürlich Bücher tausche. Im Moment ist der Stapel neben dem Sofa schon ganz schön hoch. Und weil ich nicht an mich halten kann, kaufe ich mir trotzdem ständig spontan Bücher dazu, oder eine Graphic Novel. Als Letztes habe ich ein großartiges „Graphic Memoir“ entdeckt, also eine Autobiografie in Comic-Form, „Der Araber von morgen“ von Riad Sattouf. So schön! Und davon gibt es sechs Bände! Ich hab erst mal zu tun.

„Die Träume anderer Leute“ von Judith Holofernes, Kiepenheuer & Witsch, 416 Seiten, 24 Euro; 


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Ties Rabe: „Die Luft wird auch für Hamburg dünner“

Ties Rabe (SPD) ist seit 2011 Hamburgs Schulsenator. Im Interview spricht er über die Integration von Geflüchteten, die Digitalisierung und das Nachwuchsproblem bei den Lehrer:innen

Interview: Mirko Schneider

 

SZENE HAMBURG: Herr Senator, an Hamburgs Schulen herrscht keine Testund Maskenpflicht mehr. Wie glücklich sind Sie damit?

Ties Rabe: Ich finde es richtig, dass an den Schulen dieselben Regeln gelten wie in anderen Lebensbereichen. Die Menschen dürfen ihre Freizeit bis auf wenige Ausnahmen ohne Test- und Maskenpflicht gestalten. Also wären derartige Einschränkungen in der Schule falsch.

Worin sehen Sie die größte Herausforderung für die Schulen in diesem Winter?

Im hohen Krankenstand der Lehrkräfte sowie der Schülerinnen und Schüler. Öffentliche Angebote in bestimmten Bädern oder in Restaurants müssen ja teil­weise schon eingeschränkt werden. An den Schulen stehen wir vor der großen Herausforderung, den Schulbetrieb mit voller Kraft aufrechtzuerhalten.

„Eine Entscheidung sollte erst fallen, wenn sich die derzeitige Situation etwas entspannt“

Eine weitere Herausforderung für die Hamburger Schulen besteht in der Integration der ukrainischen Flüchtlingskinder. Wie gewaltig ist diese Aufgabe?

Aktuell haben wir seit Be­ginn des Krieges 6.200 Kinder und Jugendliche allein aus der Ukraine aufgenommen. Das entspricht beispielsweise der gesamten Schülerzahl in Wilhelmsburg. Nach neuesten Schätzungen werden wir zusammen mit den Flüchtlingskindern aus weiteren Ländern in diesem Jahr 9.000 Kinder ins Hamburger Schulsystem integrieren. Die Krise ist größer als bei der Flüchtlingswelle 2015. Doch während damals auf vielen Ebenen der Eindruck vermittelt wurde, wir stünden kurz vor dem Weltuntergang, so habe ich heute den Eindruck, die aus dieser Lage entstehenden Schwierigkeiten werden in der öffentlichen Debatte eher unterschätzt.

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Ties Rabe sieht bei der Digitalisierung noch Nachholbedarf (©unsplash/Georgie Cobbs)

Was tut die Hamburger Schulbehörde, um diese Schwierigkeiten zu meistern?

Wir besitzen eine große Routine darin, neue Willkommensklassen einzurichten. In Hamburg heißen sie internationale Vorbereitungsklassen. Das tun wir in großer Zahl. Alle Schulen rund um die Flüchtlingsunterkünfte sind jetzt ausgelastet. Nun beginnen wir mit einer Verteilung über die ganze Stadt. An Geld mangelt es dabei nicht. Die Fragen lauten eher: Haben wir genügend Räume? Und finden wir genügend Lehrer?

In Hamburg lernen geflüchtete Kinder in Willkommensklassen ein Jahr lang Deutsch, bevor sie den Regelunterricht besuchen. Eine Studie des Leibnitz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Essen basierend auf Hamburger Daten stellt dieses System nun für Grundschulkinder infrage. Der Schluss der Studie: Wer in der Grundschule gleich eine Regelklasse besucht, integriert sich besser. Werden Sie das Hamburger System nun verändern?  

Wir nehmen diese Studie sehr ernst. Was die Studie allerdings nicht untersucht, ist die praktische Frage der Umsetzung. Wie kann es funktionieren, ein Kind, das kein Wort Deutsch spricht und keine unserer Schulregeln kennt, sofort in eine Regelklasse zu integrieren? Wir werden uns mit dieser Studie intensiv auseinandersetzen. Nur: Jetzt, wo wir auf dem Höhepunkt einer Krise mit unserer Lokomotive Schule mit Volldampf durch die Lande brausen, sollten wir nicht das Gleis wechseln. Eine Entscheidung sollte erst fallen, wenn sich die derzeitige Situation etwas entspannt.

„Das Problem der Lehrerversorgung ist in Hamburg am geringsten“

Ein Thema, mit dem Sie sich beständig auseinandersetzen müssen, ist Ihr 2019 vorgelegter Schulentwicklungsplan. Er sah vor, bis ins Jahr 2030 44 neue Schulen zu bauen und 123 weitere Schulen baulich zu erweitern. Wie liegen Sie im Plan?

