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MenschHamburg: „Anpacken fühlt sich gut an!“

Mit witzigen Ideen und einem großen Netzwerk unterstützt Lars Meier, Kopf der PR-Agentur Gute Leude Fabrik, Hamburger Bedürftige, die oft übersehen werden. Dafür hat er 2011 den Verein MenschHamburg gegründet

Interview: Karin Jirsak
Foto: Gute Leude Fabrik

 

SZENE HAMBURG: Lars, wie und wen unterstützt ihr mit MenschHamburg?

Lars Meier: Ein großer Unterschied zwischen MenschHamburg und anderen Organisationen ist, dass wir Geld einsammeln mit dem Spaß der Spender und nicht mit der Not der Notleidenden. Die einzige Begrenzung ist im Grunde, dass das Geld, das wir mit verschiedenen, oft kreativen und ungewöhnlichen Aktionen sammeln, innerhalb des Stadtgebiets bei den Leuten ankommen muss, die es brauchen. Grundsätzlich unterstützen wir gerne Projekte, die sonst nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen.

Da sind wir bewusst sehr bunt aufgestellt – MenschHamburg ist ja auch ein buntes Team. Wir treffen uns regelmäßig und überlegen dann zusammen, wo und wie man helfen könnte. Mal setzen wir das Geld für ältere Leute ein, mal für Naturschutzprojekte, mal für Kinder. Einer Grundschule in Billstedt haben wir zum Beispiel eine neue Küche ermöglicht, in der die Kinder zusammen kochen und so den Umgang mit Lebensmitteln lernen.

Mit welchen Aktionen generiert ihr die Spenden?

Wir haben jedes Jahr drei große Events: das Kamelrennderby auf dem Frühjahrsdom, den Welttrinkgeldtag am 21. Mai und das MauMau-Turnier im Herbst, auf das ich mich schon sehr freue. Außerdem hatten wir zum Beispiel im Jahr 2015, als die Geflüchtetenkrise auf dem Höhepunkt war, die Idee zu unserem „Moin Moin Refugees“-Button, mit dem wir die Hamburger auffordern wollten, hanseatische Willkommenskultur zu zeigen – auch um dem Geschrei, das gerade damals von rechts kam, bewusst etwas entgegenzusetzen.

Ich wollte erst mal nur 500 von diesen Buttons machen lassen. Aber die Nachfrage war extrem hoch. Bis heute haben wir über 50.000 für einen Euro pro Stück verkauft. Vor ein paar Wochen habe ich eine junge Frau in der U-Bahn gesehen, die den Button immer noch getragen hat – nach vier Jahren! Ich hätte sie am liebsten umarmt.

Erzähl mal, wie bist du auf das Kamelrennderby gekommen?

Das Kamelrennen auf dem Dom ist auf jeden Fall Kult. Als Kind habe ich das sehr gerne, aber sehr schlecht gespielt. Irgendwann saß ich mit dem Welt-Hamburg-Redaktionsleiter Jörn Lauterbach bei einer Brause zusammen, dem es genauso ging, und wir kamen auf die Idee, eine Meisterschaft zu veranstalten, bei der Firmen gegen eine Spende von 300 Euro mit je einem Dreierteam mitmachen können. Das so eingenommene Geld kommt immer unterschiedlichen Projekten zugute. Seit 2015 findet das Derby einmal im Jahr statt, und es ist immer ein Riesenspaß.

 

Echtes Engagement findet offline statt

 

Du veranstaltest aber nicht nur Aktionen für MenschHamburg. Die Gute Leude Fabrik organisiert auch den sogenannten N Klub. Stichwort: Nachhaltigkeit …

Der N Klub ist ein Netzwerk für Leute, die sich mit den unterschiedlichsten Nachhaltigkeitsthemen befassen, zum Beispiel beruflich, oder sich in einer Initiative engagieren. Bei den N Klub-Treffen sind vom CSR-Manager mit Krawatte bis zum Aktivisten, der sich vor den Castor-Transport stellt, die unterschiedlichsten Menschen dabei. Wenn wir auf ein spannendes Projekt oder eine Idee stoßen, dann laden wir die Leute ein. Durch den intensiven Austausch bei diesen Treffen konnten schon viele tolle Ideen verbreitet und realisiert werden.

