Beiträge

Nachhaltig Arbeiten? Hamburg, da geht noch was!

Nachhaltigkeit wird immer wichtiger. Doch ändert sich auch etwas? Ist die Hamburger Arbeitswelt schon nachhaltig? Ein Gespräch mit Wirtschaftsprofessor:innen der Universität Hamburg und der Stadt

Text: Rosa Krohn

Den Begriff „Nachhaltigkeit“ hört man heute täglich – nicht selten bleibt er jedoch abstrakt und oberflächlich. Was bedeutet es etwa, nachhaltig zu arbeiten? Professorin Dr. Kerstin Lopatta und Professor Dr. Alexander Bassen arbeiten an der Wirtschaftsfakultät der Universität Hamburg und leiten unter anderem das Kompetenzzentrum Nachhaltige Universität (KNU): „Wenn wir von nachhaltigem Arbeiten sprechen, sollten wir die verschiedenen Dimensionen von Nachhaltigkeit berücksichtigen“. Denn Nachhaltigkeit am Arbeitsplatz kann nicht mit grünen Arbeitsweisen und Arbeitsinhalten gleichgesetzt werden, es steck weitaus mehr dahinter. Neben der ökologischen Nachhaltigkeit spiele auch das Bewusstsein für Diversität, Gleichstellung, gesellschaftliche Verantwortung und Gesundheit der Mitarbeitenden eine Rolle. Es entstünden gerade völlig neue Arbeitsmodelle, so Lopatta und Bassen. Diese ermöglichen Menschen eine flexiblere Art des Arbeitens, zum Beispiel Homeoffice, Remote Work und Jobsharing. 

„Hamburg als Stadt bietet ein tolles Umfeld für Nachhaltigkeit und Arbeit“

Titel AUfmacher UHH_Lopatta+Bassen Kristin Block-klein
Professor Dr. Alexander Bassen (l.) und Professorin Dr. Kerstin Lopatta (r.) von der Universität Hamburg (Foto: Kristin Block)

Hamburgs Herz ist der Hafen. Durch ihn sei die Stadt global vernetzt, offen, vielfältig und biete ein tolles Umfeld für Nachhaltigkeit und Arbeit, so Lopatta und Bassen. Gerade jungen Menschen ermögliche die Stadt viele Weiterbildungsmöglichkeiten in Bezug auf Nachhaltigkeit. Das seien Dinge wie ein Freiwilliges Ökologisches Jahr, das über die Umweltbehörde koordiniert wird. Hamburger Unternehmen suchten darüber hinaus vermehrt nach Mitarbeitenden mit Kompetenzen im Nachhaltigkeitsbereich. Damit ist das Thema Nachhaltigkeit in Hamburgs Arbeitswelt angekommen. Auf politischer Ebene spiele dabei vor allem die Verpflichtung zur Verfolgung der „Sustainable Development Goals“ (SDGs) eine wichtige Rolle. Bassen und Lopatta empfehlen dazu die ständige Überarbeitung und Kontrolle der Einhaltung dieser Ziele.

„Sustainable Development Goals“

Die (wirtschafts-)politischen Maßnahmen, Hamburgs Arbeitswelt nachhaltiger zu gestalten, sind zahlreich, komplex und meist behördenübergreifend organisiert. Einen globalen Rahmen für nachhaltige Entwicklungen bietet die Agenda 2030, die 2015 von den Vereinten Nationen verabschiedet wurde. 2017 hat sich auch Hamburgs Senat zur Umsetzung der 17 globalen Nachhaltigkeitsziele verpflichtet. Die Federführung bei der Umsetzung der Ziele obliegt der Umweltbehörde. Von den 169 Unterzielen berühren einige explizit das Thema der Nachhaltigkeit am Arbeitsplatz: „Wohlergehen und Gesundheit der Mitarbeitenden“ (Ziel 3), „Nachhaltiger Konsum und Produktion“ (Ziel 12), „Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum“ (Ziel 8) und „Geschlechtergerechtigkeit“ (Ziel 5).