Wir sind gut im Plan. Zwei Unwägbarkeiten existieren allerdings. Die Baukonjunktur in Hamburg ist sehr angespannt. Wir haben große Mühe, Handwerksbetriebe zu finden, deshalb ist es uns nicht gelungen, all das zur Verfügung gestellte Geld für den Schulbau auszugeben. Wir hoffen jetzt auf eine Entspannung der Lage. Außerdem sieht es so aus, als wenn wir insgesamt mit unserer Schülerzahl-Prognose sehr gut hinkommen. In einzelnen Fällen und Stadtteilen muss eventuell nachjustiert werden. Auch hier gilt: Am Geld wird es nicht scheitern. In der ersten Dekade der 2000er-Jahre investierte Hamburg pro Jahr 150 Millionen Euro in Schulbauten. Nun sind es 400 Millionen Euro.

„Schulen in regionalen Randlagen nicht so begehrt bei den Lehrkräften.“
Schulsenator Thies Rabe

Die schönsten Gebäude nützen nichts ohne Lehrkräfte. Die Opposition wirft Ihnen vor, in Hamburg existiere Lehrermangel. Wie sehen Sie die Situation?

Im Vergleich zu den anderen Bundesländern ist das Problem der Lehrerversorgung in Hamburg am geringsten. Wir haben eineinhalbmal so viele Bewerberinnen und Bewerber wie Referendariatsplätze, müssen kaum Quer- und Seiteneinsteiger einstellen. Was stimmt: Die Luft wird auch für Hamburg dünner. Schulen in Stadtteilen, in denen die Kinder aus schwierigen sozialen Milieus oder sozial benachteiligten Elternhäusern kommen, sind ebenso wie Schulen in regionalen Randlagen nicht so begehrt bei den Lehrkräften.

Ein Nachwuchsproblem?

Die CDU fordert einen Vertretungspool, Die Linke eine weitere Erhöhung der Referendariatsplätze. Beide betonen, die Schulbehörde müsse beim Thema Lehrermangel eingreifen …

Wir greifen ein. Wenn an bestimmten Standorten große Schwierigkeiten bei der Stellenbesetzung auftreten, werden wir als Schulbehörde tätig. Wir bitten zum Beispiel Schulen in der Umgebung oder fordern diese sogar auf, ihr Personal an solche Schulen zu schicken, die mit Personalproblemen zu kämpfen haben. Vorrangig sehe ich die Aufgabe der Hamburger Schulbehörde darin, Regeln aufzustellen und Lehrkräfte in einer ausreichenden Zahl auszubilden. Auch deshalb haben wir die Zahl der Referendariatsplätze um 40 Prozent auf 810 erhöht. Alle Regeln des Hamburger Schulsystems infrage zu stellen und grundsätzlich zu überdenken, ist aus meiner Sicht erst dann geboten, wenn alle anderen Wege ausgereizt sind. Ich sehe übrigens noch einen anderen wichtigen Punkt.

Welchen? 

Die Lage an den Universitäten. Aus den Universitäten kommen unter 600 Lehrkräfte pro Jahr auf den Hamburger Arbeitsmarkt. Das ist viel zu wenig und muss sich dringend ändern.

„Wir können nicht Digitalisierung fordern und sie gleichzeitig blockieren“

Muss sich auch etwas ändern beim Thema Digitalisierung?

Im Verhältnis zu den anderen Bundesländern gehören wir zu einer kleinen Spitzengruppe. Es gibt in jedem Klassenraum eine digitale Tafel, fast in jedem Klassenraum leistungsfähiges WLAN. Jede Lehrkraft hat von der Schulbehörde ein Tablet oder einen Laptop bekommen, immerhin auch jede dritte Schülerin oder jeder dritte Schüler. Drei Viertel der Schulen verwenden bereits eine einheitliche Lernmanagementplattform. Trotzdem: Dänemark und einzelne baltische Staaten sind weiter als wir. Wir haben aber auch größere Schwierigkeiten als andere Staaten. Nur ein Beispiel von vielen: Wir dürfen in den Schulen aus datenschutzrechtlichen Gründen grundlegende Programme wie Zoom und Microsoft Office nicht verwenden. Darüber müssen wir in Deutschland nachdenken. Wir können nicht Digitalisierung fordern und sie gleichzeitig blockieren.

„Ich wundere mich über die albernen Argumente“
Schulsenator Thies Rabe

Kommen wir noch zu Ihrer Grundsatzrede in der Bürgerschaft vom 4. Juni. „Leistung macht glücklich“ haben Sie gesagt – und damit eine öffentliche Debatte ausgelöst. Wie definieren Sie Leistung?

Leistung definiert die Gesellschaft, nicht ein einzelner Schulsenator. Deshalb definiere ich Leistung so wie jeder Mensch in seinem Berufs- und Privatleben. Schreibt ein Kind einen sechs Seiten langen, weitgehend fehlerfreien Aufsatz, der das Thema trifft, ist das eine bessere Leistung als ein Aufsatz eines anderen Kindes, der das Thema nicht trifft, nur eine Seite lang ist und 33 Fehler hat. Auch beim Sport ist klar: Wer weiter wirft, hat eine bessere Leistung gebracht als jemand, der kürzer wirft. Oder in der Teamarbeit: Wer Menschen mitnimmt und Gemeinschaft stiftet, leistet mehr als derjenige, der ständig Streit anzettelt oder schmollend in der Ecke sitzt. Ich wundere mich schon darüber, mit welchen albernen Argumenten einzelne Schulvertreter so tun, als könnten sie freihändig einen anderen Leistungsbegriff definieren.

