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Experteninterview: „Angst ist evolutionär sinnvoll“

Warum uns das Coronavirus so verängstigt, Fakten nicht immer dagegen helfen und dennoch notwendig sind, erklärt die Psychologin Prof. Dr. Tania Lincoln

Text: Ulrich Thiele

 

SZENE HAMBURG: Frau Lincoln, wie geht es Ihnen?

Tania Lincoln: Ich bin relativ gelassen. Aber ganz angstfrei bin ich auch nicht. Eine Gefahr ist nicht zu leugnen, deswegen halte ich eine gewisse Ängstlichkeit oder Vorsicht für durchaus angemessen.

Bei vielen ist die Angst deutlich ausgeprägter. Warum jagt uns das Virus so viel mehr Angst ein als beispielsweise die Grippe?

Naja, wir haben es hier mit etwas Unbekanntem zu tun, was Gefühle der Ohnmacht und der Kontrolllosigkeit auslöst. Darin liegt auch der Unterschied zur Grippe: Sie hat ebenfalls viele Todesopfer gefordert. Aber die Grippe kommt jedes Jahr wieder und ist vorhersehbar. Beim Coronavirus wissen wir noch nicht, ob unser System damit zurechtkommt. Und natürlich hat sich unsere Aufmerksamkeit sehr stark auf das Thema verschoben. Durch die Omnipräsenz werden die Ängste verstärkt.

Berichten die Medien zu viel?

Es ist wichtig, dass das Thema präsent ist, weil wir es ernst nehmen müssen. Diese Botschaften stoßen aber natürlich auf Menschen, die sie unterschiedlich aufnehmen. Wie stark Menschen zur Ängstlichkeit neigen, ist sehr unterschiedlich. Es gibt diejenigen, die alles verdrängen und verleugnen – diese Leute können nicht häufig genug an die Ernsthaftigkeit der Situation erinnert werden. Und dann gibt es die extrem Ängstlichen, bei denen weniger und vor allem beruhigende Informationen angebracht wären. Das ist aber keine Kritik an den Medien, so etwas kann eben nicht individuell abgestimmt werden.

Tania Lincoln leitet den Arbeitsbereich Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Uni Hamburg. Bild: : UHH, RRZ-MCC, MENTZ

Was können die Medien tun?

Es hilft, wenn Informationen stärker kontextualisiert werden. Diese Ticker-Meldungen, die jeden einzelnen Krankheitsfall und Todesfall melden, tragen eher dazu bei, dass die Gefahr noch höher eingeschätzt wird, als sie ohnehin schon ist.

Wann werden die Ängste irrational?

Irrational wird es, wenn sich die Ängste von den Tatsachen lösen. Ein Beispiel: Wir wissen, dass nur ein kleiner Prozentsatz der Infizierten stirbt. Wenn man sich aber schon auf dem Sterbebett sieht, steht die Angst in keinem Verhältnis mehr zur realen Wahrscheinlichkeit. Dasselbe gilt auch für die Einschätzung der Ansteckungsgefahr: In Hamburg sind rund 80 Infizierte registriert (Stand 12.03., Anm. d. Red.) – es wäre also unangemessen, bei jedem Menschen, dem man begegnet und der vielleicht hüstelt, zu glauben, dass er einen ansteckt.

Andererseits: Wenn sich wirklich 50 bis 60 Prozent mit dem Virus infizieren sollten und ein bis zwei Prozent daran sterben, kann das zu mindestens einer halben Million Toten in Deutschland führen. Das ist doch beängstigend, oder?

Genau. Deswegen finde ich auch, dass eine gewisse Sorge und Unruhe nicht irrational ist. Es ist sogar evolutionär sinnvoll, dass so ein Virus, das sich schnell ausbreitet, uns Angst einjagt. Denn das kann der Anstoß sein, unser Verhalten zu ändern, vorsichtiger zu werden. Erst wenn die Angst zu sinnlosem Verhalten führt, ist sie irrational – zum Beispiel ständiges Desinfizieren der Hände im Minutentakt.

Oft helfen Fakten nicht gegen Ängste. Wenn jemand Flugangst hat, kann man ihm noch so o sagen, dass es statistisch gesehen realistischer ist, bei einem Verkehrsunfall zu sterben. Er wird sich an die Angst klammern, zu den wenigen Betroffenen gehören zu können. Warum ist das so?

