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Hamburger des Monats – Comicautorin Kathrin Klingner

Die Comicautorin Kathrin Klingner arbeitet in einem Hamburger Medienunternehmen, das Onlinekommentare überprüft. In „Über Spanien lacht die Sonne“ hat sie das Thema Hate Speech im Netz künstlerisch verarbeitet. Ein Gespräch über rechtsradikale Trolle, deren fort­ schreitende Enthemmung und darüber, warum Empörung keine Lösung ist

Interview: Ulrich Thiele

 

SZENE HAMBURG: Kathrin, welche Kommentare ärgern dich am meisten?

Kathrin Klingner: Wenn nicht-prominente Personen, die in Artikeln vorkommen, auf persönliche Weise attackiert werden. Es ist etwas anderes, wenn zum siebzigsten Mal Claudia Roth beleidigt wird, als wenn eine geflüchtete Frau, die eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin macht, in Kommentaren angegriffen wird. Das ist wie mit dieser Liste von Abiturienten, die neulich in einer Zeitung veröffentlicht wurde. Darunter waren auch arabisch klingende Namen und die rechten Kommentatoren haben sich sofort empört darauf gestürzt und das Niveau des Abiturs infrage gestellt.

Kommentare wie „Bevölkerungsaustausch“ und „Merkel-Diktatur“ stehen für Kitty, deine Protagonistin, auf der Tagesliste. Nimmst du so was noch wahr oder winkst du das nur gelangweilt ab?

Ich finde es lächerlich unoriginell. Es gibt immer Trends. Einer fängt mit etwas an und der Rest steigt mit ein. Eine Zeit lang wurde über Flüchtlinge hämisch als „Goldstücke“ geschrieben. Was am albernsten daran ist, ist wie wahnsinnig originell die Kommentarschreiber sich dabei vorkommen.

Ich denke mir jedes Mal: Leute, das könnt ihr doch nicht schon wieder bringen. Im Comic kommt dieses Phänomen auch vor. Etliche User schreiben: „Über Spanien lacht die Sonne, über Deutschland lacht die ganze Welt“ – und glauben tatsächlich, einen besonderen Beitrag geleistet zu haben.

Das ist wie mit diesen immer gleichen Zitaten, mit denen sie sich als Widerstandskämpfer gerieren: „Je weiter sich eine Gesellschaft von der Wahrheit entfernt, desto mehr wird sie jene hassen, die sie aussprechen.“ Oder: „Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: ‚Ich bin der Faschismus‘. Nein, er wird sagen: ‚Ich bin der Antifaschismus.‘“

(lacht) Ja, darin liegt viel Komik, in diesem Kontrast zwischen dem Gefühl dieser Leute, total originell und pointiert zu sein, und der Tatsache, wie abgenutzt ihre Sprüche sind. Das wollte ich in dem Comic auch zeigen. Ich nehme in den Kommentaren oft auch eine Leidenschaft zum Bürgerkrieg wahr.

Diese Leute scheinen sich richtig auf einen Umsturz zu freuen, das bereitet ihnen einen wohligen Schauer. Das lese ich den ganzen Tag, dann gehe ich nach Hause und beobachte auf dem Heimweg, wie das Leben in Deutschland ist. Alles ist geordnet, wir leben in einem der reichsten Länder der Welt. Natürlich gibt es Armut, Kriminalität und viele Probleme. Aber wie sehr diese Bürgerkriegsfantasien im Kontrast zur Realität stehen, ist schon absurd.

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Arbeitsalltag im Medien­ unternehmen: Szenen aus „Über Spanien lacht die Sonne“

Warum hast du dich entschieden, das Thema Hate Speech im Netz mit dem Medium Comic, genauer: einem humorvollen Comic, zu behandeln?

Als Moderatoren werden wir in den Kommentarspalten permanent angefeindet, als „Zensor“, als „fetter, hässlicher Sesselfurzer“ und was weiß ich – ohne dass wir Rückmeldung geben können. Ich mochte den Gedanken, dass ein Troll meinen Comic liest und sieht, wie wir uns über die Kommentare lustig machen – auch wenn in der Realität vermutlich keiner von ihnen ihn liest.

