Space Girls: Wie Frauen die Mond-Landung verwehrt blieb

Vor 50 Jahren betrat der US-amerikanische Astronaut Neil Armstrong als erster Mensch den Mond. Was viele nicht wissen: Auch Frauen wurden schon um 1960 für die Raumfahrt getestet – wegen ihres Geschlechts letztlich aber doch nicht zugelassen. Die Hamburger Autorin Maiken Nielsen setzt ihnen mit ihrem Roman „Space Girls“ ein Denkmal.

Text und Interview: Ulrich Thiele
Foto (o.): NASA

Maiken Nielsen ist von Haus aus Hamburger Urgestein und Weltenbummlerin zugleich. Sie stammt aus einer Familie von Lotsen und Kapitänen und ist die Enkelin des Hindenburg-Navigators Christian Nielsen. In ihrem letzten Roman „Und unter uns die Welt“ widmete sie sich der Geschichte ihres Großvaters. Vor diesem Hintergrund ist ihr Interesse an den 13 Pilotinnen, den Mercury 13, die für die Raumfahrt getestet wurden und doch nicht zum Mond fliegen durften, naheliegend.

Nielsen erzählt von diesem historischen Ereignis mit sinnlicher Sprache und fließendem Rhythmus. „Space Girls“ ist ein literarischer Kopfkinofilm, ein Epos, das trotz aller traurigen Momente immer den lebenshungrigen Pioniergeist seiner Protagonistinnen atmet. „Guten Morgen aus der Südsee“, sagt Nielsen zur Begrüßung – während des Interviews befindet sie sich auf Rarotonga. Nach einem schweren Unfall vor einigen Jahren habe sie eine Liste mit Orten gemacht, die sie unbedingt noch erleben möchte, erzählt sie, die Südsee gehöre dazu. Ihr Skype-Profilbild zeigt sie mit hochgerecktem Daumen am Steuer eines Fliegers.

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Die Autorin Maiken Nielsen setzt mutigen Frauen ein Denkmal
Foto: Sabrina Adeline Nagel

SZENE HAMBURG: Frau Nielsen, die Mercury 13 sind kaum bekannt. Wie sind Sie auf ihre Geschichte gestoßen?

Maiken Nielsen: Ich bin selbst begeisterte Fliegerin und hatte mich, während ich die Romanbiografie über meinen Großvater schrieb, viel mit dem Thema beschäftigt. Das waren die 30er- und 40er-Jahre. In der Zeit flogen auch viele Frauen. Mich hat interessiert, wie es danach weiterging und fand – wenig überraschend – heraus, dass es nach 1945 kaum noch weibliche Piloten gab, weil die Männer aus dem Krieg zurückkehrten und ihre Stellen besetzten. Aber dann stieß ich auf Jerrie Cobb …

… die Anführerin der Mercury 13 …

Ich war total beeindruckt von ihr! Wie groß war meine Überraschung, als ich erfuhr, dass sie zu den Astronautentests für die erste Fahrt zum Mond geladen wurde. Und dass es noch mehr Frauen wie sie gab.

Was konkret haben Sie an diesen Frauen so bewundert?

Sie mussten alle mit den Gegebenheiten der 50er- und 60er-Jahre fertig werden. Sie mussten sich zum Fliegen die Nägel lackieren, High Heels und Röcke tragen, um zu beweisen, dass sie trotz Pilotendaseins „richtige“ Frauen sind. Eine war achtfache Mutter. Aber sie waren so tough, das belegen die Aussagen des Nasa-Mediziners Randolph Lovelace und seiner Mitarbeiter.

Randolph Lovelace setzte sich dafür ein, dass Frauen als Astronautinnen eingestellt werden. Sie seien für Weltraumflüge besser geeignet als Männer, sagte er, weil sie qua ihres Geschlechts leidensfähiger seien.

Die Tests, die Lovelace mit den Frauen durchgeführt hat, zeigen, dass sie mindestens so tough wie John Glenn und die Mercury 7 waren, die als männliche Helden in den USA verehrt wurden. Wie sich die Frauen da durchgekämpft haben, wie sie auch vor dem NASA-Subkomitee für ihre Sache gekämpft haben, das ist beispiellos.

Die Argumente während der Anhörung sind hanebüchen: „Wenn meine Mutter den Check-up-Test eines Footballteams besteht, heißt das nicht, dass sie Football spielen kann.“ Sind die Aussagen echt?

Ja, die sind genauso passiert. Die Anhörung wurde mitgeschrieben, eine Abschrift davon findet sich auch online im NASA-Archiv. Ich habe die Dia loge lediglich übersetzt. Mein Antrieb für das Buch war dementsprechend Empörung. Ich wollte, dass diese Frauen nicht im Vergessen versinken.

 

„Viele Frauen hatten nach den Tests keine Jobs mehr“

 

Wie sind die Frauen mit der Enttäuschung umgegangen? Viele Menschen würden, nachvollziehbarerweise, verbittern …

Viele der Frauen hatten im Anschluss an die Tests keinen Job mehr, weil sie für die Testwoche in Albuquerque von ihrem Arbeitgeber keinen Urlaub bekamen und deshalb kündigen mussten. Es war sowieso schwer, als Frau 1960 in der US-Luftfahrtbranche einen Job zu bekommen, den verloren sie also auch. Jerrie Cobb zog anschließend allein in den Amazonas, wo sie abgelegene Siedlungen aus der Luft mit Lebensmitteln belieferte. Sie lebt immer noch, gibt aber keine Interviews (kurz vor Redaktionsschluss wurde bekannt, dass Jerrie Cobb bereits am 18. März im Alter von 88 Jahren verstorben ist, Anm. d. Red.).

Und die anderen?

Andere Frauen waren sowieso selbstständig, Geraldine Sloan – später Geraldine Truhill – zum Beispiel. Oder sie wechselten komplett die Branche. Eine der Dietrich-Zwillinge starb knapp zehn Jahre später an Krebs, möglicherweise in Folge der Tests, bei denen die Frauen radioaktiver Strahlung ausgesetzt wurden. Ihre Zwillingsschwester flog ab dann nicht mehr.

Der Roman besteht aus mehreren Handlungssträngen, die miteinander verknüpft sind. Ein wichtiger dreht sich um den deutschen Raketenentwickler Wernher von Braun. Was macht ihn so faszinierend?

Von Braun war ein extrem fantasiebegabter, musischer Mensch mit hochfliegenden Träumen. Er spielte Klavier, schrieb Romane, sprach und las Französisch und wollte eines Tages zum Mond. Ingenieur und Freizeitpilot wurde er nur wegen dieses Mondtraums. Und der wurde dann so mächtig, dass er alles möglich machte, um ihn zu realisieren. Er trat der NSDAP und später der SS bei, er bestellte KZ-Häftlinge für die Arbeiten an der V2-Rakete. Und später, als klar war, dass die Deutschen den Krieg verloren hatten, stellte er seine Dienste der nächsten großen Macht zur Verfügung – den USA.

Warum ist von Braun für Ihre Geschichte wichtig?

Als deutsche Autorin, glaube ich, kann ich nicht die Vorgeschichte der ersten Mondlandung erzählen, ohne den deutschen Raketenentwickler Wernher von Braun zu erwähnen, der Apollo 11 erst möglich gemacht hat. Die Mission fußte auf Versuchen, für die Tausende von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen sterben mussten.

 

Endlose Finsternis und Strahlender Schein

 

Trotzdem feierten ihn die Amerikaner als Helden – eine der zentralen Ambivalenzen in Ihrem Roman.

Absolut. Im Roman geht es um Hell und Dunkel. Das eine existiert nicht ohne das andere. Das ist auch eine Erfahrung, die Michael Collins, Neil Armstrong und Buzz Aldrin im All gemacht haben: endlose Finsternis auf der einen Seite und daneben strahlender Schein.

Warum haben Sie die fiktive Geschichte um die Hauptprotagonistin Juni und ihre Mutter Martha eingebaut?

Martha und Juni verkörpern beide die deutsch-amerikanische Geschichte, und Juni ist mit ihrem Mut, ihrer Motivation und ihrer Sportlichkeit die Quintessenz der Mercury 13. In ihnen verdichten sich die Ambivalenzen. Martha ist Deutsche, ihr Vater wurde denunziert und in Wernher von Brauns Arbeitslager erhängt. Sie flieht mit ihrer Tochter Juni zunächst nach Frankreich, dann in die USA nach New Orleans, wo sie ihre deutsche Herkunft verheimlicht. Juni ist begeisterte Pilotin, darf an den Raumfahrttests mit den Mercury 13 teilnehmen. Sie will zum Mond fliegen mit der Rakete, die der Mörder ihres Großvaters entwickelt hat – was sie zunächst nicht weiß.

War es schwierig, diese fiktiven Figuren in den historischen Kontext einzuweben?

Nein, ich habe die beiden einfach sehr lebendig vor Augen gehabt. Ich glaube, die schwebten mir schon lange im Kopf herum, und Juni als extrem wildes, kleines Mädchen war einfach perfekt für das, was ich erzählen wollte. Ich habe mich dann bloß bemüht, nichts an den historischen Gegebenheiten zu ändern.

Juni wäre heute 79 Jahre alt. Was würde sie jetzt machen?

