Denkmalschutz als Zukunftssicherung

Für Kristina Sassenscheidt ist Denkmalschutz Zukunftssicherung: Die Geschäftsführerin vom Hamburger Denkmalverein findet Altbauten nicht nur historisch und architektonisch wertvoll. Sie kritisiert, dass bei Neubauten die ökologischen Schäden der Abrisse nicht ausreichend berücksichtigt werden. Mit ihrer Arbeit wirbt sie für einen Paradigmenwechsel – und für nachhaltige Sanierungen

Interview: David Hock

SZENE HAMBURG: Kristina Sassenscheidt, wie wurden Sie zur Denkmalschützerin?

Kristina Sassenscheidt: Ich mochte Altbauten immer schon sehr gerne, deshalb habe ich auch Architektur studiert. Ich wollte gar nicht neu bauen, sondern mich intensiver mit Altbauten und ihrer Geschichte beschäftigen. Und so bin ich automatisch auf den Denkmalschutz gestoßen, weil der sich um die interessantesten Altbauten kümmert – nämlich die, die noch am meisten originale Substanz besitzen und die daher besonders viel Geschichte erzählen können.

Gibt es eine Anekdote aus Ihrer Kindheit, die Sie in Richtung Ihrer heutigen Tätigkeit geprägt hat?

Ich bin auf dem Johanneum in Winterhude zur Schule gegangen – ein wunderschönes Gebäude des ehemaligen Oberbaudirektors Fritz Schumacher. Und selbst wenn mir die Schule mal nicht so gefiel, bin ich immer gern in dieses Schulgebäude gegangen. Wenn ich mich im Unterricht gelangweilt habe, habe ich manchmal aus dem Fenster geschaut und Teile der Backsteinfassade abgezeichnet, daran erinnere ich mich noch. Und das zeigt auch, wie wichtig qualitätsvolle Schulgebäude für die baukulturelle Bildung von Kindern und Jugendlichen sind.

„Je mehr abgerissen wird, desto stärker wird der Denkmalschutz“

Denkmalschützerin Kristina Sassenscheidt

Seit 40 Jahren gibt es den Hamburger Denkmalschutzverein, seit mehr als drei Jahren sind Sie hauptamtliche Geschäftsführerin. Was ist das Anliegen Ihrer etwa 700 Mitglieder?

Wir setzen uns für einen stärkeren Denkmalschutz in Hamburg ein und versuchen, den Menschen die Bedeutung der alten Bauten als Geschichtszeugnisse und zentrale Bestandteile des gewachsenen Stadtbildes zu vermitteln. 

Die gesellschaftliche Unterstützung für Denkmalschutz und Denkmalpflege ist häufig auch eine Reaktion auf Verlusterfahrungen: Je mehr abgerissen wird, desto stärker wird auch der Denkmalschutz. Hamburg hat seit jeher eine selbstbewusste Zivilgesellschaft, was auch für unser Anliegen ein großes Pfund ist. Es gab immer wieder großen Widerstand aus der Bevölkerung, wenn sich die Hamburger Stadtplanung zu verselbstständigen drohte. Prominente Beispiele sind St. Georg und Ottensen, von denen in den 60er- und 70er-Jahren große Teile abgerissen werden sollten. Das wurde durch massiven Protest auf der Straße verhindert.

Veränderung der Stadtentwicklung

Bedeutet Denkmalschutz dann automatisch, kämpfen zu müssen?

Idealerweise kommt es gar nicht erst zu einem Konflikt. Wir bemühen uns immer darum, dass alle Beteiligten rechtzeitig die Anliegen der historischen Baukultur im Blick haben und in Planungen einbeziehen können. In den 1970er-Jahren gab es schon mal einen Paradigmenwechsel hin zu einer bestandsorientierteren Stadtentwicklung. Damals musste man feststellen, dass in den Nachkriegsjahrzehnten schon sehr viele Gründerzeit-Bauten verloren gegangen waren. Daraufhin wurden viele staatliche Stellen in den Denkmalämtern bundesweit geschaffen.

Jetzt sind wir gerade wieder in einer entscheidenden Phase: Der Immobilienmarkt läuft heiß, es wird wieder sehr viel abgerissen, und gleichzeitig gibt es mit dem fortschreitenden Klimawandel noch deutlich mehr Gründe, Gebäude zu erhalten als vor 50 Jahren.

Sie halten es also auch ökologisch für sinnvoller, ein Gebäude energetisch zu sanieren als einen energieeffizienten Neubau zu planen?

Ja, das Ziel muss es erst mal sein, den gebauten Bestand zu erhalten und qualifizieren. Deutschland war bisher viel zu einseitig auf die Betriebsenergie konzentriert und hat vor allem darauf geschaut: „Wie viel wird geheizt? Wie viel Strom wird verbraucht?“ Man muss aber viel stärker die ökologische Gesamtbilanz in den Blick nehmen.

Ein bereits bestehendes Gebäude ist ein gewaltiger Ressourcen- und Energiespeicher mit all den Materialien, die bei seinem Bau produziert und verbaut wurden. Alleine die Zementproduktion macht weltweit über acht Prozent des CO2-Ausstoßes aus. Wenn man Gebäude abreißt, vernichtet man die verbaute „graue“ Energie, erzeugt Bauschutt und stößt weiteres CO2 für Abtransport und Neubau aus. Sehr anschaulich wird das gerade am Deutschlandhaus in der Innenstadt, wo der Altbau abgerissen wurde und ein nahezu identischer Neubau entsteht.

Und wieso passiert so etwas dann noch?

