1 Frage, 1 Antwort – mit Michael Wanker

Michael Wanker ist Schauspieler, Regisseur und Coach. Auf der Theaterbühne spielt er weltweit das Solo „I will survive“ von Raoul Biltgen, das vor allem junge Menschen für das Thema AIDS sensibilisiert. Neben der Bühne coacht er Manager im Bereich Präsenz und Persönlichkeitsentwicklung. Er lebt in St. Georg und findet das richtig gut.

SZENE HAMBURG: Was ist deine Vision von einem gerechten Hamburg?

Denke ich über Gerechtigkeit und Hamburg nach, kommt mir der Umgang mit Wohnraum als Erstes in den Sinn. Denke ich über Wohnraum nach, kommt mir dessen Bezahlbarkeit in den Sinn. Denke ich über bezahlbaren Wohnraum in Hamburg nach, kommt mir Gentrifizierung und die bewusste soziale Selbstabgrenzung einzelner Stadtteile in den Sinn. Denke ich an dieses Selbstverständnis und die damit einhergehende Wagenburgmentalität, bin ich wieder bei der Gerechtigkeit angelangt. Und da beißt sich seit Jahren die Katze in den Schwanz.

Deshalb wird genau hier eine Vision dringend gebraucht. Wie wäre es mit der hier: Hamburg 2030. Der autonom fahrende SUV-Elektro-Shuttle holt den finanziell besser gestellten Spross von der Grundschule ab und nimmt die Kinder minderbegüterter Eltern mit. Natürlich alles per App vorher organisiert. Nun geht es durch die motorenfreie, grüne und (fast) emissionsfreie Innenstadt. Ja, Innenstadt. Denn die jungen Insassen wohnen allesamt in der Stadt. Trotz minderbegüterter Eltern. Übrigens auch die Studenten. Und die Alten. Wie ist dies nur möglich geworden? Durch eine radikale Reform des sozialen Wohnungsbaus gepaart mit allem Guten, was die Digitalisierung mit sich gebracht hat. Sensationell!

www.michaelwanker.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2018. Das Magazin ist seit dem 28. Juli 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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WohnSZENE – So gelingt ein Abendessen mit guten Freunden!

| ANZEIGE | Unsere WohnSZENE-Bloggerin Sarah ist eigentlich nicht für ihre Kochkünste bekannt. Neulich kam sie aber nicht darum herum, für ihre gute Freundin Julia und deren Mann Gil ein Abendessen zuzubereiten. Ob ihr die Bowl gelungen ist und welche nützlichen Tipps ihr Julia, die heute als Ernährungsberaterin und Start-Up-Gründerin arbeitet, mit auf den Weg gegeben hat, erfahrt ihr auf www.wohnfreude.de.

Es geht doch nichts über die Abende mit einer Freundin, an denen man beim Essen zusammensitzt, über Gott und die Welt philosophiert und einfach nur den Moment genießt. Nur allzu gern malt man sich an genau solchen Abenden aus, wo man sich selbst in ein paar Jahren sieht. Bleibt man in der Stadt, in der man aktuell lebt oder zieht es einen noch ganz woanders hin? Was wird in Liebesdingen passieren?

Blick in die Vergangenheit

Ich erinnere mich noch daran, dass ich mir genau diese Fragen vor ein paar Jahren mit Julia, einer lieben Freundin von mir, gestellt habe. Zu dem Zeitpunkt haben wir in Enschede Textilmanagement studiert, saßen oft zusammen in ihrer einfachen WG-Küche und ernährten uns hauptsächlich von Nudeln mit Pesto. Auch wenn wir beide damals schon gesagt haben, dass wir gern irgendwann nach Hamburg möchten, …

 

Text & Fotos: Sarah Ramroth

 Dieser Text ist ein Auszug aus Sarahs Beitrag Kleine Küche, gesunder Spaß, wertvolle Tipps – so gelingt der Abend mit guten Freunden! Weiter geht’s auf www.wohnfreude.de, das Hamburger Online-Magazin rund ums Bauen, Wohnen, Finanzieren mit freundlicher Unterstützung der Sparda-Bank Hamburg eG.


Sarah Ramroth gibt auf @wohnglueckhamburg seit über einem Jahr praktische Einrichtungstipps und verbindet sie mit ihrer Liebe zu Hamburg. Einmal pro Monat berichtet sie über hamburger Wohnthemen auf www.wohnfreude.de.

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MusicHHwomen – Ladys, gebt den Ton an!

Noch geben Männer den Ton an. Ob auf Festivalbühnen, in den Charts oder in den Führungsetagen – im Musikbusiness gehören Frauen noch immer zur Minderheit. Das muss sich ändern, sagt Musikaktivistin Andrea Rothaug. Ihr Musikerinnen-Netzwerk sorgt bundesweit für Aufsehen.

Es gibt zu viel Penis im Musikbusiness! Andrea Rothaug haut auf den Tisch. Die Chefin von RockCity Hamburg e.V., dem 1987 gegründeten Zentrum für Popularmusik, will das nicht einfach hinnehmen. Mit ihrem im letzten Sommer gegründeten Netzwerk musicHHwomen hat sie eine lokale Frauenbewegung in Gang gesetzt: Hamburgs Musikfrauen haben sich in dieser Interessenvertretung zusammengeschlossen und kämpfen für mehr Teilhabe und Gleichberechtigung. Auch in anderen Bundesländern gibt es bereits Ableger. Ziel: Das Business soll weiblicher werden.

Wie unterrepräsentiert Frauen in der Branche nämlich sind, belegen die Zahlen. Laut Datenanalyse von „Puls“, einem Programm des Bayerischen Rundfunks, in Zusammenarbeit mit der Gema lag der Frauenanteil der erfolgreichsten Radiotitel zwischen 2001 und 2015 bei rund elf Prozent. Eine aktuelle Studie der Musik-Plattform Pitchfork.com beziffert den Anteil weiblicher Acts auf Festivalbühnen auf gerade einmal 19 Prozent. Dass unter den rund 30 Nominierten des Deutschen Musikautorenpreises in diesem Jahr – abgesehen vom Nachwuchs- preis – nur zwei Frauen waren, stieß vielen bitter auf. Dass die Jury ausschließlich aus Männern bestand, machte es nicht besser. Das alles soll jetzt anders werden. Ein Gespräch über Frauen-Idole, Geschlechterkampf und schlechte Quoten.

SZENE HAMBURG: Andrea, welche Frau im Musikbusiness hat dir zuletzt imponiert und womit?