Die Geschichte ist aber nicht zu hundert Prozent autobiografisch. Mit der Ästhetik gehe ich auch auf Distanz und sende ein Signal an den Leser, dass nicht alles, was hier passiert, eins zu eins der Wahrheit entspricht. Gleichzeitig war es auch so, dass ich dachte, wie absurd dieser Job ist. Ich hatte das Gefühl, das festhalten zu müssen, weil es für die Nachwelt interessant sein könnte. Ich glaube nicht, dass das immer so weiter geht, in zehn Jahren wird das nicht mehr so sein.

Wie kommst du darauf ?

Viele große Nachrichtenseiten überlegen schon heute, wie sie mit den enthemmten Kommentaren umgehen sollen, die „Süddeutsche Zeitung“ hat die Kommentarfunktion schon komplett abgeschafft. Und Facebook wird auch nicht ewig so weitermachen können.

Woher kommt diese Enthemmung?

Ein Grundproblem mit Kommentaren ist, dass die Empörung, die sie auslösen, die Leute dazu bringt, immer krassere Sachen zu schreiben. Ich weiß nicht, ob alle von ihnen wirklich meinen, was sie schreiben. So wie jemand, der auf Instagram Duckface-Fotos von sich postet und süchtig nach den Herzchen ist, sind sie süchtig nach der Empörung, die sie auslösen.

 

„Empörung ist eine Internetwährung“

Kathrin Klingner

 

Ist Humor deine Methode, um auf Distanz zur Empörung zu gehen?

Vielleicht. Es bringt halt nichts zu sagen: „Ich verurteile Hass im Internet.“ Das hält niemanden davon ab. Mich darüber lustig zu machen natürlich auch nicht, aber es ist eine Möglichkeit, Abstand zu nehmen. Ich weiß auch nicht, wie der richtige Umgang aussieht. Ich glaube nur, dass es der falsche Weg ist, wie in den vergangenen Jahren medial die AfD und ihre Wähler kommentiert wurden. Wie auf jede Äußerung reagiert wurde, darin lag kein Erkenntnisgewinn. Niemand liest einen solchen Artikel über die AfD und denkt: „Achso, die haben also etwas gegen Ausländer. Jetzt versteh ich’s endlich.“ Und das hält auch niemanden davon ab, die AfD zu wählen.

Eine von Kittys Kolleginnen im Comic sagt über das Internet, dass es einerseits Demokratisierung und Teilhabe bedeutet, aber gleichzeitig auch gefährlich ist in seiner Grenzenlosigkeit: „Aber man muss doch darüber reden, was die gesellschaftlichen Folgen von so einer Entwicklung sind.“ Wie sollte man damit umgehen?

Ich habe dazu keine Message, ich finde einfach viele Sachen, die ich beobachte, absurd, und hatte das Gefühl, die müssten mal dringend niedergezeichnet werden, bevor sie in Vergessenheit geraten. Dieser Vergleich mit der Atombombe, der im Comic gezogen wird, spiegelt nicht zu 100 Prozent meine Meinung wider, aber ich stimme zu, dass es so nicht weitergehen kann.

Empörung ist nun einmal eine Internetwährung. Vermutlich müsste jeder aufhören, sich darüber aufzuregen und das einfach wegignorieren. Aber das geht wahrscheinlich nicht.

Du legst auch einen Schwerpunkt auf die Arbeitswelt. Warum?

In den Kommentaren geht es oft um Arbeit. Darum, dass sie, die Trolle, arbeiten und Steuern zahlen und dass die Flüchtlinge angeblich gar nicht arbeiten wollen. Ich fand es interessant zu schauen, was Arbeit ist und was sie mit einem macht. Und ich wollte meine Beobachtungen der Arbeitswelt dokumentieren.

Die Mitarbeiter des Unternehmens haben alle ihre dunklen Seiten. Warum hast du ihre Ambivalenz hervorgehoben?

