Hamburger Nachwuchs: Sängerin Sukie

Gerade mal ein Jahr ist es her, dass Sukie ihren ersten eigenen Song veröffentlichte. Doch spätestens, als im Oktober ihre Debüt-EP „Love And Impatience“ erschien und die Kunde von einer neuen, talentierten Sängerin aus Hamburg die Runde machte, war klar: Mit Sukie wird zukünftig zu rechnen sein. Im Interview spricht die 22-Jährige über Schwermut als Treibstoff, das derzeitige Darben der Kreativszene und Lichter am Ende des Tunnels

Interview: Daniel Schieferdecker

 

SZENE HAMBURG: Sukie, wie bist du zur Musik gekommen?

Sukie: Musik war immer ein großer Teil meines Lebens. Ich war ein sehr ruhiges Kind, habe viel Zeit mit mir selbst verbracht – und dabei fast immer Musik gehört und gesungen. Ich habe es dann aber eine Weile schleifen lassen – bis vor drei Jahren mein bester Freund bei einem Autounfall gestorben ist.

Und dann?

Das war jemand, der sehr krass gelebt hat; der immer seinen Weg gegangen ist und das gemacht hat, was er machen wollte. Da ist mir bewusst geworden, dass ich viel zu lange meine Zeit mit Dingen vergeudet habe, die mich nicht erfüllen – das ist für viele Leute ja deren Realität. Aber das wollte ich nicht.

Ich habe dann einen Coversong bei Instagram hochgeladen, coole Reaktionen darauf bekommen und weitergemacht. Im Oktober kam dann meine erste EP „Love And Impatience“.

Bist du tatsächlich so ungeduldig, wie es der EP-Titel verheißt?

Ja, ganz schlimm! Wenn ich Dinge nicht auf Anhieb kann, höre ich sofort wieder damit auf. Ich werde sonst wahnsinnig. (lacht)

Deine Pressesgentur hat dich angepriesen als „junge Frau mit Charakter“. Was meinen die damit?

(lacht schrill) Wenn ich das nur wüsste! Hat nicht jeder einen Charakter? Aber sagen wir so: Ich bin in gewissen Dingen sehr speziell – aber auf eine gute Art und Weise.

Das musst du erklären.

Ich bin sehr feinfühlig, eine sehr empathische Person. Das schadet mir manchmal zwar auch, weil ich oft mehr bei anderen bin als bei mir. Aber das ist etwas, das mich ausmacht.

 

 

Deine Lyrics schreibst du auf Englisch. Warum?

Ich habe einen besseren Zugang zu der Sprache. Deutsch als Muttersprache ist einfach zu nah an mir dran. Das Englische ermöglicht mir eine etwas objektivere Sicht auf die Dinge. Aber: Ich bin bilingual aufgewachsen, weil meine Mutter lange in London gelebt hat.

In deinen Songs liegt viel Schwere, in den meisten geht es um düstere Themen. Ist das deine Art der Verarbeitung?

Ja, absolut. Ich kann aber keine Songs schreiben, wenn es mir richtig schlecht geht. Das passiert erst danach, wenn ich die Situation für mich selbst schon ein bisschen verarbeitet habe.

Du machst nicht nur Musik, sondern studierst auch Ethnologie und klassische Archäologie. Inwiefern hat dein Studium Einfluss auf deine Songs?

In vielerlei Hinsicht: Durch das Ethnologie-Studium bekommt man einen sehr weiten Blick darauf, wie die Menschen auf der Welt in der Gesellschaft funktionieren.

Kennst du den Begriff der kulturellen Universalien? Das sind Dinge, die nicht kulturabhängig variieren, die es in jeder Gesellschaft gab und gibt – und eine davon ist Musik. Das finde ich spannend: dass Musik, unabhängig vom Text, eine Sprache ist, die von jedem überall auf der Welt verstanden werden kann.

 

„Ich sehe gerade ganz viele Existenzen sterben“

 

Vor Corona hast du in einer Bar gearbeitet. Seit einem Jahr nun nicht mehr. Hatte das einen Einfluss auf deine Musik?

Total! Ich habe immer gerne Gastro gemacht, aber das schlaucht auch – zumal das ein Job ist, der dir menschlich nicht viel zurückgibt und deinen Schlafrhythmus total zerschießt.

Durch den Wegfall dieses Jobs hatte ich nun mehr Zeit, mich auf mich selbst zu konzentrieren. Mich zu fragen: Wer will ich sein? Wie will ich klingen? Das hat mir geholfen. So perfide es klingen mag: Ein Stück weit bin ich tatsächlich dankbar für die Situation. Aber jetzt ist auch gut. (lacht)

Welche negativen Einflüsse hatte die Pandemie auf dich?

Ich hatte dadurch viel Zeit zu zweifeln. Zwischendurch bin ich in tiefe Löcher gefallen und hab mich gefragt, wofür ich das eigentlich mache, wenn es ja doch niemand  zu hören bekommt – vor allem nicht live.

Ich kriege ja auch mit, was in meinem Umfeld los ist, wo viele Leute professionell Musik machen. Ich sehe gerade ganz viele Existenzen sterben, Clubs schließen, eine ganze Branche untergehen.

Wie motivierst du dich, trotzdem weiterzumachen?

Indem ich versuche, mich darauf zu besinnen, Kunst nicht für andere, sondern in erster Linie für mich selbst zu machen. Trotzdem macht die Situation mir Angst. Ich saß durchaus schon mit Heulkrämpfen im Studio. Aber eigentlich bleibt einem gar nichts anderes übrig, als positiv zu bleiben und nicht den Glauben zu verlieren.

 

 

Hast du eigentlich eine Lieblingszeile von dir?

Ja, aus „Hit Me“. Da singe ich: „And the night might be yours, but the morning is mine.” Die finde ich sehr schön. Es gibt auch noch eine andere, aber die ist noch nicht veröffentlicht. Kann ich daher nicht verraten, sonst klaut die noch einer. (lacht)

Wenn es unveröffentlichte Textzeilen von dir gibt: Kommt dann dieses Jahr noch was Neues von dir?

Auf jeden Fall! Wahrscheinlich noch eine EP. Und dann mal schauen, wie es insgesamt mit der Musik und Kultur hier weitergeht. Ich habe auf jeden Fall noch einige sehr, sehr gute Songs, die nur darauf warten, veröffentlicht zu werden.

thisissukie.com


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Hilf Mahl: Keine Pause für die Hilfe

Mit dem Spendenprojekt wird Obdachlosen in Hamburg geholfen – und das schon seit acht Jahren. HILF MAHL!-Organisator Dietmar Hamm über die Herausforderungen im Bereich der Obdachlosenhilfe und das erforderliche Umdenken während der Corona-Krise

Interview: Eira Richter

 

SZENE HAMBURG: Dietmar Hamm, die Corona-Pandemie stellt die gesamte Gesellschaft vor immer neue Hürden. Was empfinden Sie im Bereich der Obdachlosenhilfe durch HILF MAHL! momentan als größte Herausforderung?

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„Es bedarf der besonderen Wahrnehmung“: Dietmar Hamm (Foto: Gerrit Meier)

Dieter Hamm: Das Besondere an der Pandemie ist, dass die Appelle, in der eigenen Wohnung zu bleiben, die Menschen nicht erreicht, die ohne Wohnung sind. Das Schicksal, obdachlos zu sein, kann sich nicht stärker zeigen als jetzt.

Der Schutz des eigenen Lebens und der Schutz der anderen kann für Menschen ohne Obdach nur mithilfe von Gemeinschaften, die sich der Obdachlosenhilfe zuwenden, versucht werden. Menschen ohne Wohnung leben in besonderer Not.

HILF MAHL! kann zur Zeit leider nur einen kleinen Beitrag zur Linderung leisten, da die HILF MAHL!-Spenden gemeinsam mit Hamburger Gastronomen und deren Gästen gesammelt werden. Da die Gastronomien geschlossen sind oder nur Take-away-Service anbieten dürfen, müssen wir versuchen, Direktspenden an HILF MAHL! von Bürgern und Unternehmen für unsere Projekte zu erhalten.

