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Grüner Bauen: Nachhaltig in die Zukunft

Für eine zukunftsfähige Stadtentwicklung gewinnt ökologisches Bauen zunehmend an Bedeutung. Jan Frank Dühlmeyer hat sich genau darauf spezialisiert. Der Architekt über Chancen und Vorbehalte

Interview: Ilona Lütje

 

SZENE HAMBURG: Herr Dühlmeyer, warum haben Sie sich auf „Grünes Bauen“ spezialisiert?

Jan Frank Dühlmeyer und Marrett Rebecca Dubbels sind das Team von Grünwärts Bauen; Foto: Grünwärts

Jan Frank Dühlmeyer und Marrett Rebecca Dubbels sind das Team von Grünwärts Bauen; Foto: Grünwärts

Jan Frank Dühlmeyer: Der Weg konventionell zu bauen, wäre für uns sicherlich der deutlich einfachere und zunächst auch wirtschaftlichere gewesen. Wir lieben unseren Beruf und uns ist es sehr wichtig, dass wir in unserer Arbeit einen Sinn sehen und nachhaltige, gesunde und gute Gebäude für die Menschen und unsere Umwelt bauen. Durch unser Studium und unsere Kindheit haben wir gelernt, wie wichtig der nachhaltige Umgang mit unseren Ressourcen und unserer Umwelt ist. Wir sind überzeugt, dass der Weg des nachhaltigen und ökologischen Bauens der Weg der Zukunft ist.

Welche Rolle spielt das Thema denn überhaupt aktuell in der Baubranche?

Zunehmend eine bedeutendere Rolle. Dabei geht es in erster Linie um Gebäude mit einem sehr niedrigen Energiebedarf. Doch auch die Verwendung nachwachsender Rohstoffe sollte deutlich mehr gefordert und gefördert werden. Hamburg hat hier durch die Einführung der Holzbauförderung bereits einen sehr guten Anreiz geschaffen. Zum Thema Nachhaltigkeit gehört darüber hinaus außerdem auch die langfristige Nutzbarkeit von Gebäuden. Ein Gebäude sollte zeitlos gestaltet und entweder so klein sein, dass es von seinen Bewohnern lange genutzt werden kann oder teilbar sein, wenn sich beispielsweise die Familienkonstellation verändert, also wenn Kinder das Haus verlassen.

 

Grün bauen, wie geht das?

 

Wie lässt sich grün bauen?

Grün zu bauen, ist heute mit zahlreichen ökologischen Baustoffen, die industriell hergestellt werden, eine echte Alternative zum konventionellen Bauen. Unsere Gebäude bestehen zum Beispiel aus 30 Zentimeter starken leimfreien Massivholzwänden, einer außen liegenden Holzfaserdämmung und einer Holzfassade, Holzfenster und Holztüren sowie Massivholzdecken, die von unten sichtbar gelassen wurden. Als Trittschall­ dämmung verwenden wir Holzfaserdämmung auf den Decken und Massivholzdielen als Bodenbelag. Unsere Dächer dämmen wir mit Zellulosefasern, die aus alten Zeitungen hergestellt werden. Auf unseren Dächern befindet sich eine PV­-Anlage, die Strom für das eigene Gebäude produziert, im Gebäude speichert und verbraucht. Überschüssiger Strom wird ins öffentliche Netz eingespeist. Dadurch, dass unsere Gebäude als KfW­-40 PLUS­-Gebäude gebaut sind, benötigen sie so gut wie keine Wärmeenergie, sodass wir die wenige Wärme über Infrarotheizkörper zuführen.

Bedeutet grüner bauen auch teurer bauen?

Grüner bauen ist in der Tat etwas teurer als konventionelles Bauen. Mit unseren Gebäuden können wir jedoch, insbesondere durch sehr effiziente Grundrisse (sehr wenig Flurfläche und den Verzicht auf die Aufstellfläche einer Heizungsanalage), als echte Alternative gegenüber den Mitbewerbern bestehen. Wenn man bedenkt, dass ein Quadratmeter Wohn­fläche in Hamburg zwischen 4.500 und 8.000 Euro liegt, kann man durch diese Einsparung sehr viel erreichen.

