Der Hamburger Axel Hackbarth (33) segelt alleine über den Atlantik

Unlucky Luc. Elvis Jarrs und der Freiwilligendienst in Costa Rica

Der Hamburger Elvis Jarrs leistet Freiwilligendienst in Costa Rica und berichtete uns in loser Serie über seine Erlebnisse. Sein Freiwilligendienst nähert sich dem Ende. Und Elvis zieht Bilanz

Als ich Luc das erste Mal sehe, stehe ich mit einem Rucksack und Sonnencreme im Gesicht an der Rezeption eines kleinen Hostels. Ein Freund steht neben mir, ohne Sonnencreme, dafür stilecht in Adiletten. Es ist Oktober und wir sind spontan für das Wochenende an die karibische Küste Costa Ricas gefahren. Der junge Mann hinter Rezeption ist blond, knappe zwei Meter groß und seine spanische Begrüßungsfloskel hat einen derart deutschen Einschlag, dass wir schnell die Sprache wechseln. Es beginnt ein klassischer Ach-du-kommst-auch-aus-Deutschland-Smalltalk an den man sich insbesondere in Costa Rica schnell wird gewöhnen müssen.

Luc ist 19 Jahre alt, kommt aus Berlin und arbeitet als Freiwilliger in Costa Rica, in einem ganz normalen Hostel. „Wie jetzt als Freiwilliger?“ fragt mein Freund mit den Adiletten und stellt seinen Rucksack ab, „das ist doch eher work and travel?“.

Nein. Luc ist zwar mit einer anderen Entsendeorganisation hier, dem ICJA bzw. dem ACI, ansonsten unterscheidet sich sein Dienst auf dem Papier nicht von dem Meinigen. Auch er ist mit Weltwärts in Costa Rica, dem „entwicklungspolitischen Freiwilligendienst“ der zu drei Vierteln vom Bundesministerium für Entwicklungszusammenarbeit finanziert wird. Seine Organisation hat ihn an der Rezeption eines Hostels platziert. Hier arbeitet er jeden Tag fünf Stunden und wenn mal wieder keine Gäste kommen vertreibt er sich die Zeit mit seinem Laptop und einer Tasse Mate auf der Couch in der Lobby.

Am Abend sitzen wir mit einem Bier zu dritt in der kleinen Hostelküche. „Wie soll ich überhaupt Spanisch lernen“ fragt Luc und wendet die Zwiebeln im brutzelnden Öl, „wenn die einzigen Leute, mit denen ich hier zu tun habe, Touristen sind?“ Zwar lebt Luc nur einen Steinwurf von einem der schönsten Strände des Landes entfernt und liegt die meiste Zeit in der Hängematte, glücklich ist er damit aber nicht. Ist eine Arbeit in einem Kinderzentrum zwar auch schwer als Entwicklungsdienst zu vermarkten, man ist dort aber immerhin unter Kindern, baut Bindungen auf und gibt den Kleinen ein Gefühl dafür, dass auch außerhalb ihrer Landesgrenzen eine Welt existiert.

Die Bindungen, die er im Hostel mit den Gästen aufbaut dauern im Schnitt drei Tage und gehen selten über eine höfliche Frage nach mehr Klopapier hinaus. Im Grunde genommen hilft Luc seiner Chefin lediglich bei der Profitmaximierung. Wäre er nicht hier müsste sie womöglich einen Einheimischen als bezahlten Mitarbeiter einstellen.

„Wo ist denn hier eigentlich der entwicklungspolitische Aspekt?“ fragt mein Freund, mittlerweile in Sneakern, und nippt an seinem Bier. „Offiziell“ lacht Luc, „ist das hier ein ökologisches Projekt.“ Man hört die Gänsefüßchen heraus die er gern gemacht hätte, wäre er nicht mit Tomatenschneiden beschäftigt. „Wir recyclen nämlich unseren Müll und haben Bäume im Garten stehen“ fügt er hinzu und schürzt die Lippen in ironischer Anerkennung.