Juni überlegt, ob sie in ein paar Jahren vielleicht ihre Pilotenlizenzen abgeben und einen Round-The-World-Trip mit ihrer Enkelin machen sollte, am liebsten im Airbus. Sie trifft sich einmal im Jahr mit denjenigen Mercury- 13-Frauen, die noch am Leben sind und hält Vorträge in ihrem 99-Chapter und anderswo. Und sie läuft noch immer jeden Tag.

Space-Girls-Cover-Maiken-NielsenNatürlich wirft Ihr Roman indirekt auch die Frage nach unserer Zeit auf. Wie sehen Sie die Entwicklung?

Es sieht derzeit so aus, als würden sich an vielen Stellen in der Welt wieder Werte durchsetzen, die nicht gerade förderlich für Demokratie und Gleichberechtigung sind. Aber zumindest in der Raumfahrt gibt es viele positive Entwicklungen: Weibliche Astronauten trainieren derzeit für den Flug auf den Mars und auf der ISS leben und arbeiten Menschen aus allen Nationen friedlich zusammen.

Maiken Nielsen: „Space Girls“, Wunderlich/Rowohlt, 512 Seiten, 22 Euro. Der Roman ist am 21. Mai erschienen.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2019. Das Magazin ist seit dem 27. April 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Top 10 – Zehn Tipps für köstliches Frühstück in Hamburg

Hausgemachte Aufstriche, Brunch-Variationen und Gesundes zum Löffeln: Köstliches Frühstück findet ihr in diesen zehn Restaurants

Text: Anissa Brinkhoff
Foto: Philipp Schmidt

1) Atelier F – Französisch-amerikanische Liaison

Mit Blick auf die Hamburger Fleete frühstücken und den Tag beginnen: Die Lage und der Ausblick des Atelier F sind wirklich besonders. Das Restaurant liegt mitten in der Innenstadt, versteckt hinter einem Kaufhaus. Nun hat das Atelier F seit Kurzem die Speisekarte um ein Frühstücksangebot erweitert. Das Atelier F kombiniert die französische Küche mit amerikanischer Lässigkeit, und so gibt es zum Frühstück das „Petit Dejeuner“ mit Croissants und Baguette, das „American Diner“ mit Frühstücksburger, aber auch Croques oder Bagels, Croissants oder Donuts, Pancakes mit Blaubeeren oder Avocado-Toasts und Smoothies. Was für ein Start in den Tag.

Atelier F: Große Bleichen 31 (Neustadt)

Atelier-F


2) Café Brooks – Lässig in Eilbek

Dieses Café ist fast noch ein unentdecktes Juwel, weil es in keinem der hippen Stadtviertel Hamburgs liegt, sondern im westlichen Eilbek. Doch wer einmal das Frühstücksbuffet am Wochenende probiert hat, wird wiederkommen und den Freunden etwas Vorschwärmen. Zum Brunch lässt sich kurz und knapp sagen: Außer den Brötchen und knusprigen Croissants wird alles hausgemacht. Lang ausgedrückt: Marmelade, Nusscreme, Pesto, Chutneys, Aufstriche, verschiedene Salate, Obstsalate und Kuchen sind selbstgemacht. Dazu gibt es eine tolle Auswahl an Wurst und Käse, die Milch und die Bio-Eier stammen von Höfen aus dem Hamburger Umland. Gut zu wissen: Ein großer Teil des Buffetangebots ist vegan. Ein Ort in Eilbek, der sich kulinarisch sehen lassen kann.

Café Brooks: Hasselbrookstraße 37 (Eilbek)

Cafe-Brooks


3) Deichdiele – Brunchen in Wilhelmsburg

Die Deichdiele in Wilhelmsburg ist ein echter Stadtteilladen mit vielen Stammkunden – weil hier seit sieben Jahren fast täglich Konzerte, Ausstellungen und Filmvorführungen. Doch es gibt noch einen Grund, in der Deichdiele vorbeizuschauen: das tolle Frühstück. Sonntags bietet Wirt Andreas Kürschner ein Frühstücksbuffet mit Brötchen, hausgemachten Dips, Tomate-Mozzarella, Obst und Rührei – und zwei frischen Waffelteigen, einmal vegan, einmal mit Eiern. Die Gäste dürfen selbst ans Waffeleisen – und ehe man sich versieht, kommt man so auch mit anderen Gästen ins Gespräch. Unter der Woche wird in der Deichdiele natürlich auch Frühstück angeboten, man muss sich nur entscheiden, ob es ein süßer, veganer oder deftiger Start in den Tag wird.

Deichdiele: Veringstraße 156 (Wilhelmsburg)

 

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4) Glück und Selig – Zwei Freundinnen haben einen Traum

Das Glück und Selig ist nicht nur für die beiden Besitzerinnen Lina und Friederike ein wahrgewordener Traum, längst kommen Hamburger aus allen Stadtteilen zum Frühstücken hierher – man sollte also rechtzeitig reservieren. Zum Frühstück gibt es süße, herzhafte, gesunde oder orientalische Frühstücksteller. Wer zu zweit kommt, großen Appetit und ein bisschen Zeit mitbringt, sollte das Glück-und-Selig-Frühstück für zwei bestellen: Auf einer riesigen Etagere türmt sich dann eine Mischung aus allen Frühstücksvarianten, dazu gibt es Bio-Eier und Orangensaft. Wer nur schnell mal vorbeischauen möchte, kann einen mediterranen Panino auf die Hand mitnehmen. Oder süße Waffeln, die schmecken zu jeder Gelegenheit.

Glück und Selig: Heußweg 97 (Eimsbüttel)

 

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5) Gretchens Villa – Oma ist jetzt up to date

„Sie bringt die Teller schon seit Jahren und spart jeden Cent für ihr eigenes Café“ – diese Zeilen sang die Band Revolverheld über Stefanie Margarethe Herbst, die bald darauf tatsächlich ihr eigenes Café eröffnete und diesem ihren Spitznamen „Gretchen“ lieh. Mitten in der trubeligen Marktstraße ist Gretchens Villa ein wunderbarer Ausgangspunkt für eine Shoppingtour durch die Vintageläden und Manufakturen des Viertels. Auf der Karte findet man sechs verschiedene Frühstücksvariationen. Die kann man je nach Hungerlage mit einem Obstsalat, Knuspermüsli, einer Acai-Bowl oder gekochten Eiern pimpen.

Gretchens Villa: Marktstraße 142 (Karolinenviertel)

 

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6) Hej Papa – Familiengefühl an großen Tischen

Weil man im Hej Papa nicht reservieren kann, ist hier jede Verabredung zum Frühstück mit einer gewissen Spannung verbunden: Bekommen wir einen Platz? Damit alle glücklich sind, wird an den großen hellen Holztischen enger zusammengerückt, und das fühlt sich fast so an, wie bei einer schwedischen Großfamilie zu frühstücken. Vom Nachbarteller kann man sich gleich einmal inspirieren lassen: Heute mal französisch mit Croissant, Baguette, Käse und Knuspermüsli? Oder pochierte Eier im Glas und dazu ein hausgemachter Vanille-Orangenquark mit Obstsalat? Oder doch lieber Avocadobrot mit Ziegenfrischkäse, Ei und Lachs?

Hej Papa: Poolstraße 32 (Neustadt)

 

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7) Jools – Morgens wie ein Kaiser

Im Jools wird sonntags ausgiebig gebruncht. Am Buffet können die Gäste zwischen den Optionen „Basis“, „Premium“ oder „Luxus“ wählen: Beim Basis-Brunch gibt es noch einen Kaffee dazu und in der Premium-Variante jeweils ein Glas Prosecco, Smoothie, Filterkaffee und eine Kaffeespezialität. Statt des Proseccos gibt es in der Luxus-Variante ein Glas Moët-Champagner. Man gönnt sich ja sonst nichts. Unter der Woche wählt man von der Karte, zum Beispiel das Wellness-Frühstück mit Hüttenkäse und frischem Obst oder das Full-English-Frühstück mit Rührei, Speck, Bratwürsten und Baked Beans. Ihre Lieferanten suchen die Küchenchefs bewusst aus und passen ihre Speisekarte regelmäßig den saisonalen Verfügbarkeiten an.

Jools: Bernadottestraße 20 (Ottensen)

Jools


8) Kropkå – Erlesene Happen für Produktverliebte

Im Kropkå schätzen die Gästen vor allem erlesene Produkte. So gibt es zum Frühstück cremigen Joghurt vom Milchhof Reitbrook mit frischen Früchten, Bio-Eier vom Hof Hornbrook, mit Tomaten oder Schinken zubereitet, sowie eine Auswahl an klassischen bis verrückten Stullen. Das Veggie-Röstbrot mit Avocado, sahnigem Frischkäse und Sesam ist mit knusprigen Baconstreifen gepimpt auch für Fleischliebhaber interessant. Geröstetes Bauernbrot mit Rotschmierkäse von der Hafenkäserei in Münster, hausgemachtes Zwiebelconfit, Röstbrot mit luftgetrocknetem Landschinken, dicken Parmesanraspeln und Balsamicocreme – allein bei der Vorstellung läuft einem das Wasser im Mund zusammen.

