Beiträge

Literaturkritik: Schön ist die Nacht

„Schön ist die Nacht“ von Christian Baron ist Literatur mit Klasse, meint unsere Literaturkritik

Text: Ulrich Thiele

 

literaturkritik 9783546100267_cover-klein

„Schön ist die Nacht“ von Christian Baron ist bei Claassen erschienen

Die große Möglichkeit der Literatur ist es, sich in Denk-, Zeit- und Lebensräume vorzutasten, die einem normalerweise nicht zugänglich sind. Christian Baron bietet seinen Lesern diese Möglichkeit, weil er dem großen Thema, das er verhandelt, nicht einfach eine Geschichte überstülpt. Sein Thema, die Klassenfrage im Kapitalismus, wächst aus der Literatur, aus dem Herantasten in menschliche Köpfe und Lebenswelten.

In seinem 2020 erschienenen Erstling „Ein Mann seiner Klasse“ erzählte Baron von seinen eigenen Familienverhältnissen im Arbeitermilieu Kaiserslauterns der 90er-Jahre. Das Buch war ein Novum, weil Baron mit Wärme und Distanz den Elefanten im Raum adressierte, den selbst Linke oder Linksliberale vor lauter Identitätsdebatten übersehen: Deutschland ist eine Klassengesellschaft.

In „Schön ist die Nacht“ erzählt Baron nun von seinen Großvätern im Arbeitermilieu Kaiserslauterns der 70er-Jahre. Der Zimmermann Willy wünscht sich nichts sehnlicher als ein normales Leben mit Eigenheim. Er möchte „anständig“ sein und mutet dabei an wie die Figur Shen Te in Bertolt Brechts Drama „Der gute Mensch von Sezuan“, dessen Versuch, ein guter Mensch zu sein, von den Systemzwängen des Kapitalismus unmöglich gemacht wird.

Kein Happy End

Willys Freund Horst ist ein ungelernter Hilfsarbeiter. Er glaubt schon lange nicht mehr daran, auf ehrliche Weise zu Wohlstand zu kommen. „Schön ist die Nacht“ ist literarischer als sein Vorgänger. Plastisch beschreibt Baron die Spelunken, Baustellen, heimischen Küchen mit Brandflecken an den Wänden. Den Figuren nähert sich Baron nicht naturalistisch an, sondern mit einer Art poetischem Pfälzisch. Nicht nur die Charaktere reden in pfälzischem Dialekt, auch der Erzähler greift Dialekt und Slang auf und verwebt sie mit seiner literarischen, „hochdeutschen“ Sprache. Bemerkenswert sind auch die Nebenfiguren. Die Frauenfiguren sind zwischen Gewaltausbrüchen, Alkoholismus und Emanzipationsbestreben ebenso ambivalent wie Horst und Willy. Die sogenannten „Gastarbeiter“ sind nicht bloß Statisten, sondern erhalten Würdigung durch Vertiefung. Willys Besuch bei Ömer ist eine von mehreren unsentimental emotionalen Szenen, die die Kluft zwischen Zerrbild und Realität auf den Punkt bringt und wie geradezu tragisch ein Zerrbild den Kern des Elends vernebelt.

Dass die Handlung weitgehend in den 1970ern spielt, ist kein Zufall. Ölkrise, Konjunkturabschwung, Marktsättigung – der Kapitalismus gerät in die Krise. Willys und Horsts Geschichte hat kein Happy End, so wie die Realität der ökonomisch unteren Schichten damals wenig Anlass zur Freude verhieß. Wenige Jahre nach dem Handlungszeitraum, in den frühen 1980ern, setzten Ronald Reagan und Margaret Thatcher den globalen Siegeszug des Neoliberalismus in Gang.

Christian Baron: „Schön ist die Nacht“, Claassen, 384 Seiten, 23 Euro


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Märchenhafter Roadtrip: Klaus Modicks „Fahrtwind“

Klaus Modicks „Fahrtwind“ ist eine heitere Ode an die Ehrgeizverweigerung. Ein Gespräch über Leistungs- zwänge im Kapitalismus, bewusstseinserweiternde Substanzen und über den Soundtrack der 1970er

Text & Interview: Ulrich Thiele

 

Über diese Interviewanfrage habe er sich besonders gefreut, sagt Klaus Modick. Denn in den 1980ern hat er selbst regelmäßig für die SZENE geschrieben. Im März 1984 erschien sein erster Beitrag – und zwar über Donald Duck. Titel: „Genie der cholerischen Wut“.

