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Top 10: Hamburg-Filme

Vom blonden Hans über drei junge Giganten bis zur Geschichte des Serienmörders Fritz Honka – die Liste der Hamburg-Filme ist lang und reicht weit in der Zeit zurück. Hier kommen zehn Kultstreifen und ihre Szenen, die nach Elbe, Astra und Fischmarkt schmecken

Text: Andreas Daebeler

 

Große Freiheit Nr. 7

 

Den Gassenhauer „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ kennt jeder Kiezianer. Dudelt schließlich ständig aus Boxen am Millerntor, in den Kneipen rund um die Davidwache und in Bars am Hamburger Berg. Gesungen wurde das Lied einst von Hans Albers in seine Rolle als Hannes Kröger, der sich in „Große Freiheit Nr. 7“ als Sänger und Anreißer in Hamburgs Rotlichtviertel durchschlägt. Gedreht im Jahr 1943, bekommen die Deutschen den ersten Agfa-Farbstreifen der Terra-Film erst nach dem Krieg zu sehen. Grund: Den Nazis passt die Darstellung eines ziemlich abgehalfterten Seemanns nicht, Großadmiral Karl Dönitz nennt ihn sogar „wehrkraftzersetzend“. Das ändert nichts daran, dass „Große Freiheit Nr. 7“ nach dem Krieg zum Klassiker wird und Hamburg ein Denkmal setzt. Übrigens mit vielen Szenen, die tatsächlich gar nicht an der Elbe gedreht wurden. Der Film von Helmut Käutner entstand weitgehend in Prag.

„Große Freiheit Nr. 7“, erschienen 1944, Regie: Helmut Käutner, mit Hans Albers, 109 min

 

Supermarkt

 

Der Film von Roland Klick zeichnet ein oft tristes und hoffnungsloses Bild vom Kiez der 1970er-Jahre. Auf dem gaunert sich der junge Willi, gespielt von Charly Wierzejewski, durch seine Tage, bis er die Prostituierte Monika (Eva Mattes) kennenlernt und sich verliebt. Doch St. Pauli ist nicht für ein Happy-End gemacht und so gipfelt die Geschichte in einem Mord und dem gnadenlos misslungenen Raubüberfall auf einen Supermarkt, der dem Film den Titel gibt. Der Streifen gilt als schonungslose Milieustudie ohne Zeigefinger und übertrieben sozialkritischen Ansatz. Zu sehen gibt es 84 Minuten konzentrierte Wirklichkeit zwischen Landungsbrücken und Reeperbahn. Gedreht wurde „Supermarkt“ fast ausschließlich rund um den Hamburger Hafen. Das Lied „Celebration“, das im Film eine Rolle spielt, steuert ein noch weitgehend unbekannter Marius Müller-Westernhagen bei.

„Supermarkt“, erschienen 1974, Regie: Roland Klick, mit Charly Wierzejewski und Eva Mattes, 84 min

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Die Wilhelmsburger Hochhaussiedlung in „Nordsee ist Mordsee“ (Foto: Andrea David)

 

Nordsee ist Mordsee

 

Der Film ist die Geschichte von zweien, die ausziehen, weil sie zu Hause nur das Fürchten lernen. So heißt es im Trailer zu „Nordsee ist Mordsee“ von 1976. Die Geschichte des 14-jährigen Uwe, der in einer Wilhelmsburger Hochhaussiedlung lebt, vom Vater verprügelt wird und sich mit dem gleichaltrigen Dschingis mit einem selbst gebauten Floß in Richtung Meer aufmacht, ist Hark Bohms vierter Spielfilm. Gedreht hat der Regisseur unter anderem an der Neuenfelder Straße und am Veringkanal, der vom Reiherstieg abgeht. Viele der im Film zu sehenden Schauplätze sind heute verschwunden, da Wilhelmsburg sich stark verändert hat. „Nordsee ist Mordsee“ gilt Mitte der 1970er-Jahre als eine Art moderner Abenteuerfilm, Freiheit und Freundschaft sind die Hauptmotive. Die Dialoge kommen auf den Punkt, das gesprochene Hamburgisch ist im Kino heute fast ausgestorben. Und Udo Lindenbergs Textzeile „Ich träume oft davon, ein Segelboot zu klauen und einfach abzuhauen’“ kann wohl fast jeder Hamburger mitsingen.