Wir sind als Menschen insgesamt nicht gut darin, Wahrscheinlichkeiten richtig einzuschätzen. Sie sind abstrakte Größen. Eine Sterberate von ein bis zwei Prozent ist einerseits wenig, es könnte uns aber trotzdem treffen, deswegen können wir diese Zahl so schwer verarbeiten. Hinzu kommt, dass Ereignisse, die bei uns besonders starke Emotionen auslösen, dazu führen, dass wir die Wahrscheinlichkeit überschätzen. Flugzeugabstürze lösen mehr Angst aus als Verkehrsunfälle, weil sie mit einem stärkeren Ausmaß an Unkontrollierbarkeit und Hilflosigkeit assoziiert werden. Bei Verkehrsunfällen unterliegen wir dem Irrglauben, wir hätten doch noch eine gewisse Kontrolle oder der Airbag würde uns schützen. Und natürlich wird über Flugzeugabstürze auch viel prominenter berichtet, was die Ängste fördert.

Das ist wie mit den Appellen, man solle keine Panik haben. Die Angesprochenen hören das Wort „Panik“ und werden beunruhigt.

Das stimmt, bloße Appelle helfen wenig weiter. Eine Orientierung an Fakten ist da besser, hilft einem, übertriebene Befürchtungen zu korrigieren und die Angst abzumildern. Hilfreich ist es auch, wenn man sieht, dass andere Menschen ruhig und besonnen reagieren.

 

Hamsterkäufe sind irrational und unsolidarisch

 

Was hat es psychologisch betrachtet mit den Hamsterkäufen auf sich? Ein Versuch, das Gefühl der Kontrolle zurückzugewinnen?

Ich habe vor allem den Eindruck, dass die Hamsterkäufe einen Aufschauklungsprozess ausgelöst haben. Wenn man mitbekommt, dass andere die Regale leerkaufen, dann entsteht die Angst, man könnte selbst leer ausgehen. Wie bei den Finanzkrisen, als die Leute anfingen, ihr gesamtes Geld vom Konto abzuheben. Für den Einzelnen mag das letztlich auch nicht irrational sein – man will nicht derjenige sein, der nichts kriegt. Als Kollektiv ist es aber irrational. Das Problem wäre am besten dadurch zu lösen, dass keiner erst anfängt, zu hamstern.

Es gibt aber Empfehlungen, sich Vorräte anzuschaffen …

Es gibt sowieso Empfehlungen vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, immer Lebensmittelvorräte für zehn Tage zu Hause zu haben. Insofern finde ich den Begriff „Hamsterkäufe“ auch ein bisschen abwertend. Wenn Menschen jetzt ihre Vorräte leicht aufstocken angesichts einer drohenden Quarantäne oder auch, um nicht so oft in den Laden zu müssen, ist das nicht unvernünftig. Es ist aber irrational, haufenweise die Supermärkte leerzukaufen. Und viel wichtiger: Es ist unsolidarisch.

Stichwort Solidarität: Manche befürchten, dass sich eine Ellenbogenmentalität Bahn bricht, andere hoffen, dass die Epidemie das Gute, die Solidarität in den Menschen herausholt. Was glauben Sie?

Beides ist möglich. Das Hamstern ist ein gutes Beispiel: Wenn wir alle besonnen reagieren, besteht eher die Chance einer größeren Solidarität. Viel- leicht hilft es auch, sich anzusehen, wie es bisher in anderen Ländern gelaufen ist. Dort gab es keine Lebensmittelengpässe. Eine Angst davor ist nach den bisherigen Kenntnissen also unbegründet.

Sie plädieren also insgesamt für eine Mittelposition zwischen Angst und Gelassenheit?

Absolut, die Mittelposition halte ich für die gesündeste. Die Überängstlichen können der Gesellschaft schaden, indem sie kollektive Hamsterkäufe in Gang bringen. Oder indem sie Desinfektionsmittel bunkern, die dann anderswo fehlen. Sie schaden auch sich selbst, weil eine permanente Anspannung und Panik das Immunsystem schwächen. Aber diejenigen, die alles bagatellisieren, sind auch ein Problem. Der iranische Gesundheitsminister hat zum Beispiel bagatellisiert, während er bereits erkrankt war und hat somit zur Verbreitung des Virus beigetragen. Insofern ist eine wohl temperierte Angst, die dazu führt, die gebotenen Maßnahmen auch zu ergreifen, hilfreich – regelmäßig die Hände zu waschen zum Beispiel.

