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Lucie: „Ist es ethisch vertretbar, ein Kind in diese Welt zu setzen?“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Lucie begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

“Die Menschheit merkt glaube ich gerade, dass sie vulnerabler ist, als sie vielleicht dachte. Es gibt dieses Virus und das ist größer als wir und niemand kann ihm trotzen. Ich bin Ärztin und würde gerade gerne auf den Stationen helfen. Allerdings bin ich in Elternzeit.

Man sagt oft über Wissenschaftler, dass sie vieles rationaler betrachten und in der Regel nicht so emotional an Dinge herangehen. Daher finde ich die Frage berechtigt, ob man in diese Welt, derer Gefahren man sich als Mediziner noch eher bewusst ist, noch ein Kind setzen soll. Ist das ethisch vertretbar? Oder ist es nicht egoistisch bei der Überbevölkerung, der Flüchtlingswellen und all der Probleme auf der Erde? Und sollte man nicht lieber ein Kind adoptieren, um ihm ein schöneres Leben zu schenken?

Aber letzten Endes komme ich immer bei derselben Antwort heraus: Für mich besteht der Sinn des Lebens darin, sich fortzupflanzen. Meinen Mann habe ich im ersten Semester kennengelernt. Beim Sezieren einer Leiche. Jetzt ist unsere zweite Tochter geboren und es ist das Schönste im Leben. Alles verschiebt sich, wenn ein Mensch in dir wächst. Man wird emotionaler, weicher und hat mehr Verständnis für Dinge, die man vorher nicht erkannt hat.

 

Die kleinen Oasen schaffen

 

Früher war ich härter, hatte meine Meinung, die mitunter sehr kategorisch war. Ich habe quasi Schubladen zugemacht. Mittlerweile sind die Schubladen auf, weil ich gelernt habe, dass der andere manches einfach besser weiß als du. Das lernst du aber nur, wenn du redest. Mir hat reden aus vielen Situationen geholfen. Sieh mal, wie viel ich jetzt schon wieder geredet habe.

Ich telefoniere jeden Tag mit meiner Schwester, meiner Mama und meiner Oma. Meist nur ganz kurz: ‚Was macht ihr? Alles gut? Ja. Ok. Ciao.‘ Und dann weiß ich, dass niemand von uns alleine ist.

Man muss sich eben seine kleinen Oasen schaffen. Ich freu mich über meinen täglichen Spaziergang durch den Stadtpark, den Wind, den Sonnenschein und dass meine Kinder gesund sind. Ich freue mich, nächstes Jahr wieder zu arbeiten, auf gutes Essen und guten Wein. Wenn ich abgestillt habe, dann setze ich mich abends hin, schenke mir ein großes Glas ein und trinke es aus. Und zwar endlich mal wieder komplett.”


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Peter Tschentscher: „Die ersten zehn Sekunden sind vorbei“

Kurz nach der Bestätigung als Hamburgs Erster Bürgermeister muss Peter Tschentscher die Stadt durch eine Zeit schiffen, in der viele unterschiedliche – psychologische und existenzielle – Bedürfnisse gehört werden wollen. Ein Gespräch über die zwei Seiten der Krise und seine Hoffnung, wie die Stadt nach der Pandemie aussieht

Interview: Hedda Bültmann & Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Peter Tschentscher, bezogen auf die wirtschaftliche Lage Hamburgs haben Sie die Corona-Krise kürzlich mit einem Luftanhalten verglichen: Die ersten zehn Sekunden würden noch recht leichtfallen, die nächsten zwanzig wären schon schwieriger. Welche Sekunde zählen Sie denn aktuell?

Peter Tschentscher: Die ersten zehn Sekunden sind vorbei. Es wird jetzt immer schwieriger, das alles durchzuhalten, auch im Hinblick auf die wirt­schaftlichen Folgen. Ein Unternehmen kann vielleicht einige Wochen ohne Umsatz überstehen. Aber je länger die Krise andauert, desto stärker steigt das Risiko, dass es zu Insolvenzen kommt und Arbeitsplätze verloren gehen.

