Marc Degens’ Autofiktion: Oh, Kanada

Vier Jahre lang hat der Schriftsteller, Verleger und Neu-Hamburger Marc Degens in Kanada gelebt. Seine Aufzeichnungen sind in „Toronto“, erschienen im mairisch Verlag, zu lesen

Interview: Ulrich Thiele

 

Viel passiert nicht, zumindest auf der Plot­-Ebene. Degens berichtet in knappen Sätzen von Restaurant­ und Konzertbesuchen, Lesungen und entspannten Nachmittagen in Buchläden und Comicshops sowie von Reisen quer durchs Land. Zwischen den Zeilen passiert hingegen viel, denn diese charmante Zelebrierung des Lebens in einer offenen Gesellschaft macht glücklich und sehnsüchtig zugleich.

 

SZENE HAMBURG: Marc Degens, unter diesen Umständen stachelt „Toronto“ das Fernweh noch mehr an als ohnehin schon.

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Foto: Martina Steber

Marc Degens: Ich glaube, dass es ein Buch ist, mit dem man gut auf Reisen gehen kann, selbst wenn man zu Hause bleibt. Meine Hoffnung ist, dass es weniger ein Reiseführer ist, der anleitet, was man alles ma­chen könnte. Sondern dass man mit dem Buch tatsächlich eine Reise erlebt.

Sie sind seit zwei Jahren wieder in Deutschland. Was vermissen Sie am meisten?

Wunderbare Autofahrten mit Blicken auf Seen und bisher unbekannte Landschaften. Gerade in der jetzigen Zeit, in der ich auf meine eigenen vier Wände zurückgezogen lebe, vermisse ich das ganz deutlich.

Sie waren vier Jahre in Kanada, das Erlebte lesen wir in Ihrem Buch in verdichteter Form. Manche Ihrer Einträge schildern mehrere Tage am Stück, dann gibt es immer wieder mal einen Sprung von mehreren Wochen oder Monaten. Wie haben Sie Ihre Tagebucheinträge für das Buch selektiert?

In Hinsicht auf eine Pointierung. Die Frage war, was der rote Faden ist und welche Geschichte ich erzählen wollte.

Und zwar?

Die Facetten, die dieses Land aus­ machen, und wie man sie erlebt, wenn sie für einen Neuland sind. Also wie gesagt: Auf der einen Seite die Natur­erfahrung, die Weite und Schönheit dieses Landes.

Aber auf der anderen Seite auch die kanadische Mentalität in der Großstadt Toronto, die mich sehr berührt hat und die ich sehr einzigartig fand. Diese Herzlichkeit, Offenheit und Toleranz, die ich besonders in den Kulturveranstaltungen gespürt habe, und die Entspanntheit, die das Leben so angenehm macht.

In einer Szene schreiben Sie, wie Sie ein Bild auf Instagram als Erinnerung für Sie selbst veröffentlichen. „Dass andere das Foto auch sehen können ist allerdings ein schöner Nebeneffekt. Genauso verhält es sich mit dem Schreiben.“ Schreiben Sie also nur für Sie selbst?

Die Stelle bezieht sich auf mein Ta­gebuchschreiben. Dabei ist es tatsächlich so, dass es hauptsächlich einen Sinn für mich erfüllt. Indem ich auch ganz banale Dinge archiviere. Da ist auch der Bogen zu den sozialen Medien.

In­stagram wird gern als ein Medium der Selbstdarstellung gesehen, um Likes zu sammeln. Ich glaube aber, dass ein we­sentlicher Punkt des Postens wie beim Tagebuchschreiben das Archivieren für sich selbst ist. Und auf der Timeline kann man dieses Archiv dann immer wieder durchforsten.

Ich möchte aber nicht mein gesamtes Tagebuch veröffentlicht sehen. Das ist viel zu umfangreich und voller Banalitäten, die ich niemandem zumuten will. Deswegen die Selektion und Reduktion. Das ist dann der schriftstellerische Prozess: herauszufinden, was weggelassen werden kann.

Also das Kürzen als fast schon wichtigster schriftstellerischer Prozess?

Zumindest einer, der immer wich­tiger wird. Oft, wenn ich gefragt werde, woran ich schreibe, kann ich antworten: Ich schreibe gar nicht mehr, ich bin nur noch am Streichen.

 

„„Toronto“ ist ein Buch über das Glück.“

 

Hat das Schreiben umgedreht auch Ihren Blick auf Kanada geprägt?

Ich würde erst einmal bestreiten, dass die schriftstellerische Wahrnehmung zu einem anderen Erleben führt. Persönliche Vorlieben spielen eher eine Rolle als der Beruf. Bei mir ist es das Visuelle: Meine Liebe zu Comics zum Beispiel.

Das passt zu Ihrer Trennung von Kunst und Leben. Das Leben sei wichtiger als die Kunst, schreiben Sie.

Damit richte ich mich gegen dieses Bild, das man in Deutschland oft pflegt: vom gequälten Künstler, der sein eigenes Leben vernachlässigt, um große Kunst zu schaffen. Über Glück zu schreiben ist schwer und es wird eher selten gemacht.

Es gibt einen Satz von Marcel Reich­-Ranicki, der sinngemäß anmerkte, dass immer nur Romane über unglückliche Lieben geschrieben werden, aber nie über glückliche Ehen. Ich wollte etwas thematisieren, was ich in Kanada erfahren habe, nämlich ein großes Gefühl des Glücks und auch der Dankbarkeit. „Toronto“ ist ein Buch über das Glück.

Sie haben in Ihrem Verlag SUKULTUR eine Reihe für Autofiktionen gestartet. Ist „Toronto“ auch Autofiktion?cover-toronto-marc-degens

Das Tagebuch ist ja ein klassisch autobiografisches Format, das es schon gab, bevor es die Autofiktion gab. Autofiktion hat immer auch den Aspekt, dass sich zu dem autobiografischen Geschehen eine literarische Fiktion hinzu­gesellt. In „Toronto“ gibt es nur wenige Stellen, die in Richtung Fiktion gehen, etwa wenn Erinnerungen aufkommen und diese sich zu einer Geschichte ent­wickeln.

Der Begriff ist also literaturwissenschaftlich unscharf, aber wir wissen, was damit gemeint ist: Eine Form des autobiografisch verbürgten Schreibens, die im Gegensatz zum rein Fiktiven steht. Insofern ist „Toronto“ auch Autofiktion.

Warum ist autobiografisch gefärbtes Erzählen derzeit so populär?

Weil traditionelle Literaturgattungen wie der Roman ein bisschen in die Krise geraten sind. Heute wird sich weniger darüber ausgetauscht, welche Romane man gelesen hat, sondern welche Fernsehserien man gesehen hat.

Der Roman ist nicht tot, aber er hat mehr Konkurrenz, weil das epische Erzählen durch die veränderte Medienlandschaft andere Ausformungen bekommen hat. Dadurch sind andere literarische Formen im Aufwind, zum Beispiel kleine Beobachtungen in kurzen, pointierten Formen.

 

„In Hamburg ist das Fernweh am geringsten“

 

In Interviews mit berühmten Schriftstellern entsteht oft der Eindruck, dass sie über das Autobiografische als Stilmittel nicht reden wollen, weil sie die Frage danach als kränkende Nicht-Anerkennung ihrer Fantasiefähigkeit sehen. Teilen Sie den Eindruck?

Ich habe vor einigen Mo­naten das Buch „Das Tagebuch und der moderne Autor“ aus den 1960er Jahren gelesen. Darin melden sich Schriftstellergrößen wie Arno Schmidt, Heinrich Böll und Elias Can­etti zu Wort und man merkt noch deutlich ihre Reserviertheit gegenüber diesem Medium. Arno Schmidt etwa hat das Tagebuch-­Schreiben als literarische Kunstform komplett abgelehnt.

In den Ablehnungen schwingt oft auch noch diese alte Genieästhetik mit. Also die Annahme, dass das Genie von der Muse befeuert wird und dabei Kunst herauskommt, die schon immer da war und nur freigelegt werden müsse. Das ist ein recht überholter Gedanke.

Viele Texte beschreiben heute, unter welchen Schwierigkeiten und von welchen gesellschaftlichen Faktoren beeinflusst Kunst hergestellt wird. Kunst als etwas vom Menschen und nicht vom Genie Gemachtes zu sehen, ist in meinen Augen aber die zeitgemäßere und richtige Lesart.

