Uebel-Betreiber im Interview: Wie geht’s der Clubszene?

Unter strengen Auflagen fand im September das Reeperbahn Festival statt. Ob Maßnahmen wie Mitsing- und Tanzverbot oder Bestuhlung Vorbild für einen zukünftigen Clubbetrieb sind und wie man die Zeit im Lockdown nutzt, erzählt Uebel & Gefährlich-Betreiber Wolf von Waldenfels, dessen Club Teil des Festivals war

Text & Interview: Ole Masch

 

Der Begriff Urgestein mag im Musikjournalismus zuweilen recht inflationär gebraucht worden sein. Auf Wolf von Waldenfels trifft er mit Sicherheit zu. Seine Karriere als Clubbetreiber begann bereits 1986 mit dem Fun Club im Hinterzimmer der Kneipe Eimer in der Klopstockstraße. Es folgte der HipHop-Laden Powerhouse und später an gleicher Stelle das Cubic. 1997 dann die Gründung des legendären Technoclubs Phonodrome im Zirkusweg 20 auf St. Pauli. Nach dessen Umzug ans Nobistor und einer, mit dem Click, weiteren für die elektronische Szene prägenden Cluberöffnung, zog es von Waldenfels in den Bunker an der Feldstraße. Im Frühjahr 2006 eröffnete er hier zusammen mit Tino Hanekamp das Uebel & Gefährlich. Anfang März 2020 wurde pandemiebedingt der reguläre Betrieb bis heute eingestellt.

 

Wolf von Waldenfels im Interview

Uebel-Chef Wolf von Waldenfels

SZENE HAMBURG: Wolf, über ein halbes Jahr befindet sich die Clubszene bereits im Lockdown. Wie seid ihr rückblickend mit dieser Ausnahmesituation umgegangen? 

Wolf von Waldenfels: Natürlich hatte man erst mal Angst, aber wir haben uns sehr schnell dazu entschieden, den Club dichtzumachen. Noch bevor es eine offizielle Regelung der Behörden gab. Publikum war ohnehin schon kaum mehr da und im Grunde gab es gar keine andere Möglichkeit. Wer will schon Superspreader sein.

Wie ging es weiter?

Ziemlich Zack auf Zack. Es gab drei, vier Wochen eine gewisse Unsicherheit, aber dann wurde schon signalisiert, dass bestimmte Hilfen kommen. Und Mitte April haben wir das erste Mal Kurzarbeitergeld für unsere 19 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beantragt. Aber man wusste natürlich nicht, was noch kommt.

Zum Beispiel?

Wir hatten beispielsweise laufende Verbindlichkeiten, die noch bezahlt werden mussten. Klar war, dass wir nicht einfach komplett zumachen konnten, sondern irgendwie weitermachen mussten.

Wie sah das konkret aus?

Zum einen wollten wir die Leute weiter bedienen und sind vermehrt ins Streaming eingestiegen. In den ersten Monaten gab es fast jede Woche etwas von uns. An dieser Stelle will ich auch mal ein Lob an die Stadt Hamburg aussprechen. Dort hat man sich ziemlich schnell entschieden, relevante Clubs am Leben zu erhalten. Das heißt, dass wir 80 Prozent der Fixkosten bekommen und die Kulturbehörde auch noch etwas dazusteuert. Insofern ist es für uns ganz gut erträglich.

 

Ohne Unterstützung wäre es zur Schließung gekommen

 

Ans Aufhören hast du also nie gedacht?

(Zögert) Doch, schon. Aber dann ging es wie gesagt recht schnell mit den Hilfen. Leute aus der Politik haben angerufen und mitgeteilt, dass etwas gemacht wird und ich cool bleiben soll, weil nicht gewollt sei, dass die ganze Kultur den Bach runtergeht. Ich habe mich zum Glück nie allein gefühlt. Ohne diese Unterstützung wäre es aber sicher zur Schließung gekommen.

Wie sind die Hilfen begrenzt?

Zunächst bis zum Ende des Jahres. Ich glaube aber, dass es danach noch verlängert wird. Danke dafür.

Zahlreiche Veranstaltungen mit bereits verkauften Tickets wurden abgesagt. Haben viele Menschen ihr Geld zurückgefordert?

Nein, ganz und gar nicht. Das war alles nicht so ein großes Problem. Die Leute waren cool. Und unser Büro hat mächtig rotiert, um Termine zu verlegen. Die Tickets behalten ja ihre Gültigkeit.

 

„Wir sind in Hamburg ohnehin solidarisch“

 

Gab es auch unter den Clubs eine größere Solidarität?

Schon vor längerer Zeit wurde in Hamburg mal eine sehr gute Entscheidung getroffen. Damals rumorte es gewaltig wegen der immer größeren Kosten für die Elbphilharmonie. Es gab dann unter der Kultursenatorin Karin von Welck einen größeren Betrag für die Clublandschaft.

Das Geld wurde aber nicht einfach aufgeteilt, sondern mithilfe des Clubkombinats die Clubstiftung ins Leben gerufen. Sie greift immer dann unter die Arme, wenn ein Laden Probleme hat. Und das hat zu Corona-Zeiten natürlich auch funktioniert. Wir sind in Hamburg, trotz der Konkurrenz, also ohnehin solidarisch.

Klingt fast so, als hätte die Pandemie für euch kaum größere Probleme verursacht …

Finanziell und materiell kommen wir gerade so über die Runden, obwohl für die Mitarbeiter die Gehaltseinschnitte schon ein Problem sind. Aber das Fehlen von Aktivitäten ist natürlich absolut furchtbar und macht uns wahnsinnig.

Wir alle machen diese Arbeit sehr gerne, haben große Lust darauf und jetzt können wir sie nicht ausüben. Die Stimmung geht auf und ab wie bei einer Achterbahnfahrt. Und natürlich befürchte ich, wenn ein Impfstoff zum Beispiel erst Ende nächsten Jahres verfügbar wäre, dass das Geld irgendwann ausgeht.

Beim Reeperbahn Festival gab es unter hohen Auflagen erstmals wieder Konzerte bei euch. Wie war dein Eindruck. Wäre eine ähnliche Umsetzung für die Zukunft denkbar?

Nein, das Reeperbahn Festival war kein Beispiel dafür, wie es weitergehen kann. Klar sah der Saal toll aus, die Musik war laut und einige unserer freien Techniker konnten wieder arbeiten und Geld verdienen. Aber mit 80 Personen auf Stuhlreihen ist es nicht das Gleiche. Dies sind nur vorsichtige Schritte, um Erfahrungen zu sammeln, damit die Anzahl der Gäste irgendwann wieder steigen kann.

 

Eine Begrenzung auf 100 Leute rechnet sich nicht

 

In Niedersachsen sollen ab Oktober Clubs erneut öffnen dürfen. Mit maximal hundert Leuten, Maske beim Tanzen und Alkoholverbot ab 18 Uhr …

Das macht für uns keinen Sinn. Ich war zwar immer der Meinung, dass jedem Menschen eine Maske und vernünftige Schutzausrüstung zur Verfügung gestellt werden sollte, mit der man dann eventuell wieder feiern gehen könnte. Aber eine Begrenzung auf hundert Leute würde sich niemals rechnen.

Wie könnte es dann in Zukunft weitergehen?

Wir sind nach wie vor in einem Lernprozess. Man muss jetzt erst mal testen, ob sich bestimmte Maßnahmen positiv auswirken. Zum Beispiel planen wir ein neues Lüftungssystem, wofür der Staat ebenfalls Geld dazugibt.

