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St. Pauli

Über kaum einen Hamburger Stadtteil gibt es so viele Geschichten und kaum einer wird so oft besucht wie St. Pauli. Kein Wunder, schließlich gibt es zwischen Elbe und Messe auch viel zu entdecken

Text: Felix Willeke

Etwas mehr als 20.000 Einwohner:innen und rund 2 Quadratkilometer groß. Das sind die nackten Zahlen. Doch St. Pauli ist mehr als Zahlen: Hier gibt es Kultur, Party, Fußball, maritimes und es ist überraschend grün. Kurzum, St. Pauli ist die Vielfalt Hamburgs in einem Stadtteil. Wir begeben uns auf eine Reise durch die ehemalige Hamburger Vorstadt, die ihrer Lage zwischen Dänemark und Hamburg ihre Einzigartigkeit verdankt. Dabei gucken wir über die Landungsbrücken hinweg auf den Kiez und hoch bis zum Hamburger Fernsehturm.

Landungsbrücken

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Von der Dachterrasse des Blockbräu hat man den vielleicht schönsten Blick auf die Landungsbrücken (Foto: Blockbräu )

„An den Landungsbrücken raus, dieses Bild verdient Applaus“, so eine Liedzeile der Hamburger Band Kettcar. Nicht nur gehört „Landungsbrücken raus“ seit 2002 zu einem der beliebtesten Lieder der Band, es trifft auch den Nagel auf den Kopf. „Na dann herzlich Willkommen Zuhaus“, heißt es weiter und für viele sind die Landungsbrücken das Symbol Hamburgs und der eigenen Heimat. Seit 1839 legen hier Schiffe an. Waren es früher die großen Überseelinien, sind es heute Hafenfähren und Hafenrundfahrtschiffe. Darüber hinaus bringt der Holunder Jet seine Gäste noch heute von den Landungsbrücken aus auf Deutschlands einzige Hochseeinsel, nach Helgoland

Wer im Sommer an den Landungsbrücken entlang schlendert sieht Einheimische, Touristen, Kreuzfahrtschiffe und viel Hamburger Geschichte. 

Alter Elbtunnel

Eines der berühmtesten historischen Bauwerke am und unterm Hamburger Hafen ist der Alte Elbtunnel. Von 1907 bis 1911 baute Otto Stockhausen die erste Unterquerung der Elbe. Damals sollte der Elbtunnel die Werften im Hamburger Hafen besser anbinden und besonders im Winter, wenn die Fähren wegen Eis auf der Elbe nicht fahren konnten, den Weg zu Arbeit erleichtern. Heute ist der fast 500 Meter lange und 24 Meter unter der Wasseroberfläche gelegene Tunnel denkmalgeschützt und im Sommer angenehm kühl. Aktuell fahren wegen Renovierungsarbeiten keine Autos durch den Tunnel, für Radfahrer:innen und Fußgänger:innen ist er jedoch täglich (außer zu Silvester) und rund um die Uhr geöffnet.

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Schon längst ein Denkmal: der Alte Elbtunnel (Foto: Mediaserver Hamburg/ThisIsJuliaPhotography)

Auf dem Weg zum Kiez

Von den Landungsbrücken geht es 70 Stufen über die Willy-Bartels-Treppe nach oben und direkt unter dem ikonischen Hotel Hafen Hamburg hat man einen der besten Blicke auf den Hafen, die Docks bei Blohm&Voss und die Musicaltheater auf der anderen Elbseite. Geht man weiter, vorbei am Tropeninstitut, sind es nur wenige Meter und schon steht man auf der berühmten Davidstraße, dem Eingang zum Kiez und dem Herz von St. Pauli. 

Kiez

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Das Molotowcocktail ist einer der bekanntesten Musikklubs auf St. Pauli (Foto: Alexander Schliephake)

Der Kiez ist das Partyzentrum der Stadt. Rund um die Reeperbahn gibt es rund 500 Kneipen – darunter die Ritze und das La Paloma –, Bars und Clubs, rund zehn kleine und große Konzertsäle, sechs Theater und etliche Bordelle. Ein Schmelztiegel von Kultur, Party und vielen Events. Neben dem Schlagermove gibt es jährlich den St. Pauli Weihnachtsmarkt „Santa Pauli“ und das Reeperbahnfestival. Darüber hinaus hält sich seit dem 19. Jahrhundert eine Tradition: die offene Straßenprostitution.

Sex

Die berühmte Herbertstraße zweigt kurz nach dem Hafenrand von der Davidstraße ab und ist der Anfang der Zone, in der jeden Abend von 20 Uhr bis 6 Uhr morgens Prostituierte um Freier werben. Prostitution ist seit 2002 in Deutschland nicht mehr sittenwidrig und hat auf dem Kiez eine lange Tradition.

Schon im 19. Jahrhundert kamen die Matrosen aus dem Hafen, um die Dienste der Damen in Anspruch zu nehmen. Zu dieser Zeit wurde auch die Herbertstraße gebaut und ist seitdem ein Symbol der Prostitution in Hamburg. Auch die Nationalsozialisten schafften es nicht, ihr Verbot von Prostitution hier durchzusetzen – sie verbarrikadierten die Herbertstraße lediglich mit einem Sichtschutz, den es heute noch gibt. Aktuell gibt es auf St. Pauli immer weniger Bordelle, die Szene der käuflichen Liebe hat sich in andere Teile der Stadt verlagert, doch die Straßenprostitution ist nach wie vor ein Teil des Kiezes. 

