Hamburg am Wochenende

Wir waren im Wasser, auf Festivals und unter Spinnen – unser amüsantes Wochenende in Bildern

Ach August, jetzt bist du fast vorbei. Wir haben deine letzten Tage genossen und uns herumgetrieben. Beispielsweise hier:

Popup Band

Stimmungsfolk von The OIC Band auf dem Stübenplatz beim Pop-Up-Lädenfestival in Wilhelmsburg

Volker Popup Wilhelmsburg Kaffeeklappe

Volker sorgte mit seinem Kaffeeklappe-Team bei Wilhelmsburgs erstem Straßenesstag für Coffein-Nachschub

PopUp Blumen

Einer der Pop-up-Läden: Möwe – Pflanzen & schöne Kleinigkeiten von Esther Daenschel und Arndt Fricke

Labbi

Badedate: Yuta und Labrador Eddie lesen die September-SZENE am Baumwall

DJ Mad

DJ Mad trägt auch beim Festival Soul im Hafen stilecht Roller-Skate-Jam-Kutte

Soul 1

Draußen chillaxen, drinnen feiern – das Soul-Festival am Großmarkt war gut besucht

John Butler

Legten los, als wären sie jahrelang weggesperrt gewesen – das John Butler Trio peitschte einen Folk-Rock-Orkan durch das Mehr! Theater

Food Truck

Burger-Hunger: Der freundliche Foodtruck-Herr von Grün-und-gut freut sich auf den Festival-Feierabend

Spinnen

SZENE-Lena lernte nach dem Soul im Hafen für’s Leben: “Merke: Beim nächtlichen Gang durch Tunnel nie (!) nach oben gucken”

Essen

Im Tapas-Himmel: Die Restaurantkritik zu El Chiringuito in der Weidenallee gibt’s dann in der Oktober-Ausgabe

Kunst-Collage

SZENE-Lisa widmete sich den Künsten: “Großer Auflauf bei der Veranstaltung  ’08/15 – Eine Stadt sucht den Anschluss’ in der Galerie Genscher auf dem Millerntorplatz. Herrlich böse Installationen und Auftritte haben die neunstündige ‘Over the top’-Musikalrevue flankiert. Witzig, provozierend, auf den Punkt. Ein Höhepunkt: die Künstler und Initiatoren Filomeno Fusco, Hartmut Gerbsch und Björn Salzer gaben in Drag-Queen-Outfits Barry Manilows ‘Copacabana’ auf den Containern zum Besten. Ein ‘Supereventgesamtkunstwerk’ und ‘soziale Skulptur’ in einem.”

craft beer days hamburg

Fröhliche, kulturell-wertvolle Zecherei: die Craft Beer Days in den Schanzenhöfen (Danke für das Foto, Julia Schwendner)

Messehallen

Hilfe in den Messehallen: Hamburger ordnen Spenden für die hier und in anderen Stadtteilen untergebrachten Flüchtlinge

Critical Mass

Mit der Critical Mass durch die Stadt gepedalt und nicht/kaum nass geworden

Der Freundeskreis

Musik ist Hamburg ist Musik – weil Menschen wie Malek Scharifi, Junior-Produktmanager beim Label Grand Hotel van Cleef, ständig daran arbeiten

Ich bin in Neumünster aufgewachsen, habe später in Göttingen studiert – aber eigentlich wollte ich immer nur nach Hamburg. 2007 habe ich dort endlich einen Platz für Medizin bekommen, hatte zwei Jahre eine gute Zeit. Kurz vor dem Physikum habe ich allerdings gemerkt, dass meine Leidenschaft neben dem Studium zu kurz kommt. Meine Leidenschaft: Musik und Fußball.

Ich habe mir kurzerhand ein Urlaubssemester genommen und ein Praktikum bei Grand Hotel van Cleef begonnen. Das Geschehen des Labels hatte ich schon seit Jahren verfolgt, war thematisch voll drin. Und die Arbeit hat mir gut gefallen – die wollte ich weitermachen. Nach dem Praktikum durfte ich beim Grand Hotel eine Ausbildung zum Kaufmann für audiovisuelle Medien machen, wonach ich letztlich als Junior-Produktmanager fest eingestellt wurde.

Das Beste daran: Wir arbeiten nicht nur miteinander, wir sind auch befreundet. Wir gehen zusammen zum Fußball, trinken Bier oder hängen einfach nur vorm Knust ab. Ich erwische mich immer wieder dabei, dass ich die wenige Freizeit, die ich neben diesem Job habe, auch noch mit den Kollegen verbringe. In manchen Jobs mag das nicht sonderlich gesund sein, in unserem fühlt es sich aber einfach nur gut an.