„Für mich ist das ein sozialer Skandal“

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Schriftliche Klausuren: Ein Problem bei Hamburger Schülerinnen und Schüler, sagt Ties Rabe (©unsplash/Kimberly Farmer)

Die GEW Hamburg kritisierte, Sie seien nur an „abfragbarem Wissen und bildungsökonomischen Rankings interessiert“. Trifft diese Kritik zu?

Im Gegenteil. Mir ist es wichtig, dass Schule endlich sozial gerecht wird. In Deutschland hängt der spätere Lebenserfolg sehr stark davon ab, in welchem Elternhaus ein Kind geboren wird. Für mich ist das ein sozialer Skandal. Er liegt daran, dass die Schule es nicht schafft, den fehlenden Rückenwind vieler Elternhäuser durch gutes und intensives Lernen in der Schule auszugleichen. Für Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern ist die Schule oft die einzige Chance, um im Beruf und Studium erfolgreich zu sein.

Deshalb müssen alle Kinder in der Schule gut und intensiv lernen. Sie müssen zum Beispiel richtig schreiben, lesen und rechnen lernen. Kein Unternehmen stellt jemanden nur deshalb ein, weil er ein netter Mensch ist. Als ich deshalb vor fünf Jahren die Rechtschreibung zu einem Kernthema gemacht habe, erntete ich einen Aufschrei der Empörung in Teilen der Schulwelt. Rechtschreibung galt als uncool, unmodern, unwichtig. Doch viele Firmen stellen nur Bewerber ein, die sicher schreiben können. Das Ergebnis meiner Politik: In den Bildungsvergleichen ist Hamburg von Rang 14 der Bundesländer katapultartig auf Rang sechs gestiegen. Auf diesen Erfolg bin ich stolz. Und ich bin froh, hier viele Lehrerinnen und Lehrer auf meiner Seite zu haben.

Mehr Klausuren und weitere Ziele

Wollen Sie auch deshalb mehr Klausuren schreiben lassen, die schriftlichen Leistungen insgesamt aufwerten und Klausurersatzleistungen streichen?

Viele Hamburger Schülerinnen und Schüler haben Probleme in schriftlichen Klausuren. Also wollen wir da etwas tun. Selbst nach unseren Vorschlägen für neue Bildungspläne würden in Hamburg übrigens immer noch nicht so viele Klausuren geschrieben wie in Niedersachsen oder Schleswig-Holstein. Wenn wir weiterhin so wenige Klausuren schreiben, werden unsere Schülerinnen und Schüler auf die vielen Klausuren im späteren Studium oder in den Berufsschulen niemals so gut vorbereitet werden wie die Schülerinnen und Schüler in den Nachbarbundesländern.

Zum Abschluss: Wie blicken Sie auf Ihre bisherige Zeit als Bildungssenator in Hamburg zurück und was möchten Sie noch erreichen?

Ich habe von Anfang an gesagt: Mit Rang 14 im Vergleich der Bildung zwischen den 16 Bundesländern finde ich mich nicht ab. Jetzt stehen wir auf Rang sechs. Mittlerweile wird außerhalb Hamburgs mit großer Anerkennung über unsere Schulen gesprochen. Ich sage aber auch ganz offen: Platz sechs ist schön, aber noch nicht das Ende der Fahnenstange. Alle Kinder sollen in Hamburg ihren Platz und ihre Chancen finden, einen guten Beruf erlernen und an einer besseren Zukunft mitarbeiten können. Zwanzig Prozent unserer Kinder haben immer noch Schwierigkeiten mit den Kernkompetenzen. Da müssen wir besser werden. Dafür werde ich mich weiter mit all meiner Kraft einsetzen.


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Entspannen: Das Café May in Eimsbüttel

Der Stress und die Anstrengungen des vergangenen Jahres sind noch deutlich spürbar, da braucht es zu Beginn von 2023 nicht noch mehr davon. Deswegen präsentiert SZENE HAMBURG in den ersten drei Wochen des Jahres immer montags und freitags Orte, an denen es sich gut entspannen lässt. Heute: Das Café May in Eimsbüttel

Text: Johanna Zobel

 

Kaffee, heiße Schokolade und Kuchen sind von Haus aus schon ein Garant für Gemütlichkeit. Im Café May gibt’s die warmen und süßen Sünden in absoluter Wohlfühlatmosphäre. Insgesamt gibt es acht Café May-Standorte in Hamburg. In Eimsbüttel, unweit der Apostelkirche, befindet sich einer davon. In gleich mehreren Räumen gibt es hier Sitzgelegenheiten – und die sind so was von gemütlich! Statt auf harten Holzstühlen oder wackligen Plastikhockern ein wundes Hinterteil zu riskieren, darf man sich hier in unfassbar bequeme Sofas schmeißen. Die erinnern ein wenig an die Polstermöbel von Oma und Opa, sorgen aber auch gerade deswegen für eine vertraute und gemütliche Zeit. Das nasse Januar-Grau und die vorbeigehenden Menschen können durch die großzügige Glasscheibe beobachtet werden. Mit einem wärmenden Kakao in der Hand ist das auch gleich viel schöner!