Wenn wir trotz Lockerungen weiterhin Unterstützung erhalten, würden wir eine schrittweise Öffnung mit wenigen Gästen mitmachen. Vielleicht gäbe es dann eine Kombination aus Livestream und geringem Publikum vor Ort. Aber grundsätzlich glaube ich, dass, bevor es keinen Impfstoff gibt, wir nicht ohne Hilfen auskommen.

Zuletzt noch ein anderes Thema: Der Fortschritt der Baustelle des sogenannten Hilldegarden auf dem Bunkerdach wird täglich sichtbarer. Wie steht ihr zu dem Projekt?

Da sind wir hier im Team etwas gespalten. Da ich persönlich, und nicht das Uebel & Gefährlich, die dort geplante Veranstaltungshalle für 2200 Gäste betreiben werde, stehe ich dem Ganzen natürlich positiv gegenüber. Der Grund, warum ich mich hier beteilige, liegt ja gerade daran, dass man den Geschäftsleuten, die dort Geld verdienen wollen, nicht das Feld komplett alleine überlässt.

Dadurch, dass man mitarbeitet und Einfluss geltend machen kann, entstehen vielleicht doch wieder neue spannende Orte, die nicht nur dem Kommerz verschrieben sind. Alle können übrigens bei Hilldegarden Mitglied werden, Ideen einbringen und das Projekt mitgestalten.


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Hamburger Nachwuchs: Sängerin Zoe Wees im Interview

Vor drei Jahren war Zoe Wees bei „The Voice Kids“ zu bestaunen. Auch wenn sie damals nicht gewann, ist die 18-Jährige mit der rauen Soulstimme nicht mehr aus dem nationalen Pop-Geschehen wegzudenken. Mehr noch: Zoe Wees, die in ihrer Kindheit mit Rolando-Epilepsie zu kämpfen hatte, strebt eine Weltkarriere an

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Zoe, du warst 15, als du an „The Voice Kids” teilgenommen hast. Was hast du von deinem Ausflug ins Casting-TV gelernt?

Zoe Wees: „The Voice Kids“ war auf jeden Fall eine interessante Erfahrung und hat Spaß gemacht. Aber es hat mir eigentlich nur gezeigt, dass ich lieber selbst Schritt für Schritt eine eigene Karriere aufbauen möchte, mit einem starken Team, das mich unterstützt.

Was würdest du denn generell jungen Talenten empfehlen, um ins Musikgeschäft einzusteigen: die Teilnahme an einer Castingshow oder Eigenmarketing per Social Media? 

Das muss, glaube ich, jeder selbst für sich herausfinden. Ich persönlich finde, man sollte versuchen, sich selbst etwas aufzubauen. Über Social Media zu gehen, ist meiner Meinung nach der beste Weg dafür. Jeder hat eine Chance verdient, und jeder hat dort die Möglichkeit, kreativ zu werden und sich eine Fanbase aufzubauen, vor allem auf Plattformen wie Tiktok oder Instagram.

Nicht fehlen dürfen sicherlich auch Mentoren auf dem frühen Karriereweg. Eine Förderin besingst du in deiner Single „Control“: deine ehemalige Grundschullehrerin. Inwieweit hat sie dich unterstützt?

Sie war damals immer für mich da, wenn es mir schlecht ging. Jedes Mal, wenn ich einen epileptischen Anfall hatte, hat sie mich an die Hand genommen und ist mir zur Seite gestanden. Sie hat sich viel Zeit für mich genommen, was nicht selbstverständlich ist. Dafür bin ihr unendlich dankbar, und darum habe ich den Song „Control“ auch für sie geschrieben. Es war ein sehr emotionaler Moment, als ich ihr den Song zum ersten Mal vorgespielt habe.

 

„Ich habe gelernt, mit der Krankheit zu leben”

 

In „Control“ erzählst du von eben diesen Erfahrungen mit Rolando-Epilepsie. Steht diese deiner Karriere heute noch im Weg? 

Nicht direkt. Die Rolando-Epilepsie ist eine Krankheit, die in den meisten Fällen während der Pubertät ausheilt, und das war glücklicherweise auch bei mir so. Aber auch heute habe ich morgens manchmal noch das Gefühl und die Angst, dass ich einen Anfall haben könnte, obwohl ich eigentlich weiß, dass es nicht sein kann. Das verfolgt mich also weiterhin, aber ich habe gelernt, damit zu leben.

Und wenn besagte Karriere ein Wunschkonzert wäre: Wo genau würdest du als Musikerin bestenfalls noch überall landen? 

In ein paar Jahren würde ich am liebsten auf Welttour gehen und auf den größten Bühnen stehen. Mein größter Traum ist es, vor einer riesigen Menschenmenge aufzutreten und gemeinsam mit den Leuten meine Songs zu singen. Außerdem will ich so viel Musik wie möglich releasen!

Hier könnt ihr in Zoe Wees’ Debüt-Single „Control“ reinhören:


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Große Empörung: Hermes Fulfilment entlässt Mitarbeiter

Die Otto Group entlässt im kommenden Jahr 840 Mitarbeiter ihres Tochterunternehmens Hermes Fulfilment in Bramfeld und stärkt die Standorte in Polen und Tschechien. Die Empörung ist groß, der Zeitpunkt ungünstig und die Politik beschwichtigt

Text: Marco Arellano Gomes

 

In der griechischen Mythologie gilt Hermes als Schutzgott des Verkehrs, der Reisenden, der Kaufleute, und sogar – man höre und staune – der Diebe. Schutzgott der Logistik-Beschäftigten ist er hingegen nicht. Mitten in einer Zeit, in der es gilt, den Coronabedingten wirtschaftlichen und sozialen Härten durch Solidarität zu begegnen, gibt die Otto Group – eines der größten und einflussreichsten Unternehmen Hamburgs (Umsatz: 14,3 Milliarden Euro) – bekannt, dass 840 Mitarbeiter beim Tochterunternehmen Hermes Fulfilment in Bramfeld entlassen werden.

Also: alle. Ab kommendem Jahr werden die zurückgesendeten Waren aus Europa ausschließlich zu den Retourbetrieben in Lodz (Polen) und Pilsen (Tschechien) gefahren. Dort werden die Rücksendungen in Zukunft angenommen, ausgepackt, geprüft, gereinigt, eingepackt und weiterverkauft. Die Beschäftigten in Bramfeld hingegen verlieren im Herbst 2021 ihren Job. Für viele bedeutet das den direkten Übergang in die Arbeitslosigkeit. Die aus etwa 69 Nationen stammenden, überwiegend weiblichen Mitarbeiter fühlen sich vor den Kopf gestoßen. Das ist Social Distancing der etwas anderen Art.

 

„20 Jahre Arbeit. Belohnung: Kündigung“

 

Am Montag, den 14. September, elf Tage nach der Bekanntgabe der Entscheidung, gingen knapp 200 Mitarbeiter in ihrer Mittagspause mit gelben Warnwesten vor der Konzernzentrale auf die Straße, um ihrem Ärger Luft zu machen. Sie hielten Schilder hoch, auf denen Sätze zu lesen waren wie: „20 Jahre Arbeit. Belohnung: Kündigung“, „Wie Müll entsorgt, danke Otto“, und „Otto – fand ich gut.“ Sie schlugen auf Trommeln und Plastikkübeln rhythmisch ihren Frust heraus. Auf die üblichen Trillerpfeifen wurde aufgrund der Maskenpflicht verzichtet.