 

Ich treffe Luc einen Monat später bei einem erneuten Wochenendtrip. Seine Chefin ist mittlerweile da und wenn er versucht auf spanisch ein Gespräch zu beginnen antwortet sie ihm auf englisch. Er möchte sein Projekt so schnell wie möglich wechseln. Den Strand wird er dann zwar nicht mehr so oft sehen, vielleicht wird er im Bus zu seiner neuen Arbeit täglich im Stau stehen und nach Kinderpipi riechend abends nach Hause kommen. Doch das ist es ihm wert.

Lucs Situation ist ein Fall, der deutlich macht, welche Probleme die Freiwilligendienste mit sich bringen. Dass in Entwicklungsländern kein Mangel an unqualifizierten, jungen Arbeitskräften ohne fließende Sprachkenntnisse herrscht sollte nicht überraschen. Organisationen werben deswegen mit der „kulturellen Erfahrung“ die ein solcher Freiwilligendienst mit sich bringe.

Oder wie der ICJA, Lucs deutsche Entsendeorganisation, auf seiner Homepage schreibt: „Wer an unserem Programm teilnimmt, begegnet fremden Menschen, fremden Gebräuchen und fremden Dingen. Als Freiwilliger kann man diese Vielfalt erleben.“ All das ist während Lucs Aufenthalt hier bislang weitestgehend ausgeblieben. Womöglich hat sein Dasein sogar eine bezahlte Arbeitsstelle für einen Einheimischen verhindert. Doch warum werden Freiwillige derart wahllos verteilt?

Von der hohen Nachfrage profitieren in erster Linie die Entsendeorganisationen und ihre Partner vor Ort. Das deutsche Entwicklungsministerium überweist ihnen pro Freiwilligem einen gewissen Geldbetrag, von der jede Organisation ihre anfallenden Kosten deckt und ihre Mitarbeiter bezahlt.

Je mehr Freiwillige bei einer Organisation gemeldet sind, desto höher ist demnach die finanzielle Unterstützung. Gerade ein kleines Land wie Costa Rica, bei Freiwilligen extrem hochfrequentiert, scheint um die hohe Nachfrage decken zu können Freiwillige mitunter wahllos auf Projekte zu verteilen.

Die Folgen haben junge Menschen wie Luc zu spüren: Haben sie eben noch mit spanischem Wörterbuch erwartungsvoll am Flughafen gestanden, sitzen sie einige Wochen später resigniert an einer Rezeption und erklären dem vierten Gast in fünf Tagen auf englisch wo der nächste Supermarkt ist.

Das Weltwärts-Programm steht seit jeher in der Kritik. Wenn man solche Programme überhaupt staatlich bezuschussen wolle, so eines der Argumente, solle man die Mittel gefälligst aus dem Bildungsetat nehmen und nicht dringend benötigtes Geld aus der Entwicklungshilfe verwenden. Das ist nicht nur vollkommen richtig, der Fall von Luc gibt dem Scheitern des proklamierten Ideals eine neue Dimension. Es bleibt abzuwarten, wie viel Scheinheiligkeit man sich in Zukunft noch leisten kann.


Elvis Jarr

Elvis Jarrs aus Hamburg ging nach dem Abitur nach Costa Rica, um seinen Freiwilligendienst zu absolvieren. Seine Bilanz? Nur bedingt positiv.

 

 

 


Mehr von Elvis Jarrs

 

Ungebändigte Segel und wilde Delphine

E-Mail vom 26. November: Axel schlemmt kurz vor Porto Fromage und französischen Wein. Hat er sich verdient, nach dem letzten Kampf mit Wellen, Wind und zwei abgerissenen Segeln

26. November

Moin Lisa,

viel ist passiert in der Zwischenzeit, wenig Zeit bleibt zum Schreiben. Volles Programm die ganze Zeit. Ich habe den Skipper Boris Hermann auf dem Weg nach Brest verabschiedet. Er versucht den Segelrekord zu brechen – einmal um die Welt (Jules Verne Trophy), die Bestzeit liegt aktuell bei 45 Tagen und 13 Stunden. Ich war vorher noch mit Schlauchboot draußen und haben seinen gigantischen Trimaran (Mehrrumpfboot mit einer Länge von 105 Fuß) in die Nacht verabschiedet.