Entspannung im Januar


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Neue Intendantin des Thalia Theaters: Sonja Anders

Das Joachim Lux, der aktuelle Intendant, das Thalia Theater nach seinem seinen 2025 auslaufenden Vertrag verlässt, steht schon länger fest. Jetzt ist klar, wer seine Nachfolge antreten wird

Text: Felix Willeke

 

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Für Sonja Anders ist die Übernahme der Intendanz am Thalia Theater auch eine Rückkehr (©Katrin Ribbe)

Der 1. August 2025 wird für Sonja Anders ein ganz besonderer Tag. An diesem Tag tritt sie die Nachfolge von Joachim Lux als Intendantin des Thalia Theaters an. Dass die Wahl auf die Intendantin des Schauspiel Hannover fällt, ist in Theaterkreisen keine große Überraschung. Anders wurde 1965 in Hamburg geboren und machte ihre ersten Theatererfahrungen im freien Theater auf Kampnagel. Nach Stationen als Dramaturgin am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg und am Staatstheater Stuttgart wird sie 2000 Dramaturgin und schließlich Chefdramaturgin am Thalia Theater in Hamburg. Es folgen Stationen in Berlin und schließlich ihr Wechsel nach Hannover, wo es unter ihrer Intendanz unter anderem Einladungen zu renommierten Festivals, Auszeichnungen und etliche Koproduktionen, unter anderem mit den Salzburger Festspielen im Sommer 2024 gab.

„Sie steht für ein relevantes Theater, das uns neue Welten öffnet“

Ab August 2025 wird Anders damit gemeinsam mit dem kaufmännischen Geschäftsführer Tom Till als Intendantin die Doppelspitze am Thalia Theater bilden. „Sonja Anders hat die Findungskommission mit kreativen Ideen für ein sinnliches Theater der Zukunft überzeugt. Sie steht für ein relevantes Theater, das uns neue Welten öffnet. Mit starken Handschriften, klaren ästhetischen Setzungen und mutigen dramaturgischen Anstößen“, sagt Kultursenator Carsten Brosda. Und Sonja Anders ergänzt: „Mein Team und ich stehen für ein solidarisches, offenes Theater, eines, das konkret Menschen spürbar macht und sich energetisch seinem Publikum zuwendet. Eine sinnliche und kraftvolle Kunst, intuitiv erfahrbar und zugänglich, ist unsere Suchbewegung.“ Mit Anders werden ebenfalls die Dramaturgin Nora Khuon und die Regisseurin Anne Lenk nach Hamburg wechseln.


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3 Fragen an … Andrea David

Drehorte sind das, was Andrea David seit 18 Jahren fasziniert. Jetzt hat die in Hamburg lebende Filmenthusiastin ein Buch vorgelegt. Im Kurzinterview erzählt sie von beeindruckenden Orten und davon, was die Faszination von Drehorten ausmacht

Interview: Marco Arellano Gomes 

 

Seit 18 Jahren bereist Andrea David Drehorte, gleicht Fotos von Filmszenen mit der Umgebung ab und stellt die Bilder online. Dadurch erlangte sie schon bald internationale Bekanntheit. Kürzlich hat sie ihr Buch „Szene für Szene die Welt entdecken“ mit ihren gesammelten Eindrücken veröffentlicht.

SZENE HAMBURG: Andrea, wie kamst du auf die Idee, den Drehorten berühmter Filme nachzureisen und einen Blog dazu zu veröffentlichen?

Andrea David: Ich habe Tourismusmanagement in München studiert und als Filmfan schließlich meine Abschlussarbeit über Filmtourismus, also genauer gesagt den Einfluss von Filmen auf die Wahl der Reiseziele geschrieben. Durch die Recherche bin ich dann selbst auf den Geschmack gekommen, im Urlaub an Filmschauplätze zu reisen. Irgendwann wollte ich meine gesammelten Infos zu Drehorten bekannter Filme mit anderen teilen und habe hobbymäßig mit dem Blog filmtourismus.de begonnen. Die Seite fand im Laufe der Zeit immer größeren Anklang und vor acht Jahren habe ich mich entschieden, mein Hobby zum Beruf zu machen.

Wadi Rum: „Ein überwältigender und surrealer Ort.“

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„Szene für Szene die Welt entdecken ist im Conbook-Verlag erschienen (©Conbook-Verlag/Paramount Pictures)

Welche Location hat dich am meisten beeindruckt?

Es fällt mir sehr schwer, mich für einen Drehort zu entscheiden. Aber eine der definitiv beeindruckendsten Locations war für mich Wadi Rum in Jordanien. Die weitläufige Wüste war schon als Drehort in „Lawrence von Arabien“ zu sehen, diente aber auch als Kulisse für Filmstoffe, die gar nicht auf der Erde spielen, wie zum Beispiel in „Der Marsianer“ oder „Dune“. Es ist ein so überwältigender und surrealer Ort.