Diese Ziele sollen seitens der Stadt mit der Agenda 2030 und ihrem Motto „Leave no one behind“ berücksichtigt werden. „Eine erste Bestandsaufnahme zeigt, dass viele Hamburger Maßnahmen in den verschiedenen Politiken bereits das Attribut ‚nachhaltig‘ verdienen. Darüber hinaus setzen die SDGs aber auch neue Impulse für Themen, bei denen sich Hamburg weiterentwickeln kann“, so Martina Falke, Referentin der Stabsstelle für Nachhaltigkeit aus der Umweltbehörde . Und was tut die Stadt derzeit explizit?

Initiativen der Behörde für Wirtschaft und Innovation

Titel Arbeiten 03 22 ansgar-scheffold-NxvirENui8Y-unsplash-klein
Nachhaltigkeit wird in ganz Hamburg immer wichtiger (Foto: unsplash/Ansgar Scheffold)

Die Behörde für Wirtschaft und Innovation will mit dem Projekt „Social Entrepreneurship“ solche Unternehmer fördern, die in ihrem Geschäftsmodell den positiven gesellschaftlichen Einfluss über den ökonomischen Erfolg stellen. Bis 2030 plant die Behörde zudem, Hamburgs Kurier-, Express-, Paket-, und Lieferverkehr emissionsfrei zu gestalten. Dazu sollen dann E-Lieferfahrzeuge und alternative Transportmittel wie Lastenfahrräder Sendungen zustellen oder an Pickup Points ausliefern. Als erste deutsche Stadt ist Hamburg 2019 außerdem dem globalen „Fab City“- Netzwerk beigetreten. Mit einer digitalen Kreislaufwirtschaft verfolgen die sogenannten Fab Citys das Ziel, in der Zukunft nahezu alles, was sie brauchen, selbst zu produzieren. Das soll klimaneutral und mit der Teilhabe möglichst vieler Bewohner:innen der Stadt gelingen. Ein weiteres Projekt ist der Aufbau einer funktionierenden grünen Wasserstoffwirtschaft Bis 2035 sollen Industrie, Logistik und Luft- und Schiffverkehr dekarbonisiert werden.

„Nachhaltigkeit als Wert, nicht als Buzzword“

Auch Hamburg in Bezug auf nachhaltige Entwicklung eine Vorreiterposition in Deutschland eingenommen hat, gibt es noch einige Baustellen. So räumt die Behörde für Wirtschaft und Innovation ein, dass nach der Verursacherbilanz 2017 derzeit noch rund 50 Prozent der Hamburger CO₂-Emissionen auf die Hamburger Wirtschaft zurückgehen. Laut dem Statistikamt Nord ist der Gender Pay Gap in den vergangenen Jahren in Hamburg unverändert geblieben, bei 21 Prozent. Diese Indikatoren deuten darauf hin, dass noch viel getan werden muss, um Hamburgs Arbeitswelt noch nachhaltiger zu gestalten.

Ein erster Schritt in die richtige Richtung dürfte eine umfassende Bestandsaufnahme der Missstände sein. Dass sagt auch Martina Falke von der Umweltbehörde: „Hamburg arbeitet derzeit an einem Indikatorengestützten Monitoring-System. Dadurch kann die nachhaltige Entwicklung Hamburgs in einzelnen Themenbereichen sichtbar gemacht werden.“ Nachhaltigkeit ist ein omnipräsentes Thema in Wirtschaft, Politik und Forschung. Professorin Lopatta und Professor Bassen weisen jedoch darauf hin, dass eine Befragung von Vorständen ergeben hat, dass Marketing der Hauptgrund für unternehmerische Nachhaltigkeitskonzepte Marketing sei. Insofern müsse sich noch Einiges ändern. „Es ist essenziell, dass Nachhaltigkeit als Wert gelebt und nicht als Buzzword abgetan wird“, so die beiden. Ein Ziel, das auch die Universität Hamburg in Bezug auf ihr Bildungsangebot verfolgt.