Die Verbundenheit der Mitarbeiter liegt wohl auch daran, dass wir alle ähnlich angefangen haben. Wir stammen alle aus dem DIY-Umfeld, hatten selbst Bands im Punk- und Hardcore-Bereich, kannten uns mit der Zeit immer besser mit dem Plattenmachen und mit Konzertbuchungen aus. Irgendwann wurde es dann professionell.

Was ich an meinem Label-Job auch noch extrem reizvoll finde: Ich arbeite nicht nur mit Musikern wie Herrenmagazin, Kettcar und Thees Uhlmann, die ich persönlich sehr mag. Ich bin neben dem Aufbau von Kampagnen zu deren Alben auch bei der Herstellung von Schallplatten dabei – für mich als Vinyl-Nerd immer wieder ein Highlight.

Im Team versuchen wir außerdem, uns immer wieder neue Extras für die Gestaltung von Covern und Hüllen einfallen zu lassen. Ein gutes Beispiel ist der Siebdruck auf Thees’ Seven Inch „Das hier ist Fußball“.

Und wenn man wie ich bei dem kompletten Prozess rund um eine Neuveröffentlichung dabei ist, vom ersten Künstlerkontakt bis zum Erscheinen, fühlt es sich auch irgendwie an, als wäre man selbst Teil der Band. Das ist schon ganz schön stark …

Protokoll: Erik Brandt-Höge
Foto: Andreas Hornoff

The Table

Drei-Sterne-Koch Kevin Fehling eröffnete in der HafenCity ein Restaurant, in dem es nur einen Tisch gibt

SZENE HAMBURG: Ihr Konzept einer weltoffenen Küche bleibt bestehen. Das Restaurant aber wird etwas ganz Neues: Es soll nur einen Tisch geben. Heißt das, Ihr Restaurant ist nichts für Pärchen oder Geschäftsleute, die unter sich bleiben wollen?

Kevin Fehling: Doch. Die Gäste schauen von einer Seite direkt in die Küche, und ihnen gegenüber sitzt niemand. Als Pärchen ist man genauso weit von seinen Nachbarn entfernt wie in einem anderen Restaurant, weil der Tisch unglaublich lang ist. Ein Geschäftsessen ist selbstverständlich auch möglich. Insgesamt wird die Atmosphäre ein bisschen lauter sein, auch werden Gast, Service und Küche miteinander verschmelzen. Die Köche werden vor den Gästen bestimmte Sachen anrichten und vielleicht auch etwas zeigen, etwa wie eine Ente tranchiert wird. Es soll halt, das finde ich sehr wichtig, alles ein bisschen lockerer werden.

Wirklich wohl fühlen sich im Sternerestaurant nur wenige Gäste. Vielmehr wird in der Branche von Schwellenangst gesprochen, die den Gästen genommen werden soll. Wie stellen Sie sich die Wohlfühlatmosphäre vor, die Sie schaffen wollen?

In neuen Privathäusern gibt es ja fast nur noch offene Küchen. In der Steinzeit war das Feuer auch in der Mitte der Höhle, und heutzutage finden die besten Gespräche und Partys in der Küche statt. Wenn man das aufs Gourmetkonzept spiegelt, sagen wir: Fühl’ dich wie zuhause. Wenn ich irgendwo eingeladen bin, dann frage ich auch nicht, was gibt es bei dir zu essen. Wir haben vor, bei der Reservierungsbestätigung auch das Menü zu versenden. Wenn dann jemand keine Gänseleber mag oder eine Krustentierallergie hat, dann werden wir eine Alternative anbieten.

Wir stellen uns vor, dass gegen 19 Uhr die ersten zehn Gäste kommen. Dann gibt es Champagner, Apéro-Gebäck, und wenn sich die Gäste dann gesammelt haben, beginnt es mit den Vorspeisen. Das bedeutet sechs Köche, zwölf Hände, zwölf Augen konzentrieren sich nur auf dieses eine Gericht; und der zweite Schub von Gästen kommt dann gegen 20 Uhr. Für diesen heißt das, er wird drei, dreieinhalb Stunden entertained, in denen wir 14, 15 kleinere und größere Gerichte servieren.

