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Barrierefreie Ausgeh-Tipps

Die Suche nach einer Location ist in Hamburg nicht immer einfach. Am Telefon geben sich viele Restaurants und Bars als barrierefrei aus, ohne es wirklich zu sein. „Irgendwie kriegen wir das schon hin“, heißt es gern. Besser ist es, sich auf Empfehlungen zu verlassen. Oder eine Alternative zu finden … Anastasia Umriks Tipps für Kaffee, Dinner und Tanz

Restaurants

Saliba
Dieses (sehr!) kleine syrische Restaurant ist nichts für große Rollstühle und laute Stimmen. Aber es ist für Menschen mit feinen Geschmacksnerven und der perfekte Ort, um jemanden zu beeindrucken oder um einen Satz mit „Willst du mich …“ zu beginnen. Finde ich.

▶ Rollstuhltoilette befindet sich im „Parlament“, nicht weit von dem Restaurant.
Neuer Wall 13 (Neustadt), Telefon 34 50 21, Mo-Sa 12–23 Uhr; www.saliba.de

Petit Bonheur
Wer französische Musik, das französische Essen und generell Frankreich mag, der sollte das Restaurant „Petit Bonheur“ kennen. Es ist wie ein spontaner Kurzurlaub, es ist wie im Film: Intensiv, französisch, betörend und lecker.

▶ Rollstuhltoilette ist vorhanden.
Hütten 85-86 (Neustadt), Telefon 33 44 15 26, Mo-Fr, 12–18, Sa 17–24 Uhr; www.petitbonheur-restaurant.de

Vju im Energiebunker
Der Blick über Hamburg, der Blick ins Weite … da ist es fast egal, wie der Kuchen schmeckt. Aber er schmeckt! Und der Kaffee auch. Alles ist wunderbar an diesem Ort und ganz egal, ob bei einem Date oder nicht, diese Location verlässt man positiv und beseelt.

▶ Rollstuhltoilette ist vorhanden, wird aber leider oft als Abstellkammer genutzt. Aber es gibt eine, ja.
Neuhöfer Straße 7 (Wilhelmsburg), Telefon 0157 58 55 37 06 , Fr 12–18, Sa-So 10–18 Uhr; www.vju-hamburg.de

Altes Mädchen
Ein Ort zum Bleiben und zum Genießen. Im Winter kann man an der Feuerstelle sitzen, im Sommer draußen – und überhaupt geht es mir an diesem Ort immer gut. Die Gedanken und die Gespräche fließen, das Bier auch. Schön!

▶ Rollstuhltoilette ist vorhanden.
Lagerstraße 28b (St. Pauli), Telefon 80 00 77 75 0, Mo-Sa ab 12, So ab 10 Uhr; www.altes-maedchen.com

Frau Möller
Ach, Möller … wie viele Abende habe ich in dieser Kneipe verbracht! Ich liebe es dort zu sein, weil sich in dieser Kneipe Reiche und Arme, Junge und Alte begegnen, Anzugträger neben Kapuzenträger/innen sitzen und gemeinsam auf HSV oder St. Pauli anstoßen. Sowohl das Essen als auch die Getränke sind bezahlbar, die Stimmung ist entspannt. Die Kneipe ist sowohl als Dating-Location als auch für Singles (um es nicht mehr lang zu sein) geeignet.

▶ Rollstuhltoilette ist nicht vorhanden, aber schräg gegenüber ist das Hotel George mit einer großen Toilette.
Lange Reihe 96 (St. Georg), Telefon 25 32 88 17, Mo-Do 11.30–4, Fr 11.30–6, Sa 11–6, So 11-4 Uhr; www.fraumoeller.com

Atelier F
Französische und amerikanische Speisen neu definiert, sehr feine Küche und das Interieur ist der Wahnsinn: Jeder Raum hat ein eigenes Design, es gibt die ganze Zeit etwas zu entdecken und selbst dann hat man noch nicht alles gesehen. Und für die, die es sehr kuschelig mögen, gibt es sogar kleine Kabinen für zwei bis vier Personen. Ganz wie zu Hause – nur besser. Ein Muss für alle Leute mit Sinn für schönes Design!