„Die kanadische Freundlichkeit und das permanente Entschuldigen haben mich für das Leben in Berlin unbrauchbar gemacht“, schreiben Sie an einer Stelle. Sie leben seit letztem Jahr nicht mehr in Berlin, sondern in Hamburg. Was hat Sie hergezogen?

Tatsächlich war Hamburg seit Jahrzehnten ein Sehnsuchtsort für mich, obwohl ich nur selten hier war. Aber die Erfahrungen, die ich hier gemacht habe, waren immer außergewöhnlich.

Hamburg hat eine reiche und diverse Kunst­ und Kulturszene, und es herrscht eine Freundlichkeit in der Stadt, die mich sogar an Toronto erinnert. Ich dachte, wenn schon zurück nach Deutschland, dann ist Hamburg die ideale Stadt. Das Fernweh ist hier am geringsten. Ich befürchte aber, dass ich merken werde, wie sehr mir die weiten kanadischen Landschaften fehlen, wenn ich Ausflüge ins Umland mache.

Was ist das Schönste an der Rastlosigkeit?

(überlegt) Dass sie nicht zu Ende geht.

Marc Degens: „Toronto“, mairisch, 144 Seiten, 12 Euro


Cover Szene Juni 2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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#openbutsafe: Was die Hamburger Museen bewegt

Hamburgs Kultur lebt auf. Als erste der Kultur-Institutionen haben die Hamburger Museen seit dem 7. Mai ihre Türen für Besucher wieder geöffnet. Natürlich gilt es auch hier Regeln zu beachten wie unter anderem der Mindestabstand von 1,50 Meter, keine Gruppenbesuche außer Familien und häusliche Gemeinschaften sowie das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes. Was die Museumswelt gerade bewegt, erzählen drei der Akteure

 

Interviews: Hedda Bültmann 

3 Fragen an Professorin Tulga Beyerle, Direktorin vom Museum für Kunst und Gewerbe

Professorin Tulga Beyerle, Direktorin vom Museum für Kunst und Gewere (Bild: Henning_Rogge)

Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf die jetzige Phase der Wiedereröffnung?

Es ist ein wunderbares Gefühl, wieder Men­ schen in unseren Räumen zu sehen. Man spürt, wie sehr unsere ersten Gäste den Museums­ besuch genießen. Kultur wird ja erst lebendig durch das gemeinsame Erlebnis und den Aus­ tausch darüber. Natürlich haben wir in der Zeit der Schließung weiter an unseren Projekten gearbeitet. Aber das Innehalten hat uns auch gezeigt, wie sehr unser Gegenüber, unser Publi­ kum fehlt. Nur gemeinsam entsteht Kultur und nur gemeinsam wird sie rezipiert. Sie gibt uns Orientierung und eröffnet neue Perspektiven, die helfen, in schwierigen Zeiten optimistisch zu bleiben. Museen können hier als kulturelles Gedächtnis wichtige Anregungen geben.

Hat sich während der Schließzeit etwas herauskristallisiert, das Sie zukünftig ändern werden?

Die siebenwöchige Schließung hat uns einmal mehr gezeigt, wie wichtig die Verbindung zu un­serem Publikum über die digitalen Medien ist. Selbst wenn sich unser Alltag wieder normali­siert und die direkte Begegnung mit dem Objekt immer etwas Besonderes bleibt, wird es weiter­hin Menschen geben, die mobil eingeschränkt sind oder weit entfernt wohnen. Sie zu errei­chen war uns immer schon ein Anliegen. Die Schließzeit hat uns den nötigen Schub gegeben, sich noch konzentrierter und mit mehr Lust der Digitalisierung zu widmen. Wir werden diese Aktivitäten in Zukunft ausbauen, denn auch der digitale Besuch ist wertvoll. Die Gleichwertig­keit von analogem und digitalem Besuch wäre übrigens ein spannendes Thema für eine Dis­kussion mit unseren Förderern.

Welche Folgen tragen Sie aus der Zeit?

Ganz praktisch sind unsere Stationen zum Anfassen und Selbermachen aktuell nicht im Einsatz. Bis Ende Juni finden keine Veranstal­tungen, keine Führungen und kein Programm für Kinder und Jugendliche statt. Auf der einen Seite müssen wir kreativ sein und unter den gegebenen Sicherheitsbedingungen Angebote entwickeln. Darüber hinaus lohnt es sich, lang­fristig in Online­Vermittlungsprogramme zu investieren, seien sie für Schulen oder auch als zusätzliches Lehrangebot. Die Corona­-Pande­mie ist auch eine gute Gelegenheit, über den Stellenwert und die Wirkung unserer kulturel­len Arbeit jenseits der Zahlen nachzudenken.

Ausstellungen:
20.6.–1.11.2020 Peter Lindbergh: Untold Stories
Bis 20.9.2020 Das Plakat. 200 Jahre Kunst und Geschichte
www.mkg-hamburg.de 

 

Einige der wichtigsten Museen der Stadt gehören zur Stiftung Historische Museen Hamburg (SHMH). Was Corona für sie bedeutet, was sich verändert hat und wie es weitergeht, erzählt Prof. Dr. Hans-Jörg Czech, Direktor und Vorstand

Prof. Dr. Hans-Jörg Czech, Direktor und Vorstand der STiftung Historische Museen Hamburg (Bild: Sinje Hasheider)

Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf die jetzige Phase der Wiedereröffnung?

Wir freuen uns in der SHMH riesig, dass wir mit unseren Dauer­ und Sonderausstellungen dem Publikum endlich wieder kulturelles Erleben vor Ort in denen Häusern ermöglichen kön­nen. Inzwischen sind die Maßnahmen zur Um­setzung der Kontaktbeschränkungen und der zusätzlichen Hygieneauflagen schon Teil einer neuen Betriebsroutine geworden. Wir sind fest davon überzeugt, dass wir unseren Besucherin­nen und Besuchern auch unter den gegenwär­tigen Rahmenbedingungen einen angenehmen und sicheren Museumsbesuch bieten können.

Wie lange haben Sie für die Pläne zur Öffnung gebraucht?

Die ersten Überlegungen für ein abgestimm­tes Vorgehen im Falle der Wiedereröffnung zunächst mit den anderen staatlich getragenen Museums­ und Ausstellungshäusern haben un­mittelbar nach Ostern begonnen. Eine gemein­same Linie für die erforderlichen Abstimmun­gen mit der Behörde für Kultur und Medien war dann schnell gefunden. Die folgenden Wochen bis zum 7. Mai waren dann für uns voll erfor­derlich, um die gemeinsamen Beschlüsse auf die Gegebenheiten an den einzelnen Standorten un­serer Stiftung zuzupassen und die spezifischen Hygienekonzepte im Detail auszuarbeiten.

Wie lief dabei die Zusammenarbeit mit dem Senat?

Unsere Abstimmungen mit dem Kultursena­tor und der Behörde für Kultur und Medien verliefen zu jeder Zeit sehr konstruktiv und ermöglichten das gemeinsame, abgestimmte Vorgehen, an das sich dank der Vermittlung der Behörde dann erfreulicherweise auch viele Einrichtungen in nicht staatlicher Trägerschaft angeschlossen haben.

Waren strukturelle Veränderungen notwendig?

Es ist nach wie vor erforderlich, die Wegefüh­rungen für das Publikum in unseren Ausstel­lungsbereichen stärker als früher zu steuern und Engstellen, an den denen die notwendigen Ab­ stände schwierig einzuhalten sind, zu vermei­den. Das geschieht in manchen Einrichtungen der SHMH zum Beispiel durch die Abgrenzung von separaten Ein­ und Ausgangstüren.

Haben Sie aus der Lockdown-Zeit etwas mitgenommen, das Sie zukünftig ändern werden?

In meiner Wahrnehmung haben die digitalen Portale und Inhalte der SHMH nochmals mehr an Bedeutung für unsere Vermittlungsarbeit ge­wonnen. Ich glaube, das geht vielen Kulturein­ richtungen ähnlich, die während der pandemie­ bedingten Schließungen auch nur die digitalen Wege zur Verfügung hatten oder noch haben, um ihr Publikum zu erreichen. Wir werden in Zukunft darauf hinwirken, die Erstellung von digitalen Angeboten noch flexibler und schnel­ ler bewerkstelligen zu können.

Wie ist es Ihnen während der Schließung ergangen?