 

„Humor ist immer hilfreich“

 

Sind Sie von dem Ausmaß überrascht? Als das Virus vor allem in China war, haben wohl nur wenige mit dem jetzigen globalen Ausmaß gerechnet.

Wir wissen aus psychologischer Forschung: Je weiter etwas weg ist, desto weniger Angst bereitet es einem und desto weniger drängt es einen zum Handeln. Ganz besonders gut kann man das am Beispiel Klimaschutz beobachten: Wir wissen rational um die Gefahren, trotzdem sind wir nicht bereit, auf unsere Flüge zu verzichten. Wenn die Gefahr näher rückt, in unser Land, in unsere Stadt, dann ändert sich das sehr schnell.

Haben Sie das Virus von Anfang an richtig eingeschätzt?

Nee, ich bin ja auch ein Mensch. Wir Menschen nehmen Gefahren erst richtig wahr, wenn sie vor unserer Tür sind – Psychologen sind da keine Ausnahme.

Wie sollte man mit Kindern darüber reden?

Das hängt vom Alter der Kinder ab. Bei jüngeren Kindern ist es wichtig, selbst Ruhe auszustrahlen und zu vermitteln, dass man Kontrolle über die Situation hat, dass sie sich keine Sorgen machen müssen und auch zu erklären, wie sie sich verhalten sollen. Bei älteren Kindern und Jugendlichen kann man sich gemeinsam mit den Fakten und Zahlen auseinandersetzen und auch offener über eigene Ängste und Unsicherheiten sprechen.

Die Satire-Website „Der Postillon“ hat einen Artikel veröffentlicht: „Um nicht mit Coronavirus in Verbindung gebracht zu werden: Mexikanische Biermarke in ‚Ebola‘ umbenannt“. Sollte man über Corona lachen?

(lacht) Humor ist immer hilfreich. Nicht mehr auf Distanz gehen zu können, kennzeichnet das Überängstliche. Wir lösen das Problem nicht, indem wir keine Witze machen. Witze schaden auch nicht, im Gegenteil: Sie helfen, eine gewisse Distanz einzunehmen – und das ist hilfreich.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2020. Das Magazin ist seit dem 28. März 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Lara: Neuer Film von Jan-Ole Gersters

Lange sieben Jahre nach seinem gefeierten Debüt „Oh Boy“ kommt Jan-Ole Gersters zweiter Film ins Kino: „Lara“, mit einer fantastischen Corinna Harfouch in der Hauptrolle. Das Warten hat sich gelohnt

Text und Interview: Bettina Aust, Christian Aust

 

Vor sieben Jahren eroberte Jan-Ole Gerster mit seinem schwarz-weißen Debütfilm „Oh Boy“ und Tom Schilling in der Hauptrolle sämtliche Herzen, die des Publikums, der Kritiker und der Jurys diverser nationaler und internationaler Festivals. Man wollte sofort den nächsten Gerster-Film sehen, musste sich dann aber in unendlicher Geduld üben. Jetzt ist er endlich fertig und heißt „Lara“.

Dabei seufzt man innerlich immer wieder „Oh Lara“. Denn Antiheldin Lara Jenkin (Corinna Harfouch) macht sich das Leben unnötig schwer. Ihr sechzigster Geburtstag steht an. Nur will den niemand mit ihr feiern. Selbst den verliebten Nachbarn vergrault sie mit ihrem ätzenden Zynismus.

Die Ursache für ihre fortgeschrittene emotionale Verwahrlosung gründet in einem Jugendtrauma. Ein Klavierlehrer bescheinigt seiner eifrigen Schülerin Talentlosigkeit. Sie verwirft ihren Traum von einer Karriere als Pianistin und arbeitet als leitende Beamtin bei der Stadtverwaltung.

 

Teil der Gesellschaft

 

In einem Akt der Verzweiflung hebt Lara nun ihr Guthaben vom Konto ab und kauft sämtliche Restkarten für ein Konzert ihres Sohnes (Tom Schilling), um sie an irritierte Ex-Kolleginnen und Fremde zu verschenken. Freunde hatte sie nie, bei der Arbeit wurde sie eher gehasst als respektiert. Auch das Mutter-Sohn-Verhältnis ist eine Katastrophe. Schließlich hat sie den virtuosen Pianisten, der an diesem Abend sogar sein Debüt als Komponist feiern will, jahrelang mit ihrer sezierenden Kritik gemartert. Hat er doch gewagt, wozu seine Mutter nie den Mut hatte.