▶ Es gibt eine barrierefreie Toilette im Kaufmannshaus, zu dem das Atelier F gehört.
Große Bleichen 31 (Neustadt); www.atelierf.eu

Portonovo
Ein Blick aus dem Fenster und dieser landet direkt auf der Außenalster. Mit ganz viel Fantasie kann man sich einbilden, man sei gerade in Italien und warte auf das Essen: Nudeln, Pizza, Fisch, Fleisch … alles steht hier zur Auswahl. Der Sonnenuntergang lässt sich sommers wie winters wunderbar genießen! Kurzurlaub für die Seele.

▶ Es gibt hier leider keine (große) barrierefreie Toilette, allerdings sind die Toiletten ebenerdig zugänglich. Für die einen gegebenenfalls passend, für andere wiederum nicht.
Alsterufer 2 (Rotherbaum); www.ristorante-portonovo.de

Tschebull
Seid nicht so naiv wie ich und geht da nicht ohne eine Reservierung hin; es ist nämlich oft ziemlich ausgebucht. Als ich dort endlich einen Tisch bekam, verstand ich, warum es spontan immer ausgebucht war: Gutes österreichisches Essen, sehr gute Weine und eine warme, gemütliche Atmosphäre. Ich habe als Letzte das Restaurant verlassen.

▶ Rollstuhltoilette befindet sich im Hotel Hyatt im gleichen Gebäude.
Mönckebergstraße 7 (Altstadt); www.tschebull.de

Chapeau
Wer im Chapeau essen geht, der sollte sich auf viele „Wow“-Momente einstellen. Dort ist, neben dem hervorragenden Essen, auch das Einrichtungsdesign sehr exklusiv und bis ins Detail ausgewählt. Man kann sich stundenlang umgucken und entdeckt auch dann noch neue Dinge. Sehr gut fürs erste Date geeignet – es entsteht keine Langeweile, selbst wenn das Gegenüber öde ist.

▶ Rollstuhltoilette ist vorhanden.
Moorfuhrtweg 10 (Winterhude); www.chapeau-restaurant.com

 

Cafés

Mutterland
Das Café eignet sich als zentraler Treffpunkt genauso wie für eine eine angenehme Wartezeit auf den nächsten Zug. Auch ist es ein guter Ort fürs Abendessen, bevor man ins Schauspielhaus oder in die Lange Reihe weiterzieht. Herrlich: der kleine Laden mit kulinarischen Geschenken (die man auch für sich selbst kaufen darf). Beim Herausgehen ist man sehr befriedigt. Und arm. Aber das macht nichts!

▶ Zahlreiche barrierefreie Toiletten befinden sich in der zentral gelegenen Umgebung.
Ernst-Merck-Straße 9 (St. Georg); www.mutterland.de

Café Leonar
Ich dachte immer, das Café sei eher etwas für intellektuelle, belesene, Fremdwörter benutzende Professoren. Bis ich dort eine Verabredung (na gut, nennen wir es „Date“) hatte und seitdem von dort nicht mehr wegzukriegen bin. Angenehme, friedliche Atmosphäre. Und hinterher fühlt man sich gleich so viel schlauer!

▶ Rollstuhltoilette ist nicht vorhanden.
Grindelhof 59 (Rotherbaum); www.cafeleonar.de

Entenwerder1
Noch bevor die Hamburger BloggerInnen diesen wunderbaren Ort entdeckt haben, saß ich da schon längst mit meiner kleinen Schwester und trank die Hauslimonade mit Ingwer und Gurke. Es ist nämlich das einzige Café in meiner Wohngegend – und es ist das allerschönste in ganz Hamburg. Mehr sag ich dazu nicht!

▶ Rollstuhltoilette ist nicht vorhanden.
Entenwerder 1 (Rothenburgsort), Telefon 70 29 35 88, Mo-Fr 11–20, Sa 10–22, So 10–18 Uhr

Koppel 66
Ich bin mindestens alle zehn Tage in der Koppel und inzwischen weiß jede/r Kellner/in wie ich meinen Kaffee trinke: Cappuccino, in einem Pappbecher (wegen des Gewichts) und mit einem Strohhalm. Ein Öko-Café in sehr cool. Dort fühle ich mich wohl und bekomme die besten Ideen!

