Max Pötzelberger – Die Jacke von St. Pauli

Der Herrengewandmeister Max Pötzelberger schneidert auf Maß für Privatleute und Bühnen. Jetzt hat er eine Arbeiterjacke in die Läden gebracht, zu der ihn Bauern aus dem Spessart inspirierten und die perfekt zu Hamburg passt.

Interview: Alessa Pieroth
Beitragsbild: Philipp Schmidt

SZENE HAMBURG: Max, dein erstes Kleidungsstück, das du in Serie produzierst, ist eine „einfache“ Arbeitsjacke. Was hat dich dazu inspiriert?
Max Pötzelberger: Ich komme aus einem kleinen Dorf am Rande des Spessarts. Dort gab es früher viele Nebenerwerbslandwirte. Sie trugen Hochwasserhosen, dazu schwere Schuhe und diese Art von Jacke. Die Bauern liefen damals schon so herum, wie die Urban Woodsmen heute.

Wie lange hast du die Idee schon im Kopf?
Die erste Arbeiterjacke habe ich vor etwa zehn Jahren gemacht. Die wollte schon in diese Richtung, ist da aber überhaupt nicht hingekommen. Sie hängt heute noch in meiner Werkstatt. Ich habe sie nur zweimal im Leben angehabt.

Was hat an ihr nicht gut funktioniert?
Sie war nicht klar genug.

 

„An der Jacke ist absolut nichts dran, was man nicht braucht.“

 

Was ist das Besondere an ­deiner Jacke jetzt?
Es gibt einen Unterschied zwischen etwas nicht machen und etwas bewusst weglassen. Bei der Arbeit an der Jacke war das so: Je reduzierter der Schnitt wurde, desto besser wurde sie. Es gibt keine Naht zu viel. An ihr ist absolut nichts dran, was man nicht braucht. Und sie hat geräu­mige Taschen, in die man viel ­hineinladen kann. Das entspricht dem Urcharakter der Arbeitsjacke aus den 50er Jahren. Sie sollte möglichst einfach in der Herstellung sein, weil sie ein Gebrauchs­gegenstand mit starker Abnutzung war.

Normalerweise kommen die Leute mit einem Auftrag zu dir. Dieses Mal hast du ein Produkt entwickelt und musstest es erst an den Mann bringen. Wie war das für dich?
Das ist einerseits super, weil man nur für sich selbst verantwortlich ist. Aber in dem Moment, in dem Kunden ins Spiel kommen, wird es schwierig.

Das musst du erklären.
Von meiner Arbeit als Maßschneider bin ich es ­gewohnt, Kleidung so zu ­machen, dass sie den Kunden genau passt. Es war erst mal schwer für mich zu akzep­tieren, dass meine Jacke nicht bei allen perfekt sitzt.

 

„Die Idee ist, dass jeder die Jacke tragen kann. Sowohl Mann, als auch Frau.“

 

Du bist Herren­gewandmeister. Was ist deine Spezialität?
Ein Herrengewandmeister interpretiert Figurinen vom Kostümbildner und setzt sie in Kostüme um. Das ist eigentlich mein Beruf. Schnitterstellung, Anproben und Kostüme fürs Theater. Ich mache aber auch Anzüge für Privatleute.

 

 

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Hast du dir, als du die Jacke entwickelt hast, jemanden darin vorgestellt?
Ja, mich. Aber die Idee ist, dass jeder die Jacke tragen kann. Sowohl Mann, als auch Frau. Und dass man sie, je nachdem wie man sie kombiniert, ganz schick oder aber auch zum Streichen anziehen kann. Ich gehe damit zur Arbeit, zum Kunden oder im Garten herumwurschteln. Die Alles-geht-Jacke ist das.

www.maxpoetzelberger.de; Die Arbeitsjacke gibt es in der Hanseplatte und in der Kleinen Freiheit No. 1


 Diese Topliste stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2019. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Rindchen schlemmt – Restaurant Zipang

Ein netter, behaglicher Japaner: So authentisch schmeckt das Umami-Erlebnis im Eppendorfer Weg.

Text: Gerd Rindchen

Japanern haftet ja immer der Ruf an, dass sie, sofern sie ein Restaurant betreiben, diese relativ teuer gestalten. Dem kleinen, feinen Zipang im Eppendorfer Weg kann man das nur bedingt nachsagen. Zwar sind die À-la-carte- Gerichte nicht ganz günstig oder eher klein (Tempura!). Das monatlich wechselnde Abendmenü – und definitiv das Signature Dish des Hauses – schlägt aber als Fünfgangmenü nur mit moderaten 47 Euro und als Siebengangmenü mit 65,50 Euro zu Buche.

Hier zeigt Küchenchef Toshiharu Minami sein ganzes profundes Können. Bei uns beginnt die 5er Combo mit einem überaus delikaten Gruß aus der Küche: aromensatte, marinierte grüne Bohnen mit getrockneten Garnelenstückchen und ein Fingerhut leckerstes Misosüppchen. Umami pur zum Einstieg. Der folgende „Japanische kleine Garten“ bietet Edamame-Cream mit ein paar Scheibchen frisch gehobeltem Schwarzem Trüffel – eine fein-subtile Kreation, flankiert von mild-würzigem Bambus-Kohle-Kuchen.

Ein Quell der Freude auch der Vorspeisen-Korb: Sechs völlig eigenständige Appetithäppchen, die die Aromenvielfalt der japanischen Küche auf tolle Weise abbilden, sind hier liebevoll arrangiert. Sehr fein und saftig à point gegart folgt dann das Filet vom St. Petersfisch mit Garnele. Im Hauptgang setzen dann noch mal supersanft geschmorte, äußerst zarte und aromatische Ochsenbacken mit japanischer Schwarzwurzelsauce einen tollen Akzent.

50 Euro für einen kulinarischen Superabend

Da ich nicht so der mega Dessert-Fredi bin, frage ich schüchtern an, ob ich nicht statt des ausgelobten Desserts zum Abschluss das „Sushi Chef’s Choice“ aus dem Siebengangmenü bekommen könnte. Kein Problem: Für einen überaus moderaten Aufschlag von zwei Euronen kann ich mich sogleich an einer kleinen, aber überaus edlen Sushi-Auswahl – eine der besten, die ich bislang in Hamburg hatte – erfreuen. Am Ende kommen knapp 50 Euro für einen kulinarischen Superabend zusammen. Und dann gibt es auch noch einen recht preisgünstigen Mittagstisch.

Recht beherzt kalkuliert (Vive la Klischee!) sind allerdings die Weine: Die günstigsten offenen Weine kosten 9,50 Euro pro 0,2 Liter und 35 Euro pro Flasche – dafür sind aber ordentliche Rheinhessen-Betriebe wie Sander und Dreißigacker mit ihren Basisweinen am Start. Wir legen dann lieber noch was drauf und gönnen uns für 41,20 Euro pro Pulle den exzellenten 2016 Weißburgunder & Chardonnay von Landerer aus Baden, der den Abend toll begleitet. Grandios ist übrigens die Auswahl an offen ausgeschenkten Reisweinen – da werde ich mich beim nächsten Besuch heranwagen.

Eppendorfer Weg 171 (Hoheluft-West); www.zipang.de


Gerd Rindchen im Rindchen's Weinkontor. Foto:

Gerd Rindchen im Rindchen’s Weinkontor.

Gerd Rindchen ist Gründer von Rindchen’s Weinkontor. Seit 25 Jahren verkostet er Weine nach dem Prinzip „Bestes Preis-Genuss-Verhältnis“. In der SZENE HAMBURG wendet er dieses Prinzip jeden Monat auch auf die Küchen dieser Stadt an.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2019. Das Magazin ist seit dem 28. Februar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich!


