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Weißer Ring: Aus dem Leben gerissen

Wer Opfer von Diebstahl, Betrug oder sexualisierter Gewalt wird, findet Hilfe beim Weißen Ring. Anlässlich des 40-jährigen Jubiläums des Landesverbands Hamburg erzählt Vorsitzender Hans-Jürgen Kamp wie sehr Übergriffe Leben verändern und was #MeToo bewirkt hat

Interview: Sophia Herzog
Foto: Jessica Lewis via Unsplash

 

SZENE HAMBURG: Herr Kamp, Sie haben früher die berüchtigte Justizvollzugsanstalt Santa Fu geleitet, waren dann stellvertretender Leiter des Strafvollzugsamtes und sind seit fünf Jahren beim Weißen Ring. Was hat Sie zu diesem Seitenwechsel bewogen?

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Vom Strafvollzug in die Opferhilfe: Hans-Jürgen Kamp (Foto: Sophia Herzog)

Hans-Jürgen Kamp: Während meiner Zeit im Strafvollzug habe ich mich regelmäßig mit dem Thema Resozialisierung beschäftigt, und mit der Frage, wie man Straftäter wieder auf die richtige Bahn leiten kann. Ich habe im Laufe der Zeit aber auch viele Menschen getroffen, die von diesen Straftaten betroffen waren. Und das hat mich zunehmend nachdenklicher gemacht. Dass ich die Aufgabe des Landesvorsitzenden beim Weißen Ring übernommen habe, hat sich dann aber doch eher zufällig ergeben.

Konnten Sie etwas aus Ihren früheren Jobs im Strafvollzug mitnehmen, dass Ihnen jetzt hilft?

Die Zahl der unmittelbaren Anknüpfungspunkte ist übersichtlich. Ich habe auf jeden Fall eine sehr gute Vorstellung davon, warum Menschen auf welche Art und unter welchen Umständen verschiedene Straftaten begehen. Und ich habe Menschen kennengelernt, die hinterher sehr betroffen waren von den Konsequenzen ihrer Tat. An der Frage, wie man diese Betroffenheit auch positiv instrumentalisieren kann, sind wir beim Weißen Ring ganz dicht dran.

Wir werfen mit dem Menschen, der zu Schaden gekommen ist, durchaus einen Blick auf den Täter und versuchen, in ihm nicht nur das grenzenlos Böse zu sehen, sondern seine Position auch differenziert zu betrachten. Im Einzelfall kann das auch zu einem Täter-Opfer-Ausgleich führen (Anm. d. Red.: Ein Täter-Opfer-Ausgleich ist ein Mittel zur außergerichtlichen Konfliktschlichtung, das von einem unparteiischen Dritten moderiert wird und bei dem sich Täter und Opfer in der Regel persönlich begegnen.)

 

„Opfer von Straftaten wollen nur eines: Gerechtigkeit“

 

Gelingt das den Geschädigten in der Regel, Verständnis für die Täter aufzubringen?

Gewiss nicht in der Regel! Die Opfer von Straftaten wollen nämlich nur eines: Gerechtigkeit, die durch eine verständnisvolle, auch die Interessen des Opfers oder der Opfer berücksichtigende Justiz hergestellt wird. Aber die nach wie vor häufig sehr täterorientierte Arbeitsweise der Justiz erschwert allen Beteiligten den Zugang zu einer ganzheitlichen Sichtweise.

Bei den ganzen erschreckenden Schicksalen denen Sie, auf beiden Seiten, begegnen – wie bleiben Sie positiv?

Das ist eine gute Frage. Früher, bei meinem Job im Strafvollzug, habe ich gelegentlich mit Menschen zu tun gehabt, deren unvorstellbare Emotionslosigkeit und kompletter Mangel an Empathie mich total ratlos gemacht haben.

Ich habe Menschen getroffen, denen auch ich nicht im Dunkeln begegnen möchte. Aber ich war auch immer in der Lage, das von meinem Privatleben zu trennen. Ich bin ja Jurist, habe aber in meinem Freundeskreis niemanden aus dieser Branche. Das hat vielleicht geholfen, weil ich privat immer anderen Themen begegnet bin.

Gelingt Ihnen das genauso gut, jetzt wo sie häufiger mit dem Leid der Opfer konfrontiert sind?

Hier ist das einfacher, als Vorsitzender habe ich mit konkreten Schicksalen nur theoretisch zu tun, da ich ja nicht selbst berate, und habe dadurch schon eine gewisse Distanz. Aber auch hier gibt es immer wieder Situationen, die mich betroffen machen. Der Weiße Ring beschäftigt sich im Moment sehr intensiv mit der Reform des Sozialen Entschädigungsgesetzes.

