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Johannes: „So bin ich ständiger Zaungast des Lebens“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Johannes begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Ich saß mit meiner Frau in Tansania an einem gottverlassenen Bahnhof, etwa 100 Kilometer westlich von Dodoma, irgendwo mitten im Land und wir haben den ganzen Tag auf einen Zug gewartet. Es war völlig unklar, ob er kommt oder nicht. Mit uns zusammen hat dort ein Massai gesessen, der auch auf diesen Zug gewartet hat. Dieser Mann hat eine Ruhe ausgestrahlt, das habe ich noch nicht erlebt. Mit diesem Menschen, mit dem wir überhaupt keinen Kontakt hatten, zusammen auf einen Zug zu warten, ungewiss, ob er überhaupt kommt und dann zu sehen, dass man dabei total ruhig und zufrieden sein kann: Das fand ich sehr beeindruckend.

Ich bin viel durch Afrika und Asien gereist. Eigentlich ist es unerträglich, in was für einem Wohlstand wir hierzulande leben. Wir halten Menschen von der Migration nach Deutschland ab und sind gleichzeitig nicht bereit, unseren Wohlstand zumindest mal zu begrenzen. Es ist nicht zulässig, Mieten ins Unerlässliche steigen zu lassen und Gewinne ohne Ende zu privatisieren. Mir geht es dabei ja nicht darum, den Sozialismus einzuführen, sondern ganz einfach um Wohlstandsgrenzen.

Ich definiere mich zeitlebens über das Recht, lebe nach Prinzipien und Strukturen, die ich in meinem Juristendasein gelernt habe. Vielleicht hätte ich auch etwas anderes machen sollen, denke ich manchmal. Dann wäre ich heute aber auch jemand anderes. So habe ich mich nun mal für das Recht entschieden und bin seit gut 40 Jahren Anwalt. Ich habe darüber Menschen, Betriebe und Beziehungen kennengelernt. Denn ich liebe es zu suchen. Sucht man etwa nach Motiven, wird vieles nachvollziehbar. Ich sage es gerne so: Durch den Beruf bin ich ein ständiger Zaungast des Lebens.

 

„Nach 39 Jahren zieht man nicht mehr weg“

 

Inzwischen bin ich seit drei Jahren in Rente, arbeite aber immer noch nebenbei. Ansonsten verbringe ich viel Zeit auf unserer kleinen Datsche, etwas außerhalb von Hamburg auf einem kleinen Bauernhof. Die hatte ein völlig krummes Dach, aber ich habe da oben ein Zimmer ausgebaut mit allem Drum und Dran: neuer Dachstuhl, neue Dachgaube, Fenster eingesetzt, eine Treppe angebaut. Das war höchst kompliziert für einen, der das nicht gelernt hat, aber es war letztendlich erfüllend.

Wenn ich mit meiner Frau da draußen bin, die Schafe und Alpakas um uns herumrennen, und in dem Wissen bin, bald kann ich mit meinem Enkel Trecker fahren, ist alles, was hier in der Stadt passiert, vergessen. Seit 39 Jahren wohne ich in Eppendorf. Erst in einer Wohngemeinschaft, später mit meiner Frau, irgendwann mit unserer Tochter. Da zieht man nicht mehr weg.

Meine Tochter wohnt jetzt in der Neustadt im Gängeviertel, das ist eine ganz andere Atmosphäre als hier. Da riecht man morgens, dass es dem Stadtteil am Abend gut gegangen ist. Die Menschen stehen auf der Straße, trinken Kaffee zusammen, unterhalten sich. Mit unseren Bauern auf dem Land ist das genauso so. Man unterhält sich. Ganz anspruchslos, ganz normal, ohne gedankliche Tiraden.