Unter den Demonstrierenden war auch Dirk Schmidt, Betriebsratsvorsitzender bei Hermes Fulfilment: „Wir wollen ein Zeichen setzen und fordern den Vorstand der Otto Group auf, den Beschluss für das Aus des Retour- Betriebs in Hamburg zurückzunehmen.“, sagte er gegenüber dem NDR. „Die Otto Group spart jetzt richtig Geld, den Preis müssen wir, die alles mit aufgebaut haben, mit unseren Arbeitsplätzen bezahlen. Das passt nicht zu den Werten dieses Familienunternehmens. Tradition, Treue, Verbundenheit und Wertschätzung werden mit Füßen getreten.“

Heike Lattekamp, Verdi-Landesfachbereichsleiterin für Handel, pflichtet ihm bei: „Wir sind entsetzt und empört über das Verhalten des Unternehmens. Otto betont immer seine soziale Verantwortung. Davon ist jetzt nichts zu sehen. 840 Beschäftigte und ihre Familien sind in ihrer finanziellen Existenz bedroht.“ Die Mitarbeiter hatten seit 2006 Gehaltseinbußen in Höhe von zwölf Prozent hingenommen, um ihre Arbeitsplätze in Hamburg zu halten, erklärt Verdi in einer Mitteilung. Die nun verkündete Entscheidung fühle sich für die Betroffenen an wie eine unverschämte Retour-Kutsche.

 

Der Standort ist schon länger nicht rentabel

 

„Alle sind schockiert und traurig“, berichtet Olaf Brendel, Mitarbeiter bei Hermes Fulfilment, Mitglied im Hermes Europe Aufsichtsrat und bis vor Kurzem Vertreter der Arbeitnehmerschaft im Otto Aufsichtsrat. „Viele unter ihnen haben eine sehr lange Betriebszugehörigkeit. Fast die Hälfte der Belegschaft sei über fünfzig.“ Der Kommunikations-Chef der Otto Group, Thomas Voigt, verweist darauf, dass der Standort schon länger nicht mehr rentabel sei und alle namhaften Konkurrenten ihre Retouren in Osteuropa bearbeiten ließen. Es gehe darum, wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Konkurrenz im internationalen Onlinegeschäft sei beinhart.

Schon heute lasse Otto zwei Drittel aller Retouren nach Lodz und Pilsen senden. Der Zeitpunkt mag angesichts der Corona-bedingt guten Auftragslage zwar ungünstig erscheinen, aber Voigt weist darauf hin, dass das Plus an Aufträgen in den vergangenen Monaten auch zusätzliche Kosten verursacht habe und zeitlich begrenzt sei. Der Konzern rechnet damit, dass die Wirtschafts- krise sich bald negativ auf den privaten Konsum auswirken wird. Auf die Vorwürfe, unsozial zu sein, entgegnet der Kommunikations- Chef, dass es die Aufgabe eines Unternehmens sei, möglichst viele Arbeitsplätze zu sichern.

„Sozial ist, was Arbeit schafft“, so Voigt. Es scheint bloß keine Rolle mehr zu spielen, wo. Einen Sozialplan, mögliche Abfindungen, Optionen zur Weiterbeschäftigung und Vorruhestand-Regelungen für einige der Mitarbeiter könnten durchaus Teil der Verhandlungen zwischen Betriebsrat und Geschäftsführung sein. Voigt möchte da aber „nicht vorgreifen“. Die Otto Group bemühe sich selbstverständlich darum, die Folgen abzumildern, versichert er. Es klingt, als sei die Entscheidung selbst unverrückbar. Die „Bearbeitung retournierter Waren steht in einem ganz besonders intensiven Wettbewerbsumfeld“, heißt es in der Pressemitteilung der Otto Group.

Das mag stimmen, es stimmt bald aber auch für die 840 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die sich nach einem neuen Job umsehen werden müssen – mitten in einer Krise, mit Wirtschaftsprognosen, die milde formuliert bescheiden ausfallen. Viele Unternehmen haben derzeit geringen bis keinen Anreiz, Mitarbeiter einzustellen. Einem Großteil dürfte es nicht nur schwerfallen, sondern geradezu unmöglich sein, überhaupt eine Weiterbeschäftigung zu finden.

 

„Stück für Stück unsozialer“

 

Olaf Brendel hat wenig Verständnis für die Entscheidung: „Die Bearbeitung einer Retoure in Hamburg habe eine bis zu zwei Tage kürzere Laufzeit. Er sehe inzwischen keinen Unterschied mehr zwischen Otto und Wettbewerbern wie Amazon und Zalando. Es zählt nur noch jeder gesparte Cent beim Personal. Ist das der Maßstab für das Familienunternehmen mit sozialer und ökologischer Tradition? „Vielleicht habe die Entscheidung mehr mit dem Verhältnis von Eigenkapitalquote und Verschuldung zu tun“, vermutet Brendel.

Das Portfolio sei viel zu spät gereinigt, Projekte im Ausland seien halbherzig und auf Schulden eingegangen worden – und sollen nun wohl durch die Vernichtung von Arbeitsplätzen in Deutschland wieder wettgemacht werden. Der Konzern werde „Stück für Stück unsozialer“, so Brendel. Dann zitiert er eine Kollegin: „Werner Otto würde sich im Grab umdrehen.“ Sein Mandat im Aufsichtsrat habe er aus Protest an Dr. Michael Otto zurückgegeben. Dem Betriebsrat der Otto Group gehöre er nicht mehr an. Er wurde dort freigestellt. Er erkenne das Unternehmen nicht mehr wieder.

Auch die Politik meldet sich auf Anfrage von SZENE HAMBURG zu Wort: „Der Verlust von Arbeitsplätzen ist immer schmerzlich“, so Wirtschaftssenator Michael Westhagemann. „Die Otto Group hat zugesagt, gemeinsam mit dem Betriebsrat die Folgen für die betroffenen Beschäftigten so gut wie möglich abzumildern und wird sich an diesem Versprechen auch messen lassen müssen.

Die Logistik-Initiative Hamburg hat mir zugesichert, die Otto Group und die Arbeitsagentur bei Bedarf mit ihren guten Unternehmenskontakten dabei zu unterstützen, die Beschäftigten in Anschlussbeschäftigungen zu vermitteln.“ Der Pressemitteilung vom 3. September ist zu entnehmen, dass der Vorstand der Otto Group und die Geschäftsführung von Hermes Fulfilment „die Entscheidung schweren Herzens getroffen“ hat. Ob dabei Tränen flossen, ist nicht überliefert. Kurz danach dürfte Hermes, der Götterbote, entsandt worden sein, um die Botschaft aus dem Olymp nach Bramfeld zu überbringen. Die Botschaft ist unmissverständlich: Es wird keine Retour mehr in Hamburg geben.


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Digitale Uni: Wie läuft das Studium im Homeoffice?

Paul, 28, ist Masterstudent an der Uni Hamburg. Neben seinem Studium arbeitet er im Kulturbereich und setzt sich zudem für Queer-Rights ein

Interview: Johanna Zobel

 

Uni-Extra: Paul, was hat sich im letzten Semester für dich geändert? 