Auf der MenschHamburg-Website schreibst du: „Es gibt viele Gründe etwas zu tun, aber nur einen sich nicht zu engagieren: Bequemlichkeit!“ Muss man die Bequemlichkeit vielleicht akzeptieren und das Engagement entsprechend bequemer gestalten?

Auf keinen Fall. Viele Leute kritisieren ja heute sehr bequem in sozialen Netzwerken und denken, das wäre Engagement. Aber echtes Engagement, egal, ob man nun Bäume pflanzt oder auf Kinder aufpasst, das ist was ganz anderes, und kann eine ganz tolle Erfahrung sein. Wer zum Beispiel mal Samstagvormittags eine Stunde lang in der Kleiderkammer Hanseatic Help beim Sortieren geholfen hat, weiß: Anzupacken fühlt sich gut an. Und dabei kann man auch sehr gut den Kopf frei kriegen.

Mensch.hamburg


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Pinkstinks: Aktivisten gegen Sexismus in der Werbung

Die Aktivisten von Pinkstinks sind im Einsatz gegen sexistische Werbung – denn an Sex sells glauben noch viele: Wer, warum, und was sich verändert hat, erzählt Pinkstinks-Redakteur Marcel Wicker

Interview: Markus Gölzer
Foto (o.): Mauricio Bustamante – Pinkstinks

SZENE HAMBURG: Marcel, das fängt ja gut an: Zwei Männer unterhalten sich über eine feministische Protest- und Bildungsorganisation. Wie bist du zu Pinkstinks gekommen und was macht ihr?

Marcel: Ich kenne Pinkstinks schon sehr lange und war auch vorher feministisch aktiv. Als ich gehört habe, dass Pinkstinks einen Redakteur sucht, habe ich mich einfach beworben. Ich bin ausgebildeter Journalist, habe vorher PR gemacht und empfinde es als irres Privileg, mit Aktivismus Geld verdienen zu können. Bei Pinkstinks geht es hauptsächlich darum, feministische Diskurse, die im linken Spektrum geführt werden, aufzugreifen und zu übersetzen. Sie sozusagen in den Mainstream zu holen. Damit es nicht eine elitäre Diskussion zwischen wenigen Leuten bleibt, sondern dass daraus ein gesamtgesellschaftlicher Protest werden kann.

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So könnte Bikini-Werbung
auch aussehen / Foto: Markus Abele – Pinkstinks

Was war für die Gründung von Pinkstinks ausschlaggebend?

Stevie Schmiedel ist 2011 aktiv geworden. Die Stadt Hamburg hatte dem Außenwerber Ströer 2.500 Werbeleuchtflächen zur Verfügung gestellt. Dadurch wurde Werbung im öffentlichen Raum in Hamburg viel sichtbarer – und eben auch der Sexismus. Stevie hat eine Petition gestartet, sexistische Werbung bundesweit verbieten zu lassen, Demos organisiert, ist mit der Politik in Kontakt getreten. So ist Pinkstinks entstanden. 2016 hat sich die SPD dafür ausgesprochen, sexistische Werbung kontrollieren zu wollen, was dann erst mal in einem Monitoring mündete, das wir seit zwei Jahren durchführen.

Auf der Plattform „Werbemelder*in“ sammeln wir sexistische Werbung, um das Sexismusproblem in Deutschland mit konkreten Daten belegen zu können. Jeder kann über Werbemelder* in Werbung bei uns einreichen und wir prüfen sie nach unseren Kriterien.

Wo hört Nacktheit auf und fängt Sexismus an?

Wenn wir über Sexismus in der Werbung sprechen, was unser Hauptaugenmerk ist, dann hat Sexismus nicht zwangsläufig mit Nacktheit zu tun. Es gibt Produkte, die man mit viel Haut präsentieren muss, wie einen Bikini. Der wird natürlich auf der nackten Haut präsentiert. Das ist Sexualität, die eine Gesellschaft aushalten muss.