Die Zeit war für mich selbst, wie für unsere Museumsteams in jedem Falle sehr intensiv und arbeitsreich. Ich schulde allen Kolleginnen und Kollegen in unseren Häusern großen Dank und Respekt für das engagierte und ideenreiche Wirken während der Schließungsphase, ohne das weder die speziellen digitalen Angebote zusammengekommen wären, noch die kompli­kationsfreie Wiedereröffnung. Und obendrein haben wir alle Erfahrungen in neuen Formen der Zusammenarbeit gesammelt – angefangen beim Zusammenwirken aus dem Homeoffice bis zur extensiven Nutzung von Telefon­ und Videokonferenztools.

Ihr Projekt „CoronaCollectionHH“ dokumentiert die Zeit während der Pandemie. Was wird unsere Nachwelt daraus ableiten können?

Für uns als historische Museen ist es eine der wichtigsten Aufgaben, nicht nur Prozesse und Abläufe der Vergangenheit zu erschließen, son­dern auch die Ereignisse der Gegenwart syste­matisch zu dokumentieren. Was wir im Heute nicht aktiv sammeln und festhalten, steht uns und unseren Nachfolgern und Nachfolgerinnen im Amt morgen nicht für ihre Arbeit zur Verfü­gung. Es wird spannend sein, zu sehen, welche Schlüsse aus der Perspektive eines gewissen zeit­lichen Abstands in der Zukunft daraus gezogen werden können.

Ausstellungen:
Bis 23.11.2020 im Altonaer Museum: Fisch. Gemüse. Wertpapiere. Fide Struck fotografiert 
Bis 17.8.2020 im Museum für Hamburgische Geschichte: Reflect – historische Textilien im Prozess
Zu der SHMH gehören das Altonaer Museum, Museum für Hamburgische Geschichte, Mu­seum der Arbeit, Hafenmuseum, Jenisch Haus und das Speicherstadtmuseum 
shmh.de 

 

3 Fragen an Barbara Plankensteiner, Direktorin MARKK

Barbara Plankensteiner, Direktorin MARKK (Bild: Paul Schimweg)

Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf die jetzige Phase der Wiedereröffnung? 

Wir sind sehr froh, den Menschen in Zeiten wie diesen wieder Begegnung mit Kultur und auch einen gewissen sozialen Austausch ermöglichen zu können. Wir haben großes Glück, als Museum die räumlichen Gegeben­ heiten für eine Wiedereröffnung bieten zu können und konnten sogar unsere große Sonderausstellung „Im Schatten von Venus. Lisa Reihana & Kunst aus dem Pazifik“ bis Oktober verlängern. Sie wurde – kaum eröffnet – direkt wieder geschlossen. Nun können die Besucher und Besucherinnen das beeindruckende Videopanorama der neuseeländischen Künstlerin Lisa Reihana doch noch erleben.

Hat sich während der Schließzeit etwas herauskristallisiert, das Sie zukünftig ändern werden?

Einige digitale Formate, die sozusagen aus der Improvisation entstanden sind, möchten wir gerne weiterführen. So zum Beispiel unseren MARKK in Motion Podcast. Die Idee war, in Zeiten des Stillstands in Bewegung zu bleiben und die Veranstaltungen, die aufgrund der Schließung ausfallen mussten, digital als Videopodcast zu veröffentlichen. Durch die Interviews, die unser Kurator Gabriel Schimmeroth mit den PartnerInnen und Mit­ arbeiterInnen führt, erhalten die ZuschauerInnen einen spannenden Ein­ blick in die Entwicklungsprozesse, die während der Neupositionierung bei uns stattfinden. Solche Blicke hinter die Kulissen schaffen unabhängig von Ort und Zeit Zugang zu unseren Themen.

Welche Folgen tragen Sie aus der Zeit?

Die Ausstellungsplanung wurde durch Verschiebungen, die eine Ketten­reaktion auslösen, längerfristig beeinflusst und natürlich haben wir finan­zielle Einbußen zu verkraften, die uns einschränken und belasten. Wir hoffen vor allem, dass die Möglichkeit international zu reisen bald wieder gegeben ist, da ein Haus wie unseres vom Austausch und der Zusammenar­beit mit unseren PartnerInnen weltweit lebt. Wir haben zwar in dieser Zeit auch erprobt in Online­Meetings den Austausch weiterzupflegen, doch haben wir dabei festgestellt, dass diese Form der Kommunikation eine di­rekte, persönliche Interaktion nicht ersetzen kann.

Ausstellungen:
Seit Mai Ausgezeichnet: Künstlerinnen des Inventars
Bis Oktober 2020 Im Schatten von Venus
markk-hamburg.de

 

Es geht nur gemeinsam

Kultursenator Carsten Brosda, Hans-jörg Czech, Vorstand Historische Museen Hamburg, Tulga Beyerle, Direktorin Museum für Kunst und Gewerbe und Staatsoper-Intendant Georges Delnon (Bild:Philipp Göbel)

Für die Mitarbeiter der Hamburger Museen hat die Hamburgische Staatsoper in circa 70 Stunden 500 Schutzmasken angefertigt. Auch das Schauspielhaus hat mitgewirkt. Denn die Öffnung der Häuser unter den geltenden Hygiene- und Distanzregelung sei eine besondere Herausforderung wie Hans-Jörg Czech sagt, vor allem im Kassen-, Aufsichts- und Reinigungsdienst. Die Staatsoper zeigt sich solidarisch. Gerade in Krisenzeiten sei der Zusammenhalt sehr wichtig, wie Intendant Georges Delnon findet: „Wir alle vermissen unser Publikum schmerzlich. Dass die Museen nun schrittweise wieder öffnen, stimmt uns hoffnungsvoll. Deshalb freuen wir uns, den Hamburger Museen mit den Gesichtsmasken die Hand zu reichen.“

 

 


 Der Text stammt aus dem SZENE HAMBURG DANKE!-Magazin. Das Magazin ist seit dem 29. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Top 5: Das beste Eis in Hamburg

Dafür brauchen wir nicht mal blauen Himmel: Ein, zwei, drei Kugeln von unseren Lieblings-Eisdealern passen immer

 

Eis & Innig

 

Im Eis & innig kommen nur natür­liche Zutaten in die Eismaschine, das heißt auch keine künstlichen Aromen oder Farbstoffe. Heraus­ kommen außergewöhnliche Sorten wie Salzkaramell, dunkles Schokoladensorbet oder Klassiker wie Himbeere und Mango. Die Zutaten dafür stammen übrigens häufig vom nahe gelegenen Isemarkt – regionaler geht’s nicht!

Eis & Innig: Klosterallee 102 (Hoheluft-Ost), Telefon 30 77 96 96, Mo–So 13–18 Uhr

 

Eis kalte Schnauze

 

In dieser Eismanufaktur kann man bei der Herstellung verschiedenster Eissorten live dabei sein und sie anschließend auch direkt probieren. Neben den klassischen Sorten wie Schoko oder Erdbeer hat die Eisdiele in Rissen auch saisonale und sogar orientalische Eisköstlichkeiten zu bieten. Tipp: Im Winter gibt es hier auch leckere Waffeln, Kuchen und sogar Glühwein.

Eis kalte Schnauze: Wedeler Landstrasse 34 (Rissen), Telefon 334 50 67 0, April–September: Mo–Sa 11.30–19, So 13.30–18 Uhr, Oktober–März: Mo–Fr 14–17.30, So 14–18 Uhr

 

Hej Eis

 

Wer das außergewöhnliche Eisver­gnügen sucht, ist bei Hej Eis genau richtig. Neben typischen Klassikern hält die Eisdiele Sorten wie Limette­ Chili, Karamell­Miso oder (Ham­burger aufgepasst!) Franzbrötchen bereit. Das handgefertigte Eis besteht dabei ausschließlich aus natürlichen Zutaten. Da ist mit gutem Gewissen dann auch noch eine zweite oder dritte Kugel drin.

Hej Eis: Schwenckestraße 56 (Eimsbüttel), Te- lefon 307 481 84, Mo–So 12–19.30 Uhr

 

Luicella’s Ice Cream

 

Dieser Laden bringt Spannung und Überraschungen in die Hamburger Eiswelt. Ausgefallene Sorten wie Blau­beer­weiße­-Schokostückchen oder Zitrone­-Basilikum machen einfach glücklich und auf jede Portion gibt es übrigens noch einen kleinen Löffel einer anderen Sorte zum Probieren obendrauf. Das ist so gut, dass mittler­weile fünf Läden die Hamburger mit dem „Eis für alle Fälle“ versorgen.