„Ich bin zwar in Liverpool geboren, doch erwachsen wurde ich in Hamburg.“

angeblich John Lennon

Davidwache und Großstadtrevier

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Legendär: Der Weihnachtsmarkt auf St. Pauli „Santa Pauli“ (Foto: Mediaserver Hamburg)

Eines der berühmtesten Gebäude auf der Reeperbahn ist die Davidwache. Das kleine Backsteinhaus wurde vom Hamburger Architekten Fritz Schumacher erdacht und beherbergt das wohl bekannteste Polizeirevier der Stadt. Mit nur 0,935 Quadratkilometern hat die Davidwache den kleinsten Zuständigkeitsbereich in ganz Europa, aber genug zu tun. Viele verbinden mit der Wache nicht nur Kriminalität, sondern auch berühmte Serien wie Notruf Hafenkante, den Tatort – obwohl hier nie für den Tatort gedreht wurde – und das Großstadtrevier mit Jan Fedder. Seit 1986 gibt es die Vorabendserie um den mittlerweile verstorbenen Hamburger Kult-Schauspieler. Gedreht wurden die Szenen auf einer fiktiven Wache in der Innenstadt und in Hamburg-Altona, seit 2019 steht „die Wache“ im Studio Hamburg im Stadtteil Tonndorf. Doch auf dem Kiez ist das Großstadtrevier immer wieder zu Gast und auch die Davidwache wird von Zeit zu Zeit als Drehort genutzt. 

Kultur

Doch das der Kiez viel mehr ist als Sex und Party zeigen zwei Namen: Ernst Drucker und Corny Littmann. Ernst Drucker übernahm 1884 das später nach ihm benannte Theater direkt neben der Davidwache. Heute ist das Haus unter dem Namen St. Pauli Theater bekannt. Die Nationalsozialisten strichen den Namen des Juden Ernst Drucker in den 1930er Jahren, heute trägt das St. Pauli Theater wieder den Beinamen seines ehemaligen Leiters und ist eines der schönsten Privattheater der Stadt.

Direkt daneben befindet sich das Schmidts Tivoli. Es ist neben dem Schmidtchen und dem Schmidt Theater Teil des Lebenswerks von Corny Littmann. Der Schauspieler und Regisseur eröffnete am 8.8.1988 mit dem Schmidt Theater das erste Haus. Damals wie heute erhalten seine Theater keinen Cent öffentliche Förderung. Waren sich zur Eröffnung viele sicher, Littmanns Konzept würde keine drei Monate überleben, sind er und seine drei Theater heute prägend für Hamburgs Theater-, Comedy- und Musicalszene. In vielen Shows wie der Schmidt Mitternachtsshow machten bekannte Größen wie Olivia Jones, Lilo Wanders, Wolfgang Trepper und Kay Ray ihre ersten Schritte auf Hamburgs Bühnen.

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Eine Institution: das Schmidts Tivoli (Foto: Mediaserver Hamburg/ThisIsJulia Photography)

FC St. Pauli

Nur rund zehn Minuten zu Fuß von der Davidwache entfernt steht das Millerntor-Stadion, das Stadion des FC St. Pauli. Auch wenn der Verein seit Jahren in der 2. Bundesliga spielt, hat er weltweit Sympathisanten: Es gibt Fanclubs in den USA, Mexico, Indien und sogar auf Grönland. Und so verwundert es nur wenig, dass das Stadion mit seinen knapp 30.000 Plätzen bei fast jedem Heimspiel ausverkauft ist. War der Verein noch bis in die 1980er-Jahre ein klassischer Arbeiterverein, entdeckte ihn nach und nach die linke Szene für sich. Angetrieben von den Hausbesetzer:innen der Hafenstraße wandelte sich das Publikum und 1987 brachte „Doc Mabuse“ erstmals den Jolly Roger mit ins Stadion. Der Totenkopf ist bis heute das Symbol des Vereins und auch im St. Pauli Fanshop überall zu finden. 

1988 schrieb das Hamburger Abendblatt: „Der FC St. Pauli ist mehr als Fußball“ und das gilt bis heute. So setzt sich der Verein mit den Kiezhelden für Soziale Projekte ein, schrieb als einer der ersten Deutschen Profiklubs ein Verbot von Homophobie, Sexismus und Rassismus in seine Stadionordnung und mit Benjamin Adrion gründete ein ehemaliger Spieler die Non-Profit Organisation Viva con Agua. 

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Einmal im Jahr gibt es im Millerntor Stadion Kunst statt Fußball: Bei der Millerntor Gallery von Viva con Agua (Foto: Stefan Groenveld)

Das Viertel

Das wahre Herz von St. Pauli sind aber weder Fußballverein, noch der Kiez, es sind seine Menschen. Das merkt man, wenn man durch das Viertel streift. Früher lag St. Pauli „zwischen den Welten“. Im Osten verteidigte sich Hamburg an den Großen Wallanlagen (heute Planten un Blomen) und ließ die Menschen nur über seine Stadttore wie das Millerntor, in die Hansestadt. Im Westen hingegen lag Altona. Altona stand bis 1864 unter dänischer Verwaltung und das Gebiet zwischen diesen beiden Städten war und ist St. Pauli.