Abriss ist zu billig, das macht den Neubau und die damit oft verbundene Optimierung der Flächenausnutzung wirtschaftlich attraktiv. Eine CO2-Abgabe auf die Vernichtung von grauer Energie und steuerliche Anreize für die Erhaltung von Altbauten sind aus meiner Sicht Beispiele für sinnvolle politische Weichenstellungen.

Denkmalwürdigkeit

Wie kann aus Ihrer Sicht ein gesundes Zusammenspiel zwischen Gebäudeerhalt und Entwicklung aussehen?

Ein schönes Beispiel ist das Pestalozzi-Quartier auf St. Pauli. Dort hat man die alte Pestalozzischule des Altonaer Stadtbaurates Gustav Oelsner aus den 1920er-Jahren saniert, zu Wohnungen umgewandelt und die Umgebung mit hochwertigen Neubauten nachverdichtet. Im Ergebnis ist ein sehr lebenswertes neues Stück Stadt mit einer gelungenen Mischung aus Alt und Neu entstanden.

Ein wichtiger Impuls für eine bestandsverträgliche Stadtentwicklung war die Rettung des historischen „Gängeviertels“ in der Neustadt. Die Stadt konnte keine greifbare Vision für dieses Areal entwickeln, und die zwölf Gebäude standen über Jahre größtenteils leer. Dann hat die Stadt sie an einen Investor verkauft, der wiederum im Zuge der Finanzkrise nicht mit seinem geplanten Bauvorhaben starten konnte, das einen Abriss von 80 Prozent der Altbauten vorsah. Und dann kam die Initiative „Komm in die Gänge“ mit der klaren und positiven Vision, einen kulturellen Ort für alle Hamburgerinnen und Hamburger zu schaffen.

Es war toll zu erleben, wie sich daraufhin sehr viele Menschen hinter diesem Gedanken versammelt haben und über Monate intensiv diskutiert wurde – bis die Stadt das Areal am Ende zurückgekauft hat und jetzt gemeinsam in enger Abstimmung mit einer Genossenschaft saniert, die aus der Initiative heraus entwickelt wurde.

Das Motto „Ein Konzerthaus für alle“ hat die Stadt der fünf Jahre alten Elbphilharmonie gegeben. Ist dieses neue Wahrzeichen bereits ein Denkmal? Was sind die formalen Kriterien?

Bei der Elbphilharmonie ist in meinen Augen vor allem die Symbolwirkung wichtig, also die Botschaft: „Hier ist das Neue in Ergänzung zum Alten entstanden.“ Ich finde es gut, dass vom dem Kaispeicher zumindest die historische Fassade erhalten wurde, wobei ich mir natürlich gewünscht hätte, dass man im Inneren noch deutlich mehr erhält und nicht für ein Parkhaus entkernt. Der Neubau ist in seiner architektonischen Kraft eigentlich schon denkmalwürdig. Aber Denkmalschützer:innen müssen sich immer 25 bis 30 Jahre Zeit nehmen, bis sie von einer „abgeschlossenen Epoche“ sprechen können, die sie mit der notwendigen Distanz bewerten können. Zuständig für Unterschutzstellungen ist das staatliche Denkmalschutzamt, in dem Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker den Baubestand erforschen und auf seine Denkmalwürdigkeit hin überprüfen.

Wenn ein Gebäude zum Denkmal wird, muss man Baumaßnahmen mit dem Amt abstimmen. Eine Unterschutzstellung hat allerdings auch viele Vorteile, wie Steuererleichterungen oder die Möglichkeit, sich um private und staatliche Fördertöpfe zu bewerben. Außerdem ist Denkmalschutz ja eine Art „Gütesiegel“, das bezeugt, dass man ein geschichtlich bedeutsames oder künstlerisch wertvolles Bauwerk besitzt – und darauf kann man als Eigentümerin oder Eigentümer stolz sein.

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Der Denkmalverein möchte auch loben – und damit Gebäudeerhalt attraktiv machen: Die jüngst erschienene Publikation „Stadt Neu!“ stellt herausragende Hamburger Sanierungs- und Umnutzungsprojekte vor, wie die Umwandlung eines Bürohochhauses in der City Nord in ein Apartmenthaus oder die Umnutzung der ehemaligen Arrestanstalt Wandsbek in Arbeitsräume für das benachbarte Amtsgericht. Das Buch kostet 12 Euro. Mehr Informationen und Bestellung unter denkmalverein.de

PUSH: „Urban Jungle“ in der Affenfaust Galerie

Mit der Ausstellung „Urban Jungle“ des Hamburger Künstlerkollektivs PUSH meldet sich die Affenfaust Galerie ab dem 18. August 2022 aus der Sommerpause zurück

Text: Katharina Stertzenbach

Seit 2011 installiert die Bildhauer-Crew von PUSH plastische Objekte aus Styrodur oder Styropor im öffentlichen Raum. Dabei geht es ihnen vor allem darum, ihr direktes Umfeld aktiv mitzugestalten. Die Werke sind mal humorvoll und mal sozialpolitisch. Der Name der Crew ist dabei Programm, er ist nicht nur in den meisten Werken integriert, sondern ist auch als Aufforderung zu verstehen, sich gegenseitig nach vorne zu bringen und Initiative zu ergreifen.

Diese Intention verfolgt auch die Ausstellung „Urban Jungle“ in der Affenfaust Galerie. Das Künstlertrio überträgt hier urbane Zeichen in die Ausstellungsräume. „Urban Jungle“ zeichnet den Mix aus Kunst und Stadt aus. Dieser unterstreicht einmal mehr, wie beide Pole sich gegenseitig bereichern können.