Andrea Rothaug: Cardi B., die nach Lauryn Hill mit „I like it“ die erste Rapperin ist, die in den US Billboards Nr. 1 ist. Ihr Song „Bodak Yellow“ war die meist gehörte Single. Zweimal abgeräumt. Und als Dauerbrenner die schwarze Bürgerrechtlerin Angela Davies, die es durch lebenslängliches herausragendes Engagement für Mensch und Planet in die Songs so vieler Musiker schaffte.

Als reines She-Team im Office und mit 50 Prozent Frauenanteil im Vorstand ist Rock-City die wohl weiblichste Popförderinstitution Deutschlands. Eine unschlagbare Quote. Was können Frauen denn besser?

Die Mitarbeiterinnen bei RC sind ja keine Quotenfrauen. Wir wollten einfach die besten Leute, egal welchen Geschlechts, und die haben wir jetzt. Wenn die Chefin erst mal weiblich ist, wachsen die nächsten Frauen nach – das sollten wir stets bedenken.

Warum braucht es eine Initiative wie musicHHwomen?

Wir wollen Frauen in Musikberufen stärken, das lässt sich nicht nebenbei realisieren. Das braucht Präsenz, Kontinuität, Kollaboration, Gemeinschaft und, ja, Nonprofit. Und das gibt es alles bei den musicHHwomen. Unser gemeinsames Ziel soll es sein, Frauen beim Gründen und Arbeiten in der Musikbranche zu unterstützen. Weibliches Empowerment im Beruf zu stärken, mehr Sichtbarkeit für Frauen zu schaffen und bessere Jobbedingungen zu erwirken.

Am internationalen Pophimmel hängen jede Menge weibliche Stars, nie zuvor gab es dank Internet so viel Zugang zu musikalischen Inhalten und Diskursen. Wo ist also das Problem?

„Die internationale Popmusik ist ein bisschen wie die Alpen“, heißt es in der PULS, „auf den ersten Blick ist alles in Ordnung“. Doch, egal, ob in den Charts, auf Festivals, im Radio, in Vorständen, in der Technik, in Spitzenpositionen, am Dirigentenpult oder auf Preisverleihungen: Der Pop ist männlich, und das obwohl die berühmtesten Stars weltweit Frauen sind und hier meine ich immer alle, die sich als Frauen definieren!

Die meisten Studierenden landen schlecht bezahlt in der kulturellen Bildung oder an Musikschulen, nicht etwa in unserer Branche, schon gar nicht da, wo Geld verdient wird. In den Top 100 Single Charts liegt der Anteil der weiblichen Interpreten bei nur 26 Prozent. An den deutschen Staatstheatern ist das gespielte Repertoire zu 95 Prozent männlich. Unter den 100 erfolgreichsten Radio-Songs des Jahres sind laut GEMA 11 Prozent der Kompositionen weiblich. Im Jahr 2015 wurden von den Top 100 Titeln 43 Songs mit weiblicher Beteiligung geschrieben, aber es gab keinen Song, der von einer Frau allein komponiert wurde.

Hat es die nationale Branche also noch einmal schwerer?

International sieht es nicht besser aus. Schau mal hinter die Kulissen, wer die Songs schreibt, die Tantiemen verdient, die Vorstände besetzt, die Produktionen fährt und die Festivalbühnen bespielt.

Als Sängerin wird man scheinbar schnell wahrgenommen, aber wie sieht es als Songwriterin, Produzentin, Label-Chefin, Tontechnikerin aus? Warum werden Kompetenzen bei Frauen scheinbar heftiger in Frage gestellt?

Die Ursachen sind vielfältig! Frauen werden weltweit benachteiligt, wir sind nur sehr erstaunt, dass die Quoten in der Musik immer noch so schlecht sind. Fakt ist, die Arbeitsbedingungen in der Musikbranche sind speziell. Sie sind geprägt von atypischen Arbeitsbedingungen, von hoher Konkurrenz, Nachtarbeit, vielen Überstunden und 150 Prozent Engagement. Sie sind meist nicht kontinuierlich, sondern projektgebunden, manche prekär, denn in der Musikbranche steckt nur mancherorts gutes Geld.

Doch dieser Umstand erklärt nicht, warum es so viele hochstudierte Frauen gibt, die dann doch nicht in Spitzenpositionen landen oder selbst ihren eigenen Club oder ihre eigene Firma gründen. Viele Frauen trauen sich nicht in die Männerdomäne Musikbranche. Das Zeitmanagement zwischen Beruf, Versorgung, Gesundheit, Kinder ist schwierig. Die Arbeitszeiten sind zu wenig flexibel, es gibt zu wenig gemischte Teams und zu viel Penis im Business.

Hast du auch schon mal die Erfahrung gemacht, nicht ernst genommen zu werden?

Täglich. Das ist ganz normal in den Führungsetagen des Musikbusiness. Übrigens egal, ob Indie oder Major. Aber es gibt immer mehr Männer, die sich fair und auf Augenhöhe bewegen.

Bei der letzten Reeperbahnfestival-Konferenz wurde intensiv über die fehlenden Frauen in der Branche debattiert. Bringen solche Diskussionen was? Schaffen sie Raum für Veränderungen oder ist es doch eher wieder so ein „Man müsste mal …“?

Es gibt mittlerweile einige herausragende Best Practise Beispiele, zum Beispiel die Music Industry Women vom VUT in Berlin, auch die Keychange ist ein ausgezeichnetes Programm zwecks Support von Frauen, ebenso das altgediente Female:Pressure Netzwerk, das We Make Waves Festival in Berlin oder unsere nagelneuen Schwestern in den Bundesländern: die musicBYwomen, die musicBWwomen und Ende August dann die neuen musicNRWwomen, um nur einige Beispiele zu nennen.

Was hältst du von einer freiwilligen Frauenquote für Festivals?

Diese Quote gibt es ja bereits über die Keychange der PRS Foundation. Ich halte von einer solchen Quote tatsächlich in diesem Falle viel. Ich gehe aber davon aus, dass vermehrt Speakerinnen im Konferenzteil abgebildet werden, während die Livebühnen weiterhin männlich dominiert bleiben. Tatsächlich wird zurzeit davon ausgegangen, dass es eben weniger gute Musikerinnen gibt. Was für ein Irrtum!

RockCity Hamburg gehört in diesem Jahr zu den Firmen und Organisationen, die vom Nonprofit-Festival Roskilde eine Spende von rund 6.700 Euro erhalten. Ein Zeichen, dass das Thema Gender Equality in der Branche ankommt?