Eine neue Umgebung für Sie, eine offene Küche und mehr Lockerheit im Restaurant, werden die Gäste, die Sie bereits aus Travemünde kennen, einen neuen Kevin Fehling erleben?

Ein neuer Kevin Fehling? Vielleicht kannte man den Kevin Fehling bislang gar nicht, weil er in der Küche war. Vielleicht lernt man ihn jetzt einfach besser kennen. Ich habe da auch richtig Lust zu. Wir wollen Einzigartigkeit schaffen. Ich denke, die Zeit ist reif für solche offenen und kommunikativen Konzepte. In Deutschland haben wir so gute Köche, so viele Sterne, aber wir brauchen neue Konzepte.

Interview: Kersten Mügge

The Table
Shanghaiallee 15 (HafenCity)
August bis September: Mi-Sa 19 & 20, Sa+So 12.30 Uhr
Ab Oktober: Di-Sa 19 & 20 Uhr
www.thetable-hamburg.de

Jannes Wochenrückblick Vol. 20

Kolumne: Bier, Bier, Bier. Oder: Wie zwischen Clubplanung und Brauereifest immer noch ein Rum-Cola passt

Meine vergangene Woche stand ganz im Zeichen des Bieres. Ein Traum für viele, ich weiß, ich bin allerdings eher als Rum-Cola-Trinker bekannt. In diesem Fall macht das aber nichts, denn es ging fast ausschließlich um besondere Sorten.

Montag

Abends wurden wir in eine Unterkunft für Zuwanderer zum Sommerfest eingeladen. Die Religion respektierend: nur Malzbier.

Dienstag

Nachtschicht. Eventplanung. Verein. Buchhaltung. Kundenmagazin. Präsentation. Zur Abstimmung einer Werbekampagne um 19.30 Uhr gab es immerhin ein Pale Ale aus Hamburg. Danach noch eins, als ich mich mit einer DJ für unseren neuen Club getroffen habe.

Mittwoch

Sushiabend mit meiner Schwester: Asahi, Adventure Times und American Horror Story. Die Alliteration ist aus Versehen passiert.

Donnerstag

Bromance-Abend in der neuen Schankwirtschaft in der Detlev-Bremer-Straße. Fünf Summer Wheat Ale von and Union und die köstlichsten Pork Ribs der Welt verköstigt.

Freitag

Moderation der 15. clubkinder Tagebuchlesung im Gruenspan: endlich ein Rum-Cola. Ok, vier.

Samstag

Start ins große Finale: Auf den Summer Craft Beer Days präsentierten 20 Brauer aus Hamburg und aller Welt 107 Biere. 107. Circa 37 habe ich geschafft. Allerdings in 0,1 Liter Portionen. Bestes Wetter, beste Gäste, beste Sorten und vor allem meine Liebsten Patrick, Axel und Tina – so macht selbst mir Bier Freude!

Sonntag

Diese Kolumne ist unter Einfluss von 0,0 Promille entstanden. Aber mit 0,5 Liter Mate.

Habt einen schönen Start in die Woche, wir lesen uns Sonntag wieder, Jannes

 

Foto: Julia Schwendner

Who the fuck is Jannes?

Jannes Vahl hat den gemeinnützigen Verein Clubkinder e.V. gegründet. Mit Konzerten, Partys oder Events sammelt er Spenden für soziale Projekte in Hamburg, beispielsweise mit der Tagebuchlesung. Außerdem leitet er die Kreativagentur Polycore mit Büro auf St. Pauli. Mit seinem Compagnon Joko setzt er hier Projekte um. Jannes Vahl hat 5.000 Facebookfreunde, trinkt Craft-Bier, mag die Band Pearl Jam und versendet digitale Herzchen. In seiner neuen Kolumne berichtet er jeden Sonntag über ein Hamburger Thema, das ihn in der letzten Woche beschäftigt hat.

“Wir sind schon zwei Laberköpfe”

Gloria, das ist das Pop-Duo bestehend aus TV-Quatschmacher Klaas Heufer-Umlauf und „Wir sind Helden-Bassist Mark Tavassol. Die beiden veröffentlichten jüngst ihr zweites Album „Geister“. Im Interview mit SZENE HAMBURG geht es überraschend ernst zu. Die beiden großen Themen: Liebe und Gesellschaft

SZENE HAMBURG: Klaas und Mark, seit ein paar Jahren seid ihr als Gloria eine Band, seit noch ein paar mehr Freunde. Worauf basiert die eigentlich: eure Freundschaft?