Urban Jungle: 18. August bis 15. September 2022, mittwochs, donnerstags und samstags von 14 bis 18 Uhr geöffnet

affenfaustgalerie.de


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Energie sparen: Licht aus für Hamburgs Sehenswürdigkeiten

Hamburg hat angesichts der prognostizierten Gasknappheit einen Energiesparplan vorgelegt. Betroffen davon sind auch die Sehenswürdigkeiten der Stadt

Text: Felix Willeke

Im Winter 2022/23 ist Energie sparen angesagt. Die EU hat sich dazu verpflichtet, den Gasverbrauch der Mitgliedsstaaten um jeweils 15 Prozent zu reduzieren. Damit das auch in Deutschland gelingt, hat Hamburg jetzt einen Energiesparplan vorgelegt, der dazu Beitragen soll. Hintergrund für die Energiesparmaßnahmen ist eine prognostizierte Gasknappheit aufgrund fehlender Gaslieferungen aus Russland in Zusammenhang mit dem Angriffskrieg in der Ukraine.

Keine Wasserspiele mehr ab dem 18. September

Hamburg will viel der Maßnahmen in der Verwaltung und in öffentlichen Gebäuden umsetzten. So sollen Räume zum Beispiel weniger stark geheizt werden. Die meisten Bürger:innen werden die Maßnahmen jedoch an Denkmälern und Sehenswürdigkeiten bemerken. Direkt nach dem Hafengeburtstag sollen die Maßnahmen ab dem 18. September 2022 greifen. Dann wird unter anderem die Alsterfontäne abgeschaltet. Darüber hinaus wird die Saison der Wasserlichtkonzerte in Planten un Blomen um zwei Wochen verkürzt und auch die öffentlichen Brunnen wie im Innenhof des Rathauses werden ab Mitte September nicht mehr sprudeln.

Rathaus im Dunkeln

Wo kein Wasser mehr sprudelt, macht die Stadt auch das Licht aus. Abe dem 18. September werden auch Denkmäler und öffentliche Gebäude nicht mehr oder weniger stark beleuchtet. Darunter unter anderem das Rathaus, die Speicherstadt und die Hauptkirchen. Auch das Licht in den öffentlichen Parks und auf öffentlichen Wegen soll, solange es die Sicherheit nicht beeinträchtig, weniger stark leuchten.

Blick ins Inventar

Außerdem will die Stadt die eigene Ausrüstung und Struktur hinterfragen. So soll beispielsweise die Effizienz von Raumnutzung in der öffentlichen Verwaltung genauso überprüft werden wie die Nutzung von energiesparender Technik wie LED-Beleuchtung.

Diese Maßnahmen dürften dabei nur ein Anfang sein. So rät Umweltsenator Jens Kerstan (Bündnis 90/Die Grünen) jetzt schon vom privaten Kauf von Heizlüftern dringend ab. Ob auf die Bürger:innen und die Kultur weitere Einschränkungen warten, steht bis dato noch nicht fest.


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Helge Schneider: „Ich fühle mich berentet“

Mit Helge Schneider kommt einer der größten Entertainer des Landes in den Stadtpark. Ein kurzes Gespräch über Kunst in Zeiten der Corona-Pandemie

Interview: Erik Brandt-Höge

SZENE HAMBURG: Helge, in Hamburg hängen gerade überall Konzertplakate von dir, auf denen es unter anderem heißt: „Internationaler Superstar sucht Arbeit.“ Hat sich deine Arbeitssituation nach mehr als zwei Jahren Pandemie ansatzweise normalisiert?

Helge Schneider: (lacht) Ich sag mal: Jein. Wobei … eigentlich nicht. Der Einbruch, damals im März 2020, ist schon enorm gewesen. Und die Vorahnung, dass es immer so weiter gehen würde, hat sich auch bestätigt. Es ist keine Normalität eingetreten. Auch, was so um einen herum passiert, was man hört und sieht, das hinterlässt schon einen Eindruck. Manchmal denke ich: Was soll das Ganze? Aber dann hatte ich zum Beispiel neulich einen Auftritt, da dachte ich vorher: Momentan ist das eine blöde Welt. Ich kriegte negative Gedanken. Und dann bin ich aufgetreten und war wie ausgewechselt. Ich habe alle ad acta gelegt und konnte wirklich gut arbeiten, das hat Spaß gemacht.

„Wir können jederzeit irgendwo hinfahren, sind ständig in Bereitschaft“

Helge Schneider

Gibt es etwas Neues, das du seit Pandemiebeginn über das gesellschaftliche Verständnis von Kunst gelernt hast?

Es ist so, dass ich mir als Künstler nicht so vorkomme, als würde ich zu dem großen Getriebe gehören. Als Künstler muss ich ständig über meinen Schatten springen. Ich will ja nicht nur gute Stimmung verbreiten, sondern sie auch selbst haben, damit das alles funktioniert.

„Das Leben ist ja weitergegangen“

Kannst du die bisherige Pandemiezeit für dich als Künstler vielleicht sogar in einem Wort oder Satz zusammenfassen?

Ich fühle mich berentet – obwohl ich es nicht bin. Also in einem Wort: Pension.

Nun ist es so, dass du aktuell viele Konzerte nachholst. Du hast kürzlich erklärt, das wäre gar nicht so einfach …

… weil man das, was ich vor zwei Jahren gemacht hätte, jetzt gar nicht machen könnte. Das Leben ist ja weitergegangen.

Ist die Organisation, das Logistische, auch eine Schwierigkeit?

