Rosi: „Mit 19 stand ich das erste Mal hinterm Tresen“

„Was willste denn ne 80-jährige Frau fragen, was die sich noch wünscht? Gar nichts. Ich habe doch alles. Meine Kneipe, meine Mädels hinter der Theke, schöne Klamotten. Die schicken Stiefel kann ich bestimmt auch noch fünf Jahre tragen und den Mantel habe ich von meinem Sohn geschenkt bekommen. Da musste ich nur die Knopfleiste versetzen. Sieht toll aus, oder?

1941 bin ich geboren, meine Mutter ist 1947 gestorben. Mein Vater war Kneipenwirt auf St. Pauli, da gab es für mich und meine beiden Schwestern kein Püppi und Prinzessin. Ich habe es mir mein Leben lang zwar nie einfach gemacht, immer aus dem Bauch entschieden und auch Fehler zwei Mal gemacht. Aber ich sage immer: ‚Wer die Scheiße von der Straße nicht gefressen hat, weiß auch nicht, wie sie schmeckt‘.

Mit 19 stand ich das erste Mal hinterm Tresen, damals noch im Kaiserkeller, dann im Star Club. Erst 1969 bin ich dann in Papas Laden gekommen. Damals hieß der noch „Zu den drei Hufeisen“ – inoffiziell heißt er immer noch so – aber den ganzen Engländern auf dem Kiez war das zu kompliziert, die haben immer nur gefragt: ‚Where is Rosi’s Bar?‘ und naja, seitdem steht‘s außen dran.

Als Barfrau warst du in den Sechzigern und Siebzigern die erste Anlaufstelle der ganzen Musiker. Die kamen an den Tresen, wollten dich abchecken, ein bisschen Kontakte knüpfen – so habe ich auch meinen Mann Tony Sheridan kennengelernt, den Matador der Hamburger Musikszene. Ich sage dir, ohne ihn hätte es die Beatles nie gegeben. Paul McCartney sagt heute noch, Tony sei der Teacher gewesen, mit dem alles anfing. Ein halbes Jahr haben die Beatles mit Tony im ehemaligen Top Ten Club gespielt. Wir haben damals zusammen unter einem Dach gewohnt: Hier haben Tony und ich, da Pete Best, da John Lennon, da George Harrison und gegenüber Paul McCartney geschlafen. Stuart Sudcliffe hat bei Astrid in Eimsbüttel gepennt. Was für eine Zeit!

Heute bin ich die Einzige, die aus diesen Tagen noch lebt. Meine beiden Schwestern sind früh gestorben, Tony ist tot. Und auch mein Sohn ist vor zwei Jahren viel zu jung verstorben. Ich sage zwar immer, ich vermisse nichts, aber so einfach ist es nicht. Natürlich vermisse ich meine Geschwister, die Gespräche, meine Blues- und Boogie-Connection, meine Eltern, Tony und meinen Sohn. Ich könnte die Elbe rauf und runter weinen, wenn ich an Ricky denke. Er war ein wunderschöner Typ mit einem feinen Charakter, viele haben ihn geliebt, er hat immer diese gestreiften Shirts getragen. Aber es ändert ja nichts daran, dass er weg ist. Man kann sich sentimental in so etwas hineinstürzen, aber so bin ich nicht. Wenn jemand nicht mehr lebt, kannst du dem Verlust nachjammern oder du erinnerst dich an ihn und sagst ‚Wow, war das ein toller Kerl‘. Tomorrow is another day. Boogie und Blues war ne schöne Zeit. Aber weißt du was? Heute ist auch ne schöne Zeit.”

/ Max Nölke


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Restaurants im Lockdown: Gastronomie to go

Der Lockdown light in Hamburg – alle Restaurants, Bars und Cafés der Hansestadt haben ihre Türen bis Ende November geschlossen. Doch die Gastro-Szene steckt den Kopf nicht in den Sand, sondern tüftelt stattdessen an tollen neuen Food-Konzepten.

Seit dem 2. November sind für voraussichtlich vier Wochen alle gastronomischen Einrichtungen geschlossen. Nur noch Angebote zum Mitnehmen sind erlaubt. Und das nicht nur in Hamburg. Die Branche mit mehr als 2 Mio. leidenschaftlichen Menschen und über 80 Mrd. Euro Umsatz pro Jahr steht vor einer erneuten großen Herausforderung. Doch anstatt zu verzweifeln oder gar aufzugeben, entwickeln die Gastronomen – wie schon im Frühjahr – neue, kreative Ideen:

Ready to eat

 

Eis und Salzig macht jetzt auch “richtiges Essen”

Das Eis und Salzig bietet wie auch schon im ersten Lockdown von Dienstag bis Sonntag hausgemachtes Eis, Kaffee und Kuchen zum Mitnehmen. Diesmal geht hier in Langenhorn aber noch mehr! Denn das Café und Bistro versorgt euch auch mit „richtigem Essen“. Zur Wahl stehen Köstlichkeiten wie Lammragout, Rotes Tandoori-Curry oder Gemüse-Couscous – alles jeweils verzehrfertig, ausgelegt für zwei Personen und vakuumiert, sodass die Gerichte nur noch erwärmt und eventuell durch ein paar Extras ergänzt werden müssen. Eis und Kuchen geht dazu natürlich trotzdem noch. 

Mehr Infos und Bestellungen unter eisundsalzig.de

 

Marta-Menü per App

 Hofly ist eigentlich eine App, über die frische Lebensmittel direkt vom Bauernhof nach Hause in die eigenen vier Wände bestellt werden können. Aufgrund der Einschränkungen für die Gastronomie durch den Lockdown light stellen die Macher ihre Plattform nun aber auch Restaurants zur Verfügung. Eines der Ersten ist das Marta in Ottensen. Hier bereiten Bobby und Freddy in ihrer Küche ein leckeres Menü vor, das dann per App den Weg zu euch findet. Fehlt nur noch der letzte Schliff und die kreative Küche landet direkt und coronasicher bei euch auf dem Teller.  

Mehr Infos und Bestellungen unter restaurant-marta.de und hofly.de

Köstliche Burger und mehr in Otto’s Lädchen

Auch Otto’s Burger schließt ab dem 2. November alle Filialen. Doch Fans der saftigen Burger müssen die nächsten vier Wochen nicht hungrig bleiben. Bis zum 30. November können im Otto’s Lädchen im Grindelhof 33 nämlich jeden Tag Burger und Burgerkits mit in die eigenen vier Wände genommen werden. Auch Saucen, Steaks, Würste, Wein und Bier warten auf ein neues Zuhause. Bestellen geht nicht nur vor Ort, sondern ebenso über den Onlineshop der Burger-Experten. Dann einfach nur noch abholen zwischen 16.30 und 22.30 Uhr. Toll!

Mehr Infos und Bestellungen unter ottosburger.com

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Restaurant Lockdown: Jetzt gibt’s Burger to go

 

Kuchen-Glück in the Box

Auch ohne Lockdown ist für viele ein gemütliches, ausgiebiges Schlemmer-Frühstück noch im Schlafanzug der perfekte Start ins Wochenende. Wie praktisch, dass die mit Herz und Zucker Cafés ihre Kuchen- und Frühstückskunst auch für zu Hause anbieten! Die Frühstücksboxen gibt es in zwei Versionen: Beide enthalten unter anderem großzügig belegte Stullen, hausgemachtes Granola und Müsli mit süßen Früchten. Die Special-Version hat außerdem köstlichen Kuchen aus der eigenen Konditorei und frisch gepressten Orangensaft im Gepäck. Auch Lunch-Gerichte und Kaffee gehören zum Take Away Menü des Frühstückscafés. Bleibt also gespannt und hungrig auf die hübschen Köstlichkeiten.

Mehr Infos und Bestellungen unter cafe-mitherzundzucker.de

 

Wein aus der Vinothèque Virtuelle

Schon vor einigen Wochen hat das Bistro Carmagnole seinen eigenen virtuellen Weinkeller ins Leben gerufen. In der Vinothéque Virtuelle wartet eine kleine, aber erlesene Auswahl an Bio- und Naturweinen, von denen ihr die meisten bereits von der Bistro-Karte kennen könntet, auf die bequeme Bestellung in die eigenen vier Wände. Dazu gehören Orange-Weine, prickelnde Pet-Nats oder auch Champagner. Die perfekten Begleiter für jede Indoor-Party – mit ausschließlich zwei Haushalten und höchstens zehn Personen natürlich! Das bedeutet nämlich auch wunderbar mehr Wein für jeden.

Mehr Infos und Bestellungen unter carmagnole.kr

Ready to cook

 

Tacos basteln mit dem Tortilla Guy

 Der Tortilla Guy bringt mexikanischen Flavor nach Hamburg und Deutschland. Über den Online-Shop können drei verschiedene Taco Kits – Carnivore, Classic und Veggie – in die eigenen vier Wände bestellt werden. Dazu gehören jeweils verschiedene Toppings, Sen und eine Anleitung für die Zubereitung der verschiedenen Bestandteile. Wer die Füllung der köstlichen Teigfladen selber auswählen möchte, kann auch einfach einen Stapel Tortillas ordern, die gibt es ebenfalls in drei Variationen. Die Taco Kits gab es schon vor dem Lockdown, wir finden sie immer noch super. 