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Kita-Helferin: „Das ist ein gesellschaftliches Problem“

Mit der Qualifikation als Kita-HelferIn erhalten junge lernbeeinträchtigte Menschen die Chance, auf dem Arbeitsmarkt teilzuhaben. Ganz barrierefrei ist das inklusive Bildungsangebot allerdings nicht

Text: Sarah Seitz

 

Die Menschen werden auf dem Arbeitsmarkt ganz stark auf ihre Defizite reduziert“, sagt Birthe Nowak. Sie ist Abteilungsleiterin für die Qualifikation als Kita-HelferIn an der Staatlichen Fachhochschule für Sozialpädagogik FSP2. Seit fast 20 Jahren bietet sie mit dem Bildungsangebot für HelferInnen in Kindertagesstätten jungen Menschen, die sich am Rand des leistungsorientierten Arbeitsmarktes entlanghangeln, eine Alternative.

Saskia N., 19, angehende Kita-Helferin (Foto: Christiane Koch-Engelhorn)

Saskia N., 19, angehende Kita-Helferin (Foto: Christiane Koch-Engelhorn)

In enger Zusammenarbeit mit den Elbe-Werkstätten soll die deutschlandweit einzigartige Qualifikation der Kita-HelferIn für mehr Inklusion am Arbeitsmarkt sorgen. Die SchülerInnen der FSP2 werden während der vierjährigen Bildungsmaßnahme ganz individuell gefördert – je nach Beeinträchtigung. Denn die Qualifikation richtet sich ausschließlich an junge Menschen mit Behinderung. Eine von ihnen ist Saskia N. Die 19-Jährige ist im zweiten Lehrjahr. Neben der Kita-Kompetenz hat sie in dieser Zeit auch viel für sich selbst gelernt. „Ich halte mich nicht mehr so zurück“, erzählt sie. In der Kita, in der sie arbeitet, fühle sie sich mittlerweile als richtige Kollegin. So wie Saskia geht es auch den aktuell insgesamt 23 weiteren angehenden Kita-HelferInnen. Durch die Arbeit mit den Kindern und Erziehenden fühlen sie sich gesellschaftlich bedeutsam, werden mutiger und selbstbewusster.

 

SpielpartnerInnen, TrösterInnen oder WegbegleiterInnen

 

Neben der persönlichen Entwicklung eignen sich die angehenden Kita-HelferInnen viel fachliche Kompetenzen an. Von Beginn an sind sie, parallel zur Schule, auf die 19 aktuell teilnehmenden Hamburger Kitas verteilt. Dort sind sie als SpielpartnerInnen, TrösterInnen oder WegbegleiterInnen im Einsatz. „Und das können sie unwahrscheinlich gut, weil sie einfach aus einer anderen Lebenswelt kommen. Mit neuen Impulsen und ihrer anderen Denkweise bringen sie uns manchmal ganz tolle Dinge näher, auf die wir selbst gar nicht erst gekommen wären“, erzählt Nowak. Im ständigen Wechsel von Theorie und Praxis konzentriert sich die erste Hälfte der Qualifikation auf die sogenannte Berufsvorbereitung. Anschließend folgt im dritten und vierten Jahr der Berufsbildungsbereich. Die Jugendlichen lernen den Umgang mit Säuglingen und Kleinkindern. Aber auch hauswirtschaftliche Aufgaben, die Orientierung im Berufsalltag oder Musik, Sport und Spiel stehen auf dem Lehrplan. So haben mittlerweile 74 KitaHelferInnen ausgelernt.

Ob als Unterstützung für das Fachpersonal oder auch im Austausch mit den Kindern – viele Betriebe, die KitaHelferInnen beschäftigen, sind begeistert. Doch es fehle leider an Offenheit und Bereitschaft, klagt Nowak. Denn trotz des inklusiven Bildungsangebots bleibt es für die SchülerInnen hart auf dem deutschen Arbeitsmarkt.