Luicella’s Ice Cream: Eppendorfer Landstraße 10 (Eppendorf), voraussichtlich Mo–So 12–18 Uhr

 

Milk Made Ice Cream

 

In der kleinen Ottenser Eismanufak­ tur werden mehr als 150 verschie­dene, handgemachte Eissorten her­gestellt – und das mit viel Liebe. Dafür kommen nur echte Früchte, echte Vanille und echte Milch infrage, natürlich meist aus der Region. Klingt gut? Dann ab nach Eppendorf zum Schlemmen in den ersten Ice Cream Shop.

Milk Made Ice Cream: Eppendorfer Landstraße 96 (Eppendorf), Di–So 12–19 Uhr


 SZENE HAMBURG ESSEN+TRINKEN 2020. Das Magazin ist seit dem 3. April 2020 im Handel und auch im Online Shop erhältlich! 

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„Untold Stories“: Peter Lindbergh im MKG

Kurz vor seinem Tod stellte Peter Lindbergh die Schau „Untold Stories“ fertig, ein verblüffendes Best-of seiner Arbeit

Text: Sabine Danek

 

Letztes Jahr im Mai war Peter Lindbergh (1944–2019) noch in Hamburg. Um persönlich einen Blick in das Museum für Kunst und Gewerbe zu wer­fen, der zweiten Station seiner Ausstellung „Untold Stories“ – und der ersten, die er selbst konzipiert hat. Einen „Kampf um Leben und Tod“ nannte er die Auswahl, bei der er sein Werk, das mehr als 40 Jahre umspannt, auf 140 Arbeiten reduzie­ren musste. Felix Kramer, Direktor des Düsseldorfer Kunstpalasts, wo die Ausstellung eröffnete, hatte Lind­bergh den Vorschlag gemacht, sein eigener Kurator zu sein. Der Fotograf hatte sofort zugestimmt und schließlich zwei Jahre daran gearbeitet.

Zwischendurch dachte Lindbergh, die Ausstellung würde nie fertig. Nach jedem seiner Shootings, die ihn beständig um die Welt führten, hatte er andere Ideen. Und irgendwann sogar ein Reisemodell der Museumsräume dabei, in der er die Arbeiten beständig neu arrangierte.

Was letztendlich entstand, ist ein Geschenk. Es ist eine persönliche Auswahl, ein Einblick, wie Lindbergh selbst sein Werk sah und was er daran als essenziell betrachtete. So kam es, dass einige seiner ikonischen Aufnahmen fehlen und stattdessen viel Unveröffentlichtes zu sehen ist.

 

„Ein Interview mit der Kamera“

 

Mit Bildern, drei mal vier Meter groß, zieht er direkt in seine Ausstellung hinein. Models sind darauf zu sehen, Landschaften, Stillleben. Überwältigt solle man zu Beginn werden, sagte Lindbergh selbst. Um dann eine Reise durch sein Werk zu beginnen, durch seine Modestrecken, Kampagnen, Porträts. Darunter zahlreiche Celebritys. „Mit ihm Fotos zu machen, ist wie ein Interview mit der Kamera“, hat Uma Thur­ man über Lindbergh gesagt.

 

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Foto: Uma Thurman, Peter Lindbergh

 

Von Duisburg, wo Lindberg als Peter Brodbeck aufwuchs, ging er nach Krefeld, um Kunst zu studieren, haute schließlich nach Berlin ab, zog dann nach Paris und wur­de zu einem der großen Modefo­tografen. Auch, weil die Mode ihn nicht sonderlich interessierte. 25 Jahre lang besuchte er nicht eine einzige Modenschau, er legte keinen Wert auf Trends und aktuelle Kollektionen, sondern wollte seinen eigenen inneren Bildern nachgehen.

Viele davon kamen aus der Kunst. Die Skulpturen des französischen Bildhauers Aristide Maillol beeinflussten seine Arbeit ebenso wie die Konzeptkunst Joseph Ko­suths, die amerikanische Dokumentarfotografie von Dorothea Lange oder Walker Evans und später auch der Tanz von Pina Bausch, mit der er befreundet war. Für eine seiner bekanntesten Kampagnen für Comme des Garçons kehrte er an die Duisburger Hochöfen zurück und zitierte Fritz Langs „Metropolis“. Immer in Schwarz­-Weiß, weil sich das für ihn authentischer anfühlte, und immer auf der Suche nach dem Moment, in dem ein Bild sich in eine Geschichte verwandelte.

 

Ein ungewöhnlicher Lindbergh

 

Den fand er, wenn er mit einem kleinen Team in den Straßen von Downtown Los Angeles unterwegs war, wo er Uma Thurman zwischen mexikanischen Straßenhändlern und Obdachlosen in mörderisch hohen High Heels entlang stöckeln ließ oder auf riesigen Sets, in denen er Models als 40er­-Jahre­-Ganoven inszenierte, Ufos landen ließ und kleine Außerirdische neben Helena Christensen einen Feldweg entlang hopsen. Oder er in einer sei­ner spektakulärsten Kampagnen, als er 1989 mit Tina Turner den Eiffelturm hochstieg und sie in schwin­delerregender Höhe auf dessen Eisenverstrebungen posierte.

Unter den Arbeiten, die erst­mals zu sehen sind, ist auch „Tes­tament“ von 2013. 300 Fälle zum Tode verurteilter Mörder studierte Lindbergh, unter anderem von Elmer Carroll, den er 30 Minuten lang in einen Spiegel blicken ließ, auf dessen anderer Seite seine Ka­mera stand. Ein ungewöhnlicher Lindbergh. Auch in der Arbeitsweise. Bekannt war er für seine unermüdliche Aktion beim Fotogra­fieren, er tänzelte, rannte, lief rück­wärts und steckte alle an. Mit seinen „kleinen Ewigkeiten von Freu­de“, wie sein Freund Wim Wenders sich im Katalog erinnert, und seiner „Leichtigkeit des Seins“.

Peter Lindbergh: Untold Stories, Museum für Kunst und Gewerbe, 20.6.–1.11.2020

 


Cover Szene Juni 2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Matthias Günther: „Theater ist eine Glücksmöglichkeit“

30 Fragen, 30 Antworten: Matthias Günther, Dramaturg am Thalia Theater, über seine persönlichen Lieblingsstücke, die nicht anerkannte Systemrelevanz von Kultur und warum Tocotronic die passenden Worte zur aktuellen Lage gefunden haben

Fragebogen: Ulrich Thiele

 

SZENE HAMBURG: Welches kulturelle Ereig­nis hat Sie geprägt?

Matthias Günther: Seit frühester Kindheit die documenta in meiner Heimatstadt Kassel und insbesondere die Aktion „7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ von Joseph Beuys 1982 (documenta 7).

Welches Theaterstück hat Sie als erstes zum Weinen gebracht?

Im Kasperltheater die Entführung der Großmutter im „Räuber Hotzenplotz“.

Und welches zuletzt?

Die erste Probe von „Ode an die Freiheit“ zwei Monate nach der Theaterschließung.

Erinnern Sie sich an Ihren ersten Thea­ terbesuch? Welches Stück haben Sie gesehen und was hat es in Ihnen aus­ gelöst?

Der Besuch des Weihnachtsmärchens „Der gestiefelte Kater“ im Staatstheater Kassel Anfang der 1970er Jahre und meine Empörung über die Pappkulissen. Aus dem Fernsehen kannte ich mehr Wirklichkeit.

Welches Theaterstück hat bei Ihnen vermeintliche Gewissheiten über den Haufen geworfen?

Christoph Marthalers Paraphrase „Goethes Faust Wurzel aus 1+2“ 1993 am Deutschen Schauspielhaus und der grandiose Faust-Monolog von Sepp Bierbichler aufgelöst in Vokale.

Was war Ihre schönste Theatererfahrung?

„Das achte Leben (Für Brilka)“ und „Die Katze und der General“ von Nino Haratischwili in den Adaptionen von Jette Steckel und ihrem Team am Thalia Theater. Diese beiden Arbeiten zeigen großes Menschentheater.

 

 

Und die schlimmste?

Keine. Theater ist für mich ganz großes Zuschauerglück. Selbst, wenn es mal nicht so gut ist. Ich komme immer gerne wieder.

Dieses Stück sollte jeder einmal in seinem Leben gesehen haben:

„Krippenspiel“ von Kindergartenkindern in der Weihnachtszeit.

Über welche Inszenierung haben Sie zuletzt heftig mit jemandem gestritten?

