Anahit Vardanyan: Orientalische Techno-Sets aus Hamburg

Anahit Vardanyan ist Pianistin, Produzentin und Techno-DJ. Vor vier Jahren zog sie von Armenien nach Deutschland. In SZENE HAMBURG spricht sie über den aktuellen Konflikt in ihrer Heimat, unterschiedliche Musikszenen und ihren künstlerischen Werdegang

Interview: Ole Masch

 

SZENE HAMBURG: Anahit, wie kam es dazu, dass du nach Hamburg gezogen bist?

Anahit Vardanyan: Nachdem ich mein Musik-Bachelorstudium in Jerewan erfolgreich abgeschlossen hatte, wollte ich neue Wege für meine Zukunft finden. Ich bin Pianistin und in Deutschland habe ich die Möglichkeit, mich als Musikerin weiterzuentwickeln.

Leider ist es in Armenien schwieriger als Künstlerin international Fuß zu fassen. Für niemanden ist es einfach, seine Heimat zu verlassen, weit weg von Familie und Freunden. Die größte Hürde war und ist die Sehnsucht nach meinem vergangenen Leben.

Hast du noch engen Kontakt in deine alte Heimat?

Obwohl ich in Hamburg wohne, ist meine Verbindung nach Armenien noch stärker geworden. Meine Familie und mein enger Freundeskreis leben dort. Ich besuche sie so oft wie möglich und freue mich jedes Mal da zu sein. Diese kurze, aber intensive Zeit gibt mir Kraft und ist sehr wertvoll für mich.

 

Ehrlich und geradeaus

 

Seit wann legst du auf?

Seit ungefähr zweieinhalb Jahren. In Hamburg hatte ich mein Masterstudium Multimediale Komposition begonnen und anschließend kam die Leidenschaft, aufzulegen. Ich habe dort auch erste Erfahrungen mit dem Produzieren von elektronischen Klängen gemacht, entwickle mich ständig weiter und versuche, meinen einzigartigen Sound zu finden. Dadurch, dass die elektronische Musik sehr vielfältig ist, kann ich meiner Kreativität freien Lauf lassen.

Wie würdest du deinen Sound beschreiben?

Mit einem starken Drang zur Dramatik, aber immer ehrlich und geradeaus. Gefüllt mit akustischem Klavierklang, melodischen und orientalischen Elementen.

Hast du schon in Armenien aufgelegt?

Mein letzter Gig war im März 2020 in Jerewan bei der Kitchen Label Night. Ein paar Tage vor dem Lockdown. Dies war auch mein erster Auftritt in Armenien. Es war so eine besondere Atmosphäre, die mir bis heute Gänsehaut bereitet. Das armenische Publikum schenkte mir so viel Liebe und positive Energie.

Kannst du die Technoszene dort in ein paar Sätzen beschreiben?

Die elektronische Musik in Armenien entwickelt sich in großen Schritten weiter. Immer mehr DJs und Producer legen international auf und gründen eigene Labels. Ich bin sehr stolz, wenn ich deren Arbeit sehe und habe die Hoffnung, dass unsere Techno-Community wächst.

Was sind die größten Unterschiede zur deutschen Community?

Berlin als Techno-Hauptstadt prägt das ganze Land und international. Wirtschaftlich ist Deutschland mit den großen Festivals sehr weit vorne. Auch die Hamburger Szene ist eine ganz besondere. Ich hatte schon viele Gigs in den großen Clubs wie Uebel & Gefährlich, Fundbureau, Waagenbau oder Docks.

 

„Ich glaube an die Kraft und den Mut meines Landes“

 

Dass Armenien in letzter Zeit vermehrt in den Schlagzeilen stand, hatte einen ernsten Hintergrund. Kannst du die aktuelle Situation beschreiben?

Letztes Jahr erlebten wir einen Krieg um die Region Berg-Karabach. Die Nachkriegszeit ist sehr schwierig für meine Nation und es ist schmerzhaft zu sehen, wie die Bevölkerung mit den Konsequenzen umgehen muss. Aber ich glaube an die Kraft und den Mut meines Landes. Wir haben schon sehr viele schwierige Zeiten erlebt und werden auch diese Situation meistern.

Welche Auswirkungen hat der Krieg auf dich und dein Umfeld?

Natürlich ist es sehr schmerzhaft, einen Teil deines Landes zu verlieren. Einen Ort, den ich selbst sehr oft besucht habe. Das ist unsere Geschichte und ein Teil unserer Kultur. Sich davon zu verabschieden, ist nicht einfach und die Hoffnung bleibt bestehen.

Findest du die Berichterstattung in Deutschland hierzu angemessen?

Meine ehrliche Meinung dazu ist, dass Deutschland eine zu neutrale Position eingenommen hat. Insgesamt war für mich die Menge an Berichterstattung leider zu wenig. Trotzdem bin ich dankbar für Politiker, Journalisten und Künstler, die darauf aufmerksam geworden sind und ihre internationale Reichweite genutzt haben, um zu polarisieren.

Wie könnte man von Deutschland aus helfen?

Die größte Organisation, die ich empfehle, ist The Armenia Fund. 1994 in Los Angeles gegründet, steuerbefreit, nichtstaatlich und nichtpolitisch. Deren Vision ist ein globales armenisches Netzwerk aufzubauen und Entwicklung zu fördern. Und jeder Mensch, der sich mit diesem Thema auseinandersetzt und die Geschichte von Armenien versteht, ist wertvoll für unsere Zukunft.

Corona ist auch in Armenien ein Thema. Wie geht das Land damit um?

Die Maßnahmen und Beschränkungen sind ähnlich wie in Deutschland. Impfungen werden aktuell noch nicht durchgeführt. Aktuell sinkt aber die Zahl an neuen Fällen und das öffentliche Leben entwickelt sich zur Normalität.

 

Techno zu Corona

 

Du bist als Künstlerin in Deutschland besonders von den Maßnahmen betroffen. Wie hat Corona dein Leben verändert?

Es hat meinen Beruf sehr stark eingeschränkt. Von heute auf morgen wurden alle Auftritte abgesagt und es gab keine Möglichkeit, vor Publikum aufzutreten. Für eine Musikerin ist es sehr wichtig, die Verbindung mit den Menschen aufzubauen und die Musik zu teilen. Auch finanziell sind alle Einnahmen weggebrochen und ich habe lediglich ein paar Hilfen vom Staat erhalten, die von Monat zu Monat weniger wurden.

Hast du Alternativen gesucht?

Durch engagierte Eventmanager wurden großartige Projekte im Live-Stream umgesetzt. Dadurch ist die Branche weiterhin lebendig geblieben, es wurde sehr viel Herz und Fleiß investiert und durch kleine Spendenaktionen gezeigt, wie stark sie zusammengewachsen ist. Ich habe ein paar Live-Stream-Sets in Berlin, Hamburg und Jerewan gespielt.

Du kannst der Pandemie also auch Positives abgewinnen?

Ja, ich habe viel mehr Zeit gehabt, mich ins Studio einzuschließen, zu musizieren und viele Projekte für die Zukunft geplant. Aber ich kann für alle Künstler sprechen, dass es das Wichtigste ist, vor einem Live-Publikum zu stehen und dessen Reaktion und Liebe aufzusaugen.

Reaktionen erhältst du auch auf Instagram. Dein Account hat über 30.000 Follower. Wie wichtig sind soziale Netzwerke für dich?

Allgemein ist es als Künstlerin wichtig, eine große Reichweite aufzubauen. Ich erreiche Menschen aus verschiedenen Ländern, die Teil der Community sind.

Techno ist nicht nur eine Musikrichtung, sondern auch eine Philosophie, die Menschen zusammenbringt, die eine gleiche Weltanschauung teilt und friedlich kommuniziert. Meine Community gibt in der schwierigen Zeit so viel positives Feedback, was mich immer wieder aufs Neue motiviert.

Welche musikalischen Projekte verfolgst du zurzeit?