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Billbrook: ein Stadtteil zwischen Industrie und Natur

Etwas ab vom Schuss, aber weltweit vernetzt liegt das Industriegebiet im zentralen Osten der Stadt. Ein Gespräch mit Falko Droßmann, Bezirksamtsleiter in Hamburg-Mitte, über Billbrook als Riesenchance für Hamburg.

Text und Interview: Erik Brandt-Höge
Foto (o.): Philipp Schmidt

Aus der Luft erscheint Billbrook als Stadtoase – aber nicht als grüne. Grün ist nur der Oasenrahmen, der sich durch die angrenzenden Viertel Moorfleet, Billwerder, Veddel, Hamm und Billstedt ergibt. Billbrook wird farblich von Grautönen bestimmt. Ein großer grauer Fleck. Der kommt von der Industrie. Speditionen, Lager- und Produktionshallen, Logistikzentren, Werkstätten, Verbrennungsanlagen, Paletten- und Recyclinghöfe stehen dicht an dich. Dazwischen bewegen sich allerhand Lkw, Schaufelbagger und andere Großmaschinen.

Hier, im mittleren Hamburger Osten, wird nicht gelebt, hier wird malocht und die Wirtschaft in Gang gehalten. Auf einer Fläche von rund 770 Hektar lenken über 1.000 Unternehmen mit zusammen mehr als 20.000 Mitarbeitern ihre weltweiten Geschäfte, machen Milliarden. Und es soll noch viel mehr werden.

Das Entwicklungskonzept „Stromaufwärts an Elbe und Bille“ sieht eine Modernisierung dieses größten norddeutschen Industriegebiets (außerhalb des Hamburger Hafens) vor. Etwa sollen neue, zukunftsorientierte Unternehmen hinzukommen und die Straßen, die unter der jahrelangen intensiven Nutzung gelitten haben, saniert werden. Die großen Pläne der Politiker bringen aber auch Probleme mit sich.

 

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Wohnen geht hier nur für wenige: Schaufelbagger und Schornsteine bestimmen Norddeutschlands größtes Industrie-gebiet. Foto: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Falko Droßmann, können Sie Ihre aktuellen Aufgaben in Billbrook mit einem Adjektiv beschreiben?

Falko Droßmann: Herausfordernd.

Was ist besonders herausfordernd?

Wir haben in Billbrook das größte Industriegebiet Norddeutschlands. In Hamburg-Mitte sitzen rund 46.500 Unternehmen, wovon sehr viele Industriebetriebe in Billbrook sind. Meine Aufgabe ist es, Produktionsmöglichkeiten für diese Unternehmen zu erhalten und Erweiterungsmöglichkeiten zu schaffen. Außerdem gilt es, den Klimaschutz voranzutreiben.

Erweiterung der Industrie und mehr Klimaschutz – wie geht das zusammen?

Durch neue Technologien. Was die Firmen in Billbrook in den letzten Jahren allein in Filteranlagen und komplett neue Produktionswege investiert haben, ist enorm. Wir als Stadt können zusätzlich beraten und erklären, welche Förderprogramme es gibt. Kurz: Industrie und Klimaschutz sind überhaupt kein Widerspruch.

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Falko Droßmann sieht den
Stadtteil nicht als „abgehängt“ – im Gegenteil. Foto: privat.

Wenn in Billbrook so viel Gutes passiert, wie kommt es, dass der Stadtteil immer noch als „abgehängt“ gilt?

Ich kenne die Ansicht einiger, dass nicht nur Billbrook, sondern der gesamte Osten Hamburgs vom Rest der Stadt abgehängt ist. Teilweise wird da gar von „vergessenen Stadtteilen“ gesprochen. Aber mal zu den Fakten: In Billbrook arbeiten Tausende von Menschen, die Milliarden erwirtschaften. Dort befinden sich hochagile Wirtschaftsunternehmen, die weltweit agieren. Ich würde also absolut nicht von „abgehängt“ sprechen.

Als Industriegebiet nicht, aber als Wohngebiet. Das war es einmal, bevor es in den 1950er Jahren umfunktioniert wurde.

Damals war es eine Generationenentscheidung für die Industrie, die Bestand hat und immer haben wird. Niemand verfolgt das Ziel, in Billbrook Wohnraum zu schaffen. Billbrook ist kein Wohngebiet und wird es auch nie werden.

Rund 2.000 Hamburger wohnen dort allerdings noch.

Ja. Ein Großteil von ihnen, 650 Menschen, leben in einer öffentlich-rechtlichen Unterkunft, weitere 600 in einer Flüchtlingsunterkunft.

Wie würden Sie die Lebensbedingungen dieser Billbrooker beschreiben?

Es handelt sich um eine besondere Lebenssituation. Das Umfeld ist geprägt von Industriebetrieben und großen Verkehrsachsen. Aber Billstedt mit seinen vielen Tausend Einwohnern und dementsprechend vielen Angeboten sowie die Elbe sind ja nicht weit. Es gibt für diese Billbrooker also eine exotische Mischung aus alltäglichen Eindrücken und Möglichkeiten.

Festzuhalten ist also: Nicht mehr Wohnraum für Billbrook – dafür aber bald noch mehr Industrie, wie aus einem Entwicklungskonzept für den Stadtteil hervorgeht. Bevor wir dazu kommen: Kann man in Billbrook eigentlich von einer alten und einer neuen Industrie sprechen?

Nein. Es gibt einige Stadtplaner, die Debatten über solche Begriffe führen, und klar, in Billbrook stehen eingeschossige Bauten, die wir in der Form heute nicht mehr errichten würden, weil wir vorhandene Flächen besser nutzen können. Trotzdem sollte man hier nicht von „alt“ und „neu“ sprechen, allein weil es in den alten Gebäuden hochmoderne Industrieanlagen gibt. Erst kürzlich habe ich mehrere Unternehmen besucht und mir einen Eindruck verschafft.

 

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Ein bisschen Idylle spendet Billbrook die Bille, Hamburgs drittgrößte Flusslandschaft. Foto: Erik Brandt-Höge.

 

Mit welchem Fazit?

Dass es eine echte Standortsicherheit gibt und die Möglichkeit, noch zu expandieren.

Welche Unternehmen haben Sie denn besucht?

Zum Beispiel eine Müllverbrennungsanlage, einen Lebensmittelkonzern und ein Kunststoffunternehmen.

Haben die Unternehmer auch konkrete Wünsche an Sie gehabt?

Ein ganz eindeutiger Wunsch war die Sanierung bzw. der bedarfsgerechte Umbau des Straßennetzes, welches ja zum Teil aus den 50er Jahren stammt.

Die Unternehmen sichern Arbeitsplätze. Circa 22.000 gibt es in Billbrook …

… und das nur direkt vor Ort. Manche Billbrooker Firmen haben weltweit 6.000 Beschäftigte.

Noch mehr Jobs könnten es durch das angesprochene Entwicklungskonzept namens „Stromaufwärts an Elbe und Bille“ geben. Können Sie das auch in Zahlen ausdrücken?

Darüber zu reden, wäre Rechenschieberei.

Dann reden wir doch über das Konzept an sich. „Stromaufwärts“ sieht vor, ein Kreativzentrum in Billbrook aufzubauen. Was genau bedeutet das?