Immer wieder über die großartigen Arbeiten von Florentina Holzinger, die mit ihrem radikalen Körpertheater verstört. Performance, Porno, Provokation?

Die Welt geht in einem Jahr unter und Sie können nur noch ein Stück inszenieren: welches wäre das?

Das neue Stück, das Elfriede Jelinek dann schreibt: „Besser wird’s nicht“ – ein Abgesang!

Mein/e Lieblingsschauspieler:

Ich verliebe mich immer wieder und immer wieder neu. Max Reinhardt schrieb über Schauspieler: „Ihre Aufnahmefähigkeit ist beispiellos, und der Drang zu gestalten, der sich in ihren Spielen kundgibt, ist unbezähmbar und wahrhaft schöpferisch. Sie verwandeln alles in das, was sie wünschen. Und dabei das klare, immer gegenwärtige Bewusstsein, dass alles nur Spiel ist, ein Spiel, das mit heiligem Ernst geführt wird.“

Mein/e Lieblingsdramaturg/en:

Ivan Nagel.

Was bedeutet Kultur in diesen Tagen für unsere Gesellschaft?

Es wird uns klar, was fehlt. Sehr viel!

Was bedeutet Theater grundsätzlich für unsere Gesellschaft?

Eine Glücksmöglichkeit! „Verweile doch! du bist so schön!“ (Goethe).

Gibt es unpolitisches Theater?

Kunst- und Kultureinrichtungen sind offene Räume, die vielen gehören. In der „Erklärung der Vielen“ heißt es: „Demokratie muss täglich neu verhandelt werden – aber immer unter einer Voraussetzung: Es geht um Alle, um jeden Einzelnen als Wesen der vielen Möglichkeiten!“

Das perfekte Stück zur aktuellen Lage:

Die Stücke, die gerade von Dramatikern wie Thomas Köck, Enis Maci, Bonn Park, Felicia Zeller und vielen anderen geschrieben werden.

Was ist die beruflich größte Herausfor­derung für Sie während der Corona­-Krise?

Die bittere Erkenntnis, dass Kultur nicht als systemrelevant eingestuft wird und die Frage, wie wir unsere wunderbare Kunst in Krisenzeiten erhalten und weitermachen können, denn sie ist lebensrelevant.

Was stimmt Sie momentan hoffnungs­froh?

Die Solidarität des Publikums mit den Theatern.

Was stimmt Sie pessimistisch?

Diese miesen völkisch nationalistischen Zusammenrottungen.

 

„Wir forschen und erfinden das Theater der Zukunft.“

 

Werden virtuelle Möglichkeiten auch in Zukunft eine größere Rolle in der Kul­turlandschaft einnehmen?

Die Digitalisierung ist schon jetzt ein wichtiger Bestandteil für das „Storytelling“ von Kulturinstitutionen, kann aber das direkte Live-Erlebnis nicht ersetzen. Theater sind Orte kollektiver Erfahrung. Das Besondere des Theaters hat der Choreograf Jérôme Bel zusammengefasst in dem Satz: „Some people sitting in the darkness, watching other people sitting in the light.“

Wie wird sich die aktuelle Lage auf das Theater nach Corona auswirken?

Wir machen weiter. Wir forschen und erfinden das Theater der Zukunft. Hugo Ball, der erste Dramaturg der Münchner Kammerspiele und später berühmter Dadaist in Zürich schrieb: „Europa malt, musiziert und dichtet in einer neuen Weise. Das neue Theater wird wieder Masken und Stelzen benützen. Es will Urbilder wecken und Megaphone gebrauchen. Sonne und Mond werden über die Bühne laufen und ihre erhabene Weisheit verkünden.“ Das könnte ein Weg sein.

Wem sind Sie in diesen Zeiten beson­ders dankbar?

Den vielen Künstlern, die versuchen weiterzumachen.

Wer hätte mehr Dankbarkeit verdient?

Eltern, die in dieser Zeit eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe übernommen haben: die Schulpflicht ihrer Kinder durch Homeschooling zu gewährleisten.

Worauf freuen Sie sich in den nächsten drei Jahren am meisten?

Ich freue mich auf jeden neuen Tag und hoffe eine „Handbreit“ weiterzukommen.

Ich mag Hamburg, weil …

… es für mich die schönste Stadt Deutschlands ist.

Ich mag das Thalia Theater, weil …

… es ein Ensembletheater ist.

Die Hamburger Theaterlandschaft ist so besonders, weil …

… sie so vielfältig ist von A–Z (Altonaer Theater bis Theater das Zimmer).

Allgemein gesprochen: Sind Sie lieber dafür oder dagegen?

Meine politische Sozialisation ist eng verbunden mit der Friedenbewegung der 1980er Jahre. Damals war der Slogan: „Aufstehn“.

Wann haben Sie sich das letzte Mal ge­irrt?

„Kluge Irrtümer sind wichtiger als banale Wahrheiten“, hat Heiner Müller gesagt.

Welche Hoffnung haben Sie aufgege­ben?

Ich halte es mit Tocotronic: „Aus jedem Ton spricht eine Hoffnung auf einen Neuanfang.“

 


Cover Szene Juni 2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Bewegte Zeiten: Das Autokino auf dem Heiligengeistfeld

Ein Autokino, mitten in der Stadt – das gab es in Hamburg noch nie! Am 6. Juni 2020 war Premiere auf dem Heiligengeistfeld. Gezeigt wurde „Lindenberg! Mach dein Ding“. Regisseurin Hermine Huntgeburth war dabei und gab Einblicke in die Produktion. Dann erschien Udo auf der Leinwand und sprach wie der heilige Geist der Hansestadt auf das Feld hinab. Die Geschichte eines unvergesslichen Abends

 

Text: Marco Arellano Gomes / Fotos: Jérome Gerull

Matthias Elwardt schreitet Richtung Leinwand, bleibt stehen, setzt seinen Mund-Nasen-Schutz auf, dreht sich zu den Journalisten und grinst. Und grinst. Und grinst. Erst nach einigen Sekunden wird klar, dass das Grinsen aufgesetzt ist. Der Geschäftsführer der Zeise Kinos reißt in bester „Mission Impossible“-Manier seine Maske vom Gesicht, zeigt ein noch breiteres Grinsen und löst das Rätsel auf: Das sei eine Fotomaske „von einer kleinen Textildruckerei aus Winterhude“. Täuschend echt und doch nicht das Original – das trifft irgendwie auch auf diesen Abend zu.

Heiligengeistfeld, kurz vor 20 Uhr. Die Sonne geht hinter dem mächtigen Schutzbunker an der Feldstraße unter und taucht den frühsommerlichen Abendhimmel in ein helles, warmes Orange. Nur einige wenige dunkle Gewitterwolken schweben noch am Horizont – eine prachtvolle Kulisse für diesen lange ersehnten Kinoabend. Hier beginnt am heutigen Tag, dem 6. Juni 2020, ein neues Kapitel: die Rückkehr der Autokinos, nach 17 Jahren.

Für viele wird dieser Abend die erste Autokinoerfahrung sein. Zwar gab es in Hamburg von 1976 bis 2003 das „Drive In“ in Billbrook. Doch die wenigsten waren in diesem ersten und einzigen Autokino Hamburgs zu Besuch. Sie alle sind heute gekommen, um nach Monaten der Abstinenz überhaupt einen Kinofilm auf einer Leinwand zu sehen: gemeinsam, gemütlich, gespannt. Fast wie im Kino.

 

Vier Autokinos in Hamburg

 

Vier Stück gibt es nun in Hamburg: Das „Autokino – Bewegte Zeiten“, auf dem Heiligengeistfeld, das „SEAT Cruise Inn“ in Steinwerder, das „Lotto Hamburg Auto­kino“ auf der Bahrenfelder Trabrennbahn und das „Independent Autokino“ im Oberhafen. Und so wie die Sonnenstrahlen sich an diesem Tag durch die dicken, grauen Regenwolken kämpften, so sind die Autokinos der Lichtblick in einer düsteren Phase des Corona-bedingten kulturellen Lock- beziehungsweise Shutdowns.

Mitten auf dem Feld, das die Begriffe ­Heilig und Geist im Namen trägt, atmet die Stadt, wenige Tage nach Pfingsten, gemeinsam auf und nimmt dabei die Diesel-Abgase billigend in Kauf. Es ist Premierenabend. Knapp 1.000 bis 1.500 Menschen fahren in ihren 500 Autos von der Glacischaussee kommend einen großen Bogen, Richtung Bunker. Die Autos halten brav 1,5 Meter Abstand.