Ich habe kürzlich meine EP „Tatev“ auf dem Label Hydrozoa aus Los Angeles releast. Ein Freund und talentierter Produzent, André Winter, hat einen Remix für den Track beigesteuert. Dazu habe ich auch ein künstlerisches Musikvideo herausgebracht. Gebt mir gerne Feedback und schreibt mich an. Ich würde mich freuen.

 

 

Wo können wir im Februar mehr von dir hören?

Ich werde einen Live-Stream mit Oliver Huntemann im Uebel & Gefährlich spielen und ein einstündiges Set bei dem Label Octopus auflegen. Meine Musik ist auf allen Plattformen wie Spotify, Beatport, Apple Music oder Soundcloud zu hören.

 

 

Was planst du für 2021?

Pläne sind schwer zu verwirklichen, wenn es um Auftritte geht. Es gibt einige Booking-Anfragen, nur muss auch der Veranstalter die Situation mit Corona abschätzen. Deshalb nutze ich die Zeit für ein Projekt, welches ich ab Februar in Armenien verwirkliche. Hoffentlich wird es wieder möglich sein, vor einem Live-Publikum zu spielen, denn dies ist meine Leidenschaft und werde ich auch in Zukunft verfolgen.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Januar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Simon Urban über „Wie alles began und wer dabei umkam“

Wer’s erbaulich mag, ist hier falsch: Simon Urbans „Wie alles begann und wer dabei umkam“ ist eine schwarzhumorige Gesellschaftsanalyse und ein tollkühnes Gedankenexperiment

Interview: Ulrich Thiele

 

SZENE HAMBURG: Simon Urban, der Ich-Erzähler ist ein Soziopath. Muss ich mir Sorgen machen, wenn ich mich als Leser hin und wieder indentifiziere?

Simon Urban: Ganz und gar nicht. Aus Autorenperspektive ist das sogar ein großes Kompliment, wenn es gelingt, dass man sich als Leser dabei ertappt, sich mit einer Figur zu identifizieren, obwohl sie Dinge tut oder denkt, die dem eigenen Wertekanon widersprechen. Wir alle tragen ja tabuisierte Gedanken in uns. Wir sprechen sie nur aus naheliegenden Gründen nicht aus.

Justus Hartmann ist angetrieben davon, tabuisierte Haltungen und Empfindun- gen aus den Menschen seines Umfeldes zu kitzeln. Haltungen, „die wir in uns einzuschließen verdammt sind, weil ihre öffentliche Äußerung unsere soziale und ökonomische Existenz erst gefährden und schließlich vollständig vernichten würde“. Wie war das, mehrere Jahre mit so einer Figur zu leben?

Das war eine schöne Zeit, ich habe das sehr genossen! Weil der Charakter eine so große Ehrlichkeit und Unverblümtheit besitzt. Er ist besessen von der Frage, was richtig ist und was falsch und wie man als Mensch und als Gesellschaft damit umzugehen hat. Zugleich ist er ein im besten Sinne amoralischer – oder noch besser: außermoralischer – Charakter.

 

„Was darf man nur denken?“

 

Das hat teilweise fast etwas Tourette-haftes. Er kann einfach nicht anders, als zu sagen, was er denkt. Und so ein Mensch bringt automatisch gesellschaftliche Gefüge, die oft auf Konsens und Behutsamkeit und bestimmte Sprachregeln ausgelegt sind, maximal in Unordnung. Das macht natürlich Spaß, ich empfinde es aber auch als befreiend. Und auch wenn das nicht das Hauptthema des Romans ist, passt es natürlich gut in unsere Zeit. Was darf man in welcher Umgebung offen aussprechen? Was darf man nur denken? Und was darf man vielleicht noch nicht einmal denken?

Sie verhandeln diese Fragen anhand des Rechts. Der Protagonist, ein hochintelligenter Jurastudent, ist mit dem deutschen Gesetz nicht einverstanden, begibt sich auf Weltreise nach Neuguinea und Singapur für ein „Studium der Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit in Theorie und Praxis“ und entwirft ein universelles Rechtssystem, das das Leid der Angehörigen eines Opfers ins Strafmaß einberechnet und in dem auch Kategorien wie Rache und die Todesstrafe Platz bekommen. Warum das Recht?

Ein einfacher Grund für mein Interesse an diesem Thema wird sein, dass ich selbst beruflich aus der Art geschlagen bin: Ich komme aus einer Juristenfamilie, meine beiden Eltern waren Richter, sogar mein Großvater und mein Urgroßvater waren schon Richter. Ich bin immer fasziniert gewesen von der Frage, was genau Gerechtigkeit ist und wie sie sich herstellen lässt. Wie ist das Verhältnis des Individuums zu dem rechtlichen System, in dem wir als Angehörige einer Nation zu existieren gezwungen sind? Was passiert, wenn man sich damit nicht in Einklang befindet?

Es ist ja durchaus denkbar, dass es irgendwo auf der Welt ein Rechts- system gibt, dessen Regeln unserem persönlichen Gerechtigkeitsempfinden sehr viel mehr entsprechen als die praktizierte Rechtsprechung, der wir hierzulande unterworfen sind. Wir sind aber qua Geburt genötigt, mit unserem System zu leben, es zu respektieren und zu akzeptieren. Der Held meines Romans will sich damit nicht abfinden. Er tut etwas Unerhörtes, Anmaßendes und nimmt das Gesetzeschreiben schließlich selbst in die Hand.

 

„Mein Held ist gerechtigkeitssüchtig“

 

Er ist alles andere als ein mitfühlender Mensch. Trotzdem kritisiert er eine seiner Meinung nach fehlende Opfer- empathie im deutschen Recht. Einmal sagt er selbst, dass seine Gerechtigkeits- sucht wie eine sexuelle Obsession sei und nicht aus Mitgefühl heraus resultiere. Wie passt das zusammen?

Der Vergleich mit dem Sexualtrieb sagt: Hier geht es um etwas, das uns ausmacht, das intuitiv oder sogar genetisch ist und sich eigenständig meldet. Etwas, das wir letztlich hinnehmen müssen, weil es zu uns gehört.

Ich mag dieses Schopenhauer-Zitat sehr, weil es genau das auf den Punkt bringt: Der Mensch kann tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was wer will. Mein Held ist gerechtigkeitssüchtig und dagegen ist er machtlos, es ist ein Zwang. Wenn er dem deutschen Recht vorwirft, die Opfer nicht ausreichend zu berücksichtigen, tut er das tatsächlich nicht aus Empathie, sondern weil sein Gerechtigkeitsempfinden hier einen Mangel registriert. Ein Soziopath, der Empathie anmahnt, das empfand ich als spannende Konstellation.

Justus ist ein unzuverlässiger Erzähler, man kann ihm nicht ganz trauen. Wie soll man sich zu ihm verhalten?

Ich fürchte, das muss jeder Leser für sich entscheiden. Das Gleiche gilt ja letztlich auch für die Haltungen der Figur. Man kann sich auf seine Gedankenspiele einlassen und ihm ein Stück weit folgen oder sie sofort konsequent zurückweisen.

Was den unzuverlässigen Erzähler angeht, das ist ja letztlich eine grundsätzliche Frage, wenn es um Fiktion geht: Glaube ich das, was mir erzählt wird? Auch wenn es unglaublich ist? Ich schätze, bei Justus sollte man besser auf der Hut sein.

Sandra – eine Freundin des Protagonisten – schreibt in einem Brief von seiner egozentrischen Radikalität, die vielleicht nötig sei, um in unserer heutigen Welt noch das sein zu können, was man sein muss. Was meint sie damit?

Sandra ahnt zwar nur, was Justus zu diesem Zeitpunkt tut, aber sie hat offenbar ein ganz gutes Gespür. Die Formulierung, die Sie zitieren, bezieht sich in erster Linie auf die archaische Rolle, die mein Held sich zunehmend zu eigen macht. Ohne zu viel verraten zu wollen: Er belässt es nicht dabei, neue Gesetze zu verfassen, seine Gerechtigkeitsobsession treibt ihn noch weiter.

Inwiefern eine archaische Rolle?

