Burger Invasion: Indie- und Punk-Party im Molotow

Das kalifornische Label Burger Records kommt erneut für eine Präsentation ihres Katalogs ins Molotow und veranstaltet mit der Burger Invasion eine Club-Party mit Live-Musik und kunterbuntem Punk-Merch

Text: Erik Brandt-Höge
Foto: Pooneh Ghana

 

Fullerton, Kalifornien, 2007. Im immer sonnigen Palmentstädtchen haben zwei High-School-Kumpels die Idee von einer eigenen Plattenfirma, und zwar einer sehr speziellen. Sean Bohrmann und Lee Rickard wollen ein Label, das unbekannten Garagenrockbands eine Plattform bietet und sich gleichzeitig einem, nun ja, etwas aus der Mode gekommenen Tonträger widmet: der Kassette. Im industriellen Teil des Küstenortes mieten sie Büroräume und richten sich ein, mit zerknautschten Sofas und Sesseln, Bandpostern als Tapeten und unzähligen, wackligen Regalen – die ziemlich fix voll werden sollen.

Burger Records, wie Bohrmann und Rickard ihr Unternehmen nennen, signt wie verrückt, auch weil die Burger-Philosophie Indie- und Punk-Bands aus der Seele spricht und sie geradezu magnetisch anzieht. In den ersten zehn Jahren kann das Duo mehr als 1.000 Veröffentlichungen realisieren, natürlich vornehmlich auf Tapes.

 

Club-Partys rund um den Globus

 

Eines der Burger-Release-Highlights: Die Punk-Superstars Green Day erlauben ihnen, das legendäre „Dookie“-Album von 1994 auf Kassette herauszubringen. Und neben dem bestens laufenden Tonträgergeschäft veranstalten Bohrmann und Rickard bald sogar ein Burger-Festival. Im nicht weit entfernten Santa Ana lassen sie ihre Künstler auftreten und verkaufen ihren Katalog, gewinnen immer mehr Anhänger und Marktanteile.

Und weil das alles so prima klappt, setzen die Burger-Jungs noch einen drauf: „Burger Invasion“ nennen sie ihre Club-Partys, die sie rund um den Globus veranstalten. Zum dritten Mal kommen sie nun schon ins Molotow, präsentieren Punkrock, kunterbuntes Burger-Merchandising von Shirts über Plakate, Sticker und Buttons, und, eh klar, die Prestigeobjekte des Labels: Kassetten.

Bohrmann: „Lee und ich lieben unser Festival in dieser Stadt. Geradezu surreal zu sehen, dass unser Logo mittlerweile an in so vielen verschiedenen Orten zu sehen ist, vor allem in einer Stadt namens Hamburg.“

Auftreten werden am Burger-Tag im Molotow auf den drei Bühnen des Clubs u. a. die New Yorker Gruppe Surfbort (Punk), Fruit Tones aus Manchester (Garage), die Kasseler Suck (Punk), Jealous aus Berlin (Post-Punk) und – regelmäßige Molotow-Gänger kennen sie längst – die Lokalmatadoren Swutscher (Indie-Rock).

 

 

Burger Invasion: 17.8., Molotow, ab 15 Uhr


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburger Singles: Online-Dating und Gruppen-Events

Das Unternehmen Studio3w betreut Online-Dating-Portale für verschiedene Städte, auch für Hamburg. Auf Hamburger-singles.de zetteln User Dates und Gruppen-Events an

Interview: Erik Brandt-Höge
Foto (o.): Anastasiia Vedmedenko via Unsplash

 

Veronika Link gehört zum Team, das für die Seite verantwortlich ist, und erklärt, wie Hamburger online Kontakte knüpfen – und wie viel Zukunft Online-Dating hat.

SZENE HAMBURG: Veronika, auf der Unternehmenswebsite von Studio3w heißt es: „Wir verbinden Menschen.“ Wen verbindet ihr konkret in Hamburg?

Veronika Link: Haupt­sächlich Singles, aber auch Menschen, die Events orga­nisieren wollen oder auf der Suche nach welchen sind und sie gemeinsam mit anderen erleben wollen.

Hamburger-SIngles

„Wir kontrollieren jedes Profil“: Veronika Link betreut hamburger-singles.de

Angefangen habt ihr mit den Münchner Singles 1999, die Hamburger Singles gibt es seit 2010. Ließ sich das Münchner Model einfach auf Hamburg anwenden, oder musstet ihr auf der einen oder anderen Ebene etwas für Hamburg umstellen?

Im Prinzip sind alle un­sere Singles­-Seiten gleich auf­ gebaut und haben die gleichen Funktionen wie Events, Onlineliste, Smiles etc. – die Funktionen werden in den Städten nur unterschiedlich angenommen.

Inwiefern?

Ein Beispiel: In Hamburg haben User anfänglich nur sehr zögerlich das Angebot wahrgenommen, Events zu organisieren oder daran teil­zunehmen. Sie haben unsere Plattform hauptsächlich fürs Dating genutzt. Events wur­den erst nach und nach von den Mitgliedern organisiert. Die User haben sich schritt­weise vernetzt.

Ihr sprecht auch von einer Community bei den Hamburger Singles. Wie funktioniert die?

Jeder kann sich kostenlos anmelden, das Profil mit Infos ergänzen, Fotos hochladen und Texte schreiben. So können die Mitglieder beispielsweise angeben, wofür sie sich begeistern oder wo sie in Hamburg öfter mal anzutref­fen sind, z. B. beim Stand­-Up­-Paddling auf der Alster.

Sie können andere Singles suchen, Gruppen beitreten, den Event-­Kalender einsehen und selbst Events organisieren. Andere User sehen das dann und denken sich vielleicht: „Aha, der oder die geht am Samstag in eine bestimmte Bar oder ein bestimmtes Kino, dort könnte ich ihn oder sie ja mal kennenlernen.“

Welche Hamburger Events sind am beliebtesten?

Am häufigsten verabreden sich unsere Mitglieder zum Essen und Trinken, die Events nennen sie dann etwa „Was­serlichtspiele mit Picknick“. Aber auch Partys und Tanz­-Events im Landhaus Walter sind sehr beliebt. Wer es lie­ber etwas ruhiger mag, trifft sich zum Feierabend­-Bowling oder Minigolfen.

Am Wochenende werden dann gemeinsam Wanderungen und Ausflüge unternommen, z. B. Stadtführungen, Stand­-Up­-Paddling oder Radtouren.

 

„Sie kommen für Dates und bleiben für Freundschaften“

 

Die Event-Option habt ihr anderen Dating-Portalen voraus. Deshalb überrascht es, dass die Hamburger Singles eben diese Funktion zunächst gar nicht wahrnehmen wollten.

Ja, das hat mich auch ver­wundert. Was wir aber bemerkt haben, ist dass sich Leute fürs Dating anmelden, sich erst mal nicht trauen, alleine auf ein Event zu gehen, und dann, mit der Zeit, ergibt es sich doch noch etwas. Und die Events sind am Ende einer der Gründe, warum User bei uns bleiben. Sie kommen also für Dates und bleiben für Freundschaften.

Gibt es eigentlich einen typischen Hamburger-Singles-User, was Alter und Eigenschaften betrifft?

Nein. Bei uns sind alle Altersklassen vertreten. Allerdings werden die Events eher von den älteren Usern genutzt, also den Über­-40-­Jährigen, und von den jüngeren bisher fast gar nicht. Wir fänden es sehr schön, wenn sich das noch ändert.

Was ihr den Usern versprecht, sind „spannende Augenblicke und knisternde Momente“. Eine kürzlich von euch durchgeführte Umfrage unter 200 Usern hat ergeben, dass sich 76 Prozent durch hamburgersingles.de die große Liebe erhoffen. Von welchen Erfolgen wisst ihr?

Bei uns gibt es die Rubrik Liebesgeschichten. Wenn sich ein Paar, das sich bei uns gefunden hat, gemeinsam abmeldet, hat es die Möglichkeit, dort seine Geschichte zu erzählen, auch Fotos zu posten – und davon gibt es sehr viele.

Auch Hochzeitsfotos?

Auf der Seite noch nicht, aber wir wissen von einigen Hochzeiten. Einmal stand auch schon ein Pärchen bei uns vor der Bürotür – mit einem Präsentkorb und einem Baby im Arm. Die beiden wollten uns einfach mal sagen, wie happy sie sind. Erlebt man auch nicht alle Tage.

Auffällig bei den Umfragewerten: Den eigenen Marktwert testen wollen weniger als zehn Prozent der Befragten, Sex beim ersten Date wünschen sich nicht mal fünf Prozent. Welche Schlüsse zieht ihr daraus?

Ich erkläre mir die Werte dadurch, dass sich User auf das Wesentliche konzentrieren wie Liebe, Gesundheit, Familie. Alles andere er­scheint ihnen einfach weniger wichtig.

Steigt eigentlich die Anzahl der User?

Sie steigt leicht. Natürlich erfahren immer mehr Hamburger von uns, aber es verlassen uns ja auch immer wieder welche, wenn sie einen Partner gefunden haben. Im Moment sind bei den Hamburger Singles ca. 20.000 User regelmäßig aktiv. Zum Vergleich: In München sind es rund 60.000, in Berlin 40.000.

 

„Alexa, finde einen Mann für mich“

 

Jetzt läuft es also gut für hamburgersingls.de, aber: Denkst du, dass in zehn Jahren Portale wie dieses noch relevant sein werden?

Ich denke schon, dass Online-­Dating dann noch wichtig sein wird. Allerdings weiß ich nicht, welche Endgeräte in Zukunft dafür genutzt werden. Vielleicht braucht man dann nur noch sagen: „Alexa, finde einen Mann für mich!“ Oder man ist schon so weit, dass man einfach fragen muss: „Was mache ich heute Abend?“ Auf jeden Fall wird sich Online­-Dating verändern.