Wenn ich mir Figuren ausdenke, lerne ich sie immer besser kennen, und sie entwickeln sich selber immer weiter. Ich mag es, wenn sie sich wie echte Personen anfühlen, und dann müssen sie ja auch negative Eigenschaften haben. Ich wollte auch, dass es nicht um durch und durch gute Charaktere geht, die sich heroisch dem rechten Mob im Internet entgegenstellen, das wäre plakativ. Das sind Leute, die einfach zur Arbeit gehen und sich auf den Feierabend freuen.

Wie ernst nimmst du den Rechtsruck?

Sehr ernst. Der Grund, warum ich vor zehn Jahren aus den Niederlanden weggezogen bin, war, dass damals die PVV um Geert Wilders so viele Stimmen bekommen und die Minderheitsregierung von Mark Rutte gestützt hat. Ich habe acht Jahre in Amsterdam gelebt und dachte erst, dass das wieder vorbeigeht. Aber das Klima hat sich schleichend verändert und wurde sehr unangenehm.

UeberSpanienLachtDieSonne_CoverHast du ein Beispiel?

Wenn ich Holländisch geredet habe, wurde ich als „scheiß Ausländerin“ beschimpft. Anscheinend war es plötzlich okay, jemanden so anzugehen. Ich hatte das Gefühl, dass das vorher nicht so war. Das Limit, welche Dinge zu sagen okay ist, hat sich verschoben. Bei uns in Deutschland könne so was ja nicht passieren – dachte ich.

Kathrin Klingner: „Über Spanien lacht die Sonne“, Reprodukt, 128 Seiten, 20 Euro (ersch. am 10.3.)


Szene-Cover-März-2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Februar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Karen Köhler über ihr Buch „Miroloi“: Risse im Gehorsam

Die Romanautorin Karen Köhler erzählt in „Miroloi“ von einer jungen Frau, die sich einem autoritären System widersetzt. Ein Gespräch über die politische Weltlage, die Macht der Bildung und über die Notwendigkeit des Aufbegehrens

Interview: Ulrich Thiele
Foto: Christian Rothe

 

Vor fünf Jahren löste Karen Köh­ler mit ihrem Erzählband „Wir haben Raketen geangelt“ ein – ohne Übertreibung – kollektives Entzücken im Feuilleton aus. Gelobt und geliebt wurden ihre modern und zugleich altmodisch anmutenden Geschichten vor allem für ihren radikal eigenen Sprachstil und für ihre eindrucksvollen Frauenfiguren. Dem­ entsprechend heiß wird nun ihr Debüt­roman „Miroloi“ erwartet, der am 18. Au­gust im Hanser Verlag erschien.

Karen Köhler lebt auf St. Pauli, wo das Interview an einem Dienstagvormittag draußen vor einem Café stattfindet. Es ist ein ausführliches Gespräch von anderthalb Stunden, mit Exkursen über die poli­tischen Entwicklungen der letzten vier Jahre, die nicht am Entstehungsprozess von „Miroloi“ vorbeigegangen sind, wie sie sagt.

SZENE HAMBURG: Karen, wann hast du das letzte Mal aufbegehrt?

Karen Köhler: Gerade Sonntag habe ich mit der Seebrücke Hamburg gegen die Kriminalisierung der Seenot­rettung demonstriert. Auf die Straße zu gehen und Gesicht zu zeigen, ist definitiv ein Akt des Aufbegehrens. Aber man kann auch in den kleinsten Augenblicken aufbegehren. Es ist in Deutschland sehr viel durch Gesetze geregelt, das soll unser Zusammenleben wohl einfacher machen, manchmal hält es aber auch vom Denken und Selbst­ entscheiden ab, oder entfernt sich wie im Falle der Kriminalisierung der Seenotrettung von dem demokratischen Wertekanon, auf den man sich in Europa mal geeinigt hat.

 

„Die Welt verändert sich schneller, als ich sie erfassen kann“

 

In „Miroloi“ begehrt eine junge Frau auf gegen die autoritären Strukturen in einem isolierten, archaischen Dorf auf einer Insel. Männer haben das Sagen, Frauen dürfen nicht lesen, es gibt Traditionen, religiöse Gesetze und drako­nische Strafen. Es gibt auch einige Ver­weise auf die Gegenwart jenseits der Insel: Coca­ Cola und Fernseher zum Beispiel. Warum dieses Archaische im Modernen?