Er setzt sich dafür ein, dass auch Opfer mit Schockschäden eine Entschädigung bekommen. Diese Personen waren unbeteiligte Zeugen bei grausamen Ereignissen. Sie haben bestimmt von der schrecklichen Tat am Jungfernstieg im April 2018 gehört …

 

Professionelles Mitgefühl

 

Ein Mann hat damals seine Ex-Frau und die gemeinsame Tochter getötet.

Und jetzt stellen Sie sich mal vor, Sie hätten auf der Bank daneben gesessen, kriegen das mit, und das kleine Kind stirbt kurz danach in Ihren Armen. Kaum einer kann das einfach so wegstecken, das ist eine traumatische Erfahrung. In solchen Fällen beraten und helfen wir als Weißer Ring natürlich auch. Wenn wir solche Fälle hier in der Runde besprechen, geht das an keinem spurlos vorbei.

Gleichzeitig müssen wir aber auch darauf achten, es nicht zu nahe an uns heranzulassen. Wir sprechen immer davon, dass wir gerne und professionell Mitgefühl haben, aber Mitleid vermeiden müssen. Wenn wir mitleiden, werden wir selbst zu Opfern und können nicht mehr stärken und schützen.

Wie verhindern Sie das intern?

Unsere Leute, die in solchen Situationen beraten und begleiten, werden in Aus- und Weiterbildungsseminaren systematisch auf die Gesprächssituationen vorbereitet. Es besteht auch die Möglichkeit von Supervisionen. Denn so eine physische Brutalität wie bei dem gerade genannten Mord oder wie bei dem Ehemann, der seine Frau mit heißem Öl überschüttet, weil sie sich einem anderen Mann zuwendet, macht fassungslos. Aber spektakuläre Fälle wie diese passieren zum Glück selten.

Die Opfer welcher Verbrechen nehmen die Beratung des Weißen Rings am häufigsten in Anspruch?

Der Bereich der Seniorenkriminalität ist sehr groß. Ganz typisch ist der Enkeltrick, bei dem alte Damen meistens telefonisch dazu manipuliert werden, große Summen an Geld abzuheben, weil der angebliche Enkel in Not ist. Das hat mit Dummheit wenig zu tun, sondern vielmehr mit der hohen manipulativen Kompetenz der Betrüger.

Auch Cyberkriminalität ist ein Thema, also zum Beispiel junge Mädchen, die leicht bekleidet Bilder von sich machen, an ihre Freunde schicken, und diese Fotos landen später im Internet.

Die überwiegende Zahl der Fälle, in denen der Weiße Ring tätig wird, betrifft aber gewalttätige Auseinandersetzungen in häuslichen Gemeinschaften und Sexualdelikte. Dabei sind übrigens auch manchmal Männer die Opfer, wenn auch deutlich seltener.

 

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85 Ehrenamtliche helfen beim Weißen Ring in Hamburg (Foto: Sophia Herzog)

 

Was macht das mit Menschen, wenn sie Opfer eines Verbrechens werden?

Ganz viel. Eine junge Frau erzählte mir einmal, dass sie neulich shoppen war und ihr Handy vor der Nase hatte. Einen älteren Mann, der ihr auf dem Gehsteig entgegengekommen ist, hat das so gestört, dass er sie nicht nur laut beschimpft, sondern auch absichtlich und ziemlich heftig angerempelt hat. Sie hat sich natürlich erschrocken und ist außerdem mit dem Oberkörper auf den Tisch eines Cafés gefallen, auf dessen Höhe sie gerade gelaufen ist.

Sie hat mir erklärt, dass sie empört war über dieses Verhalten, sie sich aber trotzdem dabei ertappt, dass sie sehr viel genauer auf die Menschen achtet, die ihr entgegenkommen. In vergleichbaren Situationen steckt sie jetzt lieber einmal mehr ihr Handy weg, aus Respekt davor, vielleicht doch noch einmal angerempelt zu werden.

Ist das eine leichte Form von Traumatisierung?

Eine Traumatisierung im klassischen Sinne ist das sicher nicht. Aber wenn jemand schon durch ein solches Erlebnis in seinem Verhalten beeinflusst wird, dann kann man sich vorstellen, was mit einem Menschen geschieht, der nicht einfach nur angerempelt, sondern zusammengeschlagen oder sexuell belästigt wird.