Kropkå: Eppendorfer Weg 174 (Hoheluft-West)

 

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9) Speisekammer – Futtern mit Andenken

Zwischen Eimsbüttel und Sternschanze liegt die Speisekammer, ein lichtdurchflutetes Lokal mit einer großen Glastheke voll mit Kuchen, Quiches und Keksen. Die Frühstücksauswahl ist gesund, mit tollen Tees, selbstgemachten Säften, Bio-Eiern oder frisch zubereitetem Birchermüsli. Aber auch Fans von Deftigem können zwischen Frühstückstellern mit Tiroler Speck, geräuchertem Lachs oder Seeluftschinken wählen. Ein absolutes Muss sind die hausgemachten Brioches. Noch ofenwarm werden sie serviert, so dass die Butter beim Verstreichen schmilzt und man nur einen kleinen Klecks der Erdbeermarmelade braucht.

Speisekammer: Weidenstieg 5A (Eimsbüttel)

Speisekammer


10) Was wir wirklich lieben – Rührei vom eigenen Huhn

Ein Name, der viel verspricht: Was wir wirklich lieben. Gemeint sind damit die Produkte, die im Café verwendet und verkauft werden und zum großen Teil tatsächlich vom eigenen Hof in der Lüneburger Heide kommen: Kräuter, Gemüse, Obst und Eier.  Ein Augenschmaus sind die appetitlich angerichteten Frühstücksplatten, darunter das „Lieblingsfrühstück“ mit hausgemachtem Gemüseaufstrich, Rohkost, Avocado, Rote-Bete-Bulgur und Roggenvollkornbrot oder das „Gute-Laune-Frühstück“ mit Avocado-Hummus, Aufschnitt und Granola-Joghurt. Für alle, die ihr Frühstück gerne löffeln, gibt es auf Wunsch vegane Früchtebowls, Übernacht-Müsli, Acai-Bowls oder Chia-Pudding.

Was wir wirklich lieben: Hegestraße 28 (Hoheluft-Ost)

 

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SZENE-HAMBURG-Essen+Trinken-To-Go Diese Topliste stammt aus dem Gastro Guide: Essen + Trinken to go, 2018/2019 – der Guide ist zeitlos in unserem Online Shop erhältlich!


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Carsten Erobique Meyer: Der Disco-Tanzschritt-Macher

Erobique: Der Hamburger Disco-Punk feiert „Erobiques Große Gartenparty“ auf der Freilichtbühne im Stadtpark – und hat mit uns im Interview über gelungene Open-Airs und seine Hamburg-Liebe gesprochen.

Interview: Erik Brandt-Hoege
Foto: Yvonne Schmedemann

Er ist der Daniel Düsentrieb des Disco-Pop. Der Punk am DJ-Mikro. Der Tanzschrittmacher der Hamburger Club-Landschaft. Seit mehr als 20 Jahren macht der Komponist, Musiker und vor allem Entertainer Carsten „Erobique“ Meyer Club-Besuchern Beine. Penibel gestutzter Schnauzer, Zigarette im Mund, Hände an den Keyboards: typisches Erobique-Bild, live wie im Studio.

In seinem Soundlabor im Karoviertel hat der 46-Jährige schon Hits à la „Easy Mobeasy“, „Überdosis Freude“ und „Urlaub in Italien“ ausgetüftelt (letztere erscheinen am 24.5. als Vinylmaxi). Auch Songs für Filme wie „Fraktus“ und „Magical Mystery“ sowie der Soundtrack der Bjarne-Mädel-Serie „Tatortreiniger“ stammen von ihm.

Dass „Erobiques Große Gartenparty“ im Stadtpark dank idyllischer Naturkulisse eine spezielle Show wird, steht außer Frage. Und was braucht Erobique ganz allgemein für eine gelungene Open-Air-Feierei? Welches Licht ist ihm wichtig? Welche Musik? Was gibt es zu trinken? Und wie lange hält er durch? Ein Entweder-Oder-Spielchen als Einstimmung auf den Freilichtbühnen-Abend.

SZENE HAMBURG: Erobique, Urlaub in Hamburg oder „Urlaub in Italien“?

Erobique: Urlaub in Italien ist natürlich immer gut, für jedermann. Ich persönlich empfinde Urlaub aber auch, wenn ich in Hamburg bin, die Sonne scheint und es für mich nicht viel zu tun gibt.

Irgendwelche Holiday-Hotspots in Hamburg?

Ja, natürlich. Zum Beispiel den Stadtpark und den Ohlsdorfer Friedhof. An diesen Orten reichen mir schon zwei Stunden, und die Batterien sind wieder aufgeladen.

Elbstrand oder Freibad?

Freibad! Ich bin Kaifu-Fan und gehe dort gerne ins Bad. Gibt nichts Schöneres, als eine Stunde im Wasser und danach eine Portion Pommes.

 

 

Bist du eher Schwimmer oder Planscher?

Schwimmer. Bin kein Sportschwimmer, aber ich mag Schwimmen.

Sonne oder Schatten?

Sonne! Hat einen guten Einfluss aufs Gemüt, da werden schnell Glückshormone freigesetzt. Aber es gilt logischerweise, rechtzeitig den Schatten aufzusuchen.

Bierchen oder Gin Tonic?

Gin Tonic. Aber nicht so ein Fisimatenten- Quatsch, der in vielen Bars angeboten wird. Diese riesige Auswahl macht mich verrückt. Für mich: einfaches Schweppes und einfacher Gordon’s Gin.

Bist du Cocktail-Trinker?

Nö. Mein Lieblingsgetränk ist Cola-Rum.

Als Strand-Soundtrack: Einlassen auf den DJ aus der lokalen Bar oder Kopfhörer auf und den eigenen Kram hören?

Strandbar-DJ. Wenn ich irgendwo bin, lasse ich mich auch auf die dortige Musik ein. So lange da ein paar Oldies laufen, ist für mich alles okay.

Oldies? 

Ich muss ganz ehrlich sagen: Ich höre richtig gerne Oldies-Radio. Die alten Bee-Gees-Songs gefallen mir besonders gut.

Und die Outdoor-Party: großer oder kleiner Rahmen?

Klein und fein ist immer toll. Und auf großen Partys sollte man versuchen, die Parameter zu kreieren, die auch eine gute kleine Party ausmachen, zum Beispiel einen familiären Touch.

 

„Zuerst das Tanzen, dann das Flirten und das Trinken“

 

Lampions oder Lasershow?

Lampions natürlich, was für eine Frage! Klar, es beeindruckt mich schon, was die Lichtmenschen so können. Ich würde auf meinen Partys aber immer Lampions aufhängen.

Live-Musik oder DJ-Set?

Ganz klar Live-Musik. Akustische Klangerzeugnisse durch Gitarre, Klavier und Geigen würde ich einem DJ-Set vorziehen. Aber ich mag es natürlich auch, einem guten DJ zuzuhören.

Und klangästhetisch: Rumms-Bumms-Tracks oder Chilly-Vanilly-Sounds?

Eine gute Dramaturgie erlaubt beides, das gilt sowohl für Live-Musik, als auch für DJ-Sets. Große Künstler kriegen das unter einen Hut.

Tanzt du auch?

Ja. Bei mir kommt auf Partys immer zuerst das Tanzen, dann das Flirten und das Trinken.

Fürs Happy End: Last Man Standing oder Anti-Kater-Handbremse?

Ich war gerne Last Man Standing, aber mittlerweile macht mich das nur noch traurig. Heute bin ich froh, wenn ich mit netten Leuten rechtzeitig die Party verlasse. Altersbedingte Antwort.

Erobique: 25.5., Stadtpark (Freilichtbühne), 19 Uhr


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2019. Das Magazin ist seit dem 27. April 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Top 10 – Diese Kochbücher liefern leckere Rezeptideen

Zum Nachkochen, Nachbacken oder einfach nur Angucken: Der Food-Blog Kaisergranat hat seine Lieblingskochbücher ausgezeichnet.

Text: Benjamin Cordes
Foto: Dan Gold via Unsplash

1) Al Forno – Aufs Wesentliche reduziert

Claudio del Principe_Al Forno_AT VerlagDer Preis für den unscheinbar­sten Buchtitel geht an „Al Forno“ (dt. „aus dem Ofen“). Klingt nach einfallslosen Aufläufen in glühend heißen Steingutformen, entpuppt sich aber als herausragendes Kochbuch. Weil es die Reduktion auf das Wesentliche, nämlich gute Grundprodukte und deren bestmögliche Zubereitung, sinnlich und klar erklärt. Herrlich geschrieben, mit umwerfenden Bildern, die Claudio Del Principe alle selbst gemacht hat. Bravissimo!

Claudio Del Principe: Al Forno, 280 Seiten, AT Verlag


2) Willkommen in der Kunztküche

Willkommen in der KunztkücheZum 25-jährigen Jubiläum des Straßenmagazins „Hinz&Kunzt“ kochten 25 Köche an 25 Tagen im Restaurant Cook Up. Mit dabei waren unter anderem die Jungs von Salt&Silver, die Kitchen Guerilla, Tim Mälzer, Thomas Imbusch, Anna Sgroi und Fabio Haebel. Dieses Kochbuch zeigt nicht nur ihre Menüs inklusive Rezepten, sondern stellt die Köche unterhaltsam vor. Große Vielfalt, gro­ßer Spaß, guter Zweck.