Wir alle kennen solche Konstellationen aus vornehmlich amerikanischen Filmen. Der Mann, der das Recht in die eigenen Hände nimmt, weil es sonst keiner tut. Allerdings sind das meistens Charles-Bronson-mäßige Typen, die einerseits die physischen Voraussetzungen für ihre Agenda mitbringen, aber zugleich nie den Mund aufbekommen und ihre Gedanken mit uns teilen.

Mein Experiment besteht darin, das Prinzip umzudrehen: Mein Held ist anfangs ein unsportlicher Lappen, der aber permanent reflektiert. Ein Anti-Bronson, wenn man so will. Aber genau deshalb hoffentlich literarisch deutlich interessanter.

 

Archetypen aus dem Superhelden-Genre

 

Der gesamte Roman ist wie eine Genesis, das Ende ist der eigentliche Anfang, wie ja schon der Titel verdeutlicht. Sozusagen „Batman Begins“. Warum diese Vorgeschichte als Hauptprinzip?

Die vermeintliche Vorgeschichte ist hier die Geschichte, weil sie natürlich den mit Abstand spannendsten Teil der Figurenentwicklung erzählt. Wie wird jemand zu dem, was er ist? Die „Batman“-Trilogie von Christopher Nolan nennen Sie völlig zu Recht, denn tatsächlich gibt es einige Parallelen. Aber am Ende sind die Unterschiede in meiner Wahrnehmung größer.

Der Roman orientiert sich zwar an filmischen Strukturen, an Topoi und Archetypen aus dem Superhelden-Genre. Aber weil es hier um Literatur geht, um einen psychologischen Roman, um eine andere Art der Heldenreise, passiert auch mit diesen Zutaten etwas anderes.

Die Figuren und ihre Motivationen sind komplexer, gebrochener, es gibt viel mehr Ebenen und weniger Schwarz-Weiß. Gerechtigkeit und Recht sind komplexe Themen und hier ist Literatur klar im Vorteil. Sie wird dieser Tatsache viel eher gerecht, als es 90 Filmminuten könnten, die am Ende noch durch die Marktforschung müssen.

Hätte der Roman auch kürzer, dichter sein können als die mehr als 500 Seiten, oder braucht es den Platz, um die Entwicklung in ihrer Dauer nachfühlen zu können?

Es brauchte meines Erachtens tatsächlich diese Länge. Ich habe mich ja gerade nicht auf die Machart eines Actionfilm-Charakters beschränken wollen, der die Bühne schon fertig betritt. Auf seine Weise ist „Wie alles begann…“ eben auch ein Entwicklungsroman. Und das braucht Raum. Und weil Gerechtigkeit ein universelles Thema ist, und somit logischerweise größer als Landesgrenzen, hatte ich außerdem Lust, meinen Helden aus einem geografisch eingezirkelten Denkraum ausbrechen zu lassen.

 

Wert der Überforderung

 

Wem würden Sie Ihren Roman empfehlen?

Ich sitze sehr gerne und gut zwischen den Stühlen von E- und U-Literatur. In Deutschland, so mein Eindruck, existiert noch immer eine recht strikte Trennung von Unterhaltungsliteratur und ernsthafter Literatur, anders als beispielsweise in den USA, wo diese Bereiche viel konsequenter und lustvoller verquickt werden, ohne dass sich jemand wundert. Das hat mir immer gefallen.

Für meine Begriffe darf und soll das, was Tiefe erreichen und Existenzielles erzählen will, sehr gut unterhalten. Ich empfinde es sogar als Defizit, wenn Literatur das nicht tut. Was ich versuche, ist also immer EU-Literatur.

In einem Kurzvideo im Rahmen der Hamburger Literaturpreise sagen Sie, dass Sie mit Ihrer Literatur auch überfordern wollen. Worin liegt der Wert der Überforderung?

Die große Möglichkeit der Literatur ist es, sich in menschliche Köpfe und Denkräume vorzutasten, die uns normalerweise nicht zugänglich sind. Das sind Bereiche, die Literatur aufschließen und sichtbar machen kann. Auf diese Weise eine Figur zu begleiten, die sich beispielsweise erdreistet, im Alleingang die Gesetze eines Landes zu verändern, und die auch sonst kein Blatt vor den Mund nimmt, ist sicher immer wieder eine Überforderung, weil es so ruchlos ist. Aber hoffentlich auch: Bereicherung, Erkenntnis, Perspektivwechsel, Spaß am Zynismus und der Verdorbenheit eines Charakters.

Als Leser selbst liebe ich diese Form der Überforderung, ich werde gerne gezwungen, Zeit im Kopf von Personen zu verbringen, die ganz anders sind und ticken als ich. Schließlich sind wir uns in unserem selbst geschaffenen sozialen Umfeld schon zunehmend einig in allen Belangen. Da sollte Literatur uns immer auch mit dem „Anderen“ konfrontieren. Und erbaulich sind ja schon die meisten Fernsehfilme im Öffentlich-Rechtlichen. Ich finde, das reicht.

Simon Urban: „Wie alles begann und wer dabei umkam“, Kiepenheuer & Witsch, 544 Seiten, 24 Euro. Erscheint am 11.2. Die für den 23.2. geplante Autorenlesung im Literaturhaus wird auf März verschoben


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Hinz&Kunzt: Chefredakteurin Annette Bruhns im Interview

Nach 25 Jahren beim „Spiegel“ übernahm Annette Bruhns die Chefredaktion bei „Hinz&Kunzt“. Im Interview spricht sie über ihre Motivation, die Bedeutung des Magazins für die Hamburger Obdachlosen und was beim Hamburger Winternotprogramm schiefläuft

Interview: Marco Arellano Gomes

 

SZENE HAMBURG: Annette Bruhns, Sie waren 25 Jahre lang beim „Spiegel“ und sind jetzt seit Anfang des Jahres Chefredakteurin bei „Hinz&Kunzt“. Warum?

Annette Bruhns: Weil das für mich einer der coolsten Jobs ist, den der Journalismus zu vergeben hat. Ich habe hier tolle Gestaltungsfreiheiten: 60 Seiten, die ich Monat um Monat mit Themen füllen kann, mit spannenden, relevanten Texten. Und mit Bildern von hervorragenden Fotografen. Die „Hinz&Kunzt“ bietet alles, was ein gutes Magazin ausmacht.

Was ist der größte Unterschied zum „Spiegel“?

Der „Spiegel“hat natürlich irre hohe Standards, die arbeitsteilig organisiert sind, mit eigenem Archiv, Verifikationsabteilung, Justiziariat, Schlussredaktion. Diese Standards habe ich quasi inhaliert. Da muss sich die Redaktion nun beugen – ein wenig zumindest (lacht). Ich habe aber den Eindruck, dass alle dazu auch Lust haben.

 

Professioneller Journalismus und soziales Projekt

 

Was ist in Ihren Augen das Besondere an „Hinz&Kunzt“?

Die „Hinz&Kunzt“ bietet professionellen Journalismus und ist zugleich ein soziales Projekt. Die obdachlosen Verkäufer und Verkäuferinnen sind quasi freie Unternehmer und haben durch den Verkauf der Straßenzeitung Einnahmen sowie eine Struktur in ihrem Alltag.

Das Besondere ist, dass sie den Mitmenschen gegenüber gleichberechtigt auftreten und etwas anbieten können, statt nur um Almosen zu bitten. Dadurch entsteht ein ganz anderer Umgang.

Was möchten Sie anders machen?

Ich kann mich mit dem Bisherigen gut identifizieren und sehe einen langsamen, behutsamen Wandel vor mir. Eine Sache, die wir ändern werden, ist, dass wir weniger Verkäuferinnen und Verkäufer auf dem Cover zeigen, damit nicht der Eindruck entsteht, dass Obdachlosigkeit unser einziges Thema ist.

Dieses Magazin ist ungeheuer vielseitig. Wir sind und bleiben als Projekt eine Lobby für Arme, aber als Magazin fühlen wir uns ganz klar dem unabhängigen Journalismus verpflichtet.

Wird es keine inhaltliche Neuausrichtung geben?