Sexismus sehen wir dann, wenn eine Diskriminierung aufgrund von Geschlecht vorliegt. Wir haben zusammen mit der Juristin Dr. Berit Völzmann konkrete Kriterien entwickelt, mit denen wir unterscheiden, wann etwas sexistisch ist und wann nicht. Wenn eine Frau zum Beispiel nur als sexualisierter Blickfang eingesetzt wird, wenn sexuelle Verfügbarkeit suggeriert wird oder bestimmte Eigenschaften oder Fähigkeiten ausschließlich einem Geschlecht zugeordnet werden, dann sprechen wir von Sexismus.

Gibt es Branchen, die sexistischer sind als andere?

Im Moment zeigt sich schon sehr deutlich, dass Sexismus oft im Mittelständischen vorkommt, weniger bei großen Unternehmen. Ganz viel im Handwerk, auf Lkw und Pkw.

Gibt es es auch Unterschiede, ob Stadt oder dem ländlichen Bereich?

Ja, es kommt eher im Ländlichen vor. Es sind oft die Rohrverleger, die mit Wurfsendungen, an Baugerüsten und auf Fahrzeugen werben. Die ihre Werbung aus Kostengründen selber machen und dafür Ursel von nebenan bitten, sich mal für ein Foto über die Autoreifen zu legen. Wir können sagen, dass die großen Werbeagenturen nicht mehr das Hauptproblem sind, auch wenn sie häufig noch sehr stereotyp werben, was wiederum Sexismus befeuern kann. Das ist aber nichts, wogegen man rechtlich vorgehen könnte. Die Frage für uns ist: Wo ist die konkrete Diskriminierung?

Also funktioniert es nicht mehr so, dass Aufmerksamkeit immer gut ist, egal ob positiv oder negativ.

Es gibt immer noch Unternehmen, die das so sehen und die es drauf ankommen lassen. Aber sexistische Ausrutscher der wirklich großen Player können wir an einer Hand abzählen. Trotzdem leiden auch die unter dem schlechten Image, das sexistische Werbung schafft. Deshalb haben wir im letzten Jahr vermehrt mit Agenturen zusammengearbeitet.

 

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Pinkstinks-Preis: Für faire Werbung gibt’s den „Pinken Pudel“

 

Inwiefern?

Wir haben den „Pinken Pudel“ gegründet, einen Positivpreis, mit dem wir Werbung auszeichnen, die mit Stereotypen bricht. Damit wollen wir stärken, was wir gut finden. Außerdem haben wir mit fünf der größten Werbeagenturen eine Kampagne gestartet, die „Herz fürs Handwerk“ heißt. Wir haben uns mit Kreativen zusammengesetzt und ihnen ein „Worst of Werbemelder*n“ gezeigt, also eine Auswahl der schlimmsten Werbemotive, die wir eingesendet bekommen haben. Und wir haben sie gebeten, für die Produkte eine neue, diskriminierungsfreie Werbeidee zu entwickeln. Das Ziel war, den Handwerksbetrieben zu zeigen: Man kann auch aus langweiligen Produkten wie einer Heizdecke coole Werbung machen, ohne zu diskriminieren. Auch mit geringen Mitteln.

Was war das schlimmste Motiv?

Was ich gern als Beispiel bringe ist ein Schlagbohrer mit einer halbnackten, breitbeinigen Frau daneben und dem Slogan: „Wie rammst du ihn rein?“. Das grenzt schon an sexualisierte Gewalt. Solche Motive sind zwar nicht die Regel, aber auch nicht so selten, wie man meinen mag.

Eigentlich müsste euren Job doch der Werberat machen.

Der Werberat ist selbstregulativ und besteht aus Leuten aus der Werbeindustrie. Er spricht Rügen aus und arbeitet ausschließlich reaktiv. Mit Pinkstinks wollen wir proaktiv, durch Sensibilisierung und Kampagnen, gegen Sexismus vorgehen.