Zunächst mal: Industrie ist kreativ! Nehmen wir den Kunststoffhersteller. Der hat ein weltweites Patent auf Kunststoffe, welche die Eigenschaften von Metallen haben. Das ist möglich, weil in Billbrook Forschungsergebnisse und industrielle Bedürfnisse miteinander verbunden werden und schließlich etwas Neues produziert wird. Und ein Kreativzentrum soll bewirken, dass der Industriestandort in Billbroook neu geordnet wird. Wie das genau aussehen wird, haben wir auf hundert Seiten dargelegt.

Können Sie es kurz zusammenfassen?

Wir wollen, dass Billbrook ein noch modernerer Nutzungsstandort für Industrie wird, und zwar mit einem zeitgemäßen Logistikkonzept. Wir wollen kluge Flächennutzung und digitale Anbindungen.

Und? Läuft bisher alles nach Plan?

Na ja, es sind schon dicke Bretter, die wir bohren müssen.

Haben Sie ein Beispiel für so ein dickes Brett?

Wir müssen einen nicht gerade geringen Teil der Straßen sanieren. Die Billbrooker Straßen waren bei der Erbauung nicht darauf ausgelegt, dass täglich Hunderte von Lkw drüber fahren. Wir hatten auch schon einen Sanierungsplan, haben dann aber feststellen müssen, dass die Wasserleitungen, die sich unten im Boden befinden, über 80 Jahre alt sind. Also müssen wir jetzt erst mal die Leitungen erneuern. Es wäre nicht schlau, wenn wir schnell neue Straßen bekämen, die für die Unternehmen natürlich eine Bereicherung wären, uns aber irgendwann die alten Leitungen aufbrechen.

 

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Billbrook: Norddeutschlands zweitgrößtes Industriegebiet nahe der schönen Flusslandschaft.

 

Haben Sie einen Zeitpunkt anvisiert, wann die industrielle Entwicklung in Billbrook bestenfalls abgeschlossen sein soll?

Nein, denn sie wird nie abgeschlossen sein. Wir machen uns jetzt mit den Firmen, den Grundeigentümern, den Bürgern und der Stadt gemein – sam auf den Weg. Dabei haben wir keinen Masterplan, der, sagen wir, 2030 geschafft sein soll. Es geht ja um nicht weniger als die Sicherung dieses riesigen Industriegebiets. Und das erfordert, dass wir alles, auch uns selbst kontinuierlich überprüfen.

Wenn Sie sich in zehn Jahren weiterhin um Billbrook kümmern, werden Sie Ihre Aufgaben also nach wie vor als „herausfordernd“ beschreiben?

Absolut. Ich meine: Wir sprechen hier von einem Weltmarkt, und deshalb brauchen wir bestmögliche Produktions- und Arbeitsbedingungen. Das alles zu schaffen, wird immer eine Herausforderung sein.

Auch für Hamburg im Ganzen? Welche Vor- und Nachteile hat „Stromaufwärts“ für die gesamte Stadt?

Ich sehe da ausschließlich Vorteile. Alle beteiligten Behörden der Freien und Hansestadt ziehen an einem Strang, um dieses Projektgebiet weiter zu entwickeln. Wir erschließen zum Beispiel neue Wohnareale wie die Osterbrook-Höfe, wo wir gemeinsam mit den verschiedenen Beteiligten zu ganz neuen Flächenumnutzungen kommen konnten. Das alles geschieht in Gebieten, die sonst eher unterwertig genutzt waren. Mehr und mehr Hamburgerinnen und Hamburger können in diesen Quartieren begrüßt werden, und die vielen Arbeitsplätze vor Ort leisten einen wichtigen Beitrag für die gesamtstädtische Wirtschaftskraft.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2019. Das Magazin ist seit dem 28. Februar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Zur Mühlenklause in Billhorn – Glück hinter Gardinen

Zur Mühlenklause: Die Kneipe kurz vor den Billhorner Elbbrücken ist Zufluchtsort und zweites Zuhause für Locals und Touris. Ein Ortsbesuch.

Text und Fotos: Erik Brandt-Höge

Die dicke, milchige Glastür aufgezogen, den mit Leder gesäumten Vorhang zur Seite geschoben und hinein in den schummerigen Lichtmix aus Bierreklame, Jukebox und Spielautomaten. Hier, in dichtem Rauch hinter graubraunen Gardinen, zwischen Dutzenden maritimen Malereien, Schiffsglocken, Geigen, Girlanden und allerhand anderem Gedöns, kann vom restlichen Rothenburgsort, ach, vom Rest der ganzen Stadt pausiert werden. Es gibt Getränke und Gesellschaft statt Sorgen und Nöte, jeden Tag von morgens bis nachts. Seit 60 Jahren ist die Mühlenklause, die kleine Kneipe kurz vor den Billhorner Elbbrücken, ein Zufluchtsort und zweites Zuhause für Locals und Touris. Erfolgsgeheimnis: Alles bleibt, wie es ist, nichts verändert sich.

 

Spielhallen und Schneiderei

 

„Die Bar lief und läuft immer gut“, sagt Betreiberin Christine Jürs, die es sich in einer der knarzigen Sitzecken gemütlich gemacht hat. „Das liegt einerseits am Festhalten an der Einrichtung, aber natürlich auch an den drei Hotels in der Nähe (Holiday Inn, Bridge und Elbbrücken; Anm. d. Red.).“ Vor neun Jahren hat Christine die Mühlenklause von ihren Eltern übernommen, ihr Vater ist verstorben, ihre Mutter regelt nach wie vor alle Büroangelegenheiten. Die Familie hat einiges hinter sich im Hamburger Unterhaltungsbetrieb. Angefangen mit Spielhallen, danach in Antiquitäten gemacht. „Wir hatten einen Laden in der Wandsbeker Chaussee“, erzählt die 44-Jährige und grinst, „der sah genauso aus wie die Kneipe heute, überall stand und hing oller Kram herum.“ Christine war gerade 17, als ihre Eltern die Mühlenklause kauften. „Ich habe damals eine Schneiderlehre gemacht, hätte bei Jill Sander anfangen können, in der Norderstedter Schneiderei. Aber mir ging es wie meinen Eltern: Mein Herz hing an der Kneipe.“

 

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„Ich liebe sie alle“: Betreiberin Christine über ihre Gäste. Foto: Erik Brandt-Höge.

 

Kurze in Knallfarben

 

Christine zieht an ihrer Zigarette, hat Zufriedenheit im Blick. „Es war die richtige Entscheidung. Und mein Mann Rolf, der im Hafen arbeitet, macht auch immer mit, hilft mir zum Beispiel an der Bar oder ist einfach nur da.“ In dem Moment steht er tatsächlich hinterm Tresen. „Warm oder kalt“, fragt er eine junge Frau, die Bier bestellt hat. Christine klärt auf: „Gibt ja Menschen mit Magenproblemen. Wir haben natürlich kühles Bier, aber auch einen Kasten auf Zimmertemperatur.“ Neben dem Kasten stehen allerhand bunte Kartons: Kleiner Kobold, Kleiner Klopfer, Kleiner Waldi. Die Kurzen in den knalligen Farben seien vor allem bei der Laufkundschaft beliebt, die zwischen Hotel und Kiez hin und her tingelt, sagt Christine. „Für die habe ich sogar angefangen, Mexikaner zu machen.“ Und mit etwas Stolz in der Stimme: „Den Doppelten gibt es hier schon für 2,50 Euro. Um die Ecke kostet der einen Euro mehr.“

 

Blind kuscheln

 