 

Besondere Wahrnehmung

 

Erforderte die Umstellung während des Lockdowns besondere logistische Anstrengungen?

Es bedarf der besonderen Wahrnehmung von HILF MAHL! in den Restaurants, die einen Take-away-Service anbieten. Vor Corona informierte das Restaurant die Gäste durch Tischaufsteller oder persönliche Ansprache über HILF MAHL!.

Die Gäste sind dann nach einem guten Essen auch gerne bereit zu spenden, weil sie HILF MAHL! schätzend kennengelernt haben. An der Abholstation des Restaurants ist die Sensibilisierung für HILF MAHL! nicht immer möglich. Das Essen zum Mitnehmen wird ja sonst kalt.

Wird die Spenden-Option auf dem neuen Weg häufig genutzt?

Wir freuen uns sehr darüber, dass in der Vergangenheit viele Gäste gerne in Restaurants speisten, die HILF MAHL! unterstützen und erkannt haben, dass ihre Spende hilft. Deshalb kommt es auch zunehmend vor, dass wir eine Überweisung von Restaurantgästen erhalten mit dem Hinweis, dass sie den Betrag sonst gerne im Restaurant gespendet hätten und HILF MAHL! die Spende auf diesem Wege zukommen lassen.

Denken Sie über eine zeitliche Ausweitung der Spenden-Option auch über den Winter hinaus nach?

In der Vergangenheit war der Fokus, das Spenden auf den Winter zu konzentrieren, sicher stimmig. Einige Spendenprojekte von HILF MAHL! laufen jedoch auch ganzjährig, und bedingt durch die besonderen Erschwernisse und Gefahren für obdachlose Menschen in der Pandemiezeit, werden wir nicht pausieren, zu helfen.

hilfmahl.de


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Andrea: „Glück ist, sich selbst aushalten zu können“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Andrea begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Als mein Vater 2005 starb, hatte ich ein Gefühl von ‘Jetzt ist es soweit. Jetzt bin ich endgültig für mein Leben zuständig. Jetzt ist niemand mehr da, der mich auffängt‘. Meine Mutter war schon früh gestorben und ohne Eltern auskommen zu müssen, hat mich sehr gebeutelt. Ich war orientierungslos.

Damals hatte ich einen Freund in Indien und das Gefühl, ich muss da jetzt hin. Dann bin ich für vier Wochen nach Indien gereist und dort in ein Achtsamkeitsseminar gestolpert. Dort habe ich erkannt, dass man zwischen einer Situation und sich selbst Raum schaffen kann. Heute weiß ich, dieser Meditationslehrer hat mein Leben nachhaltig verändert.

Als ich damals zurück nach Hamburg gekommen bin, war das sensationell. Ich habe seinerzeit schon in einer Führungsposition in der Werbebranche gearbeitet, das mache ich heute noch. Ich hatte immer gelernt, über Macht und Aggression zu führen. Und auf einmal habe ich angefangen, anders zu denken. Ruhiger, aus anderen Perspektiven. Da dachte ich: Wow, diesen Meditationskram liest man nicht nur in Büchern, das funktioniert wirklich.

 

„Ich lebe frei“

 

Ich hadere häufig noch mit mir und bin mir gegenüber härter als anderen. Ich kann über Situationen oder Inkonsequenzen anderer lachen, bei mir bin ich hingegen sehr brutal, abkantend, fast bestrafend. Daher halte ich es für ein großes Glück, sich selbst aushalten zu können.

In kurzen Phasen bin ich schon auch mit mir im Frieden. Jetzt gerade zum Beispiel finde ich es ganz bezaubernd, hier auf der Alsterbank in der Sonne zu sitzen, dieses Buch zu lesen, das ich geschenkt bekommen habe. Es ist so lala, dafür stillt es meine Alpen-Sehnsucht.

Dann und wann vermisse ich nämlich meine oberbayerische Heimat, die Berge, die Biergärten. Aber ich lebe in Hamburg freier, als ich es je dort getan habe. Diese Mia-san-Mia-Mentalität ist mir schon als Kind auf die Nerven gegangen. Jeder hat eine Lebensberechtigung, aber bitte nicht bei uns, oder was? Ich wollte immer in Hamburg leben und arbeiten. Und was soll ich sagen: Hier bin ich.“


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Hamburgerin des Monats: Kassiererin Karima Quattaybi

Ohne Frauen wie Karima Quattaybi, 40, würde in Hamburg nichts laufen. Sie saß an der Kasse im Rewe Center Altona, als dort im Frühjahr 2020 Menschenmengen einkauften, als würde es dort morgen nichts mehr geben, und hatte ein mulmiges Gefühl, sich mit dem Coronavirus anzustecken. Anfangs wurde auf den Balkonen auch für die Kassiererinnen und Kassierer geklatscht, doch im zweiten Lockdown gibt es nur noch wenig Aufmunterung der Kunden, bei denen viele mit eigenen Problemen zu kämpfen haben

Interview: Matthias Greulich

 

SZENE HAMBURG: Karima Quattaybi, erinnert Sie die aktuelle Situation an den Lockdown im März?

Karima Quattaybi: Wir nehmen im Januar schon wahr, dass die Kunden weiterhin verstärkt einkaufen. Das ist zum Jahresanfang ungewöhnlich. Die Kunden sind aber ruhiger und respektieren die getroffenen Vorkehrungen.

Was ist anders als im Frühjahr 2020?

Durch die Auflagen und Landesverordnungen ist die Kundenanzahl im Markt limitiert, dadurch ist es insgesamt ruhiger als im Frühjahr. Damals habe ich einer Zeitung gesagt: ,Da hatten wir jeden Tag Silvester.‘ Dazu muss man wissen, dass dies normalerweise der stärkste Einkaufstag für uns im Jahr ist.

Wie läuft es mit dem Verkaufsverbot für Alkohol, das in diesem Gebiet in Altona seit vergangenem Sommer gilt?

Wir haben am Eingang und im Markt in der Abteilung entsprechende Aushänge, die darauf hinweisen. Am Anfang haben die Kunden mit Unverständnis reagiert, mittlerweile ist dies aber ebenfalls Gewohnheit und sorgt für wenig Trubel.

Was wird jetzt gehamstert?

Wir haben im Frühjahr viel gelernt, und ich denke die Kunden auch. Aufgrund des Lockdowns merken wir aber eine erhöhte Nachfrage bei Non-Food-Artikeln, beispielsweise den Haushaltsartikeln. Bei uns gilt, unabhängig von der Warengruppe: Wir verkaufen alles in haushaltsüblichen Mengen.

Verstehen Sie, warum so viel gekauft wird?

Eher nicht, wenn man alleine auf das Thema Öffnungszeiten etc. schaut. Wir hatten nicht einen Tag in den letzten Monaten, außer der gesetzlichen Feiertage, zu. Wobei man auch nicht vergessen darf, dass viele Familien zu Hause sind und da natürlich auch ein größerer Bedarf an Lebensmitteln vorhanden ist. Es wird jeden Tag für Groß und Klein gekocht, da braucht man natürlich schon mehr Lebensmittel.

Was beschäftigt die Menschen?

Viele sind in Kurzarbeit. Wir kennen einige Kunden in Altona schon lange und das ist dann traurig zu hören. Gerade von den Menschen in der Gastro, für die es gerade nicht einfach ist. Sie müssen jeden Cent umdrehen und wissen nicht, wie es weitergeht. Und viele haben zurzeit nichts anderes als einzukaufen. Die Kunden sind nicht mehr so gesprächig, muss ich sagen. Das finde ich schade. Wir wollen alle einkaufen gehen und wir machen das hier gerne.

Wie lange arbeiten Sie schon hier?

Seit 2002. Im nächsten Jahr also schon 20 Jahre.

Sie haben eben kurz gelacht, als Ihre Kollegin sagte, Sie seien hier der Sonnenschein.

Nach der Spätschicht von letzter Woche brauche ich noch etwas, um zu strahlen.

 

„Wir bekommen das hin – auf jeden Fall“

 

Wie geht Ihre Familie mit der Situation um?

