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Frauen kämpfen in „Bombshell“ gegen Sexismus

Mit hochkarätiger Besetzung rekonstruiert US-Regisseur Jay Roach in „Bombshell – Das Ende des Schweigens“ den Missbrauchsskandal beim US-Sender Fox News

Text: Christopher Diekhaus
Interview: Patrick Heidmann

 

Noch bevor der frühere Hollywood­-Mogul Harvey Weinstein im Oktober 2017 wegen sexueller Übergriffe in große Erklärungs­ not geriet, schrieb der Fall des mächtigen Medienmanagers Ro­ger Ailes weltweit Schlagzeilen. Im Sommer 2016 sah sich der CEO des rechtskonservativen US-­Nachrichtensenders Fox News mehreren Belästigungsvorwürfen ausgesetzt und musste am Ende seinen Hut nehmen.

 

Drei Frauen im Zentrum

 

Regisseur Jay Roach, der für die große Leinwand zuletzt das biografische Drama „Trumbo“ inszenierte, versucht sich nun an einer Aufarbeitung der Geschehnisse und stellt dabei drei Frauen in das Zentrum seines Films.

Den Stein ins Rollen bringt die zunächst ins Nachmittagsprogramm abgeschobene, dann entlassene Ex-­Star-­Moderatorin Gretchen Carlson (Nicole Kidman), die gegen Senderleiter Ailes (John Lithgow) eine Klage einreicht. Fox-­Aushängeschild Megyn Kelly (Char­lize Theron) wiederum hält sich zunächst bedeckt, obwohl auch sie unschöne Erfahrungen mit ihrem Chef gemacht hat und von ihm während einer öffentlichen Auseinandersetzung mit Donald Trump nicht gestützt wurde. Vor einer Aussage schreckt anfangs auch die ehrgeizige Journalistin Kayla Pospisil (Margot Robbie) zurück, die dank Ailes auf der Karriereleiter schnell vorangekommen ist.

 

Machtspiele und Missbrauchsstrukturen

 

„Bombshell – Das Ende des Schwei­gens“ will den Zuschauer für ein immens wichtiges Thema sensibilisieren und fängt die Machtspiele und Missbrauchsstrukturen im Hause Fox News wiederholt auf beklemmende Weise ein. Charlize Theron, Nicole Kidman und Margot Robbie, deren fiktive Figur von Drehbuchautor Charles Randolph aus mehreren realen Vorbildern zusammengeschmolzen wurde, liefern sehr engagierte Darbietungen ab – für Theron und Robbie gab’s deshalb Oscar-­Nominierungen als beste Haupt-­ bzw. Nebendarstellerin.

Dennoch kann Roachs Rekonstruktion nicht vollends überzeugen. Einige Entscheidungen und Ereignisse werden zu wenig vertieft. Und noch dazu eifert der Film in Erzähl­- und Inszenierungsstil den clever aufgebauten, rasant getakteten Satirestücken „The Big Short“ und „Vice – Der zweite Mann“ nach, erreicht deren Schwung und Raffinesse jedoch nicht. Sehenswert ist der Film – allein schon wegen der Thematik – trotzdem.

 

 

SZENE HAMBURG: Charlize Theron, Sie spielen in „Bombshell“ die in den USA sehr bekannte Moderatorin Megyn Kelly, die prominenteste der Frauen, die dem Fox­-News­-Chef Roger Ailes sexuelle Belästigung vorwarf. Aber auch eine umstrittene Person, nicht wahr?

Charlize Theron: Oh ja, und ich habe es mir auch alles andere als leicht gemacht, diese Rolle anzunehmen. Ich brauchte Monate, um mich durchzuringen, Megyn Kelly zu einem Teil meines Lebens zu machen. Ohne meinen Freund und Regisseur und Mit-­Produzenten Jay Roach hätte ich es vermutlich nicht gemacht. Erst durch ihn bekam ich dieses Gefühl von Sicherheit, das ich brauchte, um mich wirklich auf all ihre streitbaren Seiten einzulassen statt davor zurückzuschrecken.