Ein Gast hat sein Kleingeld in die Jukebox gesteckt. Es kommt was von der Compilation „Kuschel-Klassik 1“, ein Schmachtfetzen von Mariah Carey. Neben dem Mann mit den Musikwünschen sitzt Brit, eine alte, blinde Hundedame, eingehüllt in einen weinroten Hundemantel. „Komm kuscheln!“, ruft Christine, und Brit kommt. Sie und ihr Herrchen zählen quasi zum Inventar, so Christine, während der Carey-Chorus seinen kitschigen Höhepunkt erreicht: „Zwei meiner Allerliebsten. Wobei ich sagen muss: Ich liebe sie alle, die Stammkunden genauso wie die Kiez-Touristen.“ Den typischen Mühlenklausen-Gänger gebe es eh nicht. Nur eines könne sie beobachten: „Die älteren Nachbarn kamen früher im Pyjama hierher. Mit den Jahren wurden die Gäste jünger. Liegt wohl daran, dass die Jugend heute auf so alte Kneipen steht, sie irgendwie kultig findet.“

 

ABBA und Augen zu

 

„Machst du mir ’n kleinen Sambi?“, ruft Christine Richtung Rolf, der gerade dabei ist, aus einem Haufen Bierdeckel ein Haus zu bauen. Für die Chefin lässt er alles liegen, gießt sofort Sambuca ein und gerät beim Servieren kurz ins Straucheln. Brits Herrchen hat sich für ein Solo-Tänzchen entschieden und wirbelt zu ABBAs „Mamma Mia“ wild durch die Klause, in einer Hand warmes Bier, die Augen genüsslich geschlossen. Der Anblick und der Schnaps euphorisieren Christine: „Das kannst du alles hier machen“, schwärmt sie, „das und noch mehr.“ In ihrem Lokal dürfe jeder sein, wie er eben ist. Und wahrscheinlich hat sie Recht: Der verrauchte Mikrokosmos hinter der Milchglastür ist ein Hort für Ausgelassenheit.

Zur Mühlenklause: Billhorner Mühlenweg 26


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Altona 93 vs. FIFA – Bürokratie behindert Integration

Eine Regel des Fußball-Weltverbandes FIFA behindert die Integrationsarbeit des Hamburger Kultvereins Altona 93.

Text: Mirko Schneider
Foto (o.): Frank Molter

Zum Auftakt der Rückserie der Oberliga Hamburg demonstrierte Fußballclub Altona 93 seine große Klasse. 4:1 siegte der AFC bei Titelverteidiger TuS Dassendorf und setzte sich an die Ligaspitze. Der Wiederaufstieg in die Regionalliga Nord am Saisonende ist eine sehr realistische Option. „Dort wollen wir Altona 93 etablieren, da ist unser Ziel“, sagt Altonas Trainer Berkan Algan immer wieder.

Dieses Ziel findet auch Altonas Integrationsbeauftragter Wladimir Bondarenko (54) gut. Er ist ein großer Fan der ersten Herrenmannschaft, die vor bis zu 1.000 Zuschauern spielt „Ich freue mich sehr über jeden Sieg“, sagt er. Dann legen sich ernste Sorgenfalten auf Bondarenkos Stirn: „Aber ich sage all meinen Jugendtrainern, sie sollen Kinder mit Migrationshintergrund bis spätestens Juni anmelden. Klappt bei den Herren der Aufstieg, ist es sonst vielleicht zu spät.“

 

 

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Um die aktuelle Betriebsamkeit in Altonas Fußball Jugendabteilung – mit 600 Kindern eine der Größten in Hamburg – zu verstehen, ist ein Blick in die Regularien des Fußball-Weltverbandes FIFA hilfreich. Auf Seite 22 findet sich dort unter Artikel 19 folgende Bestimmung: „Ein Spieler darf nur international transferiert werden, wenn er mindestens 18 Jahre alt ist.“ Der Regel, das sieht auch Bondarenko so, liegt ein durchaus sinnvolles Anliegen zugrunde. Im durchkommerzialisierten Profi-Business Fußball boten Anfang der Jahrtausendwende Weltclubs wie zum Beispiel der FC Barcelona Millionensummen für Kinderfußballer, um die Talente zu einem Wechsel zu bewegen.

Die FIFA deklarierte dieses Gebaren als unzulässigen Menschenhandel mit Minderjährigen, dem ein Riegel vorzuschieben sei. Nur setzte der Weltverband auf einen groben Klotz einen groben Keil, denn sein Artikel 19 bezieht sich auf die ersten vier Spielklassen. Dort verfährt man nach Auskunft des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), der die Regel über seine Landesverbände in Deutschland umsetzen muss, „deutlich restriktiver“.

Und so hatte im Sommer 2017 die Jugendabteilung von Altona 93 den Salat. Der Hamburger Amateurfußball-Kultclub, der von gigantischen Umsätzen nationaler Topclubs wie Barcelona, Manchester City oder Bayern München nur träumen darf, durfte nach dem damals gelungenen Aufstieg der Herrenmannschaft in die viertklassige Regionalliga Nord plötzlich keine Kinder mit Migrationshintergrund mehr aufnehmen. Außer, diese besaßen die deutsche Staatsbürgerschaft oder lebten seit mindestens fünf Jahren ununterbrochen in Deutschland.

 

„Nach dem Abstieg war die Anmeldung kein Problem“

 

An zwei Kinder erinnert sich Wladimir Bondarenko, selbst 1995 aus Kasachstan nach Hamburg eingewandert, besonders gut. „Bei uns spielte seit zwei Monaten ein geflüchteter syrischer Junge in der C-Jugend, die ich trainiere. Im August 2017 brachte er einen ebenfalls geflüchteten Freund mit“, wie er erzählt, „Nur war unsere erste Mannschaft eben gerade in die Regionalliga Nord aufgestiegen. Ich konnte den Freund unseres Spielers nicht anmelden, auch wenn ich es die ganze Saison versucht habe.“

Die Jungs hätten oft Tränen in den Augen. Sie verständen nicht, warum der eine bei uns spielen durfte und der andere nicht. Mittlerweile kicken beide gemeinsam in der B-Jugend des Vereins, da Altona 93 in der letzten Saison aus der Regionalliga Nord in die Oberliga Hamburg abstieg. Bondarenko: „Nach dem Abstieg war die Anmeldung des zweiten Jungen ja kein Problem mehr und ging ganz schnell.“

Ohne viel zu spätes Happy End blieb die Geschichte eines niederländischen Jungen, dessen Eltern aus beruflichen Gründen nach Hamburg zogen. Er fiel eigentlich unter die leichteste der sonst schwierig zu erfüllenden Ausnahmebedingungen des FIFA-Artikels 19: „Die Eltern des Spielers nehmen aus Gründen, die nichts mit dem Fußballsport zu tun haben, Wohnsitz im Land des neuen Vereins (…)“, heißt es dort. Das war eindeutig der Fall. „Trotzdem hat die Anmeldung nicht geklappt“, erklärt Bondarenko. „Der Junge hätte bei uns nur trainieren und nicht in Punktspielen mitmachen dürfen. Er ist traurig wieder gegangen.“
Ähnliche Fälle drohen dem Verein nun ab Sommer bei einem Aufstieg der ersten Mannschaft wieder.