Ziemlich viel. Mein kompletter Uni-Alltag, so wie ich ihn kenne, hat nicht mehr stattgefunden. Genauer heißt das: keine Mensa, kein Campus-Gefühl und der Austausch mit Kommilitonen und Kommilitoninnen lief über Skype und Co. Außerdem konnte ich Anfang des Semesters gar nicht und danach nur mit Zeitslots in die Bibliothek, daher habe ich meistens zu Hause in meiner Einzimmerwohnung gelernt.

Wie hast du auf Literatur zugegriffen ohne Bibliothek?

Ich konnte größtenteils mit Online-Artikeln arbeiten und hatte daher keine direkten Nachteile bei der Literaturrecherche. Bei Problemen und Fragen hatte ich allerdings keine Ansprechpartner und Ansprechpartnerinnen vor Ort, sondern konnte Uni-Personal nur telefonisch oder per Mail kontaktieren. Zum Ende des Semesters durften die Bibliotheken öffnen und es war wieder möglich, Bücher auszuleihen.

Wie war die Arbeitsumstellung für dich? 

Mir hat die ruhige Arbeitsatmosphäre in der Bibliothek gefehlt. Meine Wohnung ist sehr hellhörig und meine Nachbarn waren häufiger im Garten, wodurch es teilweise etwas lauter wurde. Zu Hause war daher nicht die perfekte Lernatmosphäre. Deshalb bin ich oft zu Freunden oder in Cafés, um zu studieren.

Und die Umstellung bezüglich der Kurse? 

Für mich war es ok. Zwar hatte ich Zoom zuvor noch nie benutzt, doch die Anwendung ist relativ simpel. Bei manchen Kursen ging das tatsächlich total schnell und hat auch gut geklappt. Bereits Mitte April haben die ersten Kurse online stattgefunden. Voraussetzung für das digitale Studieren sind eine gute Internetverbindung und ein gut laufender Laptop oder PC. Letzteres war bei mir nicht der Fall – mein Laptop ist leider nicht mehr besonders leistungsstark, weshalb ich teilweise Schwierigkeiten hatte. Eine Reparatur meines Laptops war zu dem Zeitpunkt nicht möglich, weil die zuständigen Geschäfte geschlossen hatten.

Wie sah dein Privatleben in der Zeit aus?

In der ersten Zeit der Corona-Pandemie war ich, wie viele andere Studierende auch, in meiner Heimat bei meiner Familie. Weil aber Museen, Konzerthäuser oder Kinos geschlossen waren, war ich häufiger draußen und habe mich nach den ersten Lockerungen dann auch viel mehr mit meinen Freunden im Park oder auf einen Spaziergang getroffen.

Hattest du auch weiterhin Kontakt zu deinen Kommilitonen?

Da ich am Ende meines Studiums stehe, habe ich bereits ein gutes Netzwerk mit anderen Studierenden aufgebaut, mit denen ich mich austauschen konnte. Ich könnte mir aber vorstellen, dass Studienanfänger und Studienanfängerinnen durchaus größere Problematiken hatten, weil sie schwieriger Kontakt aufbauen konnten.

Zurück zum Studium: Welche Vorteile ziehst du aus dem digitalen Studieren?

Auch wenn es zu Hause etwas lauter war als in der Bibliothek, so war ich doch zeitlich flexibler. Teilweise haben die Kurse nicht über Zoom stattgefunden, sondern über Videos, die zu jeder Zeit – auch mehrfach – angeschaut werden konnten.

Sind die Lehrformen und Programme einheitlich?

Die Umsetzung erfolgte nicht einheitlich. Das könnte daran liegen, dass es zum einen relativ schnell gehen musste und teilweise die nötige Technik bei den Professoren nicht vorhanden war. Einerseits gab es Kurse über Zoom, die mit festem Termin datiert wurden, andererseits gab es auch Vorlesungen, die aufgenommen und als Datei übermittelt wurden.

Hast du eine lustige Anekdote aus der Zeit parat?

Ja, tatsächlich: Direkt meine erste Zoom-Vorlesung war amüsant. Mein Dozent hat versehentlich eine Tasse Kaffee über seiner Tastatur entleert. Allein das sorgte schon für Schmunzler. Er ist schreckhaft aufgesprungen und holte ein Handtuch. Beim Aufwischen des Kaffees löste sich durch eine Schnelltaste ein Song von Andreas Gabalier aus, der lautstark abgespielt wurde.

Meinst du, jetzt mit deinen Erfahrungen, dass digitales Studieren die Zukunft ist?

Auf jeden Fall. Das digitale Studieren und Arbeiten hat definitiv Zukunft, nur braucht es natürlich etwas Zeit, bis es sich einpendelt. Außerdem müsste eine Lösung gefunden werden, die es ermöglicht, dass auch die Studierenden mit geringen Ressourcen mit passendem technischem Equipment unterstützt werden.


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Inszenierung im Schauspielhaus: „Richard the Kid“

Richard III. ist vielleicht Shakespeares abgründigste Figur. Er lügt, intrigiert und mordet. Im Schauspielhaus geht „Richard the Kid“ in der Inszenierung von Karin Henkel auf die Suche nach seiner frühkindlichen Prägung. Ein Gespräch mit Dramaturgin Sybille Meier über eine Inszenierung, die keine einfachen Erklärmuster bietet

Interview: Dagmar Ellen Fischer

 

SZENE HAMBURG: Sybille Meier, Lina Beckmann wird Richard III. verkörpern – warum wird die männliche Figur weiblich besetzt?

Sybille Meier: Es geht um die Schauspielerin Lina Beckmann, die in ihrer Wandelbarkeit und großen Virtuosität genau die richtige Besetzung für diese Figur ist. Sie vermittelt einerseits: „Ich spiele euch den Bösewicht“, wird aber andererseits immer mehr tatsächlich zu diesem Tyrannen. Dass eine Frau die Rolle spielt, ist sekundär. Richard selbst bezeichnet sich im Stück als „Kröte“ und als „Wesen“, das sich keiner eindeutigen Kategorie zuordnen lässt, also auch keiner geschlechtlichen. Regisseurin Karin Henkel interessiert das Grenzgängerische und Spielerische daran.

„The Kid“ im Titel lässt an einen Jungen denken, verwandelt sich Lina Beckmann tatsächlich in ein Kind?

Sie spielt auch das Kindliche ihrer Figur, also den Zwölfährigen, mit ihren Mitteln. Wenn man in Shakespeares Dramen das Alter nachrechnet, stellt man fest, dass Figuren durchaus mit zwölf Jahren schon in die Schlacht geschickt oder mit 14 verheiratet werden.

Woher weiß man überhaupt etwas über die Kindheit dieses Shakespeare’schen Despoten?

Wir haben schnell gemerkt, dass wir weiter in der Geschichte zurückgehen müssen, um etwas über seine ersten Jahre zu erfahren. Also haben wir uns auch mit Shakespeares „Heinrich VI.“ auseinandergesetzt, darin wird von Richards Kindheit erzählt. Wir nutzen also Texte aus beiden Dramen, sonst wären die Beweggründe der Figuren gar nicht verständlich.

Das Ensemble besteht in diesem Fall aus nur vier Darstellern, warum diese kleine Crew?

Ursprünglich war geplant, „Richard III.“ in Koproduktion mit den Salzburger Festspielen zu inszenieren. Dann kam Corona, und wir waren herausgefordert, darauf zu reagieren. Wir beschlossen, das Stück in zwei Teilen zu machen: erstens „the Kid“, und zweitens „the King“. Der erste Teil wird unter den aktuellen Pandemie-Auflagen mit wenigen Schauspielern umgesetzt, der zweite Teil dann hoffentlich im nächsten Jahr mit einem großen Ensemble unter normalen Bedingungen. Dass Lina Beckmann Richard III. spielt, stand von Anfang an fest – das war der Ausgangspunkt für Karin Henkels Vorhaben, das Stück überhaupt inszenieren zu wollen.