Das kann Dimensionen erreichen, in der die Betroffenen ihre normale Lebensfähigkeit verlieren. Sie trauen sich nicht mehr auf die Straße, schlafen nicht mehr, haben Angst vor Dunkelheit oder großen Menschenmassen. Das ist neben den physischen Folgen eines Verbrechens das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann. Es reißt den Opfern den Boden unter den Füßen weg.

Wie kann der Weiße Ring konkret helfen?

Wir haben den Ehrgeiz, dass jeder, der sich bei uns meldet, innerhalb von 24 Stunden eine Antwort bekommt. Das klappt im Regelfall, auch wenn manchmal das Wochenende dazwischenkommt. Wir arbeiten hier ja alle ehrenamtlich.

Die Mehrzahl unserer Kontakte zu den betroffenen Personen wird von der Polizei vermittelt, mit der wir eng zusammenarbeiten. Wir vereinbaren ein Treffen mit dem Opfer, entweder bei ihm oder ihr zu Hause oder bei uns in den Beratungsräumen.

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Kaffee und Kuchen beim Beratungsgespräch (Foto: Tyler Lastovich)

Es gibt Kaffee, einen Keks, und dann sprechen wir einfach nur. Wir werten nicht, wir hören zu, und loten aus, wo Handlungsbedarf besteht. Je nachdem vereinbaren wir beispielsweise Beratungsgespräche bei Therapeuten, helfen bei Behördengängen und Anträgen oder vermitteln Rechtsberatung.

Wie lange sind die betroffenen Personen dann bei Ihnen in Beratung?

Das kommt drauf an. Manche Menschen sagen relativ zügig, dass es ihnen jetzt gut geht und sie alleine klarkommen. Bei manchen nimmt die Beratung und Begleitung aber einen langen Zeitraum in Anspruch.

Ein großer Aufgabenbereich des Weißen Rings ist auch die Prävention von Verbrechen …

Genau, das ist uns auch sehr wichtig. Wir halten viele Vorträge, zum Beispiel in Bürgervereinen, Seniorenheimen oder Schulen. Dort erklären wir, wie man sich vor Verbrechen wie Einbruch, Diebstahl oder Betrug schützen kann.

Für Schulen hatten wir lange das Projekt „Fair Play in der Liebe“, in dessen Rahmen wir mit Kindern im Alter von elf bis 14 Jahren über Fragen diskutiert haben wie „Was ist eigentlich Gewalt in der Beziehung?“, „Fängt das erst bei Schlägen an, oder schon früher?“ oder „Ist das okay, wenn der Freund die SMS seiner Freundin liest?“ Denn in diesem Alter fangen die ersten Liebesbeziehungen an. Mit dem Projekt hatten wir großen Erfolg, aber leider fehlen uns gerade die personellen Ressourcen in der Prävention, um solche Vorträge regelmäßig zu organisieren.

 

„Die Wahrnehmung der Opfer hat sich verändert“

 

Bewegungen wie #MeToo scheinen das Thema der Opferhilfe besonders in Bezug auf Sexualdelikte mehr in den Blickpunkt der Gesellschaft gerückt zu haben. Merken Sie das in ihren Statistiken?

Ich kann das nicht in konkreten Zahlen ausdrücken. Aber ich habe auf jeden Fall den Eindruck, dass Frauen mehr darüber sprechen, mutiger werden, es öfter anzeigen und in diesem Zuge auch in Kauf nehmen, dass sie erst mal Teil eines unter Umständen schmerzhaften Ermittlungsprozesses werden. An dieser Entwicklung wird aber auch deutlich, wie wichtig Opferrechte sind. Ich bin davon überzeugt, dass auch die gesteigerte Sensibilität von Seiten der Ermittlungsbehörden Grund für diesen Trend ist.

Wie zeigt sich das?

Ein Beispiel ist die Möglichkeit, Spuren von Gewalt im Rechtsmedizinischen Institut erfassen und dokumentieren zu lassen, auf Wunsch auch anonym. Niemand fragt nach oder wertet, das Opfer kann sich persönlich ganz zurücknehmen, hat aber die Beweise und kann später, wenn es will, immer noch rechtliche Schritte einleiten. Auch die Befragungsmethoden der Ermittlungsbeamten sind sehr viel empfindsamer geworden, die Bereitschaft, sich mit solchen Themen empathischer auseinander zu setzten, ist gestiegen. Und auch im Bereich der Justiz hat sich die Wahrnehmung der Opfer verändert.

Inwiefern?

Ich war neulich bei einer Veranstaltung für junge Richterinnen und Richter. Ein junger Staatsanwalt aus dem Publikum hat sich mit einem kleinen Appell an die Kollegen gewandt, dessen Forderung mich begeistert hat.