Ich sehe eine Menge Themen, die wir spielen können, ohne den Markenkern zu vernachlässigen. Ich möchte unbedingt Frauen sichtbarer machen, die zwar nicht obdachlos sind, aber bettelarm. Meiner Meinung nach tut Deutschland nicht genug für Ein-Eltern-Familien.

Es wird auch jede Menge Tipps geben, wie man seine Freizeit ohne viel Knete bestreiten kann, nach dem Motto: „Elbinsel statt Elphi“.

 

Digitale Veränderungen

 

Viele Magazine haben an Auflage und Anzeigen verloren. Wie sieht es bei Hinz&Kunzt aus?

Natürlich merken wir, dass die Leute weniger Print lesen. Ich will deshalb, dass wir so schnell wie möglich den digitalen Erwerb der Zeitschrift ermöglichen. Die Verkäufer könnten das Heft mittels eines QR-Code anbieten und die Zahlung digital abwickeln. Wir hoffen, dass Wirtschaftsminister Altmaier, der ja für die Digitalisierung 200 Millionen Euro zur Verfügung stellt, jetzt mal in die Puschen kommt, sodass die Straßenmagazine gemeinsam einen Antrag stellen können.

Ist „Hinz&Kunzt“ bei den Menschen ausreichend präsent?

Nein, deshalb müssen wir die Informationen verstärkt über unsere Website und Social-Media-Kanäle an die Hamburger und Hamburgerinnen herantragen – und das werden wir auch.

„Hinz&Kunzt“ hat schon immer viel Unterstützung von Profis oder Agenturen pro bono bekommen. Das ist großartig! Ich kann mir auch gut vorstellen, ehemalige Kollegen als Autoren zu gewinnen.

Wie wird man eigentlich Hinz&Künztler?

Die Verkäufer und Verkäuferinnen in spe wenden sich dazu an unsere Sozialarbeiter und werden im Vertrieb geschult. Zu Beginn erhalten sie zehn Zeitungen kostenlos. Mit den Gewinnen können sie weitere Zeitungen für 1,10 Euro erwerben und zum regulären Preis von 2,20 Euro verkaufen. Oft kriegen sie etwas mehr drauf. Sie bilden also eine Art Mini-Kapital, das sie vermehren können, wenn sie mit ihrem Geld und den Magazinen gut umgehen. Das ist klassische Hilfe zur Selbsthilfe.

Wir helfen auch dabei, Wohnungen zu finden und stellen Bürgschaften bereit. Niemand ist freiwillig obdachlos. Diese Menschen brauchen Unterstützung, denn das Leben auf der Straße macht mürbe.

Wie sieht die Schulung der Verkäufer aus?

Wir haben Mitarbeiter im Vertrieb, die selbst als Straßenverkäufer angefangen haben. Die geben Ratschläge und können das gut vermitteln. Dazu gehören ganz banale Dinge wie ein höfliches, unaufdringliches Auftreten.

 

„Die Pandemie hat massive Folgen für uns“

 

Wie hat sich Corona auf „Hinz&Kunzt“ ausgewirkt?

Die Pandemie hat massive Folgen für uns. Im April vergangenen Jahres gab es erstmals in der Geschichte des Magazins kein gedrucktes Heft, weil man die Gesundheit aller schützen wollte. Seither gibt es auch gewisse Berührungsängste. Viele Menschen gehen nicht mehr oft aus dem Haus und zahlen nur noch mit Karte oder Handy. Das macht den Verkauf der Zeitschrift schwierig.

Ist Hamburg eine hilfsbereite Stadt?

In Hamburg gibt es – und das finde ich hocherfreulich – ein Bewusstsein für die Nöte der Obdachlosen. Erst kürzlich hat Ulrich Tukur, der „Tatort“- Schauspieler, bei einem Fernsehquiz die Hälfte seines Gewinns in Höhe von 50.000 Euro an „Hinz&Kunzt“ gespendet. Aber auch die unzähligen kleinen Spenden helfen ungemein. Danke!

In Hamburg ist die Unterbringung der Obdachlosen im Winter in die Schlagzeilen geraten – weil seit Silvester fünf Obdachlose durch die Kälte auf der Straße starben (Stand: 20.1.2020). Tut die Politik genug für Obdachlose?

Die Stadt scheint stets darauf zu warten, dass irgendein Mäzen sich der Sache schon annehmen wird, dabei ist es die ureigenste Aufgabe der Politik, den Bedürftigen zu helfen. Man ist unheimlich stolz darauf, dass man die Markthalle als Wärmestube bereitstellt oder die Sammelunterkünfte öffnet, statt sich zu überlegen, dass es in einer Pandemie gefährlich ist, Menschen zusammenzupferchen.

In den Unterkünften des Winternotprogramms schlafen vier Personen und mehr in einem Raum! Dabei hat
das Robert-Koch-Institut vor Sammelunterkünften explizit gewarnt wegen der Infektionsgefahr. Ich hatte für „Hinz&Kunzt“ mit Prof. Dr. Friedemann Weber, dem Leiter der Virologie an der Uni Gießen, über die Unterbringung der Obdachlosen gesprochen. Der sagte: „Was Hamburg da macht, ist ein Rezept für ein Desaster.“

 

Klima der Angst

 

Was ist die Folge dieser Politik?

Die Obdachlosen schlafen wieder auf der Straße, weil sie Angst haben, sich in den Notunterkünften mit dem Coronavirus anzustecken. Diese Menschen sind ja schon oft krank, ihr Immunsystem ist geschwächt. Sie müssten geschützt werden. Das gebietet die Humanität.

Zudem kann es in den Unterkünften rau zugehen. Aber auch auf der Straße herrscht teilweise ein ungeheures Maß an Gewalt. Es wird geschlagen, getreten, geraubt. Da herrscht ein Klima der Angst.

Wie könnte eine gute Lösung aussehen?

Wir plädieren schon lange für kleinere Unterkünfte, die in der Stadt besser verteilt sind. In der Zwischenzeit ist wie im letzten Lockdown die Zivilgesellschaft aktiv geworden und hat Hotelzimmer für Obdachlose gebucht. Ohne die Großspende der Reemtsma Cigarrettenfabriken in Höhe von 300.000 Euro wäre das nicht möglich.

Solche Spenden sind begrüßenswert und zugleich beschämend, weil es eigentlich die Aufgabe der Stadt wäre, sich um die Obdachlosen zu kümmern. Die Sozialsenatorin Melanie Leonhard und die rot-grüne Mehrheit in der Bürgerschaft haben eine Hotelunterbringung im Dezember aber abgelehnt.

Woran liegt das?

Ich habe manchmal das Gefühl, dass in der Sozialbehörde ein gewisses dogmatisches Denken herrscht, nach dem Motto: Wir machen es denen mal nicht zu bequem, sonst gibt es bald noch mehr Obdachlose …

Drückt sich die Hamburger Politik vor der eigenen Verantwortung?

Der rot-grüne Senat setzt sehr stark auf Freiwilligkeit und Ehrenamt – und das nicht nur bei der Unterbringung im Winternotprogramm, sondern auch bei medizinischen Hilfen. Die Leute, die den Kältebus betreiben oder die medizinischen Praxen für Obdachlose, beklagen schon länger, dass sich die Stadt immer mehr aus ihrer Daseinsvorsorge herauszieht.

 

Verbunden fühlen

 

Gilt für „Hinz&Kunzt“ nun das alte „Spiegel“-Motto: „im Zweifelsfall links“?

Einer unserer Gesellschafter ist die Diakonie. Die würde wohl eher einen Satz erwarten wie: „Im Zweifel mit Gott“ (lacht). Aber im Ernst: Das Thema Armut betrifft letztlich uns alle. Wir alle haben eine soziale Verantwortung, egal, ob wir links oder eher konservativ sind.

Warum sollten die Hamburger „Hinz&Kunzt“ kaufen?