Ich habe eine Tochter. Die ist 16, geht aufs Gymnasium und sitzt gerade im Online-Schooling. Ist auch alles ein bisschen schwierig. Läuft alles nicht rund gerade. Das Internet bricht dauernd zusammen, hat sie mir berichtet. Ich verlasse mich darauf, dass sie es alleine hinkriegt. Aber sie macht es gut und macht keinen Blödsinn.

Reden Sie mit Ihren Kollegen über die Gefahr, sich anzustecken?

Wir alle haben diese Gedanken. Wir haben Kontakt zu vielen verschiedenen Menschen. Das gibt ein mulmiges Gefühl. Das Risiko, sich anzustecken, ist da. Dazu kommt: Jetzt ist Erkältungszeit und es kommt vor, dass Leute husten. Im Markt weisen wir nach wie vor auf die Abstandsregeln, Maskenpflicht und das regelmäßige Händewaschen hin – denn das sind die wichtigsten Regeln, um gesund zu bleiben.

Fühlen Sie sich sicher hinter der Plexiglasscheibe?

Ich bin froh, dass wir diese Plexiglasscheiben gekriegt haben.

Wie erinnern Sie sich an die Zeit, als abends auf den Balkonen geklatscht wurde?

Das waren zwei Wochen. Wir haben viele Stammkunden, die sagten: ,Toll, dass ihr noch da seid.‘ Es war ja schon beeindruckend, weil man auf einmal wichtig war. Sonst war es selbstverständlich, dass wir da waren. Jetzt gehörten wir zur besonderen Kategorie, die für die Versorgung wichtig ist.

Ist noch etwas aus dieser Zeit bei den Kunden da?

Nein, wirklich nicht viel. Das war ganz schnell vorbei. Der Einzelhandel ist ein bisschen untergegangen, was die Wertschätzung betrifft.

Haben Sie zum Jahresende eine Prämie bekommen?

Ja, die gab es. Vom Arbeitgeber auf freiwilliger Basis. Hat mich gefreut. Und noch etwas ist ganz gut: Wir dürfen uns Obst, einen Snack und Getränke nehmen und müssen die Artikel nicht an den anderen Kassen bezahlen, wenn es voll ist.

Wie sind die Aussichten für die nächsten Wochen und Monate?

Wir haben 120 Mitarbeiter in Altona, unter denen auch viele jünger sind. Ich denke, wir bekommen das hin. Auf jeden Fall. Weil wir uns auch mit den Kollegen austauschen. Dadurch, dass wir zusammenhalten, ist das Team gut. Ansonsten würden wir das nicht so einfach durchstehen. Denn wir sind auch angespannt, muss ich zugeben.


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Soul Pauli: Scannen gleich Wissen

Das Fotoprojekt „Soul Pauli“ fokussiert sich auf Hamburger Kultgebäude, setzt sie in den Mittelpunkt und guckt mit mal kurzen und mal längeren Geschichten hinter die Fassaden

Text: Erik Brandt-Höge

 

Was die drei Hufeisen über Rosi’s Bar auf dem Hamburger Berg bedeuten? Sie stehen für den ursprünglichen Namen der quietschblau angepinselten Kult-Kneipe: Zu den drei Hufeisen. Unter eben diesem übernahm sie Rosi 1969. Das erfährt man im Rahmen der Fotoausstellung „Soul Pauli – The Corona Friendly Exhibition“ ebenso wie die Geschichte, wie es zur Umbenennung der Bar kam. Dabei hatten ein paar nicht völlig unbekannte englische Musiker ihre Finger im Spiel.

„Soul Pauli“ liefert aber nicht nur gute Stories über Rosi’s, sondern auch über allerhand andere Bars, Clubs und Plätze auf St. Pauli. Molotow, Zur Ritze, Zum Goldenen Handschuh, Jolly Roger, Gruenspan, Seute Deern’s, Park Fiction: Wurden alle geknipst und per Mini-Porträt an der jeweiligen Hauswand verewigt. Dazu steht immer ein QR-Code, der spannende Hintergrund-Infos über die Location verspricht. Und wer gerade keine Lust auf St. Pauli-Schlenderei hat, kann sich alles auch virtuell von der Couch aus angucken. Die Ausstellung geht bis zum Ende des harten Lockdowns, ist umsonst und beinhaltet eine Spendenaktion unterhalb der Bilder.

soul-pauli.de


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Hotels for Homeless: Es reicht (nicht)!

Seit Monaten setzen sich Hamburger Sozialprojekte für die Unterbringung von Obdachlosen in leer stehenden Hotels ein. Die zivilgesellschaftlichen Aktionen haben Vorbildcharakter, trotzdem verweigert sich der Senat dem Konzept

Text: Ulrich Thiele

 

Fünf tote Menschen, das muss ein Fanal sein. Das Jahr hat gerade erst angefangen, und seit Silvester sind binnen einer Woche fünf Obdachlose auf der Straße gestorben. „Es reicht!“-Stimmung liegt in der Luft, als sich Sozialarbeiter von „Hinz&Kunzt“ und der Diakonie an diesem Mittwoch Anfang Januar am Jungfernstieg versammeln, um mit einer Mahnwache an die Verstorbenen zu erinnern.

Es ist kalt, eben hat es noch gehagelt. Eingepackt in dicke Jacken, Schals und Mützen stehen sie in Sichtweite zum Rathaus, in dem gerade die Hamburgische Bürgerschaft tagt. Die Botschaft der Demonstranten steht auf einem Banner: „Open The Hotels“. „Hinz&Kunzt“-Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer spricht eindringliche Worte in die Mikrofone der Journalisten. Wütend sei ein falscher Ausdruck für seine Stimmung, sagt er, er sei sprachlos, „weil das nicht mehr beschreibbar ist, wie dramatisch die Situation der Wohnungslosen ist. Wir sehen das Elend auf der Straße und dass mehr getan werden muss. Wenn die Sozialbehörde das einfach verneint, dann verstehe ich das nicht.“ Das Ergebnis habe man seit Silvester gesehen, dabei war es zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal richtig kalt. „Ich habe große Befürchtungen, dass noch weitaus mehr Menschen auf der Straße sterben, wenn die Temperaturen weiter sinken.“

Karrenbauer fordert schnelle Unterstützung. Die wäre möglich, da fast alle Hotels in Hamburg leer stehen. Die Zivilgesellschaft hat es vorgemacht: Für 120 Obdachlose wurden diesen Winter Hotelzimmer organisiert. Bei 2.000 Obdachlosen in Hamburg plus einer Dunkelziffer von ungefähr 1.000 ist das zwar nur ein Bruchteil, aber die Aktion hat Vorbildcharakter. „Wer erlebt, wie schnell die Menschen sich dort erholen, wie wichtig es für sie ist, zur Ruhe kommen zu können und dadurch auch eine Genesung zu erfahren – der kann das nur unterstützen.“ Warum die Stadt dies nicht tue, sei ihm unverständlich.

 

Projekt mit Modellcharakter

 

Die fundamentale Wirkung der Hotelunterbringung kann Nikolas Migut von StrassenBLUES e. V. nur bestätigen. Er ist der Initiator des Bündnisses „Hotels für Homeless“. Zusammen mit anderen gemeinnützigen Organisationen will StrassenBLUES 20 Menschen sicher durch den Winter bringen. Seit dem 9. November läuft die Aktion, die am 30. April endet. „Wir spüren, hören und sehen eine große Dankbarkeit bei den Menschen. Für sie ist die Aktion ein Sprungbrett, um in ihrem Leben neu anzufangen“, sagt Migut im Zoom-Interview.

Die Menschen sind in einem Hotel oder Hostel in Einzelzimmern untergebracht, werden mit Essen, Hygieneartikeln, Wäschegeld versorgt und sowohl medizinisch als auch persönlich betreut. Zudem bekommen sie Handys, um in Zeiten des Lockdowns Kontakt zur Außenwelt halten zu können. Das Hilfsangebot zielt darauf ab, die Menschen aus der Obdachlosigkeit zurück in die Gesellschaft zu führen. Viele haben keinen Personalausweis oder sind nie zur Behörde gegangen, um ALG II zu beantragen. Das wird nun nachgeholt.