Wie viel Einsendungen bekommt ihr? Wie viel der Werberat?

Wir haben über Werbemelder*in 2018 doppelt so viel Einsendungen bekommen wie der Werberat. Und das nur zum Thema Sexismus. Der Werberat sammelt ja Beschwerden zu allen möglichen Themen. Generell kann man sagen, dass durch die #MeToo-Debatte ein Umdenken eingesetzt hat. Leute sind sensibler für das Thema und es gibt sehr viel schneller den Shitstorm aus der Gesellschaft, ohne dass wir ihn mit unserer großen Online-Präsenz anführen müssen. Interessant ist auch, dass wir seit #MeToo wahnsinnig viel Unterstützung auch von Männern bekommen.

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Auf der Plattform „Werbemelder*in“ lässt sich sexistische Außenwerbung markieren

Gibt es auch Sexismus gegen Männer?

Ob es Sexismus gegen Männer gibt, ist im Feminismus eine heikle Diskussion. Sicher ist, dass eine sexistische Gesellschaft immer auch Auswirkungen auf Männer hat. Wenn Männern erzählt wird, dass sie keine Gefühle haben dürfen, außer vielleicht Wut, dann führt das dazu, dass sich Männer eher das Leben nehmen, dass sie eher an einer Sucht erkranken, dass sie eher Straftaten begehen.

Ob man das „Sexismus“ nennt oder nicht, ist eine Definitionsfrage. Ihn abzuschaffen ist aber ein Gewinn für alle.

Neben Werbung kümmert ihr euch auch um Bildung …

Für uns ist Sensibilisierung auf möglichst vielen Ebenen wichtig. Wir machen Theaterarbeit an Schulen mit dem Stück „David und sein rosa Pony“. Im Stück wird ein Junge wegen seines rosa Kuscheltiers in der Schule gemobbt und am Ende von seinem coolen Fußballkumpel davon überzeugt, dass Rosa für alle da ist und auch Jungs zart sein dürfen. Damit versuchen wir, das Rosa-Blau-Gefälle in der Grundschule infrage zu stellen. Wir haben auch eine sehr umfangreiche Broschüre für Kitas und Eltern herausgebracht, in der es um gendersensible Erziehung geht. Für jugendliche Mädchen haben wir den YouTube-Kanal „Lu Likes“, in dem unsere Moderatorin Lara Themen wie Essstörungen oder „Germanys Next Topmodel“ aufgreift und bespricht. Und natürlich sind wir sehr stark in sozialen Medien aktiv.

Seid ihr Anfeindungen ausgesetzt?

Täglich. Wir bekommen ständig E-Mails, Kommentare und Nachrichten über Facebook oder Instagram, in denen wir angefeindet werden. Wenn wir eine neue Kampagne launchen oder ein neues Video online geht, kann man den Hatern dabei zusehen, wie sie sich zusammenrotten und organisiert trollen. Das kennen alle Organisationen und Personen, die sich im Netz für Vielfalt und Diversität einsetzen. Mich persönlich können die gerne beschimpfen und kacke finden, damit können wir als Team gut umgehen. Aber sie sollen unsere Community in Ruhe lassen. Da fühlen wir eine große Verantwortung. Pinkstinks-Kanäle sollen Orte für alle sein.

Pinkstinks.de


Szene-Hamburg-juni-2019Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juni 2019. Titelthema: Was ist los, Altona?
Das Magazin ist seit dem 25. Mai 2019 im Handel und zeitlos im 
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„Gegen den Strom“ – Öko-Thriller-Drama aus Island

Sehr artifiziell, völlig überhöht – und unbedingt sehenswert: Benedikt Erlingssons zweiter Film „Gegen den Strom“, in dem eine Chorleiterin den Kampf gegen einen mächtigen Industriekonzern aufnimmt.