Diese Frau machte es mir, im übertragenen Sinne, alles andere als leicht, sie zu umarmen. Und kaum hatte ich es geschafft und wir mit den Dreharbeiten begonnen, wurde sie wegen rassistischer Aussagen beim Sender NBC rausgeschmissen. Ich konnte es gar nicht glauben.

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Oscarreif: Charlize Theron als Hochglanz-Moderatorin (Foto: Wild Bunch Germany)

Haben Sie sich mal mit ihr getroffen?

Theron: Nein, das habe ich gar nicht erst versucht und empfand es auch für meine Arbeit nicht nötig. Aber insgesamt haben wir als Team so viele Frauen wie möglich getroffen, die damals bei Fox News gearbeitet und gegen Ailes Vorwürfe erhoben haben.

Miss Robbie, Ihre Figur dagegen ist eine fiktive Figur. Machte das die Sache ein­facher oder schwieriger?

Robbie: Das kann ich so gar nicht beantworten. In Kayla fließen letztlich die Erfahrungen verschiedener, unbekannt bleibend wollender Fox-­Mitarbeiterinnen zusammen, entsprechend gab es durchaus reale Vorbilder.

Der Grund, weswegen ich anfangs so meine Mühe hatte mit ihr, war eher, dass ich ihren familiären Hintergrund und ihre Weltsicht so wenig nachvollziehen konnte. Aber unser Drehbuchautor Charles Randolph hat selbst eine ähnlich christlich­konservative Herkunft. Er gab mir letztlich die Einblicke, die ich brauchte.

In den USA ist Fox News der meist­ gesehene Nachrichtensender, aber im Rest der Welt spielt er keine allzu große Rolle und kennt man deswegen die Beteiligten dieses Skandals kaum. Ist das nicht ein Problem für einen Film wie „Bombshell“?

Robbie: Das glaube ich nicht, zu­mindest wenn ich von mir selbst ausgehe. Als Australierin bin ich überhaupt nicht mit Fox News aufgewachsen, und weil ich nicht unbedingt ein Nachrich­ten-­Junkie bin, war ich auch mit dem Fall Roger Ailes eher oberflächlich vertraut.

Ich kannte alle die Personen also kaum, um die es in „Bombshell“ geht. Trotzdem war ich vollkommen gepackt von diesem Drehbuch, so wie damals bei „I, Tonya“, wo ich im Vorfeld auch nicht wusste, dass Tonya Harding eine reale Person ist. Ich bin mir sicher, dass man unseren Film überall auf der Welt und ohne Vorkenntnisse sehen und alles verstehen kann und begeistert sein wird.

 

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„Bombshell“ behandelt den Missbrauchsskandal beim US-Sender Fox News (Foto: Wild Bunch Germany)

 

Zumal es ja um mehr geht als nur die Fakten dieses Falls, nicht wahr?

Theron: Auf jeden Fall. Für mich ist das kein Film ausschließlich über die USA, und auch keiner, in dem es darum geht, politisch Stellung zu beziehen. Sondern es geht um sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz und um die ungleiche Behandlung von Frauen allgemein. Das sind also Menschenrechtsfragen, und die sind doch univer­sell relevant und verständlich.

 

“Mindestens Objektifizierung ist eigentlich allen Frauen vertraut“

 

Was die Frauen bei Fox News erlebten, resultiert also auch nicht speziell aus dem Arbeitsklima einer kompetitiven Medienbranche?

Robbie: Nein, sicher nicht aus­schließlich. Eigentlich kenne ich keine Frau, die in ihrem Arbeitsumfeld nicht schon Vergleichbares erlebt hat. Nicht in diesem Extrem und nicht immer körperlich. Aber mindestens Objektifizierung und aufs Äußerliche abzielende Kommentare sind eigentlich allen Frauen vertraut.