Das Hilfspaket von Bund und Ländern soll dabei unterstützen, die­se Zeit zu überbrücken. Dazu gehören das Kurzarbeitergeld, das Unternehmen mit hohen Lohnkosten sofort entlastet, und zinslose Steuerstundungen. Über die Hamburger Corona-Soforthilfe können Selbstständige, kleine und mittlere Unternehmen Zuschüsse bis zu 30.000 Euro erhalten, die nicht zurückgezahlt werden müssen. Wir wollen vermeiden, dass es in der Wirtschaft zu strukturellen Schäden kommt.

Eine Angst der Hamburger ist, ob wir ausreichend medizinisch versorgt werden können. Aktuell (Stand 20.4.) werden 220 Hamburger mit COVID-19 stationär behandelt, davon 75 intensivmedizinisch. Inwieweit sind die Hamburger Krankenhäuser ausgelastet?

Derzeit gibt es ausreichend Behandlungskapazitäten. Die genannten Zahlen beziehen sich auf ganz Hamburg. Wir haben 1,8 Millionen Einwohner, rund 12.500 Krankenhaus­ betten und über 700 Intensivplätze. Das Coronavirus führt bei den meisten Infizierten zu keiner oder nur zu einer leichten Erkrankung.

Aber es gibt eben auch Personen, bei denen das Risiko einer schweren Erkrankung höher ist, vor allem ältere Menschen oder Patienten mit Vorerkrankungen. Die Maßnahmen, die wir treffen, sollen die Ausbreitung des Virus so ver­langsamen, dass nicht zu viele Men­schen gleichzeitig schwer erkranken und unser Gesundheitssystem mit ihrer Behandlung dann überfordert ist. Deswegen erhöhen wir die Zahl der Intensivbetten unserer Krankenhäuser. Wir wollen eine Lage wie in Italien verhindern, wo selbst schwerkranke Patienten nicht mehr behandelt wer­ den konnten.

Konkret heißt das, es gibt in Hamburg noch ausreichend Krankenhausbetten?

Ja. Die Krankenhäuser verschieben derzeit planbare Eingriffe, wenn es aus ärztlicher Sicht möglich ist. Also solche Eingriffe und Behandlungen, die nicht dringlich sind und auch in den nächsten Monaten nicht zu einem Notfall werden. Damit schonen wir das Gesundheitssystem, Personal und Schutzausrüstung wie Gesichtsmasken, die wir bei einem stärkeren Anstieg von COVID-­19­-Patienten noch benötigen.

 

„Jeder erlebt diese Zeit anders und ist auf seine eigene Art betroffen“

Peter Tschentscher

 

Existenzsorgen bleiben, und sind bei einigen bereits auf die emotionale Ebene gerutscht. Es gibt Ohnmacht, Wut, Trauer, Hoffnungslosigkeit, aber natürlich auch viel Mitgefühl. Welche Gefühle herrschen denn bei Ihnen aktuell vor?

Ich bin konzentriert. Es gibt mehr zu tun und zu entscheiden als sonst. Jeder erlebt diese Zeit anders und ist auf seine eigene Art betroffen. Wir haben zum Beispiel viele Beschäftigte im Gesundheitswesen und im Lebensmitteleinzelhandel, die jetzt sehr viel mehr arbeiten. Auf der anderen Seite haben wir Leute, die gerne arbeiten würden und es nicht dürfen, zum Beispiel Restaurant-­ und Clubinhaber. Einige sitzen zu Hause und wissen noch nicht, wie es weitergehen soll.

Jede Lage ist schwierig und hat seine psycholo­gischen Besonderheiten. Ich verstehe, dass einige ungeduldig sind und fra­gen, ob diese harten Einschränkungen wirklich nötig sind. Wir müssen aber vorsichtig bleiben und dürfen die Ein­schränkungen nur sehr vorsichtig lo­ckern, um den Erfolg unserer Strategie nicht zu riskieren. Letztlich kommen wir am besten durch diese schweren Wochen und Monate, indem wir auf guten Zusammenhalt und gegenseitiges Verständnis setzen.

Was genau bedeutet denn „durchkommen“? Wie sieht die Stadt danach aus?

