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Bestatterin Lea Balkenhol: „Man muss Bedürfnisse erkennen“

Lea Balkenhol, 23, ist Bestatterin – und möchte es am liebsten für immer bleiben. Ein Gespräch über Empathie, Trauerfeiern in Zeiten von Corona – und allerhand Berufsklischees

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Lea, wann hast du dich entschieden, Bestatterin zu werden?

Lea Balkenhol: Das war im Mai 2017. Ein Jahr zuvor hatte ich Abitur gemacht und war dann ein bisschen unschlüssig, wie es weiterge- hen könnte. Also habe ich mir ein Jahr Zeit genommen, um Praktika in ganz verschiede- nen Bereichen zu machen. Ich war an einer Schule, in einem Theater – und in meinem letzten Praktikum bei Schaarschmidt Bestattungen in Barmbek. Nach zwei Wochen war ich schon sehr begeistert und nach drei Wochen ziemlich sicher, dass ich genau das beruflich machen möchte. Nach vier Wochen hat mich meine Chefin, Janna Schaarschmidt, gefragt, ob ich Lust hätte, bei ihr eine Ausbildung zu machen. Seitdem bin ich hier.

Du sprichst von früher Begeisterung. Was hat dir denn sofort gefallen?

Ich bin ein großer Fan von Listen und Formularen, Ordnung und Symmetrie (lacht). Von all dem gibt es hier reichlich. Außerdem hat man als Bestatterin einen sehr warmen, ehrlichen Kontakt zu den Hinterbliebenen. Für sie kann man enorm viel tun. Wenn das gelingt und die entsprechende Rückmeldung kommt, ist das eine angenehme Bestätigung. Ich bin aber auch oft unterwegs und habe deshalb viel Abwechslung im Alltag.

Muss man als angehende Bestatterin also einerseits einen Sinn für Ordnung, andererseits viel zwischenmenschliches Fingerspitzengefühl mitbringen?

Genau. Es geht hier neben Organisation auch um Empathie – und zwar um eine, die man nur bedingt lernen kann.

Wie meinst du das?

Oft hat man mit Menschen zu tun, die einem Dinge nicht unbedingt direkt – oder überhaupt – sagen. Man muss viele Bedürfnisse erkennen können, ohne dass sie konkret geäußert werden.

 

„Es macht großen Spaß, die Klischees zu widerlegen“

 

Mal kurz zu den Klischees, mit denen dein Job behaftet ist: trist, traurig, viel zu viel Tod …

… und alte, weiße Männer mit schlecht sitzenden Anzügen (lacht).

Welches Klischee findest du am schlimmsten?

Den tristen Arbeitsalltag. Vor allem aber finde ich es schade, dass viele gar nicht wissen, was Bestatter genau machen. Einige haben da so Bilder aus „Six Feet Under“ im Kopf.

Auf der anderen Seite macht es auch großen Spaß, die Klischees zu widerlegen. Wenn man den Job gut macht, kann man all dem ausreichend entgegenwirken.

Du hast die Abwechslung im Alltag schon erwähnt. Gibt es auch gewisse Routinen?

Auf die gesamte Woche gesehen schon. Montags verschafft man sich einen Überblick über alles, was am Wochenende angefallen ist, und am Ende der Woche ist man oft mit Trauerfeiern beschäftigt.

Die meisten Menschen legen ihre Trauerfeiern gerne auf einen Freitag, und wir bereiten über die Woche alles dafür vor. Ansonsten muss man schauen, was passiert. Heute Morgen um halb sieben habe ich zum Beispiel einen Anruf bekommen, ob wir eine Verstorbene aus einem Heim abholen können. Dadurch ist der Tagesplan natürlich nicht mehr wie gehabt.

Du wirst auch mit am Corona-Virus Verstorbenen zu tun haben. Bestehen dabei Ängste?

Nicht bei der Arbeit mit den Verstorbenen. Selbst wenn eine verstorbene Person Corona hatte, atmet sie ja nicht mehr, und ich komme auch nicht mit ihren Körperflüssigkeiten in Berührung.