In Missbrauchsverfahren ist das Opfer oft der einzige Zeuge oder die einzige Zeugin. Wenn der Täter gesteht, bevor es zu der Aussage des Opfers gekommen ist, wird es direkt nach Hause geschickt. In seinem Appell hat sich der Staatsanwalt gewünscht, dass sich die Richter an dieser Stelle noch einmal die Zeit nehmen, um dem Opfer dennoch das Recht einzuräumen, sich einmal äußern zu können und es persönlich zum Beispiel nach seinem Wohlbefinden fragen.

Menschen fühlen sich auf diese Weise mit einbezogen, gesehen und ernstgenommen von der Justiz. Und für so eine Einstellung machen wir uns, als Weißer Ring, stark.

Weißer Ring: Winterhuder Weg 31 (Uhlenhorst)


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Fuck Yeah Sexshop – Klischees? Kann man sich klemmen!

Fuck Yeah: Im Gängeviertel hat Hamburgs erster feministischer Sexshop aufgemacht. Das Konzept setzt sich für Diversität ein – weg vom typischen Porno-Sex.

Viele gute Ideen entstehen am Küchentisch. So auch die der Freunde Fränky, Flo, Rosa und Zarah. Vor rund fünf Jahren stellen sie dort im Gespräch fest – niemand von ihnen geht wirklich gerne in Sexshops. Ruckzuck stand das Konzept: Mit „Fuck Yeah“ haben die vier Ende Juli einen Laden im Gängeviertel eröffnet, der sich abseits der klassischen Geschlechteridentitäten gegen eingestaubte Klischees wehrt. Neben einer ganzen Reihe von Toys bieten die vier auf der kleinen Ladenfläche auch Bücher und andere Medien, vegane BDSM-Accessoires und eine ganze Reihe von Workshops an, wie zum Beispiel „Sex und Sprache“ oder einen Sextoy-Upcycling-Kurs. Beratungsgespräche finden inklusive einer Tasse Kaffee in der Sofaecke statt. Warum wir in einer übersexualisierten Gesellschaft realistischer über unsere Vorlieben und Bedürfnisse sprechen sollten, und warum es schon am Sexualkundeunterricht mangelt, erzählen Fränky und Flo.

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Fränky (l.) und Flo bilden die Hälfte des Gründerteams.

SZENE HAMBURG: Fränky und Flo, euren Sexshop „Fuck Yeah“ beschreibt ihr als Sex-positiv. Was bedeutet das?

Flo: Das heißt in erster Linie, dass wir Sex als etwas Tolles wahrnehmen, was alle Menschen gleichermaßen erfahren dürfen. Deswegen bieten wir in unserem Shop Produkte an, die sich nicht nur an Männer und Frauen richten, sondern an alle Geschlechteridentitäten. In unseren Büchern und Pornos und auch auf den Verpackungen sind außerdem auch Menschen zu sehen, die nicht den klassischen Körperformen und Schönheitsidealen entsprechen.

Ein feministischen Ansatz – heißt das, Männer und Frauen sind in unserer Gesellschaft nicht sexuell gleichberechtigt?

Fränky: Wir leben in einer patriarchalischen Kultur. Dementsprechend dreht sich beim Sex viel um Cis-Männer (Anm. d. Red.: Cis bedeutet, dass sich eine Person mit dem Geschlecht identifiziert, das bei der Geburt zugewiesen wurde. Gegenteil von Transgender). Frauen oder anderen Gruppen, wie zum Beispiel Menschen mit Behinderung, wird ihre Sexualität oft abgesprochen. Und es gibt auch viele Cis-Männer, die sich mit dem gesellschaftlichen Bild, das von Männern und Sex existiert, gar nicht identifizieren können. In Mainstream-Pornos wird ihnen vermittelt, dass „richtige“ Männer dominant sind, einen großen Penis und einen muskulösen Körper haben. Viele passen aber gar nicht in diese Stereotypen.

Kann euer Shop-Angebot überhaupt den vielen verschiedenen Sexualitäten und Geschlechteridentitäten gerecht werden?

Flo: Natürlich kann man nicht immer allen alles bieten, vor allem auf unserer kleinen Ladenfläche.

Fränky: Gerade sind wir noch im Bestellprozess, wir haben also noch gar nicht alles erhalten, was wir gerne im Laden stehen hätten. Viele der Sachen kommen aus Amerika, Penisprothesen für Trans-Männer beispielsweise. Die Produkte sind auf der anderen Seite des Ozeans einfach schon besser. Dann werden wir hoffentlich mehr Leuten gerecht. Wir sind aber immer offen für Bestellwünsche und hören uns die Bedürfnisse unserer Kunden an.