Zumindest werden einige Festivals weiblicher, wie das Roskilde Festival oder das Reeperbahnfestival, die die Gender Gap Bewegung der PRS Foundation aktiv supporten. Das Roskilde Festival hat meines Wissens nach keine Quotierung, aber RockCities Projekt musicHHwomen mit 50.000 DK gefördert. Mega!

Du konntest Staatsrätin Jana Schiedek voraussichtlich als zukünftige Schirmherrin von musicHHwomen gewinnen. Das ist ordentlich Rückendeckung, oder?

Jana Schiedek ist eine ganz besondere Frau: Sie ist tough, präsent, mutig, Mutter, Ehefrau, Musikfreundin, ganz oben angekommen und Mensch geblieben. Gerade deshalb passt sie so gut zu uns. Sie hat uns von Anbeginn unterstützt und es ist uns eine Ehre, sie an Bord zu wissen.

Das Netzwerk habt ihr im Sommer 2017 gegründet. Welche Erfahrungen habt ihr damit im ersten Jahr gemacht?

Wir freuen uns über 250 Frauen in der Datenbank, wir haben Fakten gesammelt, den The Club Of Heroines gegründet, sieben Frühschoppen veranstaltet, Wissen vermittelt, gecoacht, beraten und auf unzähligen Panels in ganz Europa gesessen, um das Thema Female Music Business zu transportieren und zu diskutieren. Wir werden 16 Female Netzwerke haben und eine große bundesweite Datenbank aller Musikfrauen. Also: Tragt euch ein, Ladys.

Und was kommt jetzt?

„First we take Manhattan, then we take Berlin …”, um es mit Leonard Cohen zu sagen. Wir werden diesen Herbst vier musicwomen.de-Netzwerke sein und hoffen, dass sich die Musikfrauen aus allen Bundesländern diesem Buzz anschließen. Wir hoffen, dass sich die Frauennetzwerke Schulter an Schulter bewegen und wir wirklich am Jahresende konkrete messbare Ergebnisse haben, die 2019 endlich zum fehlenden Datenmaterial führen. Evaluation, Präsenz, Know-how und Empowerment sind hierbei unsere Kernthemen.

Wann ist das Ziel erreicht?

Wenn wir nicht mehr über Gender, Gender Gap, Equal Pay Gap und Co. reden müssen.

Text und Interview: Ilona Lütje
Foto: Kerstin Behrendt


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2018. Das Magazin ist seit dem 28. Juli 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


 

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Knut Hansen Gin – Martins und Kaspars Schnapsidee

Hier steckt richtig Herzblut drin: Die beiden Hamburger Jungs Martin und Kaspar produzieren Gin, der nicht norddeutscher sein könnte.

SZENE HAMBURG: Gin pur, mit Tonic oder als Martini?

Martin: Ich trinke ihn tatsächlich am liebsten im Gin Tonic. Damit bin ich aufgewachsen.

Kaspar: Du bist doch mit Cola Korn aufgewachsen (lacht).

Martin: Nee, wenn schon mit Herrengedeck. Aber zurück zum Thema, wir trinken Gin eigentlich beide am liebsten mit einem frischen Tonic, einer Orangenscheibe und richtig, richtig kalt. Nicht zu viel Schnickschnack.

Kaspar: Es kommt immer darauf an, in welchem Moment man Gin trinkt. Meistens doch in einer geselligen Runde, da möchte man anstoßen und genießen. Ein Gin pur wäre da einfach zu schnell leer.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, einen eigenen Gin zu produzieren?

Kaspar: Wir kennen uns beide noch aus Frankfurter Zeiten, sind aber eigentlich echte Nordlichter. Zurück in Hamburg haben wir dann in einer Nacht auf dem Kiez die Idee ausgebrütet, unseren eigenen Gin herzustellen.

Martin: Man kommt ja in so einer Nacht auf viele fixe Ideen. Das war aber die erste, die wir am nächsten Morgen nicht verworfen haben. Ich würde mal behaupten, wir kannten uns damals schon beide gut aus mit Gin, aber was dann alles hinter dem Produktionsprozess steckt, das war uns noch gar nicht bewusst.

Wie seid ihr so ein Riesenprojekt angegangen?

Kaspar: Erst mal mussten wir eine Destille finden. Die, die für uns in Frage kamen, können wir wahrscheinlich an zwei Händen abzählen.

Martin: Irgendwann sind wir dann auf Axel und Werner in Dollerup bei Flensburg gestoßen. Als wir uns mit den beiden getroffen haben, wurde ganz schnell klar, dass zwischen uns einfach die Chemie stimmte.

“Bei den ersten Proben hatten wir das Gefühl, wir würden in eine Gurke oder einen Strauch Basilikum beißen.”

Und die Rezeptur stimmte auch?

Martin: Axel ist die Supernase im Team, er hat uns mit der Zusammenstellung der Zutaten geholfen. Die Rezeptur haben wir mit einer kleinen Tischdestille erarbeitet, bevor es in die richtige Produktion ging. Es hat uns einige Versuche gebraucht, bis wir die richtige Balance der Botanicals gefunden haben. Bei den ersten Proben hatten wir das Gefühl, wir würden in eine Gurke oder einen Strauch Basilikum beißen. Diese Ausschläge haben wir dann immer mehr reduziert, bis wir unsere finale Rezeptur gefunden haben. Unsere Freunde haben sich auf jeden Fall sehr über die vielen „Testabende“ gefreut (lacht).

Wie lange hat es gedauert, bis ihr eure erste Flasche in der Hand gehalten habt?

Kaspar: Das erste Mal abgefüllt haben wir im August letzten Jahres. Wir hatten damals einem Event zugesagt und wollten unbedingt dort unseren Gin ausschenken. Wir haben die ganze Woche destilliert, schnell abgefüllt, die Kartons ins Auto gepackt und sind sofort losgefahren.

Martin: Davor haben wir noch eine Ladung in dem eigenen Shop der Destille abgegeben. Wir saßen keine 20 Minuten im Auto, als wir den Anruf bekommen haben, dass die erste Flasche verkauft wurde.

Kaspar: Wie wir uns gefreut haben!

Martin: Der Anfang war echt unfassbar. Wir konnten ja mit unserem kleinen Budget schlecht eine aufwendige Marktforschung durchführen, wir wussten nur: Unseren Freunden und unserer Familie schmeckt der Gin. Klar, hinter dem ganzen Projekt steckt auch kein kleiner Taler. Dass es so gut angelaufen ist, ist nach wie vor ein schönes Gefühl.

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Äpfel aus dem Alten Land wandern in den Gin von Knut Hansen.