Schwierig finde ich allerdings den Gang in Heime. Weil ich definitiv mehr Kontakte mit Menschen habe, als diejenigen, die im Heim wohnen, und man ja nie weiß, welche Begegnungen es dort geben wird. Wir können uns nur bestmöglich vorbereiten, auch Schutzkleidung tragen, und meistens sind die Flure auch vorsorglich leer, wenn wir kommen. Wir haben dann nur mit einer Person zu tun, die uns Papiere übergibt.

Schwierig sind bestimmt auch Trauerfeiern in der Corona-Zeit, weil sie oft nicht in dem Rahmen stattfinden können, in dem sie die Hinterbliebenen gerne hätten.

Richtig, vielen Menschen fehlt momentan ein richtiger Abschied. Mir wird jetzt noch klarer, dass Trauerfeiern nicht nur dafür da sind, damit Hinterbliebene Abschied von Verstorbenen nehmen können, sondern auch, damit sie diesen Moment mit anderen teilen können. Es geht um ein Gefühl von Gemeinschaft, auch beim Kaffeetrinken danach – was momentan häufig einfach wegfällt.

Kannst du dir vorstellen, diesen Job dein Leben lang zu machen?

Ja, auf jeden Fall! Gerade auf lange Sicht hat diese Arbeit alles, was ich mir für mein Berufsleben wünsche. Ich sehe mich für immer in diesem Job.


SZENE-März-2021 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Februar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Aktion Hoffnungsbrief: Worte wie Umwarmungen

Die Diakonie-Stiftung MitMenschlichkeit lädt Hamburger ein, Briefe an Senioren zu schreiben, die momentan nicht besucht werden dürfen. Vor allem Kinder freuen sich über diese Möglichkeit

Text: Erik Brandt-Höge

 

Mitte März wurden Besuchseinschränkungen für stationäre Pflegeeinrichtungen beschlossen. Menschen in Alten­ und Pflegeheimen leben seitdem isoliert von ihren Lieben. Ei­nen kleinen, aber feinen Lichtblick bietet die Diakonie-­Stiftung MitMenschlich­keit. Sie hat kurzerhand die „Aktion Hoffnungsbrief “ gestartet. Und die geht so: Hamburger dürfen den über 3.200 Senioren, die in den 23 teilnehmen­ den Diakonie-­Einrichtungen zu Hause sind, ihre Gedanken in Zeiten von Corona schicken, vor allem natürlich ihre guten Wünsche und Hoffnungen.

Marta-hoffnungsbriefSeit dem 23. März wird jede Einrichtung wö­chentlich vom Diakonie­-Team beliefert – und das hat ordentlich zu tun. Bis Mitte April gingen rund 2.700 Briefe, Postkarten und Bilder ein. „Ich bin begeistert von den vielen liebevollen Briefen“, sagt Jutta Fugmann­-Gutzeit, Geschäftsführerin Diakonie-­Stiftung MitMenschlichkeit Hamburg und Initiatorin der „Aktion Hoffnungsbrief “. „Kleine Kunstwerke von Kindern sind dabei, Kitas senden Basteleien, Studentinnen schreiben über ihren Alltag. Da ist wirklich zu spüren, dass es darum geht, den älteren Menschen eine Freude zu machen. Das finde ich toll, gerade in dieser Zeit.“ Steht ein Absender auf der Hoffnungs­-Post, haben die Senioren zudem die Möglichkeit, sich zu bedanken und in den Austausch zu gehen.

Bewohnerinnen und Bewohner von Hamburger Alten- und Pflegeeinrichtungen dürfen ab heute, 18. Mai, wieder Besuch empfangen. Allerdings nur sehr eingeschränkt und nur mit einem Termin. Geschrieben werden kann daher weiterhin an diese Adresse:

Diakonie-Stiftung Mit Menschlichkeit, „Hoffnungsbrief “, Königstr. 54, 22767 Hamburg


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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