▶ Rollstuhltoilette ist nicht vorhanden, aber eine Station weiter ist das George Hotel mit einer sehr großen Toilette.
Koppel 66 (St. Georg); www.koppel66.de

 

Clubs/ Bars

Uebel & Gefährlich
Konzerte und Partys jeglicher Musikrichtungen finden hier statt, meistens irgendetwas mit Elektro, was das Durchfeiern der Nächte angeht

▶ Rollstuhltoilette ist leider nicht vorhanden. Rausschwitzen!
Feldstraße 66 (St. Pauli), Telefon 31 79 36 10; www.uebelundgefaehrlich.com

Bar 1910
Für einen Moment habe ich vergessen, welches Jahr wir haben und wo ich bin. Der Pianist spielte „Happy Birthday“ und ich war so sehr in Gedanken verloren, dass ich vergessen habe, dass er womöglich für mich spielt … Das war an meinem ersten Abend in der Bar 1910 und seitdem bin ich sehr gern an diesem Ort. Die Inneneinrichtung ist aus den 20er Jahren und riecht nach einer intensiven Geschichte, während an der Bar meistens sehr interessante Persönlichkeiten verweilen.

▶ Rollstuhltoilette ist vorhanden.
Kirchenallee 34-36 (St. Georg); www.bar1910-hamburg.de

Mojo
Wer Funk, Soul, HipHop und tolle Menschen mag, der ist hier richtig. Etwas zu dunkel der Club, aber der Sound dafür umso besser. Ich bin gern hier!

▶ Rollstuhltoilette ist vorhanden.
Reeperbahn 1 (St. Pauli); www.mojo.de

/ Texte: Anastasia Umrik / Foto: Philipp Jung

 


Mehr Geschichten rund um das Thema Inklusion gibt es in unserem Special “Vielfalt leben”, das zusammen mit der Dezember-Ausgabe der SZENE HAMBURG erschienen ist. Hier geht’s zum PDF der ersten Ausgabe aus Juni 2017.

Können Menschen mit Behinderung Sex haben?

FAQ. Anastasia Umrik nimmt selten ein Blatt vor den Mund. Als Bloggerin schreibt sie über das Leben und kennt die Unsicherheiten, die manche Menschen haben, wenn sie die 30-Jährige das erste Mal sehen. „Dass ich im Rollstuhl schreibe, ist nur relevant, wenn man sich mit mir auf einen Kaffee treffen will“, sagt sie. Warum Political Correctness nervt und ob sie auch mit einem Bier intus noch Rollstuhl fahren darf, erzählt sie selbst.

Können Menschen mit Behinderung Sex haben?
Das ist wahrscheinlich die am häufigsten gestellte Frage. Und die Antwort ist recht simpel, aber ehrlich: JA! Je nach Behinderungsart besteht (vielleicht!) eine körperliche Einschränkung, die euch beide zum Umdenken bewegen wird, aber im Grunde genommen ist es wie bei jedem anderen Menschen auch: Wenn die Chemie stimmt, wenn die Anziehung vorhanden ist, dann steht einer körperlichen Annäherung nichts mehr im Wege. Einfach mutig sein und baggern, was das Zeug hält! Was hat man schon zu verlieren?

Wie sage ich einem Menschen mit sichtbarer Behinderung „Hallo“?
Vielleicht denkst du, dass es eine ziemlich „dumme“ Frage ist und schämst dich sogar dafür. Ich kann dich beruhigen: Sogar ich stelle sie mir manchmal, insbesondere wenn mir Menschen mit einer mir noch recht unbekannten Behinderung gegenüberstehen – zum Beispiel Blinde oder Menschen mit einer starken Sprachbehinderung. Nun, da muss man einfach durch. Handle so wie immer und strecke selbstbewusst deine Hand hin. Es ist in der Verantwortung des Menschen mit Behinderung, dir zu sagen, wenn du etwas anders machen sollst. Du kannst schließlich nicht alles wissen.

Dürfen Rollstuhlfahrer Alkohol trinken und dann auch noch fahren?
Na klar ..! Es gibt kein Gesetz, das offiziell das Trinken am „Rollstuhl-Steuer“ verbietet. Was du dabei beachten solltest? Pass auf deine Füße auf. Es kann nämlich sein, dass der/die RollstuhlfahrerIn dir aus Versehen im Suff drüberfährt. Aber wenn ihr gemeinsam einen Schnaps trinkt, dann lässt sich der Schmerz schnell vergessen. Prost!