Wir sind sozusagen autark, haben immer alles dabei, wenn wir mit unseren zwei, drei Lkw kommen. Wir können jederzeit irgendwo hinfahren, sind ständig in Bereitschaft. Die Probleme, die große Bands haben, haben wir also nicht. Wenn Rammstein irgendwo spielen, müssen die erst mal sieben Tage lang aufbauen. Da kann keiner kommen und sagen: „Könnt ihr morgen da und da spielen?“ Bei uns geht das. Ich bereite mich auf Tourneen auch nur logistisch vor, also nur, was das Bühnenbild angeht. Alles andere ergibt sich und wird weiterentwickelt. Und wenn mir was zu langweilig vorkommt, mache ich was anderes.

„Ich arbeite sehr gerne, das ist mein Leben“

Über dein aktuelles Programm, „Ein Mann und seine Gitarre“, hast du geschrieben: Es sei „von einem Biochemiker und einem Ingenieur nebst Diagnosegeräten“ geprüft worden. Also ist absolute Hochleistungsunterhaltung garantiert? Was wurde noch inspiziert?

Der TÜV-Prüfer kam auch mit einem Dezibelgerät. Wenn man selber am Schlagzeug sitzt, darf man nicht mehr als 82 Dezibel entwickeln. Das haben wir auch hingekriegt, mit Besen und so. Und flacher Atmung. Es ist also alles geprüft. In Kürze spielen wir wo, da dürfen am Nachbarhaus nur 72 DB ankommen. Das ist Gesprächslautstärke. Ansonsten wird die Veranstaltung abgebrochen. Für mich ist es deshalb ein Ansporn, höchstens 27 DB zu entwickeln, damit man da gar nichts hört. Das finde ich schön. Dann gibt es mehr Pantomime. So ist unsere Welt: Bald gibt es nur noch Pantomime und TikTok. Und Rammstein. Und Ed Sheeran. Diese Prognose ist gar nicht so unwahrscheinlich.

„Bald gibt es nur noch Pantomime und TikTok. Und Rammstein. Und Ed Sheeran.“

Helge Schneider

Noch mal zurück zu den Konzertplakaten. Da steht auch drauf, neben einem Bild von dir: „Der Rentner in braun.“ Die gefühlte Pension während der Pandemie hast du vorhin schon beschrieben. Aber grundsätzlich scheint für dich ein Leben ohne Arbeit doch noch lange nicht vorstellbar, oder?

Nee, das ist für mich überhaupt nicht vorstellbar. Ich habe ja auch viele Kinder, die müssen ernährt werden und ihre Ausbildung machen. Und ich muss auch meine Miete bezahlen. Ich muss arbeiten, interessiere mich aber auch nicht für Ruhestand. Ich arbeite sehr gerne, das ist mein Leben.

Helge Schneider, am 25. & 26. August 2022 beim Stadtpark Open Air, jeweils um 19 Uhr

SZENE HAMBURG verlost für den 25. August 2 x 2 Gästelistenplätze. Einfach eine E-Mail mit Name und Betreff „Helge“ bis 20.8. an verlosung@szene-hamburg.com


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„Alcarràs – Die letzte Ernte“: Land unter

Regisseurin Carla Simón zeigt in ihrem Film „Alcarràs – Die letzte Ernte“ eine ländliche Familienidylle, die unterzugehen droht. Für den überraschend fesselnden Film gab es unter anderem den Goldenen Bären auf der Berlinale 2022

Text: Marco Arellano Gomes

Es war nicht unbedingt zu erwarten, dass der Goldene Bär der Berlinale dieses Jahr an einen spanischen Film geht, der das ländliche Leben porträtiert. Doch dieser Film ist eben viel mehr als das.

„Alcarràs – Die letzte Ernte“ zeigt die Familie Solé, die seit 80 Jahren im katalanischen Dorf Alcarràs Pfirsiche anbaut. Doch nun droht das Ende: Einst hat der Großgrundbesitzer Pinyol der Familie als Dank für seine Rettung im Spanischen Bürgerkrieg das Land überlassen. Doch von dieser Abmachung will dessen Enkel nichts mehr wissen. Er will das Land zurück, um eine Fotovoltaik-Anlage darauf zu errichten. Schon bald rücken die ersten Bagger an und stürzen die Familie Solé in Ungewissheit. Vater Quimet (Jordi Pujol Dolcet) stürzt sich in die Erntearbeit. Mutter Dolors (Anna Otín) versucht Haus und Familie mit fröhlicher Geduld zusammenzuhalten. Was wird vom Landleben bleiben?

Großes Kino von Laiendarstellern

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„Alcarràs – Die letzte Ernte“, ab 11. August 2022 in den Kinos (Foto: Piffl Medien)

Regisseurin Carla Simón („Fridas Sommer“) gelingt es geschickt, einem das Leben auf dem Lande nahe zu bringen. Als Zuschauer ist man mittendrin – beim Pflücken, beim Streiten, im Leben. Das liegt nicht nur an der dokumentarischen Kameraarbeit (Daniela Cajías) mit ihren Nah- und Naturaufnahmen. Es liegt auch an den authentischen Darstellungen der einzelnen Familienmitglieder und ihrem Mit- und Durcheinander – vom verschlossenen und doch herzlich wirkenden Großvater Rogelio (Josep Abad) bis zu den verspielten Kleinkindern. Diese sind allesamt mit Laiendarstellern besetzt. Das sieht und fühlt man im positiven Sinne. Simón stammt selbst aus dem tiefsten Katalonien. Ihre Familie baute ebenfalls Pfirsiche an. Die Erinnerung an ihren vor einigen Jahren verstorbenen Großvater brachte sie dazu, dieses Leben filmisch einfangen zu wollen. Das ist gelungen. „Alcarràs“ ist ausbalanciert, voller Farben, Kontraste und Leben – und deshalb absolut sehenswert.