„Lara“ ist eine feierliche Hommage an Corinna Harfouch. Ähnlich wie Michael Haneke seine Muse Isabel Huppert, lässt Haneke-Fan Jan-Ole Gerster ihr hier in jeder Szene den Raum zu strahlen, immer wieder auch wunderbar schräg, und findet dafür auch noch extrem stylishe Bilder. Da wirkt selbst eine trostlose Neubausiedlung hip.

Wie in „Oh Boy“ scheitert hier ein Mensch bei dem Versuch, sich in die Gesellschaft einzugliedern, trotzdem glücklich zu werden – und an den eigenen Erwartungen. Der zeitliche Rahmen sind wieder die 24 Stunden eines Tages, Ort ist wieder Berlin. Doch die Zutaten Komik und Tragik sind in anderen Mengenverhältnissen dosiert. Der lässige Witz des Vorgängers ist immer mit der Schwere der Verzweiflung durchwirkt. Ein reiferer Jan-Ole Gerster betritt auch mit seinem zweiten Film Neuland: das Schauspielerinnen-Kino – ein Genre, das in Deutschland unterrepräsentiert ist. Und allein wegen Corinna Harfouch hat sich das Warten gelohnt.

 

 

SZENE HAMBURG: Jan­-Ole, Lara wird von ihrem Klavierlehrer der­artig entmutigt, dass sie ihre ganze Karriere hin­schmeißt. Wenn du so gestrickt gewesen wärst, dann wärst du nicht weit gekommen: Es heißt, du hast dich vierzig Mal bei der Produktions­ firma X­-Filme beworben?

Jan-Ole Gerster: Ich weiß nicht, ob es vierzig Mal waren. Aber es stimmt, ich hatte eine gewisse Hartnäckigkeit. Ich bin in der Provinz groß geworden, hatte den dringenden Wunsch, beim Film zu arbeiten und fand, dass die Firma X-Filme zu dem Zeitpunkt die interessantesten deutschen Filme produzierte. Die war damals der heiße Scheiß mit Filmen wie „Das Leben ist eine Baustelle“, „Absolute Giganten“ oder „Lola rennt“.

Ich habe mich dann als Praktikant beworben, aber natürlich erst mal nichts von denen gehört. Trotzdem habe ich immer wieder dort angerufen. Die waren sich zwischenzeitlich nicht sicher, ob ich ein bisschen irre bin oder wirklich nur den Job wollte. Schließlich durfte ich irgendwann zum Gespräch vorbeikommen und hatte kurz darauf mein Praktikum. Später wurde ich Assistent von Wolfgang Becker, einem der Gründer von X-Filme, und habe die Entstehung von „Good- bye, Lenin!“ begleitet. So fing alles an.

Mit „Lara“ hast du ein Drehbuch verfilmt, das du nicht selbst geschrieben hast. Was hat dich an diesem Stoff vor allem berührt?

Das Drehbuch hatte eine große Wirkung auf mich. Lara ist eine sechzigjährige Frau, hat einen erwachsenen Sohn hat und liebt klassische Musik. Die Gemeinsamkeiten waren erst mal nicht so augenscheinlich. Und trotzdem gab es irgendetwas in der Geschichte, das mich betraf. Das hat sicher damit zu tun, dass ich Leute mit einer großen Leidenschaft interessant finde. Und ich finde es sehr tragisch, wenn diese Leidenschaft nicht gelebt werden kann. Das ist wie eine unerwiderte Liebe

Inwiefern kennst du dieses Gefühl?

Es geht um Zweifel und die permanente Angst, deinen eigenen Absolutheitsansprüchen nicht zu genügen. Mit diesem Thema haben viele Menschen in künstlerischen Prozessen zu tun. Ich hatte diese Zweifel vor allem als Filmstudent. Man hat das natürlich nie ausgesprochen, wusste aber, dass, wenn der Debütfilm nicht einschlägt, es schwer sein würde, weiterzumachen.

Ich habe mich gefragt: Was passiert, wenn ich scheitern werde? Dann würde das Kino, das ich so sehr liebe, plötzlich zu einer schlechten Erfahrung werden. Und ich würde zum Zaungast meiner eigenen Leidenschaft werden. In Laras Figur habe ich all diese Ängste und Zweifel wiedererkannt. Bei ihr haben sie dazu geführt, dass sie ihren Traum aufgibt und Platz macht für andere. An diesem Punkt war ich auch.