 

Schwierige Finanzierung

 

Abteilungsleiterin für die Qualifikation als Kita-HelferIn an der Staatlichen Fachhochschule für Sozialpädagogik FSP2: Birthe Nowak (Foto: Christiane Koch-Engelhorn)

Abteilungsleiterin für die Qualifikation als Kita-HelferIn an der Staatlichen Fachhochschule für Sozialpädagogik FSP2: Birthe Nowak (Foto: Christiane Koch-Engelhorn)

Bürokratische Hürden erschweren den Sprung aus der Qualifikation in die Festanstellung. Vor allem in den letzten Jahren sei es schwieriger geworden, Kitas zu finden, die die ausgelernten HelferInnen übernehmen, erzählt Nowak. Denn in der vierjährigen Bildungsmaßnahme gibt es weder Klausuren noch Tests. Das könnten viele der SchülerInnen nicht leisten, erklärt Nowak. Keine Abschlussprüfung bedeutet allerdings auch keine anerkannte Ausbildung. Hinzu kommt: Kita-HelferInnen sind nicht im Landesrahmenvertrag für Kindertagesstätten aufgeführt – was die Finanzierung der HelferInnen für die Kitas schwer macht. Unterstützung leistet da zum einen das Hamburger Budget für Arbeit, das Kitas mit festangestellten HelferInnen bezuschusst. Zum anderen bieten die Elbe-Werkstätten, als Kooperationspartner der Qualifikation, sogenannte Außenarbeitsplätze. Das heißt, die Kindertagesstätten beschäftigen die HelferInnen, Hauptarbeitgeber sind aber die Elbe-Werkstätten.

 

Im kommenden Sommer geht es weiter

 

Aber auch Vorurteile machen es den Kita-HelferInnen schwer. „Erwachsene Frauen und Männern mit Beeinträchtigung werden immer als Synonym für das dritte Kind gesehen. Wir haben häufig gar nicht die Chance, Schülerinnen und Schüler zu verorten, damit sie überhaupt zeigen können, was in ihnen steckt“, erklärt Nowak. Für sie ist es ein gesellschaftliches Problem: „Es braucht eine Bewusstseinsveränderung bei uns allen, nicht nur bei den ArbeitgeberInnen, sondern auch tatsächlich bei den KollegInnen, bei den MitarbeiterInnen.“

Im kommenden Sommer startet eine neue Klasse der Kita-HelferInnen. Bewerben können sich SchülerInnen, die eine Integrationsklasse oder eine Schule mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung besuchten und sich gut in ihrem Umfeld orientieren können. „Jeder und jede, der und die sich bewirbt und orientieren kann, wird genommen. Das ist unser Ansinnen“, versichert Nowak.

fsp2-hamburg.de


 VIELFALT LEBEN ist in Zusammenarbeit mit dem Inklusionsbüro Hamburg entstanden und liegt der SZENE HAMBURG aus dem Dezember 2021 bei. Das Magazin ist seit dem 27. November 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Homeoffice mit Andrea Rothaug

Was vor Corona oft eher die Ausnahme war, hat sich innerhalb kürzester Zeit zum festen Bestandteil in vielen Branchen entwickelt: Gearbeitet wird in den eigenen vier Wänden. Doch klappt das immer reibungslos? Andrea Rothaug zeigt ihr Homeoffice

Text: Andreas Daebeler & Ilona Lütje

 

Für Andrea Rothaug ist Homeoffice schon lange Alltag. Dabei ist eigentlich die Bühne ihr Geschäft: Aus ihrer behaglich eingerichteten Wohnung auf St. Pauli zieht die Rockcity-Chefin die Fäden für Hamburgs Musikszene. Der Schreibtisch wirkt improvisiert. Darauf ist mächtig was los. Bücher, Zettel und Reste einer kleinen Zwischenmahlzeit konkurrieren um die Aufmerksamkeit. Gleich daneben zeugt eine Staffelei von kreativen Schüben. Vor allem aber ist in dieser Wohnung auf St. Pauli Musik drin. Das amtlich gefüllte Plattenregal erzählt Geschichten. Von Rock, von Pop und vom Punk, das grelle Sex-Pistols-Cover sticht sofort ins Auge.

Es erzählt die persönliche Geschichte von Andrea Rothaug, deren Name draußen auf dem Klingelschild steht. Einer Frau, die kaum eine Pause kennt und aus Hamburgs Kulturszene nicht wegzudenken ist. Immer im Einsatz für Liedermacher, Gitarrenheldinnen und Bühnenbauenden. Gern auch vom heimischen Schreibtisch aus. Nicht nur, wenn draußen grad ein fieses Virus nervt. Andrea Rothaug liebt es drinnen ruhig und konzentriert und draußen Krach + Getöse. So nennt sich denn auch der Hamburg Music Award, den die Geschäftsführerin des Dachverbands der Hamburger Musikszene RockCity Hamburg gemeinsam mit ihrem Team vor zwölf Jahren an den Start gebracht und während der Corona-Krise mal eben auf online getrimmt hat. Aus dem Homeoffice, das für sie auch vorm Virus eine wichtige Rolle spielte. Bei ihr wird auf harten Stühlen bei mittelschwachem WLAN geackert.

