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Die Cigaretten: „Macht süchtig!“

Die Hamburger Band hat kürzlich ihr neues Album „Emotional Eater“ auf Audiolith veröffentlicht. Gespräch übers Rauchen, über Punk und die Soundästhetik der neuen Songs

Interview: Henry Lührs

 

SZENE HAMBURG: Michi und Micha, ihr sagt ja immer, ihr raucht nicht. Überraschenderweise habt ihr euch gerade beide eine Zigarette angesteckt …

Micha: Wir rauchen nicht!

Ist Rauchen Punk?

Micha: Nee.

Michi: Ich finde eher, Nichtrauchen ist Punk. Rauchen ist scheiße, ungesund. Man tut sich ja nichts Gutes. Man steckt sein Geld in riesige Unternehmen. Was soll daran Punk sein?

Micha: Wenn ich unseren Bandnamen lese, verbinde ich den auch nicht mit Rauchen und Zigaretten. Wir fanden es eher klanglich ganz geil und waren überrascht, dass es noch keine Band mit dem Namen gab. Mit dem „C“ sieht es auch fresh aus.

Viele Künstler rauchen öffentlich. Etwa bei Danger Dan, Kurt Krömer und Benjamin von Stuckrad-Barre sind Zigaretten sogar Teil von Bühnenshows. Wird mit dem Rauchen das Gefühl von Gegenkultur suggeriert?

Michi: Ich kenne die erwähnten Leute nicht persönlich und weiß nicht, warum sie rauchen. Die Zigarettenindustrie hat aber nicht nur das Rauchen als cool dargestellt, sondern auch vermittelt, dass es ein Ausgleich ist, wenn dich irgendwas abfuckt. Das wiederum passt ganz gut zu unserer Band. Das, wofür Zigaretten stehen, übernehmen wir selbst und bieten auch so etwas an. Wenn dich bisher etwas abgefuckt hat, hast du zur Zigarette gegriffen – jetzt kannst du auf Play drücken.

 

„Die Platte ist ein emotionales Substitut“

 

Für Zigaretten gilt: „Rauchen ist tödlich.“ Welcher Warnhinweis gilt denn für euer neues Album?

Michi: Macht süchtig!

Der Albumtitel lautet „Emotional Eater“. „Emotional Eating“ meint ja durch Nahrung negative Gefühle zu kompensieren. Hört man die Songs, entsteht aber vielmehr der Eindruck, dass es um das Wegfressen der eigenen Emotionen von außen geht …

Micha: Es gibt dieses Phänomen „Emotional Eating’“, so wie du es beschreibst. Ein „Emotional Eater“ ist aber tatsächlich eher eine Person, die von einem Emotionen isst. So wie bei dem Modebegriff „Toxic“. Im Titelsong wird das gut beschrieben: „Ich bin emotional vampire.“ Es geht nicht um dieses „ich esse Schokolade, weil ich so depressiv bin“, sondern eher darum, dass es Leute gibt, die eben „Emotional Eater“ sind und einem die Emotionen wegfressen.

Michi: Für mich ist es beides. Es ist eine Doppeldeutung. Einmal Leute oder Umstände, die emotional an einem saugen. Gleichzeitig aber auch dieses Phänomen, dass du beschreibst. Das geht ein bisschen in die Richtung unseres Bandnamens. Du suchst dir ein Substitut, dass aber auch Musik sein kann. Leute versuchen, über jeden Scheiß Identität zu stiften. Musik ist da eigentlich das beste Mittel. Die Platte ist ein emotionales Substitut. Du kannst sowohl deinen Frust rausschreien bei einigen Songs, andere positive Songs wandeln diesen Frust aber auch wieder um. Der Mensch ist ein emotionales Wesen. Ob es Schokolade ist oder härtere Sachen, die man braucht: Auf der Platte findet man sie.

„Emotional Eater“, so heißt das neue Album von Die Cigaretten (Foto: Katja Ruge)

„Emotional Eater“, so heißt das neue Album von Die Cigaretten (Foto: Katja Ruge)

 

Nicht Oldschool

 

Mal zur Soundästhetik von „Emotional Eater“. Euer Label bringt da Genre-Titel à la „Problemkind-Pop“ und „Cyber-Grunge“ ins Spiel. Gleichzeitig werdet ihr auch immer wieder mit großen Bands wie Queens of the Stone Age verglichen. Nervt das?