Willkommen in der Kunztküche!, 192 Seiten, Hinz&Kunzt


3) Halb zehn – Genussvoll frühstücken

Agnes Prus_Halb zehn_Stiftung WarentestDas schönste, weil genussvollste Kochbuch zum Thema Frühstück hat Agnes Prus geschrieben. „Halb zehn“ schert sich nicht um Fett, Zucker und Kalorien, sondern bringt einfach die leckers­ten Dinge auf den Frühstücks­tisch, die man sich so vorstellen kann. Buttrige Croissants, safti­ges Möhrenbrot, Apfel-­Zimt-Knoten, griechisches Rührei, ­Kokosmilchreis, herzhaftes Porridge oder Macadamia-Matcha-­Latte. Wer bleibt da schon gerne länger liegen …

Agnes Prus: Halb zehn, 240 Seiten, Stiftung Warentest


4) Tarik kocht dich fit – Norddeutsch gut

Tarik kocht dich fit_ZS VerlagMit diesem Buch feiert Tarik Rose, Küchenchef im Engel, Premiere. Sein Thema ist die gesunde, einfache Küche. Tarik kocht viel mit gesunden Ölen und alternativen Zuckerarten. Immer wieder lässt Tarik seine norddeutsche Herkunft durchschimmern. Etwa beim gebackenen Ziegencamembert mit Möhrensalat, dem Skrei mit Steckrüben-Rosenkohl-Curry und der gebackenen Rote Bete mit Ziegenkäse und Gewürznüssen. Premiere geglückt!

Tarik kocht dich fit: 176 Seiten, ZS Verlag


5) Blaue Stunde – Snacks aus aller Herren Länder

Stevan Paul_Blaue-Stunde_BrandstätterDie für sein neuestes Buch namensgebende „Blaue Stunde“ beschreibt der Kochbuchautor Stevan Paul als den Moment, in dem die Sonne ge­rade untergangen ist, sich der Abend blau färbt und man rund um die Welt ­zusammenkommt, um den Tag mit guten Gesprächen und ein paar Drinks ausklingen zu lassen. Dazu liefert er passende Snacks aus unterschiedlichsten Ländern: Yakitori-Spieße aus Japan, Gemüse-Pakora aus Indien, griechischer Auberginensalat oder italienische Focaccia. Eine atmosphärische Weltreise!

Stevan Paul: Blaue Stunde, 256 Seiten, Brandstätter Verlag


6) Korea – So spannend wie ein Roman

Sarah Henke_Korea_Christian VerlagEins der persönlichsten Koch­­bücher der letzten Zeit hat Sarah Henke geschrieben. Darin schildert sie, wie sie als Findelkind in Südkorea von ihren deutschen (Pflege-)Eltern aufgenommen wurde und nun erstmals in das Land ihrer Geburt zurückkehrt. Sie lernt Korea kennen, saugt fasziniert Aromen wie Geschmäcker auf und beschreibt alles ganz ­unmittelbar. So spannend wie ein Roman. Es wäre aber kein Kochbuch, wenn nicht auch die authentischen Rezepte aus Henkes Sternerestaurant Yoso dazu­kämen. Mit etwas Muße können ­diese auch zu Hause gelingen.

Sarah Henke: Korea, 320 Seiten, Christian Verlag


7) Frauen an den Herd! – Eine Bühne für Spitzenköchinnen

Frauen an den Herd_Christian VerlagOft wird über die geringe Zahl von Frauen in der Spitzengastronomie diskutiert. Stephanie Bräuer bietet den vielen Spit­zen­­köchinnen, die es längst gibt, eine große Bühne und stellt sie in Interviews, begleitet von Rezepten, vor. Ein sehr lesenswertes Kochbuch, das zeigt: Frauen erreichen in der Spitzengastronomie mindestens das gleiche Niveau wie ihre männlichen Kollegen. Und das ist hoch. Die Rezepte sind dennoch auch für (geübte) Hobbyköche geeignet.

Stephanie Bräuer: Frauen an den Herd!, 240 Seiten, Christian Verlag


8) Modern Baking – Meisterstück der Opulenz

Donna Hay_Modern Baking_AT VerlagDonna Hays dickes, neues Backbuch ist ein Meisterstück der Opulenz. Selten waren Schoko­lade, Butter, Zucker, Crèmes und Tortenfüllungen so greifbar, fast schmeckbar wie hier. Das liegt an den ­sagenhaften Fotografien und dem Foodstyling. Natürlich sind auch die Rezepte kompromisslos lecker. Kein Clean Eating, kein Low Carb, kein Low Fat, stattdessen höchster Genuss mit Rezepten wie ­salziger Zartbitterschokotorte mit Vollmilch-Ganache oder Ahornsirup-Pekannuss-­Tarte. So macht Backen Spaß.

Donna Hay: Modern Baking, 400 Seiten, AT Verlag


 Über Kaisergranat

Kaisergranat_Benjamin Cordes + Stefan Spiegel

Die Journalisten Stefan Spiegel und Benjamin Cordes rezen­sie­ren auf kaisergranat.com jedes Jahr die 200 wichtigsten Kochbücher. Ihre Rezensionen lesen mittlerweile mehr als 10.000 Besucher pro Monat. Jährlich prämieren die beiden Experten die besten Kochbücher in unterschiedlichen Rubriken. www.kaisergranat.com


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Plattenrille am Grindelhof: dem Streaming entgegen

Seit fast 40 Jahren gehört die Plattenrille zum Grindel. Im Januar wechselten die Besitzer. SZENE HAMBURG sprach mit den neuen Inhabern Christopher Zielske, Robert Hütteroth und Sebastian Prinz über den Spagat zwischen Bewahrung und Erneuerung und das Geschäft in Zeiten von Spotify.

Interview: Ole Masch
Foto: Plattenrille

SZENE HAMBURG: Sebastian, wie wird man Plattenladenbesitzer?

Sebastian: Ich war seit Mitte der 90er Jahre Kunde in der Plattenrille. Als ich 2004 meinen Studentenjob beim Indievertrieb Efa verlor, haben die Vorbesitzer gefragt, ob ich als Aushilfe anfangen möchte.

Christopher: Sebastian war das Bindeglied zwischen uns und dem Laden. Wir haben vorher bei einem Musikvertrieb gearbeitet und schon dort gemerkt, dass das Arbeitsklima untereinander funktioniert.

Robert: Als dann diese Möglichkeit aufploppte, haben wir gesagt, dass müssen wir machen, so was passiert nicht noch mal.

Warum ploppt so etwas auf?

Christopher: Die ehemaligen Inhaber Paul Löffler und Herbert Sembritzki, waren langsam in einem Alter, in dem sie an Ruhestand gedacht und einen Nachfolger gesucht haben. Sebastian hat uns dann gefragt, ob wir das mit ihm machen. Natürlich war das erst mal ein großer Schritt, seinen festen Job zu kündigen und in eine gewisse Ungewissheit reinzugehen.

Robert: Aber wir waren alle nicht die typischen Karrieretypen, sondern haben unsere Nische gesucht. Das ist sicher nicht ungewöhnlich bei Plattenläden, dass Leute keine glatte Biografie haben. Und uns ist auch bewusst, dass man hier nicht schnell viel Geld verdienen wird. Es gehört schon eine Portion Leidenschaft oder Idealismus dazu. Und wir ergänzen uns alle drei musikalisch sehr gut. Sebastian hört viel Country oder Bob Dylan. Ich bin ein bisschen Kind der 90er, Christopher legt im Pudel oder im Central Kongress auf.

Sebastian: Es ist den beiden Vorbesitzern sichtlich schwergefallen, sich von dem 1981 gegründeten Laden zu verabschieden. Wir waren die Wunschlösung. Es war ihnen wichtig, dass der Laden in ihrem Sinne weiterführt wird.

 

 

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Was heißt in ihrem Sinne?

Sebastian: Der Laden hat sich immer durch Kundenservice ausgezeichnet. Es ging hier nie nur darum, einfach Platten zu verkaufen. Ich erinnere mich, wie die Plattenrille in den 90ern von einem Musikmagazin zum besten Plattenladen Deutschlands gewählt wurden, weil Paul über Nacht eine Platte organisiert hat und anbot, sie dem inkognito testenden Redakteur zum Bahnhof zu bringen.

Christopher: Neulich war eine alte Dame hier, deren Mann kürzlich verstorben war. Sie hatte für die Beerdigung eine Oper gesucht. Wir haben dann eine Stunde Sachen durchgehört, da sie nicht mehr genau wusste, was es war. Oder das Beispiel Schellack. Auch wenn die Nachfrage im Prinzip nicht existiert, bieten wir das weiterhin an. Und wir nehmen jeden ernst. Wenn jemand Heino sucht, dann suchen wir Heino. Auch wenn ich das selber nie hören würde.

Robert: Ich erinnere mich an den 18-Jährigen, der eine Single suchte und schon alles abgeklappert hatte. Wir haben die meisten Singles in Hamburg und konnten sie irgendwann im Lager finden. Der hat sich so gefreut, dass er jubelnd den Hof verlassen hat.

Und was habt ihr verändert?

Christopher: Wir haben angefangen im kleinen Maße Neuware anzuschaffen. Der Laden ist ja grundsätzlich ein Secondhandladen und lebt von Plattenankäufen. Außerdem war hier vorher sehr viel dekoriert. Wir haben es ein bisschen entschlackt. Und wir wollen monatliche Veranstaltungen starten. Mit Vorträgen, Lesungen oder etwas Party. Wir können uns gut vorstellen, dass hier ab 18 Uhr ein DJ auflegt und es ein bisschen über die Öffnungszeiten hinausläuft.

Was sagen die Stammkunden dazu?