Läuft euch euer Gin inzwischen an Orten über den Weg, an dem ihr ihn nicht erwartet hättet?

Kaspar: Manchmal gehen wir in einen Laden, und stehen plötzlich einer Flasche Knut Hansen gegenüber. Da fragen wir uns jedes Mal, welchen Weg diese Flasche wohl von unserer Destille bis dorthin gegangen ist.

Martin: Es hat sich eine Eigendynamik entwickelt, die wir gar nicht mehr nachvollziehen können. Neulich hat sich doch tatsächlich jemand in der TV-Sendung „Das Perfekte Dinner“ zu einem Gin beraten lassen, und der Verkäufer hat Knut Hansen empfohlen.

Wenn ihr in eine Bar geht, die Knut Hansen hat, bestellt ihr ihn?

Kaspar: Na klar!

Martin: Und in den Bars, die ihn nicht haben, fragen wir natürlich explizit, warum nicht (lacht).

Kaspar: Unser Ziel ist es, dass irgendwann in einer Bar, in der wir niemanden kennen, jemand neben uns einen Knuti Tonic bestellt.

Martin: Würden wir sofort ausgeben (lacht).

Gin ist nicht gerade eine Marktlücke. Ist so viel Konkurrenz nicht problematisch?

Martin: Wir sind sicher nicht der erste Gin, der auf den Markt kommt, das stimmt. Deswegen sind wir an das Ganze auch mit einer gesunden Portion Realismus rangegangen. Als wir die ersten paar Flaschen verkauft hatten, war das eine große Genugtuung. Dass die Leute bereit sind Geld für unseren Gin, also für unser eigenes Produkt, zu bezahlen, ist immer noch unglaublich für uns.

“Gin ist angekommen, nicht nur in der Gastro-Szene, sondern auch in der breiten Bevölkerung.”

War der Gin-Trend, den es aktuell gibt, auch ein mitentscheidender Faktor für euch?

Martin: Trend ist, glaube ich, gar nicht mehr das richtige Wort dafür. Aus der Trend- oder Hype-Bewegung ist der Gin mittlerweile raus. Gin ist angekommen, nicht nur in der Gastro-Szene, sondern auch in der breiten Bevölkerung. Natürlich profitieren wir davon auch. Wir hätten aber nie nur Gin produziert, weil es einen Markt dafür gibt. Wir trinken Gin selber sehr gerne.

Kaspar: Ich denke, das bedingt sich gegenseitig. Henne oder Ei, was war zuerst da? Klar, es gibt den Trend Gin, aber es gibt auch unglaublich viele Produkte. Das pusht sich gegenseitig hoch.

Muss der Gin auffallen, um sich gegen die Vielzahl der Produkte durchzusetzen?

Martin: Natürlich hat vieles mit der Verpackung zu tun, die muss im Gin-Regal schon auffallen

Kaspar: Aber das schafft dir auch nur den Erstkauf.

Martin: Ich finde, bei uns stimmt das Paket. Wenn wir eins authentisch rüberbringen können, dann unsere norddeutsche Art.

Kaspar: Ja, das stimmt. Natürlich hätten wir unser Produkt um eine abgefahrene exotische Beere bauen können, aber wir wollen das eben regional und bodenständig halten. Mit Äpfeln, Basilikum und Gurke kann jeder was anfangen.

Martin: Jeder Gin hat seine Story. Und unsere passt einfach zu uns.

Wie passt dazu das Gesicht auf eurer Flasche?

Kaspar: Wir wollten, dass sofort erkennbar ist, dass Knut Hansen ein Hamburger Gin ist. Ohne es explizit auf die Flasche zu schreiben. So kamen wir schließlich auf die Idee des Seemanns. Ein Freund von uns hat das Gesicht dann gezeichnet.

Martin: Wir spielen natürlich extrem mit dem Thema Regionalität. Unsere Gurken und den Basilikum bauen wir selber an, die Äpfel stammen aus dem Alten Land. Das sollte sich auch im Design widerspiegeln. Auch unsere beiden norddeutschen Heimatorte sind auf der Flasche verewigt.

Wer war dieser mysteriöser Knut Hansen?

Kaspar: Ich weiß gar nicht mehr, wie wir auf den Namen gestoßen sind. Knut Hansen war ein Hamburger Seefahrer. Es ist allerdings schwer etwas über ihn herauszufinden. Wir sind das ganze Seefahrtsmuseum abgelaufen, und haben nichts über ihn gefunden.

Martin: Aber er hat Gin geliebt. Da sind wir uns sicher.

Interview & Fotos: Sophia Herzog

www.knuthansen.de


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Off Road Kids – Die Straßenromantik ist vorbei

Sozialarbeit auf Hamburgs Straßen: Benthe Müller, Leiterin der Off Road Kids, begleitet die “Disconnected Youth” – junge und haltlose Menschen – in ein neues Leben.

You got to get up and try, ist auf Benthe Müllers rechten Unterarm tätowiert – eine Philosophie, die sie auch ihren Klienten weitergibt. Seit 2005 leitet sie in St. Georg den Hamburger Stand­ort der Off Road Kids. Die Stiftung setzt sich deutschlandweit für Jugendliche und junge Erwachsene ohne familiären Halt ein und finanziert sich ausschließlich aus Spenden. Rund 2.500 Kinder (von 12 bis 18 Jahren) geraten pro Jahr bundesweit zumindest zeitweise auf die Straße, wie eine Statistik der Off Road Kids belegt. Und 30.000 Volljährige bis Ende zwanzig zählen zur „Disconnected Youth“, den haltlosen jungen Menschen. Diese will die Stiftung mit ihrem Angebot erreichen.

Nicht der leichteste Job

Der leichteste Job ist das nicht: „Die Straßensozialarbeit ist eine Arbeit, die man nicht so einfach abstreift“, erzählt Benthe Müller, „auch nach Feierabend berührt mich vieles, was die Klienten mir erzählen.“ Die Diplom-Sozialpädagogin arbeitete zunächst in der Jugendberufsbildung, dann in der Erwachsenen-Suchthilfe. Der Wunsch, jungen Menschen zu helfen, hat sich durchgesetzt: „Das Gefühl, mit unseren Klienten eine unmittelbare Perspektive erarbeiten zu können, treibt mich an.“

Gegründet wurden die Off Road Kids 1993 im Schwarzwald, waren ein paar Jahre später in Berlin aktiv und führen seit 2005 auch Standorte in anderen deutschen Städten. Seitdem leitet Benthe den Hamburger Zweig. Auch wenn ein großer Teil ihrer Arbeit inzwischen im Büro, auf dem Amt oder in Arztpraxen stattfindet, versuchen sie und ihre Kollegen so oft wie möglich, den persönlichen Kontakt zu den Jugendlichen zu suchen. An vier Tagen der Woche gehen sie für ein paar Stunden raus auf die Straße, zu den beliebten Treffpunkten der Szene. Viele würden sie inzwischen kennen und an Freunde weiterempfehlen, erzählt Benthe. „Das macht den Erstkontakt natürlich einfacher.“

Über ernste Themen würde sie auf der Straße nicht reden, aber man könne ganz einfach nach einer Verabredung zum Kaffee fragen. Oder eines der Täschchen des Projekts „Streetwork+“ verteilen, in dem die Jugendlichen Info-Materialien, Hygiene- und Verhütungsartikel finden.