Plant ihr auch schon Umbrüche?

Bei uns bleibt nichts, wie es ist, zu keinem Zeitpunkt. Wir sind zwar ein kleines Team, entwickeln die Seite aber ständig weiter. Wir bekommen ja auch oft Feedback von den Usern, was sie mögen und was nicht.

Was waren bisherige Kritikpunkte, nach denen ihr auch gehandelt habt?

Lange hatten wir keine Smiles­ oder Matches-­Funktion, also eine, die den Usern anzeigt, dass andere sie mögen. Der Wunsch danach kam vermehrt, deshalb haben wir das eingeführt, ebenso wie eine Blockieren­-Funktion. Kann ja mal sein, dass jemand nicht möchte, dass der Chef ihn oder sie über eine solche Plattform kontaktiert.

Und was ist mit Fake-Profilen? Wie intensiv kontrolliert ihr eure User? 

Wir kontrollieren jedes Profil, das neu angelegt wird. Alle User werden von Hand geprüft.

Was genau wird geprüft?

Ob Fotos und Texte okay sind. Auch schauen wir genau hin, wenn etwas Neues hochgeladen oder etwas textlich geändert wird. Es gibt schließlich viele Betrüger, die sperren wir sofort. Manchmal trifft es auch einen oder eine zu viel – aber das ist immer noch besser, als zu wenig. Wir wollen nicht, dass irgendjemand abgezockt wird. User sollen sicher bei uns sein.

Wie oft sperrt ihr denn User? Täglich?

Ja, schon. Wir sind da sehr streng – auch wenn jemand anfänglich nicht so viel von sich erzählen möchte. Wir weisen ihn oder sie dann freundlich darauf hin.

Hamburgersingles.de


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Sommerfestival auf Kampnagel: Kunst kennt keine Grenze

Als Chefdramaturg kam András Siebold 2007 aus Berlin nach Hamburg, seit 2013 leitet er das Internationale Sommerfestival, das am 7. August startet. Ein Gespräch darüber, was Besucher in diesem Jahr erwartet

Interview: Dagmar Ellen Fischer
Foto (o.): Anja Beutler

 

SZENE HAMBURG: Herr Siebold, 2019 wird das Festival um Aliens, Weltraum und eine Zukunft im Klimawandel kreisen, setzt ihr euch jedes Jahr ein Thema als Startposition, bevor die konkrete Planung losgeht?

András Siebold: Wir haben nie ein Festivalthema, Festival-Überthemen sollte man nicht trauen. Denn oft dienen sie nur dem Zweck, inhaltliches Denken der Festivalmacher vorzutäuschen, denen es sowieso immer gleich um alles in der Welt geht. Natürlich gibt es auch sorgfältig kuratierte Festivals zu spezifischen Themen wie künstliche Intelligenz, aber dafür ist das Sommerfestival zu groß und divers.

Wir würden uns extrem limitieren und müssten tolle Arbeiten ausschließen, wenn sie nicht passen. Viel spannender ist doch, mit guten Künstlerinnen und Künstlern zu arbeiten und deren Themen aufzugreifen und zu verbinden.

Wie kommt dann eine Produktion zur anderen, bis ein gut dreiwöchiges Programm steht?

Bricht Genre­ Grenzen für offenes Denken: Kurator András Siebold / Foto: Julia Steinigeweg

Sobald man sich für eine Arbeit entschieden hat, kommt ein Prozess in Gang – man sieht andere Stücke und betrachtet sie in Zusammenhang mit dem, was wir schon haben. Da entsteht dann so eine Aufmerksamkeits-Nervosität für bestimmte Themen, Formen und Ästhetiken.

Klingt recht organisch …

Es gibt zwei oder drei Produktionen, mit denen wir starten, weil sie sehenswert sind. Dieses Grundgerüst wird dann weiter gebaut, damit es hält und Sinn ergibt. In diesem Jahr hatten wir mit dem Journalisten Hannes Grassegger „3 Grad Plus“ entwickelt, eine Live-Reportage über den drohenden Kollaps unseres Planeten.

Da ging es um Dystopien, also die menschengemachte Hölle der Zukunft. Und weil Dystopien erst über Bilder begreifbar werden, haben wir dazu eine Filmreihe mit dem neuen Berlinale-Programmchef Mark Peranson entwickelt und außerdem Kris Verdoncks Stück „Something (Out of Nothing)“ eingeladen. Das ist eine Theaterüberwältigung über eine unbewohnbar werdende Erde.

Von da aus ist es nur ein kleiner Gedankenschritt zu anderen Planeten, wodurch wiederum andere Produktionen in das Festivalgerüst passten: Die Uraufführung des neuen Musicals von Socalled, der seine Puppen auf einen fiktiven Planeten reisen lässt, Kid Koalas Satelliten-Orchester Show oder unsere Kooperation mit dem Planetarium. So entstehen Schwerpunkte und Verbindungslinien.

 

„Ist es das wert?“

 

Auf welchen Wegen erfährst du von sehenswerten Stücken, zu denen du dann reist?

Alles eine Frage der Kommunikation, ich arbeite ja in einem Team, und wir reden mit vielen Menschen, mit Leitern anderer Festivals zum Beispiel, und sind mit Leuten in aller Welt in Kontakt.

Reisen, insbesondere mit dem Flugzeug, ist ja ein heikles Thema in diesem Zusammenhang, habt ihr alle Stücke gesehen, die eingeladen werden?

Klar, wir reisen viel. In Zeiten des Klimawandels ist die Frage tatsächlich: wie reisen und wohin? Ich bin schon mal für nur einen Tag nach Mexiko geflogen, um ein Stück zu sehen – das ist Wahnsinn, und aus ökologischer Sicht eine Katastrophe. Insofern fragen wir uns jeweils: Ist es das wert?

Wie entscheidest du solche Fragen?

Mit Überlegungen wie: Können wir ein Video anschauen? Läuft die Arbeit woanders in Europa, wo man mit dem Zug hinkommt? Oder kann man es verantworten, eine Produktion einzuladen, die man nicht live gesehen hat? Für das diesjährige Festival haben wir alles live vorab gesichtet – außer den Uraufführungen natürlich.

Wie viele sind es 2019?

Neun Weltpremieren. Das Besondere sind die drei großen Produktionen in der K6: jede Woche eine Uraufführung in der großen Kampnagel-Halle, das gab es noch nie!

Zur Eröffnung das französische Kollektiv (La)Horde mit 15 georgischen Tänzern in „Marry me in Bassiani“; in der zweiten Woche die legendäre Künstlerin Peaches, die ihr zwanzigjähriges Bühnenjubiläum bei uns feiert mit „There’s only one peach with the hole in the middle“; und schließlich zum Finale ein Werk der kanadischen Choreografin Aszure Barton, die zurzeit auf Kampnagel „Where there’s Form“ kreiert, in Zusammenarbeit mit dem deutschen Komponisten Volker Bertelmann – besser bekannt als Hauschka.

 

 

Peaches dürfte ein Selbstgänger werden, (La)Horde war schon erfolgreich auf Kampnagel zu sehen, nur Aszure Barton ist Vertrauenssache, oder?

Ja, aber sie ist wirklich sensationell und eine große Nummer auf dem internationalen Ballett-Parkett! Ihre Choreografien haben etwas sehr Elegantes, gleichzeitig zeugen sie von einem hohen Bewusstsein für zeitgenössische Stile; ihre Tänzer sind extrem gut ausgebildet, aber viel flexibler als klassische Ballettsoldaten.

Woher kommen deine Kenntnisse in sämtlichen Genres, oder besser: diese Nicht-Spezialisierung deines Interesses?

Das Festivalprogramm spiegelt mein Leben, ich habe in sehr unterschiedlichen Medien gearbeitet, mit Filmleuten, Autoren, Architekten, zwei Jahre in einer Galerie, davor mit Robert Wilson. Ich habe die Genres von Anfang an nicht getrennt – und ein bisschen Schuld ist auch Tom Stromberg …

… weil?

… ich bei ihm mein erstes Praktikum absolvierte, auf der Documenta X; dort gab es 1997 erstmals ein integriertes Theaterprogramm, das er als Kurator verantwortete, mit damals noch unbekannten Größen wie Gob Squad, Stefan Pucher und Meg Stuart. Das war ein tolles Umfeld: Ich habe eigentlich für das Theaterprogramm gearbeitet, das aber im Rahmen einer Bildenden-Kunst-Ausstellung stattfand.

 

„Die Kunst ist viel weiter als das Feuilleton“

 

Was motiviert dich im nunmehr siebten Jahr als Künstlerischer Leiter des Internationalen Sommerfestivals?

Menschen zu offenem Denken zu motivieren. Und eine Öffnung des Kunstbegriffs zu erreichen. Das Theater zehrt längst von der Bildenden Kunst und umgekehrt, aber geh’ mal auf eine Ausstellungseröffnung, da siehst du wenige aus der Theaterszene.

Über den Tellerrand zu schauen, sich zu öffnen für andere Einflüsse, hat immer etwas Bereicherndes. Alle Entwicklungen sind entstanden, indem Menschen ihre gewohnten Grenzen überschritten oder Einflüsse von außen bekommen haben. So ist es auch in der Kunst, diese Trennung von Sparten – hier der Tanz, da die Musik, hier das Theater, da die Performance …

… das interessiert dich nicht?

Die Kunst ist da viel weiter als die Institutionen oder das Feuilleton, die wenigsten Künstlerinnen und Künstler beschränken sich auf ein Medium. Bestes Beispiel: (La)Horde, die nicht nur die große Tanz-Eröffnungsproduktion machen, sondern in der Vorhalle nebenan auch eine Live-Art-Ausstellung.