Sebastian: Uns muss klar sein, dass die Kundschaft ganz überwiegend männlich und jenseits der 40 ist. Also alte Männer. Und alte Männer sind wertkonservativ, da muss man behutsam rangehen.

Robert: Die Gratwanderung ist: Wie viel vom Alten bewahrt man und wie viel Neues bringt man rein.

 

„Wenn Väter ihren Kinder die erste Platte kaufen, das ist immer toll“

 

Welche Neukunden wünscht ihr euch?

Christopher: Schön wäre, wenn es sich auch ein bisschen verjüngt und auch mehr weibliche Kunden kommen. Oder wenn Väter ihren Kindern hier ihre erste Platte kaufen, das ist immer toll. Und es gibt viele DJs, die herkommen, um etwas zu finden. Der Laden steht auch dafür, dass man was entdecken kann.

Entdeckt ihr selber noch Sachen?

Christopher: Na klar. Ich glaube, dass ich das Sortiment niemals ganz kennen werde. Wir haben zum Beispiel eine riesige Klassik-Abteilung. Und neulich gab es bei einem Ankauf diese tolle Geschichte mit ,,Daydream Nation‘‘ von Sonic Youth. Da war ein Plagiat aus der UdSSR dabei. Damals wurde das Original mit dem Gerhard Richter ,,Kerzen‘‘-Gemälde einfach nachgestellt und fotografiert. Über solche Kuriositäten freut man sich besonders.

Robert: Man denkt immer, dass der Laden in den letzten dreißig Jahren abgegrast wurde. Aber bei den ganzen Genres und unserem Warenbestand ist das eigentlich unerschöpflich.

Wie kommt ihr gegen die Streamingdienst-Konkurrenz an?

Robert: Das schließt sich gegenseitig überhaupt nicht aus. Gerade jüngere Leute nutzen es, aber kaufen auch Platten. Der Unterschied ist, dass bei Spotify der Algorithmus Vorschläge macht und irgendwann deine Hörgewohnheiten kennt. Klar ist das interessant, aber was der Plattenladen leistet und der Algorithmus eben nicht, ist das Zufällige. Wenn du hier herkommst, stößt du auf Sachen, die nicht aus deinem alten Geschmack generiert wurden. Dann gibt es neue Verweise, man stolpert über Sachen, kann stöbern und lässt sich überraschen.

Christopher: Es ist auch dieses Gefühl, dass ich Musik besitzen und ins Regal stellen möchte. Auch wegen der Cover. Mir reicht es nicht, Sachen, die ich toll finde, mit einem Klick abzurufen. Wenn ich eine Platte raushole und auflege ist das eine andere Verbindung zur Musik.

Robert: Das ist der Grund, warum Leute Schallplatten sammeln. Sie wollen sie festhalten. Vielleicht auch, weil ihnen die Musik sonst ein bisschen entgleitet und sie manchmal vergessen, was sie gehört haben.

 

 

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Wie kommt ihr an neue Platten?

Wir bauen gerade unsere neue Website auf, aber es gibt scheinbar noch viele, die im Telefonbuch nach Schallplattenhändlern suche. Noch rufen uns fast täglich Leute an, die ihre Sammlung loswerden möchten.

Sebastian: Das Konzept hat bis jetzt funktioniert. Nur tut es das vielleicht nicht mehr die nächsten zehn Jahre.

Robert: Und es gibt uns jetzt auch auf Instagram (alle lachen).

Christopher: Wir müssen gucken, wie wir neue Leute erreichen. Da gehören soziale Medien dazu. Das kann aber auch ganz banal über Aushänge in Supermärkten auf dem Dorf sein. Die interessanteren Sachen sind sowieso auf dem Land zu finden.

Was zum Beispiel?

Robert: Ich war neulich in Schneverdingen und habe einen älteren Herrn getroffen, der demnächst ins Altersheim muss. Er war 95, total fit und hat mich mit dem Auto abgeholt. Da ist mir mal wieder klar geworden, wie sehr man einen Einblick in die privaten Sachen von Leuten bekommt. Das sind häufig Nachlässe, die eine Geschichte haben. Es ist ihm wirklich schwergefallen, als ihm klar wurde, dass es mal seine Platten waren.

Sebastian: Man erfährt etwas über die Vorbesitzer und wie die Sammlung entstanden ist. Welche Schwerpunkte gesetzt wurden und was für persönliche Verbindungen die Eigentümer zu einer bestimmten Musik oder zu bestimmten Künstlern hatten.

Was hat ein 95-Jähriger für einen Plattengeschmack?

Robert: Er war Jazzer, hat schon im Nationalsozialismus angefangen, Platten zu sammeln und mir erzählt, wie viele Platten damals als Tanzmusik getarnt wurden, damit man den Verboten entgeht.

War die Sammlung was wert?

Christopher: Wir sind manchmal etwas überfordert, weil man Sachen sieht und weiß, dass sie nicht mehr viel bringen. Dann muss man die Leute ein bisschen vor den Kopf stoßen, weil es für uns nicht wirtschaftlich ist. Man merkt den Leuten die Enttäuschung schon an und natürlich ist der persönliche Wert groß. Aber wenn jemand 100 Klassik-Platten auf dem Dachboden gefunden hat und im Internet sieht, dass davon mal eine Platte 100 Euro gebracht hat, muss man erklären, dass das Ausnahmen sind. Beispiel James Last. Davon haben wir meterweise im Lager stehen.

 

„Sammlungen sind oft wie eine Wundertüte“

 

Was wäre ein besonderer Fund?

Christopher: Die meiste Freude kommt eigentlich auf, wenn man in einer Sammlung unerwartet Platten entdeckt, zu denen man einen Bezug hat und sie schon länger sucht. Da fällt es manchmal schwer, sie loszulassen und in den Laden zu stellen.

Sebastian: Das Spezielle am Handel mit Gebrauchtware ist, dass sich ganz individuelle Gebrauchsspuren des Vorbesitzers abbilden. Das sind dann alle ein Stück weit Unikate, obwohl sie mal industrielle Massenware waren. Fast wie bei gebrauchten Klamotten, die mit der Zeit die Körperform ihres Trägers annehmen.

Robert: Plattensammlungen sind oft wie eine Wundertüte. Sammler überraschen öfter mit Genremixen, die man nicht erwartet.

Sebastian: Und bei vielen Sammlern geht es gar nicht mehr darum herzukommen, weil sie hoffen irgendetwas zu finden. Viele kommen, um sich über ihr Spezialinteresse zu unterhalten, weil sie es zu Hause nicht können. Man darf nicht vergessen, dass man als Einzelhändler in diesem Bereich irgendwie auch eine soziale Funktion hat.

Fast wie ein Barkeeper …

Christopher: Ja, und auch hier kann man selbst sein bester Kunde werden (alle lachen).

Plattenrille: Grindelhof 29 (Rotherbaum) 


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2019. Das Magazin ist seit dem 27. April 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Death Café: Erzähl mir vom Tod, bei Kaffee und Kuchen

Gespräche über unsere Vergänglichkeit werden oft um jeden Preis vermieden. Ganz anders im „Death Café“. Dort holen Ute Arndt und Ina Hattebier den Tod regelmäßig an den Tisch, bei Kaffee und Kuchen.

Text und Fotos: Sophia Herzog

Donnerstagabend, kurz vor 19 Uhr, ein Café in Eppendorf: Eine Frau sitzt an einem Tisch am Fenster und blickt nervös auf ihre Uhr. „Ist hier noch frei?“, fragt eine zaghafte Stimme. Die Dame am Tisch blickt auf, nickt, lächelt. „Sind Sie auch das erste Mal dabei?“. Erneutes Nicken. Die Stühle um den Tisch füllen sich. Man ist schnell beim Du. Und dann auch gleich bei der Frage: „Warum beschäftigt ihr euch denn mit dem Tod?“

Dieser Einstieg ist kein ungewöhnlicher im „Death Café“. Denn hier treffen sich zwei Stunden lang fremde Menschen und tauschen sich, ganz zwanglos, über den Tod oder ihre Trauererfahrungen aus: Sterbebegleiter, Pflegekräfte, Hospiz-Praktikanten und Privatpersonen, die sich einfach nur für das Thema interessieren.

Death-Cafe-2-c-Sophia-Herzog

Beim Kaffee lässt es sich leichter plaudern – auch über das Sterben

Nicht alle, aber einige haben selbst eine nahestehende Person verloren. „Wir sind keine Trauer-Selbsthilfegruppe“, betont Ina Hattebier. „Wer noch in tiefer, akuter Trauer steckt, der ist bei uns eigentlich nicht richtig.“ 2015 gründete Ina gemeinsam mit Uta Arndt und drei weiteren Mitstreitern das „Netzwerk Trauerkultur“ und veranstaltet seitdem immer wieder Ausstellungen und Workshops zu Themen rund um Tod und Trauer, unter anderem zu Bestattungskulturen anderer Länder.

Seit 2016 gehören auch die Death Cafés zum Programm. Die Teilnehmerzahl ist seit den Anfängen stetig gestiegen und knackte vor Kurzem die Dreißigermarke. „Das Ganze hat eine richtige Eigendynamik entwickelt“, bestätigt Ina. Und obwohl die Gruppe des Netzwerks Trauerkultur inzwischen von fünf auf zwei geschrumpft ist, ist an Aufhören gar nicht zu denken. „Wir könnten gar nicht aufhören, selbst wenn wir wollten“, fügt Ute hinzu. Denn das Death Café ist für viele inzwischen ein beliebter Treffpunkt geworden.