Die Treffpunkte der Szene sind immer schwieriger zu finden

Inzwischen wissen Benthe und ihre Kollegen, wo die Szene-Treffpunkte sind: Der Hauptbahnhof, Altona, aber auch ­die Schanze und der Kiez sind beliebte Auf­enthaltsorte. Oft dort, wo die Ausreißer in der Großstadt ankommen. „Wobei wir manchmal ein bisschen hinterherrennen“, seufzt Benthe. Früher hätte sich die Szene zu festen Uhrzeiten an öffentlichen Orten versammelt. „Wenn ich freitags um 16 Uhr bei McDonald’s im Hauptbahnhof war, habe ich dort alle getroffen, mit denen ich sprechen wollte.“

Heute ist das anders. An Plätzen wie der Schanze oder den Landungsbrücken sind Punks und Obdach­lose nicht gerne gesehen – zu unattraktiv für die Touristen in der Hansestadt. Das Resultat ist eine langsame Vertreibung durch Politik und Bezirke. Aber nur, weil das Problem nicht mehr sichtbar ist, ist es noch lange nicht verschwunden. Je weniger die Kinder und Jugendliche an öffentlichen Orten existieren können, desto schutzloser werden sie. Für die Streetworker von den Off Road Kids und anderen sozialen Einrichtungen ist es deswegen zunehmend schwieriger, sie im realen Leben zu finden.

Viel läuft inzwischen über Chatrooms und So­ziale Medien. Auch die Off Road Kids mussten sich dem Trend anpassen, und betreiben inzwischen eine anonyme Onlineberatung. Diese notwendige Sozialarbeit würden in Hamburg auch noch viele andere tolle Einrichtungen machen, findet Benthe. „Aber in den Ebenen darüber, in der Politik und Wirtschaft, spüre ich häufig ein Unverständnis und eine Abneigung gegenüber gesellschaftlichen Randgruppen.“ Von der Stadt Hamburg würde sie sich mehr Unterstützung wünschen, beispielsweise im sozialen Wohnungsbau.

Was bewegt junge Menschen ihr Zuhause zu verlassen?

Aber was bewegt junge Menschen dazu, ihr Zuhause zu verlassen und auf der Straße zu leben? „Es gibt keinen Grund, den es nicht gibt“, so Benthe. Von Scheidungen, dem neuen Partner eines Elternteils bis hin zu Missbrauch oder Gewalt – all das kann dazu führen, dass sich Jugendliche in die Obdachlosigkeit begeben. „Solche Brüche passieren oft in einer Zeit, in der sehr viel mit einem jungen Menschen passiert“, erklärt die Pädagogin.

Pubertät, Zukunftszweifel oder Leistungsdruck in der Schule würden sie eh schon beschäftigen. Wenn dann noch Stress zu Hause hinzukomme, könnten Jugendliche das nicht mehr so leicht kompensieren. Die Szene der Großstädte bietet ihnen oft Anonymität und das Gefühl, Teil einer Gruppe zu sein. Aber die romantische Vorstellung der absoluten Freiheit der Straße ist für viele schnell vorbei – obdachlos zu sein, ist ein Überlebenskampf. „Was muss das für eine Stärke sein, sich täglich auf der Straße durchzuschlagen?“, fragt sich Benthe ständig.

Für sie ist es essenziell, genau diese Stärke in ihren Klienten zu finden, und sie ans Tageslicht zu befördern. „Unglaublich, was für ein Strahlen aus diesen jungen Menschen kommen kann“, wie sie findet. An der Vergangenheit ihrer Klienten hängt sie sich nicht lange auf. „Was ich hier tun kann, ist nach vorne schauen.“

“Ich bin nur das Sicherheitsnetz”

Der erste Ansatzpunkt ist meistens eine Notunterkunft. Zuerst muss Ruhe einkehren, ein Ort gefunden werden, von dem aus die Jugendlichen in den Tag starten können. Dann geht es für viele zur Behörde: Wer lange auf der Straße lebt, hat keinen Ausweis mehr, und ohne diesen lassen sich wiederum keine Gelder beantragen. Außerdem kümmern sich Benthe und ihre Kollegen um die Gesundheit ihrer Klienten, die durch Alkohol- oder Drogenkonsum oft in Mitleidenschaft gezogen wurde. Grundlegend ist bei ihrer Arbeit aber vor allem eins: Der junge Mensch muss den ersten Schritt machen und die Hilfe an­nehmen.

„Wir wollen unseren Klienten das Gefühl geben, dass sie selbst der Motor sind. Ich bin nur das Sicherheitsnetz.“ Viele der Jugendlichen, die zur Beratung kommen, haben bereits eine Vorstellung von ihrer Zukunft. Eine Wohnung wünschen sich viele, einen Abschluss, einen Ausbildungsplatz oder festen Job. Benthe erzählt von einem Punk, den sie einmal betreut hat. „Wo siehst du dich in zehn Jahren?“, fragte sie ihn im Gespräch. Er sah sich in einem Haus in seiner Heimat, mit einer Frau und Kindern, die er eigenständig versorgen kann – diese Zukunftsentwürfe sind für viele selbstverständlich.

Aber wer früh den familiären Halt verloren hat, auf der Straße gelebt oder in der Jugendhilfe gelandet ist, dem fehlt eine entscheidende Basis auf der er reifen kann. In einer intakten Familie darf jeder scheitern, ohne die Liebe oder Unterstützung zu verlieren. Aber wenn ein junger Mensch in der staatlichen Jugendhilfe einen Fehler macht, bekommt er eben diese Unterstützung nicht mehr, sondern fliegt im schlimmsten Fall aus dem Programm. „Die Jugendhilfe, die sanktioniert“, erklärt Benthe.