 

„Grausamer als zu scheitern ist es, es gar nicht probiert zu haben“

 

Und warum hast du dann trotzdem weitergemacht?

Weil ich fand, dass eine Sache noch grausamer ist als zu scheitern: nämlich die, es gar nicht erst probiert zu haben. Das wollte ich mir ersparen, dass ich irgendwann wie Lara auf mein Leben zurückblicke und mich frage: Warum habe ich das eigentlich nicht gemacht? Warum habe ich es nicht wenigstens probiert? Und dann habe ich mich eines Besseren besonnen und brav meinen Abschlussfilm gedreht.

Und dieser Film, „Oh Boy“, wurde gleich ein richtiger Hit. Hast du trotz­dem noch Zweifel an deinen Fähig­keiten als Regisseur?

Es ist wichtig, dass es so ist. Ich bin zum Glück weit davon entfernt, routiniert zu sein. Ich habe zwei Filme gedreht und frage mich jetzt, kriege ich auch einen dritten hin – und wird er gut oder bestenfalls brillant sein? Man muss sich immer fragen, wo ist die Herausforderung? Was ist der Kern,
zu dem man vordringen will, auch erzählerisch? Welche Angst gilt es zu überwinden? Ich will nicht einer dieser Regisseure werden, die am Set immer und immer wieder das gleiche Ding durchziehen. Dafür ist mir das Filmemachen zu heilig.

Die Fans von „Oh Boy“ hatten gehofft, dass du gleich mit dem nächsten Knaller nachlegst. Warum hat es dann doch sieben Jahre gedauert?

Mir war es wichtig, dass ich sicherstelle, dass der zweite Film nach meinen Bedingungen gedreht werden kann. Und ich nicht als „Auftragsregisseur“ von einem Projekt zum nächsten springe und gar nicht so genau weiß, warum ich diese Filme mache.

Ich versuche, irgendetwas zu finden, mit dem ich etwas von mir zeigen kann. Mit „Oh Boy“ war es so, dass er mich fast zwei Jahre in Schach gehalten hat. Nach etlichen Festivals und Auslandsstarts kam ich irgendwann im Sommer 2014 mit einem regelrechten „Oh Boy“-Kater nach Hause und war, ehrlich gesagt, von dieser Aufmerksamkeit ein bisschen erschlagen.

Stimmt es tatsächlich, dass dich ein Lob von Regisseur Michael Haneke etwas blockiert hat?

Michael Haneke hat mir sehr überraschend ein schönes Kompliment gemacht. Das war ein absolutes Highlight – fast wie eine Audienz beim Papst. Seine E-Mail endete mit den Worten: „Ich freue mich auf Ihren nächsten Film.“ Dieser Satz hing die ganze Zeit über mir. Oh Gott, Haneke guckt sich meinen nächsten Film an – wahrscheinlich hatte er unsere kurze Korrespondenz zwischenzeitlich schon wieder längst vergessen, aber ich habe ihn Anfang des Jahres bei einer Buchpräsentation getroffen und ihm erzählt, dass er für meine jahrelange Blockade verantwortlich sei.

Da hat er gelacht und gesagt, dass ich nicht so lange warten soll. Ich habe das nie so gesehen, aber jetzt erkenne ich darin fast eine Parallele zu Laras Begegnung mit ihrem ehemaligen Professor. Erstaunlich, wie viel Gewicht diese beiläufig gesagten Sätze haben können.

Wie weit hat Hanekes Arbeit dich da­rüber hinaus inspiriert?

Ich will eigentlich gar nicht so gern darüber reden, da Haneke einer der ganz Großen des Kinos ist. Davon bin ich Lichtjahre entfernt. Aber natürlich bin ich ein großer Fan. Dass mein Film nun oberflächlich ein, zwei Ähnlichkeiten zu „Die Klavierspielerin“ aufweist, ist allerdings ein Zufall.

Beide Hauptfiguren sind in einem ähnlichen Alter und bewegen sich in der Welt der klassischen Musik. Ich habe stets den Anspruch originell zu sein, aber diese Parallele hat mich tatsächlich nicht weiter gestört. Dafür finde ich beide Filme eigenständig und unterschiedlich genug. Hanekes Film ist ein Meisterwerk – meiner ist auch nicht schlecht.