Dann bleiben für die anderen zahlreichen Figuren also nur drei Schauspieler, Bettina Stucky, Kate Strong und Kristof Van Boven?

Wir haben uns bei dieser Inszenierung auf die Familiengeschichte konzentriert, auf die beiden Familien York und Lancaster, die sich bekämpfen. Darum geht es ja im Grunde von Anfang an in diesen Rosenkriegen, um zwei Herrscherfamilien, die ihren scheinbar legitimen Anspruch auf die Krone mit Krieg beantworten. Die Politiker, die darüber hinaus bei Shakespeare eine Rolle spielen, werden bei uns im ersten Teil nicht vorkommen.

Trotzdem wird jeder mehrere Rollen übernehmen müssen, welche Charaktere sind denn unentbehrlich?

Das sind die beiden Brüder von Richard, Edward und George zum Beispiel, und Anne natürlich, seine spätere Frau. Außerdem werden König Heinrich und dessen Frau Margareta aufauchen, die eine große und wichtige Rolle in Richards Kindheit gespielt haben.

Wird auch hier wieder gegen den Strich besetzt, geschlechtlich gesehen?

Ja, das finde ich toll, dass man in unserer heutigen Zeit künstlerisch so frei ist zu entscheiden, wer was spielen kann. Diese Offenheit in der Figurengestaltung ergibt immer neue Spannungen.

Es geht also mehr um Familie und damit auch um Psychologie als um die Herrschaftshäuser?

Ich bin unsicher, ob man bei Shakespeare-Texten von einer komplexen Psychologie im heutigen Sinn sprechen kann. Wir beschäftigen uns mit den Konstellationen in den Familien, deren Haltungen. Und wir werden bestimmt nicht historisch korrekt sein, das war Shakespeare schon nicht, denn inzwischen weiß man ja, dass Richard III. gar nicht so ein schlimmer Herrscher gewesen ist, wie ihn der Autor zeichnet.

Wenn es um die Kindheit Richards geht, kommt sicher die Beziehung zu seiner Mutter ins Spiel?

Ja, das war ein Ansatz, der Karin Henkel sehr interessierte: diese traumatische Geburt, bei der das Kind missgestaltet auf die Welt kam und schon Zähne im Mund hatte. Hätte man das als Vorzeichen deuten und verstehen müssen, dass er ein Bösewicht ist? Aber wie hätte man damit umgehen sollen? Bei Shakespeare hatte Richards Mutter Schwierigkeiten, überhaupt eine empathische Beziehung zu diesem Kind aufzubauen.

Oder ist es genau diese fehlende Mutterliebe, die ihn zu einem Monster macht? Denn Shakespeare lässt Richard III. an einer Stelle sagen, er habe sich bewusst dafür entschieden, böse zu sein …

Das ist eine sehr aktuelle Frage: Wie kann es sein, dass Menschen so sind? Wie kann dieses Böse so plötzlich hervorbrechen? Ist es von Anfang an da, und man kann im Grunde nichts tun, weil schon zu Beginn eine Deformation des Geistes existiert? Oder machen die Umstände ihn dazu? Ist es die zerstörte Kindheit aus Krieg und Gewalt und auch Lieblosigkeit, die aus ihm das gemacht hat, was er später geworden ist? Das ist eine sehr interessante Frage, die wir uns heute immer noch stellen: Woher kommt das Böse im Menschen?

Also: Ist er böse, weil ihm Mutterliebe fehlt, oder kann die Mutter ihn nicht lieben, weil er schon als Neugeborener böse war?

Vielleicht gibt es da keine eindeutige Zuweisung von Ursache und Wirkung. Oder keine eindeutige Schuld. Das bleibt in unserer Inszenierung offen, auch in der allgemeinen Verteidigung von Müttern, denn schnell könnte man denken: Na ja, wenn die Mütter in der Kindheit nicht dies und jenes getan hätten, dann wäre alles besser oder anders gelaufen.

Schlägt Karin Henkel den Bogen ins Hier und Jetzt?

Für sie ist folgende Frage interessant: Wie kann es denn sein, dass eine Nation oder ein Land in die Hände eines Tyrannen fällt? Warum akzeptieren Menschen, dass ein Staatsoberhaupt so offensichtlich lügt, und trotzdem gehen viele Menschen diesen Weg mit? Die Parallelen zur heutigen Zeit sind klar.

Schauspielhaus
10.10. (Premiere), 12., 14., 24., 29.10. und weitere


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Fünf Tipps für eure Herbstferien in Hamburg 2020

Es sind Ferien in Hamburg. Doch wie verbringt man seine Freizeit in Zeiten einer globalen Pandemie? Wir haben ein paar Corona-konforme Tipps für den Urlaub in Hamburg für euch gesammelt, die auch bei Regenwetter Spaß machen.

 

1. Strips & Stories

Dieser Buchladen hat ein besonderes Sortiment: Der Schwerpunkt liegt hier auf Graphic Novels und Comics, aber es gibt auch ein Ecken für Hamburg, Kultur, Politik, Kunst und Kinderbücher. Seit letztem Jahr bringt das Strips & Stories eine Artist Edition heraus, in welcher eine Illustration als signierter Druck und Tasche herausgegeben wird, sie produzieren einen Videopodcast, in welchem sich Künstler, Autoren und Musiker vorstellen, indem sie ein Regal einrichten. Aktuell dürfen drei Personen zeitgleich den Laden betreten.

Wohlwillstraße 28 (St. Pauli), Di-Fr 13-19 Uhr, Sa 12-18 Uhr; strips-stories.de

 

2. Planetarium Hamburg

Wie entstand die Erde? Was sind schwarze Löcher? Warum ist es im All Dunkel? Diesen Fragen wird im Planetarium nachgegangen. Im Sternensaal des ehemaligen Wasserturms werden verblüffende Blickwinkel auf unsere Erde und deren Bezüge zum Weltall ermöglicht. Aber auch unterhaltende Shows wie „Die drei ???“ mit einem eigens dafür entwickelten Soundsystem und Konzerte werden an die riesige Decken-Kuppel geworfen. Für ausreichende Abstände im Saal ist gesorgt. Auch eine Sehenswürdigkeit: Der Blick von der gerade wiedereröffneten Aussichtsplattform.

Linnering 1 im Stadtpark (Winterhude) Di 9-18, Mi-Do 9-20, Fr 13-22, Sa 12-22, So 10-19 Uhr, planatarium-hamburg.de

 

3. Hidden in Hamburg

Live Escape Games sind die spannende Live-Variante der virtuellen Room Escape Games für Handy und PC, bei denen die Spieler nach Hinweisen suchen, knifflige Rätsel lösen und Schlösser knacken müssen, um aus der Gefangenschaft zu fliehen oder einen Mordfall aufzudecken. Bei Hidden in Hamburg kann man aus sieben liebevoll aufgemachten Locations wählen: Dabei befinden sich fünf Räume auf dem historischen Schiff Cap San Diego im Hamburger Hafen, die beiden anderen sorgen direkt nebenan auf dem berühmten Segelschiff Rickmer Rickmers für täuschend echte Seemannsatmosphäre. Eure Abenteurer-Gruppe sollte aus 4 bis 7 Personen bestehen. Zu anderen Gruppen habt ihr keinen Kontakt.