„Nordsee ist Mordsee“, erschienen 1976, Regie: Hark Bohm, mit Uwe Enkelmann, 87 min

 

Der Amerikanische Freund

 

Der von Dennis Hopper gespielte Amerikaner Tom Ripley lebt in Hamburg. Ein zwielichtiger Typ, der sein Geld mit Kunstgeschäften verdient. Ripley überredet den todkranken Jonathan, einen von Bruno Ganz gespielten Bilderrahmen-Macher, zu zwei Auftragsmorden. Es entwickelt sich ein undurchsichtiges Spiel mit ungewissem Ausgang. Einen großen Teil des Films „Der amerikanische Freund“ drehte Regisseur Wim Wenders von Oktober 1976 bis März 1977 in Hamburg. Vor allem der Hafen und St. Pauli dienten als Kulisse. Zu sehen sind auch der Alte Elbtunnel und die Strandperle. Kritiker lobten die Atmosphäre des manchmal düsteren Films, dessen Produktion wegen des schlechten Gesundheitszustands von Hauptdarsteller Hopper zeitweise am seidenen Faden hing. Für Wim Wenders zahlten sich die Dreharbeiten in Hamburg aus: „Der amerikanische Freund“ wurde zu seinem bis dahin erfolgreichsten Streifen. Die Vorlage für den Film lieferte ein im Jahr 1974 erschienener Kriminalroman der britischen Autorin Patricia Highsmith.

„Der Amerikanische Freund“, erschienen 1977, Regie: Wim Wenders, mit Bruno Ganz und Dennis Hopper, 127 min

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Die beliebte Strandperle als Kulisse für den leicht düsteren Film „Der amerikanische Freund (Foto: Andrea David)

 

Bandits

 

Emma (Katja Riemann), Luna (Jasmin Tabatabai), Angel (Nicolette Krebitz) und Marie (Jutta Hoffmann) sind vier weibliche Knackis, wie sie unterschiedlicher eigentlich kaum sein können. Eines jedoch verbindet das Quartett – die Liebe zur Musik. Unter dem Namen „Bandits“ gründen sie die Band des Frauengefängnisses, in dem sie einsitzen. Und geraten musikalisch auf die Überholspur.

Auf dem Weg zum ersten Gig außerhalb der Mauern ergreifen die Frauen dann die Flucht. Gejagt von der Polizei, Musikfans und sensationshungrigen Medien beginnt eine irre Reise durch Hamburg. Regisseurin Katja von Garnier nimmt uns in die Hafenstraße, auf die Köhlbrandbrücke und an andere Schauplätze unserer Stadt mit. Auf der Flucht SZENE HAMBURG LICHTSPIELE 37 nimmt das Quartett zwischenzeitlich nach einem Gig in einem Club sogar eine Geisel. Kommissar Schwarz, gespielt von Hannes Jaenicke, bleibt den „Bandits“ immer auf den Fersen – bis zum furiosen und etwas surrealen Finale. Katja Riemann heimste für diesen Hamburg-Film 1998 den deutschen Filmpreis ein. Und der Soundtrack war sehr erfolgreich.

„Bandits“, erschienen 1997, Regie: Katja von Garnier, mit Katja Riemann, Jasmin Tabatabai, Nicolette Krebitz und Jutta Hoffmann, 108 min

 

Absolute Giganten

 

Vielleicht der Hamburg-Film einer ganzen Generation. Die Story von drei Freunden, die ihre letzte gemeinsame Nacht verleben, weil einer von ihnen auf einem Frachter angeheuert hat, ist nicht nur wegen den grandiosen Soundtracks von The Notwist längst Kult. Und das obwohl der Streifen 1999 an der Kinokasse zunächst floppte. Regisseur Sebastian Schipper schafft eine dichte Atmosphäre, indem er abgerockte Ecken unserer Stadt zu Schauplätzen macht. Frank Giering, Florian Lukas und Antoine Monot Jr. düsen im Ford Granada durch den Freihafen, chillen vor Industriebrachen und kickern sich durch düstere Kaschemmen. Großes Kino mit vergleichsweise kleinem Aufwand.