Natürlich gibt es Künstler, die sich für ein Medium entscheiden, nicht jeder muss interdisziplinär arbeiten; wir bieten auch ein Konzert, das nur ein Konzert ist. Aber ich finde die Übergänge extrem interessant. Und das ist der Anspruch dieses Festivals – und auch mein Kunstbegriff: Sich durch die verschiedenen Medien zu bewegen, einen Parcours zu schaffen, in dem das Publikum sich durch unterschiedliche Genres, Stücke und Atmosphären bewegen kann.

Und es bewegt sich auch?

Ja, das funktioniert ganz gut, indem wir einen Ort schaffen, der eine große Offenheit hat, der einer Aufforderung gleichkommt, hier einzusteigen und sich treiben zu lassen. Das Publikum schaut sich Sachen an, die es sich sonst nicht angeschaut hätte und schätzt genau das sehr.

Gedanklich bist du schon im nächsten Jahr?

Dieses Festival ist jetzt perfekt. Ich bin wirklich zufrieden, es gibt nichts, was wir aus strategischen Gründen reingesetzt haben. Und ja, gleichzeitig denke ich: Oh Gott, was sollen wir nächstes Jahr zeigen?

Internationales Sommerfestival 2019: 7.-25.8., Kampnagel (Winterhude)


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Clubkombinat: Vereint für die Clubvielfalt der Stadt

Das Clubkombinat ist Hamburgs Interessenvertretung für Musikspielstätten und ihre Betreiber. Kürzlich wurde der Verein 15 Jahre alt. SZENE HAMBURG sprach mit Geschäftsführer Thore Debor über Lobbyarbeit, Meilensteine und Brachflächen der Clublandschaft

Interview: Ole Masch
Foto (o.): Clubkombinat

 

SZENE HAMBURG: Thore, am 6. Juli hattet ihr 15. Geburtstag. Wurde groß gefeiert?

Thore Debor: Wir sind zu diesem Anlass mit zwei Themen nach draußen gegangen: Die Veröffentlichung des Clubtüren-Posters, auf dem wir 81 Clubtüren vereinen und die Vielfalt der Clublandschaft zeigen. Und gleichzeitig mit einer Reportage auf unsere Website, die die Anfänge und Geschichte des Clubkombinats nachzeichnet. Im August gibt es dann unser Sommerfest, wo wir richtig die Korken knallen lassen.

Was macht ein Geschäftsführer im Clubkombinat? 

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Geschäftsführer Clubkombinat: Thore Debor / Foto: Peter Eichelmann

Er ist dafür eingesetzt die Beschlüsse des Vorstands umzusetzen. Meine erste Aufgabe war es einst, die Umzugskisten zu packen und sie von der Lerchenstraße in unsere jetzige Geschäftsstelle in der Kastanienallee zu verfrachten. Damals umfasste der Personalstamm eine Mitarbeiterin auf Minijob-Basis. Das konnte erst im Jahr 2012 mit der Ausschreibung dieser Stelle geändert werden.

Und seitdem bist du in dieser Position?

Ja, einer meiner ersten Jobs nach dem Studium der Kulturwissenschaften war der Aufbau des Klubsen in Hammerbrook. Damit war ich automatisch Mitglied im Clubkombinat.

Ein Fazit meiner Magisterarbeit war, dass es einen Bundesverband für die Vertretung von Live-Musik-Spielstätten geben müsste. Und dann wurde eine geteilte Stelle ausgeschrieben, die zum einen solch einen Bundesverband, die LiveKomm, mit aufbauen sollte und zum anderen die Geschäftsführung des Clubkombinats beinhaltete.

 

„Hamburg ist viel mehr als Musicals oder Staatsoper“

 

Warum wurde einige Jahre vorher das Clubkombinat gegründet?

Der Druck, der damals von außen auf die Clubs einwirkte, war so groß, dass man dagegen besser als Gemeinschaft vorgehen wollte. Ein Thema war die Plakatierung für Veranstaltungen. Vieles deckt sich mit den Problemen von heute. Zum Beispiel Lärmbeschwerden oder die Stellplatzabgabe.

Außerdem mangelte es damals aus Künstlerperspektive an Auftrittsorten. Um diese dicken Bretter zu bohren, braucht man mehrere Bohrer.

Welche Dinge konntet ihr als junger Verband erreichen?

Zum Beispiel das monatliche Clubplakat. Viele konnten sich Werbung allein nicht mehr leisten. Bei einem Plakat mit Programm von bis zu 40 Clubs, bekommen auch die Kleineren eine Chance sich zu präsentieren. Dieser Evergreen ist nach wie vor ausgebucht, weil es wichtig ist zu zeigen, dass die Musikstadt Hamburg viel mehr als Musicals oder Staatsoper ist. Auch als politisches Statement.

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Die Clubtüren unserer Stadt / Foto: Clubkombinat

Wie seid ihr vernetzt?

Über die schon erwähnte Gründung des Bundesverband und darüber hinaus über den europäischen Verband Live DMA. Die Mitglieder aus 15 Ländern setzen sich gerade damit auseinander, dass die WHO in ihren neuen Richtlinien für Europa, Konzert- und Clublärm genauso gesundheitsgefährdend einstuft wie Motor- und Straßenlärm. Sie empfiehlt daher nur zwei Konzerte im Jahr zu besuchen. Aus unserer Sicht ist die Vernetzung gerade jetzt so wichtig, weil wir schon einwirken können, bevor sich solche Empfehlungen in der Gesetzgebung niederschlagen.

Das Bretterbohren bleibt also?

Ja, neben der Vernetzung der Szene ist es Kern des Verbandes, die Rahmenbedingungen für Live-Musik in Hamburg zu verbessern.

Vor ein paar Jahren habt ihr die Clubstiftung gegründet. Welchem Zweck dient sie?

Dies geschah in Zusammenarbeit mit der Stadt. Sie ist als gemeinnützig anerkannt und hat trotzdem den Fokus, eine Stiftung zur Stärkung privater Musikbühnen zu sein. Das war juristisch gar nicht so einfach darzulegen, dass wir damit kein wirtschaftliches, sondern ein kulturelles Interesse verfolgen.

Wie finanziert sie sich?

Zum einen aus unserem Ticketing FairTix. Über 40 Veranstalter machen dort mit und im letzten Jahr wurden so 56.000 Tickets verkauft, von denen jeweils ein Euro in die Stiftung fließt. Und dann gibt es den ein oder anderen Mäzen, der gern im Hintergrund bleiben möchte, aber sagt, dass Musik sein Leben geprägt hat und er gerne etwas zurückgeben möchte. Das können natürlich gerne noch mehr werden (grinst).

Wen fördert die Stiftung konkret?

Wir haben zum Beispiel damals den Wiederaufau des Golden Pudel Club unterstützen können. Spenden, zu denen er selber aufgerufen hat, konnten dann über die Clubstiftung zweckgebunden und steuervergünstigt eingesammelt werden.

 

Kulturraum braucht Schutz

 

Womit befasst ihr euch heute?

Zum Beispiel, dass Clubs künftig in der Baunutzungsverordnung nicht mehr als Vergnügungsstätten eingeordnet werden, sondern als Anlagen kultureller Zwecke.

Vergnügungsstätten sind nach allgemeiner Lesart Orte, die schadhafte Auswirkung auf die Stadtentwicklung haben. Damit stehen wir auf einer Stufe mit Wettbüros, Spielhallen und Sexshops. Wir wollen damit einen sogenannten Kulturraumschutz einleiten.

Mit welchem Ziel?

Es geht letztlich immer um die Frage, was unsere Städte lebenswert macht. Die Programme der Clubs machen eine Stadt attraktiv. Deswegen ziehen hier junge Leute hin und eine Stadt profitiert davon sehr reichhaltig.

Mit zunehmenden Luxussanierungen kommt aber auch ein anderes Klientel. Die lesen über die Wohnung im Szeneviertel und haben die Besichtigung Montagvormittag. Natürlich haben sie das gesetzlich verbriefte Recht die Dorfruhe einzuklagen, man fragt sich aber, ob sie wirklich nicht wissen, dass es Samstagabend mal lauter wird. Wir sind da als Sprachrohr der Clubs gesprächsbereit, aber würden uns wünschen, dass es manche Anwohner auch ein wenig häufiger wären.

Die Stadt müsste ein Interesse daran haben, dass beide Seiten miteinander leben können.

Das hat sie. Nicht zuletzt durch unser Einwirken, wurden dafür von der Stadt zum Beispiel Mittel aus dem Sanierungsfonds verwendet, um private Musikclubs im Sinne des Lärmschutz abzudichten. Das konnten wir bei etwa neun Clubs bereits machen.

Wo konkret?

Zum Beispiel bei der Prinzenbar. Es wurde eine Lüftungs- und Klimaanlage installiert, die dazu führt, dass es während des Clubbetriebs, nicht mehr so heiß wird und die Leute zum Rauchen und Abkühlen nach draußen müssen. Dafür gilt ein Dank in Richtung Bürgerschaft.

Das klingt erst mal sehr positiv …

Ja. Früher wurden Clubbesitzer häufig so behandelt, als seien sie Luden und die unterste Schublade an Gewerbetreibenden. Da hat sich viel gewandelt. Man hat begriffen, dass die Arbeit unserer Mitglieder einen Wert für die Stadt hat. Und natürlich sind mittlerweile in der Politik auch Menschen unterwegs, die durch die Clubszene sozialisiert wurden.