Auch, wenn das Death Café das einzige seiner Art in der Hansestadt ist – neu erfunden haben Ina und Ute das Format nicht. Denn hinter den Hamburger Treffen steht eine internationale Bewegung: Anfang der 2000er Jahre lud der Schweizer Soziologe Bernard Crettaz zum ersten „Café mortel“. Knappe zehn Jahre später entdeckte der Brite Jon Underwood das Format für sich, und machte es schließlich zu dem „Social Franchise“, dass es heute ist. Über 8.000 Treffen in 65 Ländern sollen laut Website des internationalen Death Cafés seit 2011 abgehalten worden sein.

Die Organisatoren sind häufig Menschen, die sich auch beruflich mit dem Tod auseinandersetzen – so auch Ina, die als Künstlerin Urnen gestaltet und Ute, die Trauerrednerin ist. Wer das Format in seine eigene Stadt bringen will, darf das Label „Death Café“ nutzen, solange dabei einige einfache Regeln eingehalten werden. Die Veranstaltungen sollten nicht kommerziell und offen für alle sein. Ein Einstiegsthema ist erlaubt, aber kein Muss.

 

„Sie brauchen einen Rahmen für das Gefühl“

 

An diesem Donnerstag geht es um Erb- und Erinnerungsstücke – ein Thema, das an vielen Tischen schnell abgehandelt ist, und wie ein Türöffner für andere Gesprächsstoffe wirkt. Eine Gruppe tauscht sich über wertvolle, letzte Momente mit ihren Angehörigen aus. An einem anderen Tisch sprechen die Gäste darüber, wie sie Trauernde besser unterstützen können. Und gleich daneben geht es um das Leben nach dem Tod. Über was genau sie sprechen wollen, können alle Teilnehmer frei entscheiden, sowohl Lachen als auch Weinen ist erlaubt.

Hier sollen Menschen den Mut haben, offen über alles zu sprechen, was sie mit Tod und Trauer verbinden. „Wir haben nie richtig gelernt, über unsere Sterblichkeit zu sprechen und unsere Gedanken dazu auszudrücken“, findet Ute. Besonders die Nachkriegsgeneration schiebt das Thema gerne von sich, und die steigende Lebenserwartung der Menschen rückt den Tod in die weitere Ferne. „Wir sind einfach auf das Leben gepolt“, fügt Ina hinzu, und betont, dass das natürlich auch gut so sei. „Aber die Beschäftigung mit Sterben und Tod gehört zum intensiven Leben dazu.“ In ihren Berufen begegnen den beiden Organisatorinnen immer wieder Menschen, die ein deutliches Diskussionsbedürfnis haben. „Sie brauchen nur einen Rahmen dafür und das Gefühl, dass sie dürfen.“

Dürfen, das bedeutet im Death Café: Zuzuhören, ohne sprechen zu müssen. Zu sprechen, ohne vom Gegenüber verurteilt zu werden. Wer hier von einem Verlust spricht, stößt weder auf betroffenes Schweigen noch auf mitleidige Gesichtsausdrücke – viel eher auf Verständnis und Interesse. Während es draußen langsam dunkel wird, rücken einige Gruppen näher zusammen, um sich über den Geräuschpegel der vielen Diskussionen besser zu verstehen. Ihre Köpfe sind gesenkt, vertieft ins Gespräch. „Da flirrt die Luft“, beschreibt Ina die Atmosphäre. Dass sich die Teilnehmer auf diese Weise öffnen können, liegt auch daran, dass sich keiner vorher kannte.

 

„Wir sprechen ständig über Liebe“

 

Niemand muss sich darum kümmern, dass die anderen sich Sorgen oder Gedanken machen. „Hier weiß jeder, man teilt den Abend und die Erfahrungen, man ist aber auch nicht weiter verantwortlich für das Glück des anderen.“ Damit das so bleibt, wechseln Ute und Ina das Café mit jeder Veranstaltung. So können sich die Teilnehmer nicht an ihren Stammplatz setzen und mit der immer gleichen Gruppe sprechen. „Die Gäste bekommen dann nicht so ein Heimatgefühl und gehen jedes Mal wieder mit neuer Offenheit in den Abend.“

Als Ute um Viertel vor neun das Schlusssignal gibt, tauchen die Teilnehmer nur langsam wieder aus ihren Gesprächen auf. Manche wechseln den Tisch, um noch schnell Bekannte zu begrüßen oder sich kurz mit den Nachbarn auszutauschen. Nach und nach schlüpfen alle in ihre Jacken, aber niemand geht, ohne sich zu bedanken. „Danke für eure Offenheit“ ist die Abschiedsformel des Abends. „Die meisten gehen beseelt und bestärkt“, erzählt Ute. Ganz frei über den Tod zu sprechen, ist für viele eine ungewohnte Erfahrung – aber eine positive. „Wir sprechen ständig über die Liebe“, so Ute, „in jeder Werbung, bei jedem Smalltalk.“ Das Sprechen über den Tod sei hingegen schon fast ein Tabu, obwohl es doch genauso zum Leben dazugehöre.

„Oder wie der Berliner Bestatter Ulrich Gscheidel es einmal sagte“, erinnert sie sich noch, „Trauern ist nichts anderes, als rückwärts zu lieben.“

Death Café Hamburg: Netzwerk Trauerkultur


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Jens George – Hockeytrainer mit Herz und Reiselust

Zwischen exotischen Reisen und Hockeytraining in Hamburg: Der erfolgreiche Trainer Jens George ist der Paradiesvogel im Club an der Alster.

Text: Mirko Schneider
Foto: Jakob Börner

An das großartigste Erlebnis mit ihrem Trainer erinnert sich Viktoria Huse (23) mit leicht stockender Stimme. „Nach dem Titel bei der deutschen Hallenmeisterschaft 2018 ist Maus in der Kabine unter Tränen vor uns auf die Knie gefallen und hat eine Dankesrede gehalten“, sagt die Spielführerin der Hockeydamen vom Club an der Alster, „Das war für uns alle im Team ein unglaublich emotionaler Moment.“ Maus, das ist – aufgrund seiner charakteristischen Vorderzähne – der Spitzname von Jens George.

Seit 20 Jahren trainiert der mittlerweile 50-jährige Coach mit großem Erfolg die Damen des Vereins mit Hockeyanlagen in Wellingsbüttel und am Rothenbaum. „Als Winterpause war“, erinnert sich Huse, „ist Maus wieder aus Hamburg geflohen. Er ist eben ein besonderer Mensch.“ Georges guter Grund: „Ich musste schnell nach Indonesien, meine 2017 angefangene Hütte fertig bauen.“

Der ehrgeizige und überaus erfolgreiche Coach (ein Pokalsieg, vier Hallenmeisterschaften, eine Feldmeisterschaft, drei Europapokalsiege) ist im Club an der Alster der Gegenentwurf zum Klischee des Vereins. Das Bild über den Verein in Deutschlands Hockeywelt ist klar: viele Sponsoren, viele Beiträge durch über 3.000 Mitglieder, schicke Anlage, viele Aktive mit finanziell potentem Elternhaus – ergo spielen hier die Reichen und Schönen, die Snobs. Doch wie passt Paradiesvogel George hierher? Der St. Pauli-Fan wäre in einem politischen Handbuch ein gutes Beispiel für ein linksalternatives Leben.

 

Lieber Berg-Gorillas als SUV

 

Neben seinem Beruf als Hockeytrainer der Damen arbeitet er während der Feld- und der Hallensaison nebenbei selbstständig als Tischler. Ist Winter- oder Sommerpause, reist George um die Welt. Handy aus, ab durch die Mitte. Auf allen Kontinenten war er, über 100 Länder hat er bereist. „Ich halte mich an das Motto meines Opas“, sagt George. „Mit dem Hut in der Hand, kommst du durch das ganze Land.“ George trampt mit Rucksack, schläft oft im Freien, reist spartanisch – an ungewöhnliche Orte zu ungewöhnlichen Menschen.

„Ich habe bei den Indios im Amazonas gelebt. Sie haben mir erklärt, wie ihre Natur funktioniert. Wir waren gemeinsam jagen. In den Sümpfen Venezuelas habe ich geholfen, die Anakondas zur Vermessung zu bringen. Eine grandiose Erfahrung. Beeindruckend waren auch die Berggorillas in Uganda. Und mein Treffen mit einem Menschen im Papua-Neuguinea, der sich vor 25 Jahren noch von Menschenfleisch ernährt hat.“

Da können noch so viele dicke SUVs auf dem Parkplatz des Clubs an der Alster stehen, George interessiert das nicht. „Vieles, was anderen Menschen wichtig ist, ist mir unwichtig“, sagt er. „Uns geht es in Deutschland sehr gut. Diese Reisen erden mich, durch sie habe ich Bescheidenheit gelernt, mich als Persönlichkeit entwickelt.“ Ein paar Clubmitglieder nahmen schon sein Angebot an, reisten mit ihm. George hält es für heilsam, mit Freude und Freundlichkeit durch das eigene Leben zu gehen, viel über fremde Kulturen zu lernen. „Ich wurde noch nie überfallen. Da hatte ich Glück“, gibt er zu. „Aber ich glaube, das hat auch mit der Haltung zu tun, mit der man den Menschen gegenübertritt.“

Nur: Wie um alles in der Welt hält es George im Club an der Alster aus? Ist für ihn die Rückkehr in den Verein nicht immer der totale Culture Clash? „Nein“, sagt George bestimmt, „ich schätze den Verein, meine Arbeit und die Menschen hier sehr.“ Als Missionar unterwegs sein will er sowieso nicht. Er freut sich, dass seine Lebensweise so respektiert wird, viele Clubmitglieder ihn neugierig zu seinen weltweiten Erlebnissen befragen und keinesfalls die Nase rümpfen. Außerdem treffe das deutschlandweite Klischee vom Club an der Alster nicht zu.

