Indiecon: Das Independent Publishing Festival

Unabhängige Magazinkunst: Das Independent Publishing Festival zeigt an diesem Wochenende im Oberhafen, wie schrill und kreativ Heftmachen sein kann

Text: Erik Brandt-Höge
Foto: Malte Spindler / Die Brueder Publishing

 

Schon lange einer der fruchtbarsten Nährböden für Hamburgs Kreative: der Oberhafen. In den Lagerhallen des ehemaligen Güterbahnhofs wird getüftelt, gewerkelt, aus­probiert, verworfen und wieder neu angefangen. Zig kurz­ und langfristige Kulturprojekte entstanden und entstehen genau hier. Ein jährliches Highlight auf dem Areal zwischen Hauptbahnhof und HafenCity ist die Indiecon, ein Festival für unabhängige Publikationen aller Formen und Farben, das seit 2014 von Die Brueder Publishing organisiert wird.

Die Idee des in Hamburg und Berlin sitzenden Verlags: Macher von Magazinen, Zines, Comics und Artbooks präsentieren sich, tauschen sich aus, inspirieren und lassen sich inspirieren, vernetzen sich. Gut 80 Aussteller aus dem In-­ und Ausland haben sich für die Indiecon 2019 angekündigt.

 

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Konventionelles gibt es fast überall – aber nicht bei diesem Festival

 

An drei Tagen wird eine der Oberhafenhallen zum Ausstellungsort schlauer, schicker, schriller und vor allem unkonventioneller Arbeiten. Denn: Indie, das bedeutet nichts anderes, als dass die Publisher auch die Chefs der Magazine und des­halb inhaltlich und finanziell voll verantwortlich sind. Mehr redaktionelle Hoheit geht nicht. Und da wie immer jede Menge erfahrene Herausgeber, Coaches und Vermarktungsprofis vor Ort sind, ist ein schnelles Feedback garantiert – eine Messe also, von der alle profitieren.

In diesem Jahr zählt zu den Ausstellern unter anderem ein Wiener Kollektiv, das „Auslöser“ veröffentlicht, ein bilinguales Magazin (Deutsch und Eng­lisch) für Fotografen und Fotografie-­Fans, das sich vor allem auf die Geschichten hinter den Bildern fokussiert. Die erste Ausgabe ist im März erschienen.

Der Hamburger Dominik Ritter zeigt „Nox“, eine 2014 gegründete Zeitschrift für deutsch­sprachige Gegenwartsliteratur. Dreimal jährlich erscheint „Nox“ und ist vor allem für junge, oft unveröffentlichte Schriftsteller interessant, denen Ritter eine Bühne zu geben versucht.

 

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Ausstellen, entdecken, Horizont erweitern: Indiecon im Oberhafen

 

Ebenfalls Indiecon­-Gäste: Jack Hale und Eddy Rhead vom viertel­jährlich im Norden Englands herauskommenden „The Modernist“. Hale und Rhead bilden darin Architektur und Design aus dem 20. Jahrhundert ab – Nachrichten, Besprechungen und natürlich besondere Fotos inklusive.

„Design und Mobilität“ heißt auch ein Titel aus dem Fruehwerk Verlag, worin es zum Beispiel um die Frage geht, ob es tatsächlich bald ein Leben ganz ohne Autos geben könnte. Nicht weniger spannend ist das Frueh­werk-­Magazin „Kapsel“. Junge Science-­Fiction-­Literatur Chinas wird hierfür ins Deutsche übersetzt.

Es gibt vieles zu entdecken auf der Indiecon 2019, jedes Aufschlagen der ausgestellten Publikationen erweitert den Horizont von Heftmachern und Liebhabern unabhängiger Magazinkunst. Unnötig zu erwähnen, dass alle Teilnehmer beim feinen kulinarischen Rahmenprogramm sowie einer ordentlichen Party am Samstag (7.9. ab 22 Uhr) nach all dem Input auch entspannen und feiern können – und das vor eben jener kreativen Oberhafenkulisse.

Indiecon Festival 2019: 6.-8.9., Der Oberhafen, Stockmeyerstraße 43 (HafenCity) 


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, September 2019. Titelthema: Mobilität – Das bewegt die Stadt. Das Magazin ist seit dem 29. August 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Meet the Resident – SR DJ Hermo

Jeden Monat stellt SZENE HAMBURG Residents vor, diesmal: SR DJ Hermo (23, guuc) – präsentiert von hamburg elektronisch

Interview: Louis Kreye & Jean Djaman

 

SZENE HAMBURG: Wie würdest du deinen Sound beschreiben?

SR DJ Hermo: Die Mischung macht es! Viel House, viel Techno, gerne HipHop, Italo, Afro, Disco. Viele verschiedene Einflüsse! Hier gilt eher: Wie spät ist es und wo befindet man sich?

Was war dein größter Moment als DJ?

Auf einem Rundgang der Kunstakademie Düsseldorf. Wir waren eine achtköpfige Gruppe. An diesem Wochenende war selbst die Zugfahrt legendär! Und kürzlich habe ich bei einem 3Floor Riesen-Rave im Volt das Opening gespielt. Die Atmosphäre war überwältigend.

Was sind für dich Hamburgs Stärken?

Die Leute!

Und die Schwächen?

Weitere Bars mit guter Anlage würden der Stadt gut tun.

 

Heat on the dancefloor!

 

Auf wen sollte man momentan ein Auge haben?

Auf jeden Fall Baxmann & 11Schnull. Baxmann als DJ ist extrem empfehlenswert. Von 11Schnull können wir uns auf eine richtig gute EP freuen. Checkt seine Soundcloud-Seite. Und für die DJs da draußen: Die Tracks sind heat on the dancefloor!

Welchen DJ würdest du gerne mal (wieder) in Hamburg sehen?

Zum Beispiel Detroit in Effect, Booty Buster, Bell Towers und Moodymann – neben vielen anderen.

Deine schrecklichste Gast-Frage?

Ob ich „Wonderwall“ von Oasis spielen könnte – das fand ich aber ziemlich lustig. Schlimm ist es, wenn Leute ihren Wunsch umschreiben: „Kannst du mal was Melodisches spielen, so „funky“? – aber trotzdem mit „Pep“!, eventuell mit Gesang?“

Welcher Gig in Hamburg ist bisher dein Favorit?

Besonders sind für mich natürlich die Guuc-Nächte, da ich dann selbst DJs einladen darf. Einer meiner Lieblings-Gigs war auf jeden Fall der mit Baba Stiltz. Aber DJ Seinfeld im Nachtasyl war auch krass!

Wo kann man dich als nächstes hören?

5.9. auf RedLightRadio Amsterdam und am 13.9. bei F4F in der Uni (die Party schmeißt Han Duo und ist ein GreenEarthSoliRave). Außerdem sind weitere Nachtasyl-Partys geplant.

 

Ein aktuelles Set von SR DJ Hermo hört ihr hier


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, September 2019. Titelthema: Mobilität – Das bewegt die Stadt. Das Magazin ist seit dem 29. August 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Karen Köhler über ihr Buch „Miroloi“: Risse im Gehorsam

Die Romanautorin Karen Köhler erzählt in „Miroloi“ von einer jungen Frau, die sich einem autoritären System widersetzt. Ein Gespräch über die politische Weltlage, die Macht der Bildung und über die Notwendigkeit des Aufbegehrens

Interview: Ulrich Thiele
Foto: Christian Rothe

 

Vor fünf Jahren löste Karen Köh­ler mit ihrem Erzählband „Wir haben Raketen geangelt“ ein – ohne Übertreibung – kollektives Entzücken im Feuilleton aus. Gelobt und geliebt wurden ihre modern und zugleich altmodisch anmutenden Geschichten vor allem für ihren radikal eigenen Sprachstil und für ihre eindrucksvollen Frauenfiguren. Dem­ entsprechend heiß wird nun ihr Debüt­roman „Miroloi“ erwartet, der am 18. Au­gust im Hanser Verlag erschien.

Karen Köhler lebt auf St. Pauli, wo das Interview an einem Dienstagvormittag draußen vor einem Café stattfindet. Es ist ein ausführliches Gespräch von anderthalb Stunden, mit Exkursen über die poli­tischen Entwicklungen der letzten vier Jahre, die nicht am Entstehungsprozess von „Miroloi“ vorbeigegangen sind, wie sie sagt.

SZENE HAMBURG: Karen, wann hast du das letzte Mal aufbegehrt?

Karen Köhler: Gerade Sonntag habe ich mit der Seebrücke Hamburg gegen die Kriminalisierung der Seenot­rettung demonstriert. Auf die Straße zu gehen und Gesicht zu zeigen, ist definitiv ein Akt des Aufbegehrens. Aber man kann auch in den kleinsten Augenblicken aufbegehren. Es ist in Deutschland sehr viel durch Gesetze geregelt, das soll unser Zusammenleben wohl einfacher machen, manchmal hält es aber auch vom Denken und Selbst­ entscheiden ab, oder entfernt sich wie im Falle der Kriminalisierung der Seenotrettung von dem demokratischen Wertekanon, auf den man sich in Europa mal geeinigt hat.

 

„Die Welt verändert sich schneller, als ich sie erfassen kann“

 

In „Miroloi“ begehrt eine junge Frau auf gegen die autoritären Strukturen in einem isolierten, archaischen Dorf auf einer Insel. Männer haben das Sagen, Frauen dürfen nicht lesen, es gibt Traditionen, religiöse Gesetze und drako­nische Strafen. Es gibt auch einige Ver­weise auf die Gegenwart jenseits der Insel: Coca­ Cola und Fernseher zum Beispiel. Warum dieses Archaische im Modernen?

