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„Wo ist denn die Wohnung, in die die Menschen ziehen sollen?“

Der Sozialverband Deutschland setzt sich als Lobbyist für eine bessere Sozialpolitik ein. Was Armut verursacht, die soziale Spaltung vergrößert und was sich ändern muss, erzählt Klaus Wicher, Landesvorsitzender Hamburg und Mitglied im Bundesvorstand

Interview: Hedda Bültmann 

SZENE HAMBURG: Herr Wicher, wen trifft Armut?

Klaus Wicher: Armutsgefährdet, wie es heißt, ist man, wenn 60 Prozent eines mittleren Einkommens nicht erreicht werden. Das sind ungefähr 340.000 Menschen in der Stadt. Die Anzahl steigt seit dem Jahre 2005 kontinuierlich und steil an. Dann gibt es rund 190.000 Hartz-IV-Empfänger. Hier sind auch Studenten erfasst, die aktuell kein Geld verdienen können, aber durch eine gute Bildung die Chance haben, aus der Armut wieder rauszukommen. Zudem können rund 47.000 Rentnerinnen und Rentner nicht von ihrer Rente beziehungsweise Erwerbminderungsrente leben und haben eine Grundsicherung beantragt.

Wir haben festgestellt, dass etwa 39 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten in sogenannten atypischen Beschäftigungen tätig sind. Atypisch ist zum Beispiel Zeitarbeit bei Frauen, die auch oft in Teilzeit arbeiten. Selbst wenn sie einen hohen Stundenlohn erhalten, aber nur die Hälfte der Arbeitszeit tätig sind, werden sie nie eine ausreichende Rente erzielen. Aktuell erhalten in Hamburg nur 4,3 Prozent eine Rente von 2000 Euro oder mehr. Und viele Hamburger arbeitet in 450 Euro-Jobs. All das ergibt eine relativ hohe Armutsquote. Wir gehen davon aus, dass es etwa 500.000 Menschen in Hamburg, vorsichtig ausgedrückt, nicht gut geht. Das ist für so eine reiche Stadt wie Hamburg ein Armutszeugnis, denn Hamburg gehört zu den reichsten Metropolen Europas.

„Von Armut betroffene Menschen infizieren sich häufiger mit Corona“

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In Hamburg fehlt die Durchmischung, sagt der Sozialverband Deutschland (Foto: Erik Brandt-Höge)

Die sogenannte soziale Spaltung.

Eine grobe Schätzung besagt, dass es in Hamburg etwa 42.000 Vermögensmillionäre gibt. Natürlich kann man sagen, wenn einer eine Million hat, so richtig reich ist er nicht. Aber wenn man auf sein eigenes Konto guckt, ist das schon ein beachtlicher Betrag, der einen ruhig schlafen lässt. Und es gibt einige Tausende, deren Einkommen die Million im Jahr überschreitet. Hier zeigt sich das extreme Auseinanderdriften der Gesellschaft, das sich auch in den Stadtteilen widerspiegelt.

Von Nienstedten bis Veddel …

Nienstedten ist der reichste Stadtteil in Hamburg. Dort liegt das Durchschnittseinkommen pro Jahr bei etwa 150.000 Euro. Einer der ärmsten Stadtteile ist Veddel mit einem Durchschnittseinkommen von etwa 17.000 Euro. Im Hamburger Westen sind Rissen, Blankenese, Klein Flottbek und Ottensen reiche Stadtteile. Im Norden Volksdorf und Wohldorf-Ohlstedt. Besonders von Armut betroffene Bereiche sind Hamburg-Mitte und Harburg. Hier haben sich aufgrund der Armut, die Menschen auch besonders stark mit Corona infiziert. Sie haben weniger Möglichkeiten, sich zu schützen.

„Es braucht eine Durchmischung“

Das sind die Extreme, aber wie bewerten Sie die Durchmischung der Stadtteile?

In den Sechzigerund Siebzigerjahren gab es einen Bauboom, in dem sehr uniform gebaut wurde. In dieser Zeit sind Hochhaussiedlungen mit ausschließlich Sozialwohnungen entstanden. Der gute Wille war zwar da, aber, dadurch, dass alle auf einem Fleck gebaut wurden, haben sich ProblemStadtteile entwickelt. Dort wohnen überwiegend Menschen mit kleinen Einkommen und dadurch ist auch keine Kaufkraft vorhanden. Das Einkaufszentrum in Steilshoop zum Beispiel ist völlig heruntergekommen. Wie sollen da die Händler zurechtkommen? Es braucht eine Durchmischung von Eigentumswohnungen, normalen Mietwohnungen und Sozialwohnungen. Wobei mindestens 5000 Sozialwohnungen pro Jahr gebaut werden müssen, damit der Wohnungsbestand im sozialen Bereich überhaupt mal steigt. Das aktuelle ein Drittel ist zu gering.

Mieten sind ein Thema, das uns Hamburger seit Langem umtreibt.

Die Mieten sind ein weiterer Aspekt, warum es in Hamburg höhere Armut gibt. Ein großer Anteil der Bewohner muss 30, 40, 50 Prozent und mehr seines Einkommens für Mieten ausgeben. Je kleiner das Einkommen, umso größer ist der Anteil für die Miete. Für die, die Hartz IV oder eine Grundsicherung erhalten, wird eine angemessene Miete vom Staat bezahlt. Aber auch hier gibt es Quadratmeter-Höchstzahlen und nur wer diese einhält, wird voll gefördert. Wenn jemand eine größere Wohnung hat, wird der Antragsteller aufgefordert, umzuziehen. Dann kommen die Betroffenen oft zu uns in die soziale Rechtsberatung. Wenn wir Widerspruch einlegen, wird die Aufforderung meist zurückgezogen, denn wir fragen immer: Wo ist denn die Wohnung, in die die Menschen ziehen sollen? Die gibt es ja gar nicht.

Ein anderer Aspekt ist die Preissteigerung der Energiekosten, der man nicht ausweichen kann. Menschen, die wenig haben, können es sich nicht leisten, wenn der Gaspreis plötzlich um 100 Prozent erhöht wird. Das macht sich aktuell bemerkbar, denn die Tafeln, die kostenfrei Essen und Lebensmittel anbieten, haben Hochkonjunktur. Auch in dem Sozialkaufhaus, das wir in Osdorfer Born betreiben, merkt man zunehmende Armut und ein höheres Aufkommen der Menschen.