Anfang 2015 hatte ich zunehmend Schwierigkeiten, die Welt zu beschreiben. Sie verändert sich schneller, als ich sie erfassen kann. Deswegen habe ich diesen Mikrokosmos einer fiktiven Insel erfunden, den ich auf strukturelle Mechanismen untersuchen konnte: Wie ist eine Gesellschaft organisiert? Wie viele Gesetze braucht sie? Wie be­gegnet sie dem Fremden, was macht das Fremde mit ihr? Wie gehen Machthaber mit ihrer Macht um? Gerade Macht übt eine Faszination auf Menschen aus. Wer sie hat, wird in Versuchung geführt, sie auch zu demonstrieren.

Wie hast du recherchiert, um diese Welt zu entwerfen? Du erfindest ja so­ gar eine Religion.

Ich habe vier Monate auf einer Insel in Griechenland verbracht und dort existente Dorftraditionen kennengelernt. Das Wort „Miroloi“ zum Beispiel kommt aus dem Griechischen und beschreibt eine Totenklage. Es gibt in mehreren Regionen Griechenlands die Tradition, dass die Dorfältesten nach dem Ableben eines Menschen sein gesamtes Leben nachsingen.

Ich habe zudem gemeinsam mit zwei Dolmet­schern die Dorfbewohner interviewt, was viel mit Vertrauen zu tun hatte. Es dauert, bis Menschen an den Punkt kommen, an dem sie bereit sind, über Schmerz zu sprechen.

Hast du ein Beispiel?

Wir haben mit einem alten Bauern gesprochen und saßen in seinem Haus in einem Dorf, in dem der Strom nie angekommen ist und das deswegen verlassen wurde. Er ist aber immer noch jeden Tag dort in diesem Haus, das sein Vater mit eigenen Händen gebaut hat. Auf die Frage, was er sich wünschen würde, wenn er einen Wunsch frei hätte, sagte er, dass er gerne alle seine Nutztiere noch mal sehen würde. Diese Unmittelbarkeit hat mich unfassbar be­rührt, dieses dem Leben und Überleben ausgesetzt zu sein. Davon sind wir in unserer urbanen Alltagswelt auf den ersten Blick sehr weit entfernt.

Warum nur auf den ersten Blick?

Wir sind dennoch Nutznießer des­sen – wir konsumieren jeden Tag das, was Leute irgendwo in der Welt an­gebaut haben. Die Menschen, die in Spanien auf den Feldern unsere Tomaten ernten, sind oftmals geflüchtete Menschen aus Afrika, die unter den schlimmsten Bedingungen leben. Und die Menschen, die Tiere auf niedersächsischen Schlachthöfen schlachten, kommen aus Rumänien und hausen unter unwirtlichen Bedingungen. Wir sind bei genauerer Betrachtung gar nicht so weit weg von den archaischen Verhältnissen, die im Buch beschrieben werden.

Warum hast du im Buch das Dorf mit diesem repressiven Gesellschaftsmodell entworfen?

Ich habe mich gefragt, wie die Unterdrückung der Frau strukturiert ist – indem man sie von Bildung fernhält und an Haus und Kind bindet. Anfang des Jahres habe ich ein Interview mit einem spanischen Priester zum Thema häusliche Gewalt gelesen. Er sagte, Frauen seien selbst schuld, wenn sie geschlagen werden, sie hätten ihren Männern einfach nicht gut genug gedient. Das ist in Europa im Jahr 2019. So lange es dieses Gedankengut noch gibt, kann man nicht aufhören, solche Bücher da­ rüber zu schreiben.

Die Protagonistin in „Miroloi“, die am Anfang noch keinen Namen hat, erfährt diese Unterdrückung sehr extrem.

Sie ist ein Findelkind. Die Gesetze im Dorf schreiben aber vor, dass jeder nach der Mutter oder nach dem Vater benannt wird. Nur wer diesen Stamm­namen hat, darf partizipieren. Die Ungewissheit, woher sie kommt, verängstigt die Dorfbewohner. Sie erhält deswegen keinen Namen und damit fängt die Kette der Ausgrenzung an. Ihr wird die Rolle des Sündenbocks zugeschrieben.