Rickmer Rickmers, Landungsbrücken 1a (St. Pauli) / Cap San Diego, Überseebrücke, hidden-games.de

 

4. Porzellanfräulein

Der Designentwurf entsteht direkt auf dem Geschirr, dann bemalt und glasiert man die Keramik nach ganz eigener Fasson und schiebt die Keramikkunst in Porzellanfräuleins Brennofen. Oder besser gesagt: Das Porzellanfräulein erledigt das und nach einer Woche können die neuen Lieblingsstücke abgeholt werden. Die Kurse sind allein, mit Kindern oder in der Gruppe buchbar. Es ist auch möglich, unbemalte Keramik und Farben abzuholen und zu Hause kreativ zu werden.

Preystraße 8 (Winterhude), Mi 14-22, Do 10-22, Fr 14-19, Sa-So 11-18 Uhr, Kursteilnahme nach Vereinbarung, porzellanfraeulein.de

 

5. Pizza Bande

Mindestens so lecker wie im Urlaub in Italien: Die Pizza bei der Pizza Bande auf St. Pauli! Pizzaliebhaber, die sich vegan ernähren, haben hier die Chance, auch mal pflanzlichen Speck, Gyros oder Thunfisch als Belag wählen zu können. Neben den veganen Spezialitäten kommen frische Zutaten von lokalen Gemüsehändlern und für Fleischesser mediterrane Salsiccia, Chorizo oder Serrano-Schinken auf den Teig. An schönen Herbsttagen kann man seine Pizza auch draußen im Garten genießen.

Lincolnstraße 10 (St. Pauli), Mo-Do 16-22, Fr-Sa 13-23, So 13-22 Uhr, pizza-bande.de

 


Mehr Tipps gegen Schmuddelwetter-Langeweile gibt’s in unserem Schietwetter Guide. Gibt’s im Zeitschriftenhandel oder im Online-Shop

 

 

 

 

 

 

 

Warum unser Autor den Hamburger Hauptbahnhof hasst

Es fährt ein: der Hass

Ich hasse den Hamburger Hauptbahnhof in seiner anbiederischen Freundlichkeit und Sauberkeit. Zur zweitgrößten Stadt im Land gehört ein urbaner, menschenfeindlicher Schmuddelbahnhof. Schäm dich, Hamburg! Und nimm dir ein Beispiel am Frankfurter Hauptbahnhof: Dealer, Junkies, Eintracht-Fans, soweit das Auge reicht. Hier gehört es zum guten Ton, seine Notdurft mitten auf dem Bahnhofsvorplatz zu verrichten. Aufrecht, in voller Montur. Die Plätze der verwaisten Außengastronomie teilen sich Tauben mit Ratten und treiben munter ihre Populationsrate nach oben. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie sich kreuzen.

Statt Endzeitstimmung empfängt mich auf dem Hamburger Bahnhofvorplatz ein silberner Airstream-Foodtruck. Trotz mehrmaligen Nachfragens kann der junge Mann, der aussieht wie gecastet, meinem Wunsch nach Bier und Korn nicht nachkommen. Diverse Pommes-Arten, unzählige Saucen mit kranken Namen wie Joppie (Heesters!?), aber nicht eine Dose Bier! Ein Streich mit der versteckten Kamera? Das wäre schlecht, denn ich hasse Guido Cantz noch mehr als den Hauptbahnhof. Ich verabschiede mich grußlos Richtung Bahnhofshalle.

Die Probleme fangen schon bei der Architektur an. Die 1906 eröffnete Halle ist ein Zitat der „Galerie des Machines“ der Pariser Weltausstellung von 1889, und so sieht sie auch aus. Lichte Kathedrale statt muffiger Katakombe, flankiert von zwei pittoresken Türmen mit albernen Erkerchen. Wo, bitte, bleibt die Menschenfeindlichkeit? Hoffnung macht, dass in Hamburg erst abgerissen und dann gefragt wird. Siehe Deutschlandhaus, City-Höfe und als aktuelle Opfer Sternbrücke und Café Seeterrassen. Vielleicht steht hier in ein paar Jahren eine zugige Hölle wie Berlin Hauptbahnhof mit seinem albtraumhaften Labyrinth aus Ebenen, Treppen und gut versteckten Gleisen.

Und doch hat der Hamburger Hauptbahnhof auch seine guten Seiten. Die Nordseite, um genau zu sein. Dort lädt die Bierbar „Smalltalk“ zu Fassbier samt Zigarette ein. Zu- mindest hier versöhne ich mich mit dem meistfrequentierten Fernbahnhof der Deutschen Bahn. Ich throne als Fels inmitten des Gewusels über den Gleisen und gebe mich dem beruhigenden Anblick abgefahrener Züge hin.

/ Markus Gölzer


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Olaf Scholz: Besonnen oder unverfroren?

Besonnener Mann oder eiskalter Machtpolitiker? Unsere Autoren haben aufgeschrieben, was sie vom ehemaligen Hamburger Bürgermeister und heutigem Finanzminister Olaf Scholz halten.

 

In der Ruhe liegt die Macht

Große Politiker erkennt man daran, dass sie an Ort und Stelle sind, wenn es drauf ankommt. Sie handeln umsichtig, besonnen und mit Blick aufs Ganze. Olaf Scholz ist ein solcher Politiker. Das hat er nicht nur als Erster Bürgermeister in Hamburg unter Beweis gestellt, sondern auch als Finanzminister und Vizekanzler der Bundesrepublik Deutschland. Sieben Jahre regierte Scholz die Hansestadt, ehe er nach Berlin wechselte. Bei seinem Wahlsieg 2011 errang er mit der SPD die absolute Mehrheit (48,4 Prozent), bei seiner Wiederwahl 2015 kam er zu – nach wie vor sagenhaften – 45,6 Prozent. Das sind für die Sozialdemokraten seither bundesweit unerreichte Zahlen.

Der in Osnabrück geborene, in Hamburg-Rahlstedt aufgewachsene und später in Altona lebende Politiker hat einen guten Ruf. Und das hat handfeste Gründe: Scholz brachte das fast Unmögliche fertig und sorgte gleich in seiner ersten Amtszeit in Hamburg dafür, dass die Elbphilharmonie fertig gebaut wurde; Scholz war es auch, der den Wohnungsmarkt in Hamburg durch die Erhöhung der Baugenehmigungen für Neubauwohnungen auf über 10.000 im Jahr beruhigte; und es war ebenfalls Scholz, der während der Corona-Krise die „Bazooka“ zückte, als es darum ging, die Finanzmärkte zu beruhigen, und wenig später mit „Wumms“ Milliardenhilfen für die von Corona geplagte Wirtschaft bereitstellte.

Scholz ist selbstbewusst, stets gut vorbereitet, verlässlich und vertrauenswürdig. Er ist ein Macher, der Details nicht fürchtet, sondern durchdringt, der Probleme löst, statt nur darüber zu reden, der Herausforderungen annimmt, statt davonzulaufen. Aber auch er ist nicht ohne Makel: Wirecard-Skandal und Cum-Ex-Steueraffäre werden dieser Tage – insbesondere von Oppositionspolitikern – ins Feld geführt. Es stehen die durchaus berechtigten Fragen im Raum, wie viel er wusste, wen er wann traf und was Inhalt dieser Unterredungen war. Den damit verbundenen Vorwürfen, Verdächtigungen und Verleumdungen muss Scholz sich stellen. Und genau das tut er: „Es hat keine politische Einflussnahme auf die Entscheidung des Finanzamtes Hamburg gegeben – von mir nicht und auch von an- deren nicht“, so Scholz im Bundestag bei einer Befragung zur Causa Warburg-Bank. Solange es keine Beweise für das Gegenteil gibt, muss man das akzeptieren.