Das Motto der Nacht, durch die wir die drei Freunde Floyd, Ricco und Walter begleiten, bringt eine Szene des Films auf den Punkt. „Einmal alles bitte“, lautet die Bestellung beim Burger-Brater auf dem Kiez. Die volle Portion Hamburg eben. Dass der Film heute noch funktioniert, zeigte sich 2016, als 14 Kinos „Absolute Giganten“ nochmals spielten – und fast alle Vorstellungen ausverkauft waren.

„Absolute Giganten“, erschienen 1999, Regie: Sebastian Schipper, mit Frank Giering, Florian Lukas und Antoine Monot Jr., 76 min

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Als „Absolute Giganten“ gedreht wurde, war die Elphi noch nicht in Sicht (Foto: Andrea David)

 

Fleisch ist mein Gemüse

 

Heinz Strunk als Heinz Strunk – das funktioniert. In der Verfilmung seines 2004 erschienenen Bestsellers „Fleisch ist mein Gemüse“ stellt sich das Mitglied von „Studio Braun“ selbst vor die Linse. Und erzählt seine Geschichte, die hauptsächlich im Hamburger Stadtteil Harburg und dem Umland spielt. Regisseur Christian Götz nimmt uns mit auf Schützenfeste, in Dorfdiscos und miefige, mit reichlich Gedöns vollgestopfte Wohnstuben, wie sie in den 1980er-Jahren nicht selten waren. Der Spaß beim Zuschauern wird immer weder kunstvoll gestört, etwa wenn die Resignation beim scheiternden Musiker Heinz die Oberhand gewinnt und einem das Lachen im Halse stecken bleibt. „Fleisch ist mein Gemüse“ zeigt einen Teil Hamburgs, der nicht ständig im Kino gewürdigt wird. Fernab von Alster, Mö und Landungsbrücken. Rocko Schamoni als Schützenkönig und die wunderbare Susanne Lothar als Strunks Mutter sind ein Gedicht. Ein lebensnaher Hamburg-Film zwischen Komödie und Tragödie.

„Fleisch ist mein Gemüse“, erschienen 2008, Regie: Christian Görlitz, mit Heinz Strunk, 101 min

 

Soul Kitchen

 

„Soul Kitchen“ setzt Wilhelmsburg ein Denkmal. Die Halle, in der der von Adam Bousdoukos gespielte Zinos sein vom Abriss bedrohtes Lokal betreibt, steht in der Nähe des Reiherstieg-Hauptdeichs. Mit Moritz Bleibtreu, Jan Fedder, Wotan Wilke Möhring, Maria Ketikidou, Peter Lohmeyer und Udo Kier hat Regisseur Fatih Akin so ziemlich alles am Start, was 2009 die deutsche Filmszene rockt.

Die straff inszenierte Story ist mal urkomisch, mal rührend und strotzt nur so vor Leben. Birol Ünel als exzentrischer und mit Messern bewaffneter Koch Shyan ist ein Highlight von „Soul Kitchen“. Monica Bleibtreu hat kurz vor ihrem Tod ihren letzten Auftritt auf der Leinwand. Akin soll den Film selbst mal als einen modernen Heimatfilm bezeichnet haben. Für Hamburger ist das kaum zu bestreiten. Gedreht wurde schließlich nicht nur im Hafen, sondern auch an der Alster, im Mojo und in der Astra Stube an der Sternbrücke. Wie auch im Gängeviertel. Viel mehr Hamburg geht kaum.

„Soul Kitchen“, erschienen 2009, Regie: Fatih Akin, mit Adam Bousdoukos, Birol Ünel, Moritz Bleibtreu und Anna Bederke, 100 min

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Die Soul Kitchen-Halle in Wilhelmsburg: Kultfilm, Kult-Location (Foto: Andrea David)

 

Taxi

 

Alex fährt Taxi. Im Hamburg der 1980erJahre. Eigentlich hat sie gerade eine Ausbildung in einer Versicherung machen wollen. Aber das kann doch nicht das Leben sein. Also ab ins Auto. Und so nimmt Regisseurin Kerstin Ahlrichs uns mit durch de Straßen unserer nächtlichen Stadt. Mit Alex treffen wir Freaks, Betrunkene, einen Mann, der einen wilden Affen im Schlapptau hat – und ihren späteren Liebhaber Marc, der von Peter Dinklage gespielt wird. Wir erleben den Niedergang des kleinen Taxiunternehmens namens Mergolan. Und dessen Rettung durch einen Crash, den Alex verursacht.