Danach bin ich mit dem Mietwagen zurück zur Zest nach La Trinite Sur Mer gefahren, um am nächsten Tag die Biskaya zu bezwingen. Am Montagabend musste ich mangels Wind noch mit Motor in die Dämmerung fahren, aber wurde dafür von 20 Delfinen mehrere Stunden begleitet, die in der Bugwelle der Zest gespielt haben. Der Wind frischte in der Nacht auf, und kam leicht achterlich, so dass ich schnell voran kamen, ohne viel kämpfen zu müssen.

Der englische Kanal war da eine sehr viel härtere Bewährungsprobe, dessen Geschichte ich dir auch noch schuldig bin. Nun bin ich schon vor der portugiesischen Küste und werde in 2,5 Stunden in Porto einlaufen. Heute habe ich noch gut Atlantikwellen abgesurft, mit achterlichem Wind unter Spinnaker. Das war bombastisch – bis der Wind so stark wurde, dass die Zest häufig über 8 Knoten lief, einmal sogar mit 10,5 Knoten (19,5 Kmh) die Welle runter.

Kurze Zeit später ist die Zest aus dem Ruder gelaufen, bei der Aktion musste ich den Spi (Vorsegel) loswerfen. Dabei ist dann auch noch der Baumniederholer vom Großsegel und die Befestigung der Großschot gerissen. Bei den Wellen, dem Wind und zwei ungebändigten Segeln ist mein Puls dann doch ziemlich hoch gewesen. Aber die wichtigste Regel an Bord ist: Cool bleiben, schnell und vor allem überlegt handeln! Das hat mir auch schon beim Bruch des Ruders den Hintern gerettet. Das hätte auch schnell kritisch werden können.

Nun segle ich ganz entspannt unter Vorsegel nach Porto. Ich habe gerade lecker gegessen und werde mich gleich noch um den französischen Fromage. Und den Rotwein. Das versteht sich von selbst…

Ahoi, Axel

Weitere spannende Seefahrer-Geschichte aus Axels Logbuch gibt es hier

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Axel KajuteSegler, sag mal „Piep!“
E-Mail vom 12. November: Endlich, ein Lebenszeichen von Axel. Er hat diverse Waschgänge hinter sich, kreuzte ohne Licht den englischen Kanal und hatte einen vomierenden Mitfahrer an Bord


Axel HackbarthEin Hamburger allein auf dem Atlantik
E-Mail vom 15. Oktober: Jetzt geht’s los! Axel ist kurz vor der holländischen Küste angekommen und hat die erste Nacht Nüsse knabbernd an Deck verbracht

 

ContainerSchiffeTurbulenzen zwischen Containerschiffen
E-Mail vom 21. Oktober: Großes Malheur vor Dover! Im Englischen Kanal bricht das Ruderblatt der Zest. Axel baut aus einem Brett seiner Koje fix ein neues, wird dann aber doch von Seenotrettern geborgen

Segler, sag mal “Piep!”

E-Mail vom 12. November: Endlich, ein Lebenszeichen von Axel. Er hat diverse Waschgänge hinter sich, kreuzte ohne Licht den englischen Kanal und hatte einen vomierenden Mitfahrer an Bord

12. November

Lieber Axel,

Langsam mache ich mir Sorgen um dich. Wir hören nichts von dir und du reagierst nicht auf meine Mails. Wolltest du zu dieser Zeit nicht bereits in Lissabon sein? Hat das zweite Ruder etwa nicht gehalten? Ich möchte es mir gar nicht ausmalen… Oder hängst du – Gott in Frankreich gleich – in Bordeaux ab?

Bitte melde dich!

Bis dahin, Mast- und Schotbruch

Lisa

12. November

Moin Lisa,

ich habe letzten Freitag endlich das Ruder bekommen. Die Versicherung bezahlt wohl den Schaden. Dann habe ich alles selbst gestrichen (5 Schichten) und eingebaut (ohne das Boot aus dem Wasser zu kranen, das Ruder wiegt gute 50 kg). Ich bin noch Samstagnacht um 1 Uhr losgesegelt.