Der amtierende Vizekanzler und Finanzminister war in seiner Regierungszeit in Hamburg vor allem als „König Olaf “ bekannt. Das lag nicht nur an der grundsätzlichen Sehnsucht der Hamburger nach einem Hauch aristokratischer Kultur in dieser ach so kühlen, von Kaufmännern und Pfeffersäcken geprägten Hansestadt. Es steckte auch ein wenig Stolz in dieser Beschreibung. Scholz ist jemand, der nicht im Trüben fischt, der weiß, wovon er spricht und der das dann auch tatsächlich umsetzt – akribisch, sachlich, detailverliebt. Scholz ist jemand, der für seine Überzeugungen einsteht, der seinen Job ernst nimmt und sich erklärt.

Er hat Erfahrung und verfügt über Kompetenz. Er ist der geborene Politiker, wie ihn Max Weber in seinem Werk „Politik als Beruf “ beschrieb. Nun muss es ihm nur noch gelingen, die Wählerinnen und Wähler mit seinen Worten zu erreichen, zu berühren, zu begeistern. Denn eins ist klar: Scholz ist kein großer Redner. Er wird auch nicht von allen geliebt. Aber er wird für seine Zuverlässigkeit respektiert. Vielleicht braucht Deutschland, vielleicht braucht Europa gegenwärtig mehr denn je einen Politiker, der so zuverlässig ist – gerade in diesen unruhigen Zeiten. Was wären die Alternativen? Eben.

/ Marco Arellano Gomes 

 

Olaf, völlig unverfroren

Ach, der Olaf … Nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Schneemann aus Disneys „Frozen“. Obwohl es auch jenseits der Namensverwandtschaft bemerkenswerte Überschneidungen gibt: Beide haben diesen drolligen Gesichtsausdruck, der dem Gegenüber ein wohliges Gefühl von Harmlosigkeit vermittelt. Und beide lieben Umarmungen, vor allem mit Großkonzernen. Der eine Olaf spült mit seiner Gutmütigkeit Disney, der weltweit größten NGO für faire Arbeitsbedingungen, Milliarden in die Kassen. Der andere Olaf hilft bedürftigen Banken und Dax-Konzernen, über die Runden zu kommen.

Die von Scholz veranlasste Rettung der fast gar nicht skandalträchtigen, räusper, HSH Nordbank kostet Hamburgs und Schleswig-Holsteins Steuerzahler bis zu 14 Milliarden Euro. Dann ist da noch die Cum-Ex-Geschichte: Hamburgs Steuerbehörden ließen 2016 Nachforderungen in Höhe von 47 Millionen Euro gegen die Warburg-Bank verjähren – die Summe war die Privatbank nach Cum-Ex-Geschichten schuldig. Damals war Scholz Hamburgs Erster Bürgermeister, der heutige Bürgermeister Tschentscher war übrigens Finanzsenator. Sogar der Vorwurf politischer Einflussnahme steht im Raum.

Auf eine Kleine Anfrage der Hamburger Linken bestritt Scholz Ende letzten Jahres noch, dass es mit der Bankspitze Gespräche über deren Cum-Ex-Geschäfte gegeben habe. Mitte Februar räumte er dann ein Treffen mit Warburg-Chef Christian Olearius ein. Inzwischen ist bekannt: Es waren mehrere Treffen. Upsi-daisy, aber trotzdem: Den Vorwurf der Einflussnahme weist er immer noch von sich – man habe nur Pokémon-Karten getauscht, so Scholz. Zu allem Überfluss wird die Pleite des Dax-Konzerns Wirecard momentan zur Regierungsaffäre. Trotz Hinweisen auf Markt- und Bilanzmanipulationen hat sich die Regierung für den Zahlungsdienstleister eingesetzt – und Olaf, völlig unverfroren, steckt als Finanzminister wieder mittendrin.

Kurz: Die SPD ist, mit Scholz erst recht, keine glaubwürdige Alternative zur CDU – kein sozialer Allgemeinplatz dieser Welt kann darüber hinwegtäuschen. Ob nun Scholz, der Genosse der Bosse, oder Blackrock-Merz von der CDU Kanzler wird, ist insofern, wie schon der große Chansonnier Michael Wendler einst sang: EGAL. P.S.: Ach ja: G20.

/ Ulrich Thiele 


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Hamburger des Monats: Janina Alff

Janina Alff brachte im August 2015 eine Kleiderspende für Geflüchtete in die Messehallen. Voller Wut, aber auch voller Energie widmete sie sich fortan der Hilfe für Bedürftige und wurde Mitgründerin des Vereins Hanseatic Help, der in diesem Monat sein 5-jähriges Bestehen feiert

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Janina, wenn du an den August 2015 zurückdenkst, woran erinnerst du dich sofort? 

Janina Alff: Zuerst kommt mir das Gefühl von einer unglaublichen Wut in den Kopf, auch das von einer großen Trauer. Das lag einfach an den damaligen Umständen. Es waren 1.200 Menschen in den Messehallen, mit denen wir in Kontakt standen und deren Geschichten wir hörten. Dazu die Bilder im Fernsehen, das Weltgeschehen allgemein: Das hat einfach wütend und traurig gemacht. Auf der anderen Seite erinnere ich mich auch an ein sehr positives, energetisches Gefühl. Es gab ja eine immense Anzahl von Helfern in den Hallen, bei denen eine Hand in die andere griff. Alle wollten unbedingt den Missständen unterstützend entgegentreten. Es war eine extrem aufgeladene Stimmung – im positiven Sinne.

Erinnerst du dich auch noch an den ersten Aufruf, der zu der großen Zahl von Helfern geführt hat? 

So voll und ganz konnten wir den nie rekonstruieren. Ich kann da nur meine Geschichte erzählen. Ich kam Mitte August zum ersten Mal in die Hallen, nachdem ich einen Aufruf über die sozialen Medien gelesen hatte. Parallel dazu hatte das Hamburger Abendblatt eine Spendenaktion gestartet. Es gab zunächst nur eine kleine Ecke, wo Anwohner Kleidung abgeben durften, das waren wirklich nur 50 Quadratmeter – in einer Halle von circa 8.000 Quadratmetern. Durch die mediale Aufmerksamkeit kamen allerdings so viele Spenden zusammen, dass die gesamte Halle schnell voll war. Es war wie ein Lauffeuer.

Was hast du dir zu diesem Zeitpunkt, also kurz nach deiner Kleiderspende, zur Aufgabe gemacht? 

Als ich meine Tüte mit Kleidung abgegeben hatte, bin ich nach Hause – und habe erst mal geheult. Ich hatte ja das Chaos in der Halle gesehen, in der die vielen Geflüchteten untergebracht waren. Ich habe mir dann vorgenommen, am nächsten Tag wieder hinzugehen und zu helfen, die abgegebenen Spenden zu sortieren. Das habe ich gemacht, den gesamten Tag. Auch den Tag darauf. Ich bin einfach jeden Tag hingegangen.