Mehr Infos und Bestellungen unter thetortillaguy.com

 

Pekingente at Home

Das Dim Sum Haus in St. Georg kann noch viel mehr als die gleichnamigen, köstlich gedämpften Teigtaschen. In dem Traditionsladen von 1964 gibt’s auch herrlich knusprige und ganze (!) Pekingenten. Aktuell können wir diese aus bekannten Gründen leider nicht direkt vor Ort genießen, umso mehr freuen wir uns über den PekingentenShop! Denn über diesen könnt ihr und können wir die traditionell zubereitete Ente ganz bequem und sicher von zu Hause aus bestellen. Alles, was dann noch zu tun ist, ist die Finalisierung im eigenen Backofen und das Dämpfen der mitgelieferten Pfannküchlein im Wasserbad.  

Mehr Infos und Bestellungen unter pekingente.shop

 

Handcrafted Beer und Überquell-Pizza für’s Sofa

Kein Lockdown ohne das Überquell! Die Bier- und Pizzamacher von St. Pauli bleiben bunt und optimistisch – bald schon geht ein Onlineshop für die eigenen Produkte an den Start und die ÜberQuell Back-Box ist ebenfalls nicht mehr lange Zukunftsmusik. Dann heißt es zuhause: Ofen an, Pizza rein und Bierchen auf. Nur die schöne Location am Hafen könnt ihr euch leider nicht bestellen, höchstens bloß kurz beim Abholen genießen. Übrigens will das Überquell noch bis einschließlich Sonntag, den 1. November, so viel Bier aus den Zapfhähnen bekommen wie möglich. Also schaut in den Brauwerkstätten vorbei und helft beim feuchtfröhlichen Fässer leeren.

Mehr Infos und Bestellungen unter ueberquell.com

 

Der Ramen-Panda kommt

Von Hamburg in die ganze Welt. Na gut, das nun (noch) nicht – aber immerhin ganz Deutschland beliefern die Ramen-Experten aus dem Karolinenviertel mit ihren japanischen Nudelsuppen. Einfach die gewünschte Suppe auswählen – zur Wahl stehen auf der Panda-Webseite aktuell Shio Shoyu Ramen, Hatcho-Miso Ramen oder vegane Ramen – und alle Zutaten kommen gut verpackt bei euch zu Hause an. Dann heißt es: Kochlöffel schwingen und nach der ausführlichen Anleitung in der eigenen Küche köstliche Ramen zusammenbrauen. Schmeckt fast so gut wie im Restaurant! Also auf auf in den Online-Shop zum Bestellen.

Mehr Infos und Bestellungen unter lesser-panda-ramen.de

Ready to rumble

 

Kochen wie im 100/200

Die Grundkiste des Sterne-Restaurants in Rothenburgsort ist zurück! Die Zutaten stammen von genau den Erzeugern und Partnern, die die Küche auch außerhalb der Pandemie beliefern. Das 100/200 besteht darauf: Für die Grundkisten wird keine Ware bestellt, sondern – ganz im Sinne der Idee von Gemeinschaft und Verantwortung – abgenommen, was sowieso schon da ist. Für 90 Euro kann die Kiste in Hamburg abgeholt oder innerhalb Deutschlands geliefert werden. Enthalten sind bereits vorbereitete Mahlzeiten für zu Hause, zum Beispiel Fisch aus der Fischereiwirtschaft Reese, ein warmes Herbstgericht oder auch das 100/200 Sauerteigbrot sowie selbst gemachte Wurst. 

Mehr Infos und Bestellungen unter 100200.kitchen/die-grundkiste

 

Ihr kennt oder plant weitere tolle to go Konzepte? Dann schreibt uns eine E-mail an essen-trinken@szene-hamburg.com. Wir unterstützen die Hamburger Gastronomie – und wir lassen uns nicht unterkriegen!

/ BD

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Corona-Krise: Die Gastro klagt auf Schadensersatz

Die Corona-Krise zwingt das Gastgewerbe in die Knie. Doch die Gastro-Branche wehrt sich: Sie klagt auf Schadensersatz.

Text: Jessica Bolewski

 

Seit Beginn der Corona-Krise setzen sich Hamburgs Gastronomen wie Koral Elci, Geschäftsführer der Kitchen Guerilla, und Johannes Riffelmacher, Gründer von Salt & Silver, gemeinsam für die Branche ein. Zusammen haben sie “Kochen für Helden” in Hamburg organisiert, einen Brandbrief an die Bundesregierung geschrieben und eine Petition zur Rettung der deutschen Gastronomie gestartet – eine befriedigende Lösung des Problems gibt es ihrer Meinung nach dennoch nicht. Der Gastro-Branche reicht’s: Sie klagt auf Schadensersatz für die Monate März bis Oktober und will versuchen, ihre Betriebe zu retten.

Gastro-Krise: Der Anspruch auf Corona-Entschädigung

“Es besteht unserer Ansicht nach ganz klar ein Entschädigungsanspruch”, sagt Ingo Valldorf, Pressesprecher für Gansel Rechtsanwälte. Die bisherige Auslegung des Infektionsschutzgesetzes durch die Länder sei in Schieflage: “Tritt in einem Betrieb Corona auf und muss diesbezüglich geschlossen werden, so bekommt das Unternehmen eine Entschädigung – unabhängig von den vom Betrieb durchgeführten Hygienemaßnahmen. Wird ein Unternehmen jedoch vorsorglich geschlossen, ohne, dass ein Corona-Fall auftritt, so erhält der Betrieb nach dieser Auslegung keine Entschädigung”, erklärt Valldorf.

Das Verhalten zur Pandemie-Eindämmung würde also indirekt bestraft. Das könne vom Gesetzgeber so nicht gewollt sein, so der Pressesprecher. In diesem Fall geht die Kanzlei mit der Option der Staatshaftung gegen die Bundesländer vor und will, unter anderem mit Bezug auf die Auslegung des Infektionsschutzgesetzes, einen Entschädigungsanspruch gegenüber dem Staat geltend machen.

Eine weitere Möglichkeit, dem Gastgewerbe in der Corona-Krise zu helfen, sieht die Kanzlei darin, die zuvor vereinbarte Betriebsschließungsversicherung in Anspruch zu nehmen – denn viele Versicherer würden sich weigern, einzuspringen. Für all die Betriebe, die eine solche Versicherung abgeschlossen haben, müsse der Vertragstext im Einzelfall genau geprüft werden, so Ingo Valldorf.

 

Rechtliches Vorgehen der Gastronomie

Deutschlands größte Verbraucherschutzkanzlei vertritt das Gastgewerbe in Sachen Corona-Entschädigung und kann in dieser Sache bereits rund 2.000 angemeldete Betriebe verzeichnen. Im ersten Schritt registrieren sich die Unternehmer unverbindlich über das Online-Formular auf der Kanzlei-Website. Anschließend können sie alle relevanten Abrechnungen und Angaben zum Betrieb hochladen und das Mandat wird geschlossen.

Laut Valldorf ist die rechtzeitige Mandatierung hierbei besonders wichtig: “Der Anspruch der Betroffenen kann nach dem Infektionsschutzgesetz ein Jahr nach den ersten Beschränkungen verfallen, somit im März 2021. Bis dahin müssen sich die Betriebe registriert haben.”

Die Kosten trägt entweder die Rechtsschutzversicherung, sofern vorhanden, oder ein Prozessfinanzierer übernimmt die vorab anfallenden Verfahrenskosten. Im Erfolgsfall bekommt dieser dann einen Teil der erkämpften Entschädigung. Ein finanzielles Risiko für die Mitstreiter gibt es nicht.

“Es gibt gute Möglichkeiten, Druck aufzubauen!”

Aus Angst vor Sanktionen würden sich viele Betriebe jedoch nicht trauen, gegen ihre Landesregierung vorzugehen, so die Vermutung Ingo Valldorfs. Dabei sollten sie mutig vorangehen, denn die Anwälte der Kanzlei sehen eine positive Trendwende für die Gastronomie: “Gerade in einem Stadtstaat, wie beispielsweise Hamburg, gibt es gute Möglichkeiten, Druck aufzubauen. Die Unternehmen müssen hierfür aber zusammenhalten und Seite an Seite stehen!” Das Eintreten für die eigenen Rechte im Rahmen des Gesetzes kann in einem Rechtsstaat nicht mit einer Strafe belegt werden.

Die Anspruchsschreiben werden nun vorbereitet. Für Ende November wird der zweite Schritt geplant.