Michi: Die Vergleiche fasse ich inzwischen als Kompliment auf. Ich habe von Ramones über Asian Dub Foundation bis hin zu Queens of the Stones Age schon alles gehört. Irgendwann habe ich begriffen, dass viele uns nicht ganz einordnen können und eigentlich nur ausdrücken wollen, dass sie gut finden, was wir machen. Oldschool finde ich uns aber nicht. Als oldschool kann man eigentlich alles ansehen, weil sich die Dinge eben entwickeln. Alles ist ja immer eine neue Mischung aus schon Dagewesenem. Zwölf Töne werden immer wieder neu gemischt.

Für das Musikvideo der Singleauskopplung „Immer ist Irgendwas” sitzt ihr in einer fiktiven Talkrunde mit Bärbel Schäfer. Diese war ja vor allem in den 90er Jahren eine TV-Ikone – womit wir wieder bei oldschool wären. Welche Verbindung habt ihr zu der Moderatorin?

Micha: Wir kennen die, weil wir solche Boomer sind …

Michi: Weil uns diese 90er Zitate oft nachgesagt werden, fangen wir an, den Ball zurückzuspielen. Wir mussten bei dem Song immer an Talkshows denken. Wir wollten es aber nicht so politisch umsetzen. Wir haben dann Bärbel Schäfer einfach gefragt und die hatte Bock. Dieses Element von Talkshow greift die Bedeutung des Songs total gut auf. Wahrscheinlich hätten wir auch Facebook-Kommentarspalten abfilmen können. Viel entsteht bei uns durch Zufall und das wollen wir auch. Das ist bei Musikvideos so, aber auch im Aufnahmeprozess.

 

„Wir passen da ganz gut rein“

 

Zusammen mit Bands wie Ducks on Drugs, Sorry 3000 und Olympya seid ihr bei eurem Label Audiolith so etwas wie die neue Generation, der neue Sound des Labels …

Micha: Audiolith stellt sich breiter auf und es ist nicht mehr nur noch in einer Szene zu verorten. Das ist jetzt viel mehr Kunstmusik. Ich finde das cool und glaube, wir passen da ganz gut rein.

Michi: Die haben eine Entwicklung durchgemacht, wir aber auch. Wir haben uns dann wortwörtlich dabei getroffen. Lars Lewerenz (Labelchef von Audiolith; Anm. d. Red.) hat uns im Docks gesehen und fand uns cool. Wir haben miteinander gequatscht und so sind wir letztendlich auch dahin gekommen.

Micha: Diese Docks-Show haben wir nur bekommen, weil Fenja vom Molotow uns dort beim Clubaward reingelabert hat. Fenja haben wir letztendlich das Label zu verdanken.

 

Professionalisierung und ein gutes Timing

 

Ihr habt euch erst 2018 als Band zusammengefunden. Geprobt habt ihr anfänglich teils auf einer Verkehrsinsel, weil die Proberäume im Otzenbunker dicht gemacht wurden. Konntet ihr euch mit der Zeit professionalisieren? 

Micha: Also wir sind eine Firma!

Michi: Eine knallharte Firma!

Micha: Wir schreiben Rechnungen und machen die Steuer und so.

Michi: Das ist schon spannend, was dieses Jahr passiert ist. Wir hatten massive Probleme – allein damit, in Hamburg etwas zum Proben zu finden. Zwischendurch waren wir im Otzenbunker, jetzt sind wir in einem Proberaum da in … wie heißt der Stadtteil? Hamm, glaube ich. Auf einer Verkehrsinsel haben wir tatsächlich eine Zeit lang gespielt, weil wir einfach nichts gefunden haben. Inzwischen hat sich das aber gegeben. Ich finde, dass in Hamburg inzwischen viel für Musik getan wird. Klubs wie das Molotow ziehen außerdem heimische Bands hoch und supporten die mit Auftrittsmöglichkeiten. In Hamburg gibt es dadurch nicht nur Musical-Tourismus, sondern auch Sachen mit Seele. 

Corona hat, gerade wenn es um Live-Kultur geht, bei vielem einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wie seid ihr bisher durch die Pandemie gekommen?