In dem Winter, in dem sie gefunden wurde, gab es Frost, der die Ernte zerstört hat. Das Dorf, das in seiner Aufklärung nicht fortgeschritten ist, gibt ihr dafür die Schuld. Dieses Narrativ begleitet dieses junge Mädchen von Anfang an. Wenn sie nicht in einem religiösen Oberhaupt, dem Bethaus­ Vater, einen Fürsprecher hätte, der sie schützt, hätte sie die ersten Jahre wohl nicht überstanden.

Der Bethaus ­Vater erkennt in ihr den Menschen, wie er in jeder Person den Menschen erkennt. Unter diesem Schutz wächst sie bei ihm auf und gerät irgendwann an ei­nen Punkt, wo sie anfängt, das System zu hinterfragen. Das zwirbelt sich auch an ihrem Namen auf: Warum hat alles einen Namen, nur ich nicht?

 

Ein großer Gesang auf die Selbst-Ermächtigung

 

Da ist ein Riss in ihrem Gehorsam, sagt sie an einer Stelle. Fängt mit dem Riss ihr Leben, ihr Miroloi erst an?

Ja, das kann man so sagen. In meinen Augen ist das ein großer Gesang auf die Selbstermächtigung. Sie lernt heimlich lesen und schreiben und verschafft sich somit Zugang zu Bildung und einen Abstand zur Welt. Sie lernt, sich ins Verhältnis zu setzen und die Dinge zu hinterfragen, und schafft so den Sprung aus dem rein emotionalen Welterleben in eine Abstraktion. Die Stelle, in der sie lernt, was der Konjunk­tiv ist, ist programmatisch für dieses In-­Distanz-­treten.

Auf der anderen Seite beschreibt sie die Welt, die sie sieht und erlebt, mit Sinneslust und Entdeckungsfreude, als könne sie die Welt erst jetzt mit der Sprache so richtig greifen.

Sie ist definitiv ein sehr lebenshungriger Mensch und hat eine große Offen­heit für alles, was sie wahrnimmt. Sie erfindet auch Worte: „Das Haus liegt hier am Berg. Engschattig und drüben­sicher.“ „Drübensicher“, also sicher vor dem Fremden auf der anderen Seite des Meeres, ist so ein typisches Wort für sie. Sie hat ihren eigenen Zugang zur Welt, wie ein durch tausend Kanäle gehendes System.

Der Bethaus-­Vater scheint eine morali­sche Autorität zu sein. Es gibt aber auch Momente, die diesen Eindruck zum Bröckeln bringen. Zum Beispiel, wenn die Protagonistin ihre Angst beschreibt, dass er wieder einen Wutausbruch kriegen könnte. 

Ich wollte eine Figur im Buch ha­ben, die ambivalent ist. Niemand, auch ein religiöses Oberhaupt nicht, ist gefeit vor emotionaler Entrückung, Wut oder Lust. Der Bethaus-­Vater ist sehr lebemännisch, er trinkt und isst gerne. Und er partizipiert an einem System, von dem er weiß, dass es nicht fair ist. Er hat genauso Angst vor einem Machtverlust wie alle anderen. Trotzdem versucht er nach seinem besten Wissen und Gewis­sen das Dorf auf einer religiösen Ebene zu leiten.

Aber er unterläuft das System auch sub­versiv von innen, etwa dann, wenn er der Protagonistin das Lesen beibringt.

Genau. Es gibt eine Strophe, in der die Protagonistin alles aufzählt, was sie vom Bethaus­-Vater gelernt hat. Dazu gehört auch, „wie man das Gesetz biegt, ohne es zu brechen“. Er sucht die Lücken im System. Er hat einen parallelen Subwoofer von eigener Moral am Laufen, nach der er abwägt, welche Gesetze er übersehen und umgehen kann.

Karen-Koehler-Cover-MiroloiIst der Roman optimistisch? Dass sie ihr eigenes Miroloi singt, kann man auch so verstehen, dass sie stirbt.

