Kunstprojekt: „Welt in Teilen“ auf dem Heiligengeistfeld

Abenteuerliche Erdhügel, bunte Pfützen und Ideen für eine andere Welt: Der Kunstverein St. Pauli übernimmt das Heiligengeistfeld.

Interview: Sabine Danek

 

SZENE HAMBURG: Axel, eure Gruppenausstellung heißt „Welt in Teilen“. Was bedeutet das? 

Axel Loytved: Dass wir gemeinsam mit anderen Künstlerinnen und Künstlern eine andere Welt beschreiben wollen, zumindest Teile davon. Allerdings haben wir den ersten Förderantrag bereits vor zwei Jahren gestellt und sind selbst fasziniert davon, wie die Bedeutung sich durch die aktuelle Situation noch mal verändert hat.

Franziska Nast: Die Corona-Krise ist ein großer Einschnitt, ob es um das Alltagsleben, das Miteinander oder den Kunstbereich geht. Auszustellen, sich auszutauschen und gemeinsam Projekte zu realisieren, ist nur eingeschränkt möglich. Alles ist so zerrupft, in Teilen, und neue Strukturen entstehen.

Wie entstand die Idee, auf dem Heiligengeistfeld etwas zu machen? 

Franziska: Die Erprobung experimenteller Ausstellungsformen, die auch Leute erreichen, die vielleicht sonst nicht in Ausstellungsräume gehen, der Kunst dann aber zufällig draußen begegnen, hat uns schon immer interessiert.

Axel: Als wir 2006 mit dem Kunstverein St. Pauli gestartet sind, haben wir in einer Büro-Wohnung ausgestellt, dann in Containern, die auf Tour gingen, später in Autos auf Parkplätzen und jetzt in einem Käfig in Planten un Blomen. Das Heiligengeistfeld hat uns schon immer interessiert. In einer Stadt, in der öffentlicher Raum nachverdichtet wird, privatisiert und kommerzialisiert, ist es immer noch ein Möglichkeitsraum, eine riesige Brache mitten in der Stadt. Gefühlt wird sie permanent vom Dom bespielt, tatsächlich aber nur drei Mal einen Monat und den Rest der Zeit steht sie leer.

 

Das Heiligengeistfeld ist ein spannungsreicher Ort

 

In eurem Programm zitiert ihr die Künstlerin Annette Wehrmann, die es „Halde an Zeit und Langeweile, Überfluss und Abfall“ nennt.

Axel: Ich sehe das nicht nur negativ, sondern als Möglichkeitsraum. Das Heiligengeistfeld hat einige dieser Qualitäten, ist ein interessanter, spannungsreicher Ort. Auch, weil dort seit Jahren in den Dom-Pausen die Kampfmittelsondierung stattfindet. Diese Kombination aus düsterer Vergangenheit und glitzerndem Jahrmarkt ist nahezu absurd.

Franziska: Die metertiefen Löcher und alles, was dort freigelegt wird, muss für den Dom jedes Mal wieder geschlossen werden, der Boden geplättet. Und dann kommt das tonnenschwere Riesenrad drauf.

Wie habt ihr die Künstlerinnen und Künstler für das Projekt ausgewählt?

Axel: Im Kunstverein St. Pauli sind wir sieben Leute, die Auswahl ist ein kollektiver Prozess. Jeder hat ein paar Namen im Kopf und den Anspruch, ein breites Spektrum künstlerischer Positionen zu zeigen.

Franziska: Gleichzeitig geht „Welt in Teilen“ extrem von dem Ort und von unseren Eingriffen dort aus. Wir lassen eine fiktive Landschaft entstehen und haben nach Arbeiten geschaut, die wir uns dort wunderbar vorstellen können oder Künstlerinnen und Künstler gebeten, Eingriffe vorzunehmen.

Axel: Thomas Rentmeister arbeitet mit Materialanhäufungen, Michael Beutler mit Verschalungsmaterial, wie es auf Baustellen vorkommt. Andrea Winkler entwirft Eventszenarien und Wegeleitsysteme, die gut in das Umfeld passen und in der aktuellen Situation noch mal eine größere Bedeutung bekommen.

Franziska: Wir haben geschaut, was in unserer Landschaft funktioniert, aber auch was es für Bezüge zur Brache, zu St. Pauli oder zum Dom gibt.

 

Künstler und Künstlerinnen aus Hamburg und der Welt

 

Die Künstlerinnen- und Künstlerliste ist international …

Franziska: Es war uns schon immer wichtig, dass Hamburger Künstlerinnen und Künstler bei unseren Ausstellungen beteiligt sind, aber auch, dass es den Blick nach Außen gibt.

Gleichzeitig gibt es zahlreiche Veranstaltungen. 

Axel: Es findet fast jeden Tag etwas statt. Performances, Talks und vieles andere. Thomas Geiger aus Wien zum Beispiel, der mit „peeing in public“ gerade eine kleine Enzyklopädie zum Urinieren in der Öffentlichkeit herausgebracht hat, wird mit Besuchern durch die Umgebung ziehen und Auszüge aus seinem Buch performen. Das passt natürlich sehr gut.

Franziska: Dr. Anna-Lena Wenzel, die einen Blog zu Brachen hat, wird eine Diskussionsrunde mit dem Titel „Brache as (is) a state of mind“ mit der Gruppe „Stadt im Regal“ und der Künstlerin Karen Winzer leiten.

Es gibt auch eine Sci-Fi-Oper.

Franziska: Ja, die „Triabolischen Luken“. Das ist eine Performance von Balz Isler und Justin Kennedy. Die beiden treten seit ein paar Jahren als Prediger, Sänger, Geschichtenerzähler auf und Teile der Inszenierung bleiben als Ausstellungsstücke zurück. Sie werden räumliche Eingriffe vornehmen und die Zuschauer in verschiedene Situationen bringen. Es wird ziemlich skurril und ich möchte nicht zu viel verraten.

Welt in Teilen, Heiligengeistfeld
10.–20.9., täglich 


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2020. Das Magazin ist seit dem 29. August 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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