Ist die Lebensdauer eines grünen Hauses ver- gleichbar mit der eines konventionellen Hauses?

Die Lebensdauer eines grünen Gebäudes unter­ scheidet sich in keiner Wiese von der konventio­nell gebauter Gebäude. Grüne Gebäude bieten darüber hinaus ein sehr gesundes Wohnklima, was insbesondere für heranwachsende Kinder von großer Bedeutung ist. Wenn man an den Gesamtlebenszyklus der Gebäude denkt, so ist die Entsorgung grüner Gebäude (insbesondere Massivholzgebäude) zuletzt deutlich einfacher. Die einzelnen Bauteilschichten lassen sich sehr gut voneinander trennen und als Rohstoffe weites­ gehend sortenrein wiederverwenden.

 

Der ökologische Fußabdruck

 

Die Häuser werden in massiver Holzbauweise errichtet; Foto: Grünwärts

Die Häuser werden in massiver Holzbauweise errichtet; Foto: Grünwärts

Wie wirkt sich ein grünes Haus auf meinen ökologischen Fußabdruck aus?

Zunächst erzeugt jeder Bau eines neuen Gebäudes einen Fußabdruck. Doch Wohnraum wird gebraucht, also muss gebaut werden. Wir raten unseren Kunden stets so groß wie nötig und so klein wie möglich zu bauen – damit fängt der Gedanke an! In unserem zuletzt gebauten Gebäude lebt eine fünfköpfige Familie auf 107 Quadrat­meter Wohnfläche!

Das Bauen mit Holz ist eine wunderbare Möglich­keit, beim Bauen den ökologische Fußabdruck so klein wie möglich zu halten. Holz bindet CO2 und dieses gebundene CO2 im Holz über einen langen Zeitraum zu lagern, ist die ökologischste und nachhaltigste Nutzung des Rohstoffs Holz.

Wie haben sich die Ansprüche der Bauherren in den letzten Jahren geändert?

Gerade im städtischen Raum und in unserer Generation steigt das Interesse an grünem Bauen. Unser Ansatz zugunsten von mehr Baustoff­ und Wohnqualität auf Fläche zu verzichten, findet immer mehr Anklang, dennoch liegen die Vorstellungen bei der zu bewohnenden Fläche bei vielen unserer Bauherren erst mal sehr hoch.

Was tun Sie persönlich für Ihren CO2-Abdruck?

Einen wesentlichen Beitrag für unseren eigenen ökologischen Fußabdruck sehen wir zunächst einmal in unserer eigenen Arbeit. Darüber hinaus leben und arbeiten wir selbst in einem Holzhaus. Wir ernähren uns biologisch und bauen im Sommer Gemüse im eigenen Garten an. Unsere Urlaube verbringen wir immer auf unserem alten Segelboot auf Nord­ und Ostsee. Seit vielen Jahren verzichten wir bewusst auf Flugreisen und nutzen für lange Strecken die Bahn.


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Nachhaltige Bauprojekte: Die neue Holzklasse

Zwischen HafenCity und Elbbrücken entsteht ein Wolkenkratzer aus Holz. Nicht das einzige nachhaltige Bauprojekt in Hamburg, das sich Klimaneutralität bis 2050 verordnet hat. Der Nutzung von Solarenergie kommt eine Schlüsselrolle zu

Text: Andreas Daebeler

 

Ein Wolkenkratzer aus Holz Mitten in Hamburg. Das ist kein Traum eines Waldschrats. Das nennt sich „Roots“. Und ist womöglich die Zukunft des nachhaltigen Bauens. Sa- gen jedenfalls Architekten wie Jan Störmer, der das „Roots“ entworfen hat. Ein 18-stöckiges Holzhaus, das zwischen Elbbrücken und HafenCity hochgezogen wird. 140 Millionen Euro werden investiert. Nach der für 2023 geplanten Fertigstellung soll das Gebäude für Hunderte Menschen zum Zuhause werden und etlichen Unternehmen Platz bieten. Grandioser Ausblick inklusive.