Die ersten Monate wurden zum Zur-Ruhe-Kommen und zum Anschieben des Prozedere genutzt. Es galt, zu prüfen, wer überhaupt arbeitsfähig ist. Im Januar ist dann die Arbeits- und Wohnungssuche losgegangen. Nach zwei Monaten im Hotel hat kürzlich einer von ihnen eine eigene Mietwohnung gefunden. „Das ist ein absoluter Erfolg für uns“, freut sich Migut. Ein Erfolgserlebnis anderer Art gab es auch: Paddys Einzug ins Hotel wurde filmisch begleitet und ist auf der StrassenBLUES-Homepage zu sehen. Seine Ex-Freundin hat das Video gesehen und ihn kontaktiert – inzwischen sind sie wieder ein Paar.

 

Im Büro der Sozialsenatorin

 

Nikolas Migut und sein Team kümmern sich auf unterschiedlichen Ebenen. In der Vergangenheit haben sie zum Beispiel Geburtstags- und Weihnachtsfeiern organisiert und bringen so immer wieder Menschen mit und ohne Obdach auf Augenhöhe zusammen. Als Corona anfing, um sich zu greifen, war der Verein sehr schnell mit immer neuen Ideen am Start, um die Menschen auf der Straße zu unterstützen. Als der erste Lockdown im März kam, den Obdachlosen die Spenden von Passanten und die Pfandflaschen fehlten, startete StrassenBLUES spontan die Aktion StrassenSPENDE – Ehrenamtliche verteilten über 25.000 Euro Bargeld in 20-Euro-Scheinen sowie Supermarktgutscheine an Obdachlose auf der Straße. Gleichzeitig startete ein Crowdfunding, mit dem sie in kurzer Zeit 150.000 Euro sammelten und direkt für obdachlose Menschen auf der Straße einsetzten. Unter anderem verwendeten sie die Spenden für die Aktion StrassenSUPPE, die eine Woche später, am 24. März, folgte: TV-Koch Tarik Rose vom Restaurant Engel kochte und die Kollegen von recyclehero lieferten die Suppen mit ihren Lastenrädern direkt an Obdachlose aus. „Die Obdachlosen hatten Tränen in den Augen“, sagt Migut.

Bereits im April erkannte Migut, dass „Hotels for Homeless“ eine kurzfristige Lösung sei. Um das dafür notwendige Geld zu bekommen, initiierte Strassen- BLUES eine Forderungsaktion: Sie listeten auf ihrer Homepage Städte auf, die im Bereich der Hotelunterbringung aktiv waren, nannten die verantwortlichen Politiker unter anderem aus Hamburg mit dem Appell, sie zu kontaktieren und auf die Hotelunterbringung hinzuweisen. Und sie fertigten Papp-Plakate für die Obdachlosen an – die daraus entstandenen Schwarz-Weiß-Fotos gingen viral.

Nur: Die Stadt reagierte nicht. „Die Sozialbehörde hat die Hotelunterbringung von Anfang an als nicht nötig empfunden“, sagt Migut. Dabei sei sie nicht nur sinnig, sondern auch günstiger als das Winternotprogramm: Zwischen 20 und 30 Euro pro Zimmer koste eine Hotelunterbringung. „Die Argumentation der Sozialbehörde, dass man sich zuerst um den Erfrierungsschutz kümmern muss, ist falsch. Dass Erfrierungsschutz und Infektionsschutz zusammengehören, haben die bis heute nicht verstanden.“

Obwohl der Senat im April nicht auf Miguts Forderungen einging, zeichnete er StrassenBLUES im August mit dem Annemarie Dose Preis für innovative Engagement- Projekte aus. Dadurch hatte Migut die Gelegenheit, eine Stunde lang mit Sozialsenatorin Melanie Leonhard in ihrem Büro zu sprechen. Volker, ein Obdachloser (lesen Sie das Porträt auf S. 36), war mit dabei und brachte die UN-Menschenrechtscharta mit, die ein Recht auf Wohnen festlegt. Er schob sie zu Leonhard rüber und sagte: „Hier, lies das mal.“ Was folgte, war, laut Migut, eine harte, leidenschaftliche, aber auch lösungsorientierte Diskussion. Auch die Wahlversprechen der rot-grünen Koalition im Januar sprach Migut an. Dazu gehört „Housing First“, das aber „in der Finanzplanung der Stadt für 2021 und 2022 überhaupt nicht mitgedacht ist“. Leonhard sei nicht darauf eingegangen, habe nur betont, dass der Senat nun etwas für psychisch erkrankte Obdachlose tue.

 

Langfristige Planung

 

Das Prinzip „Housing First“ ist eine Alternative zum Programm der Notunterkünfte und setzt auf eine bedingungslose Unterbringung von obdachlosen Menschen. Die EU will damit bis 2030 Obdachlosigkeit gänzlich abschaffen. Trotzdem käme von den Städten nichts, so Migut, sie sagten nur, es bräuchte ein Modellprojekt. „Wir gehen das jetzt an, denn mir reicht es!“ Zusammen mit ausgewählten Experten will StrassenBLUES ein langfristiges Konzept erarbeiten, das auf drei Säulen aufbaut: Wohnen, Arbeit, Integration.

Der erste Schritt ist getan: Eine Projektstelle konnte durch Spenden finanziert werden. Jetzt sucht Migut Experten, die bei der Konzepterarbeitung mithelfen. „Mein Wunsch ist, dass wir Wohnungen nicht anmieten, sondern kaufen oder bauen und die Menschen in unseren eigenen Wohnungen unterbringen“, sagt Migut. In großem Maße dürfte das schwierig werden, aber man könne ja klein anfangen. Dafür vernetzt er sich deutschlandund weltweit mit Akteuren – auch mit dem schottischen Sozialunternehmer und „Social Bite“-Gründer Josh Littlejohn will er Kontakt aufnehmen. Littlejohn hat bereits ein Konzept in die Wege geleitet, dass obdachlose Menschen für 18 Monate unterbringt und in den Arbeitsmarkt überführt. „Hotels for Homeless“ ist eine kurzfristige Aktion für fünf Monate, „Housing First“ ist ein Projekt über Jahre.

 

A Change is gonna come

 

Auf die fünf auf der Straße verstorbenen Menschen angesprochen, macht Migut eine Pause. „Es ist schade, dass obdachlose Menschen keine Lobby haben. Und es scheint, dass die Gesellschaft einfach akzeptiert, dass Menschen im Winter auf der Straße sterben.“ Auch bei ihm: „Es reicht!“-Stimmung. „Ich bin es leid, mir anzusehen, dass für obdachlose Menschen in Hamburg zu wenig gemacht wird. Man fühlt sich ein bisschen ohnmächtig. Aber um es positiv zu formulieren: Es gibt Lösungen. Die kosten Zeit, Geld und Energie, aber es gibt sie.“ Dazu gehöre, das Winternotprogramm neu zu denken, in dem Gewalt herrscht, die Menschen ständig andere Zimmer haben und perspektivlos bleiben. „Wir als Gesellschaft müssen uns daran messen lassen, wie wir mit den Schwächsten umgehen. Und da hat Hamburg bisher ganz klar versagt.“

Was sich bisher zum Guten verändert hat, weiß Stephan Karrenbauer, der seit 30 Jahren als Sozialarbeiter in der Stadt unterwegs ist. „Als ich damals anfing, hatten wir noch die Bibby Altona unten am Hafen. Ein Schiff, das die Stadt mit Obdachlosen vollgestopft habe. Ich kenne noch die Unterbringung in einem Bunker unter dem Hauptbahnhof, ohne Fenster und Türen, mit Vorhängen vor den Toiletten. Ich kenne noch Winternotprogramme, da haben sie in den Wänden Lüftungslöcher durchgebohrt, damit Frischluft reinkommt. Das alles wurde skandalisiert und kam nie wieder. Es verändert sich jedes Jahr etwas. Man muss den Finger immer wieder in die Wunde stecken – sonst hat man aufgegeben und das tue ich nicht.“

strassenblues.de


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Hamburger Sportbund: Die Lage in der Corona-Pandemie

Ralph Lehnert (61) ist Vorstandsvorsitzender des Hamburger Sportbundes (HSB). Circa 830 Vereine, etwa 50 Fachverbände und somit über 540.000 Mitglieder sind im HSB organisiert. Im Interview mit SZENE HAMBURG nimmt Lehnert Stellung zur Lage des Hamburger Sports in der Corona-Pandemie

Interview: Mirko Schneider

 

Ralph-lehnert-sportbund-hamburgSZENE HAMBURG: Herr Lehnert, wie kommen die Hamburger Sportvereine aus Sicht des Hamburger Sportbundes durch die Pandemie?