Anfang 2015 hatte ich zunehmend Schwierigkeiten, die Welt zu beschreiben. Sie verändert sich schneller, als ich sie erfassen kann. Deswegen habe ich diesen Mikrokosmos einer fiktiven Insel erfunden, den ich auf strukturelle Mechanismen untersuchen konnte: Wie ist eine Gesellschaft organisiert? Wie viele Gesetze braucht sie? Wie be­gegnet sie dem Fremden, was macht das Fremde mit ihr? Wie gehen Machthaber mit ihrer Macht um? Gerade Macht übt eine Faszination auf Menschen aus. Wer sie hat, wird in Versuchung geführt, sie auch zu demonstrieren.

Wie hast du recherchiert, um diese Welt zu entwerfen? Du erfindest ja so­ gar eine Religion.

Ich habe vier Monate auf einer Insel in Griechenland verbracht und dort existente Dorftraditionen kennengelernt. Das Wort „Miroloi“ zum Beispiel kommt aus dem Griechischen und beschreibt eine Totenklage. Es gibt in mehreren Regionen Griechenlands die Tradition, dass die Dorfältesten nach dem Ableben eines Menschen sein gesamtes Leben nachsingen.

Ich habe zudem gemeinsam mit zwei Dolmet­schern die Dorfbewohner interviewt, was viel mit Vertrauen zu tun hatte. Es dauert, bis Menschen an den Punkt kommen, an dem sie bereit sind, über Schmerz zu sprechen.

Hast du ein Beispiel?

Wir haben mit einem alten Bauern gesprochen und saßen in seinem Haus in einem Dorf, in dem der Strom nie angekommen ist und das deswegen verlassen wurde. Er ist aber immer noch jeden Tag dort in diesem Haus, das sein Vater mit eigenen Händen gebaut hat. Auf die Frage, was er sich wünschen würde, wenn er einen Wunsch frei hätte, sagte er, dass er gerne alle seine Nutztiere noch mal sehen würde. Diese Unmittelbarkeit hat mich unfassbar be­rührt, dieses dem Leben und Überleben ausgesetzt zu sein. Davon sind wir in unserer urbanen Alltagswelt auf den ersten Blick sehr weit entfernt.

Warum nur auf den ersten Blick?

Wir sind dennoch Nutznießer des­sen – wir konsumieren jeden Tag das, was Leute irgendwo in der Welt an­gebaut haben. Die Menschen, die in Spanien auf den Feldern unsere Tomaten ernten, sind oftmals geflüchtete Menschen aus Afrika, die unter den schlimmsten Bedingungen leben. Und die Menschen, die Tiere auf niedersächsischen Schlachthöfen schlachten, kommen aus Rumänien und hausen unter unwirtlichen Bedingungen. Wir sind bei genauerer Betrachtung gar nicht so weit weg von den archaischen Verhältnissen, die im Buch beschrieben werden.

Warum hast du im Buch das Dorf mit diesem repressiven Gesellschaftsmodell entworfen?

Ich habe mich gefragt, wie die Unterdrückung der Frau strukturiert ist – indem man sie von Bildung fernhält und an Haus und Kind bindet. Anfang des Jahres habe ich ein Interview mit einem spanischen Priester zum Thema häusliche Gewalt gelesen. Er sagte, Frauen seien selbst schuld, wenn sie geschlagen werden, sie hätten ihren Männern einfach nicht gut genug gedient. Das ist in Europa im Jahr 2019. So lange es dieses Gedankengut noch gibt, kann man nicht aufhören, solche Bücher da­ rüber zu schreiben.

Die Protagonistin in „Miroloi“, die am Anfang noch keinen Namen hat, erfährt diese Unterdrückung sehr extrem.

Sie ist ein Findelkind. Die Gesetze im Dorf schreiben aber vor, dass jeder nach der Mutter oder nach dem Vater benannt wird. Nur wer diesen Stamm­namen hat, darf partizipieren. Die Ungewissheit, woher sie kommt, verängstigt die Dorfbewohner. Sie erhält deswegen keinen Namen und damit fängt die Kette der Ausgrenzung an. Ihr wird die Rolle des Sündenbocks zugeschrieben.

In dem Winter, in dem sie gefunden wurde, gab es Frost, der die Ernte zerstört hat. Das Dorf, das in seiner Aufklärung nicht fortgeschritten ist, gibt ihr dafür die Schuld. Dieses Narrativ begleitet dieses junge Mädchen von Anfang an. Wenn sie nicht in einem religiösen Oberhaupt, dem Bethaus­ Vater, einen Fürsprecher hätte, der sie schützt, hätte sie die ersten Jahre wohl nicht überstanden.

Der Bethaus ­Vater erkennt in ihr den Menschen, wie er in jeder Person den Menschen erkennt. Unter diesem Schutz wächst sie bei ihm auf und gerät irgendwann an ei­nen Punkt, wo sie anfängt, das System zu hinterfragen. Das zwirbelt sich auch an ihrem Namen auf: Warum hat alles einen Namen, nur ich nicht?

 

Ein großer Gesang auf die Selbst-Ermächtigung

 

Da ist ein Riss in ihrem Gehorsam, sagt sie an einer Stelle. Fängt mit dem Riss ihr Leben, ihr Miroloi erst an?

Ja, das kann man so sagen. In meinen Augen ist das ein großer Gesang auf die Selbstermächtigung. Sie lernt heimlich lesen und schreiben und verschafft sich somit Zugang zu Bildung und einen Abstand zur Welt. Sie lernt, sich ins Verhältnis zu setzen und die Dinge zu hinterfragen, und schafft so den Sprung aus dem rein emotionalen Welterleben in eine Abstraktion. Die Stelle, in der sie lernt, was der Konjunk­tiv ist, ist programmatisch für dieses In-­Distanz-­treten.

Auf der anderen Seite beschreibt sie die Welt, die sie sieht und erlebt, mit Sinneslust und Entdeckungsfreude, als könne sie die Welt erst jetzt mit der Sprache so richtig greifen.

Sie ist definitiv ein sehr lebenshungriger Mensch und hat eine große Offen­heit für alles, was sie wahrnimmt. Sie erfindet auch Worte: „Das Haus liegt hier am Berg. Engschattig und drüben­sicher.“ „Drübensicher“, also sicher vor dem Fremden auf der anderen Seite des Meeres, ist so ein typisches Wort für sie. Sie hat ihren eigenen Zugang zur Welt, wie ein durch tausend Kanäle gehendes System.

Der Bethaus-­Vater scheint eine morali­sche Autorität zu sein. Es gibt aber auch Momente, die diesen Eindruck zum Bröckeln bringen. Zum Beispiel, wenn die Protagonistin ihre Angst beschreibt, dass er wieder einen Wutausbruch kriegen könnte. 

Ich wollte eine Figur im Buch ha­ben, die ambivalent ist. Niemand, auch ein religiöses Oberhaupt nicht, ist gefeit vor emotionaler Entrückung, Wut oder Lust. Der Bethaus-­Vater ist sehr lebemännisch, er trinkt und isst gerne. Und er partizipiert an einem System, von dem er weiß, dass es nicht fair ist. Er hat genauso Angst vor einem Machtverlust wie alle anderen. Trotzdem versucht er nach seinem besten Wissen und Gewis­sen das Dorf auf einer religiösen Ebene zu leiten.

Aber er unterläuft das System auch sub­versiv von innen, etwa dann, wenn er der Protagonistin das Lesen beibringt.

Genau. Es gibt eine Strophe, in der die Protagonistin alles aufzählt, was sie vom Bethaus­-Vater gelernt hat. Dazu gehört auch, „wie man das Gesetz biegt, ohne es zu brechen“. Er sucht die Lücken im System. Er hat einen parallelen Subwoofer von eigener Moral am Laufen, nach der er abwägt, welche Gesetze er übersehen und umgehen kann.

Karen-Koehler-Cover-MiroloiIst der Roman optimistisch? Dass sie ihr eigenes Miroloi singt, kann man auch so verstehen, dass sie stirbt.

Auf der einen Seite ist es ein wahnsinnig optimistisches Buch, weil sie sich selbst ermächtigt und den Weg in die Freiheit geht. Sie hat den Mut, sich zu wider­ setzen und riskiert ihr eigenes Wohlergehen. Das Ende habe ich bewusst offen gelassen, ob es pessimistisch oder optimistisch ist – das kann jeder für sich entscheiden.

Karen Köhler: „Miroloi“, Hanser, 464 Seiten, 24 Euro. Der Roman ist am 18.8. erschienen. Am 16.9.2019 liest die Autorin im Rahmen des HarbourFront Literaturfestivals im Nochtspeicher.


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Bedrohte Räume #38 – Der Investoren-Blues des Sommers

Holsten knallt immer noch am dollsten!