Es ist ein schönes Magazin und zugleich eine großartige Möglichkeit zu helfen. Es geht ja nicht nur um das bloße Kaufen der Zeitschrift: Vielleicht spricht man mit dem Verkäufer oder der Verkäuferin auch mal ein paar Worte. Es hilft ihnen ungemein, sich mit den Mitmenschen verbunden zu fühlen, dazuzugehören. Das sind Menschen, die oft niemanden sonst haben. Wir haben unsere Familie, Freunde, Kollegen. Diese Menschen haben oft keine Familie mehr, keine Heimat, nichts. Sie können jederzeit den Halt verlieren.

hinzundkunzt.de


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Streitgespräch: Wird Obdachlosen im Corona-Winter ausreichend geholfen?

Wird Obdachlosen in Hamburg im Corona-Winter 2020/21 ausreichend geholfen? Ein Streitgespräch zwischen Julien Thiele von der Straßenvisite des Caritasverbands für das Erzbistum Hamburg e. V. und Iftikhar Malik, SPD, Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft und im Sozialausschuss

Moderation: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Iftikhar Malik, wir sind mitten im Winter, es ist kalt, und Corona gibt es auch noch. Wie haben Sie und Ihre Kollegen Kollegen sich im Sozialausschuss auf diese ja seit Monaten vorhersehbare Situation vorbereitet?

Iftikhar Malik: Das bewährte Hamburger Winternotprogramm wurde aufgestockt. Es gibt eine neue Tagesaufenthaltsstätte, auch eine neue Unterkunft. Wir haben zudem darauf gedrängt, dass die Belegungen entsprechend der Corona-Hygiene- und -Schutzbedingungen umgesetzt werden.

 

Deutungshoheit über Lebensrealitäten

 

Wobei das aktuelle Winternotprogramm nur 1.400 Plätze für Obdachlose bietet. Es gibt aber mehr als 2.000 Obdachlose in der Stadt, die Dunkelziffer noch gar nicht mitgerechnet.

Julien Thiele: Richtig. Das Winternotprogramm deckt die aus der 2018 durchgeführten städtischen Obdachlosenstudie fast 2.000 gezählten Obdachlosen sowie die ungewisse Dunkelziffer nicht ab. Es widerspricht sich also, wenn das Motto der Stadt lautet, dass jeder Obdachlose in Hamburg ein Bett bekommen könne und niemand auf der Straße schlafen müsse.

Die Deutungshoheit über die Lebensrealitäten und Notlagen liegt einfach nicht mehr bei den Betroffenen, sondern wird immer mehr von gezielten Akzenten der Politik bestimmt. Uns berichten Obdachlose von Unterkünften und erzählen dabei von 8-Bett-Zimmern, in denen teilweise nur ein oder zwei Betten freibleiben.

Dabei wechseln die Bettnachbarn teils täglich und das individuelle Hygieneverhalten der fremden Personen kann nicht eingeschätzt werden. Die Personen haben zum Beispiel unterschiedliche Ver- ständnisse von der Notwendigkeit der regelmäßigen oder dauerhaften Lüftung über Nacht. Wir können wenig tun, da die Unterbringungen fast komplett in städtischer Hand liegen.

 

„Das würde ich gerne sofort zurückweisen“

Julien Thiele

 

Malik: Was die Kapazitäten angeht: Mir liegt die Erkenntnis vor, dass die 1.400 Schlafplätze unter Berücksichtigung der lockeren Belegung erfolgt sind. Weiterhin wurde berücksichtigt, dass nicht mehr als zwei Personen in einer Räumlichkeit untergekommen sind. Das ist die jüngste Aussage aus der Sozialbehörde.

Zudem seien die Kapazitäten nicht ausgeschöpft. Aktuell, heißt es, seien 30 Prozent der Plätze nicht belegt. Die Berichterstattung, die es jüngst gab, dass das Winternotprogramm eine Gefahr darstellen solle, ist eine gegenteilige Darstellung der tatsächlichen Situation, und das wirkt sich auch auf die Wahrnehmung der Betroffenen aus.

Thiele: Das würde ich gerne sofort zurückweisen. Eine Diskursverschiebung wie diese, bei der die Interessenvertretung der Betroffenen und damit die Freie Wohlfahrtspflege zum Gefahrenrisiko der Betroffenen ernannt wird, ist absurd.

Wir diskutieren seit mehreren Jahren mit der Behörde darüber, warum das Winternotprogramm für viele Menschen nicht annehmbar ist. Das Hilfesystem versucht, Lösungen zu finden und die Menschen zu motivieren, teils fast zu überreden, sich in dieses Winternotprogramm zu begeben, damit alle Kapazitäten genutzt werden. Ich will Ihnen, Herr Malik, gar nicht zu nahetreten. Ich habe mit Ihnen nur leider noch nie gesprochen und würde Sie gerne fragen: Woher erfahren Sie eigentlich von den Realitäten der Menschen? Von der Sozialbehörde? Und: Inwiefern stehen Sie mit dem Hilfesystem im Austausch?

 

Verbesserung des Winternotprogramms

 

Ich würde Sie gerne einladen, mit uns zusammen auch mal die Hilfen umzusetzen und mich auf der Straße zu begleiten. Die Behörde weiß schließlich, dass es eine fehlende Annahmebereitschaft des Winternotprogramms gibt und dass es dafür vielfältige Gründe gibt.

Es werden zudem seit mehreren Jahren Menschen aus dem Winternotprogramm verwiesen. Sie erhalten kein Bett, sondern nur einen Stuhl in der Wärmestube, die kürzer geöffnet ist und wo es keine Dusche, kaum Verpflegung und keine Sozialberatung gibt. Die Behörde möchte alle Menschen erreichen, bietet aber nicht allen die gleiche Hilfe und schafft dadurch ein Klassen-System mit herabgesetzten Standards für bestimmte Personenkreise. Wir wollen eine Verbesserung des Winternotprogramms beziehungsweise die Schaffung von vielfältigen de- zentralen Schutzräumen, damit wir die Menschen von der Straße bekommen.

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„Gut, dass Ziele klar formuliert werden“: Iftikhar Malik

Malik: Ich bin überzeugt davon, dass wir in dieser Sache sehr nah beieinander sind – und ich würde Ihr Angebot gerne annehmen. Bisher bin ich mit unterschiedlichen Organisationen in Kontakt, zum Beispiel mit den Bergedorfer Engeln. Ich habe auch bereits an Hilfs- und Verteilaktionen teilgenommen.

Noch einmal zum Winternotprogramm: Das soll ja nicht nur einen Schlafplatz, sondern auch eine begleitende Betreuung bieten – genau wie Sie es gerade beschrieben haben. Mir liegen derzeit keine Zahlen vor, wie viele Menschen abgelehnt und wie viele auf andere Einrichtungen verwiesen worden sind. Auch liegen mir keine Fakten darüber vor, wie die Hygienestandards sind. Was Sie gerade beschreiben, haben wird nicht in offiziellen Dokumenten vorliegen, was es uns erschwert, damit zu arbeiten. Genau um diese Fakten zu erfragen, habe ich kürzlich eine Anfrage an den Senat gestellt.

Thiele: Die Fakten gibt es zum Teil, zum anderen Teil fordern wir seit mehreren Jahren mehr Transparenz über diese Problematiken! Zum Beispiel wurde erfasst, wie viele Menschen monatlich in die Wärmestube verwiesen wurden und wie wenige diese tatsächlich nutzen möchten, ohne Betten und Co.

Eine Anfrage von Die Linke im Dezember 2020 ergab, dass zum Beispiel in der Männernotunterkunft Pik As am 1. Dezember 2020 eine Zimmerbelegung von vier Personen im Durchschnitt bestand. Damit ist die von der Sozialbehörde publizierte lockere Belegung von maximal zwei bis drei Personen widerlegt. Hier frage ich mich, ob es nicht wirklich höhere Belegungen gibt, wenn es sich um einen Durchschnitt handelt, und weil ich die Schilderungen der Betroffenen als die Wahrheit erachte.