Das klingt, als wären eure Kunden euch gegenüber ziemlich offen.

Fränky: Ja und nein. Viele Menschen, auch in meinem Umfeld, sind schüchtern und fühlen sich prüde, wenn sie nicht so offen über Sex sprechen können. Auch die Kunden im Beratungsgespräch.

Flo: Aber das legt sich meistens ganz schnell, sobald die Menschen merken, dass sie ernst genommen werden.

Fränky: Ja, klar. Für uns ist das Sprechen über Sex ja ganz normal und selbstverständlich. Wenn ich berate, versuche ich auch immer Anekdoten aus meinem persönlichen Sexleben zu erzählen. Indem ich etwas von mir preisgebe, schaffe ich eine Situation, in der sich der oder die andere nicht mehr so fremd fühlt und offener sprechen kann. Die Workshops bieten auch immer einen netten Rahmen mit lockerer Atmosphäre, da fällt es vielen leicht ins Gespräch zu kommen.

Für jeden Nippel die passende Klemme.

Müssten wir mehr über Sex sprechen?

Flo: Eigentlich widerspricht sich das: Zum einen ist unsere Gesellschaft total übersexualisiert, überall geht’s um Sex. Auf den Titelseiten von Hochglanzmagazinen geht es immer um die Frage, wie wir besseren Sex haben können. Aber das ist ja nie an die wirklichen Bedürfnisse der Menschen angepasst. Wann wird schon mal realistisch darüber gesprochen? Wann können die Menschen wirklich frei über ihre Vorlieben sprechen, ohne Vorurteile und Schamgefühl?

Fränky: Ich finde, das fängt schon mit der Wortwahl an. Die Begriffe der deutschen Sprache für Geschlechtsteile sind entweder total klinisch, übersexualisiert oder kindlich-niedlich. Muschi, Pussy, Scheide … Da ein Wort zu finden, mit dem man sich selbst identifiziert und wohlfühlt, ist schwierig.

Kann ein kleiner Sexshop wie eurer überhaupt etwas daran ändern?

Fränky: Ich glaube, das ist wie mit jedem gesellschaftlichen Thema, an dem man etwas verändern möchte. Man muss an vielen kleinen Rädchen drehen, wir sind eben eins davon. Wir versuchen mit unserer Arbeit natürlich die vorherrschenden Strukturen aufzubrechen, einen Raum zu schaffen, in dem man über das Thema reden kann. Wenn wir in diesem Rahmen mit Leuten ins Gespräch kommen, und einen Denkanstoß geben, dann können diese Menschen wiederum anderen einen Denkanstoß geben.

Sollte so ein offener Diskurs nicht schon viel früher passieren?

Flo: Ja, meiner Meinung nach gibt es da schon in der Schule Defizite. Was hast du im Aufklärungsunterricht über Sex gelernt, dass dich auch später noch begleitet hat?

Nicht viel.

Flo: Eben. In unserem Bildungssystem ist da noch einiges aufzuholen, vor allem im Bezug auf den eigenen Körper. Unserer Meinung nach wird zu wenig detailliertes Wissen über Anatomie, Hormonhaushalte oder den Zyklus vermittelt. Viele kennen ihren Körper ja selber nicht so richtig gut. Aber auch die kulturelle und soziale Seite von Sexualität wird zu wenig beleuchtet. Welche Vorstellungen haben die Jugendlichen von Sex, und inwiefern entsprechen die der Realität? Wie spricht man über Sex und auch beim Sex? Wie funktioniert Konsens?

Fränky: Und auch später wissen viele nicht, was für Toys und Accessoires es gibt und wie man sie einsetzen kann. Zum Beispiel haben viele noch nie darüber nachgedacht, Gleitgele zu benutzen, was total luststeigernd sein kann. Wir haben auch Kurse, in denen wir mit den Teilnehmern Sexspielzeug selber basteln. Mit solchen spielerischen Dingen kann man einfach die Kreativität der Menschen anregen. Man muss nicht immer nur das machen, was man aus den Medien kennt oder schon immer so gemacht hat, sondern eben auch mal kreativ werden. So setzt man sich auch intensiver mit seinen Wünschen und Fantasien auseinander.

Fotos, Text & Interview: Sophia Herzog

www.fuckyeah.shop


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2018. Das Magazin ist seit dem 30. August 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


 

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