Micha: Wir hatten zum Glück ein gutes Timing. Als Corona anfing, hatten wir noch nichts in Planung, sondern waren dabei, das Album aufzunehmen. Dann hat die Pandemie drei, vier Monate weggefressen, weil man gar nicht spielen konnte. Dann kam der Sommer, und es ging draußen etwas. Ich will damit sagen, dass es uns persönlich gar nicht so hart getroffen hat.

Michi: Ich finde, es war noch ok. Die Unterstützung war großartig. Was eine Unterstützung natürlich nicht leisten kann, ist, dass Leute einen live sehen. Ein Live-Konzert zu spielen, ist einfach etwas ganz Anderes, als im Proberaum zu sein. Das hat uns sogar extrem hart getroffen. Wenn einen als Band keine Leute sehen, dann wird man nicht besser und kann nichts tun. Man füllt Anträge aus, anstatt Gitarre zu spielen. Wir wollten eigentlich im März ein Album rausbringen, was „Crashkid“ heißen sollte. Das ist dadurch nur eine Digital-EP geworden. Im Schlimmen hatten wir großes Glück und ich fand es toll, dass sich die Kulturschaffenden untereinander organisiert haben. Aber das, was hätte stattfinden sollen, konnte nicht ersetzt werden. Sowohl aus Sicht eines Musikfans, als auch aus Sicht einer Band.

„Die Cigaretten“ 2. Dezember 2021 um 20.30 Uhr in der Astra Stube


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Das Nachtleben impft

Selten war eine Gästeliste so begehrt, wie die des Hamburger Impfzentrums. Wer es bis ins Innere geschafft hat, berichtet häufig von der guten Stimmung. Neben dem schützenden Piks, sind dafür vor allem die Mitarbeitenden verantwortlich. Weil das Nachtleben noch immer brachliegt, stammen viele von ihnen aus der Veranstaltungs- und Clubszene

Inteview & Fotos: Ole Masch

David Asante (AsanteBoM3Beat/Asante Jr.)

Seit Mitte März im Impfzentrum, seit ungefähr vier Jahren in der Musik tätig

David Asante hilft im Hamburger Impfzentrum © Ole Masch

Wie kam es zur Arbeit im Impfzentrum?

Ich bin Produzent, aber dann kam Corona und bei mir lief es nicht mehr so gut. Viele meiner Freunde arbeiten im Impfzentrum und ich habe mich ebenfalls beworben, um ein Teil des Projektes und Fortschritt in Hamburg zu sein.

Welche Aufgabe im Impfzentrum?

Ich bin Teil des Care-Teams. Unsere Aufgabe ist es, dass die Impflinge sich gut bei uns fühlen.

Schönste Impfzentrum-Anekdote?

Wahrscheinlich der Tag, an dem ich meine Lehrer aus meiner alten Schule getroffen habe. Ich gehe stark davon aus, dass keiner von uns gedacht hätte, dass wir uns im Impfzentrum wieder sehen werden.

Seit wann im Musikbereich?

Seit drei bis vier Jahren. Ich bin ein Producer aus Hamburg mit ghanaischen Wurzeln. Ich bin derzeit ein Teil von BpMusic, GFG und RapWoo und habe schon mit Artists und Produzenten wie ManLikeStunna (GFG), Jaij Hollands, Moris Beat, Brasco, Mark Griffin & Yunees Mocro und Daimzy (BP MUSIC), Kwontlose und vielen mehr gearbeitet.

Welche Aufgabe hast du dort?

Ich kümmere mich um die Produktion der Beats, sprich von den Drums bis zu den Melodien und zunehmend derzeit auch um den Mix & Master.

Was vermisst du am meisten an dieser Aufgabe?

Die Gruppen-Sessions und die Trips. Bei den Gruppen-Sessions kann man am kreativsten arbeiten. Da hat jeder seinen eigenen Input und am Ende hat man einen geilen Track. Die Trips waren gut für mich, um Inspiration zu kriegen und mit Leuten, die man zufällig trifft, zu connecten.

Machst du nach den Einschränkungen damit weiter?

Definitiv! Ich hatte Zeit an mir selber zu pfeilen und meine Pläne zu schmieden. Die Reise beginnt für mich wieder.

Welche Pläne hast du für den Sommer?

Gerade wird die erste Season von „UNSEEN“ gedroppt. Daran habe ich mit Lionel Sam und Kwontlose schon länger gesessen. Des Weiteren freue ich mich auf meine Releases mit meinen Artists und eventuell einen eigenen Track.