Hier ließen sich mehrheitlich Arbeiter nieder, die sich die Städte nicht leisten konnten oder wollten. Dazu kamen das leichte Gewerbe und die Matrosen, die während der damals noch langen Liegezeiten der Schiffe Abwechslung suchten. Eine Vielfalt, die auch heute noch zu spüren ist. Mittlerweile wohnt im Viertel ein Mix aus Studierenden, Alt-Eingesessenen und Neuen Bewohner:innen, die das „hippe“ St. Pauli für sich entdeckt haben. Diese Mischung und die noch großenteils erhaltenen Gründerzeithäuser machen den Stadtteil in Hamburg einzigartig. 

Musik

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Haben ihr Denkmal auf St. Pauli: die Beatles (Foto: Mediaserver Hamburg/Konstantin Beck)

Neben dem Kiez, dem Hafen und der einzigartigen Geschichte ist wahrscheinlich nichts so mit St. Pauli verbunden wie die Musik. War es doch der Kiez, wo die Beatles im Indra, Top Ten Club, Kaiserkeller und im Starclub ihren Durchbruch feierten. John Lennon soll einmal gesagt haben: „Ich bin zwar in Liverpool geboren, doch erwachsen wurde ich in Hamburg.“ Noch heute kann man im Indra Konzerte und Shows besuchen.

Und nach den Beatles? Nach dem aufkommen der DJ’s konnten viele Musikklubs nicht überleben, doch die Musik starb nie. So gab es mit dem Onkel Pö, und gibt es mit dem Mojo Club und dem Grünspan legendäre Konzertlocations in Hamburg und auf St. Pauli. Auch musikalisch war immer viel los: So entwickelte sich in den 1980er Jahren auf St. Pauli und in ganz Hamburg eine deutschsprachige Musik, die mit Vertretern wie Kettcar oder Tocotronic als „Hamburger Schule“ bekannt wurde. Noch heute ist mit dem Grand Hotel van Cleef das Label des Sängers von Kettcar (Marcus Wiebusch) und Thees Uhlmann auf St. Pauli zu Hause.

Bunker

Was früher das J’s war, ist heute das Übel & Gefährlich. Im Hochbunker auf St. Pauli gab es immer Musik. Bevor 2019 der Umbau begann, residierte hier mit JustMusic eines der größten Musikgeschäfte der Stadt. Dazu kamen etliche Proberäume und zwei Konzertlocations: Das Übel & Gefährlich – das aus dem legendären Promi-Club J’s hervorging – und der Resonanzraum. Doch mit dem Umbau wird vieles neu: JustMusic ist bereits verschwunden und das neue grüne Dach macht den Bunker 20 Meter höher. Nach dem Umbau können Besucher:innen in 58 Metern Höhe im Dachgarten chillen. Dazu wird der Bunker auf St. Pauli neben einem Hotel auch die Georg-Elser-Halle, Hamburgs neuste Konzerthalle beheimaten. 

Kulinarik

Wo viel Kultur, Kulturen und Menschen aufeinandertreffen, entsteht neben Musik und Kunst auch häufig bestes Essen und St. Pauli hat dabei viel zu bieten. So gibt es neben dem Ashoka – einem der besten indischen Restaurants Hamburgs – auch den Weinladen St. Pauli, der, auch wenn er nicht mehr ganz auf St. Pauli liegt, neben coolem Ambiente auch beste Beratung zu bieten hat. Hinzu kommt rund um die Paul-Roosen-Straße von der Imbissbude bis zum Restaurant auf Sterne-Niveau alles, was das Herz begehrt. 

Planten un Blomen

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Die berühmten Wasserlichtkonzerte in Planten un Blomen sind einfach schön (Foto: Mediaserver Hamburg)

Was viele nicht wissen: Planten un Blomen gehört zu St. Pauli. Wenn man von der Paul-Rosen-Straße vorbei am Millerntor-Stadion und über das Heiligengeistfeld – wo drei Mal im Jahr der Hamburger Dom stattfindet – schlendert, kommt man an den südlich Eingang der großen Parkanlage. Etwa 47 Hektar groß, entstand Planten un Blomen ab 1821 auf dem Gelände der alten Wallanlagen. Von 1897 bis 1973 fanden hier fünf Gartenausstellungen statt und prägten den Park. Von Süden nach Norden finden sich neben einer Minigolfanlage, einer Eisbahn – die im Sommer als Rollschuhbahn genutzt wird –, die Tropengewächshäuser (aktuell geschlossen), ein Musikpavillon, indem im Sommer viele Open Air Konzerte stattfinden und Hamburgs berühmte Wasserlichtkonzerte. Am Parksee wird in jedem Jahr von Mai bis September täglich nach Sonnenuntergang zu klassischer Musik die Wasserorgel live gespielt.

Heinrich-Hertz-Turm

Wenn man Planten und Blomen auf Höhe der Hamburg Messe verlässt, wartet ein letztes architektonisches Highlight des Stadtteils: der Heinrich-Hertz-Turm. 1968 eröffnet, war er bis ins Jahr 2000 für das Publikum geöffnet und bot aus über 120 Metern Höhe einen Rundblick auf die Stadt. Ab 2023 soll das wieder möglich sein. Ein Team aus Online Marketing Rockstars (OMR), dem Immobilienentwickler Home United und der Hamburg Messe will den Turm dann für das Publikum öffnen.