Foto (o.): Holsten Brauerei

Sie sind im Sommerblues? Sie haben wirklich überhaupt keine Lust mehr auf ihre Wetter-App? Auf kreischende Teenies auf der Barkassenfahrt oder 2-jährige Greenhörnchen mit iPad im Kaifu Schwimmbad? Dann geht es Ihnen wie mir. Auch ich finde Ferien genauso doof, wie Schlagermove oder Harley Days. Aus diesem Grunde verweigere ich mich den Ferien und gehe der Frage nach, was uns Hamburgers eigentlich am ultimativ wichtigsten ist im Leben? Nein, Kinder sind es nicht! Urlaub, E-Roller oder Segway fahren? Sie liegen da- neben! Mit Häusle baue, Heirat oder Instagram landen Sie sogar vollkommen im Abseits! NOPE! ES IST BIER TRINKEN! BIER, BIER UND NOCH MAL BIER! Wir Hamburger lieben es zu gluckern, zu süffeln und zu schnasseln! Am liebsten morgens das Stützbier, mittags ’n kleines Helles und ab 18.00 Uhr Pils, Craft oder Kölsch – wir schwanken halt gern.

Wer als Bewohner dieser Stadt eins und eins zusammenzählen kann, weiß genau: bei BIER denken wir an Holsten oder Astra, egal, ob Mama jetzt „in Craft Beer“ macht oder nicht. Holsten knallt immer noch am dollsten. Das ist unsere Muttermilch, davon bringt uns keiner ab. Deshalb mögen wir auch das schöne große Holsten-Areal, von dem es all die Jahre so säuerlich nach Maische, Hopfen oder Gerste roch, all das haben wir ertragen, weil wir wussten: Morgen ist die Pfütze in der Flasche und wir wieder blitzeblau. Die Profis unter uns haben damals sogar am Zaun gestanden und sehnsüchtig in die alte Schwankhalle geblinzelt, bis das Gebräu verzapft war. Ach, ja, die alte Schwankhalle, das Sudhaus und all die schönen Funktionsgebäude des Holsten-Areals, die uns den süßen Saft bescherten, alles pure Nostalgie.

2019 sehen die Biergeschichte und das Areal nämlich schon ganz anders aus. Das alte Holstengelände ist heute das bedeutendste Stadtentwicklungsprojekt Hamburgs. Statt Bier werden hier jetzt 822 Millionen Euro bewegt, indem 1.400 Wohnungen, Gewerbeflächen, Community-Center und ein Hotel entstehen. Doch Investor SSN Development und Projektentwickler sind stinkesauer, denn genau dort, wo sie das Hotelchen geplant hatten, darf unsere wunderschöne 1911 erbaute Schwankhalle als frühes Kleinod des Eisenbetonbaus stehen bleiben. Kulturbehörde und Denkmalschutz haben sich für sie in die Bresche geworfen und in letzter Sekunde unter Denkmalschutz gestellt. Uff ! Das war knapp.

Nun aber geht das Gemecker los. „Das wussten wir vorher nicht! Ein neues Konzept können wir uns nicht leisten! Wie soll das denn gehen?“ Und statt die kleine Schwankhalle einfach klug in das Projekt zu integrieren, wird ein teures Ingenieursgutachten in Auftrag gegeben, um zu prüfen, ob die Halle vielleicht doch lieber baufällig sein soll und Altonas CDU-Fraktionschef Hielscher geht sogar so weit, dass er eine neue Planung im Bereich der Halle für vollkommen unmöglich hält!

Meine Damen und Herren Investierende, liebe CDU: Wir fliegen zum Mond! Ursula von der Leyen ist EU-Kommissionspräsidentin und Paul McCartney und Ringo Starr sind wieder gemeinsam auf der Bühne. Und sie wollen uns erzählen, dass es unmöglich sei, die kleine Schwankhalle zu erhalten? Schauen sie doch einmal nach Bremen, ja, ich sage Bremen und meine es auch: Deren große Schwankhalle ist als Labor und Arbeitsraum für lokale, nationale und internationale Projekte ein Knüller. Sie ist ein Künstlerhaus, in dem Künstler Zeit, Raum und Unterstützung für transdisziplinäre und selbstbestimmte Recherche, Fortbildung und Entwicklung bekommen. Sie ist auch Theater, Radiostudio, Probebühne und Gästewohnung.

Kultur auf historischem Gelände ist mehr als nur eine Option, es ist eine Notwendigkeit. Kulturhistorisch bedeutsame Industriegebäude zu retten, sollte Ihnen ein wichtiges Anliegen sein und damit wäre diese schöne Überraschung der Behörde, dass ein weiteres architektonisches Kleinod gerettet werden kann, für Sie eine geliebte Herausforderung, die zu bewältigen Sie jawohl imstande sind! Stoppen sie das Gejammer, krempeln sie die Ärmel hoch, um der schönen Schwankhalle zu neuem Glamour zu verhelfen und gluckern Sie diesen Sommer mal ein bis zwei Holsten. Die knallen auch bei Betriebsblindheit am dollsten.

Eure Raumsonde

Andrea


Who the fuck is…

Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahrt ihr unter www.andrearothaug.de


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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„Und wer nimmt den Hund?“: Eine Trennungsgeschichte

Schöner kann eine Ehe nicht scheitern: Rainer Kaufmann hat mit Martina Gedeck und Ulrich Tukur in den Hauptrollen eine kluge, humorvolle Trennungsgeschichte inszeniert

Text & Interview: Maike Schade

 

Georg und Doris sind seit 25 Jahren verheiratet. Er ist Direktor eines Aquariums, sie hat ihre künstlerische Laufbahn samt Traum von der eigenen Galerie aufgegeben und sich stattdessen um den Haushalt und die mittlerweile erwachsenen Kinder gekümmert. Leidenschaft? Schon lange nicht mehr. Klar, was dann passiert: Georg (Ulrich Tukur) verliebt sich in seine neue, 30 Jahre jüngere, ebenso hübsche wie intelligente Assistentin, die Doris (Martina Gedeck) vom Typ her durchaus ähnelt. Gefühle im Überschwang, die Liebe seines Lebens, das Aus für die Ehe.

Es ist eine auf den ersten Blick schon viel zu oft erzählte, ärgerlich stereotype Geschichte mit ebenso stereotypen Charakteren, die Drehbuchautor Martin Rauhaus sich ausgedacht hat. Das ist bei seinen Vorlagen häufig das Problem – zum Beispiel „Das Familienfest“, inszeniert vom wunderbaren Lars Kraume, krankte an zu grob gezeichneten Figuren und ebensolcher Handlungsentwicklung. Auch bei „Und wer nimmt den Hund?“ – übrigens komplett in Hamburg gedreht und produziert – wirkt der Plot stellenweise ein bisschen wie mit der Axt geschnitzt. Doch es gibt auch viele wunderbar pointierte, kluge Dialoge und den einen oder anderen überraschenden, humorvollen Twist. Zwei großartige Hauptdarsteller. Eine tolle Kamera (Klaus Eichhammer). Einen köstlich ironisch anmutenden, beschwingten Big-Band-Soundtrack (Jörn Kux, Jan-Peter Klöpfel). Und einen fähigen Regisseur.

 

Typische Beziehungsgeschichte

 

Schon vor 24 Jahren bewies Rainer Kaufmann mit „Stadtgespräch“ (mit Katja Riemann), dass er auch aus einer noch so typischen Beziehungsgeschichte etwas Mitreißendes herausholen kann. So auch hier. Fast dokumentarisch lässt er seine Protagonisten stellenweise frontal in die
Kamera erzählen, was denn in der Ehe so alles schiefgelaufen ist. Anlass hierzu bietet die Trennungstherapie, die Doris und Georg machen – eine feine Idee von Autor Rauhaus, mittels der er ohne große Verrenkung und erhobenen Zeigefinger den Dynamiken und Mechanismen einer langjährigen Ehe psychologisch auf den Grund gehen kann.

Denn Georg und Doris ist passiert, was vielen geschieht: Sie haben sich auseinandergelebt. Sich aus den Augen und das Interesse füreinander verloren. Als nun die hübsche Laura (Lucie Heinze) auftaucht und sich im bläulichen Licht vor den Quallen-Aquarien fast wortwörtlich dieselbe Kennenlernszene abspielt wie fast drei Jahrzehnte vorher mit Doris, ist Georg verzaubert, fühlt sich wieder lebendig und verrückt – so wie damals. Und so, wie er es mit Doris als Ziel auf der gemeinsamen Lebensliste notiert hatte, auf der die meisten Punkte aber immer noch unerledigt sind.

 

 

Im Laufe der Trennungstherapie kommen viele verschüttete oder nie gesagte Dinge ans Licht. Kein Wunder also, dass das, was eigentlich einen Rosenkrieg vermeiden sollte, zu einer aufwühlenden emotionalen Berg- und Talfahrt führt, bei der die Frage „Und wer nimmt den Hund?“ irgendwann gar nicht mehr so wichtig ist. Wie schon in „Gleißendes Glück“ ziehen Martina Gedeck und Ulrich Tukur alle Register ihres schauspielerischen Könnens. Und so entwickelt sich die scheinbar so uralte, langweilige Geschichte zu einer sehenswerten Komödie mit Tiefgang, die dazu einlädt, die eigene Beziehung mal wieder zu hinterfragen.

SZENE HAMBURG: Frau Gedeck, was halten Sie von einer Trennungstherapie?

Martina Gedeck: Ich finde eine therapeutische Begleitung für Paare grundsätzlich gut, weil das eine positive Auswirkung auf die Streitkultur und die Form des Umgangs miteinander haben kann. Das kann bei einer Krise helfen, aber bestimmt auch bei einer Trennung. Vor allem, wenn Kinder da sind, möchte man ja vielleicht so auseinandergehen, dass man trotzdem weiterhin in gutem Kontakt sein kann.