 

„Die Integrationskraft des Fußballs darf man nicht unterschätzen“

 

Dabei ist es geradezu paradox, dass es ausgerechnet Altona 93 trifft. Die Integrationsarbeit des Vereins gilt als vorbildlich. Der Verein ist durch die unermüdliche Arbeit von Menschen wie Wladimir Bondarenko und seinen Mitstreitern in seinem Multikulti-Stadtteil bestens vernetzt, Kinder aus 40 Nationen kicken hier. Über ein Drittel der Kids besitzen einen Migrationshintergrund. Aktionen wie Mini-Weltmeisterschaften oder die sogenannten Länderpaten im Verein, die aufgrund ihrer Biografie als Mitglied einer entsprechenden Community als Ansprechpartner für Kinder aus demselben Kulturkreis im Verein da sind, sorgten sogar bundesweit für Aufmerksamkeit. Im März 2018 gewann Altona 93 trotz der starken Konkurrenz von 111 Mitbewerbern den mit 45.000 Euro dotierten DFB-Integrationspreis.

„Die Integrationskraft des Fußballs darf man auf gar keinen Fall unterschätzen. Es ist so viel wert, wenn Kinder aus verschiedenen Nationen in einer Mannschaft gemeinsam auf dem Feld stehen“, sagt Bondarenko. Der frühere kasachische Zweitligaspieler spricht dabei aus tiefster Erfahrung. „Durch den Fußball habe ich in Deutschland meine ersten Kontakte bekommen, habe die Sprache gelernt, Anerkennung erhalten“, sagt er, „diese FIFA-Regel muss so geändert werden, dass sie nicht mehr zulasten der Kinder geht.“

 

„Wir erhalten Zustimmung und Verständnis“

 

Hoffnung gibt es immerhin. Viele betroffene Amateurvereine der insgesamt fünf Regionalligen in Deutschland haben sich an die Landesverbände in ihrem Bundesland und den DFB gewandt. Dieser versucht nun, seinen Einfluss in der FIFA zu nutzen, damit die Regel nicht mehr die Integration von Kindern torpediert. „Ich habe das Gefühl, das Problem wird nun ernst genommen“, sagt Bondarenko, „Wir erhalten Zustimmung und Verständnis vom Hamburger Fußball-Verband und vom DFB.“

Was aber, wenn Altonas erste Mannschaft es im Sommer nicht in die Regionalliga Nord schafft? Dann verschiebt sich das Problem wohl nur um 800 Meter Luftlinie zum Stadtteilrivalen Teutonia 05, der mit Altona in der Spitzengruppe der Oberliga Hamburg um den Aufstieg kämpft. Und dessen Jugend- und Integrationsarbeit ebenfalls einen sehr guten Ruf hat. Es ist also Eile geboten. Damit die Herren Tore schießen können, ohne ungewollt den Kindern im Verein zu schaden.

www.altona93.de


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Marc van den Broek: Ein Visionär in Rothenburgsort

Marc van den Broeks Kunstkonzept ist der Versuch einer Symbiose. Was abstrakt klingt, wird mit Blick auf die Veränderungen in Rothenburgsort ziemlich schnell konkret. Ein Gespräch über Visionen und Verantwortung.

Vor zehn Jahren kehrte er nach Deutschland zurück. Von Brooklyn nach Rothenburgsort. Aus dem dichten New Yorker Randgebiet im äußersten Südosten in die lose norddeutsche Peripherie von Hamburg. Doch so „Clash of culture“, wie es klingt, war das für Marc van den Broek gar nicht. Eigentlich, sagt er, sei es sogar ganz egal, wo er arbeite, „das Wichtige ist, dass man bei sich ist – nicht außer sich“. Und immerhin liegen beide Orte am Wasser …

Anfang der 2000er ziehen die Galerien und Künstler nach und nach von Upper East nach Brooklyn – genau die richtige Stimmung für Marc van den Broek. Dabei sein, wenn sich was tut. In dieser Atmosphäre arbeitet der Künstler als Creative Consultant und realisierte damals in den USA unzählbar viele Projekte in mindestens genauso vielen Feldern. Formte Botanische Gärten und Interiors für das Historische Museum in Chicago, schaffte Erfindungen aus der Grundlagenforschung der Kunst und wendete sich dem Experimentalfilm zu, kurz: „zu viel gearbeitet, zu wenig gelebt“. Irgendwann findet van den Broek sich „blutarm“ und irgendwo außer seiner selbst wieder. Höchste Zeit, zu sich – und nach Deutschland zurückzukehren.

Diesmal aber nicht nach Berlin, das gar nicht so sexy sei wie versprochen, sondern nach Hamburg. Vor allem wegen des Wassers. Das sei das Einzige, was er immer um sich herum brauche, sagt der gebürtige Belgier ganz ohne Heimatavancen: „keine Berge, sondern Wasser“. Sein Atelier in Rothenburgsort liegt im Trias Fluss, Kanal und Hafen – fruchtbare Bedingungen für seinen hydrophilen Schaffensgeist.

 

Marc van den Broek verwandelt Objekte in künstlerische Metamorphosen

 

Und mit dem arbeitet er seit einer Dekade an Skulpturen, Bildern, Collagen und Literatur. Sein Buch „Leonardo da Vincis Erfindungsgeister“ hat die Druckerwalzen vor noch nicht allzu langer Zeit verlassen. Es ist ein Meisterstück aus 35 Jahren Arbeit an der Person da Vinci, in dem die Doppelqualifikation des Künstlers sichtbar wird. Elektromechanik und Kunst. Passt nicht zusammen? Oh doch! In den USA weiß man das schon lange – und zollt jener Multipolarität mit dem Begriff „Imagineering“ einen demonstrativen Tribut.

Auch Marc van den Broek hat ein mehrdimensionales Denken entwickelt, das in seinem Buch, aber auch im Gespräch mit dem Künstler als permanente Spurensuche erkennbar wird. Diese Suche steht für seine gesamte Kunst, die Archaisch- Technologischen Metamorphosen (A.T E.M.). Einfacher gesagt: Objekte in ihrer ursprünglichen Form, die er in technischen Konstruktionen miteinander verbindet, dann in Bewegung setzt und sie damit in die Metamorphose zwingt. Was das mit Rothenburgsort zu tun hat? Eine Menge …

SZENE HAMBURG: Marc, für dich ist Rothenburgsort vor allem ein Kompromiss. Der Weg des geringsten Widerstandes?

Marc van den Broek: Ich könnte natürlich sagen, ich hätte morgens gern meinen Cappuccino bei Giovanni getrunken, mit Blick auf die Elbe. Dann muss ich in die Innenstadt – das kann ich mir aber nicht leisten, die Räume wären viel kleiner. Also, ich müsste für diesen Luxus ziemlich viele Kompromisse eingehen. Da verzichte ich lieber von vorneherein auf den Luxus. Das habe ich schon immer. Und mich dafür auf die Arbeit konzentriert. Außerdem habe ich eine gute Kaffeemaschine.

Du sagst, der Kern deines Rothenburgsort-Bezuges sind die Menschen, die hier leben …

Die Existenz an der Peripherie macht etwas mit den Leuten, sie sitzen versteckt in ihren Löchern und schauen auf das Wesentliche. Vor zehn Jahren war hier noch nichts los. Jetzt bekommt der Ort eine neue U-Bahnstation, die schönste in ganz Deutschland – ich bin wirklich begeistert. Wenn sie noch den Wasserturm daneben platzieren, wird das zwar die Nachbarschaft verändern, aber das bin ich schon gewöhnt. So ist das mit der Peripherie, sie verändert sich ständig.

 

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Das Atelier von Marc van den Broek am Billhorner Röhrendamm.

 

Du bist jemand, der mehr beobachtet. Was ist dir mit Blick auf die Hamburger aufgefallen?