 

Mehr Empathie

 

Malik: Diese Zahlen liegen mir nicht vor. Ich teile zum Teil Ihre Auffassung, dass wir aus dem politischen Betrieb diese Thematik mit ein bisschen mehr Empathie bearbeiten sollten und könnten. Wir sollten dabei auch den Lebensrealitäten und Befindlichkeiten der Betroffenen folgen und nicht parteipolitischen Logiken – da bin ich ganz bei Ihnen. Die qualitative Weiterentwicklung des Winternotprogramms ist stets der Gedanke dahinter.

Woran arbeiten Sie denn gerade in Sachen Weiterentwicklung des Programms?

Malik: Zum Beispiel an der Erreichbarkeit von weitläufigeren Bezirken wie Bergedorf. Der Bedarf dort ist registriert worden, und an dieser Stelle müssen wir schrauben. Auch um die Weiterentwicklung des Programms zu besprechen, wird es einen Sonder-Sozialausschuss geben, der in den kommenden Wochen stattfinden wird.

Es bestand ja bereits die Möglichkeit eines Runden Tischs aus unter anderem Sozialbehörde, Streetworkern, Polizei und Feuerwehr. Dafür gab es aber keine Mehrheit im Sozialausschuss. Warum nicht?

Malik: Weil es schon Gremien dieser Art gab und auch fortlaufend gibt. Die Begleit-AG zum Winternotprogramm ist beispielsweise erst am 18. Dezember, also kurz vor Weihnachten, zusammengekommen, um die Problemlage zu besprechen. Es wurde auch gerade erst im Rahmen einer Anfrage beantwortet, welche Austauschrunden zwischen professionellen und ehrenamtlichen Akteuren es gibt. Ein weiterer Runder Tisch hätte unserer Ansicht nach nur zu einer Zerfaserung in verschiedenen Gremien geführt.

Thiele: Ja, es stimmt, es gibt eine Vielzahl von Gremien in Hamburg – die sich aber nie explizit damit beschäftigen, einen Sozialen Notstand wie den jetzigen anzuerkennen. Seit Dezember letzten Jahres sind bis heute acht Personen verstorben. Seit Ende 2019 insgesamt 54 bis heute (15.1.; Anm. d. Red.).

Wir hadern nach wie vor damit, dass der Alltag der Obdachlosen nicht von der Lebensrealität bestimmt wird, sondern von politischen Entscheidungen, die angeblich alle Sorgen beseitigen sollen. Und natürlich haben nicht bloß wir daran zu knabbern, sondern vor allem die betroffenen Menschen. So sehr, dass sie teilweise daran zerfallen.

Es gibt übrigens auch ein Ordnungsrecht, das besagt: Jeden Tag muss erneut geprüft werden, ob Gefahr für Leib und Leben besteht und die individuelle Würde geschützt ist. Allerdings hat Hamburg sich an dem Instrument bedient, dieses Ordnungsrecht mit Sozialrecht zu verschränken – und damit Menschen von Überlebenshilfen teils auszuschließen. Fakt ist: Das gesamte Hilfesystem muss einmal komplett umgedreht werden. Nicht Menschen müssen sich beweisen in den Stufen des Hilfesystems, sondern es muss neuer Wohn- und Schutzraum für eben diese Menschen geschaffen werden, da Obdachlosigkeit kein individuelles, sondern ein strukturelles Problem ist. Nur so erreichen wir das Ziel der EU, bis 2030 Obdachlosigkeit zu beenden.

Malik: Es ist gut, dass Ziele klar formuliert werden, aber natürlich auch sehr leicht aus Sicht des Europäischen Parlaments, wenn es diese nicht umsetzen muss. Die Umsetzung passiert ja in den Gemeinden, Städten und Kommunen. Es sind da also mehrere Ebenen im Spiel – und haben Aufholbedarf.

 

Hotels for Homeless

 

Noch einmal weg von langfristigen und zurück zu kurzfristigen Lösungen für diesen Winter. Eine Lösung bietet unter anderem Hotels for Homeless. Derzeit werden 120 Obdachlose in Hamburg in leerstehenden Hotelbetten untergebracht – bei mehr als 30.000 leerstehenden Betten insgesamt.

Thiele: Es gibt unterschiedliche Institutionen, die bei dieser Hilfe mitwirken. Die Diakonie, Caritas und Hinz&Kunzt können dies dank einer Großspende von Reemtsma anbieten. Zudem gibt es ein Kollektiv um den Verein StrassenBlues und weitere Vereine und Initiativen wie Leben im Abseits e. V. oder die Bergedorfer Engel, die eine Hotelunterbringung realisieren.

Die Vernetzung untereinander, vor allem zur Sicherstellung der Versorgung und Sozialberatung, funktioniert gut. Aber: Es ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, unsere Warteliste ist lang. Die Hotelunterbringung hat meines Wissens noch kein Mensch abgelehnt. Die meisten können es gar nicht glauben, dass es so etwas überhaupt gibt. Es geht ja auch nicht um einen Fernseher, um Catering oder einen tollen Teppich, sondern erst mal nur um die Möglichkeit, allein zu sein und die Tür hinter sich abschließen zu können.

Malik: Das Winternotprogramm verfolgt, wie schon gesagt, das Ziel, die Menschen mit einem umfassenden Beratungs- und Betreuungsangebot in das Regelhilfesystem zu bekommen. Es gab und gibt ja bereits Einzelunterbringungen, auch mit Hotelcharakter, insbesondere für Familien oder im Rahmen der sogenannten Geschwächten-Regelung, also für Betroffene mit psychischen und physischen Vorbelastungen. Auch weitere Einzelunterbringungen werden derzeit geprüft.

 

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Julien Thiele bei der aufsuchenden Sozialarbeit
Titel (Foto: Caritas)


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Januar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Meet the Resident – Jagu

Jeden Monat stellt SZENE HAMBURG Residents vor, diesmal: Jagu von Kaetana Records– präsentiert von hamburg elektronisch

Interview: Louis Kreye & Jean Djaman 

 

SZENE HAMBURG: Wie würdest du deinen Sound beschreiben?

Techno, Deep, und hypnotisch. Teilweise von Trance beeinflusst.

Wann ist deine Lieblingsplaytime?

Ich spiele gerne immer ab 4:00 Uhr.

Wann war dein letzter Gig vor Live-Publikum?

Das war im KitKat Club in Berlin. Eine Woche danach mussten sie schließen wegen Corona. Ich muss immer noch weinen, wenn ich daran denke.

Hast du einen Stream des Monats?

Inhalt der Nacht @ Altes Kraftwerk Rummelsburg, Berlin.

Und eine Platte des Monats?

ANO V-I von Cadency und Hector Oaks

Was war dein größter Moment als DJ?

Das war im Room II vom PAL und ich habe spontan mit DJ Tennis B2B gespielt. Er war, als ich jünger war, einer meiner Idole.

Wochenendtipp im Club-Lockdown?

Alleine schöne Musik hören, gute Drinks genießen und hoffen, dass die Clubs bald wieder aufmachen.

Ein aktuelles Set von Jagu hört ihr hier:

 


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Mojo Store und Hamburger Künstler unterstützen Obdachlose

Um es auf den winterlichen Straßen der Stadt auszuhalten, sammelt der Mojo Store in Kooperation mit Hamburger Künstlern Spenden für „Hoods gegen die Kälte“

Text: Felix Kirsch

 

Der extrem kalte Winter, gepaart mit den pandemischen Bedingungen, bringt Obdachlose an ihre Grenzen. Schon jetzt wurden so viele Wohnungslose tot aufgefunden, wie im gesamten Vorjahreswinter. Um den Schwächsten der Gesellschaft zu helfen und sie warm zu halten, haben sich Hamburger Künstler zusammengetan und ein lobenswertes Projekt auf die Beine gestellt: Mit „Hoods gegen die Kälte“ kämpfen die Hamburger Designer Ronja Fischer, Live.Artclub, Nils Poppe und Krashkid in Zusammenarbeit mit dem Hamburger Modelabel Mojo Store und einer Partnerproduktionsstätte in Serbien gegen den Unterkühlungstod auf der Straße.