Text & Interview: Maike Schade

Mit „Von Menschen und Tieren“ präsentierte der isländische Schauspieler und Regisseur Benedikt Erlingsson ein ebenso skurriles wie beachtenswertes Debüt. Sein neuer Film, „Gegen den Strom“, handelt wieder vom Missbrauch der Natur, ist aber wesentlich klassischer und stringenter erzählt – auch wenn Erlingsson sich einiger ungewöhnlicher Kniffe bedient (doch dazu später mehr). In Deutschland wird „Gegen den Strom“ als Komödie angepriesen. Das ist es nicht. Auch Erlingsson kann (und will) diese Einordnung nicht nachvollziehen. Es ist, so sagt er uns im Gespräch, ein „enviromental action arthouse thriller-drama with some jokes“. Das wiederum trifft es ziemlich gut.

Im Mittelpunkt dieser raffiniert gestrickten Heldengeschichte: Halla, Mitte 40, Chorleiterin (Halldóra Geirharðsdóttir). Eine angenehme, sympathische Frau – die aber ein Doppelleben als Umweltaktivistin führt. In warme Klamotten eingemummelt, schleicht sie sich wiederholt auf das Gebiet einer Aluminiumhütte, um durch Sabotage an Strommasten den Betrieb in der Fabrik lahmzulegen. Erst mit Pfeil und Bogen, um mit einem Stahlseil die Leitung kurzzuschließen, später mit Sprengstoff.

Tatsächlich gibt es in Island von Naturschützern starken Widerstand gegen die Aluminiumfabriken; auch Benedikt Erlingsson gehörte einer Aktivistengruppe an. Glücklicherweise beschloss er, seinen Protest statt auf handgreifliche auf künstlerische Weise kundzutun.

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„Gegen den Strom“ handelt vom Missbrauch an der Natur. Foto: Pandora Film

Dass er mit seinem Film keineswegs nur unterhalten, sondern auch eine Botschaft loswerden will, macht uns der Regisseur beständig deutlich: Der Soundtrack ist Teil der Szenerie, und zwar in Gestalt eines isländischen Instrumentaltrios und eines dreiköpfigen ukrainischen Chors. Beide sind nicht nur sichtbar, sondern greifen auch in die Handlung ein, fixieren gelegentlich den Zuschauer, zwinkern ihm zu – was man unterhaltsam, aber auch durchaus störend finden kann.

Das ist gewollt: Denn kaum hat man sich wieder in der Geschichte verloren, bangt um Halla, die, von einem Hubschrauber gejagt, durch die karge, doch betörende isländische Weite hetzt, dann kickt Erlingsson einen mit seinen Musikern wieder aus dem Geschehen. Hey, scheint er einem mit dem Finger gegen die Brust zu stupsen, wach auf, ich habe dir etwas zu sagen!

Die beiden Musikensembles repräsentieren – wie Engelchen und Teufelchen auf der Schulter – die zwei unterschiedlichen Bedürfnisse, die Halla antreiben: Soll sie ihren Kampf gegen die Aluminiumhütte vorantreiben oder ihn aufgeben, um die bevorstehende, lang ersehnte Adoption eines ukrainischen Mädchens nicht aufs Spiel zu setzen? Weitere personifizierte Manifestation dieses Gewissenskonflikts ist Hallas Zwillingsschwester Ása, eine esoterisch angehauchte Yoga-Lehrerin, ebenfalls gespielt von der überragenden Halldóra Geirharðsdóttir. Erlingsson inszeniert den inneren Kampf auf beeindruckend metaphorische Weise, verpackt philosophische Grundsatzfragen, einen moralischen Appell und deutliche politische Kritik mehr als gekonnt in einem äußerst spannenden, dabei humorvollen Gewand. Wir haben ihn und Halldóra Geirharðsdóttir zu einem Gespräch getroffen.

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Benedikt Erlingsson: Regisseur, Schauspieler, Aktivist.

SZENE HAMBURG: Benedikt, du zeigst uns Halla als eine starke Frau, die weder für ihren Kampf noch zum Kinderkriegen einen Mann braucht. Bist du ein Feminist?