Hauptdarstellerin Rosalie Thomass liefert uns herrliche Schnodderigkeit. Die Kultschauspieler Eisi Gulp und Armin Rohde haben skurrile Auftritte. Robert Stadelober gibt den öden Bildungsbürger, mit dem Alex irgendwie im Bett gelandet ist. Alles ist herrlich lakonisch erzählt und das Zeitgefühl der Achtzigerjahre, irgendwo zwischen sinnsuchend und verloren, wird in vielen Szenen greifbar. Vorlage zu dem Film ist der gleichnamige, 2008 erschienene Roman von Karen Duve.

„Taxi“, erschienen 2015, Regie: Kerstin Ahlrichs, mit Rosalie Thomass, Peter Dinklage, Stipe Erceg und Robert Stadlober, 94 min

 

Der Goldenen Handschuh

 

Wer sich Fatih Akins Fim „Der Goldene Handschuh“ anschaut, sollte nicht zu zart besaitet sein. In der Geschichte von Serienmörder Fritz Honka gibt es Szenen, die für manch einen Grenzen des Erträglichen überschreiten. Gedreht wurde auf St. Pauli und an anderen Schauplätzen in unserer Stadt. Für Innenaufnahmen aus der legendären Kiez-Kneipe wurde der „Handschuh“ im originalgetreuen Maßstab in den Hallen des ehemaligen Überseezentrums nachgebaut.

Der Film basiert auf dem gleichnamigen und 2016 erschienenen Roman von Heinz Strunk, für den der Autor sich im Zuge der Recherche manche Nacht in der einst von Honka besuchten und noch heute geöffneten Spelunke um die Ohren geschlagen hat. Die Handlung spielt in den frühen 1970ern, als Honka sich seine Opfer auf dem Kiez suchte, um die Frauen zu ermorden und dann in seiner Wohnung in Ottensen zu zerstückeln und die Leichenteile zu verstecken. Fatih Akin bescherte dieser Hamburg-Film nicht nur Nominierungen für Preise, sondern auch Kritik für zu drastische Bilder.

„Der Goldenen Handschuh“, erschienen 2019, Regie: Fatih Akin, mit Jonas Dassler, 110 min


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Drehort Hamburg: Die besten Filme aus der Hansestadt

Auch wenn Hamburg noch nicht mit Los Angeles und Paris mithalten kann, so sind doch bereits einige Kinohits zwischen Harburg und Norderstedt abgedreht worden. Hier sind die Top Ten der Filme, die in Hamburg gedreht wurden. (Nicht wundern, Filme von Fatih Akin bekommen in einer zusätzlichen Liste gesonderte Aufmerksamkeit)

Text: Felix Kirsch

 

Absolute Giganten  

Etwas in die Jahre gekommen, aber eins der Hamburger Filmoriginale. In Absolute Giganten geht es um die drei unzertrennlichen Hamburger Freunde Floyd, Ricco und Walter, die vor einer großen Veränderung stehen: Aus heiterem Himmel teilt Floyd mit, dass er auf einem Kreuzer angeheuert hat, der bereits am nächsten Morgen Richtung Singapur aufbricht. Als die drei dicken Kumpels realisieren, dass ihnen nur noch eine letzte Nacht im Dreierverbund bleibt, beschließen sie eben diese zur besten, unvergesslichsten und verrücktesten Nacht aller Zeiten zu machen. Was eignet sich dafür besser als der Hamburger Kiez?  

 

Bonnie & Bonnie

Seit ihre ältere Schwester sich abgesetzt hat, hat die 17-jährige Yara die Mutterrolle in ihrer Familie inne. Während der Bruder einen auf dicke Hose macht und mit seinen Kumpels abhängt, kocht und putzt sie, wenn sie nicht im Kiosk arbeitet. Bis sie Kiki kennenlernt und sich in sie verliebt. Ein Unding in der Wilhelmsburger Albaner-Community – und so bleibt den beiden jungen Frauen kein Ausweg als die Flucht… Regisseur Ali Hakim stammt selbst aus Wilhelmsburg und hat diesen sehr berührenden Film Bonnie & Bonnie auch dort gedreht.