In Eppendorf fehlt mir mitunter dieses Gefühl von Nachbarschaft. Dabei könnten wir alle mehr miteinander reden, auch einem Fremden mal einen freundlichen Blick schenken. Wenn ich dir eins mitgeben kann, dann genau hinzugucken, sich Zeit für andere Menschen zu nehmen. Manchmal urteilen wir zu schnell. Also: lieber zwei Mal hingucken. Und richtig zuhören.“


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Gut Haidehof: Von Agrar-Rebellen und Gemüse-Liebhabern

Ein neues Referenzzentrum des Gemüseanbaus: Auf dem Haidehof zählen Handarbeit und der perfekte Kuhfladen

Text: Laura Lück
Fotos: Haidehof

 

Samstagvormittags haben die ersten Besucher des Haidehofs ihren Wocheneinkauf im Hofladen schon hinter sich. Auf dem Rückweg ragen Frühlingszwiebeln aus ihren Fahrradkörben, viele haben Kinder im Schlepptau. Betritt man den schönen alten Hof, fällt der Blick auf Heuballen, Gemüsekisten und junge Väter, die mit ihren Sprösslingen Pfauenfedern suchen – ist das noch Wedel oder sind wir schon in Bullerbü?

Man spricht kein Schwedisch, sondern Englisch auf Gut Haidehof. Das Farm-Team ist international. Dänen, Spanier, Briten und Deutsche kommunizieren über Walkie-Talkies auf dem weitläufigen Hof. Jeder ist Experte für ein anderes Gebiet von Gemüseanbau über Saatgutproduktion bis Viehhaltung.

Stephan (Foto o.) leitet das regenerative Agrarprojekt des Haidehofs nicht nur, er darf sich auch erster zertifizierter Lehrer des Holistic Management, einem regenerativen Farming System in Deutschland, nennen. Dahinter steckt das US-amerikanische Savory Institute.

 

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Alba und Astrid bei der Sieben-Uhr-morgens-Ernte / Foto: Haidehof

 

„Das ist der perfekte Kuhfladen! Nicht zu dünn, nicht zu großflächig und schön dicht besiedelt“, verkündet Stephan und weist auf einen Haufen, der tatsächlich nach Insekten-Partylocation aussieht. Hier treffen sich Mistkäfer, Würmer und diverse Mikroorganismen.

Ganz bald sollen weitere Gäste dazu stoßen und ihnen bei der Dungverteilung helfen: Hühner. Nach dem Konzept des Holistic Management folgen sie den Dungspuren der Kühe. Diese wandern nämlich täglich in neue Weideareale, die mit Elektrozäunen abgesteckt werden. Der Boden kann sich dann zwischen 40 und 60 Tage erholen.

Das Gras wird so nie ganz heruntergefressen und kann ein tiefgehendes Wurzelwerk entwickeln. Dort sorgen dann mikroorganische Prozesse dafür, dass selbst in trockenen Jahren grünes frisches Gras nachwächst. Die wie so oft visionären Skandinavier haben mit der Ridgedale Farm in Schweden die europäische Brutstätte zur Verbreitung der Savory-Lehre geschaffen. Dort sind sich auch Stephan, Astrid, Alba und Hannes begegnet, die das Permakultur-Konzept vergangenen Januar auf den Haidehof brachten.

 

„Never fight nature“

 

Der ist nun Referenzzentrum für Deutschland und will die „gute Botschaft“ von Hamburg aus verbreiten. Zwei weitere Höfe in Bayern und der Eifel ziehen bereits nach. Dass das irgendwie nach Religion klingt, ist Stephan bewusst: „Wir sind alle Überzeugungstäter.“ „Never fight nature“ ist dabei das Motto, dem das internationale Netzwerk um Guru Allan Savory folgt. Der Bewegung ein Hipster-Öko-Label mit Sekten-Beigeschmack aufzudrücken, wäre aber ungerecht. Es geht darum, alte Prinzipien mit modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu bereichern. Also quasi zurück zum Garten Eden, aber eben wissenschaftlich und nicht zuletzt wirtschaftlich gedacht.

Die Büllerbü-Fantasie vom Mehrgenerationenhof schwebt Stephan tatsächlich vor. Nachhaltigkeit, Selbstversorgung, Arbeitsplätze mit Sinn – und Profitabilität. Aber wie soll sich ein handwerklicher Landwirtschaftsbetrieb halten? Erst mal durch den Glauben ans Konzept. Daran, dass die Natur ihre Kreisläufe am besten selbst steuert und Menschen verstehen, dass Handarbeit ihren Preis hat.