Wie steht es um Ihre eigene Streitkultur, sind Sie gut im Streiten?

Ich mag Konflikte nicht unbedingt, und ich bin auch kein großer Fan von Streitgesprächen – vor allem auf einer Ebene, bei der man außer sich gerät. Mir ist es lieber, wenn man sich anders einigt. Aber manchmal ist es eben doch notwendig, klare Fronten zu ziehen und dem Partner klarzumachen, dass irgendetwas für einen so nicht in Ordnung ist. Ich finde es allerdings gut, wenn man im Streitgespräch dann auch mal stoppt und eine kleine Pause einlegt, bevor die Fetzen allzu sehr fliegen.

Wenn das geht …

Ja, doch, das kann man willentlich unterbrechen. Man sagt „Moment, ich brauche eine Pause“ und geht aus dem Zimmer.

 

“Plötzlich darf man alles, was man sonst nicht darf“

 

Sie hatten jetzt zwei Mal eine schauspielerische Beziehung zu Ulrich Tukur. Welche hat Ihnen besser gefallen, die aufregende Affäre oder die vertraute Langzeitliebe?

Das kann man kaum vergleichen, das sind ja zwei ganz unterschiedliche Genres, ein Drama und eine Komödie. In „Gleißendes Glück“ waren wir eigentlich noch im Vorfeld einer beginnenden Liebe, eine sehr schöne, zarte Geschichte, und jetzt im „Hund“ sind wir dabei, die Liebe zu beenden. Den Mittelteil haben wir irgendwie ausgelassen … Beides war aber auf seine Art schön. Ich spiele sehr gerne mit Ulrich, und gerade jetzt hier beim „Hund“ war das auf einer schauspielerisch sehr virtuosen Ebene.

Was war daran so herausfordernd?

Wir mussten uns einen Schlagabtausch liefern und miteinander sozusagen Pingpong spielen. Es hat unheimlichen Spaß gemacht, sich in die Emotionen reinzuspielen, bis es sich anfühlte wie echt. Und man steht dann da und schreit sich an und darf plötzlich alles, was man sonst nicht darf. Ulrich ist ja ein sehr feinsinniger Spieler, er nimmt die Bälle gut auf und gibt sie gut retour.

Soll das heißen, Sie haben stellenweise auch improvisiert?

Nein. Wir haben die Dialoge perfekt aus dem Drehbuch umgesetzt. Das ist genau wie in der Musik: Wenn du Bach oder Mozart oder auch Jazz spielst, dann musst du die Noten und Harmonien draufhaben und dann miteinander im Musizieren emotional abheben. Genau das machen wir Schauspieler auch. Wir nehmen den Text, den wir gelernt haben, und füllen das dann mit Emotionen.

Apropos Emotionen. Ihre Doris ist recht impulsiv und zerstört gleich zwei Autos im Film. Würden Sie so etwas auch gerne mal im wahren Leben machen? Oder haben Sie es vielleicht sogar schon getan?

(lacht) Nein. Das höchste der Gefühle war mal, als ich das Telefon gegen die Wand geschmissen habe. Aber absichtlich jemandem Schaden zufügen könnte ich nicht. Wobei es natürlich sehr lustig war, das im Film zu tun. Und gar nicht so ungefährlich. Als ich das Auto gegen die Garagentür gefahren habe, musste ich die Hände auf ganz bestimmte Weise aufs Lenkrad legen, um mir nicht die Daumen zu brechen. Das ist wirklich ein gewaltiger Aufprall, man glaubt das gar nicht. Ein Auto angezündet habe ich noch nicht, ich wollte das auch noch nie. Obwohl ich verstehen kann, wenn heutzutage jemand solche Gedanken hat.

 

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Die Jüngere an der Seite von Georg (Ulrich Tukur)

 

Doris wird im Film durch eine Jüngere ersetzt. Haben Sie manchmal auch deswegen Sorge, beruflich oder privat?

Nein, das geht ja gar nicht. Ich spiele Rollen gemäß meines Alters, die könnte eine Jüngere gar nicht spielen, insofern habe ich keine Angst vor der Konkurrenz durch eine 20- oder 30-Jährige. Ich weiß, dass die ältere Generation befürchtet, von der jüngeren aus dem Mittelpunkt der Gesellschaft gedrängt zu werden. Das sehe ich aber nicht so. Es ist Platz für alle da.

Haben Sie eine Lebensliste mit Dingen, die sie unbedingt erleben oder machen wollen, so wie Doris und Georg?

Nein. Auf gar keinen Fall. Dafür brauche ich doch keine Liste! Das Leben ist so reich, so vielseitig – das würde doch nie in drei, vier dürre Worte passen.

Gibt es nichts, das Sie unbedingt mal tun wollen?

Nein. Ich habe eigentlich immer genommen, was kam und geguckt, was sich daraus entwickelt. Das einzige, was ich wirklich wollte, ist, Schauspielerin zu werden. Und das habe ich dann relativ schnell in die Tat umgesetzt.

 

Über die Liebe

 

Glauben Sie an die Liebe des Lebens, die für immer ist?

Ja, natürlich gibt es das. Natürlich kann man gemeinsam durchs Leben gehen und sich miteinander weiterentwickeln. Daran glaube ich ganz fest. Ich selbst habe auch viele Langzeitbeziehungen: Freundschaften, die zum Teil bis in die Kindheit zurückreichen, eine sehr enge Beziehung zu meiner Familie und auch langjährige Beziehungen zu Männern.

Ich persönlich mag es sehr, wenn eine Beziehung sich entwickelt und weiterbewegt und man gemeinsam Dinge mitmacht. Ich bin aber dennoch sehr froh, dass wir in einer Zeit leben, in der es die Freiheit gibt zu sagen: Ich möchte mich noch mal neu orientieren.

Sie und ihr Partner, der Regisseur Markus Imboden, sind beide viel unterwegs und leben halb in Berlin, halb in Zürich. Ist das vielleicht besser für die Liebe als ein Nine-to-five-Alltag?

Es stimmt, wir sind zeitweise räumlich getrennt. Aber auch da haben wir Strukturen, die wir gemeinsam erarbeitet haben. Und ich kenne auch kaum Paare, die immer zusammen sind, mindestens einer ist in der Regel ja berufstätig und nur abends zu Hause, wenn überhaupt. Ist das so anders?

Grundsätzlich bin ich aber schon sehr gerne in einer strukturierten Alltagssituation mit meinem Mann. Wenn man sich da mal eingeengt fühlt, dann kann man das ja verändern. Mal Billard spielen gehen oder so.

Georg beklagt sich, dass Doris sich von einer lebendigen, aktiven Frau immer mehr in eine Haus- und Ehefrau verwandelt hat. Er sagt: Das ist nicht mehr die Frau, die ich geheiratet habe.

Was für ein beschissener Macho-Spruch. Natürlich ist sie nicht mehr die Frau, die er geheiratet hat, und er ist auch nicht mehr der Mann, den sie geheiratet hat. Zum Glück! Sie entwickeln sich und verändern sich. Warum soll man die Frau, die zu Hause die Kinder großzieht, ins schlechte Licht rücken und sagen: Das ist nichts wert?! Interessant, dass er solche fürchterlichen Sätze raushaut. Was für eine langweilige, hinterwäldlerische Denke steckt da dahinter. Aber ich glaube, er meint es auch gar nicht so. Er will sie verletzen. Wer so einen Satz wirklich meint, dem ist nicht mehr zu helfen.

Vervollständigen Sie mal: Liebe ist …

Liebe ist, wenn man das Wesen des anderen liebt. Nicht das, was er tut.

 

martina-gedeck-wer-nimmt-den-hund-©-Boris-Laewen_Majestic

Abserviert, doch noch strahlend: Doris (Martina Gedeck)

 

Georg hat sich angeblich zuerst in Doris’ Nase verliebt. Mögen Sie Ihre?

Meine Nase ist ganz interessant, weil sie von jeder Seite anders aussieht. Wenn man von der linken Seite draufguckt, ist sie krumm, und wenn man von der rechten Seite guckt, ist sie gerade. Und so sieht mein Gesicht aus unterschiedlichen Blickwinkeln auch ganz verschieden aus, wenn man mich filmt. Ich denke zwar nicht großartig über meine Nase nach, aber ich habe an ihr nichts auszusetzen.

„Und wer nimmt den Hund?“: Regie: Rainer Kaufmann. Mit Martina Gedeck, Ulrich Tukur, Lucie Heinze, Angelika Thomas. Seit 8.8. im Kino


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Resozialisierung: Die Last der Freiheit

Wer aus der Haft entlassen wird, hat oft kein Geld, keinen Job und kaum Perspektiven. Auf dem Weg in ein geregeltes Leben braucht es viel Unterstützung, die nicht jeder bekommt – denn das System krankt

Text: Sophia Herzog

 

Für Stephan* ist es der „Ferrari unter den Hamburger Unterkünften“. Der 40-Jährige sitzt im Büro des „Hamburger Fürsorgeverein von 1948“, eine Kaffeetasse in der einen, einen Keks, den er sich gerade vom Konferenztisch geangelt hat, in der anderen Hand. Seine Wohnung liegt nur ein paar Stockwerke tiefer – im Wohnheim des Fürsorgevereins, in dem ehemalige Strafgefangene nach ihrer Entlassung bis zu eineinhalb Jahre ein temporäres Zuhause finden. Hier sollen sie mit enger Betreuung und Beratung in die Gesellschaft zurückintegriert werden.