Felix Mörl (DJ SMUT/Uebel & Gefährlich/Audiolith)

Seit Mitte Februar im Impfzentrum, seit 2004 im Nachtleben

Wie kam es zur Arbeit im Impfzentrum?

Die anhaltende Pandemie und aussichtslose Entwicklung der Veranstaltungs- und Gastrobranche hat zu einer temporären Umorientierung geführt. Die Möglichkeit etwas zu machen, was zu einer positiven Entwicklung unserer Lage beiträgt, hat mich motiviert. Auch fand ich den Gedanken Menschen in einer von Entbehrung und Isolation geprägten Zeit etwas Positives zu vermitteln schön und erfüllend.

Welche Aufgabe hast du dort?

Vom Springer über Cluster Koordination bis zur Leitung des Care-Team (mit Florian, Anna und Laura).

Schönste Anekdote?

„Haben Sie eine Oma, wenn nein – darf ich Sie adoptieren?“ Viele Ü80-Impflinge haben wahrscheinlich selten so einen freundlichen Kontakt zur jüngeren Generation gehabt und mit Glück, wird das etwas sein, woran sie sich die letzten Jahre ihres Lebens erinnern. Die Jugend ist nicht schlecht!

Deine Aufgabe im Nachtleben?

Unter anderem Booker im Uebel & Gefährlich, Artist-Care Dockville, Spektrum/Vogelball, Garbicz, Habitat Festival und andere.

Was vermisst du am meisten?

Den Pragmatismus, die Spontanität und den Blick in glückliche, verschwitzte und hypnotisierte Gesichter.

Machst du nach den Einschränkungen weiter?

Klar! Sobald es geht und so langsam nimmt es Fahrt auf. Club-Veranstaltungen dann, wenn es Full Flavour weitergeht – 2022.

Welche Pläne hast du für den Sommer?

Einen soften oder auch harten Return in meinen Job. Glück geben, Glück erleben.

Teresa Hähn (Pfund&Dollar/Dschungel/Act Aware e.V.)

Seit Februar im Impfzentrum. Seit 2015 im Festivalbereich. Schon immer an diversen Tresen

Teresa Hähn hilft im Hamburger Impfzentrum © Ole Masch

Wie kam es zur Arbeit im Impfzentrum?

Es war ein Sommer mit diversen Jobs auf Festivals geplant. Natürlich wurde alles abgesagt. Als ich hörte, dass sich hier die halbe Hamburger Veranstaltungs-Szene tummelt, habe ich mich sofort beworben.

Welche Aufgabe hast du dort?

Ich bin eine der Koordinator*innen des Care-Teams.

Schönste Anekdote?

Hier arbeitet mindestens ein*e Kolleg*in aus jedem Veranstaltungsjob, den ich je in Hamburg gemacht habe.

Deine Aufgabe im Nachtleben?

Auf Festivals: Produktion, Crew-Koordination, Kunstvermittlung oder Radlader fahren. Außerdem arbeite ich hinterm Tresen vom Dschungel St. Pauli, schreibe mit meinem Verein Act Aware e. V. Awareness-Konzepte für Veranstaltende und betreibe mit ein paar Leuten die Galerie Pfund&Dollar mit angeklinktem Label für experimentelle Musik.

Was vermisst du am meisten?

Ich liebe es, in einer tollen Crew intensiv an einem Projekt zu arbeiten und am Ende viele leuchtende Augen und glückliche Menschen zu sehen.

Machst du nach den Einschränkungen weiter?

Ob ich damit weitermache stand nie in Frage. Dafür brenne ich viel zu sehr für alles, was mit Nachtleben, Veranstaltungen und Kunst zu tun hat.

Welche Pläne hast du für den Sommer?

Im Dschungel geht es ab sofort weiter, mein Awareness-Projekt konnte die ganze Zeit digital weiterlaufen und in der Galerie Pfund&Dollar starten wir ein einmonatiges Programm im Rahmen des „Kultursommers“ der Stadt.

Jakob Seidensticker (Wareika/We R The Aliens)

Seit Anfang März im Impfzentrum, seit circa 1998 im Nachtleben

Jakob-Seidensticker-credit-Ole-Masch

Wie kam es zur Arbeit im Impfzentrum?

Ich hatte keine Lust auf weitere Corona-Hilfen zu hoffen und als ich hörte, dass es Bedarf im Impfzentrum gab, dachte ich, ich bewerbe mich direkt.