Mark Tavassol: Auf vielen Gesprächen! Wir sind schon Laberköpfe (lacht).

Erzählt ihr einander ganz offen von eurem Gefühlsleben?

Klaas Heufer-Umlauf: Ja, auf jeden Fall. Wir sprechen darüber, was uns berührt, und das sind in der Regel die beiden großen Themen, die jeden irgendwie berühren: Liebe und Gesellschaft.

Klaas, du hast mal gesagt, dass die Musik dich verletzbarer machen würde. Hast du dich an dieses Gefühl schon gewöhnt?

Klaas: Es stimmt, dass ich als Musiker etwas mehr die Hose runterlasse. Das passiert automatisch, weil es nicht mehr nur ironisch zugeht. Und ein bisschen unangenehm ist das tatsächlich. Wobei ich hoffe, dass dieses Unangenehme nie ganz weggeht, denn damit würde auch ein Stückweit die Intimität eines Songs oder Konzerts verloren gehen.

Glaubst du, dass du dich durch die Musik generell verändert hast? Durch immer mehr Zeit auch, in der du dich mit diesen ernsten Geschichten beschäftigst, die du für Gloria singst?

Klaas: Im Idealfall entwickelt man sich natürlich sowieso weiter, ob mit oder ohne Musik (lacht). Aber klar, durch so etwas wie Musik kann man eine Entwicklung schon etwas besser beobachten. Ein Song ist ja sehr greifbar, daran kann man einiges ablesen.

GLORIA Hamburg

Foto: Erik Weiss

Wie wichtig ist denn Gloria für euch beide aktuell?

Klaas: Man darf bei der Überlegung, warum man eine Band gründet, Platten raus bringt und auf der Bühne steht, nicht vergessen, dass das, was am meisten Spaß macht, immer noch das Musikmachen ist. Das geht bei diesem ganzen Pop-Zirkus immer ein bisschen unter. Viele denken, wir hätten zuerst die großen Hallen gebucht, bevor wir überhaupt einen einzigen Song geschrieben hatten.

Mark: Eine Band sollte einem immer genau so wichtig sein, wie sie einem Freude bereitet. Daher ist uns Gloria im Moment natürlich sehr wichtig.

Und wie war es anfänglich?

Klaas: Wir haben uns erstmal viele Jahre hobbymäßig getroffen und Musik gemacht, ohne die Intention zu haben, ein Album zu machen.

Das hättet ihr ja auch weiterhin so handhaben können. Vielleicht brauchtet ihr aber irgendwann die Öffentlichkeit, um noch mehr Spaß zu haben.

Mark: Wir wollten viel mehr den Spaß, den wir zu zweit schon hatten, konservieren. So ist damals auch das erste Album entstanden.

Und euer Bühnendrang? Hat der keine Rolle dabei gespielt?

Klaas: Ist doch klar: Jeder, der regelmäßig auf die Bühne geht, hat auch ein gewisses Bedürfnis, im Mittelpunkt zu stehen und sicherlich auch eine Veranlagung zur Egozentrik.

Wer das bestreitet, erzählt Quatsch. Wichtig ist bei all dem nur zu wissen, wo dieses Bedürfnis anfängt, und wo es aufhören sollte.

Wer von euch beiden ist denn die größere Rampensau?

Klaas: Ich glaube, wir haben beide das, was man einen An-und-Aus-Schalter nennt. Das ist uns auch sehr wichtig. Mir gehen die Leute auf den Sack, die nicht checken, wann es auch mal gut ist. Ich finde, es ist vollkommen in Ordnung, auch mal auf 120 Prozent zu drehen, aber eben nicht ständig und sobald mehr als zwei Leute im Raum sind. Das finde ich unerträglich.

Interview: Erik Brandt-Höge
Foto: K.Hintze

„Geister“ von Gloria erschien am 7.8.

Bunker vs. Barkasse (29.8.)

Elektronischer Samstag: beatbastelndes Nordlicht oder lieber tanzbarer Hafencruise?

Das beatbastelnde Nordlicht Peer Kusiv greift nach der Elektrokrone im Uebel & Gefährlich

Peer Kusiv hat den Sommer im Gepäck. Das Nordlicht, dem die Musikalität irgendwie schon in die Wiege gelegt wurde, steht für kreative Vielfalt und treibende Beats. Inspiriert durch HipHop, Jazz und auch gängige Popperlen landet er bei elektronischer Musik, die seine Leidenschaft wird – und das merkt man. Bei seinem melodischen Mix aus Samples und durchweg tanzbaren Sounds kann niemand einfach an der Theke stehen bleiben: Der Sommer will getanzt werden. Los!