Mein Mitsegler hat sich, nachdem wir uns in der ersten Nacht bei Flaute noch mit der Wache abgewechselt haben, ab dem nächsten Tag darum gekümmert, dass die Fische groß und stark werden … Es war heftig: Im Sturm gegenan, zu viel Segelfläche im Wind, viel Wasser im Boot, Wellen die immer wieder das Deck überspülten.

In der zweiten Nacht war auch ich mit meiner Konzentration am Limit. Es kam bei schlechter Sicht auch noch hinzu, dass die ganz neue Frontlaterne (die alte hat mir der Seenotkreuzer abgefahren) nicht wasserdicht ist und die LED Birne nicht mehr ging. Ich konnte sie noch mit ordentlichem Waschgang auf dem Vorschiff wechseln, aber dann ist sie kurz bevor wir die zwei Fahrrinnen des englischen Kanals kreuzen wollten, auch ausgefallen…

Wie das Abenteuer von da an weiter geht, erzähle ich in einer weiteren E-Mail. Ebenso gibt’s dann neue Fotos. Gleich bin ich nämlich schon auf den Iles de Glenan angekommen und möchte noch die letzten Sonnenstrahlen genießen, gegebenfalls bei einer Kitesession. Aber es war wirklich nicht viel Zeit für irgendwas, geschweige denn E-Mails oder Whatsapp-Nachrichten zu beantworten… Noch viele Baustellen an Bord, die erledigt werden müssen.

Liebe Grüße von der Zest auch von meinem Mitsegler Kevin, dem es mittlerweile richtig gut geht.

Ahoi, Axel

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Ein Hamburger allein auf dem Atlantik

E-Mail vom 15. Oktober: Jetzt geht’s los! Axel ist kurz vor der holländischen Küste angekommen und hat die erste Nacht Nüsse knabbernd an Deck verbracht

15. Oktober

Moin Lisa,

bin gerade vor der holländischen Küste, habe erstmals Einhand eine Nacht verbracht, war sehr spannend. Anfangs bei starkem Wind mit bis zu 8.4 Knoten (16 km/h) in stockdüsterer Nacht die 2 Meter hohen Wellen abgesurft. In der Nacht flaute der Wind jedoch immer mehr ab, so dass ich vor drei Stunde bei null Wind sogar den Motor angeschmissen habe.

Die Wettervorhersage hatte mir schönsten Rückenwind versprochen. Seit einer Stunde bin ich wieder flott mit Windkraft unterwegs und habe seit Hamburg nun schon fast exakt 500 km zurückgelegt.

Axel Schiff

Meine Vorräte:

  • Ich habe einen 200 l Wassertank und momentan ca. 30 l in Flaschen, 60 l Diesel und zwei Kanister á 20 l und drei 5 kg Flaschen mit Campingas zum Kochen.
  • 3 Hokkaido Kürbisse, 5 Zucchini, 4 Auberginen, 1 kg Champignons, 13 Bananen, 10 Äpfel eine Honigmelone zwei Sharon Früchte und 60 kg Nüsse von Kernenergie. Die dürften die ganze Fahrt über halten und haben letzte Nacht schon gut geholfen, als es wild geschaukelt hat und an kochen nicht zu denken war.
  • Als Brettsportler habe ich natürlich auch diverse Bretter dabei: 2 Skateboards, ein Kiteboard, ein Surfboard. In der Bretagne bekomme ich für den Trip noch ein Wave Kiteboard und ein Wakestyle Kiteboard von Core Kiteboarding aus Fehmarn zugeschickt, sowie 4 Kites.
  • Equipment zum Flaschen- und Apnoetauchen sind auch an Bord.
  • Den Unterwasser-Roboter erwähnte ich ja bereits. Zudem habe ich noch eine Flugdrohne für Videos dabei. Die beiden müssen aber noch etwas zusammen gebaut werden.

Beste Grüße

Axel

Weitere spannende Seefahrer-Geschichte aus Axels Logbuch gibt in unserem Abenteuer-Blog oder hier.