Du hast auf Instagram knapp 800.000 Follower, deine Arbeiten waren in der Ausstellung „Close-Up. Hamburger Film- und Kinogeschichten“ im Altonaer Museum zu sehen, im November warst du im Metropolis Kino, am 22. März stellst du dein Buch in den Zeise Kinos vor. Wie erklärst du dir das große Interesse?

Ich denke, es ist die Faszination daran, wie die Fiktion mit unserer realen Welt verschmilzt. Genau dieses spannende Aufeinandertreffen möchte ich mit meinen Bildern, aber auch den Reiseerzählungen im Buch zum Ausdruck bringen. Und gerade bei älteren Filmproduktionen schwingt sicherlich auch immer etwas Nostalgie mit.

„Szene für Szene die Welt entdecken“ von Andrea David, Conbook-Verlag, 288 Seiten, 19,95 Euro


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Vom Film zum Theater: Philipp Stölzl

In der deutschsprachigen Erstaufführung von „Der lange Schlaf“ soll ein globaler Ganzjahresschlaf den Kollaps des Planeten verhindern. Philipp Stölzl – bekannt durch seine Kinoerfolge „Der Medicus“ und „Ich war noch niemals in New York“ – inszeniert erstmals am Deutschen Schauspielhaus

Interview: Dagmar Ellen Fischer

 

SZENE HAMBURG: Philipp Stölzl, „Der lange Schlaf “ heißt im englischen Original „Hibernation“ („Winterstarre“) und entwirft eine eigenwillige Vision: Alle Menschen werden für ein Jahr in künstlichen Schlaf versetzt, damit unser Planet sich erholen kann. Haben Sie sich das Stück selbst ausgesucht?

Philipp Stölzl: Ja, hab’ ich. Wir sichteten viele Stücke, auch Klassiker, dann habe ich dieses Stück entdeckt, das bisher nur in Australien gezeigt wurde. Mich hat es sofort begeistert, weil es von einer tollen Prämisse ausgeht. Man sucht immer die Relevanz: Warum macht man welches Stück zu welcher Zeit? Mir geht es wie vielen von uns: Die Herausforderung des Klimawandels ist die drängende Frage unserer Zeit, gerade wenn man Kinder hat. Und es ist gar nicht so einfach, darüber etwas im Theater zu erzählen. Dieses Stück mit seiner großen Metapher und den Fragestellungen ist total heutig.

„Die Generation meines Vaters hat es verkackt“

Der australische Autor Finegan Kruckemeyer schrieb das Drama nach der Erfahrung des ersten Lockdowns …

Es ist Dystopie, Utopie und Diskurs zugleich: Wissenschaftler entwickeln ein Schlafgas für lange Raketenreisen, um zu anderen Planeten zu fliegen und neue Lebensräume zu finden, weil unser Planet kaputt ist. Dann kommt jemand auf die Idee: Wir pumpen dieses Gas in die Atmosphäre. Das ist einerseits eine tolle Heil-Idee, gleichzeitig eine wahnwitzige Vergewaltigung: Alle schlafen, auch jene, die gar nicht wollen. Mit unbekannten Folgen! Ich finde das sehr interessant, weil es die Grundfrage stellt, wie viel Zwang, wie viel Diktatur brauchen wir, um als Menschheit zu überleben?

„Wie viel Diktatur brauchen wir, um als Menschheit zu überleben?“
Philipp Stölzl

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Er kann auch Oper: Philipp Stölzl inszenierte Giuseppe Verdis „Rigoletto“ bei den Bregenzer Festspielen 2019 (©Dominik Odenkirchen)

Wie würden Sie diese Frage beantworten?

Unsere demokratische Gesellschaft setzt stark auf Individualismus. Viele denken, jeder habe das Recht auf ein Ferienhaus auf Mallorca und müsse da jedes Wochenende hinfliegen. Nur: Wenn wir an unser Überleben denken, müssen wir auch überlegen, ob man diese Freiheiten dafür aufgeben oder einschränken müsste. Aber die Leute drehen ja schon durch, wenn die „Letzte Generation“ sich auf Straßen und Rollfelder klebt – wozu sie aus meiner Sicht jedes Recht hat. Ich habe drei Kinder, ich denke in deren Lebenszeit und der deren Kinder. Wenn sie alt sind, sollen sie nicht sagen: Die Generation meines Vaters hat es verkackt und diesen Planeten in einem schrecklichen Zustand hinterlassen.

Wartet das Stück mit einer Perspektive auf, wie viel Maßregelung wir brauchen, um unseren Kindern das Überleben zu sichern?

Das Stück beleuchtet viele Seiten, sodass die Zuschauer und Zuschauerinnen sich im besten Fall selber eine Meinung bilden – in der Art, wie die Figuren gezeichnet sind, was im Text zu finden ist sowie an Dingen, die man so oder so sehen kann. Der Abend entlässt das Publikum mit der Aufgabe, nachzudenken, einen Standpunkt zu finden. Das ist Teil dessen, was Theater soll.