Wenn man auf Hamburg guckt, sind zwei der spannendsten Clubprojekte wie Moloch und Südpol, mit befördert durch die Kreativgesellschaft. Das ist eine städtische Einrichtung, die solche Freiräume ermöglicht. Das zeigt aber auch, dass die Trüffelschweine von früher, die es alleine geschafft haben solche Orte zu finden, es nicht mehr sehr leicht haben.

Die Stadt übernimmt ein Stück weit diese Aufgabe, um große Player wie die Deutsche Bahn oder die HafenCity GmbH davon zu überzeugen, dass dort Clubs nicht weh tun.

 

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Kein Molotow in Sicht: Blick aus dem Clubkombinat auf das ehemalige Esso-Gelände / Foto: Ole Masch

 

Um sich damit zu schmücken?

Wenn man es ermöglicht, darf man sich auch damit schmücken. Die beiden erwähnten Clubs sind ein positives Beispiel, dass man in Hamburg Menschen an Orte bewegen kann, die sonst fürs Nachtleben weniger bekannt sind.

Gibt es zurzeit überhaupt das häufig zitierte Clubsterben?

Wir wären die Ersten, die den Begriff offiziell in den Mund nehmen. Im Moment geht es aber weniger darum, dass Orte wegsterben und keine neuen Musikspielstätten entstehen, sondern darum, was in den Orten passiert. Also qualitativ an Programm.

Durch höhere Gewerbemieten und Auflagen wird alles teurer und wirkt sich negativ auf die gestalterische kreative Freiheit aus. Wir befürchten, die Vielfalt an musikalischem Programm könnte dadurch in Zukunft schwerer gewährleistet werden.

Hamburg hat bundesweit auf die Einwohnerzahl gemessen die höchste Konzertanzahl und Clubdichte und diesen Platz zu halten ist eine anspruchsvolle Aufgabe.

Mit der Kogge ist gerade ein Ort gestorben. Eigentlich wollte sie auf das ehemalige Esso-Gelände ziehen. Stattdessen nur Brachfläche. Wie steht das Clubkombinat zu den Entwicklungen rund um das geplante Paloma-Viertel?

Durch Verzögerungen die hier entstanden sind, ist die Kogge jetzt wohl fatalerweise nicht mehr zu retten. Allerdings wurde seitens der Stadt gegenüber der Bayerischen Hausbau scheinbar nicht konsequent zu Ende verhandelt. Die freut sich, weil sie sich ungebunden durch den städtebaulichen Vertrag frei jemanden aussuchen können. Ob das Molotow dort wieder einziehen kann ist ähnlich fraglich.

Durch gesteigerte Auflagen in Kellerclubs muss man breitere Treppen als Fluchtwege bauen. Dafür will eine Bayerische Hausbau die entsprechende Miete haben. Das kann ein Molotow sich aber kaum leisten.

Was wäre die Lösung?

Dass die Bayerische Hausbau zu ihren Ursprungsaussagen steht und die alten Mieter dort wieder eine Heimat finden. Sie hat sich ja im Prinzip dazu verpflichtet, ein solches Angebot zu machen.

Durch teure Wohnungen auf dem Dach könnten die Clubs im Keller quer subventioniert werden. Wenn sie dazu nicht bereit ist, wird es kaum ein Molotow im Paloma-Viertel geben. Das wäre sehr unerfreulich, denn das Molotow gehört ursprünglich dorthin.

Clubkombinat.de


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburger des Monats – Nadine und Alessandro

Nadine Herbrich und Alessandro Cocco haben mit „recyclehero“ ein soziales Start-up gegründet. Die Idee: mit einem Lastenrad-Abholservice Langzeitarbeitslosen und Geflüchteten Arbeit zu verschaffen – und Haushalten die lästige Entsorgung von Altglas und Altpapier abzunehmen

Interview: Ulrich Thiele
Foto: Jakob Börner

 

SZENE HAMBURG: Nadine und Alessandro, ein Abholdienst für Altglas und Altpapier – auf die Idee seid ihr bestimmt gekommen, weil sich dieses bei euch selbst stapelt, oder?

Nadine: Absolut, es fing mit einer klassischen WG-Situation an: Viele Menschen, die gerne mal eine Party feiern und danach stapeln sich die leeren Flaschen auf dem Balkon. Irgendwann kommt immer die Frage auf, wer das mal endlich wegbringt. Alessandro sagte dann, es müsste einen Abholdienst dafür geben. Diese Idee haben wir dann mit dem sozialen Gedanken verbunden.

Wieso diese Verknüpfung?

Nadine: Uns war schon immer klar, wenn wir irgendwann mal ein eigenes Projekt starten, dann soll es nicht rein profitgetrieben sein.

Alessandro: Es ist ein gesellschaftlich brisantes Thema, dass viele Menschen – Langzeitarbeitslose und Geflüchtete etwa – keine richtige Eintrittsmöglichkeit in den Arbeitsmarkt haben. Eine, die auch Menschen mit geringen deutschen Sprachkenntnissen oder ohne Führerschein eingliedert.

Wie funktioniert das Ganze?

Alessandro: Sobald wir unser Konzept auf Privatkunden ausweiten, stellen wir ihnen eine Kiste zur Verfügung. Über das Kontaktformular kann die Adresse eingegeben werden und wir geben Bescheid, wann wir den Inhalt entsorgen. Man muss dafür nicht zu Hause sein, sondern kann die Kiste einfach vor die Wohnungstür stellen. Die Kiste wird dann von unserem Hero, wie wir unsere Mitarbeiter nennen, geleert und wieder zurückgestellt. Wir kommen entweder im regelmäßigen Rhythmus oder auf Abruf. Wir lassen auch gerade eine App entwickeln, die voraussichtlich im August fertig sein wird. Über die App können dann die Bestellungen aufgenommen werden.

Was kostet das?

Alessandro: Wir bieten die Abholung für 7,90 Euro pro Kiste an. Für Privathaushalte wollen wir in Zukunft noch kleinere Kisten für 4,90 Euro einrichten. Die Abholung verläuft bargeldlos, die Bezahlung wird über Rechnung abgewickelt. Die Kunden können auch ihre Pfandflaschen in die Kiste legen, als Trinkgeld für unsere Heroes. Heute hat unser Hero Mohammed ein Franzbrötchen und Pfandflaschen als Trinkgeld bekommen.

 

„Die Heroes sollen nicht ewig bei uns arbeiten“

 

Wie viele Heroes arbeiten bei euch?

Alessandro: Zwei. Bis Jahresende wollen wir acht bis zehn Mitarbeiter einstellen, wenn wir mehr Lastenräder haben. Wir besitzen momentan nur ein Lastenrad, haben aber gerade zwei weitere bestellt, nachdem wir bei einer Crowdfunding-Kampagne über 24.000 Euro eingesammelt haben. Ein Lastenrad kostet 6.000 Euro – und ist übrigens klimaneutral, was uns sehr wichtig ist.

Ihr seht diesen Job als Eintritt in die Arbeitswelt. Geht es dann weiter?

Nadine: Wir wollen ein Sprungbrett sein, die Heroes sollen nicht ewig bei uns arbeiten. In Zukunft wollen wir Veranstaltungen organisieren, auf denen unsere Kunden und unsere Mitarbeiter sich beispielsweise zwanglos bei einem Abendessen kennenlernen können.

Alessandro: Der Gedanke dahinter ist, dass unser Kunde zum Beispiel erfährt, warum Mohammed geflüchtet ist, dass er vorher in Syrien Schreiner war und was er in Zukunft gerne machen möchte. Die Idealvorstellung ist, dass der Kunde eventuell einen Onkel hat, der gerade für seine Schreinerei Arbeitskräfte braucht und bei dem er mal zur Probe arbeiten kann. Der Wunschgedanke ist, dass sie auf ihren Touren jemanden kennenlernen, der sie in ihren Wunschberuf vermittelt.

Nadine: Für solche Veranstaltungen ist es aber noch zu früh. Das machen wir, wenn wir mehr Kunden und Heroes haben. Wir befinden uns derzeit noch in der erweiterten Pilotphase.

Wie lief die noch nicht erweiterte Pilotphase?

Nadine: Vor zwei Jahren haben wir beide unsere damaligen Jobs gekündigt. Ich war in der Bau- und Immobilienwirtschaft, Alessandro bei einer Privatbank. Wir brauchten eine Veränderung und wollten sieben Monate auf Reisen gehen. Allerdings trugen wir auch da schon die Idee für unser Social Start-up lose mit uns herum. Eines Tages fand im betahaus die Veranstaltung „Social Innovation Challenge“ vom Social Impact Lab Hamburg statt. Wir sind mit unserer noch rohen Idee dahin marschiert und haben neben fünf anderen Projekten, die schon viel weiter waren, unser Konzept vorgestellt. Man konnte ein Wochenende lang in einem Workshop das Konzept weiterentwickeln.

Dort haben wir auch entschieden, unser Angebot nicht ausschließlich auf obdachlose Menschen zu fokussieren – das war unser ursprünglicher Plan – sondern auch Geflüchtete und Langzeitarbeitslose miteinzubeziehen. Am Sonntag gab es dann einen Pitch, den wir tatsächlich gewonnen haben. Das war für uns der Beweis, dass wir an der Idee dranbleiben müssen.

Und habt eure Pläne für die Reise direkt über Bord geworfen?

Nadine: Nein, die Reise mit dem Camper haben wir trotzdem gemacht. Aber währenddessen weiter an unserer Idee gefeilt und in jedem Land, das wir besucht haben, Menschen von anderen sozialen Unternehmen getroffen, um von ihnen zu lernen. Als wir wieder zurückkamen, haben wir uns erst einmal wieder Jobs gesucht. Alessandro arbeitet derzeit noch, weil unser Projekt noch nicht rentabel ist, ich habe meinen Job gekündigt und konzentriere mich ganz auf recyclehero.