Solidarität

Sollten in unserer sozialen Gesellschaft reiche Menschen mehr zur Verantwortung gezogen werden?

Mit unserer neuen Bundesregierung ist die Diskussion der Umverteilung noch einmal hochgekommen beziehungsweise wurde gedeckelt. Eine Steuerpolitik, die diejenigen, die mehr Geld haben, etwas stärker belastet, kommt ja nicht zustande. Das wäre aber notwendig. Wir fordern natürlich eine starke Umverteilung und eine Veränderung der Steuerpolitik ist der Weg, der eingeschlagen werden muss. Es muss eine Vermögenssteuer eingeführt werden. Der Spitzensteuersatz, die sogenannte Reichensteuer, muss erhöht werden. Es werden unglaublich hohe Erbschaften weitergegeben, auf die nur so ein paar kleine Steuern fällig werden. Wenn all das geändert werden würde, könnte man locker im Jahr 50 Milliarden oder je nachdem wie hoch die Veränderungen wären, auch 100 Milliarden einnehmen. Auf der anderen Seite gibt es Leute, die sagen, dass dies ihnen persönlich schadet.

Dagegen behaupten wir, wenn jemand mit beispielsweise einem Jahreseinkommen von 250.000 Euro zwei, drei Prozent mehr Steuern zahlen muss, bemerkt er das in dieser Größenordnung gar nicht. Wir haben in Deutschland einen unglaublichen Reichtum von 7,3 Billionen Privatvermögen. Und das ist in der Pandemie noch einmal gestiegen. Während die Anzahl derjenigen am unteren Ende, die nichts haben oder sogar Schulden, deutlich ansteigt. Das heißt, die Schere, die wir bereits oben erwähnt haben, geht in der Gesamtgesellschaft auseinander. Und das beobachten wir auch in Hamburg. Deshalb ist die Solidarität der Gesellschaft eine Grundforderung, damit es denjenigen, den es nicht so gut geht, ein bisschen besser geht.

Existenzängste

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Klaus Wicher hat 2019 das Buch „Lebenswertes Hamburg. Eine attraktive und soziale Stadt für alle?“ herausgegeben (Foto: Henning Scheffen)

Gibt es eigentlich noch die sogenannte Mittelschicht?

Ja, die gibt es noch. Aber auch hier wird ein sehr starker Abstieg verzeichnet und sie wird dünner. Früher hieß es, dass es aus der Mittelschicht allenfalls nach oben geht. So ist das heute nicht mehr. Das hat die Pandemie noch mal deutlich gezeigt. Solo-Selbstständige und Kleingewerbetreibende, die zum Teil eine gute Perspektive hatten und zurechtgekommen sind, mussten schließen. Und plötzlich waren sie arbeitslos und da sie meistens nicht in die Arbeitslosenversicherung einbezahlt haben, bekamen sie direkt Hartz IV. Das geschieht aber auch in normalen Zeiten. Und es gibt nicht mehr die Sicherheit: Ich bin im Mittelstand mit gutem Verdienst, baue ein Häuschen und wenn ich alt bin, dann lebe ich in dem Häuschen. Das ist leider so nicht mehr und erzeugt Existenzängste.

Mit was für Anliegen oder Sorgen kommen die Menschen zum Sozialverband Hamburg?

Das ist sehr unterschiedlich. Wir machen ja soziale Rechtsberatung, also keine Sozialberatung im eigentlichen Sinne. Acht Juristinnen und Juristen beraten und prüfen, ob die Fälle, die an uns herangetragen werden, rechtens sind und ob etwas dagegen unternommen werden kann. Zum Beispiel, wenn die Krankenkasse Anträge ablehnt oder die Erwerbsminderungsrente zu niedrig ist. Aber auch wenn der Grad einer Behinderung nicht richtig eingeordnet wurde und die Person dadurch Nachteile hat. Dann legen wir Widerspruch ein und notfalls klagen wir auch vor dem Sozialgericht. Es geht um Sozialrecht und um Leistungen, die einem zustehen. Wir können nicht immer etwas tun, manchmal sind auch uns die Hände gebunden, weil die Gesetze einfach nicht gut sind.

Viele Probleme, wenig Kommunikation

Außerdem betreibt der Sozialverband klassische Lobbyarbeit, oder?

Genau. Bundesweit haben wir ungefähr 620.000 Mitglieder und in Hamburg, der größte Stadtverband im Verbund, etwa 24.000. Wir gehen auf die Politik zu, äußern unsere Bedenken und machen Vorschläge. Auf Bundesebene kümmern wir uns, und das betrifft nicht nur die Abgehängten in der Gesellschaft, um das Rentensystem, Krankensystem, Pflegesystem, Arbeitslosensystem und das System der behinderten Menschen. Das sind die fünf großen Bereiche der klassischen Sozialversicherung. Zum Beispiel hat die neue Bundesregierung ein anderes Rentensystem vor Augen, sie wollen ja sozusagen die Rente mit Aktien stützen (lacht). Zu genau diesem Punkt nehmen wir Stellung, um den Menschen am Schluss eine vernünftige Rente präsentieren zu können. In Hamburg ist es unter anderem das Thema Pflege-Aufsicht, um das wir uns kümmern. Pflegeheime müssen, gesetzlich vorgeschrieben, kontrolliert werden. Das wurde eine Zeit lang sehr vernachlässigt und die Frage ist, wie baut man das nach der Pandemie wieder auf?

Wie läuft die Zusammenarbeit mit Hamburgs Politikern?

Wenigstens einmal im Jahr setze ich mich mit den Parteispitzen der Bürgerschaft für ein Orientierungsgespräch zusammen und weise sie auf das hin, was im Argen liegt und präsentiere unsere Vorschläge, damit es weitergeht. Wir sprechen mit allen Parteien außer mit der AfD, das hat keinen Sinn, denn sie hat nichts zu bieten. Dann spreche ich natürlich auch hin und wieder mit unserer Sozialsenatorin Frau Dr. Leonhard und den Staatsräten wie Herrn Schulz aus der Schulbehörde. Und wir tauschen uns aus mit den Fachsprechern aus. Zum Beispiel haben wir der Fachsprecherin für öffentlich geförderte Beschäftigung, zu der Frage, wie man aus Hartz IV rauskommt, einen Vorschlag unterbreitet, den sie gut fand. Da bleiben wir dann dran.