Text: Kathrin Schwatlo

Uebel & Gefährlich
Feldstraße 66 (St. Pauli)
29.8., 24 Uhr

Hamburgs Electroswing Crew lädt zum tanzbaren Hafencruise

Sonst im Fundbureau beheimatet macht sich Hamburgs Electroswing Crew von der Sternbrücke auf in Richtung Elbe auf die MS Classic Queen. Für die Sause auf dem Feierdampfer wurde unter anderem Kalletti Club eingeladen. Auf dem diesjährigen Ferienkommunismus-Festival in Lärz haben sie den Wei dendom zum Beben gebracht. Absolut tanzbar und wirklich swingtastisch! Wer diese grandiöse Performance verpasst haben sollte, hat nun erneut die Gelegenheit. Aber aufgepasst: Tickets sind begrenzt.

Text: Ole Masch

MS Classic Queen
Große Elbstraße 128 (Altona-Altstadt)
29.8, 15 Uhr

Im Notfall für St. Pauli

Amateurfußball: Eine Regel verwandelt eiserne HSV-Fans in Teilzeit-Anhänger der Kiezkicker

Foto: HSV-Fans im FC St. Pauli-Fieber – Jan Haimerl, Florian Peters, Wolfgang Krause (von links)

Concordias Florian Peters atmet durch, als er sich beim Fototermin das braun-weiße Trikot überstreift. „Danke, St. Pauli“, sagt Peters. „Und bitte steigt nicht ab.“ Billstedts Wolfgang Krause und Barmbeks Jan Haimerl nicken. „Beim Fegen zu meinem 30. Geburtstag bin ich mit St. Pauli-Klamotten verschont worden. Nun ist es so weit“, sagt Haimerl. „Ich ertrage dieses einmalige Erlebnis wie ein Mann. Mein inneres Verhältnis zu St. Pauli ist gar nicht mehr so gespannt“, ergänzt Krause.

Peters, Krause und Haimerl sind HSV-Fans. Profifußball bedeutet für sie in erster Linie „Immer Erste Liga, HSV“. Doch Peters, Krause und Haimerl sind auch mit großer Leidenschaft im Hamburger Amateurfußball aktiv. Peters managt Oberliga-Aufsteiger Concordia (5. Liga), Krause den Landesligisten SC V/W Billstedt (6. Liga), Haimerl spielt für den Bezirksligisten Barmbek-Uhlenhorst II (7. Liga).

Paradox: Ihre Liebe zum Kampf um den Ball in unteren Spielklassen macht sie und viele weitere HSV-Anhänger im eher bürgerlichen Milieu des Hamburger Amateurfußballs zu Teilzeit-Anhängern St. Paulis. Schuld daran ist eine 2012 eingeführte Regel des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), die bei einem Abstieg St. Paulis zum Zwangsabstieg von St. Pauli II (siehe Kasten) und damit zum Verlust von Aufstiegsplätzen für die Amateurkicker führen würde.

Unmittelbar betroffen davon war vergangene Saison Concordia: Der Verein konnte nur aufsteigen, weil St. Pauli in der 2. Liga blieb. „In unserem Verein wünschten viele HSVer St. Pauli erst den Abstieg“, erklärt Peters. „Als wir merkten, dass wir von St. Pauli abhängig sind, drehte sich die Stimmung. Es entstand eine richtige Welle im Verein“, beschreibt Peters die kuriosen Folgen. „Wir waren alle im Pauli-Fieber. Auch ich habe plötzlich Zweite Bundesliga geguckt. Ich hätte nie gedacht, dass ich St. Pauli mal die Daumen drücke.“

In dieser Saison bibbern Landesligist Billstedt und Bezirksligist Barmbek-Uhlenhorst II. Sie gelten als heiße Aufstiegskandidaten, ein Abstieg des FC St. Pauli könnte aber einen möglichen Aufstieg vereiteln. „Die Regel von 2012 ist völliger Blödsinn“, kritisiert Billstedts Manager Krause. „Ein Abstieg innerhalb der drei Profiligen darf keine Auswirkungen auf den Amateurbereich haben.“ Peters stimmt zu: „Für uns als Amateure ist es traurig, unseren Aufstieg nicht selbst in der Hand zu haben.“

