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Ferris MC: „Immer nonkonform“

Der Hamburger Rapper Ferris MC veröffentlicht seine Autobiografie „Ich habe alles außer Kontrolle“ – und ein neues Album. In den Songs auf „Alle hassen Ferris“ thematisiert er seine Antihelden-Position im Musikgeschäft

Interview: Erik Brandt-Höge

SZENE HAMBURG: Ferris, gab es einen konkreten Anlass, den Titelsong deines neuen Albums, „Alle hassen Ferris“, zu schreiben?

Ferris: Nein, es war ein Potpourri aus Erlebnissen und Kommentaren, die ich so mitgekriegt habe, die mich zum Schreiben bewegt haben. Ich hatte das Gefühl, überall nur verbrannte Erde hinterlassen zu haben und zur Persona non grata geworden zu sein. Es kam mir vor, als könnte ich machen, was ich wollte, so sehr abliefern, wie nur möglich: Und die Leute redeten trotzdem. Und wenn man dann während der Pandemie eingeschlossen in seinem Kämmerlein dasitzt, wird diese Wahrnehmung natürlich noch stärker. Deshalb der sehr plakative, aber natürlich auch humorvoll gemeinte Titel: „Alle hassen Ferris“.

Humorvoll, weil dir die Ansichten anderer am Ende doch nicht so wichtig waren und sind?

Genau. Ich mache nicht Musik, um es damit allen recht machen zu können. Das habe ich mal gemacht, aber damit bin ich komplett auf die Schnauze gefallen. Ich wollte dem gerecht werden, was die Leute von mir verlangten, aber das konnte ich ja gar nicht. Ich kann zum Beispiel nieman- dem den alten Ferris zurückgeben. Kein Künstler kann das. Man ist ja nicht der Lakai des Publikums, sondern drückt seiner Kunst den eigenen Stempel auf. Wobei ich sagen muss: Es ist jetzt auch nicht so, dass ich komplett darauf scheiße, was die Leute von mir denken. Wie jeder andere Künstler suche auch ich nach Anerkennung und Liebe.

„So fühle ich mich am wohlsten“

Im Song „Alles außer Kontrolle“ heißt es: „Meine Mukke folgt keinem Trend, deshalb verdien’ ich damit auch keinen Cent.“ Dieses Keinem-Trend- Folgen: Macht das vor allem Spaß oder ist es auch mal anstrengend?

Massentauglichkeit spült natürlich Geld in die Kassen, aber ich finde es wichtiger, es nicht darauf anzulegen, massentauglich zu sein. Also dass man zum Beispiel nicht ganz offensichtlich versucht, einen Chart-Hit zu produzieren, der dann vom Label noch in die Playlisten gepusht wird. Wenn man Geld in die Hand nimmt, kann man überall stattfinden und sich somit Erfolg auch erkaufen. Bei mir ist es so, dass man sich schon schlau machen muss, was ich gerade mache. Dann allerdings findet man High-End Quality – auf meine Art. Das ist der Weg, den ich immer gegangen bin, immer nonkonform. So fühle ich mich am wohlsten.

„Man ist ja nicht der Lakai des Publikums“

Ferris MC

Wobei man meinen möchte, der Refrain im Song „Was ist geblieben“, auch aus „Alle hassen Ferris“, ist geradezu dafür gemacht worden, dass er von Tausenden im Stadion mitgeschrien werden könnte. Textbeispiel: „Alles, was wir machten, war für die Ewigkeit.“ Könnte auch von den Toten Hosen sein …

Wenn die Toten Hosen, Die Ärzte oder die Broilers diesen Refrain gemacht hätten, also Künstler, die sich mit Gitarrenmusik längst etabliert haben, könnte er tatsächlich sehr erfolgreich werden. Wir – den Song habe ich zusammen mit Dag aufgenommen – machen aber Gitarrenmusik mit Rap und auch mit Rap Attitüde. Dabei müssen wir schon Glück haben, dass daraus ein Hit wird. Wir haben den Refrain gemacht, weil wir wollten, dass die Leute mitgenommen werden, denn die Strophen sind ja eher nicht zum Mitschreien.