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Das Wohnheim an der Max-Brauer-Allee

Stephan kam im Oktober des letzten Jahres in dem Wohnhaus in der Max-Brauer-Allee an, direkt aus der Haft. Es war nicht seine erste. Viermal wurde Stephan bereits wegen Diebstahl, Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz und Körperverletzung verurteilt. Das erste Mal, 2002, sei es für ihn fast ein Segen gewesen, erzählt er heute, „Ich war damals völlig auf Drogen“. Gleich nach der Entlassung ist er „wieder rein ins alte Leben“. Es folgte ein zweiter Gefängnisaufenthalt, anschließend zog er zu seiner Freundin. „Wir hatten sehr viel Kindesverlust“, erzählt Stephan. „Neun Mal.“ Es kam oft zu Streit, „Ich bin dann ausgerastet, in die Stadt gefahren, hab das ganze Wochenende durchgemacht, Drogen und Alkohol konsumiert, mich in Kneipen geprügelt, eine Anzeige nach der anderen kassiert“, so Stephan. „Und dann kam die nächste Haft.“

Fälle wie der von Stephan sind für Deutschland nicht ungewöhnlich: Wer hierzulande einmal in Haft landet, der sitzt mit großer Wahrscheinlichkeit irgendwann wieder hinter Gitter. Laut einer Untersuchung des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz wird jeder zweite Straffällige in den neun Jahren nach seiner Entlassung rückfällig – davon wiederrum die Hälfte sogar innerhalb des ersten Jahres.

 

„Freiheit kann überfordern“

 

Ein Blick ins nördliche Europa zeigt, dass das auch anders geht: In Norwegen liegt die Rückfallquote von ehemaligen Häftlingen bei rund 20 Prozent. Dabei ist die Resozialisierung von Straftätern in Deutschland sogar als wichtigstes Vollzugsziel im Strafvollzugsgesetz aufgeführt. Gleich im zweiten Paragraphen des Gesetzestexts steht: „Im Vollzug der Freiheitsstrafe soll der Gefangene fähig werden, künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu führen.“ Aber: Was macht das so schwer?

„Freiheit kann überfordern“, findet Sozialpädagogin Elena Massaro, die im Wohnheim des Fürsorgevereins entlassene Strafgefangene betreut. Viele Männer, mit denen sie hier zu tun habe, kämen aus schwierigen Verhältnissen, haben Beziehungsabbrüche zu Vätern oder anderen nahestehenden Personen erlebt und wären mit Armut, Gewalt und frühestem Drogenkonsum aufgewachsen. „Wenn ich früher nicht gelernt habe, wie ich mein Leben gut organisiere, dann lerne ich das natürlich auch nicht im Knast.“ Denn dort, so Elena, sei alles organisiert. Tagesabläufe sind strukturiert und vorgegeben, Insassen müssen sich um wenig selbst kümmern. „Wer sich im Gefängnis anpasst und an die Regeln hält, findet sich nicht automatisch in der Freiheit zurecht“, so Elena.

„Selbstbestimmung, Frustrationstoleranz oder Entscheidungsfindung sind Eigenschaften, die man im Gefängnis nicht braucht oder lernt.“ Aber mit der Freiheit nach der Entlassung kommen auch die Verpflichtungen: Ex-Inhaftierte müssen Arbeitslosengeld beantragen, mit der Krankenversicherung sprechen und sich bei den Behörden ummelden. Das ist kompliziert und dauert oft mehrere Wochen. „Ein ganz großes Paket, mit dem viele überfordert sind“, so Elena. „Nachdem sie zum Teil lange Zeit eingesperrt waren und dann plötzlich wieder aktiv und eigenverantwortlich handeln müssen, geben manche auf und gehen wieder klauen oder dealen, um sich über Wasser zu halten.“ Andere flüchten sich, wie Stephan nach Haft Nummer eins, in alte Lebensmuster – Menschen mit einer Drogenvergangenheit beispielsweise finden in Rauschmitteln eine Zuflucht, die ihnen die Realität nicht bieten könne.

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Wohnheim und Anlaufstelle: Hier bekommen ehemalige Straffällige Unterstützung

Beim Hamburger Fürsorgeverein füllen Elena und ihre Kollegen Anträge aus oder begleiten bei Behördengängen. Wenn die vielen Formalien, die nach der Haft anfallen, abgearbeitet wurden, helfen sie bei der Zukunftsplanung oder der Job- oder Wohnungssuche. Auch nach dem Auszug aus dem Wohnheim bleiben die Pädagogen auf Wunsch noch länger Ansprechpartner. „Ich frage mich schon, wie die Menschen nach der Haft diese Hürden überwinden, wenn sie nicht die gleiche Unterstützung haben, die wir hier im Fürsorgeverein bieten“, so Elena.

21 Plätze bietet das Wohnheim – bei rund 3.500 Inhaftierten, die jährlich aus dem Hamburger Strafvollzug entlassen werden. Wer einziehen will, muss sich deshalb offiziell bewerben und in einem langen Vorstellungsgespräch eine entsprechende Motivation zur Veränderung zeigen. Neben dem Fürsorgeverein engagieren sich zwar auch noch andere Einrichtungen, wie der Integrationshilfen e. V., für die Resozialisierung, eine gesetzliche Regelung gab es bis vor Kurzem aber nicht.

 

Neue Gesetzgebung

 

Lange diskutiert wurde das im Januar in Kraft getretene „Hamburgische Resozialisierungs- und Opferhilfegesetz“ – mit dem Ziel „straffällige Klientinnen und Klienten zu befähigen, ein Leben in Eigenverantwortung ohne weitere Straftaten zu führen“. Die neue Gesetzgebung räumt jedem Strafgefangenen in Hamburg einen Rechtsanspruch auf einen Wiedereingliederungsplan ein.

Auf dem Papier liest sich die neue Maßnahme gut: Den Gefangenen soll in den sechs Monaten vor der Entlassung ein breites Angebot „von der Suchtberatung, der Schuldnerberatung über schulische- und berufsbildende Maßnahmen bis hin zu therapeutischen Angeboten“ offenstehen. Und auch nach der Haft sollen die Straffälligen laut Gesetz für ein weiteres halbes Jahr von einem „Fallmanager“ Unterstützung in Sachen Wohnungs- oder Jobsuche, Anträgen oder Gesundheitsfragen bekommen.

Dieses sogenannte „Übergangsmanagement“ soll so dem „Entlassungsloch“ entgegenwirken. „Das Gesetz stellt die Weichen richtig“, findet Prof. Dr. Bernd Maelicke, Experte für Kriminal- und Sozialpolitik und Honorarprofessor an der Leuphana Universität in Lüneburg. Dass ambulante Maßnahmen, also die Betreuung durch das Übergangsmanagement nach der Entlassung, überhaupt gesetzlich geregelt werden, sei modellhaft für andere Bundesländer – eine ähnliche gesetzliche Regelung gibt es bis jetzt nur im Saarland. Bisher wurde in Deutschland zu sehr auf die Reformation und Modernisierung des Strafvollzugs gesetzt. Aber das Gefängnis selbst kann die Aufgabe der Wiedereingliederung nach der Entlassung nicht übernehmen. Die ambulante Betreuung zur Resozialisierung sei nicht nur effektiver, sondern langfristig auch billiger, so Maelicke, „Dieser Blickwinkel setzt sich immer mehr durch.“

Die Einführung des Gesetzes ist also generell eine positive Entwicklung – das System, in das es eingeführt wurde, hat laut Bernd Maelicke allerdings seine strukturellen Fehler. Erster Kritikpunkt: Die Gerichts- und Bewährungshilfe, also die Sozialen Dienste der Justiz, die sich um die Wiedereingliederung der Straffälligen kümmern, sind in Hamburg organisatorisch in die Behörde für Soziales integriert. In allen anderen Bundesländern liegen diese Aufgaben bei der Justizbehörde. Das sei sinnvoll, weil so die Zusammenarbeit mit Staatsanwälten, Richtern und dem Strafvollzug im Alltag weitaus effektiver gestaltet werden könne, so Maelicke. Denn: Gerichts- und Bewährungshilfe werden nur dann tätig, wenn sie einen Auftrag von der Staatsanwaltschaft oder von Gerichten erhalten. Weil diese Kommunikation in Hamburg nicht nur innerhalb der Justiz abläuft, führt das zu sinkenden Auftragszahlen. Dadurch gehen auch die Betreuungen durch die Bewährungshilfe nach der Entlassung zurück, kritisiert Maelicke. „Damit nimmt die Gefahr von Rückfällen zu, und das sollte unbedingt vermieden werden.“

Neben der Neuorganisation wünscht er sich von der Stadt Hamburg außerdem: mehr finanzielle Förderung für und eine engere Zusammenarbeit mit der freien Straffälligenhilfe, also den vielen Vereinen und Organisationen, die sich außerhalb des staatlichen Systems für die Resozialisierungshilfe engagieren. Diese leisten in Sachen Eingliederung sehr wichtige Arbeit, in dem neuen Gesetz haben sie aber nur eine nachrangige Bedeutung. „Diese Strukturprobleme werden durch das neue Gesetz nicht behoben.“

 

„Ich bin froh, hier zu sein“

 

Wie wirksam das Resozialisierungs- und Opferschutzgesetz also tatsächlich sein wird, zeigt sich wohl erst in einigen Monaten. Konkrete Zahlen, die den Erfolg der neuen Regelung belegen könnten, gibt es bisher noch nicht. In den ersten drei Monaten sind laut einer Kleinen Anfrage der CDU an den Senat 371 Strafgefangene für die Beratung des Übergangsmanagements in Frage gekommen, weil ihre Haftentlassung sechs Monate entfernt war. 274 von ihnen wurden tatsächlich beraten, der Rest wurde frühzeitig entlassen oder lehnte die Maßnahme ab. Inwiefern für diese Strafgefangenen aber tatsächlich ein Resozialisierungsplan erstellt wurde, kann der Senat noch nicht beantworten. Eine Evaluation befände sich in der Vorbereitung.