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Runterkommen: 5 Spaziergänge ins Hamburger Umland

Vielen fällt in dieser Zeit die Decke auf den Kopf und ein Spaziergang in der Stadt gleicht einem Slalomlauf, wobei Abstand halten nicht immer möglich ist. Sich breitmachen und durchatmen geht hervorragend an diesen fünf Orten

 

Klövensteen

Von der Kreuzkröte geküsst

 

Kürzer als viele denken: 36 Minuten braucht man mit der S1 vom Hauptbahnhof bis nach Rissen. Und für die, die nicht wissen, wo Rissen liegt: Es ist der letzte westliche Hamburger Stadtteil vor Schleswig-Holstein. Und liegt direkt am Klövensteen, der sich über 513 Hektar bis ins benachbarte Bundesland erstreckt. Ein Mischwald wie er im Buche steht. Wer hier spazieren geht, läuft auf Moos, Sand oder Mulch und kleine, dichtbewachsene Pfade schlängeln sich durch das Gehölz. Man kommt an Teichen vorbei und gelangt auf Lichtungen. Natürlich sind auch gut ausgebaute Wanderwege vorhanden und Hamburgs größtes zusammenhängendes Reitwegenetz.

 

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Abstand ist hier kein Problem: das Schnaakenmoor im Klövensteen

 

Ein besonders schönes Fleckchen liegt im Südwesten: das Schnaakenmoor. Hier treffen Binnendünen auf Feuchtwiesen und Heidegräser, Kanäle ziehen sich durch das Hochmoor und in den unterschiedlichen Gräsern und Pflanzen hocken der Moorfrosch, die Kreuzkröte und Sumpfschrecke. Stundenlang kann man durch das rund 100 Hektar große und wunderschöne Naturschutzgebiet streifen, immer wieder Neues entdecken und zwischendurch am Bach die Picknickdecke ausbreiten – durchatmen und den Rest der Welt vergessen.

/ HED

 

Boberger Dünen

Natur pur mit Mindest­abstand

 

Ein Geheimtipp sind die Boberger Dünen schon lange nicht mehr: Das Naturschutzgebiet Boberger Niederung im Hamburger Südosten ist weitläufig, sehenswert und an Wochenenden durchaus rege besucht. Dennoch ist der Sicherheitsabstand von 1,5 Metern ohne Weiteres einhaltbar. Eine Dünenlandschaft gibt es hier tatsächlich noch – wenn auch längst nicht in dem Ausmaß einstiger Zeiten. Sie lässt eine abgesagte Fahrt an die Nordseeküste zwar nicht verschmerzen, wer aber den Sand an den Füßen entlang rinnen spürt, dem stellt sich immerhin eine Prise Strand-Feeling ein.

 

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Dünen mitten in der Stadt? In Hamburg ist alles möglich

 

Jetzt einfach nach hinten auf die Dünenlandschaft fallen lassen, den mitgebrachten Apfelsaft aus dem Rucksack ziehen und die Sonne genießen: Das flenst! Einen Badesee gibt es hier auch. Ob dieser in absehbarer Zeit für Gäste nutzbar sein wird, ist hingegen fraglich. Zumindest kann man ihn ruhigen Schrittes umrunden und dabei den Anblick des funkelnden Wassers genießen.

Wer ausgedehntere Wanderungen schätzt, kommt hier voll auf seine Kosten: Vier Wanderwege stehen zur Auswahl. Für Radtouren ist die Boberger Niederung ebenfalls bestens geeignet: Wer auf zwei Rädern unterwegs ist, sieht auch mehr von der beeindruckenden Landschaft. Das Areal umfasst immerhin satte 350 Hektar. Wie auch immer man dieses Naturschutzgebiet erkundet: Nach dieser Tour dürfte jeder groggy sein.

/ MAG

 

Friedhof Ohlsdorf

Paradies für die Lebenden

 

Der Ohlsdorfer Friedhof darf ruhig mal ein bisschen angeben: Er ist nicht nur beliebte letzte Ruhestätte der Hamburger Prominenz und Hamburgs größte Grünanlage, sondern mit rund 390 Hektar Fläche auch der größte Parkfriedhof der Welt. Die überwältigende Größe garantiert auch eine gigantische Vielfalt – hier findet wirklich jeder das perfekte Stückchen Grünfläche zum Durchatmen. Geschichtsexperten können die vielen historischen Gräber und Mausoleen bestaunen (die im Übrigen auch sehr fotogen sind), Hobbybotaniker sich der Rhododendronblüte im Mai erfreuen und kleine Entdecker den Naturlehrpfad erforschen.

Kerzengerade Alleen und verschlungene Pfade führen vorbei an Blumengärten, Waldstücken, Tümpeln und Seen. Wer hin und wieder etwas vom Pfad abweicht, entdeckt alte, moosbewachsene Grabplatten, die von der Natur langsam zurückerobert werden. Neben der großen landschaftlichen Palette birgt die schiere Fläche des Ohlsdorfer Friedhofs noch einen ganz anderen Vorteil: Entzerrung. Da kann es schon mal vorkommen, dass man beim Streifzug über den Friedhof eine gute halbe Stunde keinem anderen Besucher begegnet.

 

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Nicht nur letzte, auch sonst prima Ruhestätte: der Friedhof Ohlsdorf

 

Dass die Besucher hier zur Ruhe kommen, wollte schon Friedhofsgründer Wilhelm Cordes, und gestaltete die Anlage nicht nur als Paradies für die Toten, sondern besonders für die Lebenden. Die vielen verschiedenen Friedhofsteile lassen sich am besten bei einem langen Spaziergang ohne festes Ziel erkunden, zur Sicherheit sollte man sich am Eingang aber doch eine Karte abstauben – sonst verliert man schnell die Orientierung. Wer möglichst viele Highlights abklappern will, kann auf den asphaltierten Straßen auch mit dem Fahrrad durch die Anlage fahren.

/ SHE

 

City Nord

Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein – und das fast allein

 

Wo kann man noch entspannt spazieren, zwanglos fotografieren und gedanklich philosophieren, ohne im ewigen Slalom um die entgegenkommenden Mitmenschen zu tänzeln? Unser Tipp: die City Nord. Hier ist am Wochenende niemand. Na gut: fast niemand, abgesehen von den wenigen dort ansässigen Bewohnern, einigen verirrten Städtern und unzähligen vorbeisausenden Fahrradfahrern. Wochentags befindet sich die Mehrheit der über 30.000 Beschäftigten, die hier normalerweise rein- und rauspendeln, im Homeoffice. Die City Nord, seit Jahren als karg, menschenfeindlich und von vorgestern tituliert, entpuppt sich nun als idealer Ort für ausgedehnte und entspannte Spaziergänge.

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70er-Charme in der City Nord

Architektonisch sind die Protzbauten aus den 60er und 70er Jahren imposant, fotografisch sind sie hochgradig interessant. Schilder informieren über die Entstehung und Besonderheiten der einzelnen Bürogebäude und veranschaulichen die funktionalistische Idee, die der City Nord zugrunde liegt. Im Fokus steht die, damals zukunftsweisende, heute anachronistisch anmutende Trennung von Arbeit und Wohnen. Das sieht und fühlt man nach nur wenigen Schritten. Es ist, als sei man in einer anderen Stadt, einer anderen Zeit, einer anderen Welt gelandet.

Einige Gebäude stehen unter Denkmalschutz, andere werden erneuert, abgerissen oder durch Neubauten ersetzt. Die City Nord: Das sind 120 Hektar zum Abschalten, Entdecken, Erlaufen und Erforschen. Eine Zeitreise in eine längst vergangene Epoche der Architektur und Großmannssucht.

Wer tiefer in die Geschichte dieses Stadtteils eintauchen will, dem sei der Bildband „City Nord“ der Autorin Sylvia Soggia und des Fotografen Thomas Duffé empfohlen. Dieser bietet erhellendeEinblicke in das Innere der unternehmerischen Schaltzentralen. Spätestens dann wird klar, dass manch architektonische Sünde in „Europas Modellstadt der Moderne“ nicht nur von außen sichtbar ist.

/ MAG

 

Wandse

Von der Mündung bis zur Quelle

 

Jeder weiß: Hamburg hat mehr Brücken als Venedig. Die dazugehörigen Kanäle, Bäche und Flüsse eignen sich hervorragend für lange Spaziergänge, im Hamburger Osten zu empfehlen: die Wandse. Der rund 20 km lange Fluss entspringt bei Siek in Schleswig-Holstein und schlängelt sich auf seinem Weg bis zur Mündung durch einige botanische Highlights.

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Im Eilbek Park wird die Wandse zum Eilbekkanal

Erster Halt ist das Naturschutzgebiet Höltigbaum, ein ehemaliger Militärübungsplatz, der heute nicht nur eine große Vielfalt an Fauna und Flora beherbergt, sondern auch flauschige Galloway- und Highlandrinder. Über die Hamburger Stadtgrenze hinweg fließt die Wandse anschließend durch Rahlstedt, wo sie kurz unter dem hiesigen Einkaufszentrum verschwindet. Ab hier zieht sich die Wandse entlang einer grünen Ader vorbei am Friedhof Tonndorf, durch den Botanischen Sondergarten Wandsbek und den Eichtalpark bis zur S-Bahn-Station Friedrichsberg. Hier, im Eilbek Park, wird die Wandse zum Eilbekkanal und fließt durch den Kuhmühlenteich schließlich in die Außenalster.