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Hamburg von oben

Der Sommer kommt, die Sonne scheint, höchste Zeit für neue Perspektiven. Hamburg ist zwar sehr flach, doch es gibt Möglichkeiten, die Stadt „von oben“ zu betrachten. Welche? Hier kommen die zehn besten Spots:

Auf Müll gebaut

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Rundum Grün: der Energieberg Georgswerder (Foto: Felix Willeke)

Der Energieberg Georgswerder ist die höchste Erhebung im Bezirk Mitte. Mit fast 40 Metern Höhe überragt er sogar die historische Windmühle Johanna, die man von hier sehen kann. Wo ehemals Trümmer aus dem zweiten Weltkrieg und später Sondermüll aufgeschüttet wurden, ist der als „Giftberg von Georgwerder“ bezeichnete Hügel 2013 im Rahmen der internationalen Bauausstellung zugänglich gemacht worden. Mittlerweile ist er einer der schönsten Spots, um den Sonnenuntergang zu beobachten. Alternativ kann man dieser Tage bei bestem Wetter auf dem 900 Meter langen Horizontweg die Aussicht genießen.

Energieberg Georgswerder
1. April–31. Oktober; Di–So jeweils 10–18 Uhr; bei Gewitter (und -warnung) ist das Außengelände geschlossen

Aus drei mach eins

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Einer der schönsten Ausblicke der Stadt: der Müllberg in Hummelsbüttel (Foto: Felix Willeke)

Fast 80 Meter hoch, nahezu komplett freistehend, das garantiert eine tolle Aussicht. Der Müllberg Hummelsbüttel existiert seit den 1970er-Jahren. Seitdem wurde hier Müll abgelagert, zuerst auf drei und später auf einem Hügel. Irgendwann hatte sich ein Berg von fast 80 Metern Höhe aufgetürmt. Seit den 2000er-Jahren darf hier kein Müll mehr abgeladen werden. Seitdem grünt es auf und um den Berg. Dazu kommen viele, die hier eine einmalige Aussicht auf Hamburg und Schleswig-Holstein genießen wollen: Egal ob die Mundsburg-Türme, die Hauptkirchen, die Elbphilharmonie oder das Planetarium, hier hat man alles im Blick. 

Überm Wasser und den Sternen

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Vom Planetarium Hamburg gibt‘s zu jeder Jahreszeit einen tollen Ausblick (Foto: Felix Willeke)

1916 gebaut gehört das Planetarium Hamburg zu einem der bekanntesten Gebäude der Stadt. Mitten im Stadtpark diente der 64,5 Meter hohe Turm einst der Wasserversorgung der Stadt. Heute ist es das mit Abstand das bestbesuchte Planetarium im deutschsprachigen Raum. Neben dem Sternensaal gibt es auch noch eine Aussichtsplattform. Auf über 40 Metern Höhe kann man nicht nur den Helmut Schmidt Flughafen überblicken, sondern hat auch noch einen 360 Grad Rundumblick über einen Großteil der Stadt. Wer eine Veranstaltung im Planetarium besucht, für den ist die Plattform kostenlos, alle anderen zahlen 2 Euro (ermäßigt 1 Euro).

Planetarium Hamburg
Di. 9–13.30 Uhr, Mi.–Do. 9–21 Uhr, Sa. 12–22 Uhr, So. & Feiertags 10–20 Uhr

Hamburgs Höchster

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Direkt um die Ecke vom Hasselbrack gibt‘s im Wildpark Schwarze Berge nicht nur Tiere, sondern auch den Blick von ganz oben auf die Stadt (Foto: Wildpark Schwarze Berge/K. Bugenhagen)

Im Vergleich zu den anderen deutschen Millionenstädten ist Hamburg wirklich flach. Selbst Berlins höchster Punkt liegt höher als der in der Hansestadt. Doch trotzdem kann man sich auch in Hamburg in ein Gipfelbuch eintragen. Dieses liegt auf Hamburgs höchsten Punkt, dem Hasselbrack. Mit über 115 Metern höhe überragt dieser „Berg“ sogar die Elbphilharmonie. Mitten im Wald der Hamburger Berge kann man zwar keine atemberaubende Aussicht genießen, jedoch gibt es diese Gelegenheit gleich um die Ecke. Im Wildpark Schwarze Berge steht der 45 Meter hohe Elbblickturm, von dem aus man doch noch einen Blick über die Baumwipfel wagen kann.

Wildpark Schwarze Berge
April-Oktober: 8–18 Uhr, November–März: 9–16.30 Uhr

Über den Wolken

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Segelfliegen in Hamburg – Mitflug möglich (Foto: unsplash/Max Nüstedt)

Hamburg ist groß, wie groß, das lässt sich häufig erst beim Anflug auf den Helmut Schmidt Flughafen erahnen. Noch besser geht das vielleicht nur mit einem Rundflug über die Stadt. Gab es bis vor ein paar Jahren noch die Möglichkeit, mit dem Wasserflugzeug die Stadt zu überfliegen, geht das heute nur noch mit dem Kleinflugzeug oder Hubschrauber. Gestartet wird am Helmut Schmidt Flughafen und vom Flugplatz Uetersen-Heist. Die Flugdauer variiert von zehn Minuten bis zu 1,5 Stunden. Der Spaß kostet zwischen 100 bis zu 500 Euro. Die etwas sanftere Variante gibt es am Stadtrand in den Boberger Dünen oder in der Fischbeker Heide. Hier sind zwei Segelflugclubs zu Hause und bieten Mitflüge an. Für die Rund 15 Minuten in der Luft kosten pro Person ab 40 Euro.