Theron: Ich denke auch, dass wir uns alle sehr bewusst sind, dass so et­was zumindest passieren kann. Und in jedem Berufsfeld auf der ganzen Welt stattfindet. Deswegen ist es auch so wichtig, dass wir uns mit #MeToo oder einer Initiative wie #TimesUp nicht nur auf die Filmbranche konzentrieren, sondern auch beispielsweise die Avoca­do-­Pflückerinnen in Nordkalifornien nicht vergessen.

Regie: Jay Roach. Mit Charlize Theron, Nicole Kidman, Margot Robbie. Ab 13.2.; Preview (OmU) am 10.2., Zeise Kinos, 20 Uhr


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Hamburger des Monats – Jan Schierhorn

Wenn etwas Schönes um ihn herum passiert, bekommt Jan Schierhorn eine Gänsehaut – und die hat er oft. Kein Wunder bei den vielen sozialen und Herzens-Projekten, die er umsetzt. Ein Gespräch über die organische Revolution, Koexistenz und vergessene Menschen.

Interview: Hedda Bültmann
Foto: Andrea Rüster

SZENE HAMBURG: Jan, neben den vielen Projekten, die du machst, ist „Das Geld hängt an den Bäumen“ deine große Liebe?

Jan Schierhorn: Genau. Damit verbringe ich auch 80 Prozent meiner Lebensarbeitszeit aus vollster Überzeugung. Wir sammeln mit, wie wir sie nennen, vergessenen Menschen, vergessenes Obst und machen daraus Säfte und Schorlen. Mit dem Verkaufsertrag schaffen wir neue Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung, Geflüchtete oder Langzeitarbeitslose. All diejenigen, die viel zu oft in ihrem Leben gehört haben, sie seien nichts wert, sie können nichts und werden das auch niemals. So werden aus Hilfe-Empfänger Steuerzahler.

Wie fangt ihr die Menschen, die bei euch arbeiten, auf?

Ich glaube nicht an Inklusion, solange mein Nachbar mir das größere Auto oder den Urlaub neidet. Da können noch so viele Gesetze geschrieben werden, das muss von der anderen Seite kommen. Gleichwohl finde ich es wichtig, dass sich Leute dafür einsetzen, um dieses Wort zu beleben. Unser Ansatz ist, dass jeder was kann. Und jeder, der hier was lernt wie Obstbaum- oder Gehölzschnitt, bringt es wiederum anderen bei.

Dadurch erfahren sie eine Wertigkeit, die dazu führt, dass einige unserer Mitarbeiter nicht mal mehr mit ihrem Therapeuten sprechen müssen, weil ihre Persönlichkeitsentwicklung so enorme Schübe macht, sie sich da durch beispielsweise von ihrer Tabletten- oder Alkoholsucht selbst heilen. Oder depressive Phasen treten nicht mehr auf. Durch ein fast familiäres Arbeitsumfeld, in dem freundschaftliches, soziales Miteinander stattfindet, entsteht ein sicherer Rahmen, in dem sie Ver trauen entwickeln, sodass sie sich auch in Konfliktsituationen öffnen. Das ist ein stabiles Fundament.

 

„Bei uns läuft vieles intuitiv“

 

Habt ihr begleitendes Fachpersonal oder ist es eine Art Therapie durch Arbeit?

Wir machen es nicht programmatisch. Bei uns läuft vieles intuitiv. Aber seit einem halben Jahr ist Johanna, eine Psychologin, bei uns, die an den wöchentlichen Gruppensitzungen teilnimmt. Weil wir mittlerweile so gewachsen sind, war uns ein professionelles Korrektiv wichtig, damit es weiterhin gut läuft, Spaß macht und sich auch Erfolge zeigen, sowohl auf der persönlichen, als auch der betriebswirtschaftlichen Seite.

Gab es einen Initialauslöser, dich vorrangig sozial zu engagieren?

Meine Kinder. Als von ihnen die ersten Fragen kamen, wieso ich im Leben das eine so, das andere so mache, wollte ich ihnen ehrlich antworten. Dabei habe ich festgestellt, dass meine fertigen Antworten auf die Lebensfragen, die eines Singles waren. Und nicht die eines Vaters, der nicht nur seine Generation auf dem Radar haben muss, sondern auch die nachkommenden. Da habe ich klar gespürt, die persönliche Verantwortung endet nicht an der eigenen Haustür, sondern zieht viel mehr Konsequenzen nach sich. Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich diese Korrektur in meinem Leben schon vor etwa 13 Jahren machen durfte.