Ich habe weiter an den Sortierstationen mitgearbeitet, die Ausgaben gemacht, später ein Büro organisiert. Ich habe immer wieder neue Bedarfspunkte mit aufgebaut und bin weiter zum nächsten. Und am 15. Oktober habe ich zusammen mit anderen Helfern den Verein Hanseatic Help gegründet. Wir waren ein zusammengewürfelter Haufen aus St. Pauli und Umgebung, 32 Leute, die damals eine Lücke, die die Stadt noch nicht schließen konnte, geschlossen und damit die Not der Menschen gelindert hat.

Durfte damals und darf heute eigentlich jeder bei Hanseatic Help mitmachen? 

Ja, das ist unser Konzept. Wir haben ja eine Satzung, und darin wurden Vereinszwecke festgehalten, zum Beispiel die Hilfe von Menschen in Not. Ein weiterer Zweck ist die Förderung des bürgerschaftlichen Engagements, darauf liegt bei uns ein ganz besonderer Fokus. Wir wollen gemeinschaftlich dafür sorgen, dass es uns und anderen gut geht. Wer möchte, kann sich also bei uns melden. Im Moment haben wir acht hauptamtliche Mitarbeiter, sechs Bundesfreiwilligendienstler, zwischen fünf und zehn Mitarbeiter und Praktikanten aus Berufsintegrationsprogrammen oder berufsvorbereitenden Praktika – Tendenz steigend –, 84 offizielle Vereinsmitglieder und rund 120 Ehrenamtliche.

Und wer unterstützt euch außer den ehrenamtlichen Helfern vor Ort? 

Wir haben verschiedene Kategorien von Spendern. Da sind einmal die privaten Spender, dann Stiftungen, und wir bekommen öffentliche, also städtische beziehungsweise staatliche Gelder. Es gibt zudem viele Unternehmen, die uns unterstützen. Seit Corona haben wir die Aktion „Hamburg packt zusammen“, das ist ein Zusammenschluss von Hamburger Unternehmen, die helfen wollen. Die Unternehmen haben die Produkte, wir die Logistik, und so kommen wir zusammen. Verteilt werden die Spenden dann in der Regel über weitere Einrichtungen an Geflüchtete, Obdachlose, Senioreneinrichtungen, Studierende, Familien oder Alleinerziehende und weitere Menschen, die Hilfe benötigen.

Ist dieser intensive Job für dich auch dauerhaft machbar? 

Ich habe zweieinhalb Jahre eines der Vorstandämter bekleidet, was ein ehrenamtlicher Vollzeitjob neben meinem eigentlichen Vollzeitjob war (Janina Alff ist gelernte Fotografin; Anm. d. Red.). Der Tag hat schließlich 24 Stunden, für mich waren zeitlich also acht Stunden pro Job möglich. Zumindest zeitlich. Ob das kräftemäßig auf Dauer machbar ist, ist eine andere Frage. Nach meiner Vorstandsarbeit wollte ich die Verantwortung aber nicht noch zwei Jahre tragen, bin seitdem eher im Hintergrund aktiv und stehe Hanseatic Help unterstützend und beratend zur Seite. Aktuell mache ich eine Vollzeitweiterbildung im Bereich Organisationsentwicklung und lerne quasi in der Theorie das, was ich in der Praxis schon kennengelernt habe.

Hat sich eigentlich die Wut, von der du anfänglich gesprochen hast, durch die lange Arbeit für Hanseatic Help etwas gelegt? 

Nein. Gerade jetzt ist meine Wut wahnsinnig groß. Kürzlich hat Moria auf Lesbos gebrannt, wo plötzlich 12.000 Obdachlose saßen, und die Bundesregierung wollte anfänglich nur 150 Kinder nach Deutschland holen. Es gibt immer wieder Momente, die mich verärgern, sprach- und auch hilflos machen. Auf der anderen Seite ist die erwähnte Energie auch noch da. Und wenn ich sehe, wie viel sich aus unserem Verein seit 2015 heraus entwickelt hat, dann habe ich die Hoffnung, dass es weitergeht, dass wir laut bleiben und nicht aufhören, zu helfen.

hanseatic-help.org 

2020 ist durch Corona für Hanseatic Help ein Jahr mit besonderen Herausforderungen. Es werden vor allem Schlafsäcke, Isomatten und Zelte dringend benötigt, die sonst auf Sommerfestivals gesammelt werden, um im Winter Obdachlose zu unterstützen. Zudem werden diese Artikel aktuell auch im Ausland, vor allem nach dem Brand in Moria, vermehrt benötigt und sind entsprechend knapp. Alle, die helfen wollen, können ersatzweise unter nachsommerkommtkalt.org spenden oder die oben genannten Artikel bei Hanseatic Help vorbeibringen. Was der Verein sonst noch braucht, findet man auf der Website


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Liebeserklärung an Hamburgs Musicals

Löwen, Vampire und fliegende Teppiche: Eine Liebeserklärung an die oft belächelte Hamburger Musicallandschaft

Musicals sind keine Shakespeare-Klassiker. Es gibt keine sprachlich anspruchsvollen Dialoge, komplexen Figurenzeichnungen oder innovativen Inszenierungen. Das wird Musicals von Kritikern oft zum Vorwurf gemacht: Sie seien kitschig, kommerziell und platt. Wer das gesellschaftskritische Theater als Maßstab setzt, hat Musicals nicht verstanden. Hier geht es nicht um intellektuelle Stimulierung oder künstlerischen Anspruch.

Es geht um Unterhaltung, große Show und ein bisschen Eskapismus: Es geht darum, der Welt um einen herum für ein paar Stunden zu entfliehen und ins Reich der Vampire, Zauberer, in die afrikanische Savanne oder ins Land fliegender Teppiche und Wunderlampen einzutauchen. Und diese Reise funktioniert für viele Menschen – und ja, das ist auch total okay – eben besonders gut mit Heldengeschichten, imposanten Kostümen, spektakulären Effekten und den passenden Balladen. Wer sich darauf einlassen kann, wird vielleicht auch bemerken, dass die Geschichten gar nicht so stumpf sind, wie oftmals angenommen.

 

Musicals erzählen Geschichten fürs Herz

 

In „König der Löwen“ verliert der junge Simba seinen Vater durch den hinterhältigen Mord des machtsüchtigen Onkels. Es gilt, Rache zu nehmen und die Verhältnisse wieder geradezurücken. Klingt ein bisschen nach Hamlet, oder? Das „Phantom der Oper“, das mit seinem entstellten Gesicht zum Außenseiter wurde, ringt mit seiner Kunst um Anerkennung und Liebe. Gar nicht mal so seichter Stoff. Und in „Pretty Woman“ geht es immerhin um das Überwinden gesellschaftlicher Vorurteile.

Im Übrigen sind Musicals gesanglich und tänzerisch alles andere als anspruchslos. Im „Phantom der Oper“ oder „Cats“ kann man klassische Ballettdarbietungen bewundern. Und in manchen Musical-Melodien müssen die Darsteller durchaus opernähnliche Tonsprünge leisten. Hamburgs Musicals sind zwar manchmal keine Broadway-Leistungen, aber dennoch bieten die oft internationalen Stars großes Können.

Musicals sind im herkömmlichen Sinn nicht immer intellektuell sehr herausfordernd, aber sie erzählen Geschichten fürs Herz, bei denen – im Gegensatz zu Shakespeares Dramen – am Ende meist das Gute siegt. Und genau das will man manchmal sehen.

/ Natalja Fischer 


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