Auch für Haimerl „ist diese Abhängigkeit keine schöne Situation“. Mit Einführung der Regel wollte der DFB die Anzahl der zweiten Mannschaften in den Regionalligen begrenzen. Es gelang nicht, die Anzahl ist nahezu unverändert. „Schon das Ziel ist falsch“, findet Peters. „Sport soll doch fair sein. Es ist ungerecht, dass St. Pauli II nur in der Regionalliga Nord spielen darf, wenn St. Pauli I nicht absteigt.“

Initiativen zur Abschaffung der umstrittenen Regel gibt es wohl nicht. Der Norddeutsche Fußball-Verband ließ unsere Presseanfrage unbeantwortet. Wer im Hamburger Amateurfußball aufsteigen will, darf sich also weiterhin St. Paulis Abstieg nicht wünschen. Peters, Krause und Haimerl beteuern, das würden sie sowieso nicht tun. „Der FC St. Pauli gehört einfach zu Hamburg und in die Zweite Bundesliga“, weiß Krause. Mindestens!

Text: Mirko Schneider
Foto: Josef Noveski

Regelwerk

Die ersten drei Fußball-Ligen in Deutschland sind Profi-Spielklassen. Ab der in fünf Staffeln aufgeteilten Regionalliga (4. Liga) beginnt der Amateurbereich. Zweite Mannschaften können bis in die 3. Liga aufsteigen. Sie dürfen, wenn sie sich sportlich qualifizieren, eine Liga tiefer spielen als ihre erste Mannschaft. Eine Ausnahme von dieser Regel beschloss der Deutsche Fußball-Bund 2012: Ein Verein, dessen erste Mannschaft in der 3. Liga spielt, darf keine zweite Mannschaft in der 4. Liga haben. Steigt der FC St. Pauli in die 3. Liga ab, muss der FC St. Pauli II aus der 4. Liga in die fünftklassige Oberliga Hamburg zwangsweise absteigen. Dort würde er einen Startplatz blockieren. Von der Landesliga (6. Liga) bis zur Kreisklasse (9. Liga) würde allen Hamburger Amateurligen ein Aufstiegsplatz verloren gehen.

 

 

 

 

 

Soul im Hafen (29.8.)

Drinnen spielt das John Butler Trio, draußen Mojo-DJs und es gibt einen Vintagemarkt – das Festival steigt im neuen Mehr! Theater am Großmarkt

Mit dem John Butler Trio aus Australien, der Bremer Soul-Lawine Flo Mega & The Ruffcats, der HipHop-Blaskapelle Moop Mama und den heiß gehandelten Newcomern Malky aus Leipzig lässt das Line-up der zweiten Ausgabe von Soul im Hafen den Puls der Genre-Fans höherschlagen. Dank Mojo-Club-Mastermind Oliver Korthals, Scrimshire vom Whawha 45 Record-Label und Co. werden vor der DJ-Stage ebenfalls gute Vibes am Start sein. Damit die nicht gleich nass geregnet werden, gibt es neben dem Außenbereich mit Essensständen und einem Soul- und Vintagemarkt auch eine neue Location, die Großmarkthallen, die dem unberechenbaren Hamburger Sommer trotzt – und gleichzeitig den Soul mitten in die Stadt bringt.

Text: Theresa Huth

Mehr! Theater am Großmarkt
Banksstraße 28 (Hammerbrook)
Beginn: 15.30 Uhr

Zeitplan

15.30–23.30 Uhr     MOJO DJ’S (Außenbereich)
17–17.30 Uhr            MALKY
18–19 Uhr                 FLO MEGA & THE RUFFCATS
19.30–20.40 Uhr    MOOP MAMA
21.15–22.45 Uhr      JOHN BUTLER TRIO

Aftershow-Party

Wer tagsüber nicht dabei sein kann, für den hält der Mojo Club abends einige Sahnestücke bereit. Bei der Aftershow-Party sind auch Nicht-Festivalbesucher herzlich willkommen. Neben Resident Ben Kenobi wird HipHop-Masterin und DJane-Urgestein Miss Leema an den Plattentellern stehen. Seit über zehn Jahren zeigt die Turntablistin unter anderem an der Seite von Das Bo, Jan Delay oder Samy Deluxe ihr Können und mixt nahezu alle Bereiche der sogenannten Blackmusic zu ihrem exklusiven Partysound. Groove garantiert!

Text: Ole Masch

Mojo Club
Reeperbahn 1 (St. Pauli)
29.8., 23 Uhr

Lazy Days by Miss Leema on Mixcloud

Pop-up-Ladenutopien (ab 28.8.)