„Es wird besser“

Nicht nur durch Textzeilen wie „Ich war schon vor Corona gefickt“ bleibst du auf diesem Album deinem Credo treu, nicht Rap-typisch den Helden, sondern den Antihelden zu geben. Nicht zu sagen, wie toll du bist, sondern was dir alles Negatives passiert ist. Kommt diese Attitüde ganz automatisch in deine Songs oder nimmst du sie dir gezielt vor?

Das passiert einfach. Aufgrund der letzten Niederschläge, die der Pandemie geschuldet waren, konnte ich auch wieder eine Brücke schlagen zu dem, wie ich angefangen habe: als Außenseiter, Loser, der, dem niemand wirklich geheuer ist. Eben der Antihelden-Position. Klar, es gab mal ein, zwei Jahre, als mir alles in den Schoß zu fallen schien und als es auch finanziell richtig lief. Da habe ich ganz anders geschrieben. Aber die besten Texte kann ich nach wie vor schreiben, wenn ich leide. Krisen machen mich kreativ und ich versuche immer, in ihnen eine Chance zu sehen. Sie halten meinen Prozess am Laufen. Wobei Corona natürlich nicht nur für mich ungeil war. Ich kenne niemanden, der sagt, dass er da richtig gut durchgekommen ist.

Apropos Chancen sehen: „Bye Bye Bye“ – zusammen mit Swiss – ist dann noch ein Hoffnungs- Track. Es wird alles vorbei- gehen und besser werden, so die Message in kurz …

Richtig, nach einem Tal geht es auch wieder einen Berg hoch. Klar, nach einem Tal kann auch noch eins kommen. Aber meine Erfahrung ist, dass wenn man nicht auf der Couch sitzen bleibt, sondern etwas für sich tut, kann es zwar mal eine Weile dauern, bis es besser wird, aber es wird besser. Ein Satz, den ich während der Pandemie immer wieder zu mir selbst gesagt habe, war: „Alles wird besser!“

„Alle hassen Ferris“ (Arising Empire/Missglückte Welt/Edel) erscheint am 17. Juni 2022; die Autobiographie „Ich habe alles außer Kontrolle“ (Edel Books) ist im Verbund mit Ferris’ Frau Helena Anna Reimann entstanden und am 1. April 2022 erschienen

Hier gibt‘s einen ersten Eindruck vom neuen Album:


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„Er war einfach ein Kauz“

Monika Helfers „Löwenherz“ ist das dritte Buch ihrer Familientrilogie. Ein Gespräch über die Kunst des Lügens, wandelnde Erziehungsstile und das entrissene Lebensglück ihres Bruders, der mit 30 Jahren den Freitod wählte

Interview: Ingrun Thiele

Die Figuren in Monika Helfers Büchern haben Mut, Überlebenswillen und den gesunden Trotz eines Kindes, nämlich den Trotz, sich von gesellschaftlichen Wertvorstellungen und Kategorisierungen nicht beirren zu lassen“, hieß es in Dorothea Zanons Laudatio für die Autorin, als dieser 2016 das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst verliehen wurde. Auch in ihrem neuen Buch „Löwenherz“ behält Helfer ihren persönlichen und zugleich ungeschminkten Schreibstil bei. Egal, ob es um ihr offenkundiges Fremdgehen in vergangenen Zeiten geht oder um hässliche Babys – Helfer schreibt stets ungezwungen über gesellschaftlich verpönte Denkweisen und tabuisierte Themen.

Eine Hommage – nicht ganz einfach

SZENE HAMBURG: Frau Helfer, fällt es Ihnen leichter, über reale Personen zu schreiben als sich Figuren auszudenken?

Monika Helfer: Nein, bei fiktiven Figuren bin ich gelassener, weil sie weiter weg sind. Aber ich habe das Gefühl, dass ich inniger schreibe, wenn ich mit Herzblut dabei bin.

Haben Sie sich deswegen entschieden, über Ihren Bruder zu schreiben?