 

Gegengerade  

Auch ein Fußballfilm darf in dieser Liste nicht fehlen. Ähnlich wie in Absolute Giganten geht es in Gegengerade um drei dicke Freunde, denen eine Veränderung bevorsteht. Der Unterschied: Die Jungs aus Gegengerade sind leidenschaftliche Fußballfans und – wie der Name schon verrät – in der Fanszene des FC St. Pauli aktiv. Ob die Schlägerei mit den Nazis vorm Millerntor oder die Auseinandersetzung mit der Polizei – all das ist für Magnus, Arne und Kowalski Alltag. Als ihr Herzensverein plötzlich in die 1. Bundesliga aufsteigt ändert sich aber alles für die drei Jungs von der Gegengerade.  Das deutsche Pendant zu „Hooligans“, aber mit viel Charakter und einer ordentlichen Portion Kiez dabei! 

 

So was von da

Clubbetreiber Oskar Wrobel führt – mehr oder weniger erfolgreich – einen Musikclub auf der Reeperbahn. Als sich in einer Silvesternacht auf einmal alles ändert, gerät das Leben des Hamburgers völlig außer Kontrolle: Er braucht Kohle um seine Schulden zu decken. Und das am besten ganz schnell, denn die Schuldeneintreiber sitzen ihm im Nacken. Auch privat geht es für den Lebemann heiß her, aber im positiven Sinne. Regisseur Jakob Lass’s Romanverfilmung des gleichnamigen Bestsellers So was von da von Tino Hanekamp 

 

Rocker  

Absoluter Kiez-Kultfilm von Klaus Lemke: Der in die Jahre gekommene Rocker-Führer Gerd freundet sich über Umwege mit dem 14-jährigen Lehrling Mark an, der erst kürzlich einen Schicksalsschlag verkraften musste und immer mehr aus seinem behüteten Vorstadtleben ausbricht. Schon bald taucht er in die gewaltvolle Parallelwelt des Hamburger Rotlichtviertels ein. 

 

Lindenberg! Mach dein Ding!

Auch der Weltstar aus dem Hotel Atlantik darf in dieser Liste nicht fehlen: Lindenberg! Mach Dein Ding! ist ein Film, der das Leben von Udo Lindenberg biographisch abbildet. Von der Kindheit aus dem langweiligen Gronau in Westfalen geht es 1973 ins sagenumwobene Hamburg. Dort nimmt die musikalische Karriere des Hut-Rockers erst so richtig an Fahrt auf. Aber der Film zeigt auch die Schattenseiten des Geschäftes, die die Jagd nach dem Leben eines Rockstars so mit sich bringt.  

 

Der Mann im Strom

Der Mann im Strom ist ein atmosphärischer Film mit Jan Fedder. Taucher Jan Hinrichs findet in Wismar keinen Job und entscheidet sich für einen radikalen Schritt. Er fälscht seine Papiere, macht sich jünger und wird prompt in Hamburg engagiert. Doch während sein Leben eigentlich ganz ruhig dahin plätschert, plagt den Berufstaucher vor allem die Angst, er könnte auffliegen. Als der Kleinganove Micha in sein Leben tritt, ändert sich plötzlich alles. Dies ist die Neuverfilmung des Klassikers von 1958 mit Hans Albers.  

 

Nordsee ist Mordsee

Der 14-jährige Uwe weiß, dass ihn sein Vater in deren Hamburger Vorstadtsiedlung verdrischt, wenn er nicht spurt. Trotzdem muss er seiner Gang beweisen, dass er der Coolste in der Siedlung ist. Er knackt Automaten und geht mit den anderen auf den Mongolen Dschingis los, der in ihre Klasse geht und mit seiner Mutter in der Nachbarschaft lebt.

Regisseur Hark Bohm, der auch das Drehbuch zu Nordsee ist Mordsee schrieb, gehört zu den Pionieren des westdeutschen Kinderfilms, denn als der Film in den 1970er Jahren entstand, drehte in der alten Bundesrepublik kaum jemand Filme für Kinder und Jugendliche.

 

Vom Kiez zum Kap

Mal was ganz anderes: Die Kumpels Kay und Bernd haben eine verrückte Idee getroffen: Die Weltmeisterschaft in Südafrika steht vor der Tür. Also ab dahin. Mit einem alten VW Bully. Quer durch Afrika. Klingt nach einer Schnapsidee und das ist es auch. Gerade deshalb gelingt die Verfilmung der Reise Vom Kiez zum Kap aber auch. Der Film zeigt alle emotionalen Höhen und Tiefen einer unmöglichen Reise.