Die Idee: Menschen kaufen einen Designer-Hoodie und finanzieren damit automatisch einen weiteren, extra dicken Hoodie. Dieser soll durch den Duschbus „GoBanyo“ an obdachlose Menschen in Hamburg verteilt werden. Die Special-Pullover sind mit dickem Fleece gefüttert und können zumindest dabei helfen, die eisigen Hamburger Nächte zu überstehen. Nach eigenen Angaben sollte das Projekt aus  Nachhaltigkeits-Gründen vorfinanziert werden. Und das mit Erfolg: Innerhalb eines Tages haben etliche Supporter eine stolze Summe in das Projekt investiert und es somit schon jetzt realisiert.

 

Spendenziel schon erreicht

 

Über die Plattform Start Next sammelten die Projektgründer mehr als 9000 Euro von knapp 100 Supportern – und das innerhalb eines Tages. Deshalb können die Hoodies also bald produziert und auf der Straße verteilt werden. Ganz im Sinne der Parität werden überschüssige Einnahmen von den Projektleitern gespendet. Die Realisierung des Projektes soll noch im Februar erfolgen. Wer einen der begehrten Hoodie ergattern möchte und damit etwas Gutes tut, kann das Projekt noch bis zum 21. Februar unterstützen.


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Schanzenkino gerettet: Open-Air Vorführungen können stattfinden

Gute Nachrichten aus dem Hamburger Westen: Das Schanzenkino hat trotz Corona-Pandemie und Sponsoring-Verbot grünes Licht vom Bezirksamt bekommen und kann sein 21-jähriges Bestehen zwischen Juli und September dieses Jahres feiern

Text: Felix Kirsch

 

Filmfans können Pandemie-konform ab Ende Juli wieder in den Schanzenpark pilgern und Blockbuster sowie Kultfilme genießen. Der Veranstalter Outdoor Cine GmbH freut sich über die Möglichkeit und dankt vor allem den zahlreichen Unterstützern des Open-Air-Kinos: „Turbulente Wochen liegen hinter uns, welche als Drehbuchvorlage für einen spannenden Serienmehrteiler dienen könnte. Es war eine Achterbahn an Emotionen, zahllosen Gesprächen und einem Happy End mit Beigeschmack.“ sagt Dirk Evers, Geschäftsführer und Veranstalter des Schanzenkinos.

 

Sponsoring-Verbot bedrohte wirtschaftliche Existenz

 

Hintergrund für den existenziellen Kampf des Schanzenkinos war ein vom Bezirksamt Eimsbüttel ausgehängtes Sponsoring-Verbot für den Schanzenpark, das die Einnahmen des Kino drastisch reduziert hätte. Eine spezielle  Ausnahmegenehmigung für das Schanzenkino hatten die Grünen in ihrem Beschluss nicht vorgesehen. Für das weitere Bestehen des Schanzenkinos glich das drohende Sponsoring-Verbot einem Super-GAU: „Die Einnahmen aus dem Ticketverkauf reichen nicht aus, um die Kosten zu decken“, mahnte Dirk Evers Anfang des Jahres.

Dass man nun doch eine Einigung erzielen konnte, freut die Veranstalter ebenso wie Fans von Film und Kultur: „Nun kann das Open-Air-SchanzenKino in diesem Jahr sein 21-jähriges Bestehen feiern. Im Vorjahr waren wir als Freiluftkino so ziemlich die einzige große Kulturveranstaltung in Hamburg, die trotz der Corona-Pandemie unbeschwerte und sichere Filmabende unterm Sternenhimmel anbieten konnte.“ Das Schanzenkino beginnt mit den Vorstellungen am 31. Juli 2021 und gastiert bis zum 31. September im Schanzenpark.

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Fotografie: Marion von der Mehden zeigt die Kraft des Sports

Die Hamburgerin Marion von der Mehden arbeitet seit 1991 als selbstständige Fotografin. Ihr neues Fotoprojekt „Sport und Integration“ zeigt in ruhigen Bildern die Schicksale mutiger Menschen und die Kraft des Sports

Interview: Mirko Schneider

 

SZENE HAMBURG: Bis Ende März wird Ihr Fotoprojekt „,Sport und Integration“ an den Messehallen entlang der Karolinenstraße zu sehen sein. Wie kam es dazu?

Es begann mit der Einladung zum Oberstdorfer Fotogipfel für den September 2020 durch Kurator Christian Popkes. Nach der positiven Resonanz auf das Projekt wollte ich unbedingt in Hamburg ausstellen. Die Messehallen als Ausstellungsort waren schon immer ein Traum von mir. Wir stießen bei der Hamburg Messe & Congress GmbH sofort auf Begeisterung.

Als Sie erfuhren, dass 2020 in Oberstdorf das Thema „,Sport“ lauten würde: Was haben Sie da gedacht?

Ich dachte spontan „Oje, ich bin doch keine Sportfotografin“. Actionfotos von Sportveranstaltungen konnte ich nicht anbieten. Doch dann überlegte ich, wie ich an das Thema herangehen könnte. So kam ich auf „Sport und Integration“.

Sport bedeutet ja schließlich viel mehr als Gewinnen oder Verlieren. Und Integration ist aktuell ein wichtiges Thema, wobei Sport das Potential hat, Integration gelingen zu lassen.

Für Ihr Fotoprojekt traten Sie direkt an 17 Sportlerinnen und Sportler heran. Welche Rolle spielte der Hamburger Sportbund?

Eine sehr wichtige Rolle. Der HSB, beziehungsweise das Team Integration durch Sport, fand die Idee sofort super, hat mich in jeder Hinsicht hervorragend unterstützt. Alle Vereinskontakte kamen über den HSB zustande.

Ich wusste auch vorher gar nicht, wie viel der HSB als Dachverband der Hamburger Sportvereine und -verbände eigentlich leistet. Ich habe mich mit deren Arbeit beschäftigt und fand viele der Angebote auch recht kreativ.

Zum Beispiel das „Fahrradtraining für Frauen“ im Rahmen des Programms „Integration durch Sport“. Hier hat mich die Geschichte der Ägypterin Dina sehr berührt, die als junges Mädchen nicht Fahrradfahren lernen durfte. Nun nimmt sie an einem der Kurse teil und ist sehr glücklich darüber.

 

„Jeder einzelne Mensch ist wichtig“

 

Welche Erlebnisse und Begegnungen haben Sie noch besonders bewegt?

Hier möchte ich ein Wort einfügen: uns. Denn Texterin Sarah Beckmann hat die Interviews geführt, aus denen die kleinen Textbaukästen zu den Fotos entstanden sind. Damit fielen wir in Oberstdorf übrigens total aus der Reihe. Aber diese kurzen Erklärungen waren nötig, um den Menschen auf dem Foto noch besser zu verstehen, ihm noch näher zu kommen.

Sarah und ich waren beeindruckt davon, wie wenig Berührungsängste es gab. Wir wurden stets wie gute Freunde aufgenommen. Sehr beeindruckend war Cricketspieler Said. Er wurde von den Taliban verfolgt und ist aus Afghanistan geflohen. Bis heute weiß er nicht, ob seine Eltern noch leben, und sie wissen nicht, ob er noch lebt. Ich bin selbst Mutter und das ist unvorstellbar für mich.

Oder Ali, ein Parkoursportler, der in Syrien zum Militär sollte. Er floh in einem Boot nach Lesbos. In Hamburg setzte er sein in Damaskus abgebrochenes Schauspielstudium fort, hat seit 2019 unter anderem Engagements am Schauspielhaus Hamburg. Und noch eine Sportart möchte ich herausheben: das Ringen.

Wieso?

Ich dachte immer, Ringer sind nur Muskelpakete. Aber die haben uns einen Handstand gezeigt, sogar einen Flic Flac. Wir sahen weichfließende, technisch perfekte Bewegungsabläufe des ganzen Körpers. Wir haben viele Informationen und einen spannenden Einblick in den Ringsport bekommen.

Sie haben alle Bilder in Schwarz-Weiß aufgenommen. Warum?