Sehr unterschiedlich. Insgesamt können wir sagen, die Pandemie verursacht erhebliche wirtschaftliche und finanzielle Schwierigkeiten für die Vereine. Eine ganze Reihe von Vereinen war ja auch darauf angewiesen, Hilfen aus dem Nothilfefonds der Stadt Hamburg in Anspruch zu nehmen.

Können Sie die Probleme konkretisieren?

Sicher. In erster Linie verzeichnen die Vereine einen erheblichen Mitgliederverlust. Das schlägt sich unmittelbar auf der Einnahmenseite negativ nieder. Selbstverständlich sind auch viele kleinere Clubs betroffen, aber besonders größere Vereine haben hier teilweise einen großen Rückgang in den Mitgliederzahlen hinnehmen müssen. Und ausgetretene Mitglieder kommen ja nicht automatisch alle sofort zurück, wenn die Impfungen abgeschlossen sind.

Aber verursachen weniger Mitglieder nicht auch weniger Kosten, sodass auch die Ausgabenseite entlastet wird?

So können Sie das nicht rechnen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Sie bieten als Verein einen Sportkurs an, zu dem regelmäßig zwanzig Menschen kommen. Wenn der Vereinssport wieder hochgefahren wird, sind es nur noch 15. Ihre Beiträge durch Mitgliedereinnahmen sind dann gesunken, die Kosten aber gleichgeblieben.

Die Trainer muss der Verein ja trotzdem bezahlen und die Kosten für die Fläche, auf der der Sportkurs stattfindet, werden ebenfalls nicht kleiner. Wir werden also gemeinsam erhebliche Anstrengungen unternehmen müssen, damit jetzt nicht zu viele Mitglieder ihre Vereine verlassen. Trotzdem ist leider ein großer Schaden zu erwarten.

 

Zahlen und zahlen

 

Bei der letzten vom Hamburger Sportbund erfassten jährlichen Mitgliederstatistik am 1. Oktober 2020 betrug das negative Saldo für ganz Hamburg 21.000 Mitglieder. Die Zahl liest sich doch moderat und Corona existierte zu diesem Zeitpunkt schon längst…

Das stimmt. Aber man muss genauer hinschauen. Der Rückgang bei den Mitgliederzahlen zum Jahresende war nämlich wesentlich höher. Oft sind die satzungsgemäßen Austrittsfristen auf das Jahresende terminiert. Wir erheben das gerade und gehen davon aus, dass viele Clubs einen Rückgang der Mitgliederzahlen um 10 Prozent plus X werden hinnehmen müssen.

Besonders kostenintensive Angebote von Vereinen wie beispielsweise Fitnessstudios haben es schwer. Geraten Menschen in finanzielle Probleme, denken sie darüber nach, ob sie sich den Beitrag leisten können.

Der Nothilfefonds der Stadt Hamburg hat bislang 2,5 Millionen Euro an die Sportvereine ausgezahlt. Tut die Hamburger Politik auf dem ökonomischen Sektor genug für den Sport?

Zunächst einmal hat die Stadt Hamburg den Sport von Anfang an in all ihre Überlegungen miteinbezogen. Das war nicht in allen Bundesländern der Fall und ist daher nicht selbstverständlich.

Wir beim Hamburger Sportbund haben das Gefühl, der Nothilfefonds hilft den Vereinen sehr. Es gilt immer wieder festzustellen, welche Bedarfe bestehen, um dann zielgerichtet zu helfen.

Die Vereine können zwischen 25.000 und 40.000 Euro erhalten. Reicht das?

Nicht immer. Große Vereine müssen beispielweise oft vereinseigene Anlagen finanzieren. Da ergeben sich schnell Unterdeckungen in sechsstelliger Höhe und eine große finanzielle Not.

 

„Emotionalität ist gestiegen“

 

Der Hamburger Sportbund berät die Vereine bei der Antragstellung für Mittel aus dem Nothilfefonds. Ist der Aufwand für sie gewachsen?

Ja, aber wir helfen natürlich gerne. Wir informieren die Vereine und übrigens auch die Verbände über neue Rechtsverordnungen und die sich daraus ergebenden Möglichkeiten und Pflichten. Zum Glück sind wir in Sachen Digitalisierung gut unterwegs, können über unser neugeschaffenes Mitgliederportal Informationen zum Nothilfefons in digitaler Form anbieten.

Außerdem können die Vereine auf ihre bei uns datenschutzsicher hinterlegten Stammdaten zurückgreifen. Oft gibt es Unklarheiten, welche Kosten geltend gemacht werden dürfen. Bei jeder neuen Rechtsverordnung laufen in der Folge bei uns die Telefone heiß.

Haben Sie dann hauptsächlich mit verzweifelten Menschen zu tun?

Verzweifelt würde ich nicht sagen. Natürlich ist die Emotionalität im Laufe der Zeit gestiegen. Aber die meisten Ehrenamtler sind sehr verantwortungsbewusste Menschen. Sie haben die gesellschaftliche Situation im Blick und verstehen die Notwendigkeit der Maßnahmen.

Trotzdem freut sich natürlich keiner darüber, dass sich auch der Sport im Lockdown befindet. Viele Menschen in den Vereinen haben ja auch viel geleistet. Unter großen Mühen Hygienekonzepte erstellt, als es nicht mehr anders ging Online-Angebote ausgearbeitet. Das kostet alles Zeit und ist sehr anstrengend.

Außerdem existiert bei den Ehrenamtlern und auch bei uns eine Angst vor den langfristigen Spätfolgen der Aussetzung des Sports.

Welche langfristigen Spätfolgen sind das?

Es gibt wissenschaftliche Aussagen dazu, dass jede Stunde Sport, die jetzt nicht betrieben werden kann, zu einer Verschlechterung des Immunsystems führt. Zudem schult der Sport Sozialverhalten, gerade für Kinder und Jugendliche. Das fällt jetzt alles weg und das macht allen, die sich für den Sport engagieren, große Sorgen.

Bei einer Anhörung in der Bürgerschaft am 25. November schilderten Sie Ihr „Erschrecken und Entsetzen“ darüber, dass der Sport im ersten Beschluss der Bundesregierung zur Pandemie keine Erwähnung fand. Wie denken Sie heute darüber?

Ich habe damals zudem die Beschlussfassung für den Bereich Kultur zitiert und gesagt, wenn man das Wort „Kultur“ hier durch das Wort „Sport“ ersetzen würde, wäre uns sehr geholfen. Damit keine Missverständnisse entstehen: Es ging mir nicht um ein Ausspielen der wertvollen Kultur gegen den Sport.

Ich habe nur vorgeschlagen, durch eine identische Formulierung auch dem Sport einen Platz einzuräumen. Aus heutiger Sicht ist das längst Geschichte. Ich weiß, dass die Interessen des Sports auf Bundesebene sehr eindringlich vom Deutschen Olympischen Sportbund vertreten werden, der sich seinserseits intensiv mit den Landessportbünden austauscht.

In der aktuellen Beschlussfassung ist der Sport zwar wieder nicht erwähnt, aber das liegt vielleicht auch daran, dass er komplett heruntergefahren wurde. Schärfer als jetzt geht es ja nicht mehr.

 

Sonderstellung für Profisport

 

Eine Ausnahme bildet der Profisport. Er darf ausgeübt werden. Ist die Sonderstellung gerechtfertigt?

Man kann nicht von gerechtfertigt oder ungerechtfertigt sprechen. Die Begründung für den Profisport ist die Berufsausübung. Das wird meiner Wahrnehmung nach im Freizeit- und Breitensport durchaus akzeptiert und verstanden.

In Hamburg nehme ich jedenfalls keine Neiddebatte wahr. Hier herrscht viel Vernunft und Verantwortungsbewusstsein. Unsere Forderung nach einer Perspektive für den Freizeit- und Breitensport bleibt aber bestehen.