Welche Aufgabe hast du dort?

Ich kümmere mich um alle Belange der Menschen. Gerade die Älteren sind häufig ein wenig eingeschüchtert, wenn sie die große Halle mit den langen Wegen und die vielen Menschen sehen. Im Gespräch kann man viele Ängste nehmen.

Schönste Anekdote?

Zu sehen, dass viele Menschen gerade während Corona sehr alleine sind, macht schon traurig. Es gab sehr viele Momente, wo ich mich persönlich austauschen konnte und merkte, wie sehr diese sich mir gegenüber öffneten. Wann spricht man schon mal mit völlig fremden Menschen über die Freuden und das Leid des Lebens?

Deine Aufgabe im Nachtleben?

Ich bin DJ, spiele mit Henrik Raabe & Florian Schirmacher als Wareika live weltweit auf unterschiedlichen Bühnen, habe jahrelang selbst Partys veranstaltet.

Was vermisst du am meisten?

Mit Freunden und auch unbekannten Menschen zu sprechen, zu tanzen, zu weinen und zu trinken! Und das Reisen in vermeintlich ganz andere Kulturkreise, um festzustellen, dass sich Menschen doch recht ähnlich sind.

Machst du nach den Einschränkungen weiter?

Ja klar! Zum Glück melden sich bereits einige Veranstalter bei uns und das macht mich wirklich sehr froh.

Welche Pläne hast du für den Sommer?

Ich werde noch ein wenig im Impfzentrum unterstützen und dann wieder in meine alte Tätigkeit reingleiten, um mit der Musik meinen Lebensunterhalt verdienen.

Romina Tiedtke (Froggys)

Seit Mitte März im Impfzentrum, seit 2017 im Nachtleben, parallel zum Studienbeginn

Romina Tiedtke hilft im Hamburger Impfzentrum © Ole Masch

Die Studentin Romina Tiedtke war vor ihrer Zeit im Hamburger Impfzentrum Barkeeperin in Eimsbüttel © Ole Masch

Wie kam es zur Arbeit im Impfzentrum?
Ich habe zu dem Zeitpunkt mit dem Gedanken gespielt, mein Studium für ein Semester zu pausieren. Dann stieß ich über Social Media auf die Stellenanzeige und hatte einen spontanen Impuls, dass das für den Moment genau das Richtige sein könnte. Spontan beworben, spontan vorgestellt und spontan ein Angebot für das Feel-Good-Team bekommen. Ich folge gerne solchen Impulsen und bin sehr dankbar über den Job und über die tollen Menschen, die ich dort kennenlernen durfte.

Welche Aufgabe hast du dort?
Ich versorge Kolleg*innen mit allem was das Herz begehrt: Snacks, kühlen Getränken und einer Prise guter Laune – im Prinzip ein bisschen das, was ich vor Corona auch gemacht habe.

Schönste Anekdote?
Ich habe gemerkt, wie faszinierend ich von dieser Parallelgesellschaft bin. In meinem „Tanzbereich“ gibt es recht viele Schnittmengen zum „echten“ Leben. Zum Beispiel ein DJ, der bei uns im Lager die „Tanzfläche“ leerfegt – nur eben in einem anderen Kontext.

Deine Aufgabe im Nachtleben?
Ich bin Barkeeperin in der Eckkneipe Froggys in Eimsbüttel.

Was vermisst du am meisten daran?
Unsere Gäste, den Kontakt zu den Menschen, ihre Geschichten, die Geschichten, die diese Kneipe schreibt. Wir sind ein sehr familiäres Team, haben viele Stammgäste und ich freue mich über jeden neuen Menschen, der diese Kneipe kennen- und lieben lernt. Ich bin Barkeeperin aus Leidenschaft, ich bin gerne Gastgeberin und gehe häufig nach Feierabend nicht sofort nach Hause. Es ist mein zweites Zuhause.

Machst du nach den Einschränkungen weiter?
Auf jeden Fall. Wir haben unseren Außenbereich bereits wieder geöffnet und ich freue mich, dass es endlich wieder losgehen kann.

Welche Pläne hast du für den Sommer?
Bisher habe ich noch nichts Konkretes geplant, aber im „Urlaubssemester“ auch mal ein bisschen Urlaub zu machen, wäre schön. Und vielleicht ein kleines Festival besuchen und mal wieder ein bisschen tanzen.