Elbside: 2023 will Vattenfall die neue Zentrale in der HafenCity; Foto: EDGE

Elbside: 2023 will Vattenfall die neue Zentrale in der HafenCity; Foto: EDGE

„,Roots‘ steht für unsere Vision, die Stadt mit dem Baustoff Holz klimaneutral nachzuverdichten“, sagt Fabian von Köppen, Geschäftsführer der für das Projekt verantwortlichen Garbe Immobilien-Projekte GmbH.

Insgesamt werden für das 65 Meter hohe „Roots“ rund 5.500 Kubikmeter Nadelholz verbaut. Ein Weltrekord, wenn es um Häuser geht. Gearbeitet wird mit kompakten Fertigteilen. Damit trage diese Bauweise nicht nur zur Reduktion des CO2 -Fußabdrucks bei, sondern begrenze auch Lärmemissionen bei der Umsetzung, so von Köppen anlässlich des Baustarts Ende 2020. „Wir möchten mit der Holzhaus-Entwicklung für die Branche vorangehen und es in zehn Jahren gemeinsam geschafft haben, dass diese Art zu bauen kein Novum mehr ist.“

 

Holz speichert CO2, bei der Herstellung von Zement entsteht Treibhausgas

 

In Sachen Ökobilanz ist die Sache klar: Der nachwachsende Rohstoff Holz speichert CO2 . Bei der Herstellung von Zement hingegen entstehen rund acht Prozent der weltweiten Treibhausgas-Emissionen. Außerdem wird dafür Sand im großen Stil benötigt. Dessen Abbau gefährdet vielerorts das Ökosystem. Die nahe liegende Vermutung, dass Holzhäuser gefährlicher sind, wenn es brennt, ist übrigens falsch. Vielmehr können dicke Holzbalken bei einem Brand sogar länger stabil bleiben als etwa Stahlträger. Als problematisch gilt eher mangelnder Schallschutz. Zudem ist es immer noch teurer, mit Holz zu bauen. Und es muss sehr genau geplant werden, Änderungen erst während der Bauphase sind schwierig.

„Technisch betrachtet gehört der Holzbau in diesen Dimensionen zur Königsklasse in der Projektentwicklung“, sagt „Roots“-Projektleiter Georg Nunnemann. Es gehe darum, der Natur wieder einen größeren Raum in unseren Städten zu geben. Das geschieht in Hamburg auch andernorts. Etwa an der Daimlerstraße in Bahrenfeld, wo in einem sechsgeschossigen Hybridbau ebenfalls viel Holz zum Einsatz kommt. Das Unternehmen Vattenfall baut in der HafenCity seine neue Konzernzentrale. Auf 21.800 Quadratmetern Nutzfläche werden ab spätestens 2023 so um die 1.200 Mitarbeiter arbeiten. Das 15-geschossige Gebäude entsteht ebenfalls in Holzhybridbauweise.

 

Preisverdächtige Module werden wie Legosteine aufeinandergestapelt

 

Aus Holzmodulen wie ein Legohaus gebaut: Dafür wurde das „Woodie“ mit dem Immobilien-Oscar ausgezeichnet; Foto: Jan Bitter

Aus Holzmodulen wie ein Legohaus gebaut: Dafür wurde das „Woodie“ mit dem Immobilien-Oscar ausgezeichnet; Foto: Jan Bitter

Das weitgehend aus Holz errichtete Studentenwohnheim „Woodie“ in Wilhelmsburg gewann 2019 den Mipim Award, der als „Immobilien-Oscar“ gilt. Das siebengeschossige Gebäude wurde aus 371 Holzmodulen errichtet, die wie Legosteine aufeinandergestapelt wurden. Auch bei den Planungen für einen neuen Stadtteil auf dem Grasbrook spielt der Baustoff aus den Nutzwäldern eine wichtige Rolle. Im Koalitionsvertrag haben SPD und Grüne nachhaltiges Bauen als Ziel festgeschrieben. Bei jedem Projekt wird hinterfragt, wie Klima und Ressourcen bestmöglich geschont werden können. Das ist auch ein Ansatz, der verfolgt wird, wenn es um neue Wohnviertel geht.