Zu sehen gibt es den Film „Lindenberg! Mach dein Ding“ – auf zwei Leinwänden, zeitversetzt um eine Stunde. Zwischen den beiden, liebevoll Kino 1 und Kino 2 genannten Plätzen, befinden sich 30 gelbe, aufeinandergestapelte Schiffscontainer. Auf beiden Seiten dieser Container-Wand sind 126 Quadratmeter große LED-Leinwände befestigt.

 

Premiere: Am 6. Juni 2020 flimmerte der erste Film über die Kinoleinwand des Autokinos am Heiligengeistfeld (Bild: Jérome Gerull)

„Wir stehen hier im derzeit größten Kino Hamburgs und eröffnen heute Abend mit einem ganz tollen Hamburg-Film“, sagt Elwardt, Mitveranstalter des heutigen Abends. „Die Regisseurin ist da, der Produzent ist da. Das wird bestimmt toll.“ Dann schreitet er mit Regisseurin Hermine Huntgeburth und Produzent Michael Lehmann in Richtung eines Glaskastens, direkt neben der Leinwand. In wenigen Augenblicken führt er dort ein Interview mit den beiden.

Die Stimmung ist prächtig. Am Einlass und am Ticketstand strahlen sowohl die Mitarbeiter der Bergmanngruppe, die seit Wochen in Kurzarbeit waren und nun endlich wieder ein Event zum Leben erwecken können, als auch die Gäste, die ihre Tickets durch die Scheibe scannen und sich einen Stand weiter auf der rechten Fahrspur ihre Snack-Packs – gefüllt mit Popcorn, Chips, Cola oder Bier – durch die Fenster reichen lassen. „Moin, danke, viel Spaß, Weiterfahren!“

Ein roter Teppich liegt auf beiden Fahrspuren aus. Die Stars sind die Autos. Wer hätte gedacht, dass die vor Kurzem noch verhassten Boliden ein solches Comeback erleben würden? Es duftet nach frischem Popcorn, direkt vor Ort produziert in der original Popcorn-Maschine aus dem Zeise Kino. Wer nur eine Minute hier steht, fühlt sich wie im Kino. Erinnerungen werden wach, an unzählige Abenteuer, die nur das Kino zu schreiben vermag. Schon erstaunlich, was Gerüche alles auslösen können!

Die Idee, Autokinos anzubieten, entstand aus der Not heraus. Der Bergmanngruppe, die das Autokino am Heiligengeistfeld gemeinsam mit den Zeise Kinos auf die Räder gestellt hat, waren im März 100 Prozent aller Aufträge weggebrochen. „Von heute auf morgen“, sagt Geschäftsführer Thorsten Weis. Er trägt einen grauen Fünf-Tage-Bart, graue Sneaker, graue Jeans, einen dunkelgrauen Pullover, darüber einen ärmellosen Overall in Anthrazit mit einem Spruch des Hauptsponsors auf dem Rücken. Nur seine moderne Brille mit breitem Gestell ist schwarz.

 

Zeise Kinos und Bergmann-gruppe riefen das Autokino ins Leben

 

Sein Team nennt ihn Thorsten der Graue, in Anlehnung an Gandalf den Grauen aus der „Herr der Ringe“-Trilogie. Einen spitzen Hut trägt er nicht, auch führt er keinen Zauberstab mit sich, aber an der rechten Hand trägt Thorsten Weis einen wuchtigen silbernen Ring mit dunklem Stein darin. Vielleicht liegen hier magische Kräfte verborgen. In jedem Fall hat er mit seinem Team fast Unmögliches vollbracht.

Als er, kurz nach Einbruch aller Aufträge, las, dass in anderen Bundesländern Autokinos weiter erlaubt waren und neue entstanden, kam ihm die Idee: Warum nicht ein Autokino hier in Hamburg? Er erstellte ein Konzept. Es erschien machbar. Nur bei der Filmkompetenz brauchte er Unterstützung. „Zur Vorführung von Filmen braucht es Lizenzen und es müssen diverse Abgaben an die Verleiher, die Filmförderung geleistet werden.“

Weis schrieb eine Mail an die Zeise Kinos. Eine halbe Stunde später rief Matthias Elwardt zurück. „Wir haben uns sofort verstanden und gleich gesagt, wenn wir es machen, dann machen wir es groß. Zwei Flächen. Wir machen die Orga, er den Filmpart. Fifty-fifty.“ Es gab noch 22 weitere Interessenten für dieses Filetstück in bester Innenstadtlage. Gegen Himmelfahrt erhielten Bergmanngruppe und Zeise Kinos den Zuschlag.

 

Das Autokino ist ein Risiko

 

Das Autokino ist ein Risiko. Erst bei einer Auslastung von etwa 60 Prozent ist es lohnenswert. Darunter ist es unrentabel. „Wir können uns eine Niederlage nicht leisten. Wir sind ja schon am Boden“, gibt Weis offen zu, „aber das Projekt ist auch ein Lichtblick, ein Start, um die Stimmung aufzuhellen.“ Der Start hätte nicht besser laufen können: Das Autokino ist ausverkauft. Das Wetter spielt mit. Die Stimmung ist befreit.

Die Strahlkraft des Autokinos reicht weit über die Stadtmauern hinaus. Die Autos tragen Kennzeichen aus Hamburg, Kiel, Pinneberg, Bad Oldesloe, Winsen an der Luhe, Bad Segeberg und Ostholstein. Einige sind zu früh da – unter ihnen ein Ford Mustang GT. Der Einlass für Kino 2 beginnt eine Stunde später. Manche können es einfach nicht erwarten. Ein Fahrer hat keine Karte, er wollte „nur mal gucken, wie das hier so läuft“. Ein Hubschrauber fliegt vorbei. „Da kommt Udo, endlich!“, ruft Weis. „Der landet jetzt oben auf dem Container.“ Alle umherstehenden Personen lachen.

Die Journalisten gehen auf Tuchfühlung mit dem Publikum, O-Töne sammeln. „Ich freue mich sehr auf den heutigen Abend“, sagt eine Frau aus Othmarschen. „Es ist ja schon ein bisschen her, dass man Filme im Autokino gucken konnte.“ Ein Besucher aus dem Emsland sagt: „Wir sind eigentlich nicht wegen des Autokinos hier. Das ist ein Abfallprodukt – wenn auch ein sehr angenehmes.“ Eine Besucherin aus Pinneberg findet die Film­auswahl in Hamburg besser: „Bei uns laufen vor allem deutsche Komödien, die man nicht sehen will.“

 

Bewegte Zeiten: Udo Lindenberg sendet Videobotschaft (Bild: Jérome Gerull)

 

Produzent Michael Lehmann steht im Glaskasten und wirkt sichtlich zufrieden: „Das ist Hamburg at it’s best. Millerntor, Bunker, Fernsehturm, Heiligengeistfeld, Udo.“ Regisseurin Hermine Huntgeburth gibt sich „schwer beeindruckt“. Die beiden unterhalten sich mit Matthias Elwardt über die Drehorte in Hamburg und die Zusammenarbeit mit dem Rockstar, dessen Lebensgeschichte heute gezeigt wird.

Dann wünschen die drei den Zuschauern viel Spaß und gehen zu ihren Autos, den Film ansehen. Die Zuschauer beginnen zu hupen, obwohl das eigentlich nicht erlaubt ist. Aber es ist Premierenabend und da gehört das Unvorhergesehene irgendwie dazu. Die Spannung steigt, der Film beginnt, doch zuvor gibt es noch eine Überraschung: eine Botschaft von Udo – direkt über UKW in alle Autos übertragen.

Auf der Leinwand erscheint er ganz plötzlich, mit Hut und Sonnenbrille, überdimensional groß: „Hey Freunde, keine Panik! Euer Udo, hier im Autokino. Ja echt, ein Hammer-Ding. Autokino? Wie romantisch! Kann man dolle Sachen machen: Bisschen Kuschel-Kuschel, bisschen Schmuse-Fix. Yeah Leute, und hier ist der Streifen: „Mach dein Ding“ Ihr müsst da durch, durch die harten Zeiten. Jede Menge Panik-Power mit Jan Bülow. Leute, keine Panik! Euer Udo. Yeah. Awhuuuh!“

Nun läuft der Film. Außerhalb der Autos wird es still. Nur einige wenige haben ihre Fenster leicht geöffnet. Aus einem der Wagen in Kino 1 dringen tiefe Bässe. „Da hat wohl jemand eine Dolby-Digital-Anlage einbauen lassen“, sagt ein Reporter. Kino mit Wumms, würde Olaf ­Scholz wohl dazu sagen.