Ich hoffe, dass wir in der gleichen Art und Weise in Hamburg weiterleben können wie vorher. Die Krise überstehen bedeutet, dass wir die sozialen und wirtschaftlichen Folgen begrenzen und strukturelle Schäden verhindern. Wir versuchen, diese Phase kurz zu halten und die Maßnahmen so zu gestalten, dass man sie durchhalten kann. Deswe­gen haben wir keine absolute Ausgangssperre wie in anderen Ländern. Alle sollen die Möglichkeit haben, sich an der frischen Luft zu bewegen – mit dem nötigen Abstand zu anderen. Wir bie­ten wirtschaftliche Unterstützung und Hilfen über telefonische Hotlines und psychologische Beratung.

Um Verständnis zu erwirken, ist es unerlässlich, die Menschen zu informieren. Es gab in den letzten Wochen aber auch vereinzelt Schelte für eine gewisse Form der Berichterstattung. Wie empfinden Sie diese von den Hamburger Medien?

Ich sehe nicht, was an der Hamburger Berichterstattung zu kritisieren ist. Es wird angemessen über die Ereignisse und Entscheidungen berichtet, die uns in Hamburg und ganz Deutschland betreffen. Information und Transparenz sind wichtig, damit die Einschränkungen akzeptiert und eingehalten werden. Wir können die Ausbreitung des Virus nur in den Griff bekommen, wenn sich alle an die Kontaktbeschränkungen im öffentlichen Raum halten.

Dort, wo Maßnahmen nicht sinnvoll sind, ist Kritik auch berechtigt – wenn zum Beispiel Fußgänger oder Radfahrer von Polizeikontrollen an den Landes­grenzen zurückgeschickt werden. Das sind Maßnahmen, die nicht abgespro­chen waren und die jetzt auch nicht fortgeführt werden.

 

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Für zukünftige Notfälle dieser Art werde man sich „in bestimmten Punkten besser vorbereiten“ (Foto: Senatskanzlei Hamburg)

 

Wie ist denn gerade die Stimmung zwischen Hamburg und Schleswig-Holstein?

Ich habe mit Ministerpräsident Da­niel Günther vereinbart, dass Schles­wig-­Holstein auf unnötige und unverhältnismäßige Maßnahmen dieser Art verzichtet. Wir sind uns einig, dass es für Beschränkungen unserer Freiheit immer wichtige Gründe geben muss.

Überregionale touristische Reisen sol­len nicht stattfinden, weil es dadurch zu neuen Infektionsketten und einer ver­ stärkten Ausbreitung des Virus kommen kann. Naherholung, Spaziergänge oder Radtouren in der Nähe des Wohnortes sind aber weiterhin gestattet. Mein Wunsch ist, dass nach dieser Krise keine Verstimmungen zwischen den Bun­desländern zurückbleiben und wir unser partnerschaftliches Miteinander in der Metropolregion fortführen.

Was gerade guttut, ist die große Hilfsbereitschaft, die überall in der Stadt zu spüren ist, von „Danke“-Plakaten auf Balkonen über Briefe von Kindern an Seniorenresidenzen bis zu Gastro-Unternehmen, die Obdachlose mit Essen versorgen. Wann hätten Sie zuletzt gerne einen oder mehrere Hamburger in den Arm genommen, um selbst einmal danke zu sagen, durften es aber natürlich nicht?

Ich erlebe an vielen Stellen großen Einsatz und Hilfsbereitschaft. Neulich war ich in einem Hamburger Gesundheitsamt, um zu sehen, wie dort in der Corona­-Krise gearbeitet wird. Da wa­ren Beschäftigte, die eigentlich jetzt in Rente gegangen wären, das aber ver­schoben haben, um ihre Erfahrung und Arbeitskraft noch einzubringen. Viele Mitarbeiter haben sich aus anderen Dienststellen in das Gesundheitsamt versetzen lassen, weil dort jetzt viel zu tun ist.

Zugleich haben sich Medizin­studenten gemeldet, die mit ihren fort­geschrittenen medizinischen Kenntnis­sen gut unterstützen können. Das sind alles Leute, die nicht nur sagen, man müsste helfen, sondern die dann auch wirklich dabei sind. Das zeigt den großen Zusammenhalt in der Stadt.