Die gesamte Strecke von der Mündung bis zur Quelle wird zwar hin und wieder von Straßen unterbrochen, wer Kondition hat, kann sie aber trotzdem gemütlich mit dem Fahrrad abklappern. Für einen ausgiebigen Spaziergang lohnt sich der Streckenabschnitt zwischen den Bahnstationen Friedrichsberg und Tonndorf oder Rahlstedt.

/ SHE

 

 

FAQs: Spaziergänge in Hamburg

 

Welcher Spaziergang ist der Schönste?

Das kommt ganz darauf an, was euch gefällt: Wenn ihr Lust habt auf Wald und Moor, dann ist ein Spaziergang durch Klövensteen genau das Richtige für euch. Wenn ihr hingegen auf der Suche nach ein bisschen Urlaubs-Feeling seid, empfehlen wir euch die sandige Dünenlanschaft der Boberger Dünen. Und wer auf seinem Spaziergang Architektur bestaunen möchte, der sollte sich in der City Nord umschauen.

Welcher Spaziergang ist im Herbst am schönsten?

Wenn sich im Herbst die Blätter färben, solltet ihr euch einen Spaziergang durch Hamburgs bunte Wälder nicht entgehen lassen. Zum Beispiel durch das Waldgebiet Klövensteen mit seinen gut ausgebauten Wanderwegen, die euch sicher durch das Gehölz führen. Auch das Naturschutzgebiet Höltigbaum beherbergt eine große Vielfalt an Flora und Fauna.

Wie lange dauern die Spaziergänge?

Grundsätzlich könnt ihr in jedem Gebiet zwischen längeren und kurzen Routen wählen. Wer ausgedehntere Wanderungen schätzt, kommt in den Boberger Dünen voll auf seine Kosten: Vier Wanderwege stehen zur Auswahl. Für Radtouren ist die Boberger Niederung ebenfalls bestens geeignet. Auch im Schnaakenmoor kann man stundenlang durch das rund 100 Hektar große und wunderschöne Naturschutzgebiet streifen.

Welche Tiere und Pflanzen begegnen einem auf den Spaziergängen durchs Hamburger Umland?

Auf einem Spaziergang durch Klövensteen begegnen euch mit etwas Glück Moorfrösche, Kreuzkröten und Sumpfschrecken. Hobbybotaniker können sich bei einer Tour durch den Friedhof Ohlsdorf im Mai an der Rhododendronblüte erfreuen und bei einer Runde durch das Naturschutzgebiet Höltigbaum kommt ihr an den flauschigen Gallowayrindern vorbei.

Wie erreicht man die Spaziergang-Routen im Hamburger Umland?

Viele Naturschutzgebiete sing gut mit Bus uns Bahn zu erreichen. 36 Minuten braucht man mit der S1 vom Hauptbahnhof bis nach Rissen, wo man aussteigt, wenn man dem Waldgebiet Klövensteen einen Besuch abstatten möchte. Auch die Boberger Dünen sind nicht weit weg von der S-Bahn-Station Mittlerer Landweg. Und der Friedhof Ohldorf liegt nur ein paar Minuten fußläufig von der Bahn-Station Ohlsdorf entfernt.

 

 


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Genuss darf man nicht wegschließen

Sie haben sich angepasst, umgebaut und geschuftet – und was haben sie davon?

Kommentar: Jessica Bolewski

 

Der Lockdown light zwingt Gastronomen in die Knie. Restaurants, Bars und Cafés müssen im November vollständig schließen, dürfen lediglich ein to-go-Angebot anbieten. Finanzielle Einbußen, Existenzängste und Entsetzen machen sich in der Branche breit.

Beim Betreten der Gastro waren Checklisten an vielen Türen sichtbar: Hier gilt Maskenpflicht! Nach dem Desinfizieren der Hände und dem Registrieren per Zettel oder QR-Code konnte der Abend für die Gäste dann auch losgehen – natürlich mit genügend Abstand zum Nachbartisch. Ein Procedere, das zwar etwas umständlich, aber inzwischen gelernt und notwendig war, um sich und seine Mitmenschen zu schützen. Wenn das Servicepersonal das Essen servierte, trug es auch eine Alltagsmaske. Ein Lächeln darunter ist dennoch erkennbar und so bemerkenswert bei einer geringen Auslastung aufgrund der Maßnahmen.

 

Lockdown light: Die Gastro ist wütend

 

Im November bleiben die Tische leer. Trotz ausgeklügelter Hygienekonzepte wie Belüftungsanlagen, Trennwände und hochmoderne Virenfilter. Die Gastro ist wütend. Wütend auf die “schwarzen Schafe” ihrer Branche, die ihre großen Bemühungen zunichte machen. Wütend auf falsche Namen auf den Registrierungskarten. Wütend darauf, dass der Lockdown light sie als voller Lockdown trifft. Und das, obwohl das Robert-Koch-Institut Restaurants und Gaststätten nur einen “minimalen Anteil” am Ausbruchsgeschehen zuweist.

Mit einem offenen Brief an Kanzlerin Merkel fordern führende Gastronomen wie Cornelia Poletto, Tim Mälzer und Tim Raue ein hartes behördliches Vorgehen gegen alle “schwarzen Schafe”, die Unterstützung durch die Behörden bei der Durchsetzung der Regeln und die konsequente Förderung beim Ausbau der Außenbereiche sowie des Infektionsschutzes im Innenraum. Hören wollte man diese Forderungen nicht.

Dabei leistet die Gastronomie in Zeiten der Pandemie nicht nur einen so wichtigen Beitrag – damit Deutschland, damit die Menschen durchhalten. Essen ist lebensnotwendig. Und so ist der Besuch im Restaurant, in der Bar oder im Café viel mehr als eine Auszeit vom stressigen Alltag, sondern ein Lebensgefühl, eine Oase, in der man seine Probleme für einen Moment vergessen kann. Ein Ort, an dem man zusammenkommt, miteinander spricht, lacht – ein Ort, zum Genießen.

Die Gastronomie ist für uns Menschen essentiell. Wir brauchen sie und sie braucht uns!

 

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Gegen einen Lockdown: Offener Brief der Gastronomie

Die Gastronomie hat sich in einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel gewandt.

In dem Brief steht, dass die Gastronomen sich sorgen, dass ein angesichts der dramatischen Zunahme von COVID 19-Infektionen einen „Lockdown Light“ mit den Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten der Bundesländer bei der Bund-Länder-Konferenz diskutieren werde und dass die im Raum stehenden Maßnahmen nahezu ausschließlich die Gastronomie- und Veranstaltungsbranche betreffen würden.

Die Gastronomen und ihre Partner würden sehen “wie gut Deutschland den Weg durch die Corona-Pandemie bisher gemeistert hat” und würden Ihnen in den Anstrengungen zur dringend notwendigen Trendwende zur Seite. Allerdings befürchten sie, dass härtere Regulierungen – bis hin zur Schließung – von Gastronomien nur dazu führen, dass soziale Kontakte in Privaträume verlagert würden. Die Branche würde dadurch abermals massiv geschwächt, ohne dass das Ziel der Kontaktreduzierung erreicht würde.

Die Gastronomen wollen einen Lockdown abwenden und schlagen folgende Punkte vor:

  • Ein hartes behördliches Vorgehen gegen alle „schwarzen Schafe“ mit bereits bestehenden Instrumenten wie Bußgeldern und ggf. Zwangsschließungen
  • Unterstützung der Branche durch die Behörden bei der Durchsetzung der Regeln – und nicht nur Kontrolle bei der Einhaltung von Maßnahmen wie der Sperrstunde
  • Konsequente Förderung von Gastronomen beim Ausbau der Außenbereiche und Stärkung des Infektionsschutzes im Innenraum (z.B. durch Anschaffung von Filtern) wie bereits mit der Überbrückungshilfe II eingeleitet

Unterzeichnet haben den Brief unter anderem prominente Gastronomen wie Tim Mälzer, Tim Raue, Cornelia Poletto, Max Strohe, Frank Rosin und viele mehr.

Den gesamten Brief könnt ihr hier lesen.

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Corona-Pandemie: Wie geht es der Hamburger Kultur?

Die Corona-Pandemie hat die Kulturlandschaft hart getroffen. Wie geht es weiter? Trotz Wiedereröffnung sind die Akteure zermürbt von Existensängsten. Zugleich kämpfen sie unermüdlich, damit es weitergeht. Eine Stimmung, zerrissen zwischen Optimismus und Verzweiflung. Vier Protagonisten aus der Szene berichten

Text: Ulrich Thiele

 

Überlebenskampf der Clubszene

Der Anblick des leeren Clubs versetze ihm jedes Mal einen Stich, sagt Constantin von Twickel beim Eintreten. Er setzt sich an den Tresen im Nochtspeicher, stellt zwei Wasserflaschen auf den Tisch und atmet erst einmal durch. Es ist brüllend heiß an diesem Freitagnachmittag, heute hat sich Twickel endlich mal einen Tag frei genommen. Er ist künstlerischer Leiter des Nochtspeicher und der Nochtwache und engagiert sich ehrenamtlich in den Vorständen des Clubkombinat Hamburg, einem Zusammenschluss von Clubbetreibern, Veranstaltern, Bookern und Agenturen, und der dazugehörigen Clubstiftung. Die letzten Wochen und Tage waren für ihn vollgepackt mit Gesprächen mit der Kulturbehörde und den Vorbereitungen für den September, wenn der Betrieb eingeschränkt wieder losgeht. Seinen ersten Corona-bedingten Ausfall hatte der Nochtspeicher bereits am 10. März.