Wir als Hamburger Sportbund sind in Gesprächen mit dem Sportamt und das Verhältnis ist konstruktiv und vertrauensvoll. Für uns ist klar: Wenn sich die Infektionslage bessert, sollte der Kinder- und Jugendsport sowie Sport im Freien so schnell wie es möglich und verantwortbar ist wieder freigegeben werden.

Sind Sie optimistisch, dass der Hamburger Sport in diesem Jahr zurück zur Normalität findet?

Das glaube ich schon. Spätestens nach der Sommerpause müsste der reguläre Sportbetrieb wieder möglich sein. Wenn die Infektionslage entsprechend zurückgeht und die Impfungen planmäßig vorankommen.


Sport-SZENE_01_21-1 SZENE HAMBURG SPORT, Januar 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Januar 2021 als Heft im Heft in der Februar Ausgabe SZENE HAMBURG im Handel erhätlich!

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Holocaust-Gedenktag: 10 Orte gegen das Vergessen

Internationaler Tag gegen Gedenkens an die Opfer des Holocaust: Zum 76. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau gibt es auch in Hamburg Möglichkeiten des Gedenkens

Text: Eira Richter

 

Wandbild „Für die Frauen vom Dessauer Ufer“

 

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An die Ausbeutung und unmenschliche Unterbringung von Frauen, die im Speicher G am Dessauer Ufer, einem Außenlager vom KZ-Neuengamme, untergebracht waren, erinnert das Wandgemälde „Für die Frauen vom Dessauer Ufer” (1995) von Cecilia Herrero und Hildegund Schuster. Das Gemälde zeigt die jüdische Hamburgerin Lucille Eichengreens, die im Sommer 1944 als Häftling vom KZ Auschwitz zur Zwangsarbeit in ihre Heimatstadt zurückkehrte und Aufräumarbeiten in Mineralölraffinerien und anderen Hafenbetrieben verrichten musste.

Eichengreens war zuvor mit mehreren anderen Frauen im KZ Auschwitz nach Alter und körperlicher Verfassung zur Arbeit selektiert worden. Nach ihrer Zeit am Dessauer Ufer kam Lucille Eichengreens ins Außenlager Sasel und gegen Kriegsende ins Konzentrationslager Bergen-Belsen. Nach der Befreiung durch die Alliierten emigrierte sie in die USA.

Neumühlen 16-20 (Ottensen)

 

Gedenkstein und Stolperschwelle für die Euthanasie-Opfer in den Alsterdorfer Anstalten

Der „Gedenkstein und die Stolperschwelle für die Euthanasie-Opfer in den Alsterdorfer Anstalten“erinnern an die zahlreichen Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen, die aufgrund der NS-Rassenhygiene ermordet wurden.

Neben Zwangssterilisationen beteiligten sich die Ärzte auch aktiv an der Deportation von Patienten in Tötungsanstalten und an der Verlegung von Kindern in das Krankenhaus Rothenburgort, wo Experimente an ihnen durchgeführt wurden. Von den 629 körperlich behinderten, psychisch kranken oder teilweise nur verhaltensauffälligen Kindern und Erwachsenen überlebten nur 79 die „Euthanasie“-Aktionen.

Ev. Stiftung Alsterdorf, Dorothea-Kasten-Straße (Alsterdorf)

 

Mahnmal für die Kinder vom Bullenhuser Damm

Das „Mahnmal für die Kinder vom Bullenhuser Damm“ gedenkt den zwanzig jüdischen Kindern im Alter zwischen fünf und zwölf Jahren, die am 20. April 1945 im Keller der Schule am Bullenhuser Damm ermordet wurden. Zuvor waren die Kinder von Auschwitz in das KZ-Neuengamme verlegt worden, um an ihnen medizinische Experimente durchzuführen. Um die Spuren dieses Verbrechens vor den Alliierten zu verbergen, erhängten Anhänger der SS die Kinder und verbrannten die Leichen anschließend.

Die Errichtung des Mahnmals wurde durch eine Initiative von Bürgerinnen und Bürgern ermöglicht, die durch Spenden das Werk des russischen Künstlers Leonid Mogilevski finanzierten. In Erinnerung an die ermordeten Kinder wird jährlich am 20. April eine öffentliche Gedenkveranstaltung organisiert.

Roman-Zeller-Platz (Schnelsen)

 

Stolpersteine-App

 

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„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, sagt Künstler Gunter Demnig und gibt daher den Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft durch Stolpersteine einen Namen. Seit 1995 werden mit 10×10 Zentimertern großen Betonwürfeln, die auf der Oberseite mit einer Messingplatte versehen sind, auf denen die Lebensdaten der Opfer des Nationalsozialismus eingraviert sind, an eben diese erinnert.

Über die Stolpersteine-App sowie auf der offiziellenWebsite lassen sich nicht nur die Standorte der Stolpersteine, die in den Gehweg der letzten offiziellen Wohnadressedes Opfers eingelassen sind, finden, sondern auch ausführliche Biographien der Opfer. Die Stolpersteine geben somit jedem die Möglichkeit aktiv gegen das Vergessen der Ermordeten mitzuwirken.

 

Mahnmal zur Erinnerung an die Bücherverbrennung

Am 15. Mai 1933 verbrannten Hamburger Studierende, die der SA angehörten, am Kaiser-Friedrich Ufer sogenannte „undeutsche“ Bücher. Dieses Ereignis war das Ergebnis einer demonstrativen, reichsweiten Aktion, mit der die systematische Verfolgung von jüdischen, marxistischen, pazifistischen und anderen oppositionellen oder politisch unliebsamen Autorinnen und Autoren begann.

Zur Erinnerung an die Hamburger Bücherverbrennung wurde eine von Wolfgang Finck gestaltete Mahnmalsanlage geschaffen. Auf vier Marmorblöcken sind ein Zitat des Dichters Heinrich Heine, die Titel verbrannter Bücher, eine Auswahl an Namen Hamburger Autorinnen und Autoren, deren Bücher verbrannt wurden, sowie die Aufforderung zum Engagement gegen Faschismus und Krieg zu finden. Zum Gedenken findet jedes Jahr am Mahnmal eine Lesung von damals verbotenen Texten statt.

Grünanlage am Isebekkanal; Kaiser-Friedrich-Ufer, Ecke Heymannstraße (Eimsbüttel)

 

Mahnmal „Verhörzelle“

Um das Mahnmal „Verhörzelle“ des Künstlers Gerd Stange zu betrachten, kommt man nicht drum herum, sich zu bücken, denn die aus Fundstücken zusammengesetzte Installation ist in einem ausgeschachteten Graben platziert. Die Installation beinhaltet einen Wehrmachtshelm, ein Stück Treibholz und einen alten Gerichtsstuhl und soll insbesondere den Opfern nationalsozialistischer Verfolgung durch den Justiz-Apparat gedenken.

Geschwister-Scholl-Straße, Ecke Erikastraße (Eppendorf)

 

KZ-Gedankstätte Neuengamme

 

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Das KZ-Neuengamme ist mit den 86 Außenlager als größtes Konzentrationslager in Nordwestdeutschlands bekannt. Von 1938 bis 1945 waren dort etwa 100.400 Menschen aus ganz Europa inhaftiert – von denen nur die Hälfte die Gräueltaten des NS-Regimes überlebten. Um die Erinnerungen an die Opfer des KZ-Neuengamme aufrecht zu erhalten, wurde das ehemalige KZ-Gelände 2005 zu einer Gedenkstätte.

Obwohl die rund achtzig Fußballfelder große KZ-Gedenkstätte Neuengamme aufgrund der Corona-Maßnahmen ihre Ausstellungen vorerst schließen muss, kann man die Gedenkstätte auch durch viele digitale Angebote, wie virtuelle Rundgänge und Ausstellungen sowie durch Posts auf den offiziellen Social-Media-Accounts, besuchen.