Ein anderes Beispiel: Bei der Grundsicherung im Alter gibt es die Möglichkeit, dass die Stadt diese aus eigenen Mitteln aufstockt. München macht das bereits seit sieben Jahren und stockt mit 21 Euro im Monat auf. Das scheint nicht viel, aber Menschen, die nichts haben, leben eine Woche davon. Die Stadt Hamburg macht das nicht. Und dazu sind wir jetzt in einer schärferen Auseinandersetzung mit Frau Dr. Leonhard.

„Wir sehen eine Bedrohung unserer Gesellschaft“

Armut macht mit dem Menschen ja was. Wie wirkt sich das auf die Gesellschaft aus?

Das Hauptproblem, das wir sehen, ist eine Bedrohung unserer Gesellschaft. Das sind nicht nur Menschen, die, was ich auch verstehe, Angst vor der Impfung haben. Sondern, und das wird jetzt sehr sichtbar, Menschen, die unsere Gesellschaft gar nicht wollen. Natürlich haben auch wir Kritik an unserem Wirtschaftssystem. Aber grundsätzlich finden wir die Gesellschaft in Ordnung. Doch die wollen raus aus der Gesellschaft. Das sind nicht alles Faschisten, aber auch. Das heißt, die wollen eine Diktatur errichten. Oder die Reichsbürger würden gerne wieder einen Kaiser haben.

Und dann gibt es Menschen, die sind enttäuscht von dieser Gesellschaft. Die in der Pandemie so gelitten haben und nun das Gefühl haben, dass jetzt auch mal was zurückkommen muss. Deshalb haben wir dazu aufgefordert, dass die Stadt den Menschen mit Grundsicherung und Hartz-IV-Empfängern jeweils 80 Euro im Monat geben soll, solang die Pandemie andauert. Darauf erfolgte keine Reaktion. Unsere Sorge ist, dass sich die Menschen immer weiter von dieser Gesellschaft entfernen.

Die sozialpolitischen Leitlinien und mehr finden sich beim Sozialverband Deutschland


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Corona trifft die, die schon vorher weniger hatten

Das Armutsrisiko in Hamburg steigt: Trotz staatlicher Unterstützung fallen viele Menschen während der Pandemie durchs Raster

Text: Andreas Daebeler

Flaschensammler bessern rund um Millerntor und Barclays Arena ihr Einkommen auf. Straßenmusiker erspielen sich auf dem Kiez ein paar Euro. Trinkgeld landet im Pott – und wird nach der Schicht unter allen, die an der Bar ackern, aufgeteilt. Das sind Bilder, die uns bis März 2020 vertraut waren. Sie sind seltener geworden.

Stadien sind leer, der Kiez ist weit weg vom Trubel früherer Jahre. Bars sind geschlossen. Corona hat gerade die, die schon vor der Pandemie nicht viel hatten und kreativ sein mussten, um im teuren Hamburg klarzukommen, noch ärmer gemacht. Eine Zahl belegt das. Sie prägt den vor wenigen Wochen präsentierten Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, in dem das erste Corona-Jahr beleuchtet wird. Demnach lag Hamburgs Armutsrisiko-Quote bei 17,8 Prozent und somit über dem bundesweiten Niveau von 16,1 Prozent. Das Risiko, in die Armut abzugleiten, stieg in Hamburg deutlich an – von 15 Prozent im Jahr zuvor.

Pandemiebedingte Mehrkosten

„Angesichts des wirtschaftlichen Einbruchs überrascht uns der Anstieg der Armutsquoten nicht“, so Kristin Alheit, die die Geschäfte beim Paritäten führt. Dass die Zahlen nicht dramatischer gestiegen seien, liege offensichtlich an den rasch von Bund und Hamburger Senat ergriffenen Maßnahmen wie dem Kurzarbeiter- und dem Überbrückungsgeld. Viele Menschen hätten zwar schmerzhafte Einbußen hinnehmen müssen, seien dank stattlicher Maßnahmen jedoch noch nicht in die Armut abgerutscht.

Wichtig sei allerdings, dass die Hilfen auch 2022 nicht gekappt würden. Denen, die schon vor Corona wenig hatten, helfen Förderungen jedoch eh kaum. „Ihre Not ist gewachsen, etwa durch das Verschwinden von Pfandflaschen aus dem öffentlichen Raum und das stark eingeschränkte Angebot der Tafeln insbesondere zu Beginn der Pandemie“, so Alheit. Hinzu kämen pandemiebedingte Mehrkosten, etwa für Desinfektionsmittel und Masken.

Besonders betroffen seien Frauen

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Kristin Alheit: Geschäftsführende Vorständin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Hamburg (Foto: Paritätischer Wohlfahrtsverband)

Die Belastung am untersten Rand dieser Gesellschaft war und ist auch in Hamburg besonders groß. Milliarden Euro schwere Konjunkturprogramme kommen bei vielen Menschen gar nicht erst an. So wurde der ausgezahlte Kinderbonus von 300 Euro pro Kind nicht mit Hartz-IVLeistungen verrechnet. Es dauerte bis zum Mai 2021, bis alle Beziehenden von Hartz IV und Altersgrundsicherung einen einmaligen Betrag von gerade einmal 150 Euro ausgezahlt bekamen. Besonders hoch ist das Armutsrisiko laut Statistik bei Familien mit drei und mehr Kindern (30,9 Prozent) sowie bei Alleinerziehenden (40,5 Prozent). Erwerbslose und Menschen mit niedrigen Bildungsabschlüssen sowie Migrationshintergrund sind ebenfalls stark überproportional betroffen.

„Die allgemeinen Folgen der Pandemie trafen Arme ungleich härter“, sagt auch der Präsident des Paritäten, Ulrich Schneider. Zudem seien insbesondere selbstständige Erwerbstätige die Einkommensverlierer der Corona-Krise. Das schlage sich auch in den Armutsquoten nieder. Dazu passt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaft, der zufolge die Pandemie für viele Selbstständige zu einem Einkommensschock führte. Der Anteil derer, die ihr Geschäft aufgeben und danach keinen sozialversicherungspflichtigen Job finden, sei von neun auf 15 Prozent gestiegen. Besonders betroffen seien Frauen. Dies erkläre sich wahrscheinlich dadurch, dass sie in den ersten Monaten der Pandemie branchenbedingt häufiger Einkommensverluste erlitten als selbstständige Männer.