HAC Boberg & Segelflug-Club Fischbek

Hoch und lecker

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In Hamburg gibt es viele Gelegenheiten für einen Cocktail mit Ausblick (Foto: Empire Riverside Hotel)

Wer weit oben ist, darf mehr als nur den Blick genießen. Hamburg hat so einige Bars, die einen großartigen Blick über die Stadt bieten: Da gibt es die alteingesessene Tower Bar im Hotel Hafen Hamburg, mit zwei Stockwerken voller guter Drinks und einem tollen Weitblick. Wer es noch ein bisschen schicker mag, der findet nur 500 Meter weiter mit dem 20up gleich die nächste schöne Bar mit Ausblick hoch über den Dächern der Stadt. Wem das nicht reicht und wer noch mehr Anregungen braucht, für den gibt es beim Genuss Guide Hamburg die schönsten Dachterrassen der Stadt im Überblick.

Die Kirchen

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Den Blick vom Michel kennen die meisten, doch was ist mit den anderen Kirchen? (Foto: pixabay/norberthentges)

Hamburg hat viele Gotteshäuser, egal ob christlich, muslimisch, jüdisch oder anderweitig religiös. Doch nur wenige ragen in der Stadt so hervor wie die Hauptkirchen in der Innenstadt. Den Michel (St. Michaeliskirche) kennen dabei vermutlich alle. Auch auf dem 132 Meter hohen Turm waren schon viele. Besonderes Highlight hier: der Nachtmichel. Hierbei kann man das abendliche Hamburg vom Turm der bekanntesten Kirche aus erleben. Dazu kommen allerdings noch die weniger bekannten Aussichtspunkte. Zum einen die Plattform im Mahnmal der St. Nikolai (73 Meter) und zum anderen der Turm der St. Petri Kirche. Hier versteckt sich sogar mit 123 Metern der (noch) höchste Aussichtspunkt der Stadt.

Michel-Turm: November–März tägl. 10–18 Uhr; April & Oktober tägl. 9–19 Uhr; Mai–September tägl. 9–20 Uhr; Nachtmichel tägl. ab 18.30 Uhr
Mahnmal St. Nikolai: Mi.–So. 10–18 Uhr
St. Petri Kirche (Turm): Mo.–Sa. 10–16.30 Uhr, So. 11.30–16.30 Uhr

Gegen die Höhenangst

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Hoch hinaus im Kletterwald Hamburg (Foto: Kletterwald Hamburg)

Auch für die sportlich Ambitionierten gibt es die Möglichkeit, Hamburg von oben zu sehen. Klettern ist nicht nur Trendsport, sondern auch außerhalb der Halle an vielen Orten in der Stadt möglich. In Wilhelmsburg gibt es den Hanserock, im Norden der Stadt den Kletterwald im Volksdorfer Wald und im Süden den Kletterpark im Sachsenwald. Spektakulär hoch hinaus geht es zudem auf der Rickmer Rickmers im Hafen. Und wer schon Erfahrung hat, für den gibt es in der Stadt viele Outdoor-Kletterwände wie am Kilimanschanzo oder dem Kletteraugust

Kletterwald Hamburg, täglich 10–19 Uhr, Preis: 26 Euro (Kinder 20 Euro)
Klettern im Sachsenwald, Fr. 14-20, Sa.&So. 10–20 Uhr (in den Ferien länger), Preis: 27 Euro (Kinder 21 Euro)
Klettern auf der Rickmers Rickmers, Samstags nach Online-Reservierung, Preis: 39 Euro pro Person

Erinnerungen an die Vergangenheit

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Nicht nur die Aussicht ist immer wieder beeindruckend – der Energiebunker in Wilhelmsburg (Foto: Jérome Gerull)

58 Meter hoch, 20 Meter mehr als ursprünglichen Nutzung, so sieht der Flakturm auf St. Pauli heute aus. Mit den Jahren wurde aus dem NS-Bunker ein Ort der Kultur. Neben Übel&Gefährlich und dem resonanzraum gibt und gab es hier etliche Proberäume für Bands und lange Jahre war im Bunker St. Pauli auch das legendäre Musikgeschäft von JustMusic zu Hause. Seit 2019 wird der Bunker aufgestockt und bekommt mit der Georg-Elser-Halle – benannt nach dem Widerstandskämpfer Georg Elser – unter anderem eine Konzerthalle. Mitte bis Ende 2022 soll alle fertig sein und der alte Nazi-Bau dann dank viel Bepflanzung in Grün statt Grau erstrahlen.

Schon lange „grün“ ist der Energiebunker in Wilhelmsburg. Von außen ist der ehemalige Flakbunker immer noch als solcher zu erkennen, doch im Inneren sorgt ein modernes Öko-Kraftwerk, das große Teile Wilhelmsburgs mit Strom und Wärme versorgt, für das grüne Image. Oben auf dem alten Turm befindet sich neben der Photovoltaikanlage auch das Café Vju. Auf 30 Meter höhe bietet es einen tollen 360 Grad Blick über den Süden der Stadt. 