Foto: Philipp Jung

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Turbulenzen zwischen Containerschiffen

E-Mail vom 21. Oktober: Großes Malheur vor Dover! Im Englischen Kanal bricht das Ruderblatt der Zest. Axel baut aus einem Brett seiner Koje fix ein neues, wird dann aber doch von Seenotrettern geborgen

21. Oktober

Moin Lisa,

ich wollte nur kurz Bescheid sagen, dass nach meinem kleinen Malheur auf der Elbe…

Mit Spi so hart am Wind gesegelt, wie es eigentlich nicht möglich scheint. Kam schon leicht von vorne, dann eine heftige Böe von der Seite, die die Zest aus dem Ruder laufen ließ und nicht wieder hochkommen wollte. Ca. 60° auf der Seite gelegen, Wasser strömte ins Cockpit, unter Deck purzelte alles vom Kartentisch in die Küche und hinter den Herd, den Navigationscomputer inklusive. Aber bis auf ein paar Stullen, die in Elbwasser getränkt waren, ist nix ernsthaft kaputt gegangen.

…nun auch ein großes Malheur dazugekommen ist.

Am Samstag bei 3 m Welle und Böen von 27 Knoten wollte ich mit meinem Freund Georg die Hauptfahrrinne des Englischen Kanals vor Dover kreuzen, um dann auf der englischen Seite weiter in Richtung Bretagne zu segeln. Noch drei Containerschiffen ausgewichen, gerade eine große Lücke gesehen, dann geht ein Ruck durch das Boot und ich spüre keinen Gegendruck mehr an der Pinne. Das Boot läuft aus dem Ruder. Ein unfassbarer Blick nach hinten bestätigt meine schlimme Befürchtung, ich sah unser abgebrochenes Ruderblatt davontreiben.

Kajüte

Georg und ich waren allerdings ein extrem souveränes Team in dieser misslichen Lage. Wollte er gerade einen kleinen Snack für uns machen, hat er sofort zum Funkgerät gegriffen und mit “Mayday, Mayday, Mayday, this is Sailing Vessel Zest” unsere Lage weitergegeben. Meine größte Sorge waren die riesigen Containerschiffe, die uns bei den heftigen Bediungen (Regen, schlechte Sicht, Welle und Sturm) übersehen könnten.

Ich versuchte das Boot mit den Segeln auf einen Kurs aus der Fahrrinne zu bringen, aber bei so viel Welle ließ es sich nur mit Segeln nicht steuern. Ein Ersatzruder musste her, und ich nahm das Brett unter Georg’s Koje, bohrte drei Löcher mit dem Akkuschrauber rein, um es dann mit ein paar Leinen am Heck des Bootes zu befestigen.

Zum Testen dieses Notruders bin ich nicht mehr gekommen, denn die Royal National Lifeboat Institution (RNLI) – UK Seenotretter – war schon vor Ort, um uns in Sicherheit zu bringen. Nun bin ich in Dover, habe gerade eben ein neues (maßangefertigtes) Ruderblatt für knapp 4500 Euro bestellt, in der Hoffnung, dass das unsere Versicherung übernimmt. Immerhin wird es schon nächste Woche geliefert. Der Einbau ist mir auch schon soweit klar, und die lokale Werft ist bei Bedarf auch mit Rat und Tat zur Stelle.

Schiff

Somit geht’s wohl erst in anderthalb bis zwei Wochen weiter. Hoffen wir mal aufs Beste. Georg ist nach dieser kurzen, aber intensiven Tour heute morgen dann wieder gen Heimat aufgebrochen. In Scheveningen war er an Bord gekommen und wir sind eine Nacht und einen halben Tag mit bester Geschwindigkeit gesegelt, bis dieses Unglück passierte.

Also denn, hoffen wir mal, dass die Reise schnellstmöglich weitergeht. Bis dahin werde ich meinen Blog auf Vordermann bringen, einige wichtige Reparaturen an der Zest vornehmen und ein paar Seiten meiner Dissertation schreiben.

Ahoi
Axel

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