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Hamburger Nachwuchs: Grenzenlose Kunst

Claudia Tuyet Scheffel, 26, erzählt in ihrem Film „Amputierte Arschbacken“ mit viel Flow von einer Nacht und einem Morgen junger Vietnamesisch-Deutscher. Der Film wurde beim „up-and-coming“ Internationales Filmfestival Hannover mit dem Deutschen Nachwuchsfilmpreis ausgezeichnet

Interview & Foto: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Claudia, Gratulation zur Auszeichnung! Dein Film scheint ohne Plot auszukommen.

Claudia Tuyết Scheffel: Genau. Der Plot ist der Antiplot (lacht). Der Film fing damit an, dass eine Freundin und ich die Wortkombination „Amputierte Arschbacken“ total lustig fanden. Der Schreibprozess war intuitiv. So entstand die Grundidee: Es gibt eine Kamera, die sich eher für Dinge links und rechts von ihr interessiert, nicht verlässlich ist. Die Vietnamthematik kam automatisch mit rein. Meine Mutter ist Vietnamesin, mein Vater Deutscher, ich bin in dem bikulturellen Clash aufgewachsen.

Du sprichst von bikulturellem Clash. Fühlst du dich irgendwo zugehörig, zählt der Begriff Herkunft für dich?

Beides. Ich merke, wenn ich in Vietnam bin, dass ich da fremd bin. Ich habe auch meine Schwierigkeiten in urdeutschen Gemeinschaften. Ich finde die Mischung schön. Deutsch mit Migrationshintergrund – da würde ich mich dazuzählen. Mit den Leuten komme ich sehr schnell auf einen Nenner.

In „Amputierte Arschbacken“ leben Vietnam-Deutsche und Deutsche in Parallelgesellschaften. Spiegelt das deine Erfahrungen wider?

Ein bisschen. Es gibt einige vietnamesisch-deutsche Jugendliche, die fast nur mit Vietnamesisch-Deutschen chillen. Die sind in der Community aufgewachsen, freunden sich da rein, bleiben unter sich. Eigentlich genau wie viele Deutsche nur mit Deutschen rumhängen. Ich wollte zeigen, dass es eine gewisse Sprachlichkeit gibt. Die Vietnamesen auf der Party unterhalten sich auf Deutsch. Dann taucht Duc, der Typ, der Geburtstag hat, in die andere Welt seiner Eltern ab, spricht Vietnamesisch. Er ist immer zwischen diesen beiden Lagern.

 

Eine scheinwissenschaftliche Arbeit

 

Neben „Amputierte Arsch backen“ im Jahr 2020 hast du kaum ein Jahr später im Oktober deinen Roman „Scherben im Plateau“ veröffentlicht. Du erzählst von der Reaktion auf das Verschwinden einer Vietnamesin auf einer Fähre nach Grönland. Gibt es eine Verbindung zwischen beiden Werken?

Das Einfließen der vietnamesisch-deutschen Bikultur. Aber es ist ein ganz anderer Ton. „Scherben im Plateau“ war meine schriftliche Bachelorarbeit an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Ich sollte eigentlich eine wissenschaftliche Arbeit schreiben, dann wurde eine scheinwissenschaftliche Arbeit draus. Ich hab mir einen fiktiven Vermisstenfall ausgedacht. Es wird ein Tagebuch der Verschwundenen entdeckt. Auszüge aus dem Tagebuch fließen in das Buch ein, gleichzeitig Hausarbeiten aus dem Seminar, das sich mit dem Verschwinden beschäftigt. Wie gehen Leute damit um, wenn eine Person verschwindet, was passiert da in den Medien. Der wissenschaftliche Teil war dann, dass ich mir die Quellen ausgedacht habe (lacht).

Was magst du lieber: ein Buch schreiben oder einen Film drehen?

Was mir am meisten gefällt, ist das Schreiben von Büchern, die Stoffentwicklung. Ich habe mit Gedichten angefangen. Schreiben ist ein Prozess, in dem keine Grenzen gesetzt sind, in dem man sich kreativ krass ausspielen kann. Dann kommt das Vorbereiten und Produzieren, falls der Text zu einem Film wird. Da arbeitet es sich strukturierter. Aber ich mag auch das Drehen, die Zusammenarbeiten mit Leuten. Beim Filmemachen schreibt man und zeigt es dann. Jeder hat die Vorstellung, die man vermitteln will. Das ist bei literarischen Texten nicht auf die gleiche Art möglich.

claudiascheffel.com


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2022. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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