Wie habt ihr eure Heroes kennengelernt?

Alessandro: Neben dem direkten Kontakt zu Flüchtlingsunterkünften oder dem Schalten von Job-Inseraten, haben wir uns unter anderem letztes Jahr beim „Forum Flüchtlingshilfe“ auf Kampnagel mit unserem Lastenrad hingestellt und Menschen aus Eritrea und Nigeria angesprochen, ob sie eine Testfahrt machen wollen, um in Kontakt zu kommen. Wir haben uns mit Händen und Füßen verständigt und mit einem Interessenten sogar ein Kennlerngespräch vereinbart. Leider ist er aber nicht aufgetaucht.

 

„Wir haben in einem goldenen Käfig gelebt“

 

Kommen solche Fälle oft vor?

Nadine: Gerade heute morgen kam ein potenzieller Hero ein paar Stunden zu spät zum Probearbeiten, weil er den vereinbarten Zeitpunkt falsch verstanden hat – als er kam, hat er aber seinen Job super gemacht. Es geht uns generell darum, den Leuten keine Angst zu machen, sondern sie freundschaftlich zu unterstützen und zu zeigen: Wir meinen es nicht schlecht mit dir, wir sind zwar deine Arbeitgeber, aber wir sind auch Freunde oder Mentoren, die dir helfen wollen besser in der deutschen Gesellschaft und im deutschen Arbeitsmarkt zurechtzukommen.

Alessandro: Aber natürlich sind wir auch ein Unternehmen, ein sogenanntes Social Start-up, das davon abhängig ist, dass die Kunden einem wohlgesonnen sind. Deswegen müssen wir auf Pünktlichkeit und Verlässlichkeit bestehen. Vor allem die Restaurants, die wir bedienen, wissen um den sozialen Faktor, doch wenn sie wiederholt auf ihrem Altglas sitzen bleiben, verlieren sie natürlich die Geduld.

Wie ist es eigentlich, eine gesicherte Existenz aufzugeben?

Nadine: Für mich war die komfortable Situation mit gutem Einkommen schon ganz in Ordnung. Aber ich habe mir schon immer die Frage gestellt, ob mich das erfüllt. Ich habe dann irgendwann erkannt, dass ich nicht viel brauche und das, was ich wirklich brauche, meist keine Dinge sind. Alessandro und ich leben immer noch in einer WG, seit unserer Reise haben wir einen Hund, Viko, den wir in Griechenland adoptiert haben – die beiden und zu sehen, welchen Mehrwert unser Projekt recyclehero stiften kann, macht mich glücklich.

Alessandro: Ich habe auch jahrelang in einem goldenen Käfig gelebt. Für viele ist ja auch dieses abgesicherte Leben toll und richtig und sie mögen, dass alles planbar ist und es selten böse Überraschungen gibt. Ich will aber auch die bösen Überraschungen erleben und diese Ungewissheit wie es weiter geht wieder spüren. Das hält mich am Leben. Und auch der soziale Gedanke, einen gesellschaftlichen Mehrwert zu leisten, ist für mich erfüllender als die Arbeit in der Bank.

Recyclehero.de


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Top 10 – Hamburgs schönste Dachterrassen

Hamburg kann sich auch von oben sehen lassen: Zahlreiche Rooftop Bars und Aussichts-Terrassen locken auf die Dächer der Stadt und garantieren sommerliche Feierabende

Foto (o.): Campari Lounge – The George Hotel

Sortierung alphabetisch und nicht nach Platzierung – zuletzt aktualisiert 8/2019

 

Blockbräu

2012 hat sich am Hafen etwas angebraut – ein Biergarten auf Hanseatisch. Pro Woche produzieren die hauseigenen Braumeister an der mehr als 4000 feingehopftes naturtrübes Blockbräu und saisonale Biere, die bis zum Ausschank vor Ort in Edelstahltanks reifen. Es gibt vier Ausschanktanks à 2000 Liter im Erdgeschoss des Gastraums sowie sieben Gär- und Lagertanks à 4000 Liter. Genossen wird auf der Panoramaterrasse, die circa 300 Sonnenplätze mit Blick auf den Hafen bietet.

Feste feiern kann das Blockbräu auch: So ist das Oktoberfest Ende September und dessen Festbieranstrich immer ein Spektakel. Zur frisch gezapften Maß gibt’s Fleisch- und Wurstspezialitäten, knuspriges Brot und Brezeln.

Blockbräu: Bei den St. Pauli-Landungsbrücken 3 (St. Pauli)

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Foto: Blockbräu


Campari Lounge im The George

Ein altbekanntes Spiel: Kaum zeigt sich die Sonne, pilgern wir Hamburger ans Wasser, vorzugsweise an die Alster oder Elbe. Für alle, denen der See näher ist als der Fluss, haben wir hier einen Geheimtipp: die Campari Lounge auf dem Dach des Hotels The George in der Langen Reihe (Foto oben). Sie ist ein ruhiger Platz, sollte man den Massen auf der Wiese entkommen sollen. Rechtzeitiges Kommen ist empfehlenswert, um mit einem Sundowner in der Hand und Loungemusik im Hintergrund den Sonnenuntergang genießen zu können – und dazu leuchtet die Alster in allen Blautönen der Welt.

Es gibt hier natürlich nicht nur Campari, sondern auch prickelnden Stoff wie den Champagnercocktail „Jean Reno“ mit Minze und Orangenzeste. Dazu gibt es Dolce-Vita-Snacks, die zum italienischen Lebensgefühl passen. Achtung: Dieser Platz öffnet nur bei Sonnenschein. Auf der Website kann man die aktuellen Öffnungszeiten verfolgen.

Campari Loung – The George: Barcastraße 3 (St. Georg)


Clouds Heaven’s Nest

Mit 235 Quadratmetern verglaster Dachterrasse trohnt das Clouds Heaven’s Nest auf der 22. Etage der Tanzenden Türme. Der Panoramablick der zweithöchsten Rooftop Bar Hamburgs reicht südlich weit über Elbe, Hamburger Hafen, Spielbudenplatz, Reeperbahn und den Michel. Die gemütlichen Daybeds mit Aussicht sind ideal für kleinere Gruppen und private Anlässe und bieten einen exklusiven Rückzugsort vom Bartrubel – für Privatsphäre sorgen außerdem leichte Vorhänge und die Lage im durchgangsberuhigten hinteren Teil der Ostseite.

Veranstaltungen für Kleingruppen unter freiem Himmel gibt es auch, wie zum Beispiel das Gin- oder American-Whiskey-Tasting.

Clouds Heaven’s Nest: Reeperbahn 1 (St. Pauli)

Clouds-Heavens-Nest


Dachterrasse im 25hours Hotel

Eine Bar gibt’s hier zwar leider nicht, dafür aber Sonnenliegen, quietschbunte Sonnenschirme und natürlich einen tollen Ausblick über Altona. Wer trotzdem Lust auf Aperitivo schlürfen hat, der bestellt seinen Drink (oder wahlweise leckere Burger aus dem hauseigenen Restaurant Burger de Ville) im Hotelrestaurant und nimmt ihn mit nach oben.

Bis Ende August finden außerdem jeden Mittwoch Afterwork-Parties mit Livemusik statt. Die Band Tripod bringt das ganze Hotel mit Drums, Gitarre, Bass und Gesang zum Beben.

25hours Hotel Number One: Paul-Dessau-Strasse 2 (Bahrenfeld)


Dachterrasse SIDE Hotel

Ein echter Partytipp: Auf der Dachterrasse des SIDE Hotels steigen jeden zweiten Donnerstag für Hamburger und Gäste die Barbecue-Abende „meat49“ des hauseigenen Restaurants (m)eatery – mit fein Gebrutzeltem, Drinks und fetten Beats der DJs Markus Gardeweg und Tom Shark von Kontor Records. Auf 400 Quadratmetern wird geschnackt und getanzt, bis die Sonne irgendwann hinter den Hochhäusern versinkt.

Das nahende Wochenende feiert man hier im urbanem Lounge-Flair: 2018 wurde die Dachterrasse mit Teakmöbeln, Palmen und Strandgras neu gestaltet.

SIDE Hotel: Drehbahn 49 (Neustadt)

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Foto: Side Design Hotel Hamburg


Hard Rock Café

Von 12 Uhr mittags bis 1 Uhr nachts hat man hier aus touristischer Perspektive wohl die beste Aussicht auf Hamburg: Hafenpanorama, die zwei Musicaltheater auf Steinwerder, Elbphilharmonie – alles im Blickfeld auf der großen Dachterrasse des Hardrock Cafés.

Aber auch als Hamburger lohnt sich ein Besuch. Erstens ist die Cocktailauswahl wirklich beeindruckend groß und außerdem macht es von Zeit zu Zeit auch Spaß, sich ins Landungsbrücken-Touri-Getümmel zu werfen (zu dem hier in luftiger Höhe übrigens ein angenehmer Abstand besteht), Leute zu beobachten und sich zu freuen, diese schöne Stadt Zuhause nennen zu dürfen.

Hard Rock Café: Brücke 5, Bei den St. Pauli-Landungsbrücken (St. Pauli)


Heritage Bar im Le Méridien

Wer hat den schönsten Blick über die Alster? Da könnte man sich streiten. Der neueste Anwärter auf Rang 1 ist die frisch eröffnete Heritage Bar. Hier schmecken Aperitif und Absacker vor oder nach dem Dinner im gleichnamigen Restaurant besonders gut. Pünktlich zum Sommer knallen auf dem Dach des Designhotels Le Méridien Hamburg unter freiem Himmel die ersten Korken.