„Okay, manche der Aktiven hier kommen aus einem finanziell guten Umfeld und einige zeigen das auch mal. Aber keiner verdient hier Geld, Hockey ist immer noch eine Amateursportart. Wenn ich mir zum Beispiel meine Damenmannschaft anschaue, dann sind das alles Frauen, mit denen man sich ganz normal unterhalten kann. Zudem kümmert sich der Club gut um alle Sportler, hilft beispielsweise in der Berufsförderung.“

Für seine Spielerinnen ist George so etwas wie der ausgleichende Pol. „Maus ist ein wahnsinnig menschlicher Trainer, sehr starker Motivator, besitzt eine unglaubliche Lebenserfahrung. Selbst wenn es im Training kracht, moderiert er das sehr gut“, sagt Mittelfeldspielerin Nele Aring (22.). George führt mit langer Leine, nordet so selbst schwierige Charaktere ein. Neben allem Ehrgeiz ist Spaß einer seiner wichtigsten Grundsätze.

Hockeyspielerinnen haben oft viel Druck durch die Kombination aus Beruf/ Studium auf der einen und Leistungssport auf höchstem Niveau auf der anderen Seite. Da will der Liebhaber des Offensiv-Hockeys nicht zusätzlich den harten Hund geben. Bezeichnenderweise rät er Spielerinnen daher manchmal, bei der Nationalmannschaft abzusagen, wenn es ihnen einfach zu viel wird. George: „Dann müssen sie sich eben trauen und mit dem Bundestrainer reden.“

 

Durch Zufall in der National-Mannschaft

 

Seine eigene Erfahrung mit der Nationalmannschaft passt zu seinem bunten Leben. Als 30-Jähriger wurde George 1999 kurz vor seinem Karriereende im Club an der Alster vom Deutschen Hockey- Bund (DHB) zum ersten Mal in die Nationalmannschaft berufen. Aus Versehen! Die Einladung für die zehntägige Länderspiel reise in Malaysia galt eigentlich dem Mannschaftskameraden Philipp Georgi, der DHB hatte die Namen der beiden Spieler auf dem Anschreiben verwechselt.

„Ich hatte echt viel Spaß. Bundestrainer Paul Lissek hat das Ganze von der humorvollen Seite genommen und mich trotzdem mitspielen lassen. Sportlich war es übrigens in Ordnung, dass die fünf Partien zugleich meine Abschiedsspiele waren“, so George augenzwinkernd.

Die ungewisse Zukunft umarmt er so innig wie damals seine kurze Nationalmannschaftskarriere: „Ich habe eine Hütte in Indonesien, meine Freundin lebt in Kolumbien. Ich liebe meine Reisen und meinen Job als Damentrainer im Club an der Alster. Ich will einfach nur weiter jeden Moment genießen. Keine Ahnung, was passieren wird. Ich bin für alles offen.“

Der Club an der Alster: Hallerstraße 91 (Harvestehude)


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2019. Das Magazin ist seit dem 27. April 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Top 10 – Auf diese Festivals freuen wir uns im Mai

Konzerte, Festivals und Open Airs: Die Festivalsaison ist eröffnet und in Hamburg und Umgebung wird getanzt, was das Zeug hält – hier kommt unsere Top 10.

Text: Luisa Uhlig
Foto: Jens Schlenker

1) Hafengeburtstag – 10. bis 12. Mai

Der Hamburger Hafen feiert seinen 830. Geburtstag und auch in diesem Jahr sind alle Hamburger eingeladen mitzufeiern. Wie immer kommen jede Menge Schiffsgiganten zu Besuch, die mit Lichtshow und Feuerwerk begrüßt werden. Auch an Bühnen, Musik und Foodtrucks wird nicht gespart, um die Besucher in Feierlaune zu versetzen.

Hafengeburtstag: Hamburger Hafen

 

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2) Summer Opening – 11. Mai

Der Sommer wird eingeläutet. Das übernimmt auch in diesem Jahr das Summer Opening im Entenwerder Elbpark. Getanzt wird unter freiem Himmel zu Psytrance und Psychedelic Techno auf zwei Floors – perfekt um mit einem Knall aus dem Winterschlaf zu grooven. Eine Cocktailbar und Foodtrucks liefern die nötige Energie.

Summer Opening: Entenwerder Elbpark (Rothenburgsort)


3) Komm Tanzen – 11. bis 12. Mai

Für alle, die einen Kurzurlaub mitten in Hamburg gebrauchen können, lässt das Komm Tanzen- Festival keine Wünsche offen. Im Beachclub relaxen, kühle Drinks genießen und elektronischen Beats lauschen. Das sollte man sich nicht entgehen lassen.

Komm Tanzen: StrandPauli, Hafenstraße 89 (St. Pauli)


4) Afrikanischer Frühling – 11. bis 12. Mai

Wer Lust auf kulturelle Vielfalt hat, sollte den Afrikanischen Frühling nicht verpassen. Auf dem Festival dreht sich alles um die Kulturen in, genau, Afrika. Mit Live-Musik, Tanzperformances, Ausstellungen sowie eine bunte Palette an Workshops für Klein und Groß. Dazu jede Menge afrikanische Spezialitäten.

Afrikanischer Frühling: Marktplatz beim Museum der Arbeit (Barmbek Nord)


5) Stadtpark Open Air – 19. Mai bis 17. September

Jeden Sommer wird der Stadtpark aufs Neue der „Place to be“ für gute Konzerte unter freiem Himmel. Dieses Jahr eröffnet Element of Crime die Veranstaltungsreihe, auch Take That, Weezer und First Aid Kit lassen sich die Gelegenheit nicht entgehen, die große Wiese zu bespielen. Zudem ist eine neue Food-Lane am Start.

Stadtpark Open Air: Stadtpark, Saarlandstraße 69 (Winterhude)

Stadtpark-Live-c-Lukas-Lau.jpg

Foto: Lukas Lau


6) Yoga.Wasser.Klang Festival – 24. bis 26. Mai

In einer Großstadt voller Trubel und Lärm kann es Balsam für die Seele sein, zu entschleunigen. Hier dreht sich alles um Yoga und relaxte Sounds. Erfahrene Yogis, aber auch Anfänger widmen sich den verschiedensten Yogaarten – zum gemeinsamen Üben, Dehnen und Meditieren im Grünen.

Yoga.Wasser.Klang Festival: Planten un Blomen, Glacischaussee 13 (St. Pauli)

 

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7) Heimatfestival – 25. Mai

Am gleichen Ort wie das große Hurricane, aber doch ganz anders: Das Heimatfestival setzt auf eine familiäre Atmosphäre und lokale Künstler. Sogar die kulinarische Versorgung ist regional ausgerichtet. Soundtechnisch wird ein buntes Programm aufgetischt, das von Rock ’n’ Roll über Indie-Pop bis hin zu Metal reicht.

Heimatfestival: Hurricane-Gelände, Industriegebiet Scheeßel (Niedersachsen)


8) Futur 2 Festival – 25. Mai

Dieses Festival wird im Sinne einer Zukunft ausgerichtet, in der Kultur und Nachhaltigkeit Hand in Hand gehen. Bühnen, die mit Sonnenenergie und Muskelkraft angetrieben werden sowie ein geringer Müllverbrauch zeigen, dass Klimaschutz und Feiern keine Gegensätze sind. Auch die kulinarische Versorgung und Sanitäranlagen sind ressourcenschonend konzipiert.

Futur 2 Festival: Entenwerder 1 (Rothenburgsort)

 

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9) Elbjazz Festival – 31. Mai bis 1. Juni

Hamburgs größtes Jazzfestival mit über 50 Konzerten mischt den Hafen auf. An verschiedenen Veranstaltungsorten treten renommierte Jazzmusiker auf, auch die Elbphilharmonie wird für sechs Konzerte eingespannt. Neben dem vielfältigen Programm finden unter anderem auch ein Jazz-Gottesdienst, Workshops für Gesang und Saxofon sowie ein virtuelles Konzert statt.

Elbjazz: Verschiedene Spielorte am Hafen


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Food Innovation Camp – So schmeckt die Zukunft

Fleisch ohne Tier und Verpackungen ohne Müll? Nach dem Motto „Geht nicht gibt’s nicht“ zeigen Start-ups beim Hamburger Food Event ihre Ideen und Produkte rund um innovativen, nachhaltigen Genuss.