Muss ich immer helfen / nett sein?
Möchtest du nett sein und helfen? Wenn deine Antwort „Ja.“ lautet, dann folge bitte auch weiterhin deinen Ansprüchen und Werten – die gute Erziehung deiner Eltern soll nicht umsonst gewesen sein. Lass dich nicht verunsichern, wenn irgendjemand deine Hilfe unhöflich abwehrt. Es ist nicht dein Problem, du bist lediglich deinem Instinkt gefolgt. Das Gleiche gilt, wenn deine Antwort „Nein.“ lautet. Wenn du siehst, dass der/die RollstuhlfahrerIn offensichtlich Hilfe braucht – bleib sitzen, tu so, als hättest du es nicht gesehen. Weil du es bei allen anderen Menschen auch so gemacht hättest. Wenn Inklusion, dann richtig! Oder?

Warum kenne ich keine Menschen mit Behinderung?
Tja … gute Frage! Es muss nicht zwingend deine alleinige Schuld sein. Vielleicht wohnst du in einer sehr stufenreichen Gegend oder die Orte, die du besuchst, sind im Keller? Vielleicht hattest du bisher aber auch einfach nicht die Gelegenheit, mit einem Menschen mit Behinderung zu sprechen oder hast sogar doofe Erfahrungen gemacht, als du in Kontakt treten wolltest? Es ist nicht wichtig, was bisher der Grund dafür war. Wichtig ist, dass es sich ab sofort ändert – wenn du es möchtest.

Was hab’ ich von der Inklusion?
Die Krux liegt darin, dass es gerade in Mode ist zu denken, die Inklusion sei etwas, das nur Menschen mit Behinderung betrifft. Stimmt aber gar nicht!
Inklusion betrifft alle – wirklich A L L E! Alte, Junge, Männer, Frauen, Dicke und Dünne, Schlaue und nicht so Schlaue, Weiße, Schwarze, Kleine und Große … und, na ja, eben auch die Menschen mit einer Behinderung. Findest du dich in einem der oben erwähnten Worte wieder?
Das hast du von der Inklusion!

Wie leben Menschen mit Behinderung? Wie kann ich mir das vorstellen?
In erster Linie sind Menschen mit Behinderung einfach nur „Menschen“, und Menschen sind sehr vielfältig. Sie hören unterschiedliche Musik, mögen unterschiedliches Essen, und sie leben sehr verschieden. Deren Jobs sind unterschiedlich, manche arbeiten gar nicht. Viele wohnen sehr selbstständig und selbstbewusst, einige trauen sich nicht in das echte Leben hinein. Einige sind eher impulsiv und laut, manche schüchtern und introvertiert. Nichts von deren Eigenschaften hat mit der Behinderung zu tun. Menschen halt – und Menschen sind manchmal auch seltsam.
Auf diese Frage gibt es leider nicht DIE Antwort. Weil es nicht DEN Menschen mit Behinderung gibt. Sorry.

Bin ich vielleicht auch behindert?
Ja, vielleicht.

Was mache ich, wenn ich mich in eine/n behinderte/n Mann / Frau verliebe?
Was gibt es Schöneres, als die Schmetterlinge im Bauch zu spüren, der erste Kuss, das Warten auf ein Wiedersehen ..? Hey, go for it! Und scheiß’ drauf, was andere sagen oder denken könnten!

Immer diese Political Correctness … nervt! Was darf man sagen, was nicht?
Ja, das kann ich verstehen. Mich nervt es auch ständig, aufpassen zu müssen, was und wie man denn nun sagen darf. Es gibt ein paar Regeln, die stehen auch im Knigge, wie man mit Menschen umgehen sollte; bleib einfach höflich, nett, und entspannt. Denk nicht zuuu viel nach beim Reden, es bremst nämlich den Redefluss. Sei du, sei durchschnittlich nett, und dann passt es schon!

/ Text: Anastasia Umrik

/ Foto: Philipp Jung

 


Mehr Geschichten rund um das Thema Inklusion gibt es in unserem Special „Vielfalt leben“, das zusammen mit der Dezember-Ausgabe der SZENE HAMBURG erschienen ist. Hier geht’s zur ersten Ausgabe aus Juni 2017.

Leben mit Assistenz: „Ich kann fast nichts allein“

Ein Leben ohne fremde Hilfe ist nicht möglich. Unsere Autorin Anastasia Umrik kennt das nicht anders. Und ist darum heute Arbeitgeberin: Mehr als 40 Frauen haben sie in den letzten zehn Jahren begleitet. Ab 1. Februar ist wieder eine Stelle frei.