Ein Besuch lohnt sich aber natürlich auch bei Schietwetter. Im Innenbereich ist der der freie Blick aufs Wasser durch die Panoramafensterfront nämlich genauso grandios. Auf zwei Ebenen können Gäste bei erstklassigen Drinks und Sushi und Sashimi von GO by Steffen Henssler den Blick von St. Georg bis nach Barmbek schweifen lassen. Tipp: Jeden ersten Donnerstag im Monat steigt ein Afterwork-Event mit entspannten Beats vom DJ.

Heritage Bar – Le Méridien: An der Alster 52 (St. Georg)

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Skyline Bar 20up

Das 20up, das – wie der Name vermuten lässt – im 20. Stock des Empire Riverside Hotel liegt, befindet sich direkt hinter den Landungsbrücken. Damit ist ein unverbauter Blick auf den Hafen und noch etwas weiter die Elbe hinauf in Richtung Övelgönne garantiert. Nachts, wenn der Hamburger Himmel schwarz wird, sieht man genau dort viele kleine gelbe Lichter – den Containerhafen, weiter links die Reeperbahn, die aussieht wie eine bunte Spielzeugstraße. Und in die Ferne schauend zeigt sich die Weite der leuchtenden Stadt.

Als Hamburger kommt man am besten unter der Woche, denn am Wochenende ist es hier rappelvoll, Sitzplätze sind ab 23 Uhr rar wie ein Parkplatz in der City. Unbedingt probieren:

20up – Empire Riverside Hotel: Bernhard-Nocht-Straße 97 (St. Pauli)

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Foto: Stefan Karstens


Strandhaus Norderstedt

Dass der Urlaub um die Ecke liegt beweist das Strandhaus Norderstedt an über 300 Tagen im Jahr. Sei es 90er Party, Wine Tasting oder Standhaus Unplugged – hier gibt es immer etwas zu sehen, zu schmecken und zu hören.

Direkt am Stadtparksee gelegen ist das stattliche Gebäude nicht zu übersehen. Das Standhaus mit der verglasten Front liegt nur fünf Minuten hinter den Grenzen Hamburgs. Sonntags versammeln sich Gäste auf der imposanten Dachterrasse zum Barbecue mit Live-Musik. Außerdem gibt es jeden Donnerstag Afterwork-Veranstaltungen, morgendliches Strand-Yoga und regelmäßige Lesungen. Romantiker finden hier besonders abends bei Sonnenuntergang ein atmosphärisches Plätzchen am Sandstrand.

Strandhaus Norderstedt: An der Alster 52 (St. Georg)


Top Seven im Grand Elysée

„Ich wollte von meinem Elysée aus unbedingt über die Stadt blicken können, das war schon lange ein Herzenswunsch von mir – und ich wollte das auch unseren Gästen ermöglichen.“ Eugen Block stieg deshalb kurzerhand aufs Dach seines 5-Sterne-Hotels, um den schönsten Hamburg-Blick zu finden. Genau dort feierte die neue Bar Top Seven Nach 7-monatigen Bauarbeiten am 22. Mai Eröffnung.

Der Alsterblick, den viele Hamburger Rooftop-Gastronomien zu bieten haben, bekommen Besucher hier nicht. Die Bäume des Ernst-Cassirer-Parks versperren die Sicht ins Blaue. Das Grün, aus dem Kirchtürme, Elbphilharmonie, Planetarium und Fernsehturm ragen, bietet aber ein genauso imposantes Panorama.

Top Seven – Grand Elysée: Rothenbaumchaussee 10 (Rotherbaum)

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HAW Hamburg: Ein Rennen um die Zukunft

Ein Ortsbesuch an der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften, die ihre Studierenden auf alle denkbaren Karriereszenarien vorbereiten will

Text und Fotos: Erik Brandt-Höge

 

Ist das einer von den Transformern? Ein haushoher Rechner? Eine XXL-Kunstinstallation? Fest steht: Wer vor dem Hauptgebäude der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg am Berliner Tor steht, einem mattglänzenden architektonischen Mix aus Pyramide, Säule und L-förmigem Etwas, der merkt schnell: Das hier ist keine normale Ausbildungsstätte – das hier ist ein Ort der Zukunft.

 

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Industriechic im Eingangsbereich des HAW-Hauptgebäudes

 

Während andere Hochschulen auf jahrhundertealte Häuser setzen, auf akademische Geschichte in jedem Stein und jeder Fliese, fokussiert sich die HAW schon in ihrer Außendarstellung aufs Hier, Jetzt und Bald.

Und drinnen geht es weiter: Viel Licht fällt in den durchweg verglasten Eingangsbereich, in dem ein Bistro Studierende mit Kaffee und Snacks versorgt. Über eine industrieschicke Metalltreppe, auf der sich die an Wänden und Decken angebrachten Lichtwürfel spiegeln, geht es im Zickzack hoch in die Seminar- und Vorlesungsräume.

Medien, Medizin, Design, Technik, Umwelt, Wirtschaft, Soziales: Aktuell machen sich hier rund 17.000 Studierende in 38 Bachelor- und 37 Masterstudiengängen startklar für anstehende Karrieren.

 

In Führung gegangen

 

„Ingenieure kommen vom Berliner Tor“, zitiert die HAW bis heute einen Leitspruch der Anfangstage auf der Hochschul-Homepage. Was damals gelten sollte, ist heute Selbstverständlichkeit. Längst mit mehreren Fakultäten über ganz Hamburg verteilt, ist die HAW Norddeutschlands führende Hochschule in Sachen reflektierter Praxis geworden.

Allein 1.800 junge Frauen und Männer belegen derzeit Lehreinheiten in Fahrzeugtechnik und Flugzeugbau, arbeiten nebenher als Werkstudenten in Großunternehmen à la Airbus und sind an HAW-Projekten wie dem HAWKS Racing Team beteiligt, dem größten interdisziplinären Projekt der HAW.

 

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Fertig für die Wettbewerbe: Werke des HAWKS Racing Teams

 

Die Mitglieder, aktuell 60 Studierende aus nahezu allen HAW-Fachbereichen, wollen schlichtweg noch höher, schneller und weiter hinaus, als eh schon im Studium – und zwar mit einem eigenen Rennwagen. 2004 entstand der erste HAWKS-Bolide „Lady“. Jetzt baut das HAWKS-Team sein 15. Fahrzeug: „Vera“, mit eigenem V2-Motor-Konzept.

 

Chancen statt Credits

 

Die Aufstellung der Hochschul-Racer liest sich wie die eines Profi-Rennstalls: Es gibt einen Captain, einen Controller, Leiter für Bereiche wie Motor und Antrieb, Fahrwerk und Elektronik. Sogar eine eigene Marketingabteilung ist aktiv. Technischer Leiter der Boliden-Bauer ist momentan Philip Lohde, 21, sechstes Semester Flugzeugbau.

Sein Studienalltag ist eng getaktet. Mechanik, Mathematik, Thermodynamik und Elektrotechnik stehen auf seinem Stundenplan, und auch Philip ist nebenher Werkstudent. Für sein zeitintensives HAWKS-Engagement bekommt er keine Extra-Credits, dafür die Chance, mit dem gerade fertig gestellten neuen Fahrzeug durch Europa zu reisen.

Ungarn, Österreich, der heimische Hockenheimring – die drei Meter lange, anderthalb Meter breite und 207 Kilogramm schwere „Vera“ wird in diesem Sommer auf Wettbewerbe geschickt. Wird sie präsentiert, wird es auch die HAW.

Für die Hochschule und ihre internationalen Ansprüche in Sachen Ingenieurswesen keine schlechte Eigenwerbung. „Ich bin zwar ein kleines bisschen hinter meiner Regelstudienzeit“, sagt Philip, „aber das ist okay, wenn man bedenkt, dass ich bei den HAWKS nahezu eine Vollzeitstelle und auch noch meine Werkstudentenarbeit habe.“

 

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Philip Lohde, technischer Leiter, ist zufrieden mit dem neuen Boliden

 

Wenn er mit dem Bachelorstudium fertig ist, so seine Überlegung, könne ein Umzug in den Süden Deutschlands anstehen, wo viele Ingenieure sich nach ihrem Studium einem der zahlreichen Automobil- und Luftfahrtunternehmen anschließen.

Dass er allein durch seine HAW-Vita, gute Chancen auf einen Topjob hat, scheint Philip klar zu sein, wenn er sagt: „Ich habe mich noch nicht festgelegt, in welchem Unternehmen ich arbeiten möchte.“ Ist eben so: Der Transformer (oder Rechner, oder Kunstaufsteller) vom Berliner Tor wappnet Studierende für die Jahre nach der Hochschule. Wie genau diese aussehen, können sich Absolventen dank der renommierten Ausbildung oft selbst aussuchen.

Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Berliner Tor 9 (Hauptcampus)


Szene-Hamburg-Juli-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juli 2019. Titelthema: Schmelztiegel St. Georg.
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Hamburger Literaturpreis: Auch Comics sind Kunst

Die Hamburger Behörde für Kultur und Medien vergibt zum ersten Mal einen ihrer Literaturpreise in der Kategorie „Comic“. Ein Gespräch mit dem Comicautor Sascha Hommer über eine unterschätzte Kunstform

Text: Ulrich Thiele
Foto (o.): Sascha Hommer

 

SZENE HAMBURG: Sascha, du bezeichnest dich als Comicautor, warum nicht als Schriftsteller?

Sascha Hommer: Die meisten Menschen stellen sich unter einem Schriftsteller etwas anderes vor. Der eine Begriff ist nicht auf – oder abwertender als der andere, aber in „Schriftsteller“ steckt das Wort „Schrift“. Ich würde sagen, dass ich Comicautor und Zeichner bin – dann weiß jeder, was gemeint ist.