Führt dieser Effekt dazu, dass die Stadt nach der Krise stärker sein wird als vorher?

Ich denke schon. Krisen sind auch immer eine Chance, man kann aus ihnen lernen. Wir werden uns in bestimmten Punkten auf jeden Fall besser vorbereiten auf Epidemien und Notfälle dieser Art. Wenn sich Menschen in einer Krise gegenseitig helfen, stärkt das den Zusammenhalt. Bürgerliches Engagement und Solidarität gab es in Hamburg schon immer, sie werden aber durch die Krise noch einmal gestärkt. Jetzt geht es erst mal darum, die Krise zu überstehen. Danach werden wir zu­ rückschauen auf das, was gut lief und was wir noch verbessern müssen.

 

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„Es gibt mehr zu tun und mehr zu entscheiden als sonst“: Tschentscher im Rathaus (Foto: Senatskanzlei Hamburg)

 

Und wie könnte man in Zukunft stärker mit einer Krise wie dieser umgehen?

Wir hatten Pandemie­- und Notfallpläne, aber die wurden ohne praktische Erfahrung gemacht. Man konnte nicht alles vorhersehen, was uns jetzt Pro­bleme macht, denn eine so umfassende Krise gab es bisher noch nicht. Selbst die Sturmflut 1962 ist nicht vergleichbar. Das war ein räumlich und zeitlich sehr begrenztes Ereignis. Im Vergleich dazu haben wir heute mehrere Krisen gleich­zeitig: in der Wirtschaft, in der Kultur, im Bildungssystem.

Das gesamte öffentliche und private Leben ist betroffen. Dazu kommt, dass es sich um eine in­ternationale Krise handelt. Der Bedarf an Medizinprodukten und Schutzklei­dung ist weltweit sprunghaft angestiegen und die gewohnten Lieferketten sind unterbrochen. Das ist derzeit eines unserer größten praktischen Probleme. In Zukunft müssen wir dafür sorgen, dass wir kritische Produkte auf Vorrat haben und eine Produktion im eigenen Land möglich ist.

Was fehlt denn akut am meisten?

Derzeit sind es vor allem medizini­sche Schutzmasken, die in den Kran­kenhäusern und Pflegeeinrichtungen gebraucht werden. Wir versuchen auf verschiedenen Wegen, größere Bestände zu beschaffen, bei Herstellern in Deutschland sowie international. Auch der Bund hat zugesagt, die Länder dabei zu unterstützen.

Wenn es denn soweit ist, dass diese Krise als überstanden gilt: Worauf freuen Sie sich für diese Zeit am meisten?

Darauf, dass wir uns wieder frei be­wegen und begegnen können. Die Le­bensqualität in Hamburg besteht gerade in der Vielfalt der Begegnungen, in den Restaurants, Cafés und Clubs, in Thea­tern und Kinos, auf den vielen Veranstaltungen, die bei uns normalerweise jeden Tag stattfinden.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Hamburger des Monats – Der LKA-Beamte Uwe Chrobok

In 40 Jahren beim Landeskriminalamt Hamburg hat Uwe Chrobok einiges miterlebt. Ein Gespräch über Berufsethik und die enorme Entwicklung der DNA-­Analyse

Interview: Ulrich Thiele
Foto: Jakob Börner

 

SZENE HAMBURG: Herr Chrobok, zugespitzt formuliert, suchen Sie und Ihr Team keine Mörder, sondern ob überhaupt ein Mord oder ein Fremdeinwirken stattgefunden haben könnte. Wie gehen Sie dabei vor?

Uwe Chrobok: In aller Regel wer­den wir von Streifenwagenbesatzungen angerufen, wenn es bei einem Todesfall dubiose Umstände gibt. Je nach Lage entscheiden wir dann, ob wir ausrücken und uns die Situation vor Ort ansehen. Wenn wir hinfahren, gehen wir so vor wie die Mordkommission und die Spurensicherung: unter Vollschutz, mit weißem Anzug, Handschuhen, Mundschutz, Kapuze, um nicht einen eventuellen Tatort zu kontaminieren. Dann untersuchen wir den Leichnam so, wie ein Rechtsmediziner es auch tut.