Die Wilhelmsburger Ladenkrise ist offiziell beendet – zumindest wenn es nach den Machern dieses unterhaltsamen Festivals geht

Plötzlich steht die seit Jahren geschlossene Videothek in der Veringstraße voller Bananenstauden und Orangenbäumen. Und der verrammelte Kiosk ein paar Schritte weiter ist aus dem Dornröschenschlaf erwacht – als Comicladen für Graphic Novels … Nein, das ist keine Halluzination, auch keine optische Täuschung, sondern Teil des Pop-up-Lädenfestivals in Wilhelmsburg. Eineinhalb Monate lang erwecken junge Einzelhändler, Designer und Kreative den Leerstand im Reiherstiegviertel zu neuem Leben. Mit ziemlich ungewöhnlichen Ideen.

So können Besucher des Speiselabors Wilhelmsburg Jens Block beim Züchten von Gourmetpilzen zusehen; in der „Nonstop Schwitzen-Bar“ (beides im Festivalzentrum, Veringstraße 16–18) werden schmackhafte Smoothies angerichtet – mithilfe von Fahrrad betriebenen Küchenmixern; und der „Slow Fashion Room“ (Fährstraße 71) steht für Secondhand- und Vintagemode sowie Kleidertausch.

Insgesamt werden zwölf Ladenflächen bespielt, dazu finden geführte Pop-up-Shoppingtouren statt, ein Foodtruck-Festival, der Kulturflohmarkt FlohZinn sowie Tresensport. Und wer weiß, vielleicht verwandelt sich so manche temporäre Installation dann in einen dauerhaften Laden.

Die Idee zum Lädenfestival hatte Marco Antonio Reyes Loredo (36) – Fernsehproduzent (Konspirative Küchen Konzerte), Wahlinsulaner und Stadtteilaktivist:

“Ich habe quasi ein gläsernes Büro in den Wilhelmsburger Zinnwerken und guten Kaffee. Darum kommen oft Leute zu mir und erzählen von ihren Geschäftsideen. Als mich mal ein Politiker fragte: ‘Haben Sie eine Ahnung, was wir mit den leerstehenden Läden in Wilhelmsburg machen können?’. Bis zum 4. Oktober blühen kleine, große, besondere Ladenutopien auf – im ehemaligen Sonnenstudio, im verwaisten Monopol-Theater und so weiter. Dazu gibt es ein Rahmenprogramm inklusive Tresensport – einer elektronischen Tanzgymnastik zur Rettung der guten alten Gardinenkneipe.”

Text: Julia Braune & Lena Frommeyer

28.8. bis 4.10.
Do+Fr 14–20, Sa+So 12–18 Uhr
verschiedene Orte im Reiherstiegviertel
Öffnungszeiten der einzelnen Läden: siehe Ladenkarte

Geliebter Schandfleck

Seit Mitte Juni brodelt es im Münzviertel. Zankapfel ist das Kollektive Zentrum, punkig „koZe“ getauft

Jahrzehntelang war das kleine Münzviertel nur ein brachliegender Schandfleck, ein Bermudadreieck zwischen den glitzernden Kommerzmeilen der Innenstadt, dem halb schwul-mondänen, halb türkisch-lebhaften St. Georg und dem drögen Hammerbrook im Süden, wo sich schon lange Stahlglasjünger ihre Kathedralen bauen.

Nun, mehr als 70 Jahre nach dem Feuersturm, hat das derzeit viele „billige Geld“ bemerkt, dass dieser Ort nur 100 Meter vom Hauptbahnhof entfernt ist – und drängt mit großer Macht in dieses sensible Gebiet. Die günstige Verkehrsanbindung lässt sich gut vermarkten, und wer nur zum Schlafen hier ist, den stört das Flair der Bahnhofsgegend wenig, die vielen Migranten und Obdachlosen, die Junkies und Cracksüchtigen, die hier ihren letzten Halt finden. Selbst der Verkehrslärm dringt nicht hinter die dicken Neubaufassaden.

Die engagierten Bewohner des kleinen Quartiers waren allerdings nicht untätig in den letzten 13 Jahren und machten aus den Nöten Tugenden. Werkstätten, Obdachlosencafés, Selbsthilfeinitiativen, Galerien, linke Kneipen und Kellerclubs sind entstanden. Unter anderem ein aktiver Quartiersbeirat und das Projekt Werkhaus haben über die Jahre eine ganz eigene, vom sozialen Gedanken getragene Infrastruktur mit kulturellem Gesicht geschaffen.