Scheitern erlaubt

Auch wenn ihre Schützlinge mal zurückfallen, greift sie ihnen weiterhin unter die Arme, begleitet sie Schritt für Schritt, bis sie unabhängig vom Sozial­system leben können. Dass dieses Konzept funktioniert, zeigen die Zahlen: Rund 5.000 Jugendlichen und jungen Erwachsenen bundesweit konnten die Off Road Kids nach eigenen Angaben bereits helfen, in Hamburg sind es über 900.

Bei der Frage, ob ihr einige davon besonders in Erinnerung geblieben sind, muss Benthe schmunzeln: „Viele.“ Eine Klientin, die sie seit elf Jahren kennt, ist ­inzwischen 27 – und hat als beste Absolventin in Hamburg eine Ausbildung mit Auszeichnung abgeschlossen. „Das erfüllt mich voller Stolz.“ Das Potenzial sei da, ­erklärt Benthe, es wäre nur verschüttet unter schlechten Erfahrungen. Aber es würde sich lohnen, dranzubleiben, denn: „Jeder Mensch lohnt sich!“ 

Text: Sophia Herzog


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Elbe-Werkstätten – Das Normalisierungsprinzip

So geht Gemeinschaft #3: Der Betrieb „ReTörn“ der Elbe-Werkstätten ermöglicht Menschen, die durch eine psychische Krankheit eingeschränkt sind, wieder einen Weg zurück zum „normalen“ Arbeitsmarkt zu finden.

Manche der Arbeiter unterbrechen für einen Augenblick ihre Tätigkeit und mustern kurz den Besucher, den Jens Rabe durch die Buchbinde-Werkstatt führt. Rabe ist Angestellter der Elbe-­Werkstätten, genauer: Er leitet die Produktion im Betrieb Elbe ReTörn, der Menschen mit psychischen Erkrankungen eine Rehabilitation und die Teilhabe am Arbeitsmarkt ermöglicht. Doch zu lange will sich keiner von dem Besuchern ablenken lassen, und schnell sind wieder alle in ihre Aufgabe vertieft. „Ein Stück Öffentlichkeit in die Werkstatt zu bringen gehört zum Normalisierungsprinzip“, sagt Rabe. Denn das ist das Kernziel des Betriebs: ReTörn will Menschen, die psychisch so stark erkrankt sind, dass sie für den normalen Arbeitsmarkt zu eingeschränkt sind, zu ebendiesem zurück verhelfen.

Normalität und Struktur im Alltag

450 Menschen mit verschiedensten psychischen Erkrankungen verhelfen die Elbe-Werkstätten somit zu mehr Normalität und Struktur im Alltag. Entweder mit einer Außenstelle in der Produktion bei Unternehmen wie Otto und Lidl, die mit den Elbe-Werkstätten zusammenarbeiten. Rund 30 Prozent der Arbeiter sind an einer solchen Außenstelle aktiv. Oder in einem der drei ReTörn-Betriebe wie hier in der Behringstraße, wo knapp 100 Menschen in unterschiedlichen Bereichen arbeiten – je nach den individuellen Fähigkeiten ausgerichtet: In der Hauswirtschaft, in der Digitalisierung oder eben in der Buchbinderei. Letztere ist der große Stolz des Betriebs. „Wir leisten hier Arbeit auf hohem Niveau, die Kunden sind erstaunt“, sagt Rabe, der seit 28 Jahren bei den Elbe-­Werkstätten und seit 18 Jahren als Betriebsleiter tätig ist.

Stolz auf die hochwertige Arbeit

In der Buchbinderei werden Bücher für den Print-on-Demand-Dienstleister „BoD“ fertiggestellt – also jene Bücher, die Verlage erst auf Bestellung drucken lassen, um die hohen Kosten einer ganzen Auflage zu sparen. Hier kommt Rabes Werkstatt ins Spiel: In rund 20 Teilschritten werden die Seiten ins richtige Format gebracht, die gebundenen Seiten mit Leim am Umschlag befestigt und gegebenenfalls wird auch ein Lese­bändchen angebracht – so werden hier bis zu 300 Bücher am Tag produziert. Der Stolz auf die hochwertige Arbeit ist auch bei vielen Mitarbeitern angekommen – so wie bei der Frau an der Einhänge­maschine, die bereitwillig demonstriert, wie die Buchseiten mit dem Hardcover verbunden werden. Eine Arbeit, die viel Feinsinn verlange, wie Jens Rabe erzählt. Um es dorthin schaffen zu können, müssen die Mitarbeiter zunächst für ein bis zwei Jahre in den Berufsbildungsbereich, in dem durch Praktika in den Werkstätten die individuellen Fähigkeiten eins jeden festgestellt werden. Erst dann geht es in ­ die eigentliche Praxis, die viele Tätigkeitsfelder bereithält.

Ein großes Sprungbrett, um Menschen mit Behinderungen eine tarifliche Beschäftigung zu vermitteln

„Das öffentliche Bewusstsein für psychische Erkrankungen ist gestiegen“, sagt Rabe. „Unternehmen zeigen zunehmend die Bereitschaft, eingeschränkte Menschen zu beschäftigen.“ Und die Politik hilft mit: Seit 2012 gibt es mit dem Hamburger Budget für Arbeit einen Lohnkostenzuschuss für Unternehmen, die Menschen mit Behinderungen beschäftigen. „Das ist ein großes Sprungbrett, um Menschen mit Behinderungen eine tarifliche Beschäftigung zu vermitteln“, erklärt Rabe. Bis Ende 2017 wurden in ganz Hamburg über 250 Menschen durch das Gesetz in Arbeit gebracht. Damit wird auch einer bedauernswerten Entwicklung entgegengewirkt: „Früher gab es in der Arbeitsgesellschaft für Menschen mit ausgeprägten individuellen Verhaltensweisen mehr Plätze auf dem Arbeitsmarkt, etwa als Bote in einem großen Unternehmen“, so Rabe. „Es gab mehr Nischen, die auf dem heutigen Arbeitsmarkt durch die Technisierung wegfallen.“ Auch dank des Gesetzes registrierten aber immer mehr Unternehmen, dass Menschen mit Behinderungen zwar weniger Leistung bringen, aber trotzdem gewissenhaft arbeiten, so Rabe.

Text: Ulrich Thiele

www.elbe-werkstaetten.de


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Stadt.Land.Fluss – Idyll mit politischer Botschaft

So geht Gemeinschaft #2: Seit einem Jahr wohnen die Mitglieder des generationenübergreifenden „Stadt.Land.Fluss“-Wohnprojekts in Ochsenwerder. Ihr Motto: Solidarität, Inklusion, Nachhaltigkeit.