Die konnten früher so richtig öde sein, mit grauem Waschbeton, winzigen Grünflächen und vor jeder Tür drei Autos. Doch Hamburg steuert um. An viele Orten im Stadtgebiet entstehen Gegenentwürfe zu Bausünden früherer Jahrzehnte. Eine wichtige Grundlage bietet das Klimaschutzgesetz, das erst Ende 2020 vom Senat noch einmal nachgeschärft wurde. Etwa wenn es um Energiegewinnung geht. Beispiel: 2023 bereits müssen auf sämtlichen Neubauten Photovoltaikanlagen zur Stromproduktion installiert werden. Der Senat erhofft sich eine Einsparung von 60.000 Tonnen CO2 bis zum Jahr 2030.

 

2026 ist für den Energieträger Heizöl Schluss

 

Und das Gesetz schreibt trotz anhaltender Proteste aus der Wohnungswirtschaft noch mehr vor. Wenn Heizungen ausgetauscht werden, müssen 15 Prozent des Energiebedarfs aus erneuerbaren Quellen stammen. Ölheizungen im Neubau sollen ab 2022 nicht mehr zulässig sein, beim Austausch bestehender Anlagen ist für den Energieträger Heizöl ab 2026 Schluss. Gebäude der öffentlichen Hand sollen in vorbildhafter Weise energieeffizient errichtet und saniert werden. „Bis spätestens 2050 soll Hamburg klimaneutral werden. Bis dahin ist es ein weiter Weg und die Herausforderungen sind groß. Aber wir gehen jetzt voran“, so Umweltsenator Jens Kerstan anlässlich der Fortschreibung des Klimaplans. Doch geht’s um Nachhaltigkeit, sind nicht nur ökologische Aspekte von Bedeutung. Vielmehr ist auch das soziale Miteinander einer der Pfeiler zukunftsorientierter Planung.

 

Soziale Nachhaltigkeit in Quartieren wird immer wichtiger

 

Zum Beispiel im Pergolenviertel, das in den vergangenen Jahren an der Grenze von Winterhude und Barmbek gewachsen ist. Dort gibt es Arkadengänge, lichtdurchflutete Innenhöfe und jede Menge Grün. Beteiligung der Bürger war von Anfang Kernthema. Sieben Hektar des Per- golenviertels hatten die Architekten für Parkflächen, Spiel- und Bolzplätze reserviert. Der Bestand an größeren Laubbäumen blieb weitgehend erhalten. Im Quartier gibt es Wohngruppen für Senioren und Menschen mit Behinderung. Sozialprojekte haben eine Heimat gefunden.

Arkadengänge, lichtdurchflutete Innenhöfe und viel Grün: Pergolenviertel; Foto: Bezirksamt Hamburg-Nord

Arkadengänge, lichtdurchflutete Innenhöfe und viel Grün: Pergolenviertel; Foto: Bezirksamt Hamburg-Nord

Die Planer verfolgten das Ziel, dass viele der 4.000 Bewohner auf ein Auto verzichten. Das Areal hat bundesweiten Modellcharakter für den Radverkehr. Vier Millionen Euro steuerte der Bund bei. „Klimaschutz durch Radverkehr“ nennt sich das Förderprogramm, das darauf setzt, in Stadtteilzentren die Lebensqualität zu verbessern und Luftverpestung einzudämmen. Auch Altonas Neue Mitte ist autoarm geplant worden. Öko-Standards haben beim Bau der Häuser eine wichtige Rolle gespielt. Allerdings gibt es auch Kritiker, die darauf hinweisen, dass der Baustoff Holz kaum eine Rolle gespielt hat. Und dass viel zu eng und lieblos geplant wurde.