 

St. Pauli Nacht

Zum Abschluss dieser Liste gibt es nochmal einen ordentlich Schlag mit der Kiezkeule. In St. Pauli Nacht sieht sich Kiezganove Johnny nach einem langen Gefängnisaufenthalt direkt wieder mit den Problemen der Reeperbahn konfrontiert. Einem Anruf folgend begibt sich Johnny abends auf die Reeperbahn und wird aufgrund einer Verkettung von unglücklichen Umständen vom Postboten Manfred erschossen. Der Film erzählt die Vorgeschichte der Tat und porträtiert in einzelnen Episoden die teils illustren Gestalten der Reeperbahn.  


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Lucy Fricke – Das Archiv im Kopf

Ein Gespräch mit der Autorin über ihr Erfolgsprojekt HAM.LIT, die Schwierigkeiten der Kunst und ihren neuen Roman.

SZENE HAMBURG: Lucy, du bist gebürtige Hamburgerin und lebst jetzt in Berlin. Als Schriftstellerin: Welche Stadt ist inspirierender? Und warum überhaupt?
Lucy Fricke: In der Millennium-Nacht habe ich hoch pathetisch verkündet, dass ich Hamburg verlassen werde. Zwei Wochen später hatte ich eine Wohnung in Berlin. Ich musste einfach mal raus, wollte durch andere Straßen ziehen und nicht an jeder Ecke irgendwelchen Erinnerungen begegnen. Das war nötig und enorm befreiend, ich kannte damals niemanden in Berlin, und habe auch erst hier ernsthaft mit dem Schreiben begonnen. Alles Neue ist für mich inspirierend. Inzwischen ist Berlin längst nicht mehr neu und Hamburg als Heimatstadt natürlich auch nicht, also versuche ich, so oft wie möglich auf Reisen zu gehen. Ich reise nicht, um zu entspannen, sondern um wach zu werden. An anderen Orten sind bei mir alle Kanäle offen, ich sauge alles auf und kehre dann zum Arbeiten an den Schreibtisch zurück.

Als Mitglied des PEN Deutschland hast du nicht nur den Blick durch die Augen einer Schreibenden, sondern auch die exogene Perspektive auf das Schaffen anderer Autoren. Mit welchen Schwierigkeiten bist du dort konfrontiert?
Vor einigen Jahren war ich zehn Wochen lang im International Writing Program an der Universität Iowa. Von 30 Schriftstellern aus 28 Ländern war ich die einzige, die vom Schreiben halbwegs leben konnte. Nicht, weil ich mehr Erfolg, Talent oder Disziplin gehabt hätte, sondern weil ich in Deutschland lebe. Hier gibt es Preise und Stipendien, Verlagsvorschüsse, Honorare für Lesungen.

Das ist die Frage nach dem Überleben des Künstlers…
Und die nach der Freiheit, das zu schreiben, was man will. Ich saß dort abends mit Autoren in der Kneipe, die in ihren Heimatländern Todesdrohungen erhalten hatten, jahrelang inhaftiert gewesen sind oder auf der Liste des pakistanischen Geheimdienstes standen. Sie schrieben unter Lebensgefahr. Wenn einem das erst einmal bewusst ist, fängt man an, sich für verfolgte und inhaftierte Schriftsteller zu engagieren, das ist eines der Hauptanliegen vom PEN-Club. Außerdem hört man auf zu jammern. Jedes Selbstmitleid verbietet sich, sobald man weiß, unter welchen Bedingungen die internationalen Kollegen leben und schreiben.

Du selbst hast gerade dein viertes Buch zur Welt gebracht und gehst damit auf Premierenlesung. Ist der Konflikt in „Töchter“ biografisch beeinflusst oder ein fiktives Dokument gesellschaftlicher Geschichte?
Die Handlung im Roman ist fiktiv, alles andere ist so oder so ähnlich gesagt, gedacht und erlebt worden. Man könnte sagen: Alle Details stimmen, der Rest ist frei erfunden. Seit ein paar Jahren sind im Freundeskreis die Eltern ein größeres Thema. Das Verhältnis kehrt sich um, sie brauchen jetzt unsere Hilfe. Der Blick auf sie ändert sich, wenn sie kurz vorm Tod stehen. Meinen Eltern geht es zum Glück noch sehr gut, aber meine Hoffnung beim Schreiben war auch, mit Gesprächen zu beginnen, bevor es zu spät ist.