Der britische Musiker und Autor Billy Bragg hatte seine Lesetour abgesagt. Am 13. März, also noch vor den behördlichen Anordnungen, stellte der Nochtspeicher freiwillig den Betrieb ein – wie so viele Clubs in Hamburg, die schon früh der Eindämmung des Virus höchste Priorität verliehen. „Wir kämpfen alle hart ums Überleben“, sagt Twickel. Der Nochtspeicher hat Glück im Unglück. Zum einen, weil die Hamburger Kulturbehörde schnell und engagiert auf die Krise reagierte. Zum anderen, weil er zu den förderberechtigten Clubs gehört, die die Corona-Soforthilfe der Kulturbehörde für anerkannte Live-Musik- Kulturstätten in Anspruch nehmen konnten.

Dafür mussten einige Kriterien erfüllt werden: Der Club musste unter anderem eine Mindestanzahl von vergangenen Veranstaltungen im Monat vorweisen und Gema-Zahlungen geleistet haben. Zwischen 50 und 60 Musikclubs erfüllen diese Kriterien, viele andere nicht. Selbst Clubs, die förderberechtigt waren, erhielten die Hilfe nicht, weil sie noch zu viele eigene Rücklagen hatten, die sie zuerst aufbrauchen sollten. Vergangenes Jahr hat der Nochtspeicher seit seiner Gründung 2013 zum ersten Mal überhaupt Gewinn gemacht. Der Club wurde also all die Jahre sowieso schon mit schmalem Budget betrieben, was hohen persönlichen Einsatz der Macher einforderte. Und viele Rücklagen konnte Twickel so natürlich nicht bilden, die wenigen sind inzwischen ohnehin aufgebraucht. Immerhin konnte er im Lockdown die laufenden Kosten um die Hälfte auf 20.000 Euro senken. Doch bereits im März konnte Twickel die knapp 30 Minijobber, die er beschäftigt und die nicht unter das Kurzarbeitergesetz fallen, kaum bezahlen. Denn innerhalb der ersten zwei Wochen des Lockdowns sind bereits 100 Veranstaltungen ausgefallen oder verschoben worden.

Sicherheitsabstand im Zuschauerraum vom Altonaer Theater. (Foto: Szene Hamburg)

Als die Behörde am 1. Juli die Verordnung zur Wiederaufnahme des Kulturbetriebs veröffentlichte, waren die Clubs davon noch ausgeschlossen. Ab dem 1. September dürfen auch sie einen reduzierten Betrieb aufnehmen. „Wir adaptieren das Szenario der Gastronomie“, erzählt Twickel. Eröffnet wird im Stil eines Jazzclubs, mit runden Tischen für vier Personen und Lämpchen. Rund 60 Gäste finden so Platz auf der 185 Quadratmeter großen Fläche. Es wird einen Tischservice geben, damit die Gäste nur aufstehen, wenn sie auf die Toilette müssen. Drei Konzerte sind unter diesen Bedingungen im September geplant, hinzu kommen Veranstaltungen im Rahmen des Reeperbahn Festivals. Irgendwas kann allerdings immer dazwischen kommen, je nach Lage. Momentan steigt die Zahl der Infizierten wieder. „Wir versuchen, das Unplanbare zu planen“, sagt Twickel. Das inkludiert auch Verschiebungen. Der geplante Ersatztermin im September für die Lesung von Billy Bragg musste abermals verschoben werden.

Dennoch: Bis zum 31.12. ist das Überleben gesichert, bis dann steht der Nochtspeicher unter dem Club-Rettungsschirm der Kulturbehörde. Der reduzierte Betrieb ab September wird über eine Fehlbedarfsförderung finanziert. Die Differenz zwischen den Kosten und den Einnahmen durch die Konzerte wird vom Staat übernommen, zu etwa 20 Prozent vom Land Hamburg, zu 80 Prozent aus Bundesmitteln. Insgesamt 1,5 Millionen Euro werden den förderberechtigten Clubs zur Verfügung gestellt. Auch wenn nicht viel erwirtschaftet werden wird, ist es dennoch eine Entlastung der staatlichen Töpfe. Und die ist notwendig, wenn man bedenkt, welche Ausgaben auf die Behörde zukommen. Es gibt beispielsweise Fördergelder für Clubs mit alten Lüftungsanlagen, damit sie ihre Räume pandemiegerecht umgestalten können. Bis zum 31. Oktober gibt es außerdem einen Topf für die Outdoor-Initiative, die das Clubkombinat und die Clubstiftung zusammen mit der Kulturbehörde erwirkt haben.

Aber es ist verworren, niemand kann gleichzeitig aus mehreren Töpfen Summen beziehen: Wer im September draußen Veranstaltungen macht und dafür eine Fördersumme bewilligt kriegt, kriegt nicht noch zusätzlich etwas für die Indoor-Veranstaltungen. So oder so: „Es ist ein Wettlauf mit der Zeit“, sagt Twickel, irgendwann sind die Töpfe eben leer. Viele kleinere Läden werden vermutlich gar nicht erst öffnen, weil es für sie nicht lohnt, wenn nur für zehn Menschen Platz ist. Und nicht alle Clubs werden diese Krise überleben. „Da muss man gar nicht drum herum reden“, so Twickel. Manche wird es finanziell treffen, manche werden entkräftet hinschmeißen, vermutet er. Was in diesen Zeiten ganz deutlich wird, ist, wie verwoben die unterschiedlichsten Branchen miteinander sind. Es ist wie ein Ökosystem: Die Leute gehen erst ins Restaurant, dann zum Beispiel in den Nochtspeicher aufs Konzert und anschließend nebenan in die Washington Bar.

 

„Scheiße, jetzt geht’s an die Substanz“ (Constantin von Twickel)

 

Twickel fasst die Bedeutung für Hamburgs Szene in einem Bild zusammen: „Wenn etwas aus diesem Kreislauf wegfällt, dann ist das so, als würde ein Tintenfisch einen Arm verlieren, bis er sich irgendwann nicht mehr fortbewegen kann.“ Er glaubt, dass einige Bars und Kneipen nicht überleben werden, weil sie keine Unterstützung kriegen. Denn die Bars unterstehen nicht der Kulturbehörde, sondern der Wirtschaftsbehörde. Auch wenn die Kulturszene sich von ihrer Behörde unterstützt fühlt, das Überleben kurzfristig gesichert ist, kommen enorme Schwierigkeiten auf die Branche zu. Denn unwegsame Faktoren spielen auch eine Rolle:

Kommen im September überhaupt Besucher, oder sind die Menschen gehemmt? Und wie sollen sich langfristig überregionale Tourneen von Künstlern realisieren lassen? Braucht es nicht zusätzlich Alternativkonzepte? Twickel: „Ich habe schon überlegt, ob man Schulen tagsüber den Raum zur Verfügung stellen könnte.“ Schließlich hätten diese gerade das Problem, zu kleine Klassenräume zu haben. Aber auch da gäbe es viel bürokratischen Behördenaufwand, um eine Genehmigung zu erhalten. Überhaupt sei das Bürokratische bisweilen hemmend. Vor einigen Monaten sammelte die Clubstiftung in der Spendenaktion „Save our Sounds“ 174.000 Euro ein. Dafür brauchte sie zunächst eine Sondergenehmigung der Finanzbehörde, um die Spenden ausschütten zu können. Ansonsten hätte die Stiftung ihre Gemeinnützigkeit verloren.

„Das war heikel. Das Geld musste eingefroren werden, einen Teil hatten wir schon verteilt, das musste zurücküberwiesen werden.“ Inzwischen sind die Gelder von einem unabhängigen Gremium und nach einem Schlüssel verteilt worden. Für Twickel gilt, was für alle gilt: Das Berühmte auf Sicht fahren. Abwarten und hoffen, dass das Horrorszenario nicht eintritt. „Ein zweiter Lockdown? Dann wäre Schicht“, sagt er. Ob er noch einmal psychisch die Kraft aufbringen könnte, durch einen Lockdown zu gehen, bezweifelt er. „Wir hatten alle unsere Tiefs, ich auch“, sagt er, „Am Anfang war ich noch voller Tatendrang. Als ich aber gemerkt habe, dass die Krise länger andauern wird, habe ich schon gedacht: Scheiße, jetzt geht’s an die Substanz.“ Doch nicht nur Clubbetreiber haben es aktuell besonders schwer, auch die, die von der Veranstaltungsbranche abhängig sind wie Toningenieure oder Caterer.