Ja, die Bullerbü-Sehnsucht spielte auch eine Rolle, als im Jahre 2010 fünf Familien beschlossen, für ein gemeinschaftliches Wohnprojekt aufs Land zu ziehen. Aber nein, das Wohnprojekt „Stadt.Land.Fluss“ in Ochsenwerder ist nicht einfach nur ein privates Naturidyll für gestresste Großstädter. „Wir haben eine explizit politische Dimension“, sagt Karoline Redlich, die sich gemeinsam mit ihrem Ehemann dem Projekt anschloss. „Wir sind ein kleines gesellschaftliches Abbild und wollen einen solidarischen gesamtgesellschaftlichen Gedanken leben.“

19 Kinder und 30 Erwachsene unter einem Dach

Ein gesellschaftliches Abbild zu sein und nicht in anonymer Nachbarschaft wie in der Stadt zu leben, das bedeutet, Menschen aus allen Altersgruppen und sozialen Schichten zu vereinen. In Ochsenwerder ist das der Fall: Rentner, zwei jugendliche Geflüchtete, alleinerziehende Mütter mit Assistenzbedarf, die von der „alsterdorf assistenz ost“ unterstützt werden, Klempner, Bootsbauer, Tischler und junge Akademikerfamilien leben hier unter einem Dach – mittlerweile 19 Kinder und 30 Erwachsene. Die Jungen bringen den Rentnern die Einkäufe, die Lehrer helfen den jungen Geflüchteten bei ihrem Schulabschluss und die alleinerziehenden Mütter profitieren davon, dass ohnehin immer andere da sind, die sie entlasten und unterstützen können. Eine Utopie auf 3.500 Quadratmetern – fast schon zu schön, um wahr zu sein.

Wie kann eine solche Gemeinschaftlichkeit gelingen?

„Einfach nur gemeinsam zu wohnen, bedeutet noch keine Inklusion“, stellt Karoline Redlich klar. Deswegen findet seit sechs Jahren einmal die Woche ein Plenum statt, in dem Fragen der Gartenplanung, der Öffentlichkeitsarbeit, der Finanzen und ­der Integration ins Dorfleben besprochen werden. Der Weg dorthin war weit: Nach vier Jahren der Immobiliensuche erhielt die Gruppe 2014 die Zusage für das Gelände rund um „Rieges Gasthof“ am Ochsenwerder Kirchendeich. Mit einiger Unterstützung: Die Wohnhäuser gehören der Baugenossenschaft „Wohnreform eG“, die Bewohner haben Anteile gezeichnet und zahlen je nach Einkommen bis zu 8,10 Euro Miete pro Quadratmeter. Insgesamt 18 Wohnungen sind seit 2015 mithilfe eines Architektenbüros und der Betreuung von „Stattbau Hamburg“ entstanden – aufgeteilt in drei Häusern: im „Saal“, im „Gasthof“ und im „Gartenhaus“.

Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Assimilation im Dorf

Das alte Saalgebäude, das für die Dorfbewohner mit vielen Erinnerungen verbunden ist, konnte erhalten und saniert werden und soll den Dorfbewohnern weiterhin als öffentlicher Raum mit Kulturveranstaltungen zur Verfügung stehen. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Assimilation im Dorf, denn die Skepsis der Anwohner gegenüber dem neuen Wohnprojekt war ­anfangs groß. „Die Leute dachten an eine Kommune und hatten deswegen bestimmte Bilder im Kopf“, erzählt Karo­line Redlich. „Das Gute ist, dass wir viel Gartenfläche haben. Die Leute kommen oft vorbei, bleiben am Zaun stehen und stellen Fragen.“ So komme man mit den Nachbarn ins Gespräch und gewinne ­Vertrauen. Ein Jahr nach dem offiziellen Einzug im Sommer 2017 gibt es in dem großen Gemeinschaftsgarten übrigens auch schon einen ansehnlichen Abenteuerspielplatz für die Kinder – ein bisschen Bullerbü-Träumerei gehört eben auch dazu.

Text: Ulrich Thiele

www.wohnprojekt-slf.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2018. Das Magazin ist seit dem 28. Juli 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


 

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3 Tipps – Was brauche ich für ein perfektes Picknick?

Für ein gelungenes Picknick braucht man nicht nur Sonnenschein und gute Gesellschaft, sondern auch ein paar schlaue Extras. Wir haben einen Korb gepackt, prall gefüllt mit praktischen Tipps für leckere Stunden unter freiem Himmel.

1) Gaia Wrap

Ein Leben ohne Plastik – ist das möglich? Irgendwie müssen die Leckereien ja von A nach B gebracht werden. Es gibt mittlerweile tolle Alternativen zu Frischhaltefolie, zum Beispiel Brotdosen aus Metall oder Bienenwachs­tücher. Letztere kann man seit Kurzem von einem Hamburger Start-up beziehen: Gaia Wrap ist eine nachhaltige Frischhaltefolie, die je nach Beanspruchung ein halbes bis zwei Jahre lang hält. Nach dem Benutzen wird das Tuch mit kaltem Wasser gewaschen, getrocknet und kann dann wiederverwendet werden. Ganz nebenbei wirkt das Bienenwachs antibakteriell, sodass die Lebensmittel schön frisch bleiben. Knapp zehn Euro pro Tuch sind zwar nichts für den schmalen Geldbeutel, doch immerhin fließt das Geld in ein engagiertes Projekt: Alle Materialien sind biologisch hergestellt und das Bienenwachs wird von ­einer Demeter-zertifizierten Imkerin bezogen. In Workshops informieren die jungen Firmengründer über Nachhaltigkeit und ökologisches Leben und zeigen, wie das Einwachsen von Baumwolltüchern funktioniert.
www.gaiawrap.de

2) Mundraub

Keinen Garten vor der Tür und Lust auf frisches Obst? Die Stadt hat viele Leckereien zu bieten: Auf mundraub.org findet man öffentlich zugängliche Bäume, Sträucher und Kräuter, die auf einer Karte verzeichnet sind. Eigentlich ist das also gar kein Raub, sondern legales, gemeinschaftliches Teilen von Früchten aus dem Stadtgebiet. In Hamburg findet sich ein überraschend großes Angebot von Obst- und Nussbäumen – nebenbei eine gute Möglichkeit, neue Orte zu entdecken. Einfach den Standort eingeben, Quelle finden und pflücken gehen. Umgekehrt funktioniert das übrigens auch: Wer einen Baum hat und nicht zum Ernten kommt, kann ihn in der Karte eintragen, damit die Früchte nicht zum Fallobst werden. Skrupel angesichts der urbanen Schadstoffbelastung? Wer zehn Meter Abstand von größeren Straßen hält, ist auf der sicheren Seite. Ebenfalls hilft, das Obst gründlich zu waschen. Ein Portal mit Infos, Tipps und Rezepten ergänzt das Angebot der Onlineplattform.
www.mundraub.org