Keine 08/15 Sache

Kurz vor meinem 21. Geburtstag, kurz vor dem Ende meiner Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau: Seit zwei Minuten fühle ich mich sehr erwachsen: Soeben bin ich in meine erste eigene Wohnung gezogen. YEAH! Der Hunger meldet sich und ich überlege kurz, wie noch mal die fremde Person in meiner Wohnung heißt. „Lisa?“, rufe ich den Namen meiner neuen Assistentin noch etwas unsicher. „Kannst du mir bitte die Pizza in den Ofen schieben?“ Ich kann das nämlich nicht allein. Ich kann fast nichts allein.

Zehn Jahre später: „Was ist gelb und weht im Wind?“, fragt die junge Frau, die bei mir als Assistentin arbeitet, und macht gerade den Wasserkocher an. „Weiß nicht …“, sage ich und grinse, ahnend dass es einer dieser Witze ist, bei dem man Augen rollend schmunzelt. „Eine Fahnaneee!!!“, sagt sie und lacht laut auf. Wir haben den gleichen Sinn für doofe Witze, uns beiden stehen Lachtränen in den Augen. Es klingelt an der Tür, der Postbote wahrscheinlich. Mein lautloses Handy blinkt ununterbrochen, der Wasserkocher ist fertig, die Musik dudelt im Wohnzimmer, ich erinnere mich an meine To-do-Liste … Der neue Tag hat begonnen, der Alltag hat mich wieder. Ich bewege mich Richtung Wohnzimmer und schließe die Tür – und erkläre meiner Assistentin nicht warum, was bei mir heute alles auf dem Zettel steht, und warum ich unsere morgendliche Unterhaltung so abrupt unterbrechen musste. Das muss sie nicht wissen, ich rufe sie, wenn ich ihre Hilfe benötige.

Keine 08/15-Managerin

In den zehn Jahren, in denen ich allein wohne, haben mich über vierzig verschiedene Frauen im Alltag unterstützt. Sie kommen aus den unterschiedlichsten Berufsbranchen: Studentinnen, Künstlerinnen, Wissenschaftlerinnen, Mütter. Sie sind mutig und wollen etwas Neues ausprobieren, sie suchen nach Sicherheit und gleichzeitig Flexibilität – beides kann ich ihnen bieten – und sind körperlich in der Lage, meine muskelschwachen Arme durch ihre zu ergänzen. Alle mich betreffenden Entscheidungen fälle ich selbst: Wie möchte ich meinen Tag gestalten? Wo? Mit wem? Was ist mir dabei wichtig? Lediglich das Warum erkläre ich selten. Hier habe ich für mich meine persönliche Grenze beschlossen.

Jede vermeintliche Kleinigkeit muss ich kommunizieren und sehr transparent mit meinen Bedürfnissen und Emotionen sein. Aus welchem Glas ich trinken und welchen Kugelschreiber in der Hand halten möchte. Wie das Essen gewürzt sein soll und ob die Kerzen auf dem Tisch angezündet werden sollen. Ich formuliere, wie ich die Wäsche gewaschen haben möchte, und sage sehr genau, auf welche Art und Weise die Fenster geputzt werden sollen. Durch die klare Kommunikation habe ich zu vielen Sachen auch eine klare Meinung, die musste ich mir allerdings einst erst bilden. Auch über meine emotionale Verfassung spreche ich meistens sehr offen, um keine Missverständnisse entstehen zu lassen: „Ich möchte heute lieber allein sein, eine geschlossene Tür wäre mir lieb.“

Professionalität, Grenzen und gleichzeitig herzliche Offenheit war für mich von Anfang an ein großes Thema. Wie nah darf oder möchte ich meine Assistentinnen an mich heranlassen und wie viel möchte ich aus deren Leben überhaupt wissen? Ich mag alle Menschen, die ich meine Wohnung betreten lasse, und ich verquatsche mich unheimlich gern mit ihnen. Meine Assistentinnen sind eine Inspirationsquelle für mich. Durch die unterschiedlichsten Lebensweisen und Altersklassen nehme ich sehr viel mit, erfahre über neue Welten und habe dann das Gefühl, selbst ein Stück von ihrem Alltag gelebt zu haben. Bei all dem großartigen Austausch darf ich nicht vergessen, dass mein eigenes Leben, gefüllt mit vielen tollen Freunden, einem sehr spannenden Beruf und einer viel zu kurz kommenden Freizeit, weiterhin gelebt und erfahren werden will.