Wie viele Fälle untersuchen Sie im Jahr?

Von insgesamt rund 18.000 Sterbefällen in Hamburg untersuchen wir ungefähr ein Drittel.

In einigen Fällen erhalten Sie auch Nachricht vom Hausarzt, wenn er ein mögliches Fremdeinwirken feststellt.

Genau. Die Schutzpolizei wird vom Hausarzt informiert, dass eine natürliche Todesursache nicht bestätigt werden kann, weil dem Tod zum Beispiel ein Sturz vorausgegangen ist, oder weil jemand im Zuge einer Operation gestorben ist und es durchaus einen Zusammenhang geben könnte. Dann wird der Sterbefall zwar gemeldet, wir stellen den Leichnam aber sicher, er kommt ins Institut für Rechtsmedizin, und wir übernehmen die Aufklärung.

 

Die sogenannte Kausalkette

 

Laut Statistik sind nur rund zwei Prozent der Todesbescheinigungen fehlerfrei. Wie kommt es dazu?

Es kommt häufig vor, dass die Ärzte einen natürlichen Tod bescheinigen, weil die Todesursache natürlich und isoliert betrachtet auch nachvollzieh­bar erscheint. Gleichwohl kann sich ein scheinbar natürlicher Todesfall aber auch anders darstellen.

Mein Pa­radebeispiel ist ein realer Fall: Es gibt einen Verkehrsunfall, der Beifahrer ist danach von Hals ab gelähmt, dadurch bettlägerig und bedarf der Pflege. Nach einem halben Jahr erkrankt er an einer Lungenentzündung. Der Patient verstirbt an dieser Lungenentzündung und die Todesursache ist, rein medizinisch betrachtet, natürlich. Dann aber kommen die Zusammenhänge ins Spiel: Warum ist er an dieser Lungenentzündung überhaupt erkrankt?

Dann greift die sogenannte Kausalkette: Wäre der Unfall nicht gewesen, hätte er keinen hohen Querschnitt erlitten, wäre nicht bettlägerig geworden und wäre durch die Bettlägerigkeit nicht an der Lungen­ entzündung erkrankt.

Mit welchen Folgen?

Es entstehen juristische Kniffe: Der Fahrer, der den Verkehrsunfall verursacht hat, wurde wegen fahrlässiger Körperverletzung verurteilt. Da der verletzte Mensch aber später daran gestorben ist, hat sich die Rechtsart in der Form geändert, dass aus der fahrlässigen Körperverletzung eine fahrlässige Tötung geworden ist.

Wie kam der Fall heraus?

Der verstorbene Mann wurde eingeäschert. Vor jeder Einäscherung ist, anders als bei einer klassischen Beerdigung, noch mal eine amtsärztliche Leichenschau vorgeschrieben. In Hamburg sind es die Rechtsmediziner, die diese Leichenschau durchführen, und die uns in diesem Fall gemeldet haben: Verkehrsunfall mit hohem Querschnitt in der Vorgeschichte – das kann daher kein natürlicher Tod sein. Wäre er beerdigt worden, wäre das nicht herausgekommen.

 

„Wir gehen mit schwierigen Themen ganz offen um“

 

Gibt es Methoden gegen solche Lücken?

Im Moment gibt es in Hamburg keine Methoden, die das sicherstellen können. Andere Bundesländer arbeiten nach einem anderen System. Bremen hat das Prinzip, dass alle Verstorbenen solange bei den Bestattungsunternehmen bleiben, bis eine amtsärztliche Un­tersuchung durchgeführt wurde.

Das Hauptproblem an dieser Methode ist aber, dass, wenn der Leichnam vom Fundort entfernt wird, ohne dass die Polizei dort tätig gewesen ist, alles verändert ist und die Spurensicherung nicht mehr richtig arbeiten kann. Der Fundort muss „eingefroren“ werden, bis wir uns den Tatort zusammen mit der Spurensicherung gründlich angesehen haben.

Was schlagen Sie vor?

Für Hamburg wäre die Ideallösung, dass die Amtsärzte gemeinsam mit der Polizei, die Leichenschau für jeden Verstorbenen vor Ort durchführen würden.

