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Vielfalt erhalten

Thomas Chiandone (55) ist Geschäftsführer des Hamburger- und des Schleswig-Holsteinischen Tennis-Verbandes. Wir sprachen mit ihm über Tennis als „Gewinner“ der Coronapandemie – und darüber, welche Herausforderungen trotzdem anstehen

Text: Mirko Schneider

SZENE HAMBURG: Herr Chiandone, welche Folgen befürchteten Sie für das Tennis in Hamburg beim Ausbruch der Coronapandemie?

Thomas Chiandone: Vermutlich ähnliche Folgen wie andere Vereinsvertreter:innen auch. Wir machten uns große Sorgen um unseren Sport und fragten uns, ob in unseren Vereinen die Mitglieder:innen wegbleiben würden. Wenn man heute auf die Mitgliederstatistik des Hamburger Sportbundes sieht, so haben die Tennisvereine in der Pandemie über 2000 Mitglieder gewonnen.

Also hat sich keine Befürchtung erfüllt?

Die Frage klingt so, als hätte es überhaupt keine Probleme gegeben. So war es natürlich nicht. Anfangs durfte ja auch kein Tennis gespielt werden. Nur der Leistungssport war davon ausgenommen. Ich erinnere mich an die Zeit, als bei uns auf der Anlage des Hamburger Tennis-Verbandes nur die Bundeskaderathlet:innen trainieren durften. Auch die Vereine konnten ihren Mitgliedern zunächst kein Tennis mehr anbieten. Dann jedoch wendete sich das Blatt.

Wodurch genau?

Es wurde bald klar, dass Tennis sowohl in der Halle als auch draußen infektionstechnisch kaum gefährlich ist. Die Spieler:innen sind ja im Schnitt während einer Partie 25 Meter voneinander entfernt. Tennisbälle können außerdem kein Corona übertragen. Das ergab eine Untersuchung im Frühjahr 2020. Das half uns und allen unseren Vereinen natürlich. Wir haben als Verband dann umfassende Hygienemaßnahmen und Konzepte entwickelt und unser Wissen den Vereinen gerne zur Verfügung gestellt. Allerdings prasselten die Änderungen von politischer Seite oft in hoher Schlagzahl auf uns ein, weshalb wir uns und die Clubs stets auf den neuesten Stand bringen mussten. Unsere Vereine und wir als Verband haben aber schnell gelernt, mit der neuen Situation umzugehen.

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Die geringe Ansteckungsgefahr ist sicher ein Faktor, meint Thomas Chiandone, Geschäftsführer des Hamburger- und des Schleswig-Holsteinischen Tennis-Verbandes (Foto: privat)

Sport mit Maske

Ist der Zuwachs von Mitgliedern bei den Vereinen nur durch den gesundheitlich recht sicheren Status von Tennis in der Coronapandemie zu erklären?

Die geringe Ansteckungsgefahr ist sicher ein Faktor. Vielleicht sind Tennisspieler:innen auch unempfindlicher als andere Sportler:innen. Das vermag ich aber letztlich nicht zu beurteilen. Ich kann nur sagen: Viele der Spieler:innen hatten kein Problem damit, mit der Maske auf dem Gesicht auf die Tennisanlage zu gehen, diese dort abzunehmen und zu spielen. Sicherlich haben die Tennisvereine auch Zuwachs aus anderen Sportarten erlebt, die mit stärkeren Einschränkungen zu kämpfen hatten. Der eine oder die andere erinnerte sich da bestimmt an ihre früheren Versuche, Tennis zu spielen, und trat in einen unserer Vereine ein.

Haben Sie als Tennisverband in der Coronapandemie Werbeaktionen für Ihre Vereine gestartet?

Nein, das haben wir nicht gemacht. Unser Schwerpunkt lag auf der Beratung der Clubs.

Trainer:innen dringend gesucht

Die Tennisvereine stehen stabil da. Ist also alles in Butter?

(lacht) Wie schon erwähnt, eine Welt ohne Probleme oder besser gesagt Herausforderungen gibt es nicht. Aktuell ist unser Thema, die neuen Mitglieder zu halten. Dafür jedoch benötigen wir noch mehr Tennistrainer:innen. Diese sind ja oft diejenigen, die erst für die volle Integration der Neuen im Verein sorgen. Tennistrainer:innen sind die wesentlichen Bezugspersonen, die den Spaß am Spiel vermitteln. Bei einem Tennislehrer:innenlehrgang wiederum bilden wir etwas über 30 Anwärter:innen in einer Gruppe aus. Aufgrund von Corona konnten wir aber lange keine Lehrgänge anbieten. Erst jetzt konnten wir wieder den ersten Lehrgang nach über zwei Jahren veranstalten. Unabhängig davon wünschen wir uns mehr Zuschauer:innen und öffentliches Interesse für unsere Veranstaltungen.

Welche wären das?

Im Herbst findet bei uns auf der Anlage in Horn ein sehr gut besetztes internationales Damen- und Herrenturnier statt. Einige der Spieler:innen, die hier zu sehen sind, machen später Karriere. Eine US Open-Gewinnerin zum Beispiel hat ein paar Jahre zuvor an unserem Turnier teilgenommen. Im März veranstalten wir zwei internationale Jugendtennisturniere. Auch für die Inklusion tun wir eine Menge, zum Beispiel im Blindentennis. Es lohnt sich wirklich, auf unserer Anlage vorbei zu schauen oder sich auf anderem Wege mit uns in Verbindung zu setzen.

„Mein Rat ist, so viele Menschen wie möglich für den eigenen Sport zu begeistern.“

Thomas Chiandone

„Von Beitragserhöhungen rate ich ab“

Versetzen Sie sich bitte einmal gedanklich in die Position eines:einer Vereinsverantwortlichen, deren Verein durch die Coronapandemie Mitglieder verliert. Wozu raten Sie einem solchen Verein?

Zunächst einmal verstehe ich die Sorgen der Vereine. Ich wünsche allen, dass sie so gut wie irgend möglich durch die Coronapandemie kommen. Die Vielfalt der Hamburger Sportwelt zu erhalten ist unser gemeinsames Anliegen. Mein Rat ist, so viele Menschen wie möglich für den eigenen Sport zu begeistern. Sei es durch Aktionen wie einen Tag der offenen Tür, durch spezielle Mitgliedergewinnungs- und Sonderaktionen oder durch Probemitgliedschaften. Das Wichtigste überhaupt ist, die Menschen auf den eigenen Verein und sein tolles Angebot aufmerksam zu machen.

Beitragserhöhungen kamen in Ihrer Antwort nicht vor.

Von Beitragserhöhungen rate ich auch ab. Ich finde sie kontraproduktiv, weil sie eine noch größere Barriere für den Vereinseintritt darstellen. Auch wenn ich gut verstehen kann, warum viele Vereine über Beitragserhöhungen nachdenken. 


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