Mit dem neu eingeführten Literaturpreis hat die Behörde für Kultur und Medien Comics offiziell als literarische Gattung anerkannt.

Die Entscheidung bestätigt, dass in Comicerzählungen viel literarisches Potenzial steckt. Antje Flemming von der Behörde für Kultur und Medien hat vorher für das Literaturhaus gearbeitet. Dort gibt es schon seit Längerem Veranstaltungen wie die Graphic Novel Tage.

Wir hatten sie beim letztjährigen Comicfestival für ein Podium eingeladen zu Themen wie Querverbindungen zu Museen, die schon immer einen anerkannten Kultur-Status haben, und der Frage, warum die Comickultur eine Nische ist.

Warum haftet den Comics das Image des „Kinderkrams“ an?

Das hat hauptsächlich historische Gründe. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in Deutschland kaum gute Zeichner. Viele waren tot oder im Ausland, weil sie vor der Zeit des Nationalsozialismus für linke Medien als Karikaturisten gearbeitet haben und emigrieren mussten. Es gab einfach keine Tradition, die weitergeführt werden konnte.

In den 50er Jahren waren die deutschen Comics sehr konservativ. Es gab zum Beispiel Hansrudi Wäscher, der Abenteuercomics wie „Nick der Weltraumfahrer“ oder „Sigurd, der ritterliche Held“ für kleine Jungs gezeichnet hat. Oder Rolf Kauka, der „Fix und Foxi“ erschaffen hat. Kauka war ein rechtsnationaler Typ, der in seiner ersten Lizenzierung von „Asterix und Obelix“ für den deutschen Markt aus den Hauptfiguren Germanen gemacht hat.

 

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Vormerken: Vom 27. bis 29. September findet das von Sascha Hommer mitinitiierte Comicfestival Hamburg statt / Foto: Nicole Sturz

 

War das in anderen Ländern anders?

In den 60ern hat sich die Comickultur in Frankreich und den USA stark mit der Gegenkultur und den Hippies verbunden. Diesen Aufbruch gab es in Deutschland nicht, deswegen sind Comics nie so richtig Teil der offiziellen Kultur geworden. Erst in den 90er Jahren gab es vermehrt deutsche Zeichner, die auch international wahrgenommen wurden. Vorher gab es kaum Comics in einer romanhaften Form.

Wurde deswegen der Begriff „Graphic Novel“ kreiert?

Der Begriff kursiert in den USA schon seit den 80ern. Gepuscht von Art Spiegelman und seinen Comics „Maus. Die Geschichte eines Überlebenden“ über seinen Vater, einen Auschwitzüberlebenden. In Deutschland wurde der Begriff 2008 in den Markt eingeführt, weil die Verlage erkannt haben, wie viele tolle Stoffe es mittlerweile auch von deutschen Zeichnern gab. Verkauft wurden diese zunächst fast nur über Fachgeschäfte, also Comicläden.

Doch mit der Graphic Novel haben die Verlage dem Buchhandel eine Möglichkeit geboten, Comics auch für Erwachsene und literarisch interessierte Kunden zu öffnen. Das hat funktioniert und der Begriff hat der Comickultur ganz andere Leserschichten erschlossen.

 

„Der deutsche Markt ist viel weiblicher geworden“

 

Der Begriff war also vor allem als Aufwertung gedacht?

Genau. Wobei sich auch Leute aus der Szene über diese Art der Aufwertung geärgert haben, da sie meinten, dass Comics schon immer gut waren und dies nicht nötig hätten. Aus meiner Sicht hat der Begriff sehr viel verändert, auch insofern, als der deutsche Markt in den letzten 15 Jahren viel weiblicher geworden ist, sowohl die Zeichner als auch die Leser und die Verlage betreffend.

Dazu haben aber auch die Mangas erheblich beigetragen. Inzwischen gibt es übrigens die Tendenz, dass der Schwarze Peter des vermeintlich Trivialen von den Comics zu den Mangas überwandert – was großer Unsinn ist. Es gibt sehr komplexe, literarische Mangas.

Du sagst, dass die Entscheidung der Behörde für Kultur und Medien das Resultat der lebendigen Comicszene in Hamburg ist …

Es begann in den 90ern, als die Szene in Deutschland aufgeblüht ist, es viele neue Undergroundzeichner gab und viele Aktionen durchgeführt wurden. Damals haben einige Leute um die Initiative Comickunst e. V. große Ausstellungen in leer stehenden Supermärkten auf der Reeperbahn organisiert.

Die Presse wurde aufmerksam, sogar die „Tagesschau“. Außerdem sitzt in Hamburg Carlsen, ein wichtiger Comic- Verlag und es gibt die Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Seit Ende der 90er Jahre unterrichtet die Zeichnerin Anke Feuchtenberger dort, ihretwegen bin ich nach Hamburg gekommen. Eine Zeit lang gab es auch das kleine Festival „Heftig“. Als es eingeschlafen ist, habe ich 2006 das Comicfestival Hamburg mitinitiiert.

Wie hat sich das Festival seitdem entwickelt?

Am Anfang gab es nur eine kleine Messe im Kulturhaus 73 und an einer Wand eine Ausstellung. Mit den Jahren haben wir versucht, das Festival zu professionalisieren, mehr Ausstellungen zu organisieren und auch internationale Gäste einzuladen.

Dieses Jahr sind Nick Drnaso aus den USA, Diane Obomsawin aus Kanada, Lizz Lunney aus Großbritannien und das französische Kollektiv Icinori dabei. Für mich ist es wichtig, dass die Hamburger Szene sich auch dem internationalen Vergleich stellen muss – und ihn auch aushalten kann.

Zu deiner Arbeit: Du drückst dich in deinen Comics auch in einer romanhaften Form aus, auf den ersten Blick entsprechen dein Stil und deine minimalistischen Zeichnungen dabei der Vorstellung von Comics als etwas Kindlichem. Wie hat sich dieser Stil bei dir entwickelt?

Mich hat an Comics immer fasziniert, dass man Sachverhalte stark vereinfachen kann, sie aber trotzdem noch wie eine durchgängige Geschichte funktionieren, in die man sich hineinversetzen kann. Ich mag diesen Stil auch als Leser, ich lese gerne die „Peanuts“ und klassische Mangas, die sehr reduziert sind.

Dein Debüt „Insekt“ ist aus der Perspektive eines Heranwachsenden erzählt, der von seinem Umfeld gemobbt wird. Welche Rolle spielt der kindliche Blick als stilistisches Mittel?

Das ist auf jeden Fall ein Trick, der auch als literarisches Motiv oft auftaucht. Zum Beispiel im „Roman eines Schicksallosen“ des ungarischen Schriftstellers Imre Kertész. Bei „Insekt“ war diese Perspektive keine  bewusste Entscheidung.

Irgendwann hat mich mein jüngerer Bruder gefragt, ob das Buch eigentlich von ihm handelt. Das war mir bei der Entstehung nicht bewusst. Oft ist es so, dass man ein Motiv beim Schreiben und Zeichnen entwickelt und erst später feststellt, wo das eigentlich herkommt.

 

„Ich interessiere mich für das Fantastische“

 

Die Szene, in der der Protagonist nackt an einen Baum gefesselt und angepinkelt wird, kommt überraschend …

Gerade weil der Stil so reduziert und teilweise auch niedlich ist, erwartet der Leser eine solche Drastik nicht. Insofern ist das Kindliche ein Stilmittel, mit dem die Erwartungen beim Leser unterlaufen werden können.

Am Ende fliegen der Protagonist und sein Cousin in den Kostümen ihrer Lieblingssuperhelden davon. Welche Rolle spielt das Fantastische?

Ich interessiere mich sehr stark für das Fantastische und mit visuellen Mitteln ist es recht einfach, fantastische Dinge darzustellen, die ambivalent bleiben.

Diese Schlussszene ist ja auch offen. Man kann nicht genau sagen, ob sie jetzt wirklich fliegen oder sie sich das nur vorstellen. Ich versuche immer solche Momente herzustellen, die einen doppelten Boden haben.

Warum ist dir Ambivalenz so wichtig?

Kunst interessiert mich immer dann, wenn sie Subjektivität darstellt und zeigt, dass es immer verschiedene Wahrheiten gibt. In meinem letzten Buch „In China“ geht es um den westlichen Blick auf den Osten, weil ich damals den Eindruck hatte, dass China in Deutschland sehr schwarz-weiß dargestellt wurde. In „Insekt“ wird der Protagonist von seinem Umfeld nicht akzeptiert, womit er umgehen muss. Es geht also wie so oft um Identitätsfragen.

Ich mag Geschichten, die sich wenden, sodass der Leser feststellt, dass alles anders ist, als gedacht. Ich möchte somit Toleranz für den anderen Blick erzeugen, weil die eigene Perspektive nicht absolut ist.

Hamburger Literaturpreis 2019: Autoren können sich noch bis zum 15.8. bewerben


Szene-Hamburg-Juli-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juli 2019. Titelthema: Schmelztiegel St. Georg.
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A Summer’s Tale 2019: Ein Open-Air-Traum in der Heide

Das Festival A Summer’s Tale holt Künstler wie Maxïmo Park, Zaz und Suede nach Luhmühlen – neben vielen anderen Highlights 

Text: Erik Brandt-Höge
Foto (o.): Robin Schmiedebach

 

Es geht raus in die Pampa. Für viele A Summer’s Tale-Besucher beginnt das Festival am Lüneburger Bahnhof, von wo aus Shuttlebusse nach Luhmühlen tuckern, einem Ortsteil von Salzhausen. Salzhausen – noch nie gehört?