Ja, wir waren uns sehr nah. „Löwenherz“ ist ja das dritte Buch meiner Familientrilogie. Nachdem ich bereits über meinen Vater und meine Vorfahren geschrieben habe, ist mir als nächstes gleich Richard eingefallen. Er ist eine so besondere und interessante Figur, die sich für ein weiteres Buch gut geeignet hat. Ich wollte eine Hommage an ihn schreiben, was allerdings nicht einfach war, weil Richard so viele Facetten hatte.

„Erfinden ist nicht immer etwas Schlechtes“

Meinen Sie damit, dass Ihr Bruder ein „Schmähtandler“ war – also ein Mensch, der trickst und lügt?

Ja, Richard hat ständig Geschichten erfunden.

Haben Sie ein Beispiel?

Unzählige! Einmal hat er sich beim Betreten eines Ladens als Blinder ausgegeben, damit sein Hund als Blindenhund mit reindurfte. Die beiden waren unzertrennlich.

Gleichzeitig bezichtigen Sie ihn nie der böswilligen Lüge.

Das Erfinden ist nicht immer etwas Schlechtes, oft hat Richard Personen durch seine Geschichten sogar aufgewertet. Sein Erfinden war für alle eher eine Freude, ein Spaß.

Konnten Sie dabei immer unterscheiden, wann er die Wahrheit sagt und wann er fabuliert?

Nicht immer, aber meistens. Aber das war mir auch egal. Ich war nie darauf gefasst, die Wahrheit zu hören und wenn man das weiß, kann man damit leben.

„Ich glaube, dass sich Richard nie richtig geliebt gefühlt hat“

Was hat Richard dabei angetrieben?

Ach, er war einfach ein Kauz. Er hatte eine schwierige Kindheit: Erst starb unsere Mutter, dann kam er zu einer Tante, weil unser Vater sich aus unseren Leben zurückgezogen hatte. Diese Tante hatte einen Ehemann, der immer laut gebrüllt hat, um seine Blindheit zu kompensieren – ein riesiger Mensch mit einer unglaublich tiefen, lauten Stimme, das war für ein Kind natürlich angsteinflößend. Meine Schwestern und ich waren bei einer anderen Tante untergekommen, sodass wir getrennt von ihm waren, er war also allein. Ich glaube, dass sich Richard nie richtig geliebt gefühlt hat.

Wenn man dem Buch glaubt, hat ihn seine Tante doch geliebt?

Die Liebe zu Kindern war damals so eine Sache … Kindern werden heutzutage wie selbstverständlich Wünsche erfüllt und sie werden von den Eltern geküsst – früher waren Kinder eher wie kleine Erwachsene und wurden strenger erzogen. Auch meine Geschwister und ich sind so aufgewachsen, wir sind nie verhätschelt worden.

„Er hat nicht gern gelebt“

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In „Löwenherz“ erzählt Helfer von ihrem Bruder.

Er hat sich dort also nie wohlgefühlt?

Ich glaube nicht. Als Fünfjähriger war er mal eine Woche verschwunden und seine Tante hatte Angst, dass man ihr vorwerfen würde, sie hätte schlecht auf ihn aufgepasst. Deswegen meldete sie es nicht der Polizei, erst am fünften Tag stand eine Vermisstenanzeige in der Zeitung. Wie sich herausstellte, hatte er sich eine Höhle im Wald gesucht und sich dort versteckt. Es war Sommer, er hatte eine Wolldecke mitgenommen und genügend Proviant, er fühlte sich in dieser Höhle wohl.

Waren seine Lügengeschichten auch eine Art Flucht vor der Wirklichkeit?

Er wollte mit der Welt nichts zu tun haben. Er hat nicht gern gelebt. Er hat zwar gerne als Schriftsetzer gearbeitet und in seiner Freizeit gemalt, aber glücklich war er nie. Das änderte sich, als ihm der Hund zulief, den er bei sich aufnahm und als Kitti ihm später das Kind gab, das nicht sein eigenes war.