Außerdem: durch Wachstum. Der Gemüsegarten soll im nächsten Jahr um 50 Prozent vergrößert werden und weitere Mitarbeiter und Hofbewohner beschäftigen. Ab Herbst soll die Rindfleischproduktion anlaufen und es gibt erste Lieferanfragen von Kantinen nach dem glücklichen Gemüse.

 

Revolution auf dem Feld

 

Neuester Hofzuwachs auf Probe ist Ben, Brite und ehemaliger Sternekoch. Er mäht den Rasen und kocht täglich mit hofeigenen Zutaten fürs Team. Aber auch Hofladenbesucher profitieren von seinen Tipps. Der Koriander hat zum Beispiel gerade Saison und wem er zumeist in Bowls beim Vietnamesen in der Schanze begegnet, muss zweimal hinsehen; im Hofladen trägt das Bund für 2,50 Euro nämlich weiße Blüten. „Die sind toll zum Garnieren und alles Grüne ist viel intensiver im Geschmack, als du es vom herkömmlichen Koriander kennst.“ Ben empfiehlt, die Stängel direkt mitzukochen. Gekauft.

Wie Ben sind fast alle Quereinsteiger auf Gut Haidehof. Stephan hat neben der Bodenrettung auch einen Lehrauftrag in der Anästhesie-Forschung an der Uni Rostock. Astrid war Mathematikerin, bevor sie Algebra gegen Weidemanagement tauschte. Was die Landwirtschaft mit Traktoren, Antibiotika und Chemiekeule plattgemacht hat, wollten sie aufräumen, denn Desertifikation ist ein Problem, das nunmehr zwei Drittel der Graslandschaften der Erde betrifft und den Klimawandel beschleunigt. Auch Gärtnerin und Autodidaktin Alba, die Gemüse als die Liebe ihres Lebens bezeichnet, nimmt das Problem in die Hand.

Und zwar wörtlich: kein Pflügen, keine Traktoren. Ihr No-dig-Ansatz nach dem Prinzip des Market Gardening soll den Boden beim Gemüseanbau nur minimal stören. Ihre Strategie erhöht nicht nur die Biodiversität im Boden und den Ertrag pro Quadratmeter; sie reduziert auch die Bewässerung erheblich und sorgt außerdem dafür, dass das CO₂ im Boden bleibt und nicht in die Atmosphäre gelangt.

 

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Satte Farben und intensiver Geschmack: Gemüse vom Haidehof

 

Klingt nach Revolution? Das denken auch die Endverbraucher der frischen Ernte: Die ist unglaublich schmackhaft, bleibt lang frisch und ist ihren Preis wert – darin ist man sich einig. Und das bleibt nicht unerhört: Es bildet sich erste Stammkundschaft, TV-Sender klopfen an und möchten über den Haidehof berichten. Denn in einer Zeit in der Klimafragen immer lauter werden, bemüht man sich vor den Toren der Hansestadt tatsächlich um Antworten.

Vielleicht ist Hamburg noch nicht so weit wie die Schweden, aber neue, nachhaltige Konzepte und Denkrichtungen entstehen. Regio- und Saisonalität sind auch Themen, die die Gastroszene bewegen, von der auch die Wedeler Agrar-Rebellen sicher nicht ungesehen bleiben werden.

Wer mehr über regenerative Landwirtschaft erfahren, richtig leckeres Gemüse kaufen oder bloß mal einen perfekten Kuhfladen bestaunen möchte, dem sei ein Samstagsausflug nach Wedel (allein für den Radweg zum Ziel lohnt der Besuch) ans Herz gelegt. Und probieren Sie den Koriander, solange er noch blüht!

Gut Haidehof: Haidehof 3-10 (Wedel)


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, September 2019. Titelthema: Mobilität – Das bewegt die Stadt. Das Magazin ist seit dem 29. August 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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