Diesem Engagement entsprang auch das Kollektive Zentrum, punkig „koZe“ getauft, das in letzter Zeit die Gemüter erhitzt und das sich in der einstigen Kita der ehemaligen Schule für Hörgeschädigte hinterm Hühnerposten eingenistet hat. Angemietet vom Quartiersträgerverein der Stadtteilinitiative Münzviertel: Kunstlabor naher Gegenden e.V., kurz KuNaGe, der sich obdachlosen Jungerwachsenen widmet, die „von sozialstaatlich-institutionellen Kontexten nicht (mehr) erreicht werden.“

Die 70 Quadratmeter im Erdgeschoss der ehemaligen Kita waren aber bald zu klein für die Flut von Gestrandeten und so erlagen die Aktivisten der verständlichen Versuchung, den weiteren großzügigen Leerstand mitzubenutzen. Davon war der Investor, die Hanseatische BauKonzept – HBK, nicht begeistert, und so tauschten die einen Schlösser, drohten mit Besetzung, die anderen mit Räumung und dem Bagger – glaubhaftes Drohpotential auf beiden Seiten.

KoZe Münzviertel

Entspanntes Beisammensein beim Münzviertelfest

Dabei hätte es soweit gar nicht kommen müssen, wäre die oft bemühte Partizipation, die Mitwirkung und -gestaltung der Anwohner von der Politik damals ernst gemeint gewesen. Bereits 2011, zwei Jahre bevor die Schule für Hörgeschädigte nach Othmarschen zog, gab es erste Planbuden, in denen die Münzviertler ihre Ideen zu einer Neugestaltung einbringen konnten.

Was sie nicht wussten: Das war nur ein Placebo. Die Stadt hatte das Grundstück längst der HBK versprochen, die solche Beteiligung nicht braucht. Deren „soziale Tat“ ist die Errichtung von Studentenappartements und kleinen Wohnungen für alleinerziehende Mütter. Aber die Studenten sind als Pendler und Nomaden für das Viertel nur bedingt interessant und für kleine Kinder gibt es wiederum wenig Struktur in einem Gebiet mit großen Straßen, hartem Elend und vielen Drogen.

Wer einen Blick in die bauliche Zukunft des Quartiers werfen will, der kann schon heute ein weiteres Studentenwohnheim bewundern, auch entwickelt und dann weiterveräußert vom Geschäftsführer der HBK, Dietrich von Stemm. Schon im Rohbau wirft der zwölfgeschossige Riegel lange, dunkle Schatten. Abweisend wie sein Name „SMARTments student“ wirkt ein erster, bereits fertiger Block oben an der Ecke Schultzweg/Hühnerposten.

Unten an der Verkehrsbrandung zur Amsinckstraße werden lukrative Hotels hochgezogen, auch um den Schall zu dämpfen. Die dort erreichte Geschosszahl begeistert den Bauherrn im Hinterland ebenfalls. Zwischen Münzstraße, Schultzweg und Norderstraße ist eine Gesamtfläche von 18.500 Quadratmetern Geschossfläche geplant.

Mittendrin die über hundert Jahre alte Knabenschule (oberes Foto), um die herum sich später die Schule für Hörgeschädigte gruppierte. Dieses Gebäude allein soll stehen bleiben, so die vertraglich getroffene Absprache zwischen der Stadt und HBK laut dem Vorsitzenden Günter Westphal vom Kunstlabor naher Gegenden. In diesem alten 1.200 Quadratmeter großen Backsteinhaus könnte mit immerhin 800 Quadratmetern die Zukunft des sozialen und autonomen Spirits liegen, der heute KuNaGe e.V. und koZe antreibt, obwohl die HBK (noch) meint, die Gruppe soll die 800 Quadratmeter für 2,5 Millionen kaufen. Weitere Gespräche stehen noch aus.

Schon jetzt als Gewinner sieht sich jedenfalls die konservative Opposition, die herrlich ihr Angst-Süppchen von „rechtsfreiem Raum“, „massiver Bedrohung“ und „zweiter Roter Flora“ kocht. Schlimm wird es, wenn diese Schimären kühles Handeln vereiteln. Die Themen Migration und Obdachlosigkeit, die das Quartier und das kollektive Zentrum so intensiv betreffen und beschäftigen, lassen sich am Stammtisch jedenfalls nicht verhandeln.

Text und Fotos: Georg Kühn