 

Von Cineasten für Cineasten

 

Die blaue Stunde ist angebrochen, ein Zeitfenster, während der Dämmerung, bei der eine besondere Färbung des Himmels eintritt. Einzelne Pollen fliegen durch die Luft. Durch das Licht der Leinwand wirken sie wie die Staubpartikel im Kino, die durch das Licht der Projektion im Dunkeln sichtbar werden. Es könnten aber auch überdimensionale Corona-Bällchen sein. Ab und an ziehen Mitarbeiter mit dem Bollerwagen durch die Reihen, schließlich soll niemand verhungern oder verdursten. Sie tragen Masken.

Die Zuschauer machen es sich derweil gemütlich. Einige haben Decken mitgebracht, andere sitzen in Pulli und Jogginghose auf ihren Sitzen, und weiter hinten lassen sie die Korken knallen. Aussteigen ist im Autokino, abgesehen von Notfällen, nicht erlaubt. Dennoch öffnen einige ihre Türen, um ein paar Krümel vom Pullover zu klopfen, einfach mal die Beine zu strecken oder die Toilette aufzusuchen. Letzteres ist ja quasi auch ein Notfall.

Was beim Autokino auf dem Heiligengeistfeld auffällt, ist die Liebe zum Detail: So stehen auf einem Banner, vor den Toiletten, die Worte: „Life of Pi Pi“ – eine Anspielung auf den Erfolgsfilm von Ang Lee, „Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger“. Vor den Ausgängen steht: „Hasta la Vista, Baby“. Dieses Autokino – so viel wird deutlich – ist von Cineasten für Cineasten. Bis August wird es auf dem Heiligengeistfeld sein Programm anbieten. Fünf bis acht Vorstellungen pro Tag.

 

“Wir kriegen’s hin”

 

Der Premierenabend neigt sich dem Ende zu. Es ist dunkel. Nur noch das Licht der Leinwand erfüllt den Platz. Ein letztes Mal ergreift Udo das Mikro, singt den Song „Niemals dran gezweifelt“. Darin heißt es: „Ich war noch jung und lag die Nächte wach, und in meinem Kopf ganz großes Kino. Hatte so ’ne Sehnsucht, doch wonach? All das war mir da, noch nicht so klar. Und dann zog ich in die große Stadt, wird’s auch mal gefährlich oder schwer, pack ich meinen Mut unter den Hut und jag den großen Träumen hinterher. Ich hab niemals dran gezweifelt, dass wir das überstehen. Niemals dran gezweifelt, wir kriegen’s hin.“

Udo singt – und alle auf dem Heiligengeistfeld atmen auf. Vielleicht ist das Autokino nicht das Original, aber es ist, wie man in diesem Moment merkt, verdammt nah dran. Matthias Elwardt schreitet schnellen Schrittes auf sein Auto zu. Bis zu diesem Abend gab es für den Zeise-Chef – ebenso wie für den Rest der Kinobetreiber – wenig zu lachen.

Die Kinos hatten knapp drei Monate geschlossen, verloren Unsummen an Geld und werden die Miet- und Personalkosten nach Wiedereröffnung im Juni beziehungsweise Juli aufgrund der strengen Auflagen wohl nicht erwirtschaften. Einige bangen ums Überleben, viele hängen am Tropf staatlicher Überbrückungshilfen. Elwardt verabschiedet sich, setzt sich in seinen schwarzen Smart und flitzt grinsend davon. Ob er sein Grinsen vorher aufsetzte, war nicht zu erkennen.

www.autokino-in-hamburg.de

 

 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2020. Das Magazin ist ab dem 27. Juni 2020 im Handel! 

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Restauranttest: XO Seafoodbar

Sandwich und Sardinen – In dem kleinen Restaurant XO Seafoodbar auf St. Pauli schmecken Fisch, Seafood und Gemüse besonders und lecker

 

Text: Benjamin Cordes 

Fast ein kleines Imperium ist es, was sich Fabio Haebel da an der Paul Roosen-Straße aufgebaut hat. Neben seinem Stamm-Restaurant Haebel hat er vor einiger Zeit die Naturwein-Bar La Cave geöffnet und nun noch ein zweites Restaurant: die XO Seafoodbar. Bei unserem Besuch sind alle Außenplätze besetzt, was zu zwischenzeitlichen Wartezeiten führt. Und wäre es draußen nicht so sonnig, säßen wir in hellen, einladenden Räumen, die in Pastellfarben gehalten sind. Auch schön!

Die ersten Drinks sind schnell auf dem Tisch, auch die ersten Gänge. Brot von Jochen Gaues (5 Euro) mit Radieschen, Butter und einem täuschend echt aussehenden Kaviar aus Algen. Der platzt im Mund nicht so auf wie der echte, aber bringt eine schöne Salzigkeit mit.

Vorweg genießen wir zwei „Sando“-Sandwiches, die ihren Ursprung in Japan haben aber hier originell asiatisch-europäisch kombiniert sind. Zwischen gutem Sandwichbrot liegen je nach Wunsch eine ausgebackene Sardine (11 Euro) oder eine außen knusprige und innen weiche Scheibe Aubergine (10 Euro). Dazu kommen eine Mayo mit der orientalischen Gewürzpaste Harrissa, hauchdünne Zitronenscheiben und Schalotten-Ringe. Ein Traum aus Knusprig- und Saftigkeit, der weich, würzig, leicht süßlich, frisch und herzhaft zugleich ist.

Die Austern vom Grill (19 Euro) mit Schnittlauchblüten, Kaviar und Apfelessig sind top-frisch, gleiches gilt für die Schwertmuscheln (16 Euro). Das sind die mit den länglichen Schalen, an denen man sich am Nordseestrand gerne mal die Füße aufschneidet. Hier liegen sie auf knackig sautiertem Blattspinat und einer Pilz-Velouté. Nachdem die erste, versandete Portion schnell und unkompliziert ausgetauscht wird, überzeugt die Zweite vor allem mit ihrer köstlichen, buttrigen Sauce, der ein Pilzfond Tiefe verleiht. Bei den vegetarischen Gängen macht vor allem der Tomatensalat (11 Euro) mit frittierten Kapern auf einer herzhaften Brotcreme viel Spaß, gleiches gilt auch für das cremige Rhabarbereis (8 Euro) mit Holunderschaum und -sud. Fabio Haebel hat den Sprung auf die andere Straßenseite hervorragend gemeistert. Was kommt als nächstes?

 

XO Seafoodbar
€€ Paul-Roosen-Straße 22 (St. Pauli), Di-Do 16-23, Fr-Sa 11-23 (Küche immer bis 21.30), So (Brunch) 11-16 Uhr; EC-Karte, Visa, Mastercard, keine Barzahlung

 


Der Gastro-Guide SZENE HAMBURG ESSEN+TRINKEN ist seit April 2020 für 10,80 Euro im Handel und im Online-Shop erhältlich!


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Bestes Restaurant in der Kategorie Griechenland: Das Parea

Bekanntes neu interpretiert: Das Parea ist Testsieger in der Kategorie Griechenland

 

Text: Julia Kleinwächter

Die Karte im Parea ist zwar übersichtlich, trotzdem gibt es mehr Vorspeisen, als man essen kann – auch wenn man in Gesellschaft, mit Freunden kommt, „me parea“, wie der Grieche sagt. Um alles zu probieren, muss man wiederkommen. Kleine Hürde: Auch der erfahrene Griechengast kann nicht erraten, ob es sich auf dem Menü um bekannte Klassiker handelt, weil das Parea fast durchgängig auf griechische Bezeichnungen verzichtet. Das geschmorte Rindfleisch in Tomatensoße heißt nicht Kokkinistó, sondern, nun ja, geschmortes Rindfleisch in Tomatensoße.

Es gibt kein Chtipití, keine Paputsákia, keinen Melitsánosalata. Stattdessen gibt es Fetacreme mit Chiliflocken und Auberginensalat (4,80 Euro). Oder Karottenpommes (4,50 Euro). Oder gratinierten Fenchel (5,50 Euro). Die ganz großen Überraschungen gibt es allerdings nicht. Das Essen ist, wie das Restaurant selbst, angenehm unaufgeregt: gegrillte Dorade (riesig!) oder saftige Lammkoteletts (rosig!; beides 17,90 Euro), gewürzt mit Oregano, Thymian, Knoblauch, dazu zitronengeküsste Kartoffelschnitze aus dem Ofen.