Stadt der Kreativen

Damit entwickele sich die COVID-19-Pandemie mehr und mehr zu einer Krise für selbstständige Frauen. Dies wirke sich letztlich nicht nur auf die betroffenen Selbstständigen selbst aus, sondern ebenso auf deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie auf diejenigen Wirtschaftszweige, etwa das Gastgewerbe, den Handel oder auch das Beherbergungsgewerbe. Während Manager großer Onlinehändler ihr Geld zählen und Supermarktketten zu den Gewinnern der Krise gehören, wenn Menschen nicht mehr ins Restaurant gehen, trifft die Krise kleinere Unternehmer mit voller Wucht. Etwa in Hamburgs Gastro: Die Daniela Bar ist nur eines von vielen Beispielen.

„Zum Heulen ist uns jetzt ganz besonders, da wir nach 21 Monaten Pandemie, Lockdowns und etlichen Verordnungen mit unserer Kraft und Leidenschaft am Ende sind“, lauteten bei Instagram die Abschiedsworte der beiden Wirtinnen, Florence Mends-Cole und Patricia Neumann, bevor sie die Tür der 1992 eröffneten Institution vor einigen Tagen zum letzten Mal schlossen. Auch im altehrwürdigen Landhaus Walter am Stadtpark etwa drohen gerade die Lichter auszugehen. Hinter den Läden stehen nicht nur Betreiber, sondern auch Menschen, die oft für kleines Gehalt servieren, abräumen und freundlich sind. Trinkgelder machen oft einen erheblichen Teil der Einkünfte aus. Diese Einbußen tauchen in keiner Statistik auf. Hamburg ist eine Stadt der Kreativen, der Künstler, Musiker und Schauspieler. Viele von ihnen sitzen ohne Aufträge da, wechseln die Branche, um ihr Leben zu bestreiten und ein Auskommen zu haben. Somit droht auch kulturelle Verarmung.

Folgen noch nicht absehbar

Keine Frage, dass ein Hamburg ohne Konzerte, mit harten Einschnitten bei Ausstellungen und dem Theater an Lebensqualität einbüßt. Mal ganz abgesehen von den Menschen, die nahe am Kulturbetrieb leben, von Bühnenbauern, Beleuchtern und Ausstattern. Und den Clubs, Bars und Hallen, die oft gerade denen Jobs bieten, die es auf dem Arbeitsmarkt nicht so leicht haben. Immerhin gibt es Licht am Ende des Tunnels. So hat sich die Arbeitslosenquote in Hamburg von 8,8 Prozent im ersten Lockdown mittlerweile bei rund 6,5 Prozent stabilisiert.

Die Frage, wie weit Corona sich in puncto Armut auswirkt, kann allerdings noch längst nicht abschließend beantwortet werden. Etwa weil Kündigungen und Räumungsverfahren während der Pandemie ausgesetzt sind. Sie werden nachgeholt werden, sobald die gesundheitspolitische Lage sich entspannt. Viele, die durch Corona in akute Not geraten sind, werden auch dann noch kämpfen. Experten befürchten, dass dann viele Menschen ihre Wohnungen verlieren werden. Gerade in Hamburg, wo die durchschnittliche Miete sich trotz Pandemie in den vergangenen zwei Jahren um 7,3 Prozent erhöht hat.

Paritätischer Wohlfahrtsverband Hamburg


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Hinter der Fassade

Hamburg ist eine der reichsten Städte Deutschlands, mit der höchsten Dichte an Millionären, doch hinter der hübschen Fassade gibt es auch massive Armut – und diese nimmt jährlich zu. Die soziale Spaltung der Gesellschaft ist längst Realität. Kann der Hamburger Bundeskanzler Olaf Scholz das Ruder rumreißen?

Text: Marco Arellano Gomes

Armut hat viele Gesichter. Einige davon sieht man täglich: beim Einkauf, beim Spazierengehen, bei der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel. Menschen, die nach einem Euro fragen, die in Mülltonnen nach Pfandflaschen suchen, die emotions- und kraftlos mit Pappschild und Pappbecher in einer Ecke sitzen und auf die Großzügigkeit der Passanten hoffen. Armut hat viele Gesichter. Viele davon sind nicht öffentlich: Menschen, die abgehängt sind, die viel verloren haben, die sich kaum noch aus ihrer Wohnung trauen, vor Scham. Sie existieren, aber sie partizipieren nicht mehr am gesellschaftlichen Leben. Weil das Geld fehlt, die Kraft, die Würde. Die Pandemie hat die Armut aus dem Zentrum des medialen Interesses gerückt – obwohl sie die prekäre Lage der betroffenen Menschen verschärft hat.

Das Armutsrisiko in Deutschland ist gestiegen – das zeigt der Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtverbands, der am 16. Dezember in Berlin vorgestellt wurde. In der Hansestadt liegt es über dem Bundesdurchschnitt. Demnach lag die Armutsrisikoquote 2020 in der Hansestadt bei 17,8 Prozent – und somit über dem Bundesschnitt von 16,1. Eine Steigerung zum Vorjahreswert von 1,9 Prozentpunkten (2019: 15,9 Prozent) – wobei die Daten aufgrund methodischer und Corona-bedingter Besonderheiten nur bedingt vergleichbar seien, wie Dr. Ulrich Schneider, der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes ausdrücklich betont.

„Die Armut in Deutschland erreicht einen neuen Höchststand“

Die Zahlen beruhen auf Angaben des Statistischen Bundesamtes. Sie zeigen den höchsten Wert an, der je gemessen wurde. „Die Armut in Deutschland erreicht einen neuen Höchststand“, so der Befund. Der Anstieg der Armutsquote um „nur“ 0,2 Prozentpunkte zeigt aber auch, dass „die rasch ergriffenen Unterstützungsmaßnahmen von Bund und Ländern noch höhere Armutswerte durchaus verhindern konnten“, so Schneider. Kurzarbeitergeld, Wirtschaftshilfen und Arbeitslosengeld I konnten ein – an­gesichts der Herausforderung einer Pandemie – zu erwartendes Anwachsen der Armut zum großen Teil verhindern. Dennoch: 16,1 Prozent der Gesamtbevölkerung in Deutschland – also 13,4 Millionen Menschen – müssen zu den Armen gerechnet werden.