Ein Kritiker des Deutschlandfunk schrieb einmal treffend über Modick: „Seine Romane sind vielschichtig, geprägt von komplexen Motivverarbeitungen und literarischen Anspielungen, aber an der Oberfläche immer süffig und, wie man sagt, gut zu lesen.“

Das gilt auch für „Fahrt­wind“, seinen unbeschwerten Sommer­roman über einen jungen Mann in den 1970ern, der Musiker werden will. Auf seiner Reise nach Österreich und Italien verliebt er sich, gerät in ein geschickt ein­ gefädeltes Verwirrspiel und findet psyche­delische Pilze. Er hat einen berühmten Vorgänger: „Fahrtwind“ ist eine Aktuali­sierung von Joseph von Eichendorffs 1826 erschienener Novelle „Aus dem Leben eines Taugenichts“.

 

SZENE HAMBURG: Klaus Modick, findet man solche Pilze wirklich einfach so in Österreich auf einer Wiese?

Klaus Modick: Klar, Psilocybin-Pilze sind weltweit verbreitet, die findet man sogar in Hamburg – man muss nur wissen, wie sie aussehen. Falls Sie interessiert, was man damit so alles erleben kann, dann gucken Sie mal im Netz nach, wie die aussehen. Und wenn Sie das nächste Mal im Stadtpark sind, dann halten Sie die Augen offen. So eine kleine Pilzmahlzeit kann ich nur empfehlen, ist auch nicht so gefährlich wie LSD, wo Leute bei der falschen Dosis schon durchgedreht sind.

Bewusstseinserweiternde Substanzen, Musik, Reisen, Liebe, die 1970er – die Geschichte ähnelt stark Ihrem Leonard-Cohen-Buch, das letztes Jahr in der KiWi-Musikbibliothek erschien.

Das stimmt, die Bücher gehören irgendwie zusammen. Als ich bereits mit „Fahrtwind“ angefangen hatte, kam die Anfrage für das Leonard-Cohen-Büchlein. Damals hatte ich mich schon so in den Stoff vertieft, dass mir das parallel geriet. Sogar einer der selbst geschriebenen Songs kommt in beiden Geschichten vor.

 

Ironische Neuinterpretation

 

Und beide Erzähler begeben sich auf einen Roadtrip. Das Motiv hat es Ihnen angetan, oder?

Das würde ich so nicht sagen. „Fahrtwind“ ist ja eine ironische Neuinterpretation des Taugenichts. Eichendorffs Novelle ist sozusagen ein Roadtrip aus dem frühen 19. Jahrhundert, der wie gemacht ist für eine Übertragung in das Lebensgefühl der 1970er. Dass da einer sein Instrument nimmt und sagt: Ich haue ab, streife planlos durch die Welt und singe ein Lied drauf. Eichendorffs Protagonist zieht mit einer Geige durch die Welt, bei mir ist es eben eine Gitarre.

Alles in allem ist das für mich ein Märchen und wenn man will, auch ein Trip im psychedelischen Sinn. Es bleibt ja offen, ob alles, was er erlebt, nicht innerhalb der Rauschvorstellung durch die Pilze passiert.

Was gefällt Ihnen am „Taugenichts“? Die Ehrgeizverweigerung?

Auf jeden Fall, diese Grundhaltung ist mir sehr sympathisch. Ich habe das Motiv zugespitzt, aber schon Eichendorffs Taugenichts ist ein Prosperitätsverweigerer, der keine Lust hat mit zumachen. Der interessiert sich nur für Musik, Frauen und Poesie. Er will ein möglichst müheloses Leben haben, und arbeiten sollen die anderen.

Das ist eine freche, aber nicht ganz ungesunde Einstellung. Zu Eichendorffs Zeit war das eigentlich eine totale Provokation gegen den Leistungszwang im Frühkapitalismus, es wurde nur nie so wahrgenommen.

Könnte die Geschichte auch in unsere Gegenwart verlegt werden?

Ich bin mir sicher, dass ein junger Zeitgenosse das könnte. Aber ich bin 70, ich könnte nicht aufschreiben, wie eine jugendliche Ausbruchsfantasie verbunden mit der Atmosphäre dieser Zeit aussehen würde. In den 1970ern war ich so alt wie der Protagonist in „Fahrtwind“, deswegen konnte ich mich gut in ihn hineinversetzen.

Die Grundkonstellation ist aber nach wie vor da. Mein Lektor, der 30 ist, meinte gleich, dass das ein ganz aktueller Text sei. Weil der Leistungsdruck in seiner Generation mindestens genauso groß sei und er sich darin wiederfinden könne.

Ihr Roman ist gegenwärtig und gleichzeitg nostalgisch, woraus er keinen Hehl macht. Nostalgie ist ja eher verpönt, Sie scheint das nicht zu stören. Wie kommt’s?

