„Damit man sich mal kurz um was Banales, Verrücktes, Romantisches oder Sentimentales kümmert“: Max Raabe; Foto: Majid Moussavi

Max Raabe: Raus aus der Realität

„Guten Tag, liebes Glück“ ist der Titel des aktuellen Konzertprogramms von Max Raabe & Palast Orchester. So richtig viele Glücksmomente gab es für die Meister der gehobenen Unterhaltung zuletzt freilich nicht. Ein Gespräch mit Raabe über Show-Ausfälle, das Vermissen des Publikums und den Ehrgeiz, Letzteres jetzt wieder aus dem Alltag zu entführen

Text: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Max Raabe, „Heut mach’ ich gar nichts, keinen Finger krumm, ich bleib’ zu Haus’ und liege hier einfach nur so rum“, heißt es in Ihrem Song „Der perfekte Moment“ – erschienen in einer Zeit, in der so etwas für einen viel beschäftigten Künstler noch Luxus war. Im vergangenen Jahr war es eine nicht zu umgehende Dauersituation. Wie haben Sie die CoronaMonate ohne Live-Auftritte erlebt?

Max Raabe: Schon ein bisschen apathisch. Es hat sich eine gewisse Teilnahmslosigkeit entwickelt.

Muss viel Organisation gewesen sein, immerhin hatten Sie zig Orchestermitglieder immer wieder über Konzertverlegungen zu informieren.

Das war furchtbar! Wir haben zwar keine Konzerte abgesagt, aber eben immer wieder verschoben. Zuerst um ein paar Monate, weil man dachte, es wird ja wohl bald wieder vorbei sein. Dann aber doch auf den Spätsommer, auf den Herbst und schließlich ins Jahr 2021. Es war eine enorme organisatorische Arbeit. Gott sei Dank lastete sie nicht voll und ganz auf meinen Schultern, aber sie war schon sehr nervenaufreibend. Was in dieser Zeit aber sehr schön und tröstend war: Dass wirklich niemand seine Karte zurückgegeben hat, sondern alle abgewartet haben, bis wir wiederkommen.

Haben einzelne Mitglieder zeitweise etwas mehr unter der Situation gelitten und um Gespräche gebeten?

Manchmal hat uns alle der Fatalismus umklammert. Aber es war auch allen klar: Von uns hatte niemand Schuld an der Situation, niemand hatte einen Fehler gemacht. Der – in Anführungsstrichen – Feind kam von außen. Und die Geschlossenheit des Orchesters war immer gegeben.

 

Ein Mangel an Geselligkeit

 

Für jemanden, der normalerweise 80, 90 Konzerte im Jahr spielt: Führt es zu Entzugserscheinungen, wenn so lange so gar kein Konzert möglich ist?

Ich muss gestehen, dass mir vor allem die Treffen im Restaurant und in der Kneipe gefehlt haben. Wenn wir Konzerte spielen, fängt für mich um 17 Uhr der schöne Teil des Tages an: Dann haben wir Catering. Noch schöner wird es, wenn wir 20 Uhr auf die Bühne gehen – dann können wir machen, was wir wollen. Wir haben dann den Ehrgeiz, die Leute dazu zu bringen, die Realität zu vergessen. Keiner soll mehr daran denken, ob sein Auto gerade im Parkverbot steht. Jeder soll sich ganz dem Programm hingeben. Dafür ist diese Musik ja auch gemacht worden: Damit man sich mal kurz um was Banales, Verrücktes, Romantisches oder Sentimentales kümmert. Und eben dieser Ehrgeiz, das hinzukriegen, treibt uns von Stadt zu Stadt, von Land zu Land.

Passt zu dem, was Sie mal über sich selbst sagten: Sie nähmen sich nicht so wichtig, die Musik hingegen sehr – und damit sicherlich auch das Publikum für Ihre Musik.

Ich sage es mal so: Wir haben mal ein Streamingkonzert gegeben, also eines ohne Publikum vor der Bühne. Und da war der Witz weg. Wir überlegen uns ja eine Dramaturgie, um damit beim Publikum eine Reaktion zu erzeugen. Wir möchten direkt sehen, ob die Sachen, die wir machen, ankommen oder nicht. Und wenn mal etwas nicht läuft, wird das Programm so lange umgebaut, bis es funktioniert. Von daher sind uns die Menschen vor der Bühne sehr wichtig.

 

Zeit für Neues

 

Haben Sie eigentlich während der pandemiebedingten Pause neue Songs geschrieben?

Haben wir, ja. Erst kürzlich habe ich mich mit einem Kollegen von Rosenstolz getroffen, auch mit Annette Humpe und Achim Hagemann. Das sind meine favorisierten Top-Fachkräfte, mit denen ich mir gerne Sachen ausdenke. Wir haben uns angehört, was wir vor einige Monaten gemacht hatten. Einiges davon ist in hohem Bogen in den Papierkorb geflogen, anderes haben wir unter Jubel weiterbearbeitet. Das normale Geschäft.

Wird davon schon etwas bei den anstehenden Konzerten, etwa beim Stadtpark Open Air, zu hören sein?

Nein, dazu ist es noch zu früh. Man muss die Stücke eine Zeit lang ruhen lassen, um zu merken, ob sie wirklich gut sind. So war es schon immer. Ich bin zudem unheimlich pingelig – gerade bei den eigenen Stücken. Für mich muss immer alles sitzen. Wenn von den Mitschreibenden auch nur einer komisch guckt, weiß ich, dass es nicht passt.

Wird dieser Perfektionismus vom kompletten Orchester getragen?

Die Kollegen sind mindestens genauso präzise. Wobei mir Perfektionismus etwas zu humorlos klingt. Ich würde es eher eine Liebe zum Detail nennen und ein Überprüfen, ob etwas berührend sein kann oder einfach nur abgedroschen ist.

 Wir verlosen 2×2 personalisierte Tickets für Max Raabe & Palast Orchester am 9. September 2021!

Wie könnt ihr mitmachen? Na so:

Bitte gebt für die Teilnahme euren vollständigen Namen und eure Adresse, sowie die Daten eurer Begleitung an. 

Max Raabe & Palast Orchester: Stadtpark Open Air, 9. September 2021, 20 Uhr


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2021. Das Magazin ist seit dem 28. August 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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