„Alcarràs – Die letzte Ernte“, Regie: Carla Simón. Mit Jordi Pujol Dolcet, Anna Otín, Josep Abad. 120 Min. Ab dem 11. August in den Kinos 

Hier gibt’s den Trailer zum Film:


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Niklas: „Damit entsteht so ein nostalgischer 90s-Vibe“ 

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Für SZENEzeigen fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Niklas begegnet

Protokoll: Katharina Stertzenbach

„Ich bin 30 und arbeite seit mittlerweile sieben Jahren in der „Parzelle“ hier auf St. Pauli. In diesem ausgelassenen Nachtleben auf dem Kiez fühle ich mich wohl. Am besten wäre es, ich könnte hauptberuflich als Barleitung arbeiten, aber das geht nicht. Dafür ist die Arbeit auf dem Kiez einfach zu schlecht bezahlt. Unter der Woche arbeite ich deswegen als Sales Manager bei einem IT-Betrieb. Das ist ein guter Job und von dem Geld kann ich mir mein Leben gut finanzieren. Die Arbeit erfüllt mich nicht, ich bin auch kein Computerfreak, aber kann gut schnacken und das hilft. 

Der Sozialpädagoge hinterm Tresen

Auch bei der Arbeit hinterm Tresen muss man viel schnacken. Doch für den Job in der Parzelle brenne ich tausendmal mehr. Vor allem wegen der Leute. Manchmal siehst du dich in der Kneipe auch selbst als Sozialpädagoge. Wenn die Leute anfangen, dir ihre Probleme und Geschichten zu erzählen oder wenn du Konflikte lösen musst – egal ob verbal oder körperlich. Du wirst immer wieder mit neuen Situationen konfrontiert. Auch deswegen mache ich den Job im Nachtleben so gerne.

Echter 90s-Vibe

Mittlerweile hat sich sogar noch mehr entwickelt. Mit einem unserer DJs habe ich das DJ-Duo Two Solala ins Leben gerufen. Im Moment legen wir hauptsächlich in der Parzelle auf. Wir möchten uns mit der Musik – einem Mix aus Oldschool- und 90er-HipHop – von den Mainstream-Playlisten anderer Läden abheben. Deswegen legen wir auch selbst gebrannte CDs auf und machen die Übergänge zwischen den Tracks selbst. Damit entsteht so ein nostalgischer 90s-Vibe. Und man bleibt immer kreativ. Bei uns gibt es keine computergesteuerte Warteschlange, sondern nur den eigenen Kopf. Wir gucken genau, welche Leute im Laden sind, und reagieren spontan, worauf die Bock haben. Vor Kurzem kam ein Gast aus Berlin in die Parzelle und meinte zu mir: ‚Ey, Alter das hab’ ich seit zehn Jahren nicht mehr gehört.‘ Das ist das schönste Kompliment, das ich als DJ je bekommen habe.“


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Protestcamp in Hamburg: „LNG stoppen“

Beim System Change Camp im Altonaer Volkspark treffen sich rund 40 linke und klimapolitische Gruppen, diskutieren über Alternativen zur Nutzung von Flüssiggas und planen Aktionen, um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen

Text: Felix Willeke

Seit dem 9. August 2022 läuft das System Change Camp in Hamburg. Noch bis zum 15. August treffen sich rund 40 linke und klimapolitische Gruppen im Altonaer Volkspark. Unter dem Motto „Gegen Erdgas, LNG und eine fossile Infrastruktur, die unsere Zukunft aufs Spiel setzt!“ wollen sie „ein neues Narrativ setzen“, so Toni Lux, die Sprecherin des Camps. Die Aktivist:innen sprechen sich gegen die Nutzung von Flüssiggas und den Ausbau dementsprechender Infrastruktur aus. Dazu wollen sie sich im Rahmen des Protestcamps vernetzen und mit Aktionen in und um Hamburg auf sich aufmerksam machen.

Ein Camp für alle

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Im Altonaer Volkspark haben rund 40 linke und klimapolitische Gruppen ein selbstverwaltetes Camp errichtet (Foto: Felix Willeke)

Das System Change Camp richtet sich dabei nicht nur an Campteilnehmer:innen. „Wir möchten mit der Hamburger Bevölkerung in Kontakt kommen und Menschen aus allen Bevölkerungsgruppen auf unserem Camp willkommen heißen“, sagt Toni Lux. Dazu sind neben Workshops auch einige Podiumsdiskussionen geplant. Diese beschäftigen sich neben dem Hauptthema Gas und fossile Energieträger auch mit Wassernutzung, Ausbeutung von Ressourcen, Rassismus und (Neo-)Kolonialismus. Mit dabei sind neben Aktivisten:innen aus Deutschland auch Gruppen aus den Gebieten, in denen Flüssiggas gefördert wird. Zum Beispiel aus Texas (USA), Botswana und Mexiko. Dementsprechend gibt es viele Veranstaltungen neben Deutsch auch auf Englisch und Spanisch.

Aktionen

Neben den Veranstaltungen auf dem Campgelände im Altonaer Volkspark ist am 10. August um 17 Uhr eine große Demonstration unter dem Titel „LNG stoppen, fossilen Kapitalismus sabotieren!“ ab den Landungsbrücken geplant. Darüber hinaus rufen einige Gruppen zum zivilen Ungehorsam auf und planen Aktionen in und um Hamburg. 