Zermürbung in der Kreativwirtschaft

„Die Lage ist überaus desolat“, sagt Egbert Rühl, Geschäftsführer der Hamburg Kreativ Gesellschaft. „Hope is everywhere“, steht auf einer Postkarte, die neben der Tür im Konferenzraum der städtischen Einrichtung in der Hongkongstraße hängt. Seit 2010 ist sie eine wichtige Anlaufstelle für die Kreativen der Stadt. Individuelle Beratung, Vorträge und Workshops stehen unter anderem auf dem Programm, um ihre Belange zu fördern. „Unsere Klienten leiden unter zermürbenden Existenzängsten“, sagt Rühl. Gerade zu Beginn der Krise sei die Verunsicherung groß gewesen, weshalb die Kreativ Gesellschaft eine Service-Hotline einführte. Die Nachfrage war hoch. Von Mitte März bis Ende April wurden rund 500 Beratungsgespräche geführt. Die häufigsten Fragen: Wo kann ich den Antrag für die Soforthilfen von Bund und Ländern stellen? Wie erhalte ich eine Grundsicherung? Ich befinde mich noch in der Ausbildung – bin ich antragsberechtigt? Dabei wurden erste Probleme sichtbar, denn die Hamburgische Investitions- und Förderbank (IFB), die für die Soforthilfen zuständig ist, fragte die Liquiditätsengpässe für die Monate März bis Mai 2020 ab.

 

„Der Staat hat enorm schnell und effektiv reagiert“ (Egbert Rühl)

 

Dabei erhielten viele Selbstständige in dieser Phase noch Zahlungen für kürzlich abgeschlossene Projekte. Der Corona-bedingte Engpass stand zu dem Zeitpunkt also erst noch bevor. „Grundsätzlich hat der Staat auf Bundes- und Landesebene enorm schnell und effektiv reagiert“, sagt Rühl. „In den Details sehen wir aber kritische Punkte.“ Einer dieser Punkte ist, dass Solo-Selbstständige und Freiberufler nur ihre Betriebskosten über den Rettungsschirm kompensieren können. Nicht aber ihr fehlendes Einkommen, dieses muss beim Arbeitsamt als Grundsicherung (Arbeitslosengeld II) beantragt werden. Das heißt: Solo-Selbstständige und Freiberufler können ihr Einkommen nicht geltend machen. „Wir haben unseren Klienten in den letzten zehn Jahren immer wieder gesagt, dass sie sich auch als Akteure des Wirtschaftslebens verstehen sollen“, sagt Rühl. Maler oder Schauspieler seien eben auch Unternehmer.

„Im Moment der Krise gibt die Politik ihnen aber zu verstehen, euer Einkommen ist keine Betriebsausgabe.“ Im Gegensatz zu Unternehmen, für die die Löhne der Angestellten zu den Betriebsausgaben gehören, also unternehmerisch bewertet und innerhalb der Rettungsmaßnahmen bezuschusst werden, rutschen Solo-Selbständige in das Sozialsystem, indem sie Grundsicherung beantragen müssen, um ihren Betrieb weiter fortführen zu können. Auch in Hamburg hieß es für Solo-Selbständige also von Anfang an: Betriebskosten aus den Rettungsschirmen, das eigene Einkommen aus der Grundsicherung – bei gleichzeitiger Senkung der Hürden zum Zugang zur Grundsicherung. In manchen Fällen können sogar die Mietkosten für die Wohnung über die Grundsicherung erstattet werden. „Es gab auch Hinweise von der Politik, dass man als Kreativer – wenn man geschickt ist – über die Grundsicherung mehr Geld bekommen kann, als wenn man seinen Unternehmerlohn in den Rettungsschirmen beantragt – das zeigt, dass die Programme zu Beginn noch nicht feinjustiert waren.“

Dennoch findet Rühl: „Grundsätzlich hat der Staat früh an Kreativselbstständige gedacht und es war gut, dass die Bürokratie versucht hat, das schnell umzusetzen. Dass die Dinge nicht immer bis zum Ende durchdacht sein können, ist eine unvermeidbare Kinderkrankheit.“ Dazu gehört auch zum Beispiel die „Mietstundung“. Der Senat verkündete: Wer Mieter eines städtischen Gewerbeimmobilienvermieters ist, kann seine Mieten bei diesem städtischen Vermieter stunden. Doch bei der Beantragung von Geldern aus dem Rettungsschirm, ist die Miete ein erheblicher Anteil davon. Also stellte sich die Frage, lieber die Miete stunden und nicht bei seinen Betriebskosten einberechnen? Oder sie nicht stunden, und diese im Rahmen des Rettungsschirms geltend machen? Zudem gab es eine Verordnung der Kulturbehörde, nach der zusätzliche Mittel von der Kulturbehörde nur dann bezogen werden können, wenn man seine Miete gestundet hat.

 

„Es gehört zur Natur der Kreativen, weiter zukämpfen“ (Egbert Rühl)

 

Inzwischen räume der Staat auf, die Programme würden ausdifferenzierter, auch auf Bundesebene. Auch stelle er jetzt Rückforderungen, weil im Nachhinein überprüft werde, ob alles ordnungsgemäß war, berichtet Rühl. „Ich nehme eine gewisse Verzweifl ung bei unseren Klienten wahr, und zugleich eine Bereitschaft , das irgendwie durchzustehen“, erzählt Rühl. „Aber es ist ungeheuer zermürbend.“ Die Zermürbung hänge auch mit der unsicheren Zukunft zusammen. Der Blick in die Zukunft reiche laut Rühl gerade mal von Woche zu Woche. Alles hängt davon ab, wie sich die Fallzahlen entwickeln und wann der Impfstoff flächendeckend bereitsteht. Eine Antwort darauf gibt es nicht, Prognosen sind reine Spekulation. Eine vorsichtige Prognose äußert Rühl aber doch: „Momentan ist der Tenor, dass wir das Virus eindämmen müssen – und das ist auch richtig, keine Frage. Aber es führt auf ökonomischer und künstlerischer Seite zu so massiven Verlusten, dass man über Alternativen nachdenken muss – wobei ich nicht weiß, wohin dieses Denken führt.“ In Richtung Herdenimmunität?

Rühl stöhnt ratlos auf. „Egal in welche Richtung das Denken geht, es wird sofort sehr schwierig. Man weiß nicht, wann oder ob der Impfstoff kommt. Niemand weiß es. Es ist ein Desaster“, sagt er und lacht. Gut, dass ihm das Lachen noch nicht im Halse stecken bleibt. „Es bleibt uns nichts anderes übrig“, meint Rühl. „Das ist schon eine fatalistische Haltung, denn diese Situation betrifft uns alle und es gibt niemanden, gegen den wir unsere Wut, so wir denn eine haben, richten können. Das Virus ist ja nicht menschengemacht.“ Im Grunde ist nichts sicher. Nur, dass ein weiterer Lockdown nicht passieren darf. Rühl: „Einen zweiten Lockdown für weitere drei Monate werden nur wenige überleben.“ Politisch stelle sich dann auch die Frage, inwieweit und wie lang ein Staat die Institutionen und Unternehmen noch über den Berg bringen kann, wenn sie selbst nichts einnehmen. Denn ewig kann die Subventionsmaschine nicht am Laufen gehalten werden.

„Wenn die Rahmenbedingungen wieder verschärft werden, verlieren alle die Perspektive“, erzählt Rühl. „Ich habe für diesen Zustand dann keine Begriffe mehr.“ Die Klienten seien zwar zermürbt, aber noch nicht so weit, dass sie Alles hinschmeißen wollen, denn „es gehört zur Natur der Kreativen, weiterzukämpfen und Alternativen zu entwickeln“.

Nach dem Stillstand geht am 3. September auch im B-Movie Kino der Betrieb wieder los. (Foto: Szene Hamburg)

 

Eine Dystopie für die Kinobranche

Auch die Kinobranche hat die Krise hart getroffen. Der Hauptverband Deutscher Filmtheater spricht von einem Umsatzrückgang von 80 Prozent im Vergleich zum vergangenen Jahr. Hans-Joachim Flebbe, Betreiber der ASTOR Film Lounge und des Savoy, macht aus der desaströsen Lage keinen Hehl: „Ich habe zwei Perspektiven für die Kinolandschaft im nächsten Jahr. Die eine ist schlimm, die andere ist ganz schlimm“, erzählt er am Telefon. Zunächst die schlimme: Flebbe geht davon aus, dass die Besucherzahlen sich um mindestens 25 bis 30 Prozent gegenüber dem Jahr 2019 verschlechtern werden.