Du wirst im April 50, hast viel gemacht und erreicht. Sind deine Visionen ausgelebt?

Noch lange nicht. Ich möchte mich immer mehr ökonomisch-politisch einbringen, denn da liegt die Kraft der Veränderung. Und so den dringend notwendigen gesellschaftlichen Wandel mitgestalten. Ich lebe ja beide Seiten, die altruistische und die betriebswirtschaftliche. Und die wirtschaftlichen Mantren, die das ständige Weiterwachsen einfordern, sind totaler Schwachsinn, und werden vor allem von einer alten Generation aufrechterhalten.

Früher habe ich gedacht, es braucht eine Revolution, die mit ganz viel aggressiver Kraft das System verändert. Aber ich erlebe gerade, dass die Revolution schon voll im Gange ist. Es sind unsere Kinder, die plötzlich aufstehen und den alten Glaubenssätzen nicht mehr vertrauen. Unsere Kinder strecken die Hände aus und greifen nach dem Ruder der Gesellschaft. Dabei laufen mir die Tränen runter, denn das ist eine Revolution, die organisch ist, menschlich und gut für das Leben.

 

„Wozu brauche ich 20 Paar Turnschuhe?“

 

Könnte die Gemeinwohl-Ökonomie ein Teil des Wandels sein?

Ich bin Fan davon, regionale Kreisläufe aufzubauen. Ich muss keinen Saft nach München transportieren, die machen da auch tolle Säfte. Ich brauche auch kein Pangasiusfilet aus der Südsee. Wasser in Flaschen abzufüllen, einer der größten PR-Tricks, ist so ein großes ökonomisches und ökologisches Desaster, außer für die wenigen Shareholder. Es muss eine Evolution von alten in neue Geschäftsfeldern stattfinden. Nestlé zum Beispiel könnte das Geschäftsmodell „Wasser“ transformieren, indem sie an jede Kommune im Land Wasser-Förderanlagen vermietet. Es geht nicht darum zu beschneiden, es geht immer um Koexistenz und um eine intelligente und sinnhafte Ressourcennutzung.

Auch auf Seiten des Verbrauchers …

Wozu brauche ich 20 Paar Turnschuhe? Wofür brauche ich all den Mist, den ich anhäufe? Weil die innere Leere durch Äußeres gestillt wird. Das ist von unserer Wirtschaft, die wir alle mitanfeuern, so gewollt und auch deren Motor. Und wenn wir hier keine neuen Denkmodelle zulassen, wird unsere Gesellschaft die Konsequenzen zu tragen haben.

Aber eine deiner sechs Firmen, dein Moneymaker Baudek & Schierhorn, verteilt Produktproben für Markenartikler, die genau in diese Kerbe schlagen …

Ja, das stimmt. Und das ist meine größte Polarität, die ich im Leben habe. Aber keine meiner Firmen gauckelt etwas vor, was nicht ist. Es geht nie um Manipulation. Meine Agentur verteilt Produktproben in einem Umfeld, in das sie passen wie zum Beispiel beim Bäcker Frischkäseproben. Dabei brauchen wir keine künstlich geschaffenen Welten, denn der Kunde kann ein – fach das Produkt ausprobieren und sich frei entscheiden, ob er es mag oder scheußlich findet. Aber das grundsätzliche Spannungsfeld ist vorhanden.

Deshalb steht auch in der Satzung der meisten meiner Firmen, dass zehn Prozent des Erlöses an soziale Projekte gespendet werden.

Was wünscht du dir für dich?

Ich möchte ein guter Vater für meine Kinder sein. Und wahrhaftig durchs Leben gehen – mit klarem Verstand und offenem Herzen.

www.dasgeldhaengtandenbaeumen.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2019. Das Magazin ist seit dem 28. März 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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