„Es steckt kein strategischer Plan dahinter“

Sie haben als Bühnenbildner am Theater begonnen, gestalten Sie die Ausstattung auch in „Der lange Schlaf “?

Ja, gemeinsam mit meiner Mitarbeiterin Franziska Harms. Ich denke Stücke immer stark in Räumen. Außerdem ist es ein natürliches Miteinander, ein Prozess, in dem ich das eine gar nicht vom anderen trennen kann.

In unterschiedlichen Lebensphasen konzentrierten Sie sich auf verschiedene Genres – Videoclips, Kinofilme, Opern …

Es steckt kein strategischer Plan dahinter. Ich habe früh im Theater angefangen, mit 22 war ich ein im Beruf stehender Bühnenbildner. Mit Ende 20 dachte ich, das kann es nicht sein für den Rest des Lebens. Musikvideos beispielsweise sind eine Erzählform, die auch mit Träumen, Bildern, Farben und Energie zu tun haben. Jetzt gehe ich sozusagen zurück zum Theater. Was dieses unmittelbare Medium am besten kann, ist, Geschichten erzählen. Einfache Geschichten, die das Publikum hoffentlich eine Katharsis erleben lassen und nach dem Theaterabend als etwas andere Menschen ausspucken.

„Der lange Schlaf“ am Deutschen Schauspielhaus, Premiere: 20. Januar 2023; weiter Termine: 24.1., 1.2., 5.2. und mehr


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GenussReise in Hamburg: Die Welt schmecken und entdecken

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Auf der GenussReise in Hamburg präsentieren regionale und internationale Produzent:innen vom 8. bis 12. Februar 2023 ihre Köstlichkeiten

 

Wie heißt es so schön: Liebe geht durch den Magen. Und deswegen passt es perfekte, dass sich die Liebe zum Reisen und die Liebe zu gutem Essen auf der GenussReise Hamburg zusammentun und die schönsten Aussichten für den Sommer 2023 präsentieren. Vom 8. bis 12. Februar 2023 dreht sich auf der Messe im Rahmen der Reisen & Caravaning in Hamburg alles um Köstlichkeiten aus der ganzen Welt. Für fünf Tage verwandeln sich die Messehallen B1 und B2 der Hamburger Messe in einen Markt der Geschmäcker.

Lecker von überall

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Bei der GenussReise Hamburg kommen auch Käsefans voll auf ihre Kosten (©Landesmesse Stuttgart GmbH)

Die GenussReise bietet neben zahlreichen nationalen Köstlichkeiten wie Schwarzwälder Schinken, Bauernbrot, Weine, Gin und Eierliköre auch zahlreiche internationale Spezialitäten. Von orientalischen Gewürze, mexikanischem Essen über Wildschinken und Salami aus Südtirol und Österreich bis hin zu spanischen Quesadillas ist hier fast alles geboten. Natürlich kommen auch Käseliebhaber:innen auf Ihre Kosten. Ein besonderes Highlight ist 2023 ein norwegischer Karamellkäse.

Neben vielen Angeboten zum Probieren spielt auch gesunde Ernährung und bewusstes Genießen auf der Messe eine wichtige Rolle. An einem Slow-Food-Gemeinschaftsstand, organisiert von Slow Food Hamburg, zeigen Ausstellerinnen und Aussteller, was man unter „langsamen Essen“ versteht. Sie informieren dabei über Themen wie verantwortungsvolle Landwirtschaft und artgerechte Viehzucht

Für die Stärkung zwischendurch ist gesorgt

Und weil auch die reiselustigsten Gourmets mal eine Pause brauchen, bieten regionale Gastronom:innen sowie Foodtruck-Besitzer:innen Essen für den großen und kleinen Hunger: Von klassischem Streetfood wie Hot Dogs und Burger, über Eis, Waffeln bis hin zu veganen Köstlichkeiten.


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Entspannen: Das Coffee to Fly

Der Stress und die Anstrengungen des vergangenen Jahres sind noch deutlich spürbar, da braucht es zu Beginn von 2023 nicht noch mehr davon. Deswegen präsentiert SZENE HAMBURG in den ersten drei Wochen des Jahres immer montags und freitags Orte, an denen es sich gut entspannen lässt. Heute: Das Coffee to Fly

Text: Markus Gölzer

 

Tage, die eigentlich Nächte sind. Menschen, die selten lachen und niemals singen. Schockfrost als Gemütszustand. Der Januar in Hamburg ist eine düstere Angelegenheit. Da hilft nur eine Traum-Traumreise. Nichts wie ab Richtung Flughafen. Dann abgebogen gen Nordosten, schon ist man im Coffee to Fly. Das Ausflugslokal liegt direkt am Flughafengelände, von seiner Aussichtsplattform genießt man einen spektakulären Blick auf die Runways 15 und 33. In Griffweite starten Flugzeuge unter dramatischem Getöse, nehmen einen mit auf einen inneren Kurztrip an exotische Strände oder wo immer man sich hinträumen will. Dazu einen Toast Hawaii. Fast hat man Mitleid mit den Menschen hinter den kleinen Kabinenfenstern. Müssen sie doch die beengten Strapazen einer Fernreise auf sich nehmen, während man sich selbst warm eingepackt an frischer Winterluft auf der Holzterrasse breitmacht. Eigentlich bedauerlich, dass in acht Wochen schon wieder Frühlingsanfang ist. Aber nur eigentlich.