Roman Adam (Bildet mit Jörg Wittekindt das DJ-Duo Kuestenklatsch)

Vom ersten Tag im Impfzentrum, seit über 20 Jahren DJ und Veranstalter

Roman Adam hilft im Hamburger Impfzentrum © Ole Masch

Roman Adam ist Teil des Venue Managements im Hamburger Impfzentrum © Ole Masch

Wie kam es zur Arbeit im Impfzentrum?
Über den ganz normalen Bewerbungsweg Mitte Dezember. Die Stellenausschreibung wurde online gestellt und einen Tag später hatten wir gleich unser Vorstellungsgespräch.

Welche Aufgabe habt ihr im Impfzentrum?
Ich arbeitete im Venue Management und bin zuständig für die gesamte Warenwirtschaft im Impfzentrum. Von der Warenannahme, über die Logistik bis hin zur Koordinierung der Verteilung. Jörg, der zweite Teil von Kuestenklatsch, ist Koordinator in der Dokumentation sowie im Impf-Cluster. Die Dokumentation ist die letzte Instanz vor der Übermittlung der Daten an das RKI. Hier wird alles auf Richtigkeit geprüft, bevor die Daten weitergeleitet werden. Als Cluster Koordinator ist er für eine reibungslosen Ablauf und dem Zusammenspiel aller Gewerke im Impfcluster zuständig.

Schönste Anekdote?
Der Moment, wenn man das erste Mal die ganzen Leute im Impfzentrum gesehen hat, die du sonst aus dem Nachtleben kennst. Zum Beispiel der Türsteher der sonst grimmig an der Clubtür steht und hier im Impfzentrum die Impflinge freundlich empfängt und ihnen den Weg weist. Das aber wohl schönste Beiwerk am Impfzentrum ist, dass man so unfassbar viele unterschiedliche Menschen über die letzten Monate kennengelernt hat.

Aufgabe im Nachtleben?
DJ und Produzenten Duo im Tech-House Bereich.

Was vermisst ihr am meisten?
Das Auflegen vor Menschen und die Energie die während der Sets zwischen uns und den Gästen entsteht. Am allermeisten jedoch ist es das direkte Feedback der Gäste, das Jubeln und Applaudieren, die dunklen Clubs, die laute Musik, feiernde und tanzende Menschen – einfach das gesamte Club-Feeling. Das kann dir kein Stream geben.

Macht ihr nach den Einschränkungen weiter?
Ja klar! Wir haben nie aufgehört während der Pandemie. Ganz im Gegenteil, wir haben die Zeit genutzt und haben uns förmlich ins Studio eingeschlossen. Wir haben uns die Finger wund produziert und das Jahr 2020 mit 62 offiziellen Track Releases abgeschlossen. Dazu haben wir unser Label weiterhin vorangebracht und uns einfach jeden Tag mit unserer Musik beschäftigt

Welche Pläne habt ihr für den Sommer?
Sehr viele ehrlich gesagt. Wir sind gerade mitten in der Umbenennung unseres Künstlernamens. Der Name Kuestenklatsch hat uns nun lange begleitet. Da wir aber hauptsächlich auf internationalen Labels releasen und auch sehr viel im Ausland spielen, macht ein international verständlicher Name einfach Sinn für die kommenden Jahre. Momentan drehen wir gerade mit einem kleinen Film-Team eine kurze Documentary über uns, in der es um die Umbenennung geht. Mitte Juli soll es dann so weit sein und dann wollen wir den neuen Projektnamen launchen.

Philipp Wolgast (Such A Saint)

Seit Ende März im Impfzentrum, seit 1988 im Nachtleben

Philipp Wolgast hilft im Hamburger Impfzentrum © Ole Masch

Philipp Wolgast ist Teil des Care-Teams im Hamburger Impfzentrum und war vorher DJ © Ole Masch

Wie kam es zur Arbeit im Impfzentrum?
Mein lieber Freund Jakob Seidensticker erzählte mir, dass er dort anfängt. Dann habe ich mich flux auf der Seite jobs.hamburgimpft.de beworben. Als kreativer Nachtschaffender kam mir diese Gelegenheit gerade recht.