Vor deiner schriftstellerischen Ausbildung in Leipzig hast du beim Film gearbeitet: Für die Hamburger Klassiker „Kurz und Schmerzlos“ und „Absolute Giganten“ warst du verantwortlich für Script und Übergänge. Wie haben diese Projekte dein späteres, jetziges Schaffen beeinflusst?
Script/Continutiy ist ein wahnsinnig akribischer Job, man ist zuständig für die sogenannten Anschlüsse und muss sich alles merken. Nach über 20 Filmproduktionen habe ich das Beobachten aufs Härteste trainiert, das ist ins Unterbewusstsein eingedrungen. Ich scanne quasi permanent meine Umgebung und kann das beim Schreiben abrufen. Also verfüge ich über ein riesiges Archiv detailgenauer Aufnahmen. Ich erfinde wenig und hole fast alles aus der Erinnerung.

2010 war dann endlich das Jahr der HAM.LIT: Du hast die Veranstaltung initiiert und leitest sie noch heute. Was hat sich in den letzten acht Jahren verändert – sowohl notgedrungen, als auch aus gewollter Entwicklung heraus?
Das Kuratieren ist viel aufwendiger geworden. In den ersten zwei Jahren habe ich hauptsächlich Freunde und Bekannte eingeladen, Autoren, die ich kannte, deren Arbeit ich schätzte. Aber so viele Freunde habe ich nun auch nicht, dass ich jedes Jahr 15 neue bei der HAM.LIT präsentieren könnte. Inzwischen wählen wir aus etwa 40 bis 50 Büchern aus, wir fordern viel an, aber noch viel mehr wird uns zugeschickt, von den Verlagen, manchmal auch von den Autoren direkt. Es ist wirklich in Arbeit ausgeartet.

Nach welchen Kriterien wählt ihr Autoren und Musiker des Line-ups aus?
Daniel Beskos als Verleger und ich als Autorin bewegen uns viel in der Szene, alles was uns auffällt kommt erst mal auf die Liste. Es ist zum Glück immer noch so, dass wir einladen können, wer uns gefällt und überzeugt, unabhängig von Verkäuflichkeit. Die Qualität ist für uns das Wichtigste. Und es sollen nicht nur verschiedene Gattungen präsentiert werden, sondern auch unterschiedliche Stile und Themen, Debütanten und etablierte Autoren.

Dafür bedarf es sicherlich eines guten Supports…
Seit Jahren stärken uns die Kulturbehörde und verschiedene Stiftungen den Rücken, allen voran die Hamburgische Kulturstiftung, die uns von Beginn an auf beeindruckende Weise unterstützt, ohne die würde gar nichts gehen.

Und deine Motivation?
Tatsächlich habe ich die HAM.LIT aus purem Frust gegründet. Mein erstes Buch war erschienen, ein ziemlicher Flop, und ich hatte Lesungen hinter mir, die von Seiten der Veranstalter derart lieblos und inkompetent organisiert waren, dass ich dachte: Das muss doch anders gehen. Ich habe von Autorenseite aus gedacht: Wie sollte eine Veranstaltung sein, bei der ich selbst gern lesen würde. Das halte ich immer noch für den besten Weg: Wenn es den Künstlern gut geht, profitiert davon das Publikum. Und ich glaube, das bekommen wir ganz gut hin. Dass der Abend inzwischen jedes Jahr ausverkauft ist, spricht dafür. Das sorgt auch für die hohe Motivation, wenn sich am Ende des Abends die Gäste und die Künstler bei uns bedanken, das macht uns glücklich. Wir träumen schon lange davon, HAM.LIT auf Tour zu schicken. Alle KünstlerInnen in einen Bus und am nächsten Tag dasselbe Programm in einer anderen Stadt. Eine Band, die jedes Jahr nur für ein paar Tage existiert, das wäre was.

Interview: Jenny V. Wirschky 

HAM.LITUebel & Gefährlich, 1.2.18, 19 Uhr

 

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Februar 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!