Vju im Energiebunker
Sa. 14–18 Uhr, So 11–18 Uhr

Der Blick in die Zukunft

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Bald wieder offen für die Hamburger:innen: der Fernsehturm (Foto: Felix Willeke)

Erinnert sich noch jemand an den Dezember 2000? Stimmt, das ist lange her, aber es waren die letzten Tage, an dem der Fernsehturm in Hamburg noch zugänglich war. Seitdem ist die Gastronomie- und Aussichtsplattform geschlossen. Das soll sich jetzt ändern. Seit 2020 ist bekannt, dass ein Team aus Online Marketing Rockstars (OMR), dem Immobilienentwickler Home United und der Hamburg Messe den Turm 2023 wieder für das Publikum öffnen will. Dann ist es wieder möglich, die Stadt aus 130 Metern Höhe zu überblicken. 


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Katja Ruge: „Es kitzelt unter den Füßen“

Katja Ruge ist Fotografin, DJ und Musik­ produzentin und vor Co­rona mit ihrer Partyreihe „Kann denn Liebe Synthie sein“ aus dem Nachtleben kaum wegzudenken. Im Interview spricht sie über das neue Fe*male Rap Project, aktuelle Veröffent­lichungen und Bunker­ Bauarbeiten

Interview: Ole Masch

 

SZENE HAMBURG: Katja, welches deiner vielen Standbeine ist am meisten von der Pandemie betroffen?

Katja Ruge: Natürlich alles, aber DJing fällt außer in Livestreams natürlich komplett flach. Meine letzte Veranstaltung war im Golden Pudel Club mit The Emperor Machine am 7. Februar 2020. Zudem habe ich im Sommer auf einem 50-Leute-Festival draußen gespielt. Wir haben dann insbesondere letztes Jahr viel Zeit im Studio verbracht.

Seit wann machst du selber Musik?

Vor einigen Jahren wollte ich meine DJ-Sets pimpen. Ich spiele viele ältere Musikproduktionen und diese waren oft etwas schwach gegenüber den zum Teil überproduzierten Songs heute. Um das auszugleichen habe ich sie unterfüttert mit Drums, Bass und Flächen. Das hat Frank Husemann mit mir aufgenommen und dann kam von einer Freundin die Anfrage: „Könnt ihr da nicht einen Remix machen?“ Und so saßen Frank und ich auf einmal im Studio.

Wir sind gut eingespielt, es gibt keinen Druck, wir treffen uns, wenn wir Zeit und Lust haben ‒ außer es gibt eine Deadline für einen Remix wie zum Beispiel neulich für Erasure.

Im Mai erscheint dein neuestes Release „Bunker“ …

Wir sind zwei und agieren als „Can Love Be Synth“. Das ist mir sehr wichtig, denn ohne meinen Kumpel Frank Husemann könnte ich das nicht bewerkstelligen. Ihm gehören die Maschinen zusammen mit Sunny Vollherbst vom Synthesizerstudio Hamburg im Feldstraßen-Bunker. Wir haben dort die Bauarbeiter vor unserem Studiofenster aufgenommen.

Mich hat es total an frühen Industrial, an Einstürzende Neubauten oder Depeche Mode erinnert. Und so wurde schnell ein Song draus, mit Remixes von Terr, Richard Fearless und quadratschulz.

 

Neue Projekte

 

Wie stehst du zu den Bauarbeiten am Bunker?

Ach, es ist mal wieder so ein Ego- Stadt-Projekt ohne das Viertel und die Gegebenheiten wirklich einzubinden. Ein Hotel, ehrlich? Das ist wirklich das Letzte, was Hamburg braucht. Eine Mehrzweckhalle lasse ich mir gerade noch gefallen, aber hat man den Verkehr bedacht, der zusätzlich zu dem Dom und anderen Veranstaltungen zu verkraften ist?

Eine Gedächtnisstätte ist ja wohl geplant. Längst überfällig. Aber ob wirklich begrünt wird und wir nachher alle dort Zeit verbringen dürfen, so direkt unter dem Hotelfenster? Stichwort „Zeit verbringen“.

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Teil des Fe*male Rap Projects: Wikiriot (Foto: Katja Ruge)

Hat Corona zu neuen Projekten geführt?

Auf jeden Fall. Mein Treffen über Rockcity e. V. mit Rapper*in Finna, ist sehr fruchtbar. Nicht nur, dass ich eine Freundin dazu gewonnen habe, sondern wir machen zusammen das Fe*male Rap Project.

Worum geht es da?

Wir wollen die Sichtbarkeit und das Empowerment für FLINTA* im Rap schaffen! (Anm. d. Red.: Frauen, Lesben, Inter-, non-binäre, Trans- und a-Gender-Menschen)

In Form von audiovisuellen Ausstellungen, Porträts und filmischer Dokumentation der queerfeministischen Rap-Bewegung wollen wir zeigen, dass das keine Phase oder Trend ist, sondern wunderbare und langfristige Realität! Bis dato sind Wikiriot, Joëlle, Rahsa und Mino Riot dabei.

Wie wählt ihr aus, wer mitmacht?