Dass die Geschichte etwas Nostalgisches hat, finde ich tatsächlich absolut in Ordnung. Ich sehe diese Zeit positiv, trotz der Probleme, die es damals natürlich gab. Man könnte auch völlig anders über die 1970er schreiben, es war ja nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen und Blumen im Haar. Ich wollte aber ein positives Märchen schreiben über dieses Lebensgefühl und den dazugehörigen Soundtrack. Mein Buch ist noch viel stärker als bei Eichendorff durchtränkt von Musik: Leonard Cohen, die Beatles, der Soundtrack von „Easy Rider“.

Was macht die Musik dieser Zeit so besonders, dass Sie noch heute gehört wird und vermutlich noch in 100 Jahren gehört wird?

Gute Frage, die ich nicht genau beantworten kann: Was macht sie so haltbar? Es gab viel Musik aus der Zeit, die heute peinlich ist. Aber vieles ist stabil geblieben, als wäre es eine Blaupause für das Kommende gewesen.

Die Beatles waren eine musikalische Revolution, oder denken Sie an Gestalten wie Bob Dylan, der es ja nicht zu Unrecht bis zum Literaturnobelpreis geschafft hat. Da hat eine kreative Eruption der Gegenkultur stattgefunden, für die es viele Gründe gibt, einer davon ist sicher die Befreiung vom Muff der Nachkriegszeit.

Sie wollten selbst Musiker werden, ein Leonard Cohen auf deutsch. Was kam dazwischen?

Ach, ich habe schnell gemerkt, dass meine musikalischen Fähigkeiten nicht dem entsprechen, was ich selbst von guter Musik erwarte. Über gehobenes Amateurniveau wäre ich nicht hinausgekommen. Als Romanautor konnte ich mich besser entwickeln und bin in Dimensionen angekommen, von denen ich sagen würde, sie halten meinen Ansprüchen stand. Das konnte ich von der Art und Weise, wie ich Musik gemacht habe, nicht sagen. Aber Spaß gemacht hat’s trotzdem.

 

„Mein Widerstand drückte sich in Hedonismus, Musik und Poesie aus“

 

Wenn wir schon beim Autobiografischen sind: Im Vorwort erinnert sich der Erzähler an eine Seminar-Sprengung durch K-Gruppen im Philo-Turm der Uni Hamburg. Ging Ihnen das auch so, als Sie in Hamburg studiert haben?

Diese Eingangsszene hat so, wie ich sie beschreibe, nicht stattgefunden, aber sie hätte so stattfinden können. Ich habe diese sogenannten Seminarsprengungen bis zum Erbrechen erlebt, das war absolut ätzend.

Und ich habe auch wirklich ein Romantikseminar im Laufe meines Studiums absolviert. Deswegen entspricht die Szene ziemlich genau der Art und Weise, wie ich mich während des Studiums politisch eingenordet habe.

Mit diesen ganzen K-Gruppen und ihrer Weltrevolution konnte ich überhaupt nichts anfangen. Das heißt nicht, dass ich mit der herrschenden Gesellschaftsordnung einverstanden gewesen wäre. Mein Widerstand drückte sich eher in Hedonismus, Musik und Poesie aus.

Ihren Roman durchzieht auch eine ironische Lust am Klischee, die einerseits auf Distanz geht, aber auch sichtlich Sympathien hat. Was mögen Sie am Klischee?

Klischees sind undialektische Wahrheiten. In jedem Klischee steckt ein wahrer Kern, der peinlich wird, wenn er verabsolutiert wird. Deswegen muss man ihm immer etwas entgegenhalten, entweder einen Widerspruch oder eine Distanz. Denn wenn man sich dialektisch dazu verhält, dann funktioniert es eben doch. Dann ist die Wahrheit dieses Klischees ausgesprochen, aber nicht verabsolutiert.

Haben Sie ein Beispiel?

Es gibt ja diese Hippie-Parole, die auch von den Beatles hochgehalten wurde: „Love and Peace“. Im Grunde ist das natürlich ein fürchterliches Hippie-Klischee. Aber wenn ich innehalte und nachdenke, komme ich zu dem Schluss, dass das eigentlich doch genau das ist, was wir alle wollen. Ich halte das für eine existenziellere Parole als „Weniger Arbeit, mehr Geld“. Wenn man an zum Klischee gewordenen Aussagen kratzt und den Kern freilegt, dann geben sie noch immer sehr viel her.

Klaus Modick: „Fahrtwind“, Kiepenheuer&Witsch, 208 Seiten, 20 Euro


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Juni 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.