Die Entwicklung ist eindeutig: 2006 lag die Quote noch bei 14 Prozent. Gerade das schlechte Abschneiden der Hansestadt gibt zu denken: „Deutschland ist nicht nur sozial, sondern auch regional ein tief gespaltenes Land und die Gräben werden immer tiefer. Während Bayern (11,6 Prozent) und Baden-Württemberg (12,2 Prozent) vergleichsweise gut abschneiden, kommt Hamburg gerade mal auf den 11. Platz – vor Sachsen (17,9 Prozent), Mecklenburg-Vorpommern (19,7 Prozent), Berlin (20,6 Prozent), Sachsen-Anhalt (20,6 Prozent) und Schlusslicht Bremen (28,4 Prozent). Wenn in einem Bundesland jeder zehnte und in einem anderen mehr als jeder vierte Einwohner zu den Armen gezählt werden muss, hat dies mit gleichwertigen Lebensbedingungen in ganz Deutschland nichts mehr zu tun“, so Schneider.

Formen der Armut

Doch was heißt Armut? Wie wird sie definiert? Wer zählt dazu? Und wer ist davon bedroht? Ein Blick auf die Zahlen: Demnach sind es vor allem Erwerbslose (52 Prozent), Alleinerziehende (40,5 Prozent), Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit (36 Prozent) und mit niedrigen Bildungsabschlüssen (31 Prozent) sowie kinderreiche Paarhaushalte (30,9 Prozent) besonders von Armut betroffen. Es ist das seit Jahren bekannte soziodemografische Risikoprofil der Armut. Maßstab zu dieser Beurteilung ist ein relativer Armutsbegriff, der auf EU-Standards fußt. Als armutsgefährdet gilt in Europa demnach, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Gezählt werden Personen, die in Haushalten leben und deren Ein­kommen diese Grenze unterschreitet. Bei Einpersonenhaushalten lag die Armutsschwelle 2020 bei 1126 Euro, bei einer Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 2364 Euro. Arm ist demnach also, wer an der Lebensweise der Gesellschaft nicht oder nicht in ausreichendem Maße teilhaben kann.

Erwerbsarmut, Altersarmut und Kinderarmut

Diese Armut hat viele Formen: Erwerbsarmut ist eine davon: 9,7 Prozent aller Beschäftigten in der Hansestadt Euro brutto im Monat. Sie sind arm – trotz Arbeit. Fast jeder fünfte Vollzeitarbeitende in Deutschland musste einer Studie vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) zufolge 2020 mit maximal 2284 Euro brutto im Monat auskommen.

Eine weitere Form ist die Altersarmut: Aus einer aktuellen Studie des Bundesseniorenministeriums im Dezember geht hervor, dass fast ein Viertel der Menschen mit über 80 Jahren in Deutschland von Armut betroffen sind. 22,4 Prozent der Bevölkerung im Alter von 80 Jahren und älter verfügen demnach maximal über ein monatliches Netto-Einkommen von 1.167 Euro. In Hamburg sind nach Angaben der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) 64.400 Vollzeitbeschäftigte selbst nach 45 Arbeitsjahren im Rentenalter von Armut bedroht. Das Statistikamt Nord informierte darüber, dass „am Jahresende 2020 gut 47.685 Frauen und Männer im Alter in Hamburg Grundsicherungsleistungen zur Sicherstellung der laufenden Lebensführung erhalten.

Die tragischste Form ist die Kinderarmut. Sie wird in aller Regel vererbt. Haben die Eltern ein zu geringes Einkommen, erleben die Kinder in aller Regel ebenfalls ein Leben in Armut, aus dem sie aufgrund der vielfältigen Nachteile schwer herausfinden. Fast jedes fünfte Kind (19,6 Prozent) in Hamburg ist laut Statistikamt Nord von Hartz IV abhängig (Stand: 2019). Die Klassenfahrt, die man sich nicht leisten kann, Klamotten, die man sich nicht leisten kann, Bücher, die nicht erworben werden können – die Benachteiligungen sind vielfältig.

Was Armut bedeutet

Hinter diesen Zahlen stehen Schicksale, Belastungen und Nöte, die durch Statistiken nicht zum Ausdruck kommen. Arme Menschen leben unter Zuständen, die einer wohlhabenden Demokratie nicht würdig sind. Armut macht ängstlich, traurig, verzweifelt. Das Leben erscheint weniger plan- und kontrollierbar. Überforderungen, Stress und materielle Entbehrungen haben auf Dauer Auswirkungen auf die Gesundheit und das Wohlbefinden. Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben ist da kaum möglich. Urlaub wird zum unerreichbaren Traum. Die psychische Belastung von Armen ist höher als von Nichtarmen.

Zunahme der Ungleichheit

Dass immer mehr Menschen von Armut betroffen sind, sollte in einer funktionierenden Demokratie Alarm auslösen. Denn eine demokratische Gesellschaft lebt davon, dass alle Menschen gleiche Chancen haben, am Wohlstand und der Gesellschaft zu partizipieren. Tendenziell erodiert die Mittelschicht hingegen seit geraumer Zeit. Wer mit offenen Augen durch die Stadt spaziert, kann dies erkennen: Am wachsenden Leerstand, an Rentnern, die in Mülleimern nach Pfandflaschen Ausschau halten, an den sorgenvollen Gesichtern. Der Frust, der daraus entsteht, manifestiert sich in Politikverdrossenheit, einem Zulauf an alternativen Parteien und demokratiefeindlichen Bewegungen.

Die schwarz-rote Bundesregierung veröffentlichte am 25. April vergangenen Jahres ihren Armuts- und Reichtumsbericht, der seit 2001 in regelmäßigen Abständen publiziert wird. In dieser inzwischen sechsten Version wird einmal mehr deutlich, dass die Ungleichheit in Deutschland wächst. Doch in einen Alarmzustand versetzte das die Regierung nicht. Der Sozialforscher Christoph Butterwegge, der den Bericht kritisch begleitete, konstatierte gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“, dass der Bericht ohnehin einem neoliberalen Narrativ folge, „das Armut verharmlost und Reichtum verschleiert“. Laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung gehören den reichsten zehn Prozent der Bevölkerung inzwischen mehr als 67 Prozent des Nettogesamtvermögens. Wenn 45 Familien mehr besitzen als die Hälfte der gesamten Bevölkerung, also 40 Millionen Menschen, dann ist etwas schiefgelaufen.

Gründe für die Ungleichheit

Die Ungleichheit hat System. Sie ist zum einen die Folge eines deregulierten Arbeitsmarktes, eines gelockerten Kündigungsschutzes, der Einführung von Leiharbeit, Mini- und Midijobs – kurz: der prekären Beschäftigungsverhältnisse. Der Niedriglohnsektor macht inzwischen fast ein Viertel aller Beschäftigungsverhältnisse aus. Parallel dazu wurde der Sozialstaat durch Reformen schrittweise demontiert. Hinzu kommt die Fiskalpolitik: Kapital- und Gewinnsteuern wurden entweder abgeschafft (unter anderem die Börsenumsatz- und die Gewerbekapitalsteuer), werden nicht mehr erhoben (Vermögenssteuer) oder wurden drastisch gesenkt (Körperschafts- und Kaptitalertragssteuer sowie der Spitzensteuersatz in der Einkommenssteuer).