Auf der einen Seite ist es ein wahnsinnig optimistisches Buch, weil sie sich selbst ermächtigt und den Weg in die Freiheit geht. Sie hat den Mut, sich zu wider­ setzen und riskiert ihr eigenes Wohlergehen. Das Ende habe ich bewusst offen gelassen, ob es pessimistisch oder optimistisch ist – das kann jeder für sich entscheiden.

Karen Köhler: „Miroloi“, Hanser, 464 Seiten, 24 Euro. Der Roman ist am 18.8. erschienen. Am 16.9.2019 liest die Autorin im Rahmen des HarbourFront Literaturfestivals im Nochtspeicher.


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Lucy Fricke – Das Archiv im Kopf

Ein Gespräch mit der Autorin über ihr Erfolgsprojekt HAM.LIT, die Schwierigkeiten der Kunst und ihren neuen Roman.

SZENE HAMBURG: Lucy, du bist gebürtige Hamburgerin und lebst jetzt in Berlin. Als Schriftstellerin: Welche Stadt ist inspirierender? Und warum überhaupt?
Lucy Fricke: In der Millennium-Nacht habe ich hoch pathetisch verkündet, dass ich Hamburg verlassen werde. Zwei Wochen später hatte ich eine Wohnung in Berlin. Ich musste einfach mal raus, wollte durch andere Straßen ziehen und nicht an jeder Ecke irgendwelchen Erinnerungen begegnen. Das war nötig und enorm befreiend, ich kannte damals niemanden in Berlin, und habe auch erst hier ernsthaft mit dem Schreiben begonnen. Alles Neue ist für mich inspirierend. Inzwischen ist Berlin längst nicht mehr neu und Hamburg als Heimatstadt natürlich auch nicht, also versuche ich, so oft wie möglich auf Reisen zu gehen. Ich reise nicht, um zu entspannen, sondern um wach zu werden. An anderen Orten sind bei mir alle Kanäle offen, ich sauge alles auf und kehre dann zum Arbeiten an den Schreibtisch zurück.

Als Mitglied des PEN Deutschland hast du nicht nur den Blick durch die Augen einer Schreibenden, sondern auch die exogene Perspektive auf das Schaffen anderer Autoren. Mit welchen Schwierigkeiten bist du dort konfrontiert?
Vor einigen Jahren war ich zehn Wochen lang im International Writing Program an der Universität Iowa. Von 30 Schriftstellern aus 28 Ländern war ich die einzige, die vom Schreiben halbwegs leben konnte. Nicht, weil ich mehr Erfolg, Talent oder Disziplin gehabt hätte, sondern weil ich in Deutschland lebe. Hier gibt es Preise und Stipendien, Verlagsvorschüsse, Honorare für Lesungen.

Das ist die Frage nach dem Überleben des Künstlers…
Und die nach der Freiheit, das zu schreiben, was man will. Ich saß dort abends mit Autoren in der Kneipe, die in ihren Heimatländern Todesdrohungen erhalten hatten, jahrelang inhaftiert gewesen sind oder auf der Liste des pakistanischen Geheimdienstes standen. Sie schrieben unter Lebensgefahr. Wenn einem das erst einmal bewusst ist, fängt man an, sich für verfolgte und inhaftierte Schriftsteller zu engagieren, das ist eines der Hauptanliegen vom PEN-Club. Außerdem hört man auf zu jammern. Jedes Selbstmitleid verbietet sich, sobald man weiß, unter welchen Bedingungen die internationalen Kollegen leben und schreiben.

Du selbst hast gerade dein viertes Buch zur Welt gebracht und gehst damit auf Premierenlesung. Ist der Konflikt in „Töchter“ biografisch beeinflusst oder ein fiktives Dokument gesellschaftlicher Geschichte?
Die Handlung im Roman ist fiktiv, alles andere ist so oder so ähnlich gesagt, gedacht und erlebt worden. Man könnte sagen: Alle Details stimmen, der Rest ist frei erfunden. Seit ein paar Jahren sind im Freundeskreis die Eltern ein größeres Thema. Das Verhältnis kehrt sich um, sie brauchen jetzt unsere Hilfe. Der Blick auf sie ändert sich, wenn sie kurz vorm Tod stehen. Meinen Eltern geht es zum Glück noch sehr gut, aber meine Hoffnung beim Schreiben war auch, mit Gesprächen zu beginnen, bevor es zu spät ist.