Kritik an LNG

Im Fokus des Camps steht die Förderung, Nutzung und der Transport von LNG. Die Abkürzung steht für liquefied natural gas – also Flüssiggas. Dieses wird unter durch umstrittene Methoden wie Fracking aus großen Tiefen gefördert und spielt in der aktuellen Diskussion um ausbleibende oder heruntergefahrene russische Gaslieferungen in Deutschland eine große Rolle. Die Bundesregierung plant aktuell die Errichtung von bis zu 12 LNG-Terminals. Das Camp kritisiert den klimaschädlichen Energieträger darüber hinaus auch in Zusammenhang mit Ausbeutung von Menschen in den Regionen, in denen das Flüssiggas gefördert wird.

Toni Lux, Sprecherin des System Change Camps im Altonaer Volkspark

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Sweet Disaster: Ein Feel-Good-Film

Sweet Disaster ist das Spielfilmdebüt von Regisseurin Laura Lehmus: Eine unkonventionelle romantische Komödie, die im Kino durchaus mitzureißen weiß

Text: Rosa Krohn

Der etwas merkwürdige Boy-Meets-Girl-Einstieg im Spielfilmdebüt der finnisch-deutschen Regisseurin Laura Lehmus verrät frühzeitig, dass sie einen besonderen Blick auf die Geschichte ihrer Heldin besitzt und ein ungewohntes Tempo und Taktgefühl, sie zu erzählen.

Die 40-jährige Frida (Friederike Kempter) wird nach einem halben Jahr Beziehung unerwartet schwanger. Kurz nachdem sie ihm die Nachricht überbringt, eröffnet Partner Felix (Florian Lukas) ihr, in jemand anderen verliebt zu sein und macht Schluss. So schnell gibt Frida jedoch den Vater ihres Kindes nicht auf …

Experimentierfreudig und Abwechslungsreich

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„Sweet Disaster“, ab 11. August 2022 in den Kinos (Foto: Anne Bolick/Zeitgeist Filmproduktion)

So ausgeschlachtet diese Prämisse romantischer Komödien auch ist, so unkonventionell ist in „Sweet Disaster“ der gesamte Rest, angefangen bei den Figuren: Frida vereint kindliche, träumerische Züge mit bedingungslosem Mut im Körper einer 40-jährigen, schwangeren Frau. Rückhalt findet sie in ihrer 15-jährigen Nachbarin Yolanda (Lena Urzendowsky), die ihr mit selbst gebautem Spionagewerkzeug zur Seite steht. Fridas verrückte Reise einer Risikoschwangerschaft mit Dauerbluthochdruck und Rückeroberungsversuchen wird in knallbunten Bildern erzählt, oftmals begleitet von elektronischer, poppiger Musik. Diese ungewöhnliche Atmosphäre steigert sich durch Fridas Tagträume, die der Zuschauer mal als visuell beeindruckende Zeitlupensequenz, mal als flotte Musicaleinlage erlebt. Farben und Fantasie ziehen sich durch den Film, und so ist es kein Zufall, dass Frida – sehr hingebungsvoll – als Kunstpädagogin mit Kindern mit besonderen Bedürfnissen arbeitet.

So wirklich ergibt „Sweet Disaster“ nicht immer ein konsistentes Ganzes. Manchmal fühlt man sich als Zuschauer von der Montage abgehängt, aber nur, um im nächsten Augenblick um so stärker mitgerissen zu werden. Der experimentierfreudige Feel-Good-Film wird vielleicht nicht jedem gefallen, doch kann man ihm keinesfalls unterstellen, sich in die Reihe von Beweisstücken für die Einfallslosigkeit des deutschen Films einzureihen.

„Sweet Disaster“, Regie: Laura Lehmus. Mit Friederike Kempter, Florian Lukas, Lena Urzendowsky. 93 Min. Ab 11. August 2022 in den Kinos


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Avantgarde mit Erlebnisfaktor: Sommerfestival auf Kampnagel

Theater- und Tanzperformance, Konzert und Show, Party und Puppenspiel – nach zwei schwierigen Corona-Jahren startet das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel vom 10. bis 28. August wieder voll durch. Und das Publikum zieht mit – da ist sich der künstlerische Leiter András Siebold sicher

Interview: Sören Ingwersen

SZENE HAMBURG: András, im Gegensatz zu vielen anderen Festivals hat das Internationale Sommerfestival auch in den letzten beiden Corona-Jahren stattgefunden. Wie nachhaltig sind die Erfahrungen dieser Zeit? Wirken sie organisatorisch und künstlerisch auch ins aktuelle Festival hinein?

 Leitet seit 2013 das Internationale Sommerfestival: András Siebold 
(Foto: Julia Steinigeweg)

András Siebold: Unser Credo der vergangenen zwei Jahre war: Wir finden für alles eine Lösung, auch wenn erst mal alles dagegen spricht. Das war zwar eine organisatorische und logistische Herausforderung, aber zeigte vor allem auch eine Perspektive für die vielen freischaffenden Künstler:innen. Denn so ein Festival in der Pandemie hat immer auch Signalwirkung: Schaut, geht doch. Das kommende Festival haben wir jetzt mit gelassenem Optimismus geplant, entsprechend umfangreich ist das Programm.

„Das Festival hat wieder Vor-Pandemie-Niveau“

Gibt es Neuerungen betreffend der inhaltlichen Schwerpunkte oder der Struktur des Festivals?