Jean-Dolidier-Weg 39 (Neuengamme)

 

Mahnmal „Tisch mit 12 Stühlen“

Das Mahnmal „Tisch mit 12 Stühlen“ ist den Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfern zur Zeit des Nationalsozialismus gewidmet. Aus Ziegelsteinen fertigte der Künstler Thomas Schütte einen von zwölf Stühlen umstellten ovalen Tisch. Dabei befinden sich auf elf Rückenlehnen die Namen von bekannten Hamburgern, die gegen den Nationalsozialismus Widerstand leisteten.

Der zwölfte Stuhl ist jedoch namenlos, stattdessen wird auf einer Tafel die Gedenkstätte erläutert und der Besucher wird aufgefordert, sich zu den Frauen und Männern des Widerstands zu setzen und ihnen zu gedenken.

Kurt-Schill-Weg (Niendorf)

 

Gedenkort ehemaliger Hannoverscher Bahnhof

Zwischen 1940 und 1945 wurden mindesten 7.112 aus Hamburg und Norddeutschland stammende Jüdinnen und Juden, Sintize und Sinti sowie Romnja und Roma vom Hannoverschen Bahnhof in Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslager nach Osten deportiert. Nur wenige hundert der Deportierten entgingen dem Tod, weil sie bei Zwangsarbeit überleben konnten.

Während des Krieges wurden das Bahnhofsgebäude sowie die Gleisanlagen stark zerstört und der historische Ort geriet vorerst in Vergessenheit. Erst mit der Planung der HafenCity bekam der Ort wieder Öffentliche Aufmerksamkeit. Heute erinnern zwanzig Steintafeln an die Namen der Deportierten und bis 2023 soll an diesem Gedenkort im und am Lohsepark das aus drei Elementen bestehende „denk.mal Hannoverscher Bahnhof“ entstehen sowie ein Dokumentationszentrum mit Ausstellungs- und Veranstaltungsräumen.

Lohseplatz (HafenCity)

 

Mahnmal für die ehemalige Harburger Synagoge

 

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Mit der Errichtung eines Friedhofes im Jahr 1690 und der Eröffnung einer Synagoge 1862 war es der jüdischen Gemeinde in Harburg Wilhelmsburg möglich, ihr religiöses Leben frei zu entfalten. Dies änderte sich jedoch mit der Machtergreifung und den veränderten Lebensverhältnissen, weshalb viele Jüdinnen und Juden emigrierten.

Ab 1936 war die Anzahl der Gemeindemitglieder so gering, dass in der Synagoge keine Gottesdienste mehr gefeiert wurden. Zwei Jahre später zerstörten SA-Angehörige die Inneneinrichtung und Eingangstüren und im Jahr 1941 wurde das Gebäude abgerissen.

Nach Kriegsende wurden auf dem Gelände Wohnhäuser errichtet. Um an die Synagoge zu erinnern, befindet sich seit 1988 ein rekonstruiertes Portal der Synagoge an der Außenfassade an einem der neuen Wohnblöcke. Zusätzlich wird auf zwei Gedenktafeln die Geschichte der Harburger Synagoge erzählt.

Eißendorfer Straße/Ecke Knoopstraße (Harburg)


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Bornplatzsynagoge: Das Für und Wider der Rekonstruktion

Der Wiederaufbau der ehemaligen Bornplatzsynagoge am heutigen Joseph-Carlebach-Platz im Grindelviertel ist das derzeit meist diskutierte Bauprojekt der Stadt. Die Bürgerschaft möchte die Synagoge so errichten, wie sie war, bevor sie 1938 von den Nazis zerstört wurde – an gleicher Stelle, im gleichen Stil, in einer anderen Zeit. Über das Für und Wider der Rekonstruktion

Text: Marco Arellano Gomes

 

Es gibt Bauprojekte mit starker Symbolkraft. Die Speicherstadt war ein solches Projekt. Sie offenbarte die ökonomische Macht des Hafens, war funktional und traf den Zeitgeist. Der Fernsehturm war ebenfalls ein solches Projekt. Er stand für Modernität und Erhabenheit und strahlte neben dem technischen Fortschritt den Wohlstand der Nachkriegszeit aus.

Auch die Elbphilharmonie gehört in ­diese Kategorie. Sie offenbart Hamburgs Ambition, kulturell in der ersten Liga mitzuspielen und vereint das Klassische mit dem Modernen. Ob der ge­plante Wiederaufbau der Bornplatzsynagoge ein solches Projekt sein kann, wird sich zeigen. Zumindest ist es der Versuch, die Gegenwart und die Vergangenheit zu verstehen, zu vereinen, zu versöhnen. Kann das gelingen?

 

Bekenntnis zum jüdischen Glauben

 

Die Rekonstruktion der Synagoge sei ein klares Bekenntnis der Stadt zum jüdischen Glauben, der jüdischen Gemeinde, und ein politisches Zeichen gegen den gewachsenen Antisemitismus. So sagt es die Hamburgische Bürgerschaft, die sich geschlossen – über alle Fraktionen (SPD, Grüne, CDU, Linke, FDP und AfD) hinweg – für den Bau ausgesprochen hat. Ziel sei es, das jüdische Leben in Hamburg deutlich zu stärken und sichtbar werden zu lassen.

So viel Geschlossenheit gibt es nicht alle Tage. Die antisemitischen Anschläge in Halle und Hanau sind an Hamburg jedenfalls ebenso wenig vorbeigegangen wie der lebensgefährliche Angriff auf einen jüdischen Studenten mit einem Spaten vor der derzeitigen Hauptsynagoge Hohe Weide – mitten im Herzen von Eimsbüttel (SZENE HAMBURG berichtete in der November-Ausgabe).

 

Die Gedenkstätte

 

Am Joseph-Carlebach-Platz (ehemals Bornplatz), dem Ort, an dem die Synagoge wieder errichtet werden soll, befindet sich seit 1988 eine auf den ersten Blick nicht erkennbare Gedenkstätte. Man muss schon demütig den Blick senken, um das von der Künstlerin Margrit Kahl entworfene Bodenmosaik zu erkennen, das an den Sakralbau erinnert.

Diskret zeichnet es den Grundriss und das Deckengewölbe mit Granitsteinen nach. Einige Schilder und eine Stele auf dem Gehweg informieren über die Geschichte des Platzes, zeigen Bilder der Sy­nagoge und des damals prakti­zierenden Rabbiners Joseph Carlebach, der 1941 in das ­Lager Jungfernhof, nahe Riga (Lettland), deportiert und dort ebenso wie seine Frau und drei seiner Töchter ermordet wurde.

 

Größtes jüdisches Gotteshaus Norddeutschlands

 

Die Synagoge wurde am 9. November 1938 in der Reichs­pogromnacht von Nationalsozialisten geschändet und in Brand gesetzt, wie viele andere jüdische Gotteshäuser und Geschäfte in ganz Deutschland auch. Augenzeugen in Hamburg berichteten von klirrenden Scheiben, von Feuerflammen, die ein bis zwei Tage loderten, während die Feuerwehrleute nur daneben standen und zuschauten. Übrig blieb eine Ruine, die ein Jahr später auf Kosten der jüdischen Gemeinde abgerissen wurde.

Dabei sollte die nach den Plänen der Architekten Ernst Friedheim und Semmy Engel erbaute Bornplatzsynagoge ursprünglich ein neues Kapitel des gesellschaftlichen Zusammenlebens zwischen Juden und Nichtjuden in Hamburg einläuten: Es war das größte jüdische Gotteshaus Norddeutschlands.

Mitten in dem Stadtteil, in dem das jüdische Leben zu Hause war: das Grindelviertel. Gestaltet im neoromanischen Stil, mit Rundbögen und gotischen Elementen. Auf der mächtigen, knapp 40 Meter hohen braunen Kuppel war ein Stab mit einem vergoldeten Davidstern angebracht. Die 1908 eingeweihte Synagoge bot 1.200 Besuchern Platz und war mit ihrer schlichten und doch erhabenen Präsenz Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins.

 

Spatenschlag statt Spatenstich

 

Shlomo Bistritzky, der derzeitige Landesrabbiner der Freien und Hansestadt Hamburg, hat die Synagoge in einem Interview mit dem „Hamburger Abendblatt“ im Oktober 2019 wieder ins Gedächtnis gerufen und schlug kühn vor, sie erneut zu errichten. Exakt so wie damals.