Es gibt viele Menschen, die keine Veränderungen wollen. Die sitzen auf dem Sofa, atmen flach und reden laut. Das kann man so machen, doch ändern kann sich dadurch natürlich nichts. Veränderung als Entwicklung ist wichtig. Aber sie muss bedacht gemacht werden, nicht aus reiner Spekulation. Das heißt, der Blick muss vom Geld irgendwann zu den Lebens- und Arbeitsbedingungen gehen. Vor allem, wenn man auch an die nächsten zwei, drei Generationen denkt.

Wer ist dafür verantwortlich und welche Eigenschaften braucht ein Mensch, um Dinge verändern zu können?

Jeder hat selbst eine Verantwortung zu tragen. Für einen Künstler bedeutet das anmaßend, größenwahnsinnig und grenzüberschreitend Dinge in die Welt zu setzen, an denen sich andere dann abarbeiten können. Es nützt doch nichts, wenn wir uns alle einig sind. Das Fundament der Demokratie ist die Bereitschaft, sich an Widersprüchen abzuarbeiten, flexibel und gleichzeitig standhaft. Mit Blick auf die Meinungen ist es das Prinzip des besseren Arguments. Bis das kommt, vertrete ich meinen Standpunkt und wenn es kommt, nehme ich es nicht persönlich, weil es nicht persönlich ist.

Die Fähigkeit, ein gutes Argument zu erkennen, ist nicht allen gegeben …

… weil viele egoverhaftet sind. Dabei geht es ja nicht um die Person, sondern darum, im Dialog herauszufinden, was die Wahrheit ist. Das muss natürlich alles auf einer respektvollen Ebene stattfinden. Richtiges Streiten ist eine sehr vernünftige Angelegenheit.

 

„Als Visionär trägst du die Verantwortung für Generationen“

 

Wie siehst du mit Blick auf die Streitkultur die Zukunft für Rothenburgsort, positiv oder negativ?

Schwer zu beantworten. Ich beobachte noch. Fest steht, dass es eine Verdrängung geben wird. Vor zehn Jahren haben sie mit den HafenCity angefangen und das rückt hier rüber. Die Frage ist, wie und wer wird verdrängt – und gibt es für diese Menschen eine Alternative? Als Visionär trägst du mit deiner Gestaltung die Verantwortung für Generationen.

Und du wirst auch das beobachten …

Hamburg ist zu lange nicht gewachsen. Die Politik hätte für jedes neue Viertel eine neue Infrastruktur schaffen müssen mit Polizei, Krankenhäusern, Kindergärten und so weiter. Das hätte viel Geld gekostet. Doch irgendwann konnten sie es nicht mehr aufhalten und als Hamburg das Zollgebiet aufgegeben hat, ist hier die größte Baustelle Europas entstanden. Das ist der Grund, warum ich hierher gekommen bin: Bei dieser Entwicklung will ich dabei sein. Und ich bin mittendrin.

 

Neues Stadtquartier: „Rothenburgsort 16“

 

Solange es für ihn etwas zu sehen gibt, wird Marc van den Broek also hier bleiben, am Billhorner Röhrendamm – mit einem nimmermüden Wesen, umgeben von Zeichen des kulturellen Willens. Wie etwa einer unweit verankerten Stahlblech-Skulptur, Relikt der Stadtteilkulturaktion „Zwischen Barmbek und Haiti“ von 1989. Doch eigentlich steht hier, in der Peripherie der Mitte, die Zukunft auf der Agenda: Das zuständige Bezirksamt legte schon im Mai 2018 einen Entwurf für die Umnutzung vor.

Hinter dem Arbeitstitel „Rothenburgsort 16“ steht die Idee für das Planungsgebiet Röhrendamm/Kanalstraße. Ein Mischquartier. Auf knapp fünf Hektar sollen hier Arbeits-, Wohn-, Erholungs-, Freizeit- und Einkaufswelt ineinander übergehen. Eine öffentliche Auslegung hat das Bezirksamt noch nicht arrangiert, aber glaubt man der Weitsicht des Künstlers, ist das nur eine Frage der Zeit. Die Peripherie ist schließlich ständig in Bewegung.

Marcvandenbroek.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2019. Das Magazin ist seit dem 28. Februar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Fettes Brot über „Viva La Bernie“ und Protestkultur

Fettes Brot: Die Hamburger HipHopper haben kürzlich gemeinsam mit weiteren Künstlern ihr Arbeitszuhause in der Bernstorffstraße 117 gerettet. Die Bewegung „Viva La Bernie“ wurde zum Symbol gegen Gentrifizierung nicht nur in Hamburg, sondern in allen deutschen Großstädten.

Wir haben Dokter Renz, König Boris und Björn Beton besucht und über Band- und Stadtpolitik gesprochen.

Interview: Erik Brandt-Höge
Fotos: Jens Herrndorff

SZENE HAMBURG: Fettes Brot, im Rahmen eurer Radioshow „Was Wollen Wissen“, zu der es nun auch ein Buch gibt, habt ihr erklärt: „Wir wissen zwar nicht alles, haben aber auf alles eine Antwort.“ Beschreibt das auch den Drang, zu allem etwas zu sagen?

Björn: Null! Ich finde, es ist eine bescheuerte Entwicklung unserer Zeit – vermutlich durch das Internet befeuert – zu allem seinen Senf abzugeben.

Bei anderen vielleicht auch eine Folge des ständigen In-der-Öffentlichkeit-Stehens? Viele prominente Künstler entwickeln mit der Zeit geradezu einen Äußerungszwang.

Björn: Ja, wobei wir Musiker mittlerweile ja auch zu den absurdesten Themen der Welt befragt werden – als ob wir dazu wirklich etwas sagen könnten.

Nie in Versuchung gekommen?

Boris: Ist ’ne Trainingssache. Ich spreche jetzt mal nur für mich: Als wir mit Fettes Brot anfingen, war ich deutlich ängstlicher, was das Dasein in der Öffentlichkeit angeht.

Inwiefern?

Boris: Ich war unsicher, wie ich reagieren sollte, wenn mich Leute ansprechen und mir sagen, dass sie mich entweder toll oder doof finden. Das musste ich erst mal lernen.

 

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Fettes Brot wollen Hamburg nicht als „Hort der Glückseligkeit“ erhöhen.

 

Wie hast du das geschafft?

Boris: Indem ich mir eine Distanz zu mir selbst bewahrt habe, also mich nicht all zu ernst genommen habe. Ich habe nie geglaubt, besonders wichtig zu sein, nur weil wir zum Beispiel gerade einen Chart-Hit hatten. Ich wusste immer: Es ist nur Musik – wir retten nicht die Welt.

Nicht die ganze, aber kleine Teile – etwa einen Hamburger Hinterhof, in dem ihr seit Jahren ein Arbeitszuhause habt – wie Dutzende andere Künstler. Um diesen Ort in der Bernstorffstraße zu erhalten, habt ihr euch klar positioniert …

Björn: … allerdings nicht, ohne vorher ausreichend darüber nachzudenken und zu reden. Wir sind da sehr besonnen.

 

„Es war eine sehr emotionale Geschichte für uns“

 

Was war das Contra-Argument bei „Viva La Bernie“?

Boris: Das generelle Problem, wenn wir uns äußern, ist dass es dann schnell heißt: „Fettes Brot sind gegen …“ Da geht es dann plötzlich nicht mehr um einzelne Berufe und Schicksale, sondern nur noch um unsere Fressen in der Presse. Aber damit muss man letztlich leben können.

War das Verantwortungsbewusstsein für euch und andere am Ende so groß, dass ihr euch entschieden habt, das Gesicht von der Bewegung zu werden?