„Kitti hat etwas Dämonisches“

Richard lernte die schwangere Kitti kennen, die gleich ihr erstes Kind „Putzi“ an ihn abdrückte, obwohl sie sich gar nicht richtig kannten. Wieso ließ er sich so von ihr ausnutzen?

Das fragt man sich, das versteht kein Mensch. Im Buch habe ich es natürlich etwas übertrieben dargestellt, aber Kitti hat etwas Dämonisches. Sie wollte einfach nur Spaß am Leben haben und die beiden Kinder waren ihr lästig. Eines Tages kam sie an und wollte auch ihr Neugeborenes loswerden. Weil Richard aber nicht mit Babys umgehen konnte, wurde es kurzerhand bei mir und meinem Mann untergebracht, was ihr vollkommen gleichgültig war. Dieses Verhalten ist kriminell.

Und Sie haben nichts unternommen?

Wir haben zu Richard immer wieder gesagt: „Richard, du musst zur Polizei gehen, es ist nicht dein Kind, du kannst Schwierigkeiten bekommen!“ Aber er hat es schlichtweg nicht gemacht. Und das Merkwürdige ist, dass wir uns irgendwann selbst daran gewöhnt hatten. Das Baby – Putzi 2 – wurde nach einer Woche wieder von ihr abgeholt, aber Putzi 1 gehörte dann zu Richard dazu. Sie war so reizend und entzückend, wir haben sie alle geliebt.

Putzi 1 und Putzi 2

Was hat es eigentlich mit diesen seltsamen Namen auf sich?

Das Verrückte ist, dass Richard nie wusste, wie das Kind hieß! Kitti nannte ihre Kinder immer nur Putzi 1 und Putzi 2 und konnte sich den komplizierten richtigen Namen von Putzi 1, den deren Vater ihr gab, vermutlich gar nicht merken. Ich glaube, sie hat nicht mal gewusst, von welchem Mann das zweite Kind war, sie ist ja mit jedem ins Bett gegangen.

Und deswegen wurde kein offizieller Adoptionsantrag gestellt?

Ja, eines Tages hat Richard Tanja geheiratet, eine Anwältin. Sie dachte, genau wie alle anderen, dass Putzi sein Kind wäre. Als sie es dann herausfand, wollte sie versuchen, das Kind zu adoptieren. Das Problem war, dass man ein Kind nicht adoptieren kann, dessen Namen man nicht weiß und er war nicht mal der leibliche Vater. Also schrieb Tanja einen Brief direkt an Kitti und bat um die Adoption, woraufhin diese aber wenige Tage später mit Verstärkung vor der Tür stand und Richard das wie am Spieß schreiende Kind entzog.

Das muss furchtbar für ihn gewesen sein.

Seine Zuneigung zu Tieren und zu Kindern war typisch für ihn, Putzi und der Hund waren sein Lebensglück. Als der Hund starb und ihm Putzi genommen wurde, hatte er keinen Grund mehr gehabt zu leben und hat sich dann auch mit 30 Jahren von der Welt verabschiedet.

„Putzi 1 – wir haben sie alle geliebt“

Interessiert Sie, was aus Putzi 1 und Kitti geworden ist?

Was aus Putzi geworden ist, wüsste ich schon gerne. Bei Kitti – um Himmels willen, ich will nichts mit ihr zu tun haben. Irgendwann kam mal eine Frau bei einer Lesung zu mir und meinte, sie würde Kitti kennen. Ich habe sofort abgewunken. Ich möchte nichts mit ihr zu tun haben, sie soll mich nur in Ruhe lassen.

Blut ist demnach nicht immer dicker als Wasser?

Also Putzi 1 – lieber hätte man ein Kind gar nicht haben können, wir haben sie alle geliebt. Ich halte nichts von diesem Spruch, dass Blut dicker sei als Wasser. Ich war sehr mit Richard verbunden und bin es noch, aber es gibt auch viele Fälle, in denen sich der Spruch nicht bewahrheitet. Ich glaube, man liebt jeden, der gut zu einem ist, das gilt als Erwachsener und bei Kindern sogar noch stärker.

Monika Helfer: „Löwenherz“, Hanser, 192 Seiten, 20 Euro


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