Auch Philipp Stricharz, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, sprach sich dafür aus, ebenso wie die Hamburgische Bürgerschaft. In der Sitzung im Februar 2020 brandete Beifall unter den Abgeordneten auf. Der Schock von Halle saß noch tief – und die Bürgerschaft wollte offensichtlich mehr bieten als verbale Anteilnahme. Die Politik stand also dahinter, die Presse und große Teile der Bevölkerung auch.

Dann folgte am 4. Oktober statt eines Spatenstichs der besagte Spatenschlag, vor der Synagoge Hohe Weide. Es war die zweite aufsehenerregende antisemitische Attacke in Hamburg innerhalb eines Jahres. Zuvor wurde Landesrabbiner Shlomo Bistrit­zky auf dem Rathausmarkt angespuckt. Wie könnte man jetzt noch Nein sagen? Wenn es jetzt nicht an der Zeit ist, ein klares, selbstbewusstes Zeichen der Solidarität mit der jüdischen Gemeinde zu setzen, wann dann?

 

„Hamburg hat keinen Zentimeter Platz für Antisemitismus.“

Peter Tschentscher

 

Am 9. November, dem Jahrestag der Pogromnacht, gedachten Hunderte der im Holo­caust ermordeten Hamburger Juden und stellten Kerzen neben den vielen Stolpersteinen auf. Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher stellte sich hinter das Projekt: „Mit einem Wiederaufbau der von den Nationalsozialisten zerstörten Synagoge am Bornplatz kann dort erneut ein zentraler Ort des jüdischen Lebens in Hamburg entstehen“, sagte er und fügte hinzu: „Hamburg hat keinen Zentimeter Platz für Antisemitismus.“

Mitte November folgte die Finanzierungszusage des Bundes in Höhe von 600.000 Euro für eine Machbarkeitsstudie. Diese soll Klarheit bringen, ob und wie eine Rekonstruktion der Synagoge aussehen kann. Viele Fragen gilt es hierbei zu klären: Passt das Gebäude überhaupt in den zur Verfügung stehenden Platz? Gibt es bauliche Schwierigkeiten aufgrund des angrenzenden, denkmalgeschützten Luftschutzbunkers? Müssen Bäume gefällt werden? Gibt es bautechnische Voraussetzungen, die eine Umsetzung erschweren oder teurer werden lassen? Was wird der Bau kosten? Die Ergebnisse der Machbarkeitsstudie werden für Ende 2021 erwartet.

 

Kritische Stimmen

 

Am 27. November bewilligte der Haushaltsausschuss des Bundestags 65 Millionen Euro für den Wiederaufbau. Der Hamburger Haushalt soll sich in gleicher Höhe beteiligen. Machbarkeitsstudie finanziert, Gelder bewilligt, alle dafür – es hätte nicht besser laufen können. Dann meldeten sich erste kritische Stimmen.

Den Anfang machte der ehemalige Journalist Michel Rodzynek. Er habe Bedenken, dass die immensen Kosten – mitten in der Pandemie – alte Vorurteile schüren könnten. Er plädiert für ein jüdisches Zentrum statt einer Synagoge.

Mitte Dezember machte dann ein Thesenpapier die Runde, zu dessen Autoren die Historikerin Prof. Miriam Rürup, der Bauhistoriker Prof. Gert Kähler sowie die frühere Eimsbütteler Bezirksamtsleiterin Ingrid Nümann-Seidewinkel (SPD) zählen. Darin machen sie mehrere Einwände geltend. Besonders problematisch empfinden die Verfasser, „dass dadurch das Resultat verbrecherischer Handlungen unsichtbar gemacht und die Erinnerung an diese Verbrechen erschwert wird.“ Es könne zudem die Illusion erzeugt werden, „es sei nie etwas geschehen“.

Aber sind die Argumente überzeugend? Glaubt irgendjemand allen Ernstes, dass die jüdische Gemeinde ein Interesse daran hat, „die Erinnerung an diese Verbrechen zu erschweren“? Würde eine exakte Nachbildung einer historischen Synagoge nicht vielmehr die ­Menschen zwingen, sich stärker mit ihr auseinanderzusetzen und zugleich einen Neuanfang ermöglichen?

 

Neuer Altbau

 

Die Autoren plädieren für einen modernen Neubau und nennen als Vorbilder Dresden (2001), München (2006) und Mainz (2010). Auch das Kulturforum Hamburg sprach sich für einen Neubau aus. Aber passt ein solcher Neubau wirklich besser in das Grindelviertel als ein neuer Altbau?

Geklärt werden muss auch, wie man mit dem bisherigen Bodenmosaik umgeht. Aber müssen „wir“ wirklich zwingend „diese Wunde im Stadtbild zeigen – und diese Wunde offenhalten“, wie es die Ex-Senatorin Ingrid Nümann-Seidewinkel im Thesenpapier fordert und mit Rechten der Künstlerin begründet, die „1988 nicht erwarten konnte, dass ihr Werk nur 30 Jahre Bestand haben würde“?

„Die große Mehrheit der heutigen Hamburger sagt: Die Bornplatzsynagoge wurde der jüdischen Gemeinde von den Nazis genommen, ermöglichen wir den Wiederaufbau“, sagt Philipp Stricharz, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde. Es dürfe gerade nicht heißen: „Wo die Nazis keine Synagoge sehen wollten, soll der Platz auch leer bleiben.“

Im Grindelviertel wächst seit einiger Zeit etwas, das verloren schien. Mit der 2007 wiedereröffneten Joseph-Carlebach-Schule und dem angeschlossenen Kindergarten sowie dem nahe gelegenen Café Leonar ist die jüdische Gemeinde wieder im Aufwind. Sie wächst. Die Bornplatzsynagoge an irgendeinen anderen Ort in der Stadt aufzubauen, hält Stricharz daher für wenig zielführend. Die Synagoge müsse hier stehen. Nur hier vermag sie den Mitgliedern ein Gefühl zu geben, wieder angekommen zu sein: in Hamburg, im Grindelviertel, am Bornplatz.

 

Neue Initiative

 

Seit Anfang Januar hängen knapp 500 Plakate der Initiative „Nein zu Antisemitismus. Ja zur Bornplatzsynagoge“ verteilt im Stadtgebiet. Die Initiative des Unternehmers Daniel Sheffer hat viele namhafte Unterstützer hinzugewonnen. Nach Angaben der Pressesprecherin haben 100.000 Menschen die Kampagne bereits unterstützt (Stand: 20.1.2021). Wer wagt da noch zu widersprechen?

Zum Beispiel Esther Bejarano (96) und Peggy Parnass (93), zwei Holocaust-Überlebende. Beide vom Hamburger Senat mit der Ehrendenkmünze in Gold ausgezeichnet, der zweithöchsten Auszeichnung nach der Ehrenbürgerwürde.

Beide sind skeptisch, wenn es um die Rekonstruktion der Synagoge als Zeichen gegen den Antisemitismus in Hamburg geht. „Ich zweifle an der Sinnhaftigkeit dieses Vorhabens“, sagte Bejarano nach Angaben des Auschwitz-Komitees. „Anti­semitismus können wir nur bekämpfen“, so Bejarano, „wenn wir die Jungen gewinnen.“ Sie plädiert deshalb für ein Haus der Begegnung für alle Menschen, „in dem über die Ursachen von Antisemitismus, über Lebensbedingungen heute, über Solidarität und Gerechtigkeit, über Umwelt und Bildung diskutiert wird“.

Auch Peggy Parnass, die als Gerichtsreporterin über zahlreiche NS-Pozesse berichtet hat und die alte Synagoge noch kannte, empfindet eine Rekonstruktion als nicht angebracht. Sie wünsche sich „eine kuschelige kleine Synagoge, wie ich sie in Prag gesehen habe. Für gigantische Projekte habe ich nichts übrig.“

Kann eine originalgetreue Rekonstruktion einer Synagoge einen angemessenen Neuanfang initiieren? Oder ist sie Ausdruck eines ­revisionistischen Geschichtsverständnisses? In jedem Fall verspricht sie ein Projekt von ungeheurer Symbolkraft zu werden. Mit allen Gefahren, die damit einhergehen.

bornplatzsynagoge.org


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