Boris: Es war vor allem eine sehr emotionale Geschichte für uns. Hier auf dem Hof sind nur nette Leute, die sich kennen und ein solidarisches Miteinander pflegen. Wenn man so was hat und es bedroht wird, kann man sich aus der Sache eigentlich gar nicht raushalten.

Renz: Es war ein gemischtes Gefühl aus persönlicher Betroffenheit und eben diesem Verantwortungsbewusstsein einer Stadtentwicklung gegenüber, die letztlich nicht nur Hamburg, sondern ganz Deutschland betrifft.

 

„Geld regiert die Welt! Und das Kapital walzt die Freiräume nieder“

 

Viele fühlen sich dieser Entwicklung gegenüber nahezu ohnmächtig. Ihr euch auch manchmal?

Björn: Ja und nein. Einerseits denke ich: Verdammt, Geld regiert wirklich die Welt! Und das Kapital walzt die Freiräume nieder. Auf der anderen Seite gibt es immer wieder kleine Siege, die mich optimistisch stimmen. Ein weiterer Grund zur Hoffnung ist, dass es ein Umdenken in der Politik gibt, zumindest kommt es mir so vor. Ich will da gar nicht von bestimmten Parteien sprechen, aber es scheint doch, als würden gewisse Werte von denen, die in den wichtigen Ämtern sind, mehr und mehr verstanden werden.

Den Immobilieninvestoren kann man mit Pop-Kultur, Coolness, Kreativität und Diversität nicht kommen. Den Politikern schon. Und wenn die Stadt daraufhin die ein oder andere Immobilie zurückkauft, finden wir das toll.

Apropos Politik: Auf eurem neuen Album „Lovestory“ gibt es den Song „Du driftest nach rechts“. Es geht um die persönliche Enttäuschung des lyrischen Ichs, als es merkt, dass sein Freund sich zum Negativen verändert. Der Song erscheint durch seine Ohrwurm-Melodie am massentauglichsten auf dem Album. Habt ihr das ganz bewusst so gestaltet, damit die Message auch ins Radio kommt?

Renz: Mir war erst mal wichtig, dass wir das Thema Rechtsruck in einem Liebeslied abhandeln. Es wird also ganz anders erzählt, als in den meisten Songs, die es darüber gibt. Weder geht es um Parteien, noch gibt es einen erhobenen Zeigefinger. Nur die persönliche Ebene.

Boris: Wenn der Song ins Radio kommt, freuen wir uns natürlich, aber es gibt keinen Trojanisches-Pferd-Gedanken dahinter. Das Stück ist eher einfach so passiert.

 

„Du driftest nach rechts“ von Fettes Brot könnt ihr hier hören

 

Passiert euch Politik in Songtexten immer einfach so?

Boris: Ja, Politik ist fest in unsere Band-DNA. Sie kommt immer vor, aber wir müssen sie uns nie vornehmen.

Was den Rechtsruck in Hamburg angeht, ist Kollege Jan Delay sehr entspannt und meint: „Wenn Deutschland ein bisschen mehr wie Hamburg wäre, gäbe es zum Beispiel viel weniger Angst vor dem Fremden …“

Boris: … und das sagt man über eine Stadt, in der mal 20 Prozent Schill gewählt haben.

Jan meinte, durch den Hafen hätten Hamburger gelernt, dass ein Zusammenkommen der Kulturen eine Bereicherung wäre.

Björn: Klingt für mich nach Seefahrerromantik.

Renz: Aber ich mag dieses romantische Bild.

Björn: Ja, wohl fühle ich mich auch damit, dass man in Hamburg theoretisch Heimund Fernweh haben kann.

Boris: Fakt ist: Es gibt eine starke linke Protestkultur in Hamburg, die über Jahrzehnte gewachsen ist und feste Strukturen geschaffen hat. Das kann man richtig gut finden – aber ein Rückkehrschluss, dass es hier deshalb nur noch Friede, Freude, Eierkuchen und keine Idioten mit falschen Gedanken mehr gibt, ist nicht zulässig. Das Erhöhen von Hamburg als Hort der Glückseligkeit stößt bei uns auf Ablehnung.

Fettes Brot: 25.3., Knust, 20 Uhr (Die Lesung ist bereits ausverkauft).


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2019. Das Magazin ist seit dem 28. Februar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Operation Ton #12 – Konzerte und Workshops im Bunker

Initiiert von RockCity Hamburg e. V., werden bei Operation Ton #12 musikalische Zukunftsfragen am 29. und 30. März per Konferenz und Festival geklärt.

Text: Erik Brandt-Höge
Foto: Robin Hinsch

Judith Holofernes, PeterLicht, H. P. Baxxter, BOY, Enno Bunger: Die Liste der Operation Ton-Gäste seit der Erstausgabe 2007 liest sich so imposant wie divers. Liegt natürlich an der Ausrichtung der Konferenz- und Festivalreihe: Alle denkbaren popkulturellen Bereiche sollen beleuchtet, besprochen und weitergedacht werden.

Musiker und Musikschaffende aus dem gesamten Bundesgebiet kommen hierfür zusammen, im Resonanzraum, dem OT-Hauptquartier und an vielen weiteren Spielorten rund um den Hamburger Medienbunker, um ihre Themen zu diskutieren. Workshops, Labore, Lesungen, Konzerte: Das Programm ist immer pickepackevoll, auch in diesem Jahr. Die Organisatoren von RockCity Hamburg e. V. – Zentrum für Popularmusik haben keine Mühen gescheut, um den OT-Teilnehmern zwei Tage lang bestmögliches Infotainment zu bieten.

Das jetzige Motto: „UNITY!“ Logisch, dass ein Ziel der Veranstaltungen die Verschworenheit aller Anwesenden ist. Es geht um Schulterschlüsse und die gemeinsame Entwicklung von Ideen, wie ein Überleben im Musikgeschäft auf Dauer möglich ist.

 

Bühnengespräche, D. I. Y. und Fehler, die voranbringen

 

Unter anderem sicherlich erlebenswert: ein Bühnengespräch mit Gudrun Gut über D. I. Y. und Selbstvermarktung, das ebenso für den ersten OT-Tag angesetzt ist wie ein Panel zum Thema „Welche Stadt braucht die Musik?“, bei dem auch Andrea Rothaug von RockCity anwesend sein wird. Und ein Talk am Tag darauf mit Gereon Klug und Andreas Dorau über Fehler. Ja genau: Fehler, und wie diese einen irgendwie doch weiterbringen und womöglich zum nächsten großen Hit führen können.

Diese und alle weiteren Programmpunkte von Operation Ton besitzen freilich eine ziemliche Branchenwichtigkeit. Denn wo und wie sonst können diejenigen, die mit und für die Musik arbeiten, so viele spannende Gleichgesinnte und neue Impulse finden?

Holt euch eure Tickets für Operation Ton im SZENE HAMBURG Ticketshop, in Kooperation mit Reservix.

 

Operation Ton: 29. + 30.3., an diversen Orten in Hamburg.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2019. Das Magazin ist seit dem 28. Februar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburger des Monats – Petra und Anne von KulturLeben

Mit kostenlosen Tickets für Theater und Konzerte will der Verein Kulturleben Hamburg prekär lebende Menschen aus der Vereinsamung holen. Vor Kurzem haben die Geschäftsführerin Petra Schilling (links) und Anne Busch, Projektkoordinatorin, den Kulturklub gegründet, der sich speziell an Kinder richtet.

Interview: Hedda Bültmann
Foto: Torben Averkorn

SZENE HAMBURG: Petra und Anne, welche Vision steht hinter Kulturleben Hamburg?