 

Kurzer Weg zum Kühlschrank

 

Die Datenleitung wird dabei ordentlich auf die Probe gestellt. Denn nebenbei ist Rothaug noch als Präsidentin des Bundesverbands Popularmusik am Start, sitzt im Kuratorium Junge Ohren Berlin, im Koordinierungskreis Kultur HafenCity und im Beirat des Reeperbahn Festivals. Autorin, Kulturmanagerin, PR-Frau und zertifizierter Artist- und Businesscoach ist sie eh. Beim Clubkombinat mischte sie ebenso mit wie bei der Gründung der Hanseplatte oder der IHM ebenfalls. Eine echte Strategin und passionierte Netzwerkerin also. Die auch zu Hause selten Feierabend hat. „Homeoffice ist für uns alle Fluch und Segen“, sagt die 55-Jährige. „Einerseits wahnsinnig effektiv wegen der Ruhe.“ Andererseits unruhig wegen 9.222 ungelesener Mails, Hunger nach echter Begegnung und neuerdings digitaler Dauerschleifen. Auch nicht so gut: „Ich sitze auch mal zwölf Stunden in Konferenzen und habe gleichzeitig einen extrem kurzen Weg zum Kühlschrank. Nicht gut.“

Dabei sei sie mit fast hundert Quadratmeter großer Wohnung, zwei Balkonen und der bereits in einer eigenen Bude auf St. Pauli lebenden Tochter Juno noch gut dran. „Mein Mitgefühl ist bei denen, die Familie, Wohngemeinschaften und kleine Räume haben, da ist Homeoffice wirklich Nervenkoller und nicht gesund.“ Welche Rolle spielen Design und Stil im heimischen Büro? „Ich muss mich wohlfühlen und entscheide nach Licht und WLAN, wo ich arbeite. An meinem Maltisch zwischen den Tuben mag ich es an manchen Tagen und an anderen brauche ich ein bisschen Ordnung für die Konzentration.“ Unverzichtbar seien eigentlich nur Mac, WLAN, Grüntee, Zettel und Stifte.

 

Ruhephasen, Yoga, Rawfood

 

Einen klaren Tagesplan? „Habe ich nur, um davon abzuweichen.“ Und wie schafft sie es, die unzähligen Jobs und Aufgaben unter einen Hut zu bekommen? „Jahrelanges Training, 24 Stunden an sieben Tagen erreichbar sein, wenig Schlaf, digitale Kommunikation, abwechselnd mit Ruhephasen, Yoga, Rawfood und Strandhaus“, verrät Rothaug ihr Rezept. „Während ich vor dem Virus einen inneren Reminder hatte, dass ich nicht zu viel arbeite, ist seit Corona alles aus dem Ruder. 15 Stunden Arbeit am Tag sind keine Seltenheit.“

Die Kulturbranche habe angesichts der Krise keine andere Wahl. „Entweder wir hängen uns rein oder es gibt bestimmte Dinge einfach nicht mehr.“ Es gehe darum, für Innovations- und Hilfsprogramme zu trommeln. „Sonst werden wir zukünftig nur noch Einheitsbrei essen, Billigbier auf dem Fußboden trinken und Musik als Beruf nicht mehr in Betracht ziehen. Das wäre eine Dystopie, in der ich nicht leben mag.“ Die Gegenwart ist grad vor allem eines – ziemlich viel Video. Es wird konferiert, gechattet und gezoomt was das Zeug hält. Skurrile Szenen inklusive. Rothaug hat schon viel erlebt: „Nasebohren, einschlafen, vorm Mikro essen und Anzugträgern beim Kindersitten zuschauen.“