Das Festival hat wieder Vor-Pandemie-Niveau und ist eine Mischung aus internationalen Uraufführungen und Gastspielen, Konzerten, Ausstellungen, Stadtbespielungen und dem Festival-Avant-Garten, Hamburgs Perle der kostenlosen Kunstfreizeitparks. Inhaltlich gibt es Themenstränge zu Schwarzer Popkultur, Care-Praktiken oder Musicals – und viele Querverbindungen zwischen den Produktionen, die wir im Vorwort des Programmhefts beschreiben, etwa die Farbe Blau.

Zur Festivaleröffnung feiert ihr die Weltpremiere von Oona Dohertys „Navy Blue“. Darin geht es um die (Künstler-)Krise und deren Überwindung. Nehmt ihr die gegenwärtige globale Situation als Krise wahr, und wie reagiert ihr mit dem Festival darauf?

Das Festival hat sich schon immer auf Gegenwartsdiskurse bezogen. Oona Doherty zum Beispiel, hat eine sehr eigene Tanz-Sprache entwickelt, in der zwar die Tanzgeschichte bis zum Ballett erkennbar ist, die sich aber auch mit Fragen über Identität, Geschlecht und Klasse auseinandersetzt: In ihrer letzten Arbeit, die wir 2020 gezeigt haben, verbindet sie ihren Tanz mit männlichen Selbstbehauptungsposen der Arbeiterklasse.

Diese Gesten zeigt sie in ihrer ganzen Brüchigkeit liebevoll und mit vollem physischen Einsatz und lenkt damit den Fokus auf einen abgehängten Teil der Gesellschaft. Und genau da setzt auch „Navy Blue“ an. Der Kampf des entrechteten Körpers ist bei Doherty fast physisch erfahrbar, verstärkt auch durch den englischen Supermusiker Jamie xx, der die Musik für „Navy Blue“ komponiert. 

Zwei Festival-Arbeiten beschäftigen sich mit Andy Warhol. Was fasziniert Gegenwartkünstler wie Gus Van Sant oder Raja Feather Kelly an diesem Pionier der Pop-Art?

Ich glaube, es ist die radikale Neugier und das pionierhafte Neu-Denken der Gegenwart, für die Warhol steht. Er hat viele Internet-Phänomene beschrieben, lange bevor es Social Media gab: Vervielfältigung von Bildern, Selbstdarstellung, den Umgang mit Fame und Marktmechanismen.
Und er hatte einen interdisziplinären Kunst-Ansatz, den sowohl der Kino-Großmeister Gus Van Sant verfolgen, der bei uns jetzt ein bildgewaltiges Musical über Warhol inszeniert, als auch der New Yorker Choreograf Raja Feather Kelly, der sich als schwarzer, queerer Künstler in das Erbe Warhols einschreibt und Popkultur quasi-religiös auffasst.

Die Stadt bespielen

Im letzten Jahr hat die Gruppe Ligna den leer stehenden Kaufhof bespielt. In diesem Jahr feiert ihr im leer stehenden Karstadt-Sports-Gebäude die Eröffnung des „Deutschen Museums für Schwarze Unterhaltung und Black Musik“ mit einem vielfältigen Live-Programm und erobert damit erneut den urbanen Raum. Welche Veranstaltungen sind dort im Einzelnen geplant? Und wird das Museum auch über das Festival hinaus bestehen bleiben?

Wir haben mit dem Festival immer auch die Stadt bespielt und uns in gesellschaftliche Diskurse eingemischt. Das DMSUBM ist eine Übernahme des Erdgeschosses des leer stehenden Kaufhauses mit einer Ausstellung, die den Anteil und die Biografien schwarzer Menschen an der jüngeren deutschen Popkultur einerseits und die Zuschreibungen, denen sie in einer hauptsächlich weißen Medienlandschaft ausgesetzt waren, andererseits sichtbar macht.

Es ist also quasi auch eine notwendige Korrektur einer bestimmten Geschichtsschreibung und Branche, die auf weiße Menschen fokussiert ist. Das Museum ist täglich zu Museumszeiten geöffnet, und abends gibt es an einzelnen Tagen ein Rahmenprogramm, das vom Hamburger Kollektiv formation**now kuratiert wird. Unter anderem berichten da Stars von früher, wie Nana Darkman, von ihren Erfahrungen und treten zum Beispiel in Form von Museumsführungen in Austausch mit dem Archiv. Das Museum ist erst mal – auch aus Kostengründen – nur für die Festivaldauer geplant, aber wer weiß: Vielleicht ist das der erste Schritt für ein dauerhaftes Museum der Stadt.

„Wir alle sind Teil einer Weltgesellschaft“

Kampnagel steht für kulturelle Diversität. Wie bewertest du die gegenwärtigen Tendenzen der Deglobalisierung und die Rückbesinnung auf lokale/nationale Werte im Hinblick auf den kulturellen Austausch?

Ich habe eher das Gefühl, als würden wir mit jedem Krieg, mit jeder anti-demokratischen Initiative der rechten Parteien, daran erinnert, wie sehr wir Teil einer Weltgesellschaft sind. Und wie wichtig und positiv ein Austausch mit Menschen über Grenzen hinweg ist, kann man beim Sommerfestival sehr gut erleben.

Das diesjährige Sommerfestival-Programm ist eines der umfangreichsten. Glaubst du, dass die Menschen in Sachen Kultur großen Nachholbedarf haben? Oder muss man sie derzeit mit üppigem Live-Angebot erst wieder mühsam vom Sofa locken?