Nachhaltige Stadtentwicklung muss neben den Baustoffen, die genutzt werden, viele weitere Faktoren berücksichtigen. Bezahlbarer Wohnraum ist ebenso von Bedeutung wie Diversität und Projekte, die ein Miteinander fördern. Grün und sozial soll es sein. Lärm soll vermieden werden, Teilhabe ermöglicht und ein Zusammenspiel von anspruchsvoller Architektur und energetischer Bauweise gewährleistet werden. Neue Projekte stehen bereits in den Startlöchern. Etwa im Stadtteil Groß Borstel. Dort soll auf einer Fläche von 60.000 Quadratmetern der sogenannte Petersen Park entstehen, ein Quartier mit 330 Wohnungen. Zwischen den Häusern sollen parkähnliche Grünzonen entstehen, auch die Dächer sollen begrünt werden.

Doch zurück zum gigantischen Holzhaus nahe der HafenCity. Ins „Roots“ werden nicht nur Mieter und Firmen einziehen. Sondern auch eine Ausstellung, die den ökologischen Anspruch des Projekts unterstreichen soll, wird dort eine Heimat finden. Die Deutsche Wildtier Stiftung wird Besuchern einen Einblick in die Themenfelder Natur und Artenschutz bieten. Ein Signal der Bauherren. Mehr sicher nicht. Aber vielleicht ist es ein nachhaltiges.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2021. Das Magazin ist seit dem 29. Juli 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Viva La Bernie – Hoffnung für den Gemeinschaftshof

Die Hinterhofgemeinschaft in der Bernstorffstraße in Altona will den freien und kreativen Raum erhalten – und hat nun 7 Millionen Euro gesammelt, um einen Abriss zu verhindern.

Es gibt sie in ganz Hamburg, die bedrohten Räume: Kreative Keimzellen und Gemeinschaftsprojekte, alteingesessene Mieter und Kult-Orte, deren Wohn- und Arbeitsraum von großen Investoren aufgekauft, abgerissen, und an deren Stelle teure Neubauten hochgezogen werden. Hamburg kennt dieses Phänomen wie jede andere deutsche Großstadt – wehrt sich aber oft und laut dagegen. So auch bei „Viva La Bernie“: Der Verein kämpft seit letztem Jahr für den Erhalt eines Hinterhofes in der Bernstorffstraße.

Das Gelände der „Bernie 117“, wie die Mieter es liebevoll nennen, wird schon seit fast vier Jahrzehnten von den 19 ansässigen Parteien frei gestaltet. Über 100 Menschen leben und arbeiten hier: Handwerker, Mechaniker, Tänzer, Designer, Heilpraktiker, Künstler. Rocko Schamoni hat hier eine Töpferwerkstatt, Fettes Brot ein Tonstudio. „Wir sind eine bunte Mischung aus Kunst und Handwerk, die hier sehr gut funktioniert“, erzählt Ralf Gauger. Er ist mit seiner Baufirma schon 25 Jahre Teil der Hofgemeinschaft. „Viele sind schon sehr lange hier“, fügt er hinzu. „Wir können also eine große Kontinuität vorweisen.“ Doch diese ist in Gefahr: 2017 verkaufte der ehemalige Besitzer das Gelände an die Berliner AC Immobilien-Investment GmbH. Die Parteien der Bernie 117 mobilisierten sich schnell, Gauger wurde zum Sprecher ernannt – der „Viva la Bernie e.V“ war geboren.