Die bisherige Benchmark lag in den vergangenen Jahren bei 120 Millionen Kinobesucher pro Jahr in Deutschland. Diese Zahl werde wohl nie wieder erreicht werden, befürchtet Flebbe. Im nächsten Jahr geht er eher von maximal 80 bis 90 Millionen aus. „Das wird für viele Kinos sehr eng, es sei denn, der Staat erklärt sich doch noch bereit, größere Kompensationszahlungen zu leisten.“ Flebbe betreibt deutschlandweit Kinos, die sehr unterschiedlich staatlich subventioniert werden. In Niedersachsen etwa sei bisher keine Hilfe gekommen, dem Kino fehle es schlichtweg an Lobbyarbeit: „Es herrscht eine Ungleichbehandlung, die mich wütend macht.“ Hamburg habe noch Glück, die Kulturbehörde zeige Verständnis und die Hansestadt gehöre zu den wenigen Bundesländern, die auf ihre Kinokultur Wert legen. Flebbe hat von der Kulturbehörde je 50.000 Euro Hilfe für die ASTOR Film Lounge in der HafenCity und das Savoy erhalten. Das ist zwar nur ein kleiner Ersatz für mehrere Monate Stillstand, die Verluste bleiben. Aber immerhin helfen die Summen, die Last der Fixkosten abzumildern.

Die Phase der Stilllegung hat länger gedauert als gedacht, und die Zuschauer kehren nicht in gleicher Form zurück wie vor der Krise, wie man derzeit sieht. Viele haben Angst, zudem ist die Filmauswahl überschaubar, was das Wiederanlaufen erschwert. Selbst die eingeschränkte Auslastung von 25 Prozent, die die Abstandregelung von 1,50 Meter erreicht, reicht nicht für ausverkaufte Vorstellungen. Die ASTOR Film Lounge in der HafenCity hat erst vor Kurzem geöffnet, da die Verluste unter diesen Bedingungen in geschlossenem Modus niedriger waren. Das Savoy hat mit Klassikern von Stanley Kubrick und Quentin Tarantino wieder eröffnet. Kostendeckend läuft das natürlich nicht, aber die Verluste seien überschaubar, sagt Flebbe. Der größte Einschnitt, der die Kinolandschaft langfristig prägen wird, liegt im Siegeszug der Streamingdienste, den die Corona-Krise vorangetrieben hat. Zugespitzt formuliert: Wer vorher noch kein Netflix-Abo hatte, hat spätestens jetzt eins. Dadurch wird der Druck auf die Kinos noch größer.

 

„Man muss demütig sein, angesichts der Lage“ (Hans-Joachim Flebbe)

 

Die Abstandsregelung führt dazu, dass die Verleiher andere Wege suchen, um ihre Filme zu vertreiben – eben Streamingdienste. Das habe Spätfolgen, denn wenn es gut funktioniert hat, werden sie weiterhin auf Streaming setzen, befürchtet Flebbe. Hinzu kommt die neue Hiobsbotschaft, dass das Universal Studio in Nordamerika dazu übergeht, das exklusive Auswertungsfenster der Kinos von drei bis vier Monaten auf 17 Tage zu reduzieren. Und damit wären wir bei Flebbes ganz schlimmer Prognose: „Ich befürchte, wenn das exklusive Fenster fällt, wird mindestens die Hälfte aller Kinos überflüssig und das Geschäftsmodell Kino „Man muss demütig sein, angesichts der Lage“ (Hans-Joachim Flebbe) wird sich auf wenige Premiumkinos reduzieren, die ein besonderes Ausgeherlebnis für Kinoliebhaber anbieten.“ Derzeit gebe es so viele Probleme, dass er von Baustelle zu Baustelle blicken müsse. Der erste Schritt muss laut Flebbe in der Reduzierung der Abstandsregelung für Kinos gelten, um den Verleihern genügend Kapazitäten für eine Kinoauswertung zu geben.

In Nordrhein-Westfahlen, Berlin und anderen Ländern wie der Schweiz, Österreich und Frankreich ist die Abstandsregelung für Kinos bereits auf einen Meter herabgesetzt. Damit ist zumindest eine Auslastung von 50 bis 60 Prozent möglich, die das Kino für die Vertreiber wieder attraktiver macht. In Hamburg ist das noch nicht der Fall (Stand 21.8.2020). Die diesbezüglichen Gespräche mit Kultursenator Carsten Brosda liefen aber gut, berichtet Flebbe. Es gibt gute Gründe für eine Änderung der Regelung. Eine Untersuchung der TU Berlin hat ergeben, dass die Ansteckungsgefahr im Büro höher ist als im Kino. Die Charité hat diese Aussage bestätigt. Im Kinosaal ist die Ansteckungsgefahr gering, weil man in der Regel sitzt, nicht redet und es keinen Auswurf wie im Restaurant gibt. Nicht zu vergessen die Belüftungsanlagen, die so konzipiert sind, dass sie die Luft aus dem Kino gegen Außenluft austauschen. Zudem werden die Kunden im Kino durch Online-Systeme identifiziert.

Wenn also jemand das Virus bei einem Kinobesuch in sich getragen hat, ist dieser leichter zu identifizieren als in Restaurants, wo Gäste falsche Kontaktdaten angeben können. Ein anderer Hoffnungsschimmer, wenn auch nur ein kleiner, ist Christopher Nolans Blockbuster „Tenet“, der vermutlich viele Besucher anzieht. Flebbe rechnet mit einer Million Besucher, damit ist „Tenet“ aber der einzige Filme in absehbarer Zeit, der etwas höhere Zahlen generiert. Deswegen wird sich wohl auch jeder Kinobetreiber auf den Film stürzen. Das heißt, der Kuchen teilt sich auf viele Kinos auf. Flebbe zeigt den Film in der ASTOR Film Lounge zu verschiedenen Uhrzeiten in verschiedenen Sälen, damit er eine Kapazität erreicht, die der Verleiher sich wünscht. Eine Monokultur also, nicht optimal. Doch: „Man muss ja demütig sein, angesichts der Lage.“

 

„Ich bin durch und durch optimistisch“ (Axel Schneider)

 

Optimismus an den Theaterhäusern

Axel Schneiders Blick in die Zukunft ist weitaus heller. „Ich gehe sogar soweit zu sagen, dass ich nicht nur verhalten, sondern durch und durch optimistisch auf die nächste Saison blicke“, sagt er. Im September startet die neue Saison, für Schneider eine große Angelegenheit. Schließlich leitet er vier Privattheater in Hamburg, darunter die Kammerspiele und das Altonaer Theater. Ein Grund für seine gute Stimmung ist der Coup, den er für Letzteres landen konnte. Am 13. September feiert Ferdinand von Schirachs neues Stück „Gott“, in einer Inszenierung von Schneider selbst, Hamburg-Premiere. Wie schon in Schirachs „Terror“ fällt das Publikum am Ende ein Urteil. Schwerer Stoff, aber Schirach ist bekanntlich ein Publikumsmagnet. Schneider will bewusst keine vordergründigen Corona-Themen auf die Bühne bringen. Jetzt sei die Zeit, auch existenzielle Themen zu zeigen. In dem Stück „Die Kinder“ etwa, das am 6. September an den Kammerspielen Premiere feiert, geht es um einen Super-GAU an einer europäischen Küste.

Im Zentrum stehen die Fragen, welchen Preis die Zukunft für unseren heutigen Wohlstand zahlt und welche Verpflichtung wir gegenüber unseren Kindern haben. Natürlich hat das Stück durch die aktuelle Pandemie eine zusätzliche Komponente bekommen. Die Abstände, die auf der Bühne eingehalten werden müssen, seien bei den Proben eine Herausforderung gewesen. Es dürfe nicht verkrampft aussehen, die Maßnahmen mit ironischen Meta-Kommentaren zu unterlaufen, kommt für Schneider nicht in Frage. Der Sketch „Was man beim Bettenkauf beachten sollte“ von Loriot, den Schneider gerne im Altonaer Theater gesehen hätte, ist gar nicht erst umsetzbar – darin liegen vier Darsteller dicht an dicht auf Doppelbetten. Derzeit ist immer wieder von einer zweiten Welle die Rede.

Was ist, wenn es zu einer Rücknahme der Einschränkungen oder gar zu einem zweiten Lockdown kommt? „Das darf nicht passieren. Ganz einfach. Mehr kann ich dazu nicht sagen“, meint Schneider. In der Theaterszene herrsche derzeit eine Aufbruchsstimmung, so Schneiders Eindruck. Auch wenn die kommenden Monate für kleinere Theater schwer werden dürften. Besonders dankbar ist er der Hamburger Kulturbehörde, die eine großartige Hilfe gewesen sei. Und dank des Kurzarbeitergeldes musste Schneider keinen seiner Mitarbeiter entlassen. Die Politik unterstützt die Theater in der Tat reichlich. Die abgesagten Privattheatertage, deren Initiator Schneider ist, werden im kommenden Juni in einer Doppelausgabe nachgeholt, der Bund und die Stadt haben die Finanzierung bereits gesichert. Hinzu kommt die Solidarität des Publikums. Viele Theaterbesucher hätten auf eine Rückerstattung verzichtet, berichtet Schneider. Nun gelte es, den Besuchern glaubhaft zu vermitteln, dass ihre Gesundheit gesichert ist, vor allem dem älteren Publikum, sagt Schneider und klopft drei Mal auf den Tisch.

 


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2020. Das Magazin ist seit dem 29. August 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Paukenschlag der Gastro-Szene

30 führende Gastronomen Deutschlands schließen sich zusammen und kämpfen Seite an Seite gegen eine erneute Schließung von Restaurants und Bars.