Benedikt Erlingsson: Ja, vielleicht. Ich würde diese Bezeichnung als Ehre empfinden. Ich habe drei Töchter, das zwingt mich ja gerade dazu, einer zu sein. Und ich komme aus einer Familie von Matriarchinnen. Ich hatte eine sehr starke Mutter und zwei Großmütter, die die Oberhäupter der Familie waren.

Ist das in der isländischen Gesellschaft so üblich?

BE: Ja, dort gab es und gibt es viele starke Frauen, die führten und führen. Ich glaube, das kommt vielleicht von Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf. Wir haben viele Feministen in ganz Nordeuropa, weil wir alle dieses Buch gelesen haben.

Eine sehr interessante Sichtweise … Halldóra, ist Pippi Langstrumpf für dich auch ein Vorbild?

Halldóra Geirharðsdóttir: Nicht bewusst. Sie ist natürlich Teil unseres Lebens. Bislang habe ich das nicht so gesehen wie Benedikt. Aber ich stimme ihm zu.

Hm, Pippi Langstrumpf als Blaupause für Halla? Darauf wäre ich nicht gekommen, ich dachte eher an eine Göttin. Vielleicht auch David und Goliath. Oder Robin Hood.

BE: Pippi Langstrumpf ist eine Göttin! Aber im Ernst, natürlich dachte auch ich an Artemis, die Göttin der Jagd und Beschützerin von Frauen und Kindern. Und, in gewisser Weise, auch an Athena, die Weise, die immer eine Lösung findet.

Warum hast du Halldóra für diese Rolle ausgesucht?

BE: Tatsächlich dachte ich schon beim Schreiben des Drehbuchs an Dóra, aber irgendwie bin ich unterwegs vom richtigen Weg abgekommen. Ich schäme mich sehr zuzugeben, dass ich Castings veranstaltet habe. Irgendwann fiel es mir aber wie Schuppen von den Augen: Ich brauchte eine starke Frau, eine Göttin – und das ist sie. Wir kennen uns schon aus unserer Kindheit, waren zusammen auf der Schauspielschule, haben bei unserem ersten Job und später an mehreren Theatern zusammen gearbeitet.

Halldóra, wenn ich das richtig verstanden habe, ist Halla eine Kurzform deines eigenen Namens. Gibt es noch weitere Gemeinsamkeiten zwischen dir und ihr?

BE: Darauf würde ich gerne antworten. Halldóra bezieht in der #MeToo- Debatte eine sehr klare Position. Sie ist wie Halla eine wirkliche Kämpferin, auch in feministischer Hinsicht. Sie ist eine Musikerin, spielt Saxofon. Sie ist eine Revolutionärin. Sie hat viel in sich, was auch die Filmfigur hat.

 

Seht hier den Trailer zu „Gegen den Strom“

 

Halldóra, stimmst du ihm zu?

HG: Och, ja, ja … Und ich war ja auch für sieben, acht Jahre alleinerziehende Mutter. Ich weiß sehr gut, wie es ist, wenn man alles alleine machen muss. Und wie es ist, Mutter zu sein. Ich hatte also einen sehr einfachen Zugang zu Halla und konnte gut verstehen, wie sie und warum sie so handelt.

Nun hat Halla ja aber eine Zwillingsschwester, eine andere Seite. Kannst du die auch verstehen?

HG: Ja. Das ist wohl etwas, das man lernt, wenn man älter wird. Dir wird klar, dass du geduldiger werden und in manche Dinge tiefer eintauchen musst. Das Äußerliche ist dir nicht mehr so wichtig. Ása ist bereit, ins Kloster zu gehen. Ich selbst habe da auch einmal einige Zeit verbracht. Ich konnte mich also auch gut in sie hineinfühlen.

Die beiden Schwestern symbolisieren, so verstehe ich es, eigentlich zwei Seiten einer Person, den äußeren und den inneren Kampf, den Halla ausficht. Benedikt, wie bist du darauf gekommen, das mit Zwillingen darzustellen?