Sie sind oft mit dem Tod konfrontiert. Wie gehen Sie mit der Schwere Ihres Berufs um?

Wir haben die Möglichkeit, an unsere Seelsorger oder psychosoziale Notfallbetreuung heranzutreten. Wir in unserem speziellen Sachgebiet gehen mit schwierigen Themen ganz offen und ehrlich um. Aber nicht jeder kann mit jeder Art des Versterbens gleich gut umgehen.

Ich mag überhaupt keine Fälle, in denen Menschen von einer Bahn überfahren wurden. Wenn Leute sich vor einen Zug geworfen haben in suizidaler Absicht, birgt die Feuerwehr die Leichenteile. Ich muss dann in diesen Leichenteilen zum Beispiel nach einem Ehering suchen, was es mir ermöglicht, diese Person zu identifizieren. Andere haben damit überhaupt kein Problem.

 

Der „CSI“­-Effekt

 

Ihre Arbeit beinhaltet spezielle Herausforderungen. Wie sieht es mit Nachwuchs aus?

Wer zu uns will, hospitiert zunächst für rund zwei Wochen bei uns, in denen wir gucken, ob derjenige überhaupt geeignet ist und die Aufgabe ernst nimmt. Ich habe auch schon Leute abgelehnt, die die Voraussetzungen nicht mitgebracht haben.

Ich bin auch als Prüfer bei Bewerbungsgesprächen dabei und stelle immer wieder fest: Viele denken, die Arbeit hier wäre so, wie sie in Fernsehserien dargestellt wird. Die wollen am liebsten Forensiker und Profiler in einem sein und auch noch die bösen Buben selbst überführen.

Gucken Sie Krimiserien oder ärgern Sie sich dann nur?

(lacht) Ich war auch mal großer „CSI“-­Fan. Dieser „CSI“­-Effekt ist tatsächlich wissenschaftlich erwiesen – die Leute sehen sich diese Serie an und erwarten das gleiche Verhalten, das ein Horatio Caine an den Tag legt, auch von uns – also locker die Sonnenbrille abnehmen und dann aus fünf Metern Entfernung die Hautschuppe auf dem Gardinenbrett entdecken. Aber das ist natürlich alles nicht realistisch. Außerdem sind die Amerikaner auch weiter als wir, was die DNA­-Analytik und die Geschwindigkeit der DNA-­Ausmusterung angeht.

Aber auch in Deutschland haben sich die technischen Möglichkeiten entwickelt …

Als ich Mitte der 90er zur Mordkommission kam, steckte die DNA­-Analytik noch in den Kinderschuhen. Wir haben damals immer eine Röhre mit Blut in der Serologie abgegeben und waren schon froh, wenn wir die Blutgruppe definieren konnten.

Heute können wir einen mikroskopisch kleinen Blutfleck am Tatort sichern. Die Möglichkeiten reichen bis zum genetischen Phantombild, allerdings dürfen wir in Deutschland aus Datenschutzgründen nur bestimmte Sequenzen eines DNA-­Strangs untersuchen.

Den Niederländern und den USA ist es erlaubt, aus dem DNA­-Material ein Phantombild zu erstellen. Ich war ein­ mal dabei, als die Software mit Probanden getestet wurde – ich war beeindruckt, wie frappierend die Ähnlichkeit zwischen der realen Person und dem Phantombild war.

 

„Die Berufsethik ist enorm wichtig“

 

Wie sieht Ihre Arbeit in der Identifizierungskommission aus?

Zum Beispiel nach dem Tsunami in Südostasien 2004 waren wir Teil einer internationalen Unit, die die Identifizierung dieser Zigtausenden Menschen durchgeführt hat. Wir haben die so­ genannten Ante­-Mortem­-Daten, also der Daten, die vor dem Tod entstanden sind, beigesteuert. Auch beim Absturz der German Wings vor vier Jahren in den Alpen waren wir in diesem Bereich beteiligt.