Lara: Regie: Jan-Ole Gerster. Corinna Harfouch, Tom Schilling, André Jung. ab 7.11. in den Kinos


szene-hamburg-november-2019Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, November 2019. Titelthema: Sexualität. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Thees Uhlmann: „Schöne Kunst kommt aus dem Zweifel“

Nach dem Roman ist vor dem Album: Thees Uhlmanns neue Platte „Junkies und Scientologen“ erscheint am 20. September

Interview: Erik Brandt-Höge
Fotos: Andreas Hornoff

 

Die Songs heißen „Fünf Jahre nicht gesungen“, „Avicii“, „Was wird aus Hannover“ und „Katy Grayson Perry“. Der Sänger heißt Thees Uhlmann, Ex-Tomte-Frontmann, Bestseller-Autor und Wahlberliner mit Hamburg im Herzen. Ein Gespräch über Fan-Liebe und Selbstekel, große Grübelei und die Wichtigkeit von Angst.

SZENE HAMBURG: Thees Uhlmann, wer singt derzeit am schönsten, weil am härtesten über Liebe?

Thees Uhlmann: Zurzeit ist das, meiner Meinung nach, Billie Eilish. Sie kam aus dem Nichts, machte einfach wundervolle Musik und wurde damit wahnsinnig schnell zum Superstar. Sie singt den Soundtrack für den Gymnasiastenschulhof, vor allem für die fünfte bis zehnte Klasse. Eilishs Texte haben so eine schöne Dunkelheit. Ich glaube, sie können das Leben junger Menschen nachhaltig verändern.

Inwiefern?

Die Texte sagen: Du bist in Ordnung! Deine Gefühle sind in Ordnung! Wenn jemand was anderes sagt, weiche ihm aus!

Du sagtest schon zu Beginn deiner Karriere, du würdest immer versuchen wollen, so hart über Liebe zu singen, wie möglich. Hat sich an diesem Ziel mit der Zeit etwas verändert? 

Überhaupt nichts. Einzig für dieses neue Album hat sich eine Herangehensweise ans Schreiben verändert. Meine Idee war anfänglich: Um 8.10 Uhr, wenn meine Tochter in der Schule ist, habe ich eine gute Idee und bis 11 Uhr einen Song daraus gemacht. Ich wollte dieses Mal über Spontanität gehen, zack, zack, zack.

Und?

Ist nichts draus geworden. Es hat sechs Jahre gedauert, bis ich ein Album zusammen hatte. Ich habe ein fast fertiges Album weggeschmissen, ein ganzes Jahr nachgedacht und dann neu angefangen. Das war hart und tat weh. Ist wohl meine Art der Tätowierung …

… die beim Publikum ankommt, dein Gesang über Liebe kommt immer lauter zurück. Neben deiner Musik wurde auch dein 2015 erschienener Roman „Sophia, der Tod und ich“ von der breiten Masse sehr gemocht. Was macht so viel Liebe mit dir?

(überlegt lange) Ich glaube, nichts. Ein Großteil der Leute, die mich liebhaben, scheißt sich nichts, wie man auf Österreichisch sagen würde.

Was meinst du damit?

Die Leute sagen sich halt: Bei einem Thees-Uhlmann-Konzert wird keine Karriere geplant, der Typ singt einfach nur über das, was in seinem Kopf vor sich geht. Das entspannt sie und zieht sie gleichzeitig in eben diese Liebe zu meiner Musik.

 

 

Klingt nach Fan-­Zuneigung als Zufalls­produkt.

Ach, ich habe auch schon mal versucht, eine richtige Single zu schreiben.

Deiner Meinung nach mit Erfolg?

Nein, es war grauenvoll! Das Grauenvollste, was ich jemals gemacht habe. Ich habe es geschrieben, am nächsten Tag durchgelesen, und es hat mich fast umgehauen, wie schlecht das war. Da habe ich echt künstlerischen Selbstekel entwickelt.

Gab es weitere Single­-Versuche?

Nee, das mit der Single habe ich aufgegeben. Ich singe einfach, was ich will, nämlich über kleine und große Beobachtungen.

Das erste Stück auf deinem neuen Al­bum hat den Titel „Fünf Jahre nicht ge­sungen“, hätte aber auch heißen kön­nen: „Zwei Jahre nicht gesungen“. An­geblich hattest du schon 2016 das ange­sprochene fertige Album.