Ich verlasse mich da auf die Expertise von Finna und Mona Lina von 365 female* MCs. Beide sind in der Musik zu Hause, kennen die Künstler*innen zum Teil persönlich.

 

„Wenn es losgeht, geht es los“

 

Was planst du noch für 2021?

Mein anderes Fotoprojekt „Electric Lights“ geht weiter. Dort treffe ich mich mit Elektroniker*innen wie JakoJako, Amelie Lens, Afrodeutsche und vielen mehr. Ich porträtiere sie, diese Bilder erscheinen mit einem Interview, um das sich Journalist Thomas Venker vom Kaput Magazin kümmert.

Zudem erscheint im Mai die Maté von Frinks Drinks, die ich bebildern durfte. Vier Motive mit meiner Muse Madame Chloé. Die wunderbare Judith Holofernes hat einen Podcast mit mir gemacht für ihren Patreon-Account.

Und mit dem BFF (Berufsverband Freie Fotografen und Filmemacher e. V.) wird es eine Ausstellung geben mit dem Namen Aufschlag. In den Fenstern der Messehallen (10.6. bis 20.7.2021). Da bin ich natürlich dabei.

Glaubst du, dass du bald wieder eigene Veranstaltungen machen kannst?

Ich bin da ehrlich gesagt entspannt. Wenn es losgeht, geht es los. Und dann wird geplant. Ob es meine Partyreihe „Kann denn Liebe Synthie sein“ noch regelmäßig geben wird, da fühle ich rein, wenn es so weit ist. Aber es kitzelt ein wenig unter den Füßen.

instagram.com/katjaruge


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2021. Das Magazin ist seit dem 29. April 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Uebel-Betreiber im Interview: Wie geht’s der Clubszene?

Unter strengen Auflagen fand im September das Reeperbahn Festival statt. Ob Maßnahmen wie Mitsing- und Tanzverbot oder Bestuhlung Vorbild für einen zukünftigen Clubbetrieb sind und wie man die Zeit im Lockdown nutzt, erzählt Uebel & Gefährlich-Betreiber Wolf von Waldenfels, dessen Club Teil des Festivals war

Text & Interview: Ole Masch

 

Der Begriff Urgestein mag im Musikjournalismus zuweilen recht inflationär gebraucht worden sein. Auf Wolf von Waldenfels trifft er mit Sicherheit zu. Seine Karriere als Clubbetreiber begann bereits 1986 mit dem Fun Club im Hinterzimmer der Kneipe Eimer in der Klopstockstraße. Es folgte der HipHop-Laden Powerhouse und später an gleicher Stelle das Cubic. 1997 dann die Gründung des legendären Technoclubs Phonodrome im Zirkusweg 20 auf St. Pauli. Nach dessen Umzug ans Nobistor und einer, mit dem Click, weiteren für die elektronische Szene prägenden Cluberöffnung, zog es von Waldenfels in den Bunker an der Feldstraße. Im Frühjahr 2006 eröffnete er hier zusammen mit Tino Hanekamp das Uebel & Gefährlich. Anfang März 2020 wurde pandemiebedingt der reguläre Betrieb bis heute eingestellt.

 

Wolf von Waldenfels im Interview

Uebel-Chef Wolf von Waldenfels

SZENE HAMBURG: Wolf, über ein halbes Jahr befindet sich die Clubszene bereits im Lockdown. Wie seid ihr rückblickend mit dieser Ausnahmesituation umgegangen? 

Wolf von Waldenfels: Natürlich hatte man erst mal Angst, aber wir haben uns sehr schnell dazu entschieden, den Club dichtzumachen. Noch bevor es eine offizielle Regelung der Behörden gab. Publikum war ohnehin schon kaum mehr da und im Grunde gab es gar keine andere Möglichkeit. Wer will schon Superspreader sein.

Wie ging es weiter?

Ziemlich Zack auf Zack. Es gab drei, vier Wochen eine gewisse Unsicherheit, aber dann wurde schon signalisiert, dass bestimmte Hilfen kommen. Und Mitte April haben wir das erste Mal Kurzarbeitergeld für unsere 19 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beantragt. Aber man wusste natürlich nicht, was noch kommt.

Zum Beispiel?

Wir hatten beispielsweise laufende Verbindlichkeiten, die noch bezahlt werden mussten. Klar war, dass wir nicht einfach komplett zumachen konnten, sondern irgendwie weitermachen mussten.

Wie sah das konkret aus?

Zum einen wollten wir die Leute weiter bedienen und sind vermehrt ins Streaming eingestiegen. In den ersten Monaten gab es fast jede Woche etwas von uns. An dieser Stelle will ich auch mal ein Lob an die Stadt Hamburg aussprechen. Dort hat man sich ziemlich schnell entschieden, relevante Clubs am Leben zu erhalten. Das heißt, dass wir 80 Prozent der Fixkosten bekommen und die Kulturbehörde auch noch etwas dazusteuert. Insofern ist es für uns ganz gut erträglich.

 

Ohne Unterstützung wäre es zur Schließung gekommen

 

Ans Aufhören hast du also nie gedacht?

(Zögert) Doch, schon. Aber dann ging es wie gesagt recht schnell mit den Hilfen. Leute aus der Politik haben angerufen und mitgeteilt, dass etwas gemacht wird und ich cool bleiben soll, weil nicht gewollt sei, dass die ganze Kultur den Bach runtergeht. Ich habe mich zum Glück nie allein gefühlt. Ohne diese Unterstützung wäre es aber sicher zur Schließung gekommen.