Wegen der Unterschiedlichkeit der Motive. Wir waren an so vielen Plätzen mit so vielen verschiedenen Bedingungen, da dachte ich: „Ich muss da irgendwie Ruhe reinbringen. Farbe ist hier nicht wichtig.“

Gibt es eine Botschaft, die Sie mit dieser Ausstellung den Menschen vermitteln möchten?

Ja. Jeder einzelne Mensch ist wichtig. Zusammenhalt, Teamgeist und Fairplay zählen. Im Sport und im Leben. Nicht die Hautfarbe, der Glauben oder die Kultur.


Sport-SZENE_01_21-1 SZENE HAMBURG SPORT, Januar 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Januar 2021 als Heft im Heft in der Februar Ausgabe SZENE HAMBURG im Handel erhätlich!

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Nicht alles ist Corona: 10 Hamburger Good News

Pandemie, Proteste, politische Unruhen: 2020 hat Hamburg und die Welt mit voller Härte getroffen. So schwer das letzte Jahr auch war, es gab auch schöne Momente und Highlights, die vielleicht etwas untergegangen sind. Hier sind 10 Hamburg Good News, die die Laune heben

Text: Felix Kirsch

 

 

Hamburg ist schönste Stadt Deutschlands

Das digitale Reisemagazin Travelbooks hat entschieden

Auch wenn Hamburg in Zeiten der Pandemie kaum oder gar keine Touristen in der Stadt begrüßen darf, so konnte die Stadt sich trotzdem über einen Tourismus-Titel im Jahr 2020 freuen. Die Seite Travelbooks.de kürte die Elbmetropole zur schönsten Großstadt 2020. Mit knapp 28 Prozent der Stimmen setzte sich Hamburg gegen München und Dresden auf dem Treppchen durch.

 

Forellen kehren zurück in die Alster

Erfolgreiche Zucht Hamburger Angelvereine

Sie sind zurück: Die Forellen können wieder im Norden begrüßt werden. Genauer gesagt, im kleinen Bruder der Elbe, der Alster.

Seit mehr als zehn Jahren versuchten Hamburgs Angelvereine durch Besatzung kleiner Zuchtforellen einen gesunden Bestand der Lachsartigen in der Alster anzusiedeln. Bis 2020 vergeblich. Zu schwer und zu weit war der Weg bis in die Nordsee und zurück, die Salmoniden schafften es nicht, ohne geeignete Fischtreppen ihrem Drang nachzuschwimmen und in ihre Heimatgewässer zurückzukehren.

Fischereiverband und Angelvereine kümmerten sich um saubere und hindernisfreie Gewässer. Dann wurden junge Forellen ausgesetzt und siehe da: Im Herbst wurden die ersten ausgewachsenen Forellen in der Alster gesichtet, gefangen und dokumentiert.

 

Jungfernstieg wird autofrei

Die Stadt hat entschieden

Ende September 2020 wurde es amtlich: Autos haben in Zukunft nichts mehr am Jungfernstieg verloren. Hamburgs Touristen-Hotspot wird also in Zukunft ohne schicke Karossen und rasende Flitzer auskommen. Eine gute Nachricht für die Umwelt! Und auch im Bereich des Fahrradverkehrs hat die Hansestadt etwas für das grüne Gewissen getan.

Seit September 2020 können Radfahrer zwischen Gustav-Falk-Straße und Bogenstraße am Schlump einen kurzfristig installierten Radweg, einen sogenannten Pop-up-Radweg nutzen. Autofahrer müssen sich hinten anstellen, denn der Fahrradweg klaut den Karosserien eine ganze Spur. Wie lange der Pop-Up-Radweg bleiben kann, ist derweil noch unklar.

 

100 % selfmade

Der FC St. Pauli produziert umweltfreundliche Trikots

Natürlich darf der Hamburger Kiezklub in dieser Auflistung nicht fehlen, denn schließlich sind es die Jungs und Mädels vom Millerntor, die stets dafür sorgen, dass auch abseits des Fußballs wichtige Themen und Probleme behandelt werden. So widmete sich der FC St. Pauli im Jahr 2020 dem Thema Nachhaltigkeit und Umweltschutz.

Nachdem bekannt wurde, dass die Braun-Weißen die fünfjährige Partnerschaft mit dem Sportartikelhersteller Under Armour beendeten, beschlossen die St. Paulianer kurzerhand, die Nähmaschine selbst in die Hand zu nehmen und fortan die eigenen Trikots selber zu produzieren. Natürlich fair, nachhaltig und umweltbewusst. Daumen hoch dafür.

 

Hamburg ist Veganer-Stadt Nummer eins in Deutschland

Das Food-Magazin Chef’s Pencil veröffentlicht Studie

Das Food-Magazin Chef’s Pencil hat Hamburg zur vegansten Stadt Deutschlands erklärt! Eine Studie des Magazins kommt zu dem Ergebnis, dass vegane Ernährung in Hamburg besonders beliebt ist.

In Deutschland sowieso – im internationalen Vergleich wird die Elbmetropole nur von Edinburgh und Portland geschlagen. Als Maßstab diente dem Magazin vor allem das Suchvolumen zu veganen Restaurants in den einzelnen Städten via Google.

Neue Urinale am Hauptbahnhof

Die Stadt geht gegen Gestank vor

Wer kennt ihn nicht? Den berühmten „Walk of stink“ am Südeingang des Hamburger Hauptbahnhofs. Doch damit ist zumindest vorerst Schluss. Die Stadt spendierte zwei Tage vor Weihnachten ein komplett neues Urinal. Auch auf der Reeperbahn sollen die Urinale ausgetauscht werden. Besser für das Stadtbild und die Nase.

 

Molotow kehrt zurück zum Spielbudenplatz

Der Kiez-Club zieht im Sommer 2021 um

Der Hamburger-Kultmusikclub Molotow kehrt an seinen alten Standort, den Spielbudenplatz zurück. Dank der Unterstützung der Stadt kann der subversive Klub voraussichtlich im Sommer 2021 an die alte Wirkungsstätte zurück.

Das Molotow musste 2013 aus den einsturzgefährdeten Esso-Häusern ausziehen und ließ sich zunächst an der Holstenstraße nieder. Zuletzt bezog das Molotow eine Örtlichkeit am Nobistor.

 

Eiland: Neue Insel für Hamburg

Neue 600 Hektar Sand im Wattenmeer

Hamburg wird um eine Exklave reicher. Rund um die zu Hamburg gehörende Insel Neuwerk soll im Wattenmeer der Nordsee eine weitere Insel entstehen. Da das künstliche Eiland im Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer entstehen soll, wird es also auch offiziell Hamburger Gebiet.

Die Insel soll eine knapp 600 Hektar groß sein und aus Sand aufgeschüttet werden. Damit wäre die neue Insel also größer als Nigehörn, Scharhörn und Neuwerk zusammen, die zusammen den Stadtteil Hamburg-Neuwerk bilden.

 

Neues Naturschutzgebiet nahe Duvenstedt

Der Hamburger Senat genehmigt Schutz des Auenwald- und Wiesenareals

Und auch innerhalb der eigenen Grenzen entsteht Neues: Der Hamburger Senat genehmigte ein 31 Hektar großes Naturschutzgebiet nahe Duvenstedt. Das Auenwald- und Wiesenareal steht nun offiziell unter Schutz und bildet in Zukunft einen optimalen Rückzugsraum für die heimischen Arten. Im Auenwald- und Wiesenareal sind unter anderem Fischotter und Eisvögel beheimatet.

 

Hamburg bekommt Naturkundemuseum

Das Wirtschaftsministerium investiert in Biodiversität

Hamburg bekommt wieder ein Naturkundemuseum! Das hat das Wissenschaftsministerium der Hansestadt beschlossen. Ab 2021 sollen das Hamburger Centrum für Naturkunde und das Bonner Zoologische Forschungsmuseum Alexander Koenig zum „Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels“ fusionieren und die biologische Vielfalt, die Artendiversität und dessen Schutz untersuchen. Ein zentraler Bestandteil wird dann auch ein neues Hamburger Naturkundemuseum mit dem Schwerpunkt auf die Hamburger Ökologie.


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