Wer erbt, kann dies aufgrund der hohen Freibeträge tun, ohne nennenswerte Summen an Erbschaftssteuer zu zahlen. Erhöht wurde 2007 hingegen die Mehrwertsteuer (von 16 auf 19 Prozent) – die seither insbesondere die Armen und die Mittelschicht belastet. Die gegenwärtige Inflation verteuert das Leben zusätzlich und trifft ebenfalls diejenigen, die wenig haben ungleich härter. Laut Statistischem Bundesamt ist die Jahresinflation in Deutschland 2021 mit 3,1 Prozent so hoch ausgefallen wie seit 1993 nicht mehr. Im Dezember lag die Teuerungsrate mit 5,3 Prozent auf dem höchsten Niveau seit fast 30 Jahren. Vor allem die Preise für Energie (plus 18,3 Prozent) und Lebensmittel (plus 6 Prozent) zogen stark an.

Wohnen: Die neue soziale Frage

Nirgends macht sich die Kluft zwischen Arm und Reich so stark bemerkbar wie beim „sozialräumlichen Zerfall der Städte“, so Butterwegge. Viele Familien können sich die Innenstadt-Lagen nicht mehr leisten und werden an die Ränder der Stadt gentrifiziert. Kein Wunder, so der Sozialforscher, wenn die Wohnungsbau- und Stadtentwicklungspolitik seit den 1980er-Jahren privaten Investoren weitestgehend das Feld überlässt. Wohnen wurde zum Spekulationsobjekt. Viele Kommunen verkauften ihre Wohnbestände und hofften, dass die Märkte es schon richten. Immer mehr Wohnungen fielen zudem aus bestehenden sozialen Mietpreisbindungen, während nicht genügend sozialer Wohnraum dazukam. Die Wohnfrage drohe „die soziale Frage des nächsten Jahrzehnts“ zu werden, so Butterwege gegenüber der „SZ“.

Gerade in Großstädten wie Hamburg verschärft sich die Lage von Jahr zu Jahr. Der im Dezember vorgestellte Mietenspiegel zeigt, dass die Mieten seit 2019 um 7,3 Prozent gestiegen sind. Die stärkste Steigerung seit 20 Jahren! Die Mietervereine sind entsetzt und fordern mehr Engagement des Senats. Offenbar reiche das viele Bauen nicht aus, um den Anstieg der Mieten in Hamburg zu bremsen. Die Durchschnitts-Nettokaltmiete beträgt in Hamburg aktuell 9,23 Euro pro Quadratmeter. Für Neubauten in guten Wohnlagen liegt der Wert im Schnitt über 17 Euro. Die Anzahl der Haushalte, die Wohngeld erhalten, hat sich laut Statistikamt Nord im Vergleich zum Vorjahr um 24 Prozent auf 12.960 erhöht.

Arme und reiche Stadtteile

Der Hamburger Verein Mieter helfen Mietern spricht von einem „Versagen der Mietenpolitik“. Weitere Mieterhöhungen seien zu befürchten, da sich die Vermieter auf den neuen Mietenspiegel berufen können. „Der Anstieg der durchschnittlichen Nettokaltmiete mahnt uns, nicht nachzulassen in unseren Anstrengungen, den Mietenmarkt mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln zu entlasten“, konstatiert Bausenatorin Dorothee Stapelfeldt (SPD).

Im Stadtbild macht sich die wachsende Ungleichheit längst bemerkbar. Es gibt Stadtteile, die eindeutig arm sind und Stadtteile, die relativ wohlhabend sind. Nienstedten, Blankenese, Wellingsbüttel und Harvestehude auf der einen Seite. Steilshoop, Billstedt und Veddel auf der anderen. Das ist in Hamburg schon lange so, auch wenn es Bemühungen gibt, dieses Gefälle auszugleichen (unter anderem durch Projekte wie dem „Sprung über die Elbe“). In ihrem Sozialmonitoring-Bericht spricht die Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen von „hoher sozialräumlicher Stabilität“. In Wahrheit ist es eine Zementierung der sozialen Verhältnisse.

Was tun?

„Der Regelsatz ist und bleibt die zentrale Stellgröße im Kampf gegen die Armut und für den Zusammenhalt dieser Gesellschaft“, sagt Dr. Ulrich Schneider bei der Präsentation des Paritätischen Armutsberichts. Aber selbst er, der Warner und Mahner, sieht Hoffnung am Horizont. Es gibt Wege für mehr Ausgleich, mehr Chancen, mehr Wohlstand für alle. Und einige sind im Koalitionsvertrag der neuen Ampel-Regierung erwähnt: So soll der Mindestlohn von derzeit 9,82 Euro auf zwölf Euro brutto erhöht werden. Allein das dürfte das Gehaltsgefüge in Deutschland stark verändern. Nach einer Berechnung des Pestel-Instituts würde eine Anhebung des Mindestlohns auf zwölf Euro die Kaufkraft um etwa 9,8 Milliarden Euro pro Jahr anheben. Scholz versprach den Mindestlohn noch 2022 durchzukriegen. Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) arbeitet „mit Hochdruck“ am Gesetzesentwurf. Der Nachrichtenagentur Reuters zufolge soll der Mindestlohn von zwölf Euro ab Oktober in Kraft treten.

In dem Koalitionsvertrag finden sich weitere sozialpolitische Überraschungen: So soll es unter der Ampel-Regierung zu einer Kindergrundsicherung kommen. Hartz IV soll durch ein Bürgergeld abgelöst werden. Die Rente soll um kapitalgedeckte Elemente ergänzt werden.