Auch, wenn es noch keine aussagekräftigen Statistiken gibt – was Resozialisierung für den Einzelnen bedeutet, zeigt ein Blick auf das Wohnheim des Fürsorgevereins. „Die Männer, die hier leben, strengen sich alle wahnsinnig an und geben sich richtig Mühe“, erzählt Elena. Einer davon ist Stephan: Jetzt, da er es bis zum Fürsorgeverein geschafft hat, will er dranbleiben. „Ich bin froh, hier zu sein“, sagt er. Im Wohnheim fühle er sich zwar wohl, ein richtiges Freiheitsgefühl habe er bei der engen Betreuung der Pädagogen allerdings nicht. „Ich weiß aber auch, dass ich meine Ziele nicht erreichen würde, wenn ich komplett frei wäre.“ Seine Ziele, das sind: ein fester Job, eine eigene Wohnung. Die Zukunft geht er Schritt für Schritt an, eins nach dem anderen. „Aber jetzt gerade, für den Moment, ist alles gut.“

*Name wurde geändert, aber ist der Redaktion bekannt


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Weißer Ring: Aus dem Leben gerissen

Wer Opfer von Diebstahl, Betrug oder sexualisierter Gewalt wird, findet Hilfe beim Weißen Ring. Anlässlich des 40-jährigen Jubiläums des Landesverbands Hamburg erzählt Vorsitzender Hans-Jürgen Kamp wie sehr Übergriffe Leben verändern und was #MeToo bewirkt hat

Interview: Sophia Herzog
Foto: Jessica Lewis via Unsplash

 

SZENE HAMBURG: Herr Kamp, Sie haben früher die berüchtigte Justizvollzugsanstalt Santa Fu geleitet, waren dann stellvertretender Leiter des Strafvollzugsamtes und sind seit fünf Jahren beim Weißen Ring. Was hat Sie zu diesem Seitenwechsel bewogen?

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Vom Strafvollzug in die Opferhilfe: Hans-Jürgen Kamp (Foto: Sophia Herzog)

Hans-Jürgen Kamp: Während meiner Zeit im Strafvollzug habe ich mich regelmäßig mit dem Thema Resozialisierung beschäftigt, und mit der Frage, wie man Straftäter wieder auf die richtige Bahn leiten kann. Ich habe im Laufe der Zeit aber auch viele Menschen getroffen, die von diesen Straftaten betroffen waren. Und das hat mich zunehmend nachdenklicher gemacht. Dass ich die Aufgabe des Landesvorsitzenden beim Weißen Ring übernommen habe, hat sich dann aber doch eher zufällig ergeben.

Konnten Sie etwas aus Ihren früheren Jobs im Strafvollzug mitnehmen, dass Ihnen jetzt hilft?

Die Zahl der unmittelbaren Anknüpfungspunkte ist übersichtlich. Ich habe auf jeden Fall eine sehr gute Vorstellung davon, warum Menschen auf welche Art und unter welchen Umständen verschiedene Straftaten begehen. Und ich habe Menschen kennengelernt, die hinterher sehr betroffen waren von den Konsequenzen ihrer Tat. An der Frage, wie man diese Betroffenheit auch positiv instrumentalisieren kann, sind wir beim Weißen Ring ganz dicht dran.

Wir werfen mit dem Menschen, der zu Schaden gekommen ist, durchaus einen Blick auf den Täter und versuchen, in ihm nicht nur das grenzenlos Böse zu sehen, sondern seine Position auch differenziert zu betrachten. Im Einzelfall kann das auch zu einem Täter-Opfer-Ausgleich führen (Anm. d. Red.: Ein Täter-Opfer-Ausgleich ist ein Mittel zur außergerichtlichen Konfliktschlichtung, das von einem unparteiischen Dritten moderiert wird und bei dem sich Täter und Opfer in der Regel persönlich begegnen.)

 

„Opfer von Straftaten wollen nur eines: Gerechtigkeit“

 

Gelingt das den Geschädigten in der Regel, Verständnis für die Täter aufzubringen?

Gewiss nicht in der Regel! Die Opfer von Straftaten wollen nämlich nur eines: Gerechtigkeit, die durch eine verständnisvolle, auch die Interessen des Opfers oder der Opfer berücksichtigende Justiz hergestellt wird. Aber die nach wie vor häufig sehr täterorientierte Arbeitsweise der Justiz erschwert allen Beteiligten den Zugang zu einer ganzheitlichen Sichtweise.

Bei den ganzen erschreckenden Schicksalen denen Sie, auf beiden Seiten, begegnen – wie bleiben Sie positiv?

Das ist eine gute Frage. Früher, bei meinem Job im Strafvollzug, habe ich gelegentlich mit Menschen zu tun gehabt, deren unvorstellbare Emotionslosigkeit und kompletter Mangel an Empathie mich total ratlos gemacht haben.

Ich habe Menschen getroffen, denen auch ich nicht im Dunkeln begegnen möchte. Aber ich war auch immer in der Lage, das von meinem Privatleben zu trennen. Ich bin ja Jurist, habe aber in meinem Freundeskreis niemanden aus dieser Branche. Das hat vielleicht geholfen, weil ich privat immer anderen Themen begegnet bin.

Gelingt Ihnen das genauso gut, jetzt wo sie häufiger mit dem Leid der Opfer konfrontiert sind?

Hier ist das einfacher, als Vorsitzender habe ich mit konkreten Schicksalen nur theoretisch zu tun, da ich ja nicht selbst berate, und habe dadurch schon eine gewisse Distanz. Aber auch hier gibt es immer wieder Situationen, die mich betroffen machen. Der Weiße Ring beschäftigt sich im Moment sehr intensiv mit der Reform des Sozialen Entschädigungsgesetzes.

Er setzt sich dafür ein, dass auch Opfer mit Schockschäden eine Entschädigung bekommen. Diese Personen waren unbeteiligte Zeugen bei grausamen Ereignissen. Sie haben bestimmt von der schrecklichen Tat am Jungfernstieg im April 2018 gehört …

 

Professionelles Mitgefühl

 

Ein Mann hat damals seine Ex-Frau und die gemeinsame Tochter getötet.

Und jetzt stellen Sie sich mal vor, Sie hätten auf der Bank daneben gesessen, kriegen das mit, und das kleine Kind stirbt kurz danach in Ihren Armen. Kaum einer kann das einfach so wegstecken, das ist eine traumatische Erfahrung. In solchen Fällen beraten und helfen wir als Weißer Ring natürlich auch. Wenn wir solche Fälle hier in der Runde besprechen, geht das an keinem spurlos vorbei.

Gleichzeitig müssen wir aber auch darauf achten, es nicht zu nahe an uns heranzulassen. Wir sprechen immer davon, dass wir gerne und professionell Mitgefühl haben, aber Mitleid vermeiden müssen. Wenn wir mitleiden, werden wir selbst zu Opfern und können nicht mehr stärken und schützen.

Wie verhindern Sie das intern?

Unsere Leute, die in solchen Situationen beraten und begleiten, werden in Aus- und Weiterbildungsseminaren systematisch auf die Gesprächssituationen vorbereitet. Es besteht auch die Möglichkeit von Supervisionen. Denn so eine physische Brutalität wie bei dem gerade genannten Mord oder wie bei dem Ehemann, der seine Frau mit heißem Öl überschüttet, weil sie sich einem anderen Mann zuwendet, macht fassungslos. Aber spektakuläre Fälle wie diese passieren zum Glück selten.

Die Opfer welcher Verbrechen nehmen die Beratung des Weißen Rings am häufigsten in Anspruch?

Der Bereich der Seniorenkriminalität ist sehr groß. Ganz typisch ist der Enkeltrick, bei dem alte Damen meistens telefonisch dazu manipuliert werden, große Summen an Geld abzuheben, weil der angebliche Enkel in Not ist. Das hat mit Dummheit wenig zu tun, sondern vielmehr mit der hohen manipulativen Kompetenz der Betrüger.

Auch Cyberkriminalität ist ein Thema, also zum Beispiel junge Mädchen, die leicht bekleidet Bilder von sich machen, an ihre Freunde schicken, und diese Fotos landen später im Internet.

Die überwiegende Zahl der Fälle, in denen der Weiße Ring tätig wird, betrifft aber gewalttätige Auseinandersetzungen in häuslichen Gemeinschaften und Sexualdelikte. Dabei sind übrigens auch manchmal Männer die Opfer, wenn auch deutlich seltener.

 

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85 Ehrenamtliche helfen beim Weißen Ring in Hamburg (Foto: Sophia Herzog)

 

Was macht das mit Menschen, wenn sie Opfer eines Verbrechens werden?