Welche Aufgabe hast du dort?
Ich gehöre zum sogenannten Care Team, dessen Aufgabe es ist, für einen angenehmen und reibungslosen Aufenthalt der Impflinge zu sorgen. Ich selbst stehe allerdings vor allem am Ausgang, um die Leute sanft vom Gelände zu geleiten.

Schönste Impfzentrum-Anekdote?
Das Kennenlernen einer 106-jährigen Dame, die ich begleiten durfte. Sie hatte eine Menge zu erzählen, kam dort ganz allein, ohne Unterstützung, angewackelt, und hat mein Herz im Sturm erobert. Ich habe – wieder einmal – erfahren, wie wichtig es ist, Respekt vor älteren Leuten zu haben. Wenn ein solches Maß an Lebenserfahrung mit einem klaren Geist gekoppelt ist, dann können Leute wie ich einfach nur noch zuhören.

Welche Aufgabe im Nachtleben?
DJ, Live-Act, Veranstalter

Was vermisst du am meisten an dieser Aufgabe?
Die Aufgabe selbst. Hier ins Detail zu gehen, würde den Rahmen sprengen.

Machst du nach den Einschränkungen damit weiter?
Ich habe mich bereits eine Weile vor Corona umorientiert und eine Ausbildung zum Sozialtherapeuten absolviert. In diesem Beruf arbeite ich allerdings leider zum Mindestlohntarif, was ein Auskommen quasi unmöglich macht. Wie es mit dem Künstlerdasein für mich weitergeht, kann ich zurzeit noch nicht sagen. Aber wirklich aufhören, ein Künstler zu sein, tut ein Künstler nie.

Welche Pläne hast du für den Sommer?
Ich werde mich, nach dem Job im Impfzentrum, erst einmal in die Schweiz zu meinen Kindern begeben. Alles weitere steht in den Sternen.

Tito (Elbrausch Equipment)

Vom 17. Mai bis 13. Juni im Impfzentrum, seit 2005 im Veranstaltungsbereich

Tito hilft im Hamburger Impfzentrum © Ole Masch

Tito half im Warteraum des Hamburger Impfzentrums © Ole Masch

Wie kam es zur Arbeit im Impfzentrum?
Hartz 4 war nicht genug und der Job war vor der Tür

Welche Aufgabe hattest du dort?
Warteraum-Aufsicht

Schönste Anekdote?
Das digitale Impfzertifikat kommt mit der Post

Deine Aufgabe im Nachtleben?
Lautsprecherverleih und Veranstaltungsmanagement

Was vermisst du am meisten?
Laute Musik, das Gefühl von gelebter Freiheit, kreative neue Menschen

Machst du nach den Einschränkungen weiter?
Auf jeden Fall! Ich setze mich für die Aufhebung des Tanzverbots ein, am 19. Juni fanden dazu in zehn Städten Demonstrationen statt.

Welche Pläne hast du für den Sommer?
Ich werde Open-Airs veranstalten.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Juni 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hamburger Trio Olympya: Echos aus der Jugend

Das Hamburger Trio vermengt auf seinem ersten Album „Auto“ Post- Punk, Dark Wave, HipHop und NDW. Ein Gespräch mit den Bandmitgliedern Marcus – zuvor bekannt als Rapper Pierre Sonality – und Andi über die Soundästhetik ihres Langspieldebüts und große Karrierepläne

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Marcus und Andi, mit „Auto“ erscheint Ende Februar das erste Olympya-Album. Wobei es heißt, dass es sogar schon eines zuvor gegeben hätte – nur dass ihr es nicht veröffentlichen wolltet …

Marcus: … was stimmt. Wir kommen ja ursprünglich vom Rap und haben in dem Bereich schon viele Alben gemacht. Irgendwann war uns aber nach etwas Neuem. Rap war uns einfach zu limitiert. Wir haben dann ins Blaue hinein Dinge ausprobiert, und nach gut anderthalb Jahren hatten wir ein Album fertig.

Wir sind dann sogar nach Hongkong und nach Bangkok geflogen, um dort Videos zu drehen. Als wir wieder zurück waren, haben wir alles unseren Freunden gezeigt – und die waren gar nicht mal so begeistert (lacht).

Warum nicht?

Andi: Weil wir im Grunde genommen weiterhin Rap-Musik gemacht haben, die nur etwas melodischer war als zuvor. Das Album hat uns einfach nicht richtig repräsentiert. Wir standen nicht so sehr dahinter, wie wir anfangs noch dachten. Also haben wir Album und Videos in den Müll geschmissen und uns an neue Sound-Facetten herangewagt.