Zusätzlichen Pfunden durchs Hardcore-Homeoffice während des Lockdowns trotzte Rothaug mit einer besonderen Strategie: „Kühlschrank und Prepperregal einfach leergeputzt und nichts nachgekauft.“ Morgens gibt es Rawfood-Bowls. „Dann kann der Tag kommen.“ Homeoffice in der eigenen, gemütlichen Bude ist das eine. Aber Andrea Rothaug muss auch raus. Bei den Leuten sein. „Ich habe normalerweise einen umtriebigen Job, düse durch die Stadt, spreche mit Menschen aus Branche, Politik, Kultur und Szene, höre zu, das nur am Rechner zu tun, ist öde.“ Kein Wunder, dass da starre Regeln während Corona auch mal aufgeweicht wurden. „Bei mir war abends auch mal die Bude voll“, gibt sie zu. „Natürlich mit Abstand und FFP3-Mundschutz.“


https://szene-hamburg.com/wp-content/uploads/2020/07/Cover-Living-Guide-2020.jpg SZENE HAMBURG WOHNEN+LEBEN, 2020/2021. Das Magazin ist seit dem 31. Oktober 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

foodlab: Hamburgs neues Gastro-Kreativlabor

Hamburger Gastronomen und Food-Unternehmen haben ein neues Tüftel-Zuhause im foodlab

Text: Michelle Kastrop

 

Das Waterkant-Gebäude in der HafenCity: Hier ist kürzlich das foodlab mit einem weltweit neuen Konzept eröffnet worden. Auf 1.200 Quadratmetern umfasst es ein von Hanseatic Coffee Roasters betriebenes Café mit Mini­-Shop, ein Pop­-up­-Restaurant, in dem alle vier Wochen wechselnde Restaurants ihre Konzepte und Gerichte vorstellen, einen Co­working­-Space mit Arbeitsplätzen für allerhand Unternehmen aus der Food­-Szene, mehrere Testküchen und ein Media-­ und Eventstudio für Shootings.

Das foodlab-­Konzept stammt von Christin Siegemund. Die Marketingexpertin begann 2013 mit ihrem Blog „Hambur­ger Deern“, sich mehr und mehr ihrer Leidenschaft für gutes Es­sen und die Hamburger Food­-Szene zu widmen. Bald habe sie gemerkt, dass viele Betriebe sich mit ähnlichen Fragen und Problemen konfrontiert sehen, speziell im Bereich Infrastruktur und Netzwerk: „So entstand die Idee von foodlab.“

 

Das foodlab als Begegnungsstätte

 

Die Unternehmen, die Sie­gemund ansprechen will, sollen das foodlab „als Begegnungsstätte“ verstehen. Ihr Mietobjekt, das Waterkant­-Gebäude mit seiner großzügigen Fensterfront, die besten Blick auf die Elbe erlaubt, sei dafür der perfekte Ort.

Eines der Start­ups, dass bereits im foodlab zu Hause ist, ist Newbaked. Seit der Gründung Ende Juni produziert es gemeinsam mit der Bäckerei Bah­de Feinschmecker-­Brote für die gehobene Gastronomie, Hotellerie und in Feinkostläden. Mit seinem Konzept kam Newba­ked-­Chef Wodz zu Siegemund – und profitiert seitdem sehr vom foodlab-­Netzwerk. „Es war genau der richtige Schritt, ins foodlab einzuziehen und dort mitzumischen“, schwärmt er von den neuen Möglichkeiten.

Übrigens: Im foodlab kön­nen sich Food-­Start­ups auch für ein Accelerator­-Programm bewerben. Daran teilneh­menden Unternehmen wird ein halbes Jahr lang ein Arbeitsplatz gestellt und ein individuelles Training geboten. Siegemund: „In unserem Accelerator­ Programm, holen wir sie quasi an dem Punkt ab, wo sie gerade in ihrem Prozess sind und stellen dann die passenden Coaches zur Verfügung.“ Vo­raussetzung, um dabei zu sein: Es müsse „ein Bu­sinessplan und am bes­ten schon ein erstes Produkt vorhanden sein“.

foodlab 
Überseeallee 10 (HafenCity)


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Juli 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.