BE: Na ja, das ist ja ein sehr altes Stilmittel. Außerdem habe ich selbst Zwillingstöchter, und ich kenne welche in Reykjavík, die für die Natur kämpfen. Ich habe schon in einer frühen Phase des Drehbuchschreibens darüber nachgedacht. Weil wir ja alle diese zwei Seiten in uns haben, diese Zerrissenheit – sollen wir für das große Ganze handeln oder zu unserem persönlichen Besten? Die Zwillinge konnten diesen Kampf auf metaphorische, cineastische Weise darstellen.

 

„Ich war ein frustrierter Aktivist, der etwas in die Luft sprengen wollte“

 

Wie bist du überhaupt auf diese Geschichte gekommen?

BE: Ich war Mitglied einer Aktivistengruppe gegen die Aluminiumhütten, also war mir dieses Thema sehr nah. Wir hatten Bulldozer und Ähnliches, haben viele Male versucht, etwas gegen diese Strommasten auszurichten. Mehrmals haben Farmer versucht, sie in die Luft zu jagen und das Tal zu retten. Und da habe ich begonnen, darüber nachzudenken, ob das wirklich der richtige Weg ist. Ist das Sabotage? Und wenn ja, ist das in diesem Falle gerechtfertigt? Ich war also dieser frustrierte Aktivist, der etwas in die Luft sprengen wollte, und entschied dann aber, stattdessen lieber einen Film darüber zu machen.

HG: Feigling. Aber na ja, er hat ja auch eine Familie …

Ah, deshalb diese kuriose Adoptions-Geschichte …

BE: Mhm ja, das ist wohl so. Aber das Kernproblem des Ganzen ist natürlich der Klimawandel. Und das paradoxe Verhalten der Regierungen, die ganz einfach und mal eben so Umweltaktivisten zu Staatsfeinden erklären. Menschen, die für die Natur und damit auch unsere langfristigen Interessen kämpfen! Die Schwachstelle unseres demokratischen Systems ist es, wie einfach Regierungen so manipuliert werden können, dass sie mit denjenigen zusammenarbeiten, die ihre eigenen, speziellen Interessen verfolgen – entgegen denen der Menschheit. Das ist eine Debatte, die überall, in allen Ländern und Gesellschaften geführt wird.

Es gibt diese Szene, bei der die Ministerialen unbewusst eine Art magischen Kreis bilden, und Halla spürt oft tief ins Moos hinein. Gibt es in Island den Glauben an die mystische Mutter Erde?

HG: Wir würden nie sagen, dass wir daran glauben. Aber wir würden auch nie sagen, dass es sie nicht gibt. Wir praktizieren aber keine Riten oder dergleichen.

BE: Das ist eher eine spirituelle Sache. Ich würde sagen, wir fühlen die Macht der Natur. Und wir respektieren sie. Dóra hatte da übrigens eine schöne Idee. Wir sprachen über Mutter Natur und ihren Missbrauch. Und sie sagte: Vielleicht sollten wir sie nicht Mutter Natur nennen, sondern unser Kind. Der Himmel, die Atmosphäre, die Ozeane, sie alle sind unsere Kinder. Kinder, die missbraucht werden. Vergiftet. Dann würden wir vielleicht viel eher losrennen und versuchen, sie zu retten. So wie Halla.

Als Sündenbock für Hallas Anschläge muss im Film ein Ausländer herhalten, der immer wieder einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort ist. In Island spielt Immigration aber keine große Rolle, oder?

BE: Nein, nicht wirklich, zu uns kommen kaum Flüchtlinge. Es gibt auch keine Partei, die irgendwelchen Rassismus predigen würde, nur ein paar Einzelpersonen. Aber das ist ein universelles Thema. Es ist so einfach, dem Ausländer die Schuld zu geben. Das passiert überall derzeit.

Gegen den Strom“: Ab 13.12. im Kino; Regie: Benedikt Erlingsson. Mit Halldóra Geirharðsdóttir, Jóhann Sigurðarson, Juan Camillo Roman Estrada.


Dieser Beitrag stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2018. Das Magazin ist seit dem 29. November 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop und als ePaper erhältlich! 


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