Richtig. Allerdings ist mir die Platte in meinen Händen zerronnen. Als Künstler hat man ja ziemlich schnell eine Ahnung, wenn etwas nicht so richtig gut ist, und mir hat das damals nicht gefallen, deshalb ist es nicht erschienen. Mein Umfeld hat das verstanden, ich durfte noch mal von vorne anfangen.

Dazu muss man sagen, dass es ein ganz schön großes finanzielles Unterfangen ist, wenn ich sage, dass es in dem Jahr noch nichts mit einer neuen Platte wird – und in dem darauf auch nicht.

Was genau hat dich an der ersten Albumversion gestört?

Da muss ich etwas ausholen. Ich mache Kunst nicht alleine. Ich mag es, wenn mich Freunde beraten, und jemand meinte vor dem Schreiben der ersten Songs zu mir: „Komm, mach mal wieder so Tomte-mäßige Texte!“ Also habe ich es probiert – und es hat überhaupt nicht funktioniert. Im Unterstrom kam dann das Nachdenken über einen riesigen Komplex.

Welchen Komplex?

Ich erzähle mal die Kurzversion: Ich bin 1974 geboren, habe 1986 angefangen, zu denken. 1989 ging die Mauer auf, kurz danach kamen Grunge und Riot Grrrl. Dann wurde Europa größer und Obama gewählt. Als er Präsident wurde, war das ein in meinen Augen riesiger Hoffnungsschimmer für die Welt – und dann gab es plötzlich Trump, Brexit und AfD, und ich dachte: Das kann doch nicht angehen!

 

„Ich habe meine Sprache härter gemacht“

 

Wie hast du das alles verarbeitet?

Das Erste bei Trump war, dass meine Tochter mich gefragt hat, wie so jemand gewählt werden konnte. Also ein Mensch, der sich komplett gegen ihre und meine Erziehungsrichtlinien richtet: Anstand, Moral, alle Menschen erst mal gleich. Erklär das mal einer Siebenjährigen: Trump, gewählt von Frauen, von Männern, nach Nirvana, nach der Maueröffnung und nach 150 Jahren Philosophie. Ich habe konstant jede Sekunde darüber nachgedacht. Am Ende ging das Schreiben einer Tomte-mäßigen Platte einfach nicht mehr.

Und dann?

Ich habe meine Sprache verlängert, direkter und irgendwie härter gemacht. Sodass diese Aufruhr, diese Unrast in mir irgendwie kanalisiert und wiedergegeben werden konnte.

Du bist also distanzloser geworden?

Ich kann verstehen, dass man das so empfindet, aber ich kann mein Schreiben selbst nicht erklären. Ich kann nur sagen, dass ich die Songs, wie sie jetzt sind, super finde. Mehr Leute sollten singen, was ich gerade singe (lacht). Oder zumindest so lange nachdenken, wie ich.

Eine Formel, die für die neue Songsammlung gelten kann, ist: Aus Klein mach Groß, aus Groß mach Klein. Etwa singst du, das Leben sei kein Highway, sondern die B73 …

… was eine der letzten Zeilen war, die wir im Studio für die Platte geschrieben haben, und danach hat es richtig Fäuste gehagelt vor Freude. Ich meine: Wir sind im Instagram-Zeitalter, die Leute fotografieren ihr beschissenes Essen und schreiben darunter 20 Hashtags, warum das geil ist. Die armen Gerichte!

Es suggeriert ein gutes Leben und die Bitte, das alles genauso zu machen. Aber: So ist das Leben nicht. Das Leben ist kein Highway, es ist die B73. Alles andere ist eine Lüge.

 

„Schöne Kunst kommt immer aus dem Zweifel“

 

Auffällig ist auch, dass es gleich zwei Songs auf dem Album über Angst gibt: „Danke für die Angst“ und „Menschen ohne Angst wissen nicht, wie man singt“. Ist es einfach passiert, dass dieses Thema so präsent ist?

Ja, ist einfach passiert. Für „Danke für die Angst“ hatte ich Lust, über Stephen King zu schreiben, weil er mir wahnsinnig viel bedeutet. Meine Tochter hat keine Angst mehr vor Monstern. Sie hat Angst vor anderen Sachen, ja, und ich weiß noch nicht so genau, wovor, darüber denke ich noch nach.