Petra: Kulturleben Hamburg wurde Anfang 2011 als Verein gegründet und die ersten vier Jahre komplett ehrenamtlich betrieben. Der Impuls für die Idee kam damals aus der Tafel-Bewegung, denn das Prinzip lässt sich ja auf viele Bereiche in unserer Gesellschaft übertragen, in denen Teilhabe für Menschen mit geringem Einkommen nicht oder nur sehr begrenzt möglich ist.

Von unseren Kulturpartnern bekommen wir Eintrittskarten als Spende, die wir kostenfrei an unsere Kulturgäste weitervermitteln. Da die Vermittlung über uns läuft, muss niemand an der Abendkasse etwas vorweisen wie einen ALG II-Bescheid, das ist für die meisten sehr wichtig.

Mittlerweile haben sich rund 8.000 Kulturgäste bei euch angemeldet. Wuppt ihr das noch immer ehrenamtlich?

Petra: Aktuell engagieren sich bei uns rund 50 Menschen ehrenamtlich. Alles, was für unsere Arbeit an Kosten anfällt wie Miete, Telefonanschlüsse, Flyer bezahlen wir aus Spendengeldern. Mitte 2015 konnte der Verein dank einer Projektförderung von der Sozialbehörde die Teilzeitstelle schaffen, auf der ich heute arbeite. Das Hauptamt hat noch mal ganz neue Energien freigesetzt, denn in den letzten beiden Jahren ist die Anzahl der Teilnehmer um 60 Prozent gestiegen.

Die Nachfrage ist immens hoch und steigt weiter. Rein ehrenamtlich wäre das mittlerweile nicht mehr machbar. Aber im Kern bleiben wir eine Organisation, die vom Ehrenamt getragen wird. Das ist ein wichtiger Teil unseres Selbstverständnisses.

 

„Wir möchten Kultur als gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen“

 

Wie geht es weiter?

Petra: Wir wollen unser Angebot so vielen Menschen wie möglich zugängig machen. Im kommenden Jahr steht für uns daher die Gewinnung neuer Kulturpartner und der Ausbau unseres bereits bestehenden Netzwerks ganz oben auf der Agenda. Kurz gesagt, wenn die Gästezahlen steigen, brauchen wir auch mehr Kartenspenden, damit wir unser Angebot in gleicher Qualität aufrechterhalten können. Denn wir möchten ja nicht nur zwischendurch mal ein schönes Einzelerlebnis anbieten, sondern regelmäßig Kultur als gelebte gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen.

Ihr habt eine Einkommensgrenze festgelegt, die dazu berechtigt, sich bei euch anzumelden. Dabei fallen einige durchs Raster, die gerade so daran vorbeirutschen und sich dennoch keine Kultur leisten können …

Petra: Ja, die gibt es bestimmt. Aber wir mussten eine für uns vertretbare Grenze ziehen. Auch die Kulturhäuser, die öffentliche Gelder erhalten, müssen nachweisen, an wen sie Karten umsonst abgeben. Wir bemühen uns, eine gute Mitte zu finden, so dass wir möglichst viele Menschen mitnehmen, aber auf der Anbieterseite kein Haus verlieren.

Ihr vergebt eure Karten paarweise. Warum?

Petra: Ja genau, in der Regel bekommt jede Person zwei Karten. So können unsere Kulturgäste jemanden ihrer Wahl als Begleitung mitnehmen. Zum einen wirkt das der Vereinsamung entgegen, und zum anderen können die Leute so auch mal wieder jemanden einladen. Das bekommen wir oft zurückgespiegelt, dass es für die Menschen ein besonders schönes Erlebnis ist, mal wieder in der Lage zu sein, einem anderen etwas zu schenken, da viele ja schon seit Jahren prekär leben.

 

„Für viele ist schon das Überschreiten der Stadtteilgrenze ein ungewohnter Schritt“

 

Leben Menschen an der Armutsgrenze oft einsam?

Anne: Ja, Armut ist stark mit Isolation und Einsamkeit verbunden. Die Betroffenen ziehen sich immer mehr zurück. Wir möchten dagegen anarbeiten und den Menschen eine Möglichkeit geben, wieder teilzuhaben. An der Kultur, aber auch an der Gesellschaft. Die Gelegenheit, mal rauszukommen, über den Tellerrand zu blicken und mal was anderes zu sehen. Für viele ist schon das Überschreiten der eigenen Stadtteilgrenze ein ungewohnter und manchmal auch herausfordernder Schritt. Hier wollen wir Mut machen.

Bewirkt die Armut in der Familie auch bei den Kindern Rückzug?

Anne: Oft leben auch die Kinder isoliert. Das hat auch viel mit Scham zu tun. Ein Grund kann der beengte Wohnraum sein oder das, was es bei ihnen zu Hause zu Essen gibt. Die Scham führt dazu, dass sie keine Freunde mit nach Hause bringen mögen. Das fängt früh an, dass sich die Kinder dann ins Familiäre zurückziehen. Gleichzeitig sind die Familien aber auch mehrfach von enormen Stressfaktoren belastet.

Deshalb habt ihr im letzten Jahr den Kulturklub gegründet, der speziell Kinderveranstaltungen vermittelt?

Anne: Wir haben letztes Jahr das Pilotprojekt auf St. Pauli gestartet und wollen jetzt unser Netzwerk, das auf Kinder und Familien ausgerichtet ist, auf andere Stadtteile ausweiten. Auf Seiten der Sozialpartner kooperieren wir beispielsweise mit der GWA auf St. Pauli, der Ganztagsschule im Viertel und mehreren Beratungsstellen für Familien. Für Kinder ist die kulturelle Teilhabe enorm wichtig und kann Weichen für die Zukunft stellen. Der Kulturklub will dazu beitragen, die bestehende sozial bestimmte Chancen-Ungerechtigkeit für Kinder auszugleichen.

 

„Wir bauen auf die Neugierde von Kindern“

 

Kultur hat dazu die Kraft?

Anne: Sie ist auf jeden Fall ein Teil des Pakets, das notwendig ist, um Kinder zu bestärken und aus ihrem Alltag herauszuholen, in dem sie oft mit schwerwiegenden Problemen konfrontiert sind. Beim Theater- oder Konzertbesuch finden sie vielleicht neue Anstöße zu Themen, die sie beschäftigen. Gleichzeitig haben sie einen Raum, ihre Erlebnisse zu reflektieren und eine neue Perspektive zu entdecken. Das kann den Bildungsweg weiter ebnen. Wir bauen auf die Neugierde von Kindern und hoffen, dass sie von dem Angebot profitieren und daraus etwas für ihre Zukunft mitnehmen.

Wenn schon das Verlassen des eigenen Stadtteils eine Herausforderung ist, wie schwer fällt es euren Gästen, ein Theater zu betreten?

Petra: Wir bekommen häufig mit, dass die Hemmschwelle da ist. Das ist auch der Grund, warum wir noch ganz altmodisch den Telefonhörer in die Hand nehmen und nicht online vermitteln. Viele unserer angemeldeten Kulturgäste würden ohne unseren Anruf nicht losgehen. Das liegt auch an teilweise ganz alten Bildern. Dass man zum Beispiel nur im Pelzmantel in die Oper gehen oder im Schauspielhaus keine Jeans tragen darf. Unser Team versucht im Vorfeld, die vorhandenen Schwellen ängste abzubauen und die Menschen zu motivieren, sich auf das Wagnis Kultur einzulassen.

KulturLeben Hamburg e.V.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2019. Das Magazin ist seit dem 28. Februar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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