Christian Lindner: Der Anwalt der Wohlhabenden

Auch das Wohngeld soll gestärkt und um einen einmaligen Heizkostenzuschlag ergänzt werden. Darüber hinaus sind eine staatlich finanzierte Bildungszeit für Beschäftigte, ein Qualifizierungsgeld für Betriebe und Arbeitnehmer in Krisenbranchen und eine Verbesserung des BAföG und – man höre und staune – die Überwindung der Obdach- und Wohnungslosigkeit bis 2030 geplant. Bei allen Vorhaben wird es letztlich auf die konkrete Ausgestaltung ankommen – und auf die Kosten! Denn jede dieser Koalitionsvereinbarungen steht unter dem Vorbehalt der Finanzierbarkeit. Ist das Geld nicht da, bleibt die Umsetzung ungewiss. Und über das Geld wacht ab sofort Finanzminister Christian Lindner (FDP), der eigentlich entgegengesetzte Pläne hegte. Seine Rolle als Anwalt der Wohlhabenden hat er jedenfalls nicht an den Nagel gehängt: So sorgte er mit der FDP dafür, dass im Koalitionsvertrag der Spitzensteuersatz unangetastet bleibt, die Vermögenssteuer nicht wieder eingeführt wird und eine strikte Schuldenbremse vorgesehen ist. Das Wort Erbschaft taucht im Vertrag nicht einmal auf.

Nun hat die Pandemie bereits enorme Kosten verursacht, um Arbeitsplätze zu sichern. Bis Mitte Dezember hat der Staat 42 Milliarden allein für Kurzarbeit ausgegeben. Ein Großteil davon kommt mittlerweile aus dem Bundeshaushalt, da die Rücklagen der Arbeitslosenversicherung bereits aufgebraucht waren. Kurzarbeit und Wirtschaftshilfen verhinderten Massenentlassungen. Doch der Erfolg ist teuer erkauft.

Bauen als Lösung?

Auch das Wohnen spielt im Koalitionsvertrag eine wichtige Rolle. Ein eigenes Ministerium wurde hierzu ins Leben gerufen, mit Klara Geywitz (SPD) als Bauministerin. Vorbild: Hamburgs „Bündnis für das Wohnen“. Strategie: „Bauen, bauen, bauen.“ 400.000 neue Wohnungen sollen pro Jahr hochgezogen werden. Ein ehrgeiziges Ziel. Wo die Grundstücke – gerade in Großstädten – herkommen sollen, bleibt offen. Zudem ist die Lage im Baugewerbe aufgrund von Rohstoffknappheit und Lieferengpässen angespannt – was die Baupreise in die Höhe treibt und Investoren zögern lässt. Und im Gegensatz zu dem Hamburger Vorbild, bei dem ein Drittel der Neubauten dem sozialen Wohnungsbau vorbehalten ist, wird auf Bundesebene nur ein Viertelmix angewandt.

Dabei wird bereits der Drittelmix unter Experten als nicht ausreichend angesehen. Im Interview mit SZENE HAMBURG verriet Prof. Dr. Ingrid Breckner, dass „allein in Hamburg etwa 50 Prozent der Einwohner einen Anspruch auf eine Sozialwohnung“ haben. Auf die Frage, ob der Hamburger Drittelmix beim Neubau reiche, um die Entwicklung zu korrigieren, antwortete die Stadtsoziologin: „Das dürfte wahrscheinlich nicht reichen. In einzelnen Projekten wird der Drittelmix daher auch nicht mehr angestrebt, sondern ein Halbmix von bis zu 50 Prozent.“ Ein zentraler Fehler ist auch die geringe Begrenzungsdauer von sozialem Wohnungsbau. Diese sollte überdacht, wenn nicht sogar abgeschafft werden – wie Mietervereine seit Jahren fordern. Im Koalitionsvertrag ist von einer „dauerhaften Sozialbindung bezahlbaren Wohnraums“ die Rede. Das lässt zumindest hoffen.

„Die heile Welt, in der wir leben, ist ein Trugschluss“

Zu Silvester beschwor Kanzler Scholz den gesellschaftlichen Zusammenhalt, um einer drohenden Spaltung der Gesellschaft durch Corona entgegenzuwirken. Doch eine soziale Spaltung ist bereits da. „Die heile Welt, in der wir leben, ist ein Trugschluss“, so der Sozialforscher Butterwegge gegenüber dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Wer den sozialen Zusammenhalt wünscht, muss auch etwas dafür tun. Einige Weichen hierzu sind im Koalitionsvertrag fixiert. Nun wird es auf die Umsetzung und Weiterführung ankommen. Da ist die Politik gefragt – auch in Hamburg –, aber auch die Gesellschaft und die Unternehmer. Die Stärkung der Mitte kann nur gemeinsam gelingen. Hierzu reicht nicht nur der Blick auf die hübsche Fassade.


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 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2022. Das Magazin ist seit dem 29. Januar 2022 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Poliklinik Veddel – gegen medizinische Unterversorgung

Nur eine Apotheke und eine Arztpraxis – die Veddel ist ein armer und medizinisch unterversorgter Stadtteil. Die Poliklinik arbeitet seit ihrer Eröffnung der Vernachlässigung entgegen. Die meisten Ärzte zieht es in wohlhabendere Viertel.

Text: Ulrich Thiele
Fotos: Jérome Gerull

Der erste Eindruck: Freundlich. Freundlich ist der Warteraum mit dem hellblauen Boden, dem pinken Sofa und den bunten Plakaten an den Wänden, auf denen die Gäste ihre Gedanken über und Wünsche für die Veddel notiert haben – „zu viel Lärm“, „mehr Rolltreppen“ und „viel zu viele Cafés voll mit Männern“ steht auf den Post-its geschrieben.

Freundlich ist auch Karin, die grauhaarige Frau mit dem Kurzhaarschnitt am Empfangstresen, die gerade einem der Gäste lächelnd einen durchsichtigen Plastikbeutel mit Medikamenten in die Hand drückt. „Wir sehen uns dann nächste Woche“, ruft sie dem überschwänglich zum Abschied winkenden Herren höheren Semesters nach. Auf den ersten Blick mag es angesichts der warmen Atmosphäre überraschen, wenn man erfährt, was für eine theoriefreudige Einrichtung die Poliklinik ist – wird doch kaum etwas so sehr mit grauer und kühler Nüchternheit verbunden wie die Theorie.

 

„Veddeler leben im Durchschnitt zehn Jahre kürzer“

 

„Wir sind kein Charity-Projekt“, betonen die Juristin Katja Schlegel und der Mediziner Sebastian Hofmann. In zu vielen Medienberichten seien sie in der Vergangenheit zum Typ „naive Aktivisten wollen die Welt retten“ verniedlicht worden. Dabei basiert die Poliklinik auf durchdachten strukturellen Analysen. „Leute, die ärmer sind, leben kürzer. Die Menschen auf der Veddel leben im Durchschnitt zehn Jahre kürzer als die Menschen in wohlhabenden Vierteln“, sagt Katja Schlegel.