Text: Laura Lück
Foto: Stefan Groenveld

Algen Jerky, Bohnennudeln und ökologische Grillkohle: Am 20. Mai präsentiert das Food Innovation Camp Produktneuheiten und kreative junge Unternehmen aus dem deutschen Kulinarik-Kosmos. Zum dritten Mal veranstaltet Hamburg Startups das Event in Kooperation mit Startup-Spot in der Handelskammer Hamburg. Neben Panels mit den Schwerpunkten „Zukunft der Logistik“ und „Zukunft der Gastronomie“ und Workshops mit Tipps und Tricks für Gründer, wird auch wieder der Food Award in den Kategorien „Newcomer“ und „Bestes Produkt“ verliehen. Zur Jury gehört unter anderem Fernseh- und Sternekoch Christian Rach.

Besucher dürfen probieren und sich mit aktuellen Trends vertraut machen. In den letzten Jahren hat sich zum Beispiel Insekten-Mehl als Proteinlieferant auf dem Markt etabliert. Nachdem das Unternehmen „Swarm“ 2018 den Food Award für das beste Produkt, einen Insekten-Riegel, mit nach Hause nahm, setzt „Snack Insects“ 2019 noch einen drauf. Der Grille geht es nicht mehr mit dem Mörser an den Kragen. Das Tier bleibt ganz und wird zum Beispiel mit Schokolade überzogen oder gefriergetrocknet für die heimische Küche vertrieben.

 

80 Food-Innovatoren – und jede Menge Messe-Highlights

 

Konzepte wie dieses bekommen bei den 5-Minuten-Pitches eine Bühne. In den Kategorien „Beverages“, „Fitness & Nahrungsergänzung“, „Fresh-Food“, „Trockenprodukte & Snacks“ und „Digital“ netzwerken Startups und Fachpublikum um die Wette. Über 80 Aussteller nehmen teil. Damit die Food-Innovatoren mit den passenden potenziellen Partnern ins Gespräch kommen, gibt es außerdem Speeddatings mit Medienvertretern, Investoren und Kooperationspartnern aus Handel und Gastronomie. Einer der Hauptpartner der Veranstaltung ist auch in diesem Jahr wieder Rewe, dessen Einkäufer sich im Camp auf die Suche nach interessanten Produkten fürs Supermarktregal machen.

Messe-Highlight für Vegetarier und Veganer, die gummiartige Tofu-Burger-Pattys satthaben, ist ein rein pflanzliches Ersatzprodukt der Firma Beyond Meat. Bei Blindverkostungen soll es nicht von Fleisch zu unterscheiden sein. Die Täuschung aus Erbseneiweis, Bambuszellulose und Kartoffelstärke fliege nicht mal auf, wenn das Auge mit isst – die Pflanzenfrikadelle soll dank Rote-Bete-Saft sogar genauso bluten wie echtes Beef.

 

 

Neu ist in diesem Jahr die Non-Food-Area. Von Frischhaltetüchern aus Bienenwachs über essbare Eislöffel der Firma Spoontainable bis zum kompostierbaren Verpackungsmaterial gibt’s auch hier jede Menge kreativen Input.

Food Innovation Camp: 20. Mai, Handelskammer Hamburg (Adolphsplatz 1)


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Art & Brothers: Techno’s Coming Home

Das DJ-Künstlerkollektiv Art & Brothers feiert den ersten Stadion-Rave der Stadt – am Millerntor des FC St. Pauli!

Text: Mirko Schneider
Foto: Art & Brothers

Was haben der Hinterhof des Thomas Read, der Flughafen, die U-Bahn und das Millerntor-Stadion gemeinsam? Es sind perfekte Orte für den Rave! Der international weit gereiste und erfolgreiche DJ Iman Hanzo, besser bekannt als „Me and My Monkey“, wirkt elektrisiert wie nach einem Feuerwerk guter Beats. Sein Ende 2016 gegründetes Hamburger Künstlerkollektiv „Art & Brothers“ steht der nächste Coup bevor: eine Rave-Sause in den heiligen Hallen des Hamburger Fußballclubs FC St. Pauli. Bespielt wird der Ballsaal, geöffnet auch die überdachte Terrasse samt Sitzmöglichkeiten und Blick auf den Rasen. „Der Stadion-Rave am Millerntor, das wird unser bisher größtes Ding“, sagt Hanzo.

„Dynamische elektronische Tanzmusik voller Energie plus echtes Stadionfeeling.“

Das Line-up mit Artenvielfalt, Me and My Monkey, Kiianu, Dirty Dominguez, Aartmn und dem japanischen Headliner Taichi Kawahira zum Auftakt verspricht Großes, die Herren der guten Setlists nicht minder: „Wir sind wie eine kleine Krake. Das Letzte, was man uns nach­sagen kann, ist Langeweile“, kündigt Ben Sachau vom Duo Artenvielfalt an. „Ich bin nicht umsonst gegen Ende dran, denn ich haue ­allen gerne noch mal so richtig harten Techno um die Ohren“, verspricht Dirty Dominguez. Und Hanzo fragt: „Dynamische elektronische Tanzmusik voller Energie plus echtes Stadionfeeling – was wollen die Leute mehr?“

Eine Frage, die sich Art & Brothers vermutlich häufiger stellen. „Als ich Ende 2016 nach Hamburg zurückkam, fand ich die Clubszene hier total langweilig“, erinnert sich Hanzo. Er als liebevoller Plattensammler macht das im Nachhinein weniger an Hamburg fest, als an einem ­unheilvollen Auswuchs der digitalen Entwicklung. Viele Clubs hätten eher DJs gesucht, die das Drücken des Sync-Buttons beherrschen, nur um Geld zu sparen. Hanzos erste Reaktion darauf hätte ebenfalls eine gute Story abgegeben. „Ich wollte eine Gewerkschaft für DJs gründen, damit die Preise nicht weiter fallen“, erinnert er sich mit einem Lächeln.

„Viel mehr als kommerziellen Shit, aber nicht nur tiefsten Underground.“

Doch da war noch ein anderer Impuls in ihm. Und der hieß, vereinfacht gesagt: ungewöhnliche Orte mit Rave wachküssen – und die Raver gleich mit. „Ich wollte den Leuten etwas Neues geben. Viel mehr als kommerziellen Shit, aber nicht nur tiefsten Underground. Ich wollte ein DJ-Künstlerkollektiv an der Schnittstelle zwischen Underground und Kommerz, dass an ungewöhnlichen Locations Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zusammenbringt.“ Hanzo hörte sich in der Szene nach Teamplayern um – und fand begeisterte Mitstreiter, um die Menschen hemmungslos tanzen zu lassen.

So wurde der Hinterhof des Thomas Read liebevoll zum „Sommergarten“ umdeklariert und mit „Der letzte Tanz“ ein Sommer-Open-Air ins Leben gerufen. Der 45-minütige U-Bahn-Rave in einer historischen U-Bahn samt Aftershowparty im Club Bahnhof Pauli mauserte sich zur etablierten Partyreihe. Und im letzten Jahr startete der erste Flughafen-Rave mit 199 Gästen. Insgesamt zwei Jahre dauerten die Vorbereitungen samt dem Einholen sämtlicher Genehmigungen.

„Wir hoffen, dass der Rave der Startschuss für eine neue Veranstaltungsreihe in unserem Stadion wird.“

Die Idee, am Millerntor zu raven, entstand kurze Zeit später. An einem Ort, an dem der frühere Fast-Fußballprofi Hanzo mit elf Jahren zum ersten Mal ein Fußballspiel live sah. Er selbst spielte damals bei den Amateuren des 1. FC Kaiserslautern und musste seine Karriere mit 19 Jahren wegen Knieproblemen beenden. Zurück am Millerntor zeigte sich der ­FC St. Pauli offen für das Konzept des Künstlerkollektivs. „Art & Brothers ist ein hochprofessioneller Veranstalter, der bereits in ganz Hamburg tolle Partys organisiert und durchgeführt hat“, sagt Benjamin Bendel, Event- und Cateringleiter beim FC St. Pauli, „Hier treffen jetzt eine der besten Locations der Stadt mit den besten Techno-DJs zusammen, um gemeinsam was Tolles auf die Beine zu stellen.“ In Aussicht stellt er sogar, der Stadion-Rave müsse, ähnlich wie „Der letzte Tanz“ und die U-Bahn-Raves, keine einmalige Sache bleiben. „Der FC St. Pauli ist bekannt für seine Weltoffenheit – so auch im Bereich der Kunst und der Musik. Wir hatten zwar noch keine Techno-Veranstaltung in dieser Form am Millerntor. Aber wir hoffen, dass der Rave von den Techno-Fans angenommen und somit der Startschuss für eine neue Veranstaltungsreihe in unserem Stadion wird.“

 

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Zu Spekulationen lädt die Facebook-Ankündigung ein, die Raver erwarte ein „spezielles Licht- und Soundkonzept“. Hanzo: „Es wird keine Las-Vegas-Show und kein Mainstage-Tomorrow-Land-Feeling. Wir haben uns unter anderem mit Lichtexperten getroffen. Ich garantiere, es wird was Cooles da sein.“

Nicht einfach nur cool, sondern in den heutigen Zeiten notwendiger denn je ist die politische Ausrichtung des Sta­dion-Raves, die den linksalternativen FC St. Pauli umso mehr überzeugt haben dürfte. „Wir möchten darauf hinweisen, dass jeder bei uns willkommen ist, unabhängig von ethnischer, religiöser oder sexueller Zugehörigkeit, denn kein Mensch ist illegal!“, heißt es auf der Facebook-Seite von Art & Brothers. Ein starkes Statement vor der starken Party.

Ballsaal Millerntor-Stadion, 21.4.19, 21 Uhr


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