3) Minipresso

Lauwarmer Filterkaffee aus der Thermoskanne war gestern. Abenteuerlustige Feinschmecker benutzen Espressokocher im Miniformat. Duftender Espresso auf einem einsamen Berggipfel oder mal zwischendurch im Park um die Ecke – verlockend, oder? Industriedesigner Hugo Cailleton aus Hongkong wollte auf Geschäftsreisen nicht länger auf perfekt zubereiteten Kaffee verzichten und entwickelte einen mobilen Espressokocher nach dem Prinzip einer Matroschka: Das smarte Gerät wiegt um die 400 Gramm und beinhaltet einen Wassertank, eine manuelle Pumpe, einen Siebträger, Filter, Dosierlöffel und Kaffeebecher. Der Druck beträgt um die acht Bar – das ist Siebträgerqualität. Eine feine Crema gibt es natürlich auch. Haken: Der Minipresso muss mit heißem Wasser befüllt werden, das sich in der freien Wildbahn natürlich nicht so leicht auftreiben lässt. Und schwupps kommt die Thermoskanne wieder ins Spiel …
www.wacaco.com

Texte: Sabrina Pohlmann

 


 Dieser Beitrag stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2018. Das Magazin ist seit dem 28. Juli 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Tatkräftig – Engagement für Zwischendurch

So geht Gemeinschaft #1: Es muss nicht immer etwas ganz Großes sein, um etwas zu bewegen. Oft reicht ein bewussterer Umgang miteinander und kleine Hilfen hier und da. Die gemeinnützige Initiative „tatkräftig“ ist Anlaufstelle für alle, die spontan und zeitlich begrenzt helfen möchten und macht den Anfang unserer Serie, in der wir drei soziale Projekte aus Hamburg vorstellen.

Sich sozial zu engagieren, ist erfüllend und aller Ehren wert, nur: Gerade jungen Menschen, die gerne helfen würden, fehlt häufig die Zeit dafür. Studium und Nebenjob oder Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, ist schon aufwendig genug. Und so ist es kaum verwunderlich, dass eine Gruppe von Studenten und jungen Berufsanfängern mit der gemeinnützigen Initiative „tatkräftig – Hände für Hamburg“ eine clevere Idee entwickelte, um auch vielbeschäftigten Menschen die Möglichkeit zu geben, sich in der Freizeit sozial zu engagieren. „Es gibt viele soziale Projekten, an denen man mitwirken kann, aber uns ist aufgefallen, dass sie fast alle langfristig ausgerichtet sind“, sagt Julia Warnecke, „tatkräftig“-Vorstandsmitglied und Zuständige für die Öffentlichkeitsarbeit.

Der Clou: Die Projekte sind speziell auf junge Menschen zugeschnitten und sehen nur eintägige Einsätze von vier bis acht Stunden vor.

Sich langfristig an ein Projekt zu binden, könne allerdings mit dem Terminkalender kollidieren und zu Zeitdruck führen. „tatkräftig“ entgegnet dem Problem mit einem besonderen Konzept, indem es als Vermittler fungiert. Der Clou: Die Projekte sind speziell auf junge Menschen zugeschnitten und sehen nur eintägige Einsätze von vier bis acht Stunden vor. Wer also zwischendurch mal Zeit und Lust hat, mitanzupacken, kann auf die „tatkräftig“-Homepage gehen, sich dort aus dem umfangreichen Projekt-Portfolio die gewünschte Tätigkeit heraussuchen und im Kontaktformular angeben: ob im sozialen, kulturellen oder ökologischen Bereich, ob die Arbeit mit Kindern, Senioren oder Menschen mit Behinderung. Und ob einem eher nach gärtnern ist, handwerklichen Tätigkeiten oder danach, einer alleinerziehenden Mutter beim Umzug zu helfen – die Liste ließe sich ellenlang weiterführen. Und wer zu schüchtern ist, sich in eine neue Projektgruppe mit fremden Menschen zu wagen, kann sich gemeinsam mit Freunden bewerben. Übrigens: Nicht nur Privatpersonen, auch Firmen ermöglicht „tatkräftig“ im Rahmen einer eintägigen Projektarbeit ihrer sozialen Verantwortung gerecht zu werden.

Die Idee für das außergewöhnliche Vermittlungsprogramm stammt aus den Niederlanden.

Hervorgegangen aus der evangelischen Kirchengemeinde „Hamburgprojekt“, die sich vornehmlich an junge Menschen und Familien richtet, entstand 2011 die Initiative „tatkräftig“ durch den Zusammenschluss einer Gruppe von Freunden. „Alle kannten das Gefühl aus eigener Erfahrung, helfen zu wollen, aber aus beruflichen Gründen keine Zeit zu haben“, erklärt Julia Warnecke, die erst im Oktober 2015 als Bundesfreiwilligendienstleistende zu „tatkräftig“ dazustieß. Die Idee für das außergewöhnliche Vermittlungsprogramm stammt aus den Niederlanden. Die Gruppe fuhr nach Amsterdam, um sich von der Freiwilligenorganisation „Stichting Present“, die in allen größeren Städten der Niederlande präsent ist, inspirieren zu lassen – und entschied sich, das Konzept auf Hamburg zu übertragen.

Im Sommer 2011 war die Hamburger Version geboren, schon in den ersten zwölf Monaten konnten die Gründer über 150 Freiwillige in 35 Hilfs- und Begegnungsprojekte vermitteln und begleiten. Inzwischen ist „tatkräftig“ offiziell ein eingetragener, gemeinnütziger Verein und somit berechtigt, Spendenbescheinigungen auszustellen – was von zentraler Bedeutung für die zum großen Teil spendenfinanzierte Initiative ist. Die Tendenz in den letzten Jahren: steigend. Was ist noch möglich? „Ganz vorsichtig liebäugeln wir damit, das Projekt eines Tages auch in anderen Städten etablieren zu können“, sagt Julia Warnecke.

Text: Ulrich Thiele
Beitragsbild: Mario Chavarria


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2018. Das Magazin ist seit dem 28. Juli 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


 

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