Also die Vorstellung, den ganzen Tag bei schönem Wetter auf dem Sofa zu sitzen, ist doch furchtbar. Und das Festival präsentiert ja Avantgarde mit Erlebnisfaktor, für Theaterschlaf gibt es bessere Alternativen in Hamburg, das ist hier eher etwas zum Aufwachen und Wachbleiben – oder einfach zum Dasein im großen Festival-Garten unter Birkenbäumen, kostenlose Ausstellungen, Performances und Konzerte im Garten inklusive.

Gab es überraschend positive oder negative Erfahrungen bei der diesjährigen Festivalplanung?

Stand jetzt, Anfang Juli, gab es weder Absagen noch größere Änderungen. Nur steigende Preise sind wie überall ein Problem, Transporte von Australien zum Beispiel, haben sich seit März zum Teil verdreifacht. Wir können das nur kompensieren mit Einsparungen im Budget, denn Tickets sind nach wie vor günstig hier.

Ansonsten ist die Stimmung gut, der Vorverkauf liegt etwa beim Niveau vor der Pandemie, der Erste Bürgermeister hat sich auch gerade zur Festivaleröffnung angekündigt, und außerdem ist der Festival-Avant-Garten wieder für alle offen, Hamburgs nicester Kunstvergnügungspark mit Gastronomie und kostenlosen Lesungen von Buchpreisträger:innen und Konzerten unter Birkenbäumen sowie Performances und Ausstellungen auf dem gesamten Gelände.

Kampnagel Internationales Sommerfestival 2022: 10. bis 28. August

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45Hertz: Beats am Fernsehturm

Sommerzeit ist Open Air-Zeit und das gilt auch für das 45Hertz Open Air Festival. Vom 5. bis 14. August gibt’s beste Live-Musik aus den verschiedensten Musik-Genres und ein besonderes Konzert zum Abschluss

Text: Felix Willeke & Isabel Rauhut

2022 sind viele Festivals zurück, so auch das 45Hertz Open Air Festival. Nach der Premiere 2018, stehen auf dem Container-Gelände mitten in der Schanze mit dem Fernsehturm im Hintergrund dieses Jahr vom 5. bis 14. August wieder beste Liveacts auf der Bühne. Neben Elektro, Techno und HipHop gibt es außerdem viel Kunst und eine Tattoo-Station. Food und Drinks stehen bereit!

Den Auftakt macht, wie könnte es anders sein, am 5. August ab 17 Uhr das PAL. Nicht nur zählt der Club an der Messe zu den besten Techno-Clubs der Stadt, sie haben für den Auftakt des 45Hertz Festivals auch noch PartiBoi69 im Gepäck. Nach dem Techno-Gestampfe an der frischen Luft geht es für die Aftershow dann um die Ecke in den Club. Gefeiert wird so lange die Füße es aushalten.

Am Samstag, dem 6. August, geht es ab 14 Uhr mit Musik von unter anderem Doctor Dru weiter. Und wer sich am Wochenende durch den CSD getanzt hat, den erwartet beim 45Hertz Festival am Sonntag, den 7. August, der perfekte Abschluss. Beim Katermukke Open Air kann ab 14 Uhr weiter getanzt werden und bei der Aftershow im Volt endet die Party erst mit Sonnenaufgang.

Oli P. Birthday Bash

Doch ein 45Hertz Festival wäre nichts, ohne seinen Liebling: Gerade erst hat Oli P. mit „Hey Freiheit“ einen neuen Song veröffentlicht – für das 45Hertz beruft er sich auf seine Fähigkeiten hinter den Plattentellern und feiert am 10. August auf dem Gelände ab 17 Uhr seinen Geburtstag.

Seit gut zwei Jahren gibt es gutistgut, die Crew um Mela, Watson und Das Bo. Diese präsentieren am 12. August ab 15 Uhr das kleine Festivälchen der Freundschaft. Dazu laden sie neben Sutsche und Torino natürlich auch die gutistgut-Allstars Das BO, DJ Plazebo und Luis Baltes ein. Bei der Aftershow im Volt ist dann auch das Fünf Sterne Sound System mit dabei.

HipHop Heads hier hin: DOPAMIN Open Air

Das neue DOPAMIN Open Air wird Auslöser für urbane Glücksgefühle: Als Teil des 45Hertz Festivals findet das erste DOPAMIN Open Air am Samstag den 13. August 2022 statt. Zehn Liveacts, diverse Side Events und starke Surprise Acts sorgen mit besten HipHop-Beats für geschmeidige Vibes.

Nicht nur auf der Bühne zwischen den großen Containern sorgen Acts wie Reezy, Aisha Vibes, Ansu und BOOZ für Abriss. Auch im Anschluss gibt es Turn-up – zu Fuß geht’s ins Volt zur Blockparty und Aftershow um die Ecke. Tickets für das DOPAMIN Open Air gibt’s aktuell noch für 26 Euro. Für mehr Informationen: dopamin-music.de

Ein Jahr Kabul Luftbrücke

Nach so viel Party und fetten Sounds wird es zum Abschluss des 45Hertz Festival nochmal ernst: In Afghanistans Hauptstadt Kabul wurde im Lichte des Einmarsches und der Machtübernahme der Taliban 2021 eine Luftbrücke eingerichtet. Genau daran erinnert das Open Air mit „1 Jahr Kabul Luftbrücke“ am 14. August ab 15.30 Uhr. Gemeinsam mit „Kabul Luftbrücke“, einer Initiative des gemeinnützigen Vereins Civilfleet-Support, veranstaltet das 45Hertz mit Hamburg Konzerte so ein OpenAir der besonderen Art. Ziel ist es, gemeinsam mit Musiker:innen wie Georg auf Lieder, Madsen und Raum 27 ein lautes Zeichen zu setzen und so viele Spenden wie möglich zu sammeln.


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