Wie sind die Hilfen begrenzt?

Zunächst bis zum Ende des Jahres. Ich glaube aber, dass es danach noch verlängert wird. Danke dafür.

Zahlreiche Veranstaltungen mit bereits verkauften Tickets wurden abgesagt. Haben viele Menschen ihr Geld zurückgefordert?

Nein, ganz und gar nicht. Das war alles nicht so ein großes Problem. Die Leute waren cool. Und unser Büro hat mächtig rotiert, um Termine zu verlegen. Die Tickets behalten ja ihre Gültigkeit.

 

„Wir sind in Hamburg ohnehin solidarisch“

 

Gab es auch unter den Clubs eine größere Solidarität?

Schon vor längerer Zeit wurde in Hamburg mal eine sehr gute Entscheidung getroffen. Damals rumorte es gewaltig wegen der immer größeren Kosten für die Elbphilharmonie. Es gab dann unter der Kultursenatorin Karin von Welck einen größeren Betrag für die Clublandschaft.

Das Geld wurde aber nicht einfach aufgeteilt, sondern mithilfe des Clubkombinats die Clubstiftung ins Leben gerufen. Sie greift immer dann unter die Arme, wenn ein Laden Probleme hat. Und das hat zu Corona-Zeiten natürlich auch funktioniert. Wir sind in Hamburg, trotz der Konkurrenz, also ohnehin solidarisch.

Klingt fast so, als hätte die Pandemie für euch kaum größere Probleme verursacht …

Finanziell und materiell kommen wir gerade so über die Runden, obwohl für die Mitarbeiter die Gehaltseinschnitte schon ein Problem sind. Aber das Fehlen von Aktivitäten ist natürlich absolut furchtbar und macht uns wahnsinnig.

Wir alle machen diese Arbeit sehr gerne, haben große Lust darauf und jetzt können wir sie nicht ausüben. Die Stimmung geht auf und ab wie bei einer Achterbahnfahrt. Und natürlich befürchte ich, wenn ein Impfstoff zum Beispiel erst Ende nächsten Jahres verfügbar wäre, dass das Geld irgendwann ausgeht.

Beim Reeperbahn Festival gab es unter hohen Auflagen erstmals wieder Konzerte bei euch. Wie war dein Eindruck. Wäre eine ähnliche Umsetzung für die Zukunft denkbar?

Nein, das Reeperbahn Festival war kein Beispiel dafür, wie es weitergehen kann. Klar sah der Saal toll aus, die Musik war laut und einige unserer freien Techniker konnten wieder arbeiten und Geld verdienen. Aber mit 80 Personen auf Stuhlreihen ist es nicht das Gleiche. Dies sind nur vorsichtige Schritte, um Erfahrungen zu sammeln, damit die Anzahl der Gäste irgendwann wieder steigen kann.

 

Eine Begrenzung auf 100 Leute rechnet sich nicht

 

In Niedersachsen sollen ab Oktober Clubs erneut öffnen dürfen. Mit maximal hundert Leuten, Maske beim Tanzen und Alkoholverbot ab 18 Uhr …

Das macht für uns keinen Sinn. Ich war zwar immer der Meinung, dass jedem Menschen eine Maske und vernünftige Schutzausrüstung zur Verfügung gestellt werden sollte, mit der man dann eventuell wieder feiern gehen könnte. Aber eine Begrenzung auf hundert Leute würde sich niemals rechnen.

Wie könnte es dann in Zukunft weitergehen?

Wir sind nach wie vor in einem Lernprozess. Man muss jetzt erst mal testen, ob sich bestimmte Maßnahmen positiv auswirken. Zum Beispiel planen wir ein neues Lüftungssystem, wofür der Staat ebenfalls Geld dazugibt.

Wenn wir trotz Lockerungen weiterhin Unterstützung erhalten, würden wir eine schrittweise Öffnung mit wenigen Gästen mitmachen. Vielleicht gäbe es dann eine Kombination aus Livestream und geringem Publikum vor Ort. Aber grundsätzlich glaube ich, dass, bevor es keinen Impfstoff gibt, wir nicht ohne Hilfen auskommen.

Zuletzt noch ein anderes Thema: Der Fortschritt der Baustelle des sogenannten Hilldegarden auf dem Bunkerdach wird täglich sichtbarer. Wie steht ihr zu dem Projekt?

Da sind wir hier im Team etwas gespalten. Da ich persönlich, und nicht das Uebel & Gefährlich, die dort geplante Veranstaltungshalle für 2200 Gäste betreiben werde, stehe ich dem Ganzen natürlich positiv gegenüber. Der Grund, warum ich mich hier beteilige, liegt ja gerade daran, dass man den Geschäftsleuten, die dort Geld verdienen wollen, nicht das Feld komplett alleine überlässt.

Dadurch, dass man mitarbeitet und Einfluss geltend machen kann, entstehen vielleicht doch wieder neue spannende Orte, die nicht nur dem Kommerz verschrieben sind. Alle können übrigens bei Hilldegarden Mitglied werden, Ideen einbringen und das Projekt mitgestalten.


Cover_SZ1020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2020. Das Magazin ist seit dem 27. September 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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