Was das Ganze besonders macht, sind die kleinen Spaziergänge ins Umland der traditionellen Küche. Wer hat bei seinem Stammgriechen jemals Prosecco mit Grapefruit und Rosmarin getrunken? Wer hat dort überhaupt schon mal einen anderen Aperitif getrunken als Ouzo? Und wer hat beim Griechen – beim Griechen! – schon mal gesehen, dass Gerichte eigens als vegetarisch oder vegan ausgewiesen werden? Wassilios Xenos und Vater Christos präsentieren in Eimsbüttel eine kleine gastronomische Perle, in der sie Bekanntes und Neues ohne viel Attitüde verbinden – und neue Bekannte mit Leichtigkeit als Freunde zusammenbringen.

Parea 
Luruper Weg 38 (Eimsbüttel), Telefon 35 96 12 82,
Di-So 17-22.30 Uhr 

 

 


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Obdachlosenhilfe: Harburg-Huus vor dem Aus

Während sich die Lage in Harburgs einziger Unterkunft für Obdachlose Corona-bedingt ohnehin verschlechtert, hat die Einrichtung nun auch noch die offizielle Kündigung der Räumlichkeiten erreicht

Text: Laura Lück

 

Nachdem das Grundstück am Harburger Außenmühlenweg vergangenen Herbst verkauft wurde, hat das Harburg­-Huus Mitte April die offizielle Kündigung erhalten. Zum April 2021 soll die Obdachlosenunterkunft weichen, nachdem das DRK Hamburg-­Harburg sie erst 2018 mit 200.000 Euro Spendengeldern nach langer Standortsuche eingerichtet hatte.

Die Entwicklungsgesellschaft Urban Space, die das Gelände erworben hat, will auf dem Areal über 200 Wohnungen bauen. Thorben Goebel­-Hansen, Leiter des Harburg­-Huus, sieht die Lage als sehr ernst an. Man sei weiterhin im Gespräch mit dem Investor, aber noch sei alles offen. Durch die Bedrohung des Standortes plagen auch seine Gäste Ängste und Verunsicherung. Sie fragen sich, wie es weitergeht und vor allem, ob das Harburg­-Huus auch an einem neuen Standort weiterhin gut für sie zu erreichen sein wird.

„15 Mitarbeiter im Haupt-­ und 18 im Ehrenamt haben hier etwas aufgebaut, das im Kern Obdachlosen hilft, aber auch Anlaufstelle für Menschen ist, die einsam sind oder unter Altersarmut leiden“, erklärt Goebel-­Hansen. „Wir sind ein Treffpunkt geworden. Das hat man nicht mal eben so an anderer Stelle wieder aufgebaut. Gegen­über unseren Gästen und Netzwerkpartnern braucht es eine gewisse Zeit, um Vertrauen zu schaffen. Die Atmosphäre, Umgebung und Beständigkeit unseres Angebots spielen da eine große Rolle.“

 

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Ein Platz für alle: Im Harburg- Huus dürfen Obdachlose auch ihre Hunde mitbringen

 

Das Harburg-­Huus ist so­ wohl eine Unterkunft für Männer und Frauen, als auch für Obdachlose mit Hund. Außer­dem ist sie eine Einrichtung der kurzen Wege, denn sie bietet Tagesaufenthalts-­ und Übernachtungsstätte unter einem Dach, was in dieser Form nicht häufig gegeben ist. Die Corona­-Pan­demie macht die aktuelle Situation nicht leichter. Goebel­-Han­sen beobachtet eine steigende Nachfrage bei Rückgang der Möglichkeiten durch den vorsorglich gekürzten Personaleinsatz. „Wir haben Ehrenamtliche, Praktikanten und FSJ­ler gebeten vorerst nicht zu kommen, um die Gefahr einer Ansteckung so gering wie möglich zu halten. Früh­, Spät­ und Nachdienst halten wir mit nur noch zwölf Kollegen aufrecht. Das geht an die Substanz.“

Es findet außerdem keine Sozialberatung mehr im direkten Gespräch, sondern nur noch digital statt. Neben professioneller Beratung und Versorgung mit Kleidung und Verpflegung machen das Harburg­ Huus auch seine Freizeitaktivitäten wie Musik­ und Sportprojekte aus. Diese Angebote des DRK-­Teams können momentan nicht aufrechterhalten werden.

 

Sicherheit durch Spenden

 

Auch in der Kasse wird es knapp. Die Einrichtung erhält keine öffentlichen Gelder und wird ausschließlich durch Spenden finanziert. „Wir erreichen die Spender in der momentanen Situation zum Teil nicht mehr und können vor Ort keine Sachspenden mehr entgegennehmen. Deshalb freue ich mich umso mehr über Geldspenden auf unser Spendenkonto DE77 2005 0550 1262 2275 39 bei der Hamburger Sparkasse, auf die wir nun noch dringender angewiesen sind.“

Positiv bewertet Goebel­-Hansen, dass sich das Gemeinschaftsgefühl im Haus noch einmal verstärkt habe. Für die Zukunft wünscht er sich schnellstmöglich Lösungen mit langfristiger Perspektive: „Wir sind fester Bestandteil des Bezirks geworden. Die Situation für Obdachlose in Harburg hat sich seit unserem Bestehen verbessert. Bereits im ersten Jahr hatten wir 4.000 Übernachtungen und 2.500 Beratungsgespräche. Unsere Gäste sollen auch nach Corona und in womöglich neuen Räumlichkeiten wieder die Sicherheit bekommen, dass wir ihnen als verlässlicher Partner zur Seite stehen.“

 

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Spendenkonto

Hamburger Sparkasse
IBAN: DE77 2005 0550 1262 2275 39 Kennwort: Harburg-Huus

Harburg-Huus: Außenmühlenweg 10 b (Harburg)


Cover Szene Juni 2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Bestes Restaurant Veggie & Vegan: Das Tassajara

Essen mit Ommmm: Das Tassajara ist Testsieger in der Kategorie Veggie & Vegan

 

Text: Ilona Lütje 

Wer in Hamburg vegetarisch oder vegan essen möchte, hat das Tassajara garantiert auf dem Zettel. Schließlich gilt das Restaurant als eines der besten in der Stadt. Seit 43 Jahren wird hier die internationale Vollwertküche mit ayurvedischen und mediterranen Einflüssen serviert. Schon beim Betreten des kleinen Ladens im Souterrain der Eppendorfer Landstraße empfängt uns der Duft von exotischen Gewürzen und eine tiefenentspannte Atmosphäre. Uns liegt ein tiefes Ommmm auf der Zunge.

Bei einem frisch gepressten Saft des Hauses und einer Portion Pakora studieren wir die Karte. Das gebackene Gemüse kommt mit drei verschiedenen Dips auf den Tisch und ist die perfekte Einstimmung auf die Hauptgänge. Auf der einen Seite des Tisches landet dabei eines der Tagesgerichte: Der Thai-Wok (19,90 Euro) bringt schon allein durchs Aussehen auch den überzeugten Fleischliebhaber ins Schwärmen. Knackiges Gemüse und Tofu in einer samtweichen Currysoße werden von schwarzem Reis begleitet und umschmeicheln den Gaumen – Essen für Körper, Geist und Seele verspricht das Tassajara schließlich ja auch.

Das Gegenüber setzt auf Bewährtes und bestellt einen der Klassiker des Tassajara in der veganen Variante: Die Pilzwiese (13,90 Euro) kommt darum ohne Edelpilz-Käsesoße. Gebackene Kartoffeln liegen auf knackigem Salat und Gemüse und wurden mit frischen Champignons, Avocadocreme und Joghurt garniert. Die Gewürze sind fein und stimmig, alle Zutaten frisch, zucker- und fettfrei, und der Duft in der Nase verbreitet tiefes Wohlgefühl. So geht Essen mit Ommmm – ganz ohne Esoterik, dafür auf Gourmetniveau. Tipp: Eine Reservierung ist empfehlenswert, denn das Tassajara ist beliebt und jeden Abend voll.

Tassajara 
Eppendorfer Landstraße 4 (Eppendorf),Telefon 48 38 01,
Mo–Sa 11.30–23 Uhr 

 

 


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