Ganz viel. Eine junge Frau erzählte mir einmal, dass sie neulich shoppen war und ihr Handy vor der Nase hatte. Einen älteren Mann, der ihr auf dem Gehsteig entgegengekommen ist, hat das so gestört, dass er sie nicht nur laut beschimpft, sondern auch absichtlich und ziemlich heftig angerempelt hat. Sie hat sich natürlich erschrocken und ist außerdem mit dem Oberkörper auf den Tisch eines Cafés gefallen, auf dessen Höhe sie gerade gelaufen ist.

Sie hat mir erklärt, dass sie empört war über dieses Verhalten, sie sich aber trotzdem dabei ertappt, dass sie sehr viel genauer auf die Menschen achtet, die ihr entgegenkommen. In vergleichbaren Situationen steckt sie jetzt lieber einmal mehr ihr Handy weg, aus Respekt davor, vielleicht doch noch einmal angerempelt zu werden.

Ist das eine leichte Form von Traumatisierung?

Eine Traumatisierung im klassischen Sinne ist das sicher nicht. Aber wenn jemand schon durch ein solches Erlebnis in seinem Verhalten beeinflusst wird, dann kann man sich vorstellen, was mit einem Menschen geschieht, der nicht einfach nur angerempelt, sondern zusammengeschlagen oder sexuell belästigt wird.

Das kann Dimensionen erreichen, in der die Betroffenen ihre normale Lebensfähigkeit verlieren. Sie trauen sich nicht mehr auf die Straße, schlafen nicht mehr, haben Angst vor Dunkelheit oder großen Menschenmassen. Das ist neben den physischen Folgen eines Verbrechens das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann. Es reißt den Opfern den Boden unter den Füßen weg.

Wie kann der Weiße Ring konkret helfen?

Wir haben den Ehrgeiz, dass jeder, der sich bei uns meldet, innerhalb von 24 Stunden eine Antwort bekommt. Das klappt im Regelfall, auch wenn manchmal das Wochenende dazwischenkommt. Wir arbeiten hier ja alle ehrenamtlich.

Die Mehrzahl unserer Kontakte zu den betroffenen Personen wird von der Polizei vermittelt, mit der wir eng zusammenarbeiten. Wir vereinbaren ein Treffen mit dem Opfer, entweder bei ihm oder ihr zu Hause oder bei uns in den Beratungsräumen.

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Kaffee und Kuchen beim Beratungsgespräch (Foto: Tyler Lastovich)

Es gibt Kaffee, einen Keks, und dann sprechen wir einfach nur. Wir werten nicht, wir hören zu, und loten aus, wo Handlungsbedarf besteht. Je nachdem vereinbaren wir beispielsweise Beratungsgespräche bei Therapeuten, helfen bei Behördengängen und Anträgen oder vermitteln Rechtsberatung.

Wie lange sind die betroffenen Personen dann bei Ihnen in Beratung?

Das kommt drauf an. Manche Menschen sagen relativ zügig, dass es ihnen jetzt gut geht und sie alleine klarkommen. Bei manchen nimmt die Beratung und Begleitung aber einen langen Zeitraum in Anspruch.

Ein großer Aufgabenbereich des Weißen Rings ist auch die Prävention von Verbrechen …

Genau, das ist uns auch sehr wichtig. Wir halten viele Vorträge, zum Beispiel in Bürgervereinen, Seniorenheimen oder Schulen. Dort erklären wir, wie man sich vor Verbrechen wie Einbruch, Diebstahl oder Betrug schützen kann.

Für Schulen hatten wir lange das Projekt „Fair Play in der Liebe“, in dessen Rahmen wir mit Kindern im Alter von elf bis 14 Jahren über Fragen diskutiert haben wie „Was ist eigentlich Gewalt in der Beziehung?“, „Fängt das erst bei Schlägen an, oder schon früher?“ oder „Ist das okay, wenn der Freund die SMS seiner Freundin liest?“ Denn in diesem Alter fangen die ersten Liebesbeziehungen an. Mit dem Projekt hatten wir großen Erfolg, aber leider fehlen uns gerade die personellen Ressourcen in der Prävention, um solche Vorträge regelmäßig zu organisieren.

 

„Die Wahrnehmung der Opfer hat sich verändert“

 

Bewegungen wie #MeToo scheinen das Thema der Opferhilfe besonders in Bezug auf Sexualdelikte mehr in den Blickpunkt der Gesellschaft gerückt zu haben. Merken Sie das in ihren Statistiken?

Ich kann das nicht in konkreten Zahlen ausdrücken. Aber ich habe auf jeden Fall den Eindruck, dass Frauen mehr darüber sprechen, mutiger werden, es öfter anzeigen und in diesem Zuge auch in Kauf nehmen, dass sie erst mal Teil eines unter Umständen schmerzhaften Ermittlungsprozesses werden. An dieser Entwicklung wird aber auch deutlich, wie wichtig Opferrechte sind. Ich bin davon überzeugt, dass auch die gesteigerte Sensibilität von Seiten der Ermittlungsbehörden Grund für diesen Trend ist.

Wie zeigt sich das?

Ein Beispiel ist die Möglichkeit, Spuren von Gewalt im Rechtsmedizinischen Institut erfassen und dokumentieren zu lassen, auf Wunsch auch anonym. Niemand fragt nach oder wertet, das Opfer kann sich persönlich ganz zurücknehmen, hat aber die Beweise und kann später, wenn es will, immer noch rechtliche Schritte einleiten. Auch die Befragungsmethoden der Ermittlungsbeamten sind sehr viel empfindsamer geworden, die Bereitschaft, sich mit solchen Themen empathischer auseinander zu setzten, ist gestiegen. Und auch im Bereich der Justiz hat sich die Wahrnehmung der Opfer verändert.

Inwiefern?

Ich war neulich bei einer Veranstaltung für junge Richterinnen und Richter. Ein junger Staatsanwalt aus dem Publikum hat sich mit einem kleinen Appell an die Kollegen gewandt, dessen Forderung mich begeistert hat.

In Missbrauchsverfahren ist das Opfer oft der einzige Zeuge oder die einzige Zeugin. Wenn der Täter gesteht, bevor es zu der Aussage des Opfers gekommen ist, wird es direkt nach Hause geschickt. In seinem Appell hat sich der Staatsanwalt gewünscht, dass sich die Richter an dieser Stelle noch einmal die Zeit nehmen, um dem Opfer dennoch das Recht einzuräumen, sich einmal äußern zu können und es persönlich zum Beispiel nach seinem Wohlbefinden fragen.

Menschen fühlen sich auf diese Weise mit einbezogen, gesehen und ernstgenommen von der Justiz. Und für so eine Einstellung machen wir uns, als Weißer Ring, stark.

Weißer Ring: Winterhuder Weg 31 (Uhlenhorst)


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Helge Schneider: „Ich lungere so rum“

Der Entertainer kommt für zwei Abende in den Stadtpark. Ein Sommergespräch über Gesundheitsschwimmen, Pommes und Pfefferminztee

Interview: Erik Brandt-Höge
Foto: Helge Schneider

 

SZENE HAMBURG: Helge, wie verbringst du warme Sommertage am liebsten?

Helge Schneider: Ich gehe manchmal schwim­men. Morgens, wenn die noch nicht alle da sind.

Richtig mit Bahnenziehen und so?

Nee, mehr oder weniger Gesund­heitsschwimmen.

Was meinst du mit Gesundheits­schwimmen?

Wassertreten zum Beispiel. Ich gehe auch ins Solebad. Dann ins kalte Wasser­becken und dann mit den Füßen auf so Kieselsteine. Danach wieder ins Wasser­ becken. Oh, und danach schwimme
ich dann tatsächlich eine Bahn und tue dabei so, als wäre ich ein Wahnsinns­schwimmer.

Wie machst du das?

Ich schwimme unter Wasser. Zwei Züge. Das reicht, um klarzustellen, wie gut ich bin.

Und danach Pommes?

Kann im Moment keine Pommes essen.

Wieso nicht?

Weil ich die nicht mag. Die Pommes, die mittlerweile angeboten werden, sind oft richtig scheiße. Die kommen aus der Tiefkühltruhe. Für schöne Pommes muss man erst mal einen schönen Pommeswagen finden.

 

 

Was machst du sonst noch so, wenn das Sommerwetter gut ist?

Ich habe zu Hause so ein Fass mit kaltem Wasser. Da gehe ich rein. Einmal untertauchen: erfrischt! Manchmal tue ich auch Eiswürfel rein.

Hast du ein Lieblingssommergetränk?

Pfefferminztee.

Pfefferminztee?

Mach ich immer im Sommer, heißen Tee trinken. Als Kind habe ich das von den Tuaregs übernommen. Ich werde auch oft mit Pullover und Jacke gesehen, auch bei 35 Grad.

Was gibt’s zu essen bei solchen Tempe­raturen? Paar Möhrchen mit Dip?

Honigmelone. Und Brötchen mit Käse. Und Hühnerbeinchen aus dem Ofen. Oder mal Chili con Carne. Was auch lecker ist: Fischstäbchen mit Kar­toffelbrei und Spinat.

Und nach dem Essen auf die Garten­liege?

In die Hängematte. Manchmal auch arbeiten. Zum Beispiel komponieren.

Trittst du auch gerne auf, wenn es so warm ist?