Entspannung im Januar


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Kultur in Hamburg: Live ist hart

Planungssicherheit in der Live-Kulturbranche gibt es nur mit Publikum. Besonders kleine- und mittelgroße Künstler:innen haben es zur Zeit schwer, denn gerade der Vorverkauf lahmt und dadurch ist Hamburgs Kulturlandschaft im Dauerstress

Text: Markus Gölzer

 

Was ist es eigentlich, dieses Live-Gefühl? Für viele beginnt es schon weit vor Beginn der Show. Sie stehen sich Stunden vor offiziellem Einlass die Beine in den Bauch, um die besten Plätze vor der Bühne zu sichern. Können es nicht mehr abwarten, mit Gleichgesinnten zu feiern, freuen sich auf neue Freundschaften, die exakt so lange halten wie die Veranstaltung dauert und umso intensiver sind. Andere empfinden LiveEvents als willkommenen Kurzurlaub. Nach der dritten Bierdusche auch mal von sich selbst. Für die Sängerin Ina Tramp und ihren Mann und Bandkollegen Chris Haertel ist jedes Live-Konzert einmalig. Und einmalig begeisternd.

„Magie trifft es eigentlich“

Chris Haertel: „Für mich ist es – auch wenn es nur Musik ist, die reproduziert wird – etwas, das nur in dem Moment stattfindet. Selbst wenn die Songs schon tausendmal gespielt wurden, passiert das, was da passiert, nur ein einziges Mal. Magie ist ein abgeschmacktes Wort, aber das trifft es eigentlich.“ Ina Tramp ergänzt: „Für mich ist das Live-Gefühl Begeisterung. Das ist das Schönste, wenn ich die Freude in den Augen des Publikums sehe. Danach unterhalte ich mich gerne mit den Leuten.“

„Das Problem ist, dass sich Leute nicht festlegen.“
Chris Haertel

Grund zur Freude gab es während der letzten beiden Jahre wenig für die Live-Szene. Als Ina Tramp im Juni 2020 ihre erste EP „Human Robots“ rausbrachte, rollte gerade die erste Corona-Welle durchs Land und über die Kulturlandschaft. Bei Veröffentlichung ihrer Debüt-LP „Human Culture“ im November 2022 war Corona immer noch da – Krieg und hohe Kosten kamen dazu. Eine mental sehr belastende Situation für die Newcomerin und ihre Band, die von August bis November auf Tour waren und die Verunsicherung des Publikums hautnah erlebten.

„Dem Publikum ist nicht klar, wie wichtig der Vorverkauf ist“

Chris Haertel: „Die letzte Show stand tatsächlich auf Messers Schneide, weil der Vorverkauf nicht lief. Das Problem ist, dass sich Leute nicht festlegen. Ich versteh’ das auch. Ich kauf ’ auch keine Karten für ein Konzert in zwei Wochen, wo ich nicht weiß, ob ich da flachliege. Das ist für die Szene megaschwer, weil die überhaupt keine Planungssicherheit mehr haben. Ich glaube, dass es dem Publikum gar nicht so klar ist, wie wichtig der Vorverkauf für die Planung der Veranstalter ist.“ Dabei schien der Konzertsommer 2022 gut anzulaufen. Von Corona-Maßnahmen war nichts mehr zu spüren, Großveranstaltungen verkauften sich bestens.

Leider hielt die Entwicklung nicht, was die Bilder von überfüllten Mega-Festivals versprachen. Der Ticketverkauf läuft schleppend, reihenweise müssen Konzerte abgesagt werden. Die Gründe sind vielfältig. 2022 wurden viele Konzerte nachgeholt, die in den beiden letzten Jahren nicht stattfinden konnten. Was zu einem Überangebot führte, in dem Events einfach untergingen. Persönlich oft gehörter Satz: „Was? DJ Krush war in der Stadt?“.

„Die 70er-, 80er-Jahrgänge haben das Ausgehen verlernt“

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Mit der MS Stubnitz hat „Off the Radar“ im Mai 2022 eine neue Heimat gefunden (©Brokebutlive/ Nico Vogelsaenger)

Viele Menschen sind noch verunsichert, wie Riikka Beust glaubt. Riikka, vormalig Betreiberin des legendären Hotels „Kogge“ auf St. Pauli, führt mit Fabian Dihm die Cafébar Futur III und ist Mitveranstalterin von „Off The Radar“. Das DIY-Festival hat den Anspruch, Gelder für humanitäre Zwecke zu generieren. „Wir haben bei Side-Events auf der MS Stubnitz gemerkt, dass es nach wie vor sehr schwierig ist, die Menschen zu aktivieren. Viele haben sich daran gewöhnt, weniger auszugehen, sich ihr privates Nest gebaut.“

Corona scheint vor allem bei über 30-Jährigen den Alterungsprozess beschleunigt zu haben. Vertriebsreferent Mulugeta Nerayo von der Hamburger Staatsoper ist nach Feierabend in der Clubszene als DJ Mune Ra bekannt. Er sieht Klassikveranstaltungen dank langjähriger Kundenbindungen im Abonnent:innenbereich weniger gefährdet als Clubevents. „Ich habe so das Gefühl, dass die 70er-, 80er-Jahrgänge durch Corona das Ausgehen etwas verlernt haben. Ich glaube, das passiert mit den Jahren schleichend, und durch Corona ist es abrupt passiert.“ Dabei verstärkt Corona nicht nur die eigenen Verfallsprozesse, sondern auch länger bestehende der Hamburger Kulturlandschaft.