Marcus: Kurz: Wir haben unsere Komfortzone verlassen und auf in uns schlummernde Echos gehört. Echos aus der Zeit, in der wir groß geworden sind.

Zählt zu diesen Echos auch die NDW? Deren Soundästhetik ist neben Post-Punk, Dark Wave und HipHop auf „Auto“ herauszuhören.

Andi: Zur NDW: Es ist kein rotes Tuch für uns, den Begriff in Bezug auf unsere Musik zu verwenden, man erahnt darin ja auch tatsächlich kleine Nuancen davon. Aber NDW ist jetzt keine konkrete Blaupause für den Olympya-Sound gewesen.

Wir sehen uns nicht als Retro-Band. Alles, was wir machen, ist mit einem sehr progressiven Denken verbunden, ohne dabei gänzlich auf Experimente zu setzen. Wir verlassen uns einfach auf unseren persönlichen Musikgeschmack.

Marcus: Wenn ich an NDW denke, denke ich auch gleich an Künstler wie Fräulein Menke, also einer Art von NDW, von der wir uns distanzieren möchten. Es war einfach auch viel Schrott dabei damals.

Trotzdem noch einmal plakativ gedacht: Kommt ihr mit der Gleichung The Clash plus Falco plus Kraftklub gleich Olympya klar?

Marcus: Ja, das würden wir dann als Kompliment verstehen. Eine Gleichung, die uns schmeichelt. Die textlichen Themen auf „Auto“ reichen nun vom Umgang mit einer Trennung in „Tabletten“ bis zu Mobbing samt Rachefantasien in „Rocky“.

 

„Wir streben Großes an!“

 

Waren euch bestimmte Themen besonders wichtig, mit „Auto“ zu transportieren?

Marcus: Das ist nicht unsere Herangehensweise an Musik. Wenn wir uns an ein Demo setzen, wissen wir noch nicht einmal, ob es ein schneller oder ein langsamer, ein lauter oder leiser Song werden wird. Was die Texte angeht, leitet uns das Instrumentelle meist zu den Geschichten. Wir hören die Musik und überlegen uns, wovon wir dazu erzählen können. Es gab also nichts, was wir unbedingt ansprechen wollten.

Wobei man dazu sagen muss, dass unsere Texte schon auch mit uns und unserer Sozialisierung zu tun haben. Klar, da gibt es Fiktion, aber die Geschichten sind fundiert. „Rocky“ ist zum Beispiel ein sehr intimer Song für uns, der auch von unserer Jugend zwischen den Plattenbauten von Magdeburg und Leipzig kurz nach der Wende handelt. Eine mindestens komplizierte Zeit.

Andi: Es gibt eine Handvoll ethischer und moralischer Motive, die wir gerne in unsere Musik einbauen. Aber vor einer Session legen wir uns nicht auf, unbedingt einen empathischen Song zu machen.

Ihr habt eure Heimatstädte Magdeburg und Leipzig angesprochen. Welchen Einfluss hatte denn Hamburg auf „Auto“?

Andi: Hamburg ist eine sehr offene Stadt und eine, in der wir uns frei von irgendwelchen Rastern künstlerisch entfalten können.

Marcus: Zudem haben wir in Hamburg geile Musiker für unsere Band gefunden, mit denen wir sehr entspannt arbeiten können. Ich würde also nicht unterschreiben, dass „Auto“ irgendwo anders so geworden wäre, wie es jetzt ist.

Andi: „Auto“, mit seiner großen klanglichen und textlichen Bandbreite, spiegelt auch diese vielfältige Stadt sehr gut wieder.

Und wo wollt ihr mit „Auto“ und Olympya noch hin? Gibt es Karriereziele mit der Band?

Marcus: Unser Karrieredenken ist schon im Bandnamen erkennbar: Uns ist es wichtig, mit unserer Musik möglichst viel zu reißen. Wir finden auch, dass unsere Songs das Potenzial haben, vielen Leuten etwas mit auf den Weg zu geben – ohne dass wir sie dabei belehren wollen. Zudem sind die Songs so konzipiert, dass sie live, vor allem open air, funktionieren. Von daher: Wir streben Großes an!

„Auto“ erscheint am 26.2. auf Audiolith


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Januar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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