Ich dagegen hatte als Kind panische Angst vor Monstern. Ich habe Stephen King gelesen und „Twin Peaks“ auf VHS-Kassetten geguckt, und ich habe Angst bekommen, dass fortan irgendwas hinter mir ist.

Und was steckt hinter „Menschen ohne Angst“? 

Da wollte ich über diese Herrenmenschenscheiße schreiben, die viele zurzeit so toll finden, auch viele Künstler. Immer, wenn ein Sänger das Wort loyal in den Mund nimmt, bekomme ich eine Gänsehaut. Ich meine: Du kannst doch keine nachhaltige Kunst erschaffen, wenn du ständig darüber singst, dass du keine Angst hast und alle immer zusammenstehen. Das ist nämlich Quatsch. Schöne Kunst kommt immer aus dem Zweifel, aus dem Nachdenken und eben auch aus der Angst. Zum Glück habe ich keine Probleme mit Angstzuständen, aber ich finde, Angst an sich ist ein wichtiges, tolles Gefühl.

Kommen wir zu ein paar anderen Albumthemen. Sprich doch mal fol­gende Sätze zu Ende: Käme Katy Perry zu mir und fragte nach einem Duett, wäre meine Antwort …

Ja!

Unser Song hieße …

„Wir waren gestern Nacht mit Marcus Wiebusch tanzen“. (lacht) Nee, mal im Ernst, den Titel dürfte sie sich natürlich aussuchen. Ich möchte nur, dass sie den Song ohne Produzententeam schreibt, stattdessen nur mit Marcus und mir. Das wird dann so ein Disco-Hauer mit Akustikgitarren.

Eine Welt ohne Aviciis wäre …

Vorweg: Mein Song „Avicii“ ist komplett ironiefrei. Ich habe Avicii immer in der Tradition von ABBA gesehen, und ABBA sind für mich so wichtig wie Andy Warhol, ganz weit oben im Pantheon der Kunst. Manche Menschen sind einfach von irgendwem beschenkt worden, haben ein riesiges Talent.

Außerdem: Musik wird nicht schlecht, nur weil sie viele hören. Die Geschichte von Avicii ist mir so nahegegangen, dass es einen Song darüber geben musste. Und ich sage: Aviciis wird es ewig geben.

 

 

Hannover ist wichtig, weil …

Hannover ist nicht wichtig. Aber ich glaube, dass alle Hannoveraner und Hannoveranerinnen einen Deal gemacht haben. Die haben sich irgendwann mal unterm Schwanz getroffen und vereinbart: „Wir sagen das nicht weiter, wie geil das hier ist, sonst kommen die ganzen Arschlöcher hierher.“ Hannover ist grün, cool, man kann sich noch was leisten, aber alle außerhalb denken, dass es ein Deppenkaff ist.

Junkies-und-Scientologen-Thees-Uhlmann-Cover

„Junkies und Scientologen“ erscheint am 20.9.19 bei Grand Hotel van Cleef

In fünf Jahren singe ich bestimmt über …

Weiß ich noch nicht. Ich habe jetzt anderthalb Jahre an dieser Platte gearbeitet, und wenn mir vorher jemand gesagt hätte, dass es die längsten Songtexte werden würden, die ich bisher geschrieben habe, hätte ich es ihm nicht geglaubt. Andererseits: In fünf Jahren werde ich wahrscheinlich ein Wohnungsgesuch in Hamburg singen, mit Vorstellungen. Es wird heißen: „Bitte mit Elbblick.“

Apropos Hamburg, auch wenn hier ein älterer Song bemüht wird: Wie sieht’s aus in Hamburg? 

Das kriege ich inzwischen fast nur noch aus der Ferne mit. Meine Zeit ist knallhart aufgeteilt zwischen Tochter und Kunst. Da sind zwei Tage Abhängen in Hamburg zwischendurch einfach nicht mehr drin. Und wenn ich zu Heimspielen vom FC St. Pauli fahre, nehme ich den letzten Zug zurück nach Hause. Darunter leiden Freundschaften, was mir wahnsinnig weh tut. Ich muss aber auch sagen: Sobald ich auch nur an Hamburg vorbeifahre, zuckt mein Herz ganz schön.

Thees Uhlmann: 27.9.19, Große Freiheit 3617.+18.12.19, Große Freiheit 36


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, September 2019. Titelthema: Mobilität – Das bewegt die Stadt. Das Magazin ist seit dem 29. August 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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