Unser letzter Einsatz war das Busunglück auf Madeira. Da war ein Hamburger Ehepaar dabei und wir haben bei der Identifizierung geholfen, indem wir diese Daten hier erhoben haben in Form von Fingerabdrücken und DNA­-Material. Bei dieser Arbeit ist übrigens die Berufsethik enorm wichtig – ein Thema, das mich sehr beschäftigt und über das ich Vorträge halte.

Erzählen Sie.

Bei dem German-Wings-­Absturz sind sehr viele, auch kleine Leichenteile gefunden worden. Ein Beispiel: Nun findet man den Teil einer Fingerkuppe, und dann stellt sich die ethisch-­moralische Frage: Wenn ich diese Fingerkuppe untersuche, habe ich am Ende ein DNA­-Muster, aber keine Fingerkuppe mehr. Was soll ich den Angehörigen sagen? Wir haben die Fingerkuppe Ihrer Tochter gefunden, aber jetzt ist sie nicht mehr da, weil wir jetzt sicher sind, dass das die Fingerkuppe Ihrer Tochter war. Das sind die Fragestellungen, die richtig tief in den Bereich Ethik, Theologie und alles, was damit zusammen­ hängt, hineingehen.

Landeskriminalamt Hamburg: Bruno-Georges-Platz 1 (Winterhude)


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, September 2019. Titelthema: Mobilität – Das bewegt die Stadt. Das Magazin ist seit dem 29. August 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Gesundheitskiosk: Wofür der Arzt keine Zeit hat

In Horn und Billstedt erfahren Patienten im Gesundheitskiosk, wie sie ihre Gesundheit in den Griff kriegen können – und zwar gratis

Text: Erik Brandt-Höge
Foto: Klaus Balzer

Kein Termin nötig, keine Kosten, dafür immer ein offenes Ohr vom Fachpersonal: Klingt nach einer Traumvorstellung von medizinischer Versorgung, ist in Billstedt und Horn aber absolut real. Seit September 2017 können Menschen aus den beiden Stadtteilen in zwei Gesundheitskiosken ergänzen, was in Arztpraxen aus Zeitgründen nicht geschafft wird. „Wir wollen die niedrigschwellige ambulante Versorgung vor Ort qualitativ stärken, und zwar mit einem pflegerischen Ansatz“, sagt Geschäftsführer Alexander Fischer.

Vier Vollzeitmitarbeiter, alle akademisierte Pflegekräfte, versuchen einerseits chronisch kranken Patienten eine Stütze zu sein und Vor- sowie Nachbereitungen von Arztbesuchen zu leisten. Andererseits ist jeder in den Kiosken willkommen, der z. B. Anregungen und Tipps rund um seine Ernährung wünscht. Dass die beiden Standorte in Billstedt und Horn gewählt wurden, liegt nicht zuletzt am Druck, unter dem viele Ärzte in diesen Stadtteilen stehen, und den sie öffentlich geäußert haben. Es gab und gibt einen enormen Bedarf an medizinischer Beratung, und dem wollen die Gesundheitskioske entgegenwirken – mit Erfolg.

 

Förderung nur bis Jahresende

 

Fischer: „Im vergangenen Jahr kamen fast 4.000 Patienten zu uns und waren sehr dankbar für das Angebot. Wir konnten den Kiosk-Besuchern veranschaulichen, wie sie das Gesundheitssystem sinnvoll nutzen.“ Dass eben dieses Angebot auf finanzieller Förderung basiert – eh klar. Aktuell kommt das Geld vom Innovationsfonds, bis zum Ende des Jahres sind die Gesundheitskioske gesichert. „Danach müssen wir auf eigenen Beinen stehen“, so Fischer, „wir verhandeln gerade mit den Krankenkassen, und je nachdem, wie hoch das Budget ist, das uns zur Verfügung gestellt wird, können wir auch in die zukünftige Personalsituation investieren.“

Gesundheitskiosk: Billstedt, Möllner Landstraße 18, Mo-Fr, 8-18 Uhr; Mümmelmannsberg, Oskar- Schlemmer-Straße 9-15, Di+Do, 8.30-17 Uhr


Szene-Hamburg-juni-2019Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juni 2019. Titelthema: Was ist los, Altona?
Das Magazin ist seit dem 25. Mai 2019 im Handel und zeitlos im 
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