„Die Gefährdung der Kulturlandschaft hat nicht erst durch Corona angefangen, sondern durch Gentrifizierung, durch Wegbruch verschiedenster Strukturen.“
Riikka Beust, von der Cafébar Futur III und Mitveranstalterin des DIY-Festivals „Off The Radar“ 

Riikka Beust: „Die Gefährdung der Kulturlandschaft hat nicht erst durch Corona angefangen, sondern durch Gentrifizierung, durch Wegbruch verschiedenster Strukturen. Wenn eben günstige Unterbringung wegbricht, wie zum Beispiel der ‚Kogge‘ (lacht etwas bitter). Diese Strukturen sind die ganze Zeit gefährdet und schwierigen Ausgangslagen ausgesetzt gewesen.“

„Investoren ist es egal“

Investoren, denen das Schicksal von Kulturschaffenden völlig egal ist, sind ein großes Thema in Hamburg. Der Freiraum für Musizierende und Organisierende wird enger, sei es durch Gentrifizierung oder wie bei Chris Haertel durch schieres Unglück. Er lagerte nach einem Wasserschaden wertvolles Equipment in Räumlichkeiten in Barmbek-Süd, bis eine Explosion im letzten Jahr das Haus zerstörte. Chris Haertel ist bis heute auf der Suche nach einem neuen Studio – und das als etablierter Musiker. Kann man da Neueinsteiger:innen noch empfehlen, es in der Musik- oder Veranstaltungsbranche zu versuchen? Ina Tramps Antwort ist ein klares „Ja“. Sie wollte schon immer eine Band, findet den Umgang der Menschen miteinander im Zusammenspiel toll. Gerade, wenn auf der Bühne etwas schiefgeht und das Publikum nichts davon merkt.

„Hey Leute, kommt vorbei!“

In schwierigen Zeiten hilft es Newcomern, die Leute persönlich anzusprechen: „Am Anfang unserer Tournee zur Albumveröffentlichung war es nicht einfach. Ticketvorverkauf lief schlecht. Der Veranstalter meinte, dass wir es vielleicht absagen müssten. Ich habe dann persönlich Kontakt zu Leuten aufgenommen, bei denen ich wusste, dass sie kommen wollen und hab sie gebeten, ihre Karten im Vorverkauf zu kaufen. Wir haben eine InstagramStory dazu gemacht, haben sie über WhatsApp angeschrieben. ‚Hey Leute, kommt vorbei.‘ Dann war so weit alles gut.“

„Es wird sicher nie so sein, dass Live-Kultur nur noch im Netz stattfindet.“
Chris Haertel

Vielleicht ist es gar keine schlechte Zeit, sich auszuprobieren. „Wenn man auf die Nase fällt, kann man immer noch sagen, es war die Situation“, lacht Riikka Beust. Und doch gibt es auch positive Entwicklungen. Dank Fördergeldern hatten die Veranstalter Planungssicherheit, experimentelle Bands bekamen ihre Chance auf der Bühne. Es gab verstärkten solidarischen Zusammenschluss unter den Veranstaltern, die Bedeutung des Clubkombinats (Verband der Hamburger Clubbetreiber, Party- und Kulturereignisschaffender) wurde deutlich. Fabian Dihm, der außer dem Futur III kleine Untergrundpartys und Konzerte, meist in sozialen Zentren, veranstaltet: „Auch wenn die erhofften Effekte wie ein ausgehungertes Publikum ausgeblieben sind: Man hat gemerkt, was das Clubkombinat ausmacht, dass die schon so lange an der Politik dran sind und es so relativ unkomplizierte Hilfen gab.“ Allein: Die Hilfen laufen 2022 aus, ob sie weiter bewilligt werden, weiß wohl nicht mal die Politik selbst.

„Kultur lebt vom Miteinander“

Bei allen Schwierigkeiten herrscht Optimismus vor. Mulugeta Nerayo: „Die Menschen sind ja noch da. Man muss sie nur irgendwie kriegen. Es wird sicher nie so sein, dass Live-Kultur nur noch im Netz stattfindet. Kultur lebt vom Miteinander.“ Für Chris Haertel macht Hoffnung, dass die Veranstalter unverdrossen hart weiterkämpfen: „Das würden sie nicht tun, wenn sie nicht zuversichtlich wären, dass sie eine Lösung finden und irgendwie durchkommen. Ich bin mir nicht sicher, ob das ohne nachhaltige Förderprogramme gehen wird. Es wird aber weitergehen, weil wir uns es gar nicht leisten können, auf Kultur zu verzichten.“


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