Komisch, hüstel, schließlich hat das Kaff am nordöstlichen Rand der Lüneburger Heide mit einer Dorfscheune, einem Feuerwehrschlauchturm und nicht zuletzt einem Schützenhaus geradezu Magneten für Touristen installiert.

Jedenfalls: Ortsteil Luhmühlen. Nach einer guten halben Stunde Fahrt ist das AST-Areal erreicht, und wer denkt, hier warte das gängige Festival-Halligalli, mit Horden von grillenden, grölenden und sich stets an der Grenze zur Alkoholvergiftung bewegenden Kids, der liegt, gelinde gesagt: falsch. A Summer’s Tale stellt seit der Premiere 2015 die idyllische Alternative im deutschen  Festivalangebot dar.

 

Gediegener Spaß für Groß und Klein

 

Während Wildheit anderswo nicht weniger bedeutet als Stage-Diving, Drogenflut und Dreier im Dixi-Klo, heißt es in Luhmühlen: gediegener Spaß für Groß und Klein. Sicher, auch beim A Summer’s Tale treten Rockbands auf, in den vergangenen Jahren etwa Tocotronic, Thees Uhlmann, Noel Gallagher’s High Flying Birds, Franz Ferdinand, Mando Diao, Isolation Berlin, Johnossi, Pixies, Die Sterne und, und, und.

Zudem bieten das große Zirkuszelt und das mit feinen Wattebäuschen aufgeschüttete Feld vor der Open-Air-Bühne reichlich Raum zum Hüpfen, Springen, Toben. Aber wer hierherkommt, will nicht toben. Wer hierherkommt, will die Schönheit der Natur erleben, über den zentral positionierten Designmarkt schlendern, Weinschorle auf der Zuschauertribüne am Geländerand schlürfen, mit den Kindern Holzhocker bauen und Traumfänger basteln. Kurz: All-Inclusive-Camping-Urlaub ohne nennenswerte Störgeräusche.

Apropos Camping: Wer keine Lust auf die Luftmatratze im Billig-Wurfzelt hat, kann für einige Extra-Euro am Comfort-Camping teilnehmen. Das beinhaltet u. a. tipptopp Sanitäranlagen, Zugang zu einer eigenen Bar und – Achtung –, einem eigenen Pool. Ein wenig Romantik kommt als Comfort-Kirsche obendrauf, wenn das Lagerfeuer im Resort angeht und der Festivaltag auf der Hollywoodschaukel ausklingt.

 

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Träumchen von einer Kulisse: Auftrittszelt in Luhmühlen / Foto: Erik Brandt-Höge

 

Ob Normalo-Zelten oder Luxus-Variante: Beim morgendlichen Blick aus dem Zelt sind keine Heiopeis zu sehen, die restalkoholisiert nach Helga schreien, höchstens ein paar Jogger oder Bootschlepper. Schließlich hat Luhmühlen seinen Namen von der Luhe, einem Flüsschen, das Kanufahrer durch eine satt-grüne Landschaft aus Wiesen, Weiden und Wäldern führt.

Außerdem aktuell auf dem ASTActivity-Programm: Feetup-, Vinyasa-, Acro-, Hatha- und Yin-Yoga, Meditation, Workshops in Handstand, Thai-Massage, Karate, Northern Soul-, Swing- und Electro Swing- Tanz.

Und wer weder Bock auf Live-Sounds, noch auf Bewegung hat, kann sich vor die Lesebühne hocken, die in diesem Sommer mit Autoren á la Ronja von Rönne, Stefanie Sargnagel, Giulia Becker, John Niven, Jens Eisel und Anja Rützel hochkarätig besetzt ist. Und danach geht’s an eine der Fressbuden, an denen es zum Beispiel Handbrot, Burger, Gnocchi, Crêpes und Eis gibt.

Auch auf dem Weg durch die AST-Kulinarik fällt auf: Kein Drängeln, kein Krakeelen, kein Stress im Paradies. Stattdessen liegen Besucher zufrieden auf den Grashügeln, in Hängematten oder Liegestühlen und saugen die durchweg positive, superentspannte, fast hippiehafte Atmosphäre auf, die nicht zuletzt durch die detailverliebten Deko-Spielereien der Festivalmacher entsteht. Von Palettenkunst über Lampignons, Mobiles und Girlanden bis hin zu aufwendigen Lichtinstallationen ist alles dabei, was ein, nun ja, Nicht-Halligalli-Festival ausmacht.

A Summer’s Tale: 1.-4.8., Luhmühlen (Lüneburger Heide)


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Max Herre: „Meine Geschichten sind ein Schatz“

Nicht nur für Nostalgiker: Der einstige Posterboy des deutschsprachigen HipHops Max Herre kommt mit neuen Songs in den Stadtpark

Text: Erik Brandt-Höge
Foto (o.): Mikael Väisänen

 

SZENE HAMBURG: Max, auf einer Skala von eins bis zehn, wenn zehn am besten ist: Wie ist dein Sommer bisher?

Max Herre: Sieben.

Klingt ja noch nicht wirklich zufrieden.

Nee, ich war zwar kürzlich zweimal in Athen und hatte ein Stück weit Sommer, aber im Moment heißt es für mich: Nicht von der Sonne rauslocken lassen, sondern schön drinnen sitzen bleiben und das Album fertig machen – um dann, wenn die Live-Shows starten, den Sommer voll und ganz zu genießen.

Neue Live-Shows, neues Album: „Athen“ erscheint in Kürze. Der Titelsong erzählt die traurige Geschichte von zwei Liebenden auf Reisen. Warum wolltest du sie genau jetzt erzählen?

Vor zwei Jahren bin ich nach Tel Aviv gefahren und habe angefangen, an neuen Songs zu schreiben. Ich habe dorthin auch andere Songwriter eingeladen, jeweils für eine Woche kamen Maxim und Tua, die ich beide sehr schätze. Ich habe ihnen eine Geschichte erzählt, die ich vor ein paar Jahren erlebt habe. Und in den Gesprächen stellte sich heraus, dass Athen für mich einen echten Sehnsuchtsort darstellt …

… den du damals mit der Frau an deiner Seite besuchen wolltest. Wieso sollte es eigentlich unbedingt Athen sein?

Die Frau hatte griechische Eltern. Außerdem hatte mein Vater mal einige Jahre in Griechenland gelebt, genau wie mein Großvater, und mein ältester Onkel ist dort geboren. Es haben sich also viele Linien gekreuzt auf dieser Reise.

Und was das Songwriting angeht: Je mehr ich mich dabei erinnerte, wie alles war, umso mehr konnte ich erzählen. Wieder habe ich gemerkt, dass meine Geschichten – nicht nur, weil ich mit ihnen Musik generieren kann – ein Schatz für mich sind.

Hört hier Max Herre feat. Trettmann: „Villa Auf Der Klippe“

 

Diese Art von Beschäftigung mit den eigenen Geschichten zieht sich durch dein musikalisches Werk. Hast du einen Hang zur Nostalgie?

Zunächst mal ist die Musik, die ich am liebsten höre, auf eine Art und Weise nostalgisch. Ich höre jetzt nicht nur Fado, aber es gibt ein bestimmtes Gefühl im Soul und Jazz, das so eine nostalgische Traurigkeit transportiert, was ich sehr mag.

Was genau passiert beim Hören solcher Musik mit dir?

Irgendwie spüre ich dann etwas, das noch nicht verarbeitet ist, und das vielleicht auch einen inneren Konflikt darstellt.

Dein Erinnerungs-Songwriting ist also immer auch ein Lernprozess? Und wenn ja, was hast du bei der Arbeit an „Athen“ über dich gelernt?

Lernen ist ein großes Wort. Ich bin mir auch gar nicht sicher, ob man selbst so schnell weiß, was man da gelernt hat, wenn man sich mit der eigenen Vergangenheit beschäftigt hat. Fest steht nur, dass Athen für mich heute Altes und Neues vereint, was ich sehr aufregend finde.

Stellst du bei den anstehenden Konzerten, auch bei dem im Stadtpark, vor allem Neues aus „Athen“ vor, oder sind die Shows auch etwas für Max-Herre-Nostalgiker?

Beides. Wir spielen ja Songs aus einer Platte, die zum Zeitpunkt des Konzerts noch nicht draußen ist. Ich habe Lust, den Leuten diese neuen Songs vorzuspielen, aber ich liebe es auch, mit ihnen zusammen Songs zu performen, die wir alle kennen und mit denen wir alle etwas verbinden.

 

„Alles kann passieren“

 

Das Schöne an Live-Konzerten ist ja, dass alles passieren kann, zu jeder Zeit. Ich gehe zwar immer mit dem Anspruch auf die Bühne, ein perfektes Konzert zu spielen. Aber wenn ich ehrlich bin, liegt die Chance im Scheitern.

Würdest du Open-Air-Shows eigentlich immer Konzerten in Hallen oder Clubs vorziehen?

Es kommt auf den Ort und die Leute an. Im Club habe ich schon sehr viel Intimität erlebt, die ich nicht missen möchte. Aber wenn ich an Open-Air-Bühnen wie die Freilichtbühne denke, habe ich auch viele schöne Erinnerungen.

Die Hamburger sind Freundeskreis und meiner jetzigen Band immer sehr verbunden gewesen, wir haben tolle Konzerte zusammen erlebt, vor allem auf der Freilichtbühne, die etwas sehr Arenenhaftes hat. Dort macht eigentlich jedes Konzert Spaß, sogar im Hamburger Regen.

Max Herre:  1.8., Stadtpark Freilichtbühne, 19 Uhr


Szene-Hamburg-Juli-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juli 2019. Titelthema: Schmelztiegel St. Georg.
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