Vor deiner schriftstellerischen Ausbildung in Leipzig hast du beim Film gearbeitet: Für die Hamburger Klassiker „Kurz und Schmerzlos“ und „Absolute Giganten“ warst du verantwortlich für Script und Übergänge. Wie haben diese Projekte dein späteres, jetziges Schaffen beeinflusst?
Script/Continutiy ist ein wahnsinnig akribischer Job, man ist zuständig für die sogenannten Anschlüsse und muss sich alles merken. Nach über 20 Filmproduktionen habe ich das Beobachten aufs Härteste trainiert, das ist ins Unterbewusstsein eingedrungen. Ich scanne quasi permanent meine Umgebung und kann das beim Schreiben abrufen. Also verfüge ich über ein riesiges Archiv detailgenauer Aufnahmen. Ich erfinde wenig und hole fast alles aus der Erinnerung.

2010 war dann endlich das Jahr der HAM.LIT: Du hast die Veranstaltung initiiert und leitest sie noch heute. Was hat sich in den letzten acht Jahren verändert – sowohl notgedrungen, als auch aus gewollter Entwicklung heraus?
Das Kuratieren ist viel aufwendiger geworden. In den ersten zwei Jahren habe ich hauptsächlich Freunde und Bekannte eingeladen, Autoren, die ich kannte, deren Arbeit ich schätzte. Aber so viele Freunde habe ich nun auch nicht, dass ich jedes Jahr 15 neue bei der HAM.LIT präsentieren könnte. Inzwischen wählen wir aus etwa 40 bis 50 Büchern aus, wir fordern viel an, aber noch viel mehr wird uns zugeschickt, von den Verlagen, manchmal auch von den Autoren direkt. Es ist wirklich in Arbeit ausgeartet.

Nach welchen Kriterien wählt ihr Autoren und Musiker des Line-ups aus?
Daniel Beskos als Verleger und ich als Autorin bewegen uns viel in der Szene, alles was uns auffällt kommt erst mal auf die Liste. Es ist zum Glück immer noch so, dass wir einladen können, wer uns gefällt und überzeugt, unabhängig von Verkäuflichkeit. Die Qualität ist für uns das Wichtigste. Und es sollen nicht nur verschiedene Gattungen präsentiert werden, sondern auch unterschiedliche Stile und Themen, Debütanten und etablierte Autoren.

Dafür bedarf es sicherlich eines guten Supports…
Seit Jahren stärken uns die Kulturbehörde und verschiedene Stiftungen den Rücken, allen voran die Hamburgische Kulturstiftung, die uns von Beginn an auf beeindruckende Weise unterstützt, ohne die würde gar nichts gehen.

Und deine Motivation?
Tatsächlich habe ich die HAM.LIT aus purem Frust gegründet. Mein erstes Buch war erschienen, ein ziemlicher Flop, und ich hatte Lesungen hinter mir, die von Seiten der Veranstalter derart lieblos und inkompetent organisiert waren, dass ich dachte: Das muss doch anders gehen. Ich habe von Autorenseite aus gedacht: Wie sollte eine Veranstaltung sein, bei der ich selbst gern lesen würde. Das halte ich immer noch für den besten Weg: Wenn es den Künstlern gut geht, profitiert davon das Publikum. Und ich glaube, das bekommen wir ganz gut hin. Dass der Abend inzwischen jedes Jahr ausverkauft ist, spricht dafür. Das sorgt auch für die hohe Motivation, wenn sich am Ende des Abends die Gäste und die Künstler bei uns bedanken, das macht uns glücklich. Wir träumen schon lange davon, HAM.LIT auf Tour zu schicken. Alle KünstlerInnen in einen Bus und am nächsten Tag dasselbe Programm in einer anderen Stadt. Eine Band, die jedes Jahr nur für ein paar Tage existiert, das wäre was.

Interview: Jenny V. Wirschky 

HAM.LITUebel & Gefährlich, 1.2.18, 19 Uhr

 

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Februar 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!