In einem Brandbrief an die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten der Länder stellen sie fest:

Der Lockdown light

  • ist unverhältnismäßig
  • verdrängt Menschen aus einem sicheren Umfeld
  • verstärkt die gefährliche Pandemie-Müdigkeit
  • führt zu einem Flickenteppich der Regelungen in Deutschland
  • unterscheidet nicht zwischen verschiedenartigen Angeboten

Die unterzeichnenden Gastronomen stehen für eine Initiative großer Unternehmen sowie eine Branche mit mehr als 2 Mio. leidenschaftlichen Menschen und über 80 Mrd. Euro Umsatz pro Jahr. Einen zweiten Lockdown könne laut Brandbief für viele Betriebe der Branche das Aus bedeuten. Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung seien grundsätzlich richtig, heißt es dort weiter – genauso wie die Unterstützung der Bevölkerung.

Unterzeichnet haben den Brief unter anderem Tim Mälzer, Stephan von Bülow (Eugen Block Holding GmbH), Mirko Silz (L’Osteria), Stefan Tewes (Coffee Fellows) und viele weitere.

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Filmkritik: Niemals Selten Manchmal Immer

Leises, auf der Berlinale gefeiertes Abtreibungsdrama

Wofür braucht man Worte, wenn man Gesten hat. Die des Chefs, der die Hand eines Mädchens etwas zu lange festhält, die eines Fremden im Bus, der ihr einfach an den Arm fasst oder der eine Schritt eines jungen Mannes zu viel, der ihr auf der Straße unangenehm nahe kommt. Aus diesen kleinen Momenten hat die New Yorker Independent Regisseurin Eliza Hittman einen großen Film gemacht.

Über die 17-jährige Autumn (Sidney Flanigan), die ungewollt schwanger ist. Da in Pennsylvania die Erlaubnis der Eltern erforderlich ist, um abzutreiben, macht sie sich mit ihrer Cousine Skylar (Talia Ryder) auf den Weg in eine Klinik in New York. Nur wenige Tage im Leben der beiden Mädchen beschreibt der „Alltags-Thriller“, wie Hittman ihn nennt. Doch er erzählt weit darüber hinaus und wurde auf der Berlinale begeistert gefeiert.

Die Idee zu der Geschichte entstand, als die Regisseurin las, wie Tausende junge Irinnen Jahrzehnte lang nach London fuhren, weil Abtreibung in dem katholischen Land verboten war. In den USA geht es vielen Frauen bis heute so. Gerade aus ländlichen Gebieten, wo es nie Abtreibungskliniken gab oder sie nach und nach geschlossen werden, müssen Frauen in der Regel in eine Großstadt reisen. Und so wie Autumn und Skylar ganz alleine mit der Situation fertig werden.

 

Sehr hier den Trailer zu Niemals Selten Manchmal Immer

 

Wer der Vater des Kindes ist oder wie die näheren Umstände sind, das interessiert Hittman nicht. Sie konzentriert sich ganz auf Details und zeigt den Mut der beiden Mädchen. Ihnen will sie eine Stimme geben. Genau wie die Hauptdarstellerinnen, die im realen Leben beide Aktivistinnen für Frauenrechte sind.

Für Sidney Flanigan, eine Singer/Songwriterin, war Autumn ihre erste Filmrolle überhaupt. Und es ist beeindruckend, wie sie in der titelgebenden Szene, in der ihr eine (reale) Sozialarbeiterin unendlich viele Fragen stellt, die von der ersten Periode bis zu Geschlechtsverkehr und eventueller Gewalt reichen, ihr ganzes junges Leben auf ihrem Gesicht vorüber ziehen lässt. / Sabine Danek 

Regie: Eliza Hittman. Mit Sidney Flanigan, Talia Ryder, Théodore Pellerin.
95 Min. Ab 01.10.2020


Cover_SZ1020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2020. Das Magazin ist seit dem 27. September 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Scooter: Hyper! Hyper! Wicked!

Manche lieben sie, manche nicht – ein Phänomen ist sie in jedem Fall: Die Techno-Band Scooter um Frontmann H.P. Baxxter.

Text: Marco Arellano Gomes
Foto: Philip Nurnberger

 

Wer an Scooter und den Frontmann H.P. Baxxter denkt, dem fallen unweigerlich die Worte „Hyper! Hyper!“ ein. Keine Ahnung, was das heißt. Keine Ahnung, was Scooter uns damit sagen wollten. Aber dieser Song stammt aus einer Zeit, in der die Welt noch nicht aus den Fugen geraten war. Damals, 1994, trafen sich viele Menschen einfach nur, um zu feiern. „Hyper! Hyper!“ drückte eine Euphorie des Augenblicks aus. Keiner wusste so genau, was es zu feiern gab, aber das war auch egal. Es war das Gefühl, dass alles irgendwie gut läuft, die Welt voller Möglichkeiten steckt.

Die Menschen kamen Woche für Woche in einem der vielen Tanztempel zusammen und zappelten sich, zu Elektrobeats, die vom Alltag strapazierten oder unterforderten Nervenbahnen frei. Auf diesen Trend setzte auch H.P. Baxxter, bürgerlich Hans Peter Geerdes. Entgegen der Bedeutung vom griechischen „hyper“, war damals wenig „übertrieben“, abgesehen vielleicht von eben jener Techno- und Ravebewegung, zu der Scooter zwar gehören wollten, von der H.P. Baxxter und seine Truppe aber eher belächelt wurden.

Die Discos jener Zeit entsprachen in gewisser Weise den heutigen Escape-Rooms, da sie die Möglichkeit boten, der Realität zu entfliehen. Nur dass es keine Rätsel zu lösen gab, bis auf dieses eine große Menschheitsrätsel: Was zur Hölle machen wir hier? In diesem Universum, auf diesem Planeten, diesem Kontinent, diesem Land, dieser Stadt, diesem Tanzklub? H.P. Baxxter hatte keine Antwort. Wenn überhaupt hatte er Fragen: „Is everybody on the floor?“, „How much is the fish?“, „The Question is: What is the Question?“ und: „Are you ready for the sound of Scooter?“ Die Welt war ready.

 

Über 30 Millionen verkaufte Tonträger

 

Seit 1993 konnte die Band national wie international über 30 Millionen Tonträger verkaufen. Die Bandmitglieder wechselten zwar alle paar Jahre, aber H.P. Baxxter blieb. Er und seine Band haben alle Rave-Kollegen und -kolleginnen überlebt. Scooter schrieben kontinuierlich Hits, während viele Raver ihre besten Zeiten hinter sich hatten. Scooter gehören inzwischen zu den erfolgreichsten deutschen Bands – und doch wird Scooter noch immer genauso belächelt wie gemocht.

Aber das trifft auf die Kirmes und den Autoscooter, von dem sich der Name der Band herleitete, nicht weniger zu. Sitzt man in einem drin, geht die wilde Fahrt los – und selten hat man so viel Spaß wie in jenen Momenten, in denen die Karosserien gegeneinander knallen und doch keine Versicherung konsultiert werden muss. Es geht einfach weiter, voller Adrenalin, voller Schwung, bis zum nächsten Knall.

Bei Scooter und Frontmann H.P. Baxxter verhält es sich ähnlich: Viele belächeln die Musik, bis man sie hört und sofort damit beginnt, mit den Füßen und Beinen, im Beat zu wippen, die Hände und Arme in der Luft umherschwirren zu lassen. Die Musik packt einen, sobald sie ertönt – egal wie simpel oder plump die einzelnen Zeilen zu sein scheinen, die H.P. Baxxter durch ein Megafon hinausbrüllt. Bei genauerer Betrachtung scheint es aber auch, als hätten Scooter eine eigene Sprache erfunden. Und das ist dann irgendwie auch ganz schön „wicked!“

 

Scooter ist ein Phänomen

 

Nichts zeigt die Ambivalenz in der Beurteilung dieser Band besser, als eine auf Youtube zu sehende Episode aus der „Tonight Show“. Moderator Jimmy Fallon stellt darin eine Reihe von Songs vor, die man nicht hören sollte und macht sich über den Bandnamen und das Cover von Scooter lustig. Das Publikum lacht vergnügt. Es wird der Song „How much is the fish?“ abgespielt, es kommt zur titelgebenden Zeile, das Publikum lacht jetzt noch lauter.

Dann geschieht das Unglaubliche: Die Musik läuft weiter, das Publikum fängt an, zum Beat zu Klatschen, das Studio wird abgedunkelt, Fallon lässt zwei lila leuchtende Stäbchen über seinen Schreibtisch schwirren – das Studio brüllt vor Begeisterung. Für wenige Sekunden eroberte Scooter die „Tonight Show“. Auch Jimmy Fallon merkt nun, dass er es mit einem Phänomen zu tun hat. Im kommenden Jahr, am 21. August 2021, gibt es dieses Phänomen wieder live in Hamburg-Bahrenfeld auf der Trabrennbahn zu erleben. Selbstverständlich: „FASTER, HARDER, SCOOTER!“


Cover_SZ1020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2020. Das Magazin ist seit dem 27. September 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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