Ja, das macht mir sehr viel Spaß, ist allerdings eine ganz andere Geschichte, als im Winter in Hallen zu gehen. Auch weil draußen alles anders klingt.

Irgendwelche Routinen vor den Open­-Air­-Auftritten? Vielleicht sogar eine Runde Schwimmen?

Nee. Ich mache vorher eigentlich gar nichts. Ich lungere so rum. Nur die Bühne bereite ich vor. Falls es mal regnet, spanne ich zum Beispiel einen Sonnenschirm übers Klavier.

 

„Ich mache, was ich will“

 

Kennst du Nervosität vor Shows?

Nö. Ich freu mich immer, wenn ich auftrete. Gibt Leute, die haben Lampenfieber. Ich kenne das nicht.

Im Stadtpark spielst du bestimmt auch Songs vom neuen „Partypeople“­-Album, über das du kürzlich sagtest: „Ich selbst bürge für die Qualität.“

Aber selbstverständlich.

Wann ist denn ein Album für dich qua­litativ hochwertig?

Wenn es ohne Kompromisse gestaltet ist, innen und außen. Und wenn es per­sönlich ist. Mein Album ist zum Beispiel sehr persönlich. Ich mache ja auch alles im Einmann­-Betrieb. Ich mache, was ich will, und das merkt man dem Endprodukt auch an.

Und wann ist ein Konzert nach deinem Empfinden tipptopp gelungen?

Wenn der Sound gut war und alle glücklich und zufrieden nach Hause gehen.

 

 

Belohnst du dich dann mit irgendetwas? Vielleicht mit einem Cocktail mit Schirmchen im Schatten?

Ich trinke im Moment gar keinen Alkohol.

Cocktail geht ja auch ohne.

Fruchtcocktail?

Genau.

Nee.

Irgendeine andere Belohnung?

Manchmal ein Gläschen Rotwein mit meiner Band. Kann man mal machen. Und ein wunderschöner Schlaf.

Freilichtbühne im Stadtpark, Helge Schneider, 31.8.+1.9.19, 19 Uhr, Saarlandstraße 71 (Winterhude)


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Gewalt, Geld – und Glück

Warum die erste Ausstellung in den neuen Räumen des Bucerius Kunst Forums von Krieg, Katastrophen und Konsumterror handelt und trotzdem glücklich macht

Text: Karin Schulze
Foto (o.): Peter Piller: Zungen / Tongues (10), 2002–2004

 

Mit dicken schwarzen Kopfhörern auf den Ohren und auf einem Wall aus Sandsäcken hockend – so hat man den Besucher des Bucerius Kunst Forums bisher noch nicht gesehen. Der Titel der aktuellen Ausstellung „Here We Are Today“ verweist denn auch gleich dreifach auf neues Terrain: Er lädt stolz ein in das von Gerkan, Marg und Partner hinter der alten Fassade neu gebaute Haus am Neuen Wall. Er deutet auf eine programmatische Öffnung des bislang eher dem Altehrwürdigen zugeneigten Hauses auch für Gegenwartskunst. Und er benennt das Thema, das die Arbeiten der 18 ausgestellten Künstler skizzieren: den heutigen Zustand unserer Welt.

So sitzt man also mit Kopfhörern auf Sandsäcken und lauscht dem Videovortrag von Hito Steyerl, die – nicht erst seit ihrer diesjährigen Ausstellung im New Yorker Park Avenue Armory – weltweit zu den inhaltlich entschiedensten und zugleich ästhetisch überzeugendsten Künstlern zählt. Ihre Lecture Performance mischt Fakten mit absurden Scheinargumenten, wichtigtuerischen Enthüllungsgestus mit schelmischen Blicken.

 

Kunst und Krieg

 

So gelingt ihr das Kunststück, eine Fake-Argumentation von nahezu Trump’scher Perfidie abzuliefern und doch ihren Gegenstand – den Zusammenhang von Kunst und Krieg, von Museumssponsoring und Rüstungsindustrie – ernsthaft zu beleuchten und über die Augen, die Ohren und die barrikadenartige Sitzfläche in den Betrachter einsickern zu lassen.

Ein paar Meter weiter in dem luftig mit Arbeiten bestückten Ausstellungsraum trifft man auf die S/W-Porträtfotos von Samuel Fosso. Sie zeigen stets ihn selbst – aber im Outfit und der Pose von Malcolm X, Patrice Lumumba, Nelson Mandela oder Angela Davies. Als African Spirits vermitteln sie durch das Verkleidungs- und Verkörperungsspiel hindurch ein würdevolles Bild dessen, was Aimé Césaire als „Négritude“ bezeichnete.

 

bucerius-Erkan_OEzgen_Wonderland_2016

Erkan Özgen: Wonderland (Filmstill), 2016

 

Den stärksten Eindruck aber hinterlässt die Videoarbeit „Wonderland“ des türkischen Künstlers Erkan Özgen. Die Kamera fokussiert einen dreizehnjährigen gehörlosen Jungen, der mit seiner Familie aus dem nordsyrischen Kobanê in die Türkei geflohen ist. Gestisch und mimisch berichtet er von den Taten des Islamischen Staats, von Bomben, Folter und Enthauptungen. Tief verunsichernd sind die Intensität des erlebten Terrors, die Fassungslosigkeit im Blick des Kindes, aber auch die bange Frage, welcher vielleicht unheilbare Schaden in seiner von Gräueln und Granaten perforierten Seele angerichtet wurde.

 

„Sie sieht hin, wo es weh tut“

 

Kathrin Baumstark, der neuen Direktorin des Hauses, ist mit der Auswahl der Projekte von 18 Künstlern eine starke Schau geglückt. Mit den Kapiteln „Verbrechen“ „Heimat“ (dort etwa Eva Leitolfs fotografische Erkundungen rassistisch motivierter Gewalt) oder „Kapital“ (mit Andreas Gurskys Konsumhorror-Collage „Amazon“) wird klug ein Panorama der Bruchstellen gezeichnet, an denen sich unsere Zukunft entscheidet. Dabei ist vor allem realistisch-dokumentarisch agierende Kunst zu sehen.

Selbst dort, wo man vor abstrakten monochromen Bildtafeln zu stehen meint, schaut man in Wirklichkeit auf Abbilder des Schreckens: Johanna Diehl hat die farbigen Einbände der Tagebücher aufgenommen, in denen ihre Großmutter die Verdrängungsleistung erbrachte, alle historischen oder familiären Katastrophen auszublenden, die sich zwischen 1936 und 2009 ereigneten.

Ausblenden – genau das macht die Ausstellung nicht. Sie sieht hin, wo es weh tut. Und beglückt damit. Denn sie sieht die Welt durch die Augen und die widerständige Anverwandlungskraft der Künstler. Nicht resignierend, sondern als Form handelnden Einspruchs.

Bucerius Kunst Forum: Here We Are Today. Das Bild der Welt in Foto- & Videokunst, 7.6.-29.9.19, Alter Wall 12 (Altstadt)


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Szene #backstage – mit Jim Kroft

Ein Schotte für ein Redaktionskonzert: Jim Kroft kommt mit Gitarre und Verstärker – und ihr seid am 30.8. mit dabei!

Zwölf Jahre ist es her, da kam Jim Kroft von Schottland nach Deutschland. In seinem Van waren nicht viel mehr als eine Gitarre und ein Verstärker, in seinem Kopf dafür zig Ideen. Seitdem hat der Musiker, Dokumentarfilmer und Fotograf viel gemacht und geschafft – unter anderem das Album „Love In The Face Of Fear“, das am 15. November erscheint.

Eine Stimme, die noch immer nach Aufbruch klingt, Melodien voller Euphorie und Texte mit Tiefgang: Dieser Schotte macht uns großen Spaß.

/ EBH / Foto: Lucas Dietrich

Los geht’s am Freitag, 30.8. um 19 Uhr in den Redaktionsräumen der  SZENE HAMBURG in der Gaußstraße 190c. Das Beste: Wir verlosen 12×2 Gästelistenplätze. Einfach eine E-Mail mit Betreff „Kroft“ bis 25.8. an verlosung@vkfmi.de schicken.


Perserteppich, Yuccapalmen, Lichterketten und gute Geschichten: Das ist das Rezept für die ­SZENE HAMBURG-Redaktionskonzerte. In unseren Räumen waren unter anderen schon Fotos, Y’akoto, Vivie Ann, EUTZIBBZ, The Bland und Abramowicz zu Gast und haben vor SZENE-Lesern und -Redakteuren Akustik-Sets gespielt.

 

So war’s die letzten Male bei SZENE HAMBURG #backstage:

 

Heute live bei uns in der Redaktion: The Bland aus Schweden. #szenebackstage ❤️👏🏻

Fünf Schweden für ein Redaktionskonzert: The Bland waren mit sommerleichtem Indie-Pop zu Gast bei uns in der Redaktion. ❤️👏🏻 #szenebackstage

Gepostet von Szene Hamburg Stadtmagazin am Montag, 24. Juni 2019

Abramowicz sind der Hammer und waren zu Gast bei unserem Redaktionskonzert #szenebackstage. 🖤❤️🖤❤️🖤Nicht verpassen: ✔️Release-PARTY am 19.4. im Molotow! ✔️Release-KONZERT am 11.5. auch im Molotow! 😘

Gepostet von Szene Hamburg Stadtmagazin am Dienstag, 16. April 2019


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