Das Leben mit Assistenz gleicht einer Unternehmensführung. Und zum Chefsein gehören klare Kommunikation und Grenzen, aber auch das Können, den Mitarbeiter*innen zuzuhören und sie ernst zu nehmen. Ach, und die Einsatzpläne wollen erstellt, die Abrechnungen gemacht und das Geld überwiesen werden.

Das Modell der persönlichen Assistenz ist für mich die größte Freiheit, die ich mir jemals hätte erträumen können. Ich reise, ich gehe aus, ich arbeite, ich treffe Freunde, ich führe meinen Haushalt und kann meine ganz persönlichen Gewohnheiten ausleben. Mir begegnen hier Menschen, die hätte ich in einem Leben ohne Assistenz niemals getroffen, nie hätte ich diese Dinge gelernt und erfahren, die ich hier – einfach so – hören darf.

Kein 08/15-Job

Wie jeder Job hat auch dieser Vor- und Nachteile. Das Besondere bei diesem Job ist die Gelegenheit, etwas Sinnvolles für Geld zu tun, einen Einblick in ein neues Lebenskonzept zu bekommen und durch die finanzielle Sicherheit mehr Zeit für die Verwirklichung der eigenen Projekte zu haben. Hier lernen alle Beteiligten in erster Linie etwas über sich und ihre Grenzen, aber auch über die Kommunikation und die 1:1-Zusammenarbeit.
Für mich arbeiten immer fünf bis sieben Assistentinnen gleichzeitig in wechselnden Schichten. Eine normale Schicht beginnt gegen Mittag und dauert in der Regel 24 Stunden. Die Aufgabe der Assistenz: Sie muss in dieser Zeit mein verlängerter Arm sein. Es ist nicht leicht, denn es erfordert ein Höchstmaß an emotionaler Flexibilität. Ob ich zu Hause bleibe oder viel auf dem Programm steht, bei guter oder schlechter Laune, unabhängig vom Wetter und eigenen Bedürfnissen: Bestimmte Dinge müssen gemacht werden. Die aktive Teilnahme an Diskussionen oder Events ist für die Assistentin nicht möglich, denn sie ist lediglich ein Schatten, der immer in die Sichtbarkeit rückt, wenn er gebraucht wird.

Als ich Ewgenia frage, was ihr die Arbeit mit mir bedeutet, überlegt sie nicht lang: „Für mich liegt die Herausforderung dieser Arbeit darin, mich, meine Befindlichkeiten, Meinungen, und Vorstellungen selbst zurückzustellen und dabei trotzdem authentisch zu bleiben. Und das ist gleichzeitig auch das Schönste – nicht die hohe Sicherheit der Anstellung, die hohe Flexibilität und genug Zeit für Eigenes, sondern genau diese Balance, die es erlaubt, dass zwischen uns eine besondere Kommunikation entsteht. Sie gibt mir das Gefühl, ein Teil von etwas Größerem zu sein und wirklich zu helfen.“ Seit fast drei Jahren ist sie nun schon bei mir. Ob wir Freundinnen seien, werde ich oft gefragt. Darüber müssen wir beide immer schmunzeln, weil wir inzwischen ein gutes Team miteinander sind, viele Dinge funktionieren wortlos über Augenkontakt, sodass wir synchron nebeneinander wirken.

Ich lehne das Prinzip „Freundschaft“ nicht partout ab. Natürlich ist es von Vorteil, wenn man sich mag, wenn man über die gleichen Dinge lacht und ähnliche politische Ansichten hat. Auch der ähnliche Stil ist nicht unwichtig, schließlich begleiten mich die Assistentinnen den ganzen Tag. Dennoch darf die Freundschaft nicht die Priorität sein, wenn man den Arbeitsvertrag unterschreibt. Es ist in erster Linie ein Arbeitsverhältnis, das Ziel ist klar: Die Absicherung unserer beider Leben. Es ist wie mit der Liebe: Es ist wie es ist, manchmal entstehen Dinge und Gefühle, dagegen sollte man sich nicht sträuben, finde ich.

Ab 1. Februar ist wieder eine Stelle frei. Bewerbungen an info@anastasia-umrik.de

Text: Anastasia Umrik / Foto: Philipp Jung

 


Mehr Geschichten rund um das Thema Inklusion gibt es in unserem Special „Vielfalt leben“, das zusammen mit der Dezember-Ausgabe der SZENE HAMBURG erschienen ist. Hier geht’s zum PDF der aktuellen Ausgabe.