Oft seien es die Umstände, die krank machen, und nicht das individuelle Verhalten. „Es gibt soziale Determinanten, die sich auf die Gesundheit auswirken: Armut, Existenzängste, soziale oder rassistische Diskriminierung, Vernachlässigung, schlechte Luft, Schimmel in den Wohnungen“, ergänzt Sebastian Hofmann.

Die beiden Projektmitarbeiter berufen sich dabei auf die Weltgesundheitsorganisation (WHO) der Vereinten Nationen, die seit Jahren über den Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Verhältnissen und Gesundheit forscht. Die bunte Inneneinrichtung im Eingangsbereich soll dementsprechend bewusst einen Kontrapunkt zur allgemeinen Tristesse der Umstände setzen. So verbünden sich Theorie und Praxis.

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Die Betreiber Sebastian Hofmann und Katja Schlegel leisten Stadtteilarbeit von unten. Foto: Jérome Gerull

Im Januar 2017 eröffnete ein rund 20-köpfiges Team um Schlegel und Hofmann in der leer stehenden Polizeikaserne nahe des Hamburger Zollhafens die Poliklinik Veddel als Stadtteilgesundheitszentrum mit Allgemeinarztpraxis. Heute gehören zu den Angeboten der Poliklinik neben der Gesundheits- und Sozialberatung sowie der psychologischen Beratung auch Präventionsprojekte zu den Themen Stress, Rassismus, Rechte und Gesundheit.

Die Betreiber wollen somit dem herrschenden neoliberalen Credo der Eigenverantwortlichkeit entgegenwirken, das Gesundheit vor allem als eine Frage der individuellen Verantwortung sieht.

Denn es gibt einen Unterschied zwischen individueller Verhaltensprävention – weniger rauchen, sich gesünder ernähren – und Verhältnisprävention – soziale Anerkennung, faire Behandlung beim Sozialamt. „Gesundheit ist eine soziale Frage“, stellt Schlegel klar.

 

Die Veddel: kein Problemviertel, sondern kosmopolitisch

 

Die Idee zum Projekt entstand vor sechs Jahren, als ein Großteil der heutigen Poliklinik-Mitarbeiter für die Hamburger Initiative Medibüro arbeitete, die sich um die Gesundheitsversorgung für Flüchtlinge ohne Ausweispapiere kümmerte. Nachdem das Bundesinnenministerium offiziell verkündete, dass die medizinische Unterstützung nicht als Beihilfe zum illegalen Aufenthalt gilt und die Helfer große Anerkennung erhielten, wuchsen die Zweifel. Man wollte nicht als Sozialdienstleister instrumentalisiert werden für ein ökonomisiertes Gesundheitssystem, das weiterhin nur die individuelle Komponente und nicht die gesellschaftlichen Faktoren für Gesundheit thematisiert.

Also beschloss die Gruppe aus Ärzten, Sozialarbeiterin, Pädagogen, Handwerkern und Juristen, das System von unten umzukrempeln – und entschied sich in einen Stadtteil zu gehen, der trotz gesundheitsschädlicher Umstände medizinisch unterversorgt war.

Die Poliklinik deckt seitdem einen großen Bedarf. Bevor das Gesundheitszentrum eröffnete, gab es auf der Veddel keine Apotheken und Arztpraxen für die 5.000 Einwohner. Auf Ärzte, die in Rente gingen, kamen keine Nachfolger – die Aussicht auf eine Praxis in dem kleinen Stadtteil, in dem kaum jemand privat versichert ist und viele überhaupt keine Krankenversicherung haben, war finanziell nicht verlockend.

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Einer der beiden Behandlungsräume. Foto: Jérome Gerull

Die Poliklinik ist keine klassische Klinik, sondern ein stadtteilorientiertes Gesundheitszentrum, in das die Patienten nicht nur kommen, wenn sie krank sind und behandelt werden müssen. Neben den Beratungen, etwa wenn die Miete stark steigt oder die Arbeitsagentur die Leistungen kürzt sowie bei der Begleitung bei Behördengängen, ist das Zentrum auch ein Treffpunkt, an dem gemeinsam Kaffee getrunken, geredet und kulturelle Veranstaltungen organisiert werden.

„In einem herkömmlichen Krankenhaus sind die ökonomischen Zwänge viel zu groß, um diesen ganzheitlichen Blick auf einen Stadtteil und den Hintergrund eines jeden Patienten werfen zu können“, sagt Hofmann, dessen Einrichtung durch Fördermitglieder, einen Kredit und städtische Mittel finanziert wird.

Klar: Viele Menschen auf der Veddel leben in prekären Verhältnissen, sind Empfänger von Arbeitslosengeld II oder Geringverdiener. Das öffentliche Image als „Problemviertel“ wollen Katja Schlegel und Sebastian Hofmann aber nicht durchgehen lassen. „Unserer Ansicht nach ist es eher so, dass die Communitys gut funktionieren und die Veddel ein kosmopolitischer Ort ist“, sagt Hofmann über den Stadtteil mit über 70 Prozent Migrantenanteil. Man sei nicht hier, um ein Charity-Projekt zu starten, sondern um einen Bedarf zu decken.

Im Syndikat mit den Polikliniken aus anderen Städten wie Berlin und Essen erhoffen sich die Mitarbeiter, mehr Aufmerksamkeit für das Model durchzusetzen, das in DDR-Zeiten ein fester Bestandteil des Gesundheitssystems war. Die Aufmerksamkeit ist wichtig, denn es gibt noch viel zu tun und Unterstützung ist dafür essenziell. „Was uns fehlt, ist eine kinderärztliche und eine gynäkologische Versorgung“, sagt Katja Schlegel. Nächstes Jahr soll eine Krankenpflegerin das Team unterstützen, die finanzielle Förderung für die Stelle ist nur für sechs Monate gesichert. „Wir brauchen kontinuierliche staatliche Unterstützung“, betont die Juristin. „Da passiert viel zu wenig.“

An der einladenden Stimmung ändern die finanziellen Hürden nichts. So offen und herzlich wie beim Betreten der Poliklinik fällt auch der Abschied vom Empfangstresen aus. Man geht besser gelaunt, als man hereinkam.

Poliklinik Veddel: Am Zollhafen 5B


Dieser Beitrag stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2018. Das Magazin ist seit dem 29. November 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop und als ePaper erhältlich! 


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