Drei Bier und zwei Spezi

„Die Anfänge der Verhandlungen mit den Eigentümern war sehr ernüchternd“, erinnert sich Ralf Gauger heute. Während der Verein schon zu Beginn ein offenes Gespräch suchte, blockten die Investoren erst einmal ab – zum ersten Treffen durfte Gauger nur alleine kommen. „Da wurde mir dann schnell klar, dass wir hier nur als einzelne Mieter gesehen werden“, erzählt Gauger. Dass es dem Verein aber vor allem um die Gemeinschaft und den Zusammenhalt geht, die sich die Hofbewohner über viele Jahrzehnte hinweg aufgebaut haben, hätten die Investoren gar nicht erkannt. Angstfrei wohnen und arbeiten, in einer sozialen Gemeinschaft: „Das sind Grundbedürfnisse, die man nicht einfach auf einen Kaufpreis umrechnen kann.“

Freiräume wie die Bernie 117 würden außerdem dazu beitragen, den Stadtteil lebendig und sozial zu gestalten. „Wir sind ja nicht einfach nur 110 glückliche Menschen, die ihren Hof behalten wollen, wir haben auch einen engen Kontakt zum Viertel“, erklärt Gauger. Sein Bauunternehmen übernahm einen großen Teil der Planung des neuen Pudelclubs, zusammen mit drei weiteren Firmen betreute es außerdem den Bau des FC St. Pauli Museums. 14 Monate lang saßen sie  dafür jede Woche zusammen. Die Bezahlung: „Drei Bier und zwei Spezi.“

Über die letzten Jahrzehnte hat die Gemeinschaft der Bernie 117 nicht nur den eigenen Hof geformt und mitgestaltet – auch das Viertel. Kreative Vereine wie sie schaffen den Flair, den Viertel wie Altona, die Schanze oder St. Pauli so attraktiv für Einwohner und Touristen machen. „Und dann kommt ein Investor mit dickem Geldbeutel und schöpft hier Gewinn ab, obwohl er nie etwas zur Gestaltung des Stadtteils beigetragen hat“, so Gauger.

Die Finanzierung ist geschafft

Dass der Hof in Gefahr gerät, löste nicht nur innerhalb der 110-köpfigen Hofgemeinschaft eine Welle der Empörung und Unterstützung aus: Jan Delay, Fettes Brot, Deichkind, Fatih Akin, Heinz Strunk oder FC Pauli Präsident Oke Göttlich setzten sich ein, auch aus dem Bezirksamt und der Handwerkskammer kam Zuspruch. „Im Falle einer Konfrontation stehen alle hinter uns“, bestätigt Rocko Schamoni, der auf dem Bernie-Hof ein Töpferstudio hat. Den Grund für den lauten Aufschrei sieht er in einem grundlegenden Frustration der Hamburger: „Ich denke, es gibt hier ein unglaubliches Bedürfnis nach einer Stadt, über die man selbst verfügt und in der man gefragt wird, wie man überhaupt gemeinschaftlich leben will.“

Selbst über den Hof verfügen möchten auch die Mitglieder von „Viva La Bernie“: „Wir wollen gar kein Gegner sein“, erklärt Gauger. „Deswegen ist unser Friedensangebot, den Berliner Investoren den Hof abzukaufen.“ In den letzten Wochen hat die Hofgemeinschaft das Unglaubliche geschafft: Jetzt liegen sieben Millionen Euro auf dem Tisch, finanziert von 130 privaten Kreditgebern und einer sozial engagierten Bank. „In dieser unfassbar hohen Summe ist nach unserer Einschätzung auch ein sechsstelliger Gewinn für die Investoren enthalten.“

Dass der Verein diese Summe stemmen konnte, sieht Rocko Schamoni auch als eine Verpflichtung für die Besitzer, den Finanzierungsplan ernst zu nehmen. Aber auch, wenn noch unklar ist, ob die Berliner Investoren auf das Angebot eingehen oder nicht: Der erste Meilenstein wird bei Viva La Bernie trotzdem ordentlich gefeiert. Am Freitag, den 28. September will sich der Verein bei allen Unterstützern bedanken. Die Party steigt um 19 Uhr, auf der Bühne tummeln sich Hamburger Künstler wie Jan Delay, Sammy Deluxe oder Fettes Brot.

Text: Sophia Herzog

Dieser Artikel wurde am 27. September 2018 veröffentlicht und erscheint nicht